Mein Leben unter den Arabern.

[179] Mein Leben unter den ägyptischen Arabern und Kopten lehrte mich zum erstenmale die Eigenschaften und die Sitten und Gewohnheiten eines Volksstammes genauer kennen, der trotz der Einwanderung fremder Elemente, trotz der Vermischung mit diesen und trotz der Verschiedenheiten auf dem religiösen Gebiete im Laufe von Jahrtausenden dennoch die Erbeigentümlichkeiten der altägyptischen Rasse im vollsten Umfange treu bewahrt hat. Ägypten läßt in seinen Bewohnern das Fremde eben nicht aufkommen; es wird erstickt oder geht in der Allgemeinheit in physischem und in moralischem Sinne auf. Unvermischt gebliebene europäische Familien dürften kaum drei oder vier Geschlechtsalter überdauern, denn ihr jüngstes und letztes krankt wie eine nordische Pflanze auf südlicher Erde dahin. Die Nachkommenschaft dagegen, die aus europäischen Mischehen mit Eingeborenen entsprungen ist, nimmt nach den beiden angedeuteten Richtungen hin alle Charaktere des echt Ägyptischen an und verliert damit die Eigentümlichkeiten des Europäertums. Die Kinder aus solchen Ehen sprechen, denken und handeln arabisch-ägyptisch und zeigen außerdem nicht die geringste Neigung zu europäischem Wesen. Ich kann diese Erfahrung an vielen mir bekannt gewordenen Mischehen aus eigener Prüfung bezeugen.

Der Ägypter läßt äußerst bemerkenswerte Unterschiede in seinen Anlagen je nach Jugend und Alter erkennen. Als Kind etwa bis zum vierzehnten Lebensjahre hin ist er wild, aufgeräumt, von lebendigster Heiterkeit, voller Witz und Verstand und fähig, durch angemessenen Unterricht den höchsten Bildungsgrad zu erreichen. Mit den zunehmenden Jahren treten die entgegengesetzten Eigenschaften ein, wie ich glaube, infolge seiner strengen religiösen Erziehung unter der Leitung fanatischer[179] und nach unseren Begriffen ungebildeter Geistlichen. Es bedurfte erst einer weisen Vermahnung des verstorbenen frommen Khedive Mohammed Tewfik an die gegenwärtige Generation der Lehrer des Islam, um sie daran zu erinnern, daß die Strengglänbigseit keineswegs das Streben nach weltlichem Wissen ausschließe und daß im Gegenteil Gott dem Menschen den Verstand dazu verliehen habe, nicht bloß um an die göttlichen Lehren zu glauben, sondern um die himmlischen und irdischen Dinge von wissenschaftlichem Standpunkte aus zu prüfen und auch die Allmacht Allahs in der Herrlichkeit seiner Schöpfung bewundern und ihren unsichtbaren Urheber verehren zu lernen. Freilich muß zugegeben werden, daß das kritische Urteil des Ägypters nicht über das Mittelmäßige hinausgeht und die Liebe zur Wahrheit in der wissenschaftlichen Forschung wie im Leben bedenkliche Widersprüche erkennen läßt. Im ganzen sind und bleiben die Ägypter große Kinder, mit denen man gut auskommt, sobald man keine höheren Ausprüche an sie richtet, wie sie dem Europäer durch die Erziehung in Schule und Haus geworden sind.

Meinen ersten Unterricht in der arabischen Sprache gen oß ich auf besondere Empfehlung eines hochstehenden Eingeborenen durch einen sogenannten Schech, der bei dem Volke im Rufe besonderer Heiligkeit stand, nachdem er sechzehn Glaslampen aufgefressen hatte, ohne an seinem Leibe Schaden genommen zu haben. Freilich gab diese außerordentliche Leistung den Grund ab, daß die Oberen eines Derwischordens, dem er als Mitglied angehörte, ihn wegen wiederholter Lampenvergeudung aus ihrem Bunde ausstießen. Schech Ahmed, wie er hieß, war ein Sechziger, auf dem einen Auge blind, auf dem andern nur halbsehend, geschwätzig wie eine Drossel, lächerlich in seiner ganzen Erscheinung und in seinem Gebahren, dabei ein Ausbund in der Schule des ehelichen Daseins, denn er hatte im[180] Laufe der Zeit siebzig Frauen geheiratet, ohne mit einer gewünschten Nachkommenschaft beschenkt zu werden. Als ich ihn, den Weisen von Kairo, als Lehrer bei mir einziehen sah, stand der alte Schäker auf dem Punkte, eine 71. Ehe mit einer jungen 15jährigen Jungfrau einzugehen.

Ich konnte ihn nie ansehen, ohne daß mich die Lachlust gepackt hätte, denn er besaß die drolligste Methode, mich in die feinere arabische Konversation und den schriftlichen Stil einzuweihen. Kam er zu mir, so blieb er zunächst in der geöffneten Thür stehen und richtete mit feierlicher Stimme einen langen Gruß an mich. War er auf meine Aufforderung näher getreten, so entledigte er sich seiner gelben Pantoffeln und setzte sich gravitätisch mit untergeschlagenen Beinen neben mich auf den Divan. Nachdem ihm der Diener Kaffee und Pfeife gereicht hatte, entspann sich die sein arabisch geführte Unterhaltung, von der eine einzige Probe an dieser Stelle genügen mag.

»O Herr«, so fing er eines Tages an das Wort zu ergreifen, »bist Du im Besitz von Geld?«

»Nein«, entgegnete ich ihm.

»Sage ja!« versetzte er.

»Warum ja?«

»Es ist nur der sprachlichen Unterhaltung wegen, also sage: ja!«

»Gut dann. Ich besitze Geld.«

»Wieviel besitzst Du davon?«

»Ich habe ja kein Geld.«

»Sage: Ich besitze so und so viel, z.B. einen Thaler.«

»Meinetwegen. Ich besitze einen Thaler.«

»Wo hast Du ihn stecken?«

»Ich besitze ja überhaupt kein Geld.«[181]

»Gut. Hast Du kleines Geld bei Dir?«

»Ja.«

»Zeige es mir und zähle es ab.«

»Ja, aber weshalb denn?«

»Nur der arabischen Unterhaltung wegen.«

Ich zog zwei Fünfpiasterstücke aus meinem Geldbeutel.

»Lege sie in meine Hand.«

»Weshalb denn das wieder?«

»Nur des arabischen Stiles wegen.«

Ich legte die Geldstücke in seine rechte Hand mit den Worten:

»Hier sind sie.«

»Gut! So es Gott gefällt, setzen wir ein anderes Mal unsere Unterhaltung fort.« Damit steckte der sonderbare Heilige das Geld in seine Busentasche, erhob sich und ich habe meine zehn Piaster nie wieder gesehen. Schech Achmed benahm sich nach der Weise seiner Landsleute wie ein großes Kind, dem eine berechnete Schlauheit nicht abgeht.

Um mich zu einem arabischen Schriftgelehrten zu machen, diktierte er mir eines Tages einen Brief in die Feder. Er führte das von mir beschriebene Blatt dicht an sein halb sehendes Auge, las und fand auch nicht einen Fehler in meinem Scriptum. Und doch war ich mir dessen genau bewußt, ein paar Wörter nur nach dem Gehör und irrtümlich geschrieben zu haben. Ich neigte mich zu ihm hinüber, um auf sie im Texte seine Aufmerksamkeit zu lenken, als ich zu meinem Erstaunen die Entdeckung machte, daß er das Blatt verkehrt in der Hand unter das Auge hielt.

»Ich glaube, o Schech, Du kannst nicht einmal lesen?« bemerkte ich ihm.

»O mein Sohn«, rief er aus, »Du bist im Recht, denn ich weiß weder zu lesen noch zu schreiben. Aber Gott ist barmherzig und der Allerbarmer wird mir weiter helfen.«[182]

Ich kündigte ihm natürlich sofort die Lehrerstellung und er verschwand unter tiefen Bücklingen, um niemals später meine Schwelle zu überschreiten.

In den beiden Jahren 1853 und 1854 meines Aufenthaltes in Ägypten, wovon die größere Hälfte auf das oberägyptische Denkmälergebiet fiel, habe ich in stetem Verkehr mit den Söhnen des Landes gelebt, ihre wenigen Tugenden und ihre zahlreichen Schwächen fast täglich kosten gelernt und mich selber an die Hauptbedingung für den Umgang mit ihnen gewöhnt, nämlich selbst bei den schlimmsten Erfahrungen nie meine Ruhe aufzugeben und, wie die Mehrzahl der Europäer es zu thun pflegen, durch meine Äußerungen und mein Gebahren eine heftig erregte Stimmung zu zeigen. Das Gegenteil macht ihnen eine Art von Vergnügen und alt und jung eilt schreiend und jubelnd herbei, um den »Vater des Hutes« in seinem Zorn zu belachen. Wir Europäer erscheinen ihnen in solchen Fällen wie eine besondere Art von Hanswürsten.

Diejenigen, die in meinen Diensten standen, bewiesen sich als anhängliche Leute, wenn sie mich auch hier und da um einen halben oder ganzen Piaster bei ihren Einkäufen übervorteilten. Ich war mir vollkommen dessen bewußt und drückte lieber ein Auge zu, da selbst in Europa ähnliche Erscheinungen bei der dienenden Klasse nicht zu den Seltenheiten gehören sollen.

Quelle:
Brugsch, Heinrich Ferdinand Karl: Mein Leben und mein Wandern. Zweite Auflage, Berlin 1894, S. 179-183.
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