Auf der Schule.

[17] Allmählich war ich zum siebenjährigen Knaben herangewachsen. Vom Vater in strenger militärischer Zucht gehalten, wurde ich von der Mutter in keiner Weise verwöhnt. In zwischen war auch eine Veränderung in der Lage meiner Eltern insofern eingetreten, als der Vater von den weißen Ulanen nach dem langnamigen Elitekorps der Garde-Reserve- Armee-Gendarmerie versetzt wurde, worin er als erster Wachtmeister die Stelle des führenden Offiziers übernahm. Die Mannschaften, 24 an der Zahl, hatten den Rang von Wachtmeistern oder ältesten Unteroffizieren und die Brust jedes einzelnen schmückten Kriegsauszeichnungen von den Feldzügen gegen Napoleon I. her. Von fremdherrlichen Orden trugen die meisten die russische St. Anna-Medaille, die sie während der häufigen Besuche des allmächtigen Kaisers Nikolaus I. in Berlin empfangen hatten. Ich erwähne ausdrücklich den Namen dieses Fürsten, da ich ihm selber für die Weiterentwicklung meiner Erziehung bis zur Stunde das Gefühl höchster Dankbarkeit bewahrt habe.

Die Gendarmerie, der mein Vater bis zu seinem Lebensende als Führer angehörte, war einzig und allein für den Dienst in unmittelbarer Nähe des Königs Friedrich Wilhelm III. bestimmt. Täglich sandte mein Vater eine Ordonnanz[17] nach dem königlichen Palais, das später Kaiser Friedrich noch als Kronprinz bewohnte, nachdem das alte Gebäude von bescheiden bürgerlichem Aussehen erweitert und architektonisch ausgeschmückt worden war.

Sobald Kaiser Nikolaus I. in Berlin eintraf, und das geschah fast alljährlich, stieg er im alten königlichen Schlosse ab, und meinem Vater wurde regelmäßig die Auszeichnung zu teil, den Dienst als Ehrenordonnanz in dem Vorzimmer des Kaisers zu übernehmen. Er besaß eine außerordentliche Ähnlichkeit mit der Gestalt des Beherrschers aller Reußen, nur überragte ihn der kaiserliche Hüne um Kopfeslänge, und seine sympathischen Züge flößten dem Allgewaltigen ein ungewöhnliches Vertrauen zu seinem preußischen Ehrenwächter ein. Der Kaiser liebte es sich in deutscher Sprache mit ihm zu unterhalten und sich nach seiner Familie zu erkundigen. Eines Tages sprach er den Wunsch aus, Frau und Kind zu sehen, und Mutter und Sohn wurden ihm im Vorzimmer wirklich vorgestellt. Der Kaiser hob mich mit beiden Händen hoch und küßte mich mit den Worten: »Gott segne Dich mein Kind!« auf die Stirn. Noch heute schwebt mir seine Gestalt lebendig vor Augen.

Die Großmut des Zaren belohnte die wiederholten Dienste meines Vaters in wahrhaft kaiserlicher Weise. Es regnete förmlich wertvolle goldene Uhren und mit Brillanten besetzte Dosen, die letzteren nicht selten mit güldenen Dukaten angefüllt. Der kleine Schatz bildete ein festes Kapital, das stückweise versilbert wurde, wenn ungewöhnliche Ausgaben nötig waren, und dazu gehörten die wachsenden Kosten bei meinem Eintritt in die Schule und was sonst für meine weitere Erziehung und Ausbildung erforderlich war.

Ich begann meine Laufbahn in der Schule des alten Marggraff und hatte darin die ersten Leiden und Freuden[18] des abgeschlossenen Daseins außerhalb des elterlichen Hauses durchzuleben. Die Lehrer waren mit dem jugendlichen Rekruten im ganzen zufrieden und nur selten traf der harte Kantel meine ausgestreckten Finger oder der schlanke Rohrstock meinen Rücken. Ich besaß zu viel Ehrgefühl, um mich öffentlich vor dem versammelten Kriegsvolk abstrafen zu lassen, und war ebenso aufmerksam während des Schulunterrichts als arbeitsam im elterlichen Hause. Meine Zeugnisse schwankten zwischen I und II, und die Mehrzahl der Lobe schwächten den Eindruck der bösen Tadel ab.

Auf meine gute und schöne Handschrift legte mein gestrenger Herr Vater den höchsten Wert, da er mit Recht behauptete, daß sie die beste Empfehlung in der Welt sei und ein gut geschriebener Brief eine weit freundlichere Aufnahme fände als ein schnell hingeworfener, schwer lesbarer Wisch. Im alten Heinsius, einer Art von Briefsteller, mußte ich außerdem die Form und Anlage eines Briefstückes nach allen Regeln der Kunst privatim erlernen und mir z.B. die Unterschiede zwischen Wohlgeboren, Hochwohlgeboren, Hochedelgeboren u.s.w. bis zur höchsten und allerhöchsten Steigerung zu eigen machen, desgleichen die üblichen Anreden und Titulaturen genau einprägen, um vorkommenden Falles keine folgenschweren Irrtümer zu begeben.

Besuchte ich die Großeltern, die in der Markgrafenstraße 63 ihr bescheidenes Heim aufgeschlagen hatten, so ging dieselbe Qual von neuem an, denn der alte Herr setzte mich an den kleinen Tisch in der Ecke des linken Fensters, zog den Kasten mit den sauber geordneten Schreibmaterialien heraus und die Schreibübungen wurden in der gewohnten Weise fortgesetzt. Seufzte ich, wenn der Großvater auf ein paar Minuten verschwunden war, so steckte mir die liebe Großmutter einen Sechser in die Tasche und ich fuhr rüstig in[19] meiner Sklavenarbeit fort. Den, wie ich glaubte, redlich verdienten Obolos verwandte ich zum Ankauf nicht etwa von süßen Näschereien, sondern von Bilderbogen, die ich austuschte, um mir eine eigene Welt im kleinen zu schaffen.

Einen Hauptgenuß gewährte mir im großelterlichen Hause das Lesen der Haus- und Familienbibel, die mit zahlreichen Holzschnitten geschmückt war und vor meine entzückten Augen das Leben und die Werke der alten Bewohner im Morgenlande hinzauberten. Ich ward nicht müde, die Darstellungen bis in die kleinsten Einzelheiten zu verfolgen und selbst der Geist Gottes, den der Künstler in Gestalt eines greifen bärtigen Mannes mit fliegendem Gewande, der über den Wassern schwebte, dargestellt hatte, fesselte mich in ungewöhnlichem Maße.

Das ehrwürdige Buch der Bücher, in dessen Besitz ich mich noch heutigen Tages befinde, hatte es mir angethan, und ich schreibe ihm die erste Sehnsucht nach der Bekanntschaft mit den Völkern und Ländern des Ostens zu, die meinem ganzen späteren Leben eine so bestimmte Richtung gab. Dazu kam außerdem, daß die auf Veranlassung und auf Kosten einer evangelischen Missionsgesellschaft veröffentlichte Reisebeschreibung aus dem Orient nach der Schilderung eines Schneidergesellen Namens Borsum trotz oder vielleicht gerade wegen ihres einfachen kindlichen Stiles einen kaum glaubhaften Eindruck auf mich machte. Ich hätte die Schneiderei erlernt, wenn man mir die Aussicht auf eine ähnliche Reise eröffnet hätte. Von dieser Zeit an sparte ich mir alle Groschen und Sechser der Großmutter und der Tante Ramm zusammen, durchstöberte die in den Hausfluren einzelner Häuser in Berlin ausgestellten antiquarischen Bücher, erstand für billiges Geld eine deutsche Übersetzung des Herodot, die gleichfalls in das Deutsche übertragenen älteren Reisebeschreibungen von Pococke, Denon[20] und Norden und las darin bis in die Nacht hinein, um die Wunder des Morgenlandes nach den Erzählungen jener beneidenswerten Reisenden im vollsten Umfang zu erfassen. Was war mir Berlin und seine Wunder dagegen? Ich hätte die halbe Stadt für eine einzige thebanische Katakombe hingegeben.

Mein Eintritt in das französische Gymnasium, das sich damals hinter dem königlichen Palais befand, sollte verhängnisvoll für mein jugendliches Schicksal werden. Unter der Leitung seines damaligen ernsten, kalten Direktors, des Konsistorialrates Fournier stehend, erfreute sich das Gymnasium eines regen Besuches, an dem die Sprossen aus dem Schoße der französischen Kolonie in Berlin den Löwenanteil davon trugen. Ich wurde der letzten Klasse des Gymnasiums, der Septima, überwiesen und einem Ordinarius unterstellt, der sicherlich nicht schuld daran ist, daß ich heute noch im Lichte der Sonne einherwandele. Gedachter Ordinarius, ein Herr Kohlheim, vom Jahre 1848 her bekannt als eine der eifrigsten Stützen des »Treubundes«, hatte gemeinschaftlich mit meinem Vater als Soldat im Felde gedient und wieder angeknüpfte freundschaftliche Berührungen führten zu Besprechungen über den Gang meiner weiteren Studien. Er wußte meinen Vater davon zu überzeugen, daß nur die Ausbildung auf dem französischen Gymnasium mir eine gesicherte Zukunft eröffnen könnte, und so wanderte ich als achtjähriger Knabe in die Septima.

Wenn ich in dem kindlichen Glauben lebte, gerade in dem Freunde meines Vaters einen gütigen Ratgeber und Lehrer gewonnen zu haben, so hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In seinen harten, verkniffenen Zügen und in den stechenden Augen thronten weder Milde noch Wohlwollen, und sein Herz entbehrte aller jener Eigenschaften, die einen Schüler zum Lehrer heranziehen und diesen lieb gewinnen lassen. Mein[21] Ordinarius war ein Schultyrann ärgster Art und der Stock und Schläge mit der Hand in das Gesicht galten ihm als die einzigen Mittel, dem armen Jungen Achtung einzuflößen und zur Aufmerksamkeit und zur Arbeit zu ermuntern. Mein Vater hatte sicherlich Unrecht gehabt, mich vollständig der Gewalt dieses Mannes zu übergeben, und ich konnte nicht einmal zu Hause über erlittene Mißhandlungen klagen, ohne mich einer zweiten Auflage der Strafe auszusetzen. Des Vormittags erhielt ich meine Tracht Prügel, die Mittagszeit über wurde ich eingesperrt, ohne Nahrung zu erhalten, am Nachmittag drohte mir sonstwie mein grausamer Peiniger mit grausamen Strafen. Ohnmächtig der brutalen Behandlung gegenüber leistete ich, der achtjährige Knabe, mir selber einen heiligen Eid, in der Schule weder eine Zeile zu schreiben noch zu lernen und dem Unterrichte mit tauben Ohren zu folgen. Ich habe vier Jahre lang, auch später, nachdem ich das Gymnasium verlassen hatte, den Schwur gehalten und infolgedessen die tadelndsten Zensuren eingeerntet. In dem Septimaner-Ordinarius hatte ich überhaupt jeden Lehrer auf das gründlichste hassen gelernt.

Vor dem Beginn der Weihnachtsferien 1834 erhielt ich als der Letzte in der Klasse Septima das schlechteste Vierteljahrszeugnis mit Nummer IV, außerdem aber vom Herrn Ordinarius einen handgreiflichen Denkzettel so empfindlicher Art, daß mir das Blut vom Rücken lief und ich vor Ermattung umsank. Danach wurde die Klasse entlassen und ich zur Thür mit dem Fuße hinausgestoßen.

Das war zu viel für mich armen Jungen. In bitterer Kälte und bei fußhohem Schnee wanderte ich langsam durch die Straßen Berlins, schlug den Weg nach Schöneberg ein in der Absicht, nach Magdeburg zu entfliehen und einen dort lebenden Onkel mütterlicherseits um Barmherzigkeit und Obdach[22] zu bitten. Um 3 Uhr nachmittags, kurz vor dem Weihnachtsfeste, war ich von Berlin aus aufgebrochen; als ich Schöneberg erreichte, herrschte bereits finstere Nacht. Ich besaß kein Geld zum Ankauf von Speisen, um den eingetretenen Hunger zu stillen und eisige Kälte durchbebte meine zitternden Glieder. Aber weiter zog ich durch Schnee und Kälte mitten durch eine düstere Heide, bis ich etwa gegen 10 Uhr nachts Lichter erblickte und meinen Weg in die Richtung nach diesen nahm. Ich stieß auf eine Schenke, in der sich Fuhrleute und Bauern mit lautester Stimme mit einander unterhielten. Mich fürchtend setzte ich meine schlotternden Beine wieder in Bewegung, um meine Reise fortzusetzen. Ich wankte die Fahrstraße entlang, sank plötzlich wie tot um, und mein erstarrter Körper lag begraben im Schnee.

Was weiter mit mir geschehen war, weiß ich selber nicht zu sagen. Nur dessen erinnere ich mich, daß Bauern oder Knechte, die des Weges kamen, mich zufällig entdeckten, aufhoben und auf ihren Wagen legten, um mich in die Schenke zu tragen, zu erwärmen und durch Speise und Trank zu erquicken. Ich wurde schließlich meinen tief bekümmerten Eltern überliefert und verfiel bald darauf in eine schwere Krankheit, die mich lange Wochen an das Bett fesselte.

Mein Peiniger, dem die Kunde von dem Geschehenen mitgeteilt wurde, fühlte so wenig Bedauern darüber, daß er meinem Vater mit der Hand auf die Schulter klopfte und mit seinem satanischen Lächeln die Worte hinzufügte »Glaube mir, Dein Junge wird einst den Galgen zieren

Das war der liebenswürdige Lehrer, dem während einer Reihe von Jahren das Schicksal der Jugend und die Bildung zarter Seelen anvertraut war. Seine eigene Strafe sollte ihm indes nicht fehlen. Der Vater eines Septimaners, der nach gewohnter, von mir beschriebenen Weise von dem sauberen[23] Ordinarius unsäglich gemißhandelt worden war, führte an höherer und höchster Stelle Beschwerde, und Herr K. erhielt neben einer wohlverdienten amtlichen Rüge seine Entlassung aus dem Lehrerstande.

Mein Vater, dem die militärische Disziplin in das Fleisch und Blut übergegangen war, fühlte sich nicht berechtigt, eine Klage zu führen, deren Ausgang ihm zweifelhaft erschienen wäre. Außerdem hatte er mich meinem Peiniger bedingungslos übergeben in dem guten Glauben, daß er als ehemaliger Kriegskamerad das vollste Vertrauen verdiene.

Zum Glück für die Erziehung der Jugend, besonders in unserer Gegenwart, sind derartige Beispiele barbarischer Lehrer kaum mehr denkbar oder sie würden sofort von behördlicher Seite ausgemerzt werden.

Der Ingrimm, den ich gegen das gesamte Lehrertum gefaßt hatte, sollte lange nicht zur Ruhe kommen. Ich wurde aus dem Gymnasium herausgenommen und in eine Bürgerschule in der Jägerstraße gesteckt, wel che damals unter Leitung ihres Dirigenten Gericke im Flor stand. Was kümmerten mich aber Schule und Lehrer? Ich las dafür die griechischen Klassiker in deutschen Übersetzungen, vertiefte mich in Reisebeschreibungen und Schilderungen des Morgenlandes, ohne meine regelmäßigen kalligraphischen Übungen unter den Augen meines Vaters und Großvaters zu vernachlässigen. Alle Welt war über meine meisterhafte Handschrift erstaunt und sie verschaffte mir die Ehre, meinem Vater treue Dienste als Abschreiber seiner militärischen Berichte zu leisten.

Es ging oft scharf her, besonders um die Zeit gegen Neujahr; da handelte es sich um die Abfertigung der Nationale des aus 24 Mann bestehenden Kommandos der Königsgendarmerie und ihres Pferdebestandes, die tabellenartig angelegt werden mußten und eine Masse von Angaben enthielten, die[24] einen erklecklichen Vorrat von Linien und von Worten erforderten. Die Listen mußten in viermaliger Abschrift ausgeführt werden, und das erste Exemplar wurde dem König vorgelegt. Es war ein Triumph für meinen Vater, wenn selbst an höchster Stelle die Schönheit der Handschrift gerühmt wurde, aber über das schmeichelhafte Lob aus dem Munde meines Erzeugers konnte ich das eingesogene Gift des Hasses gegen die gesamte Lehrerschaft nicht los werden.

Quelle:
Brugsch, Heinrich Ferdinand Karl: Mein Leben und mein Wandern. Zweite Auflage, Berlin 1894, S. 17-25.
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