III. Die Redekunst

[302] Von der Sophistik zweigt die Redekunst ab, eine Erscheinung, die wir kurz im Zusammenhange betrachten wollen, ehe wir uns wieder den Philosophen zuwenden. Auch hier müssen wir vor allem an die enorme Kraft und Gefügigkeit der griechischen Sprache für die Verdeutlichung alles dessen, was man andern zu sagen und beizubringen hat, erinnern, die hierin z.B. zum Hebräischen in einem so sprechenden Gegensatze steht, und ferner an das große Fördernis, das die Beredsamkeit an der Fülle von Anlässen im täglichen, örtlichen, kriegerischen Leben hatte.

Hier fehlen uns die Parallelen. Wir wissen nicht, wieweit auch Phöniziern und Karthagern die Zunge gelöst gewesen, auch nichts von der Sprachgewalt der alten Germanen und derjenigen der Völkerwanderung, welche noch über den vollen Wohllaut des Deutschen (oder der deutschen Dialekte) verfügt haben müssen; die mittelhochdeutschen Dichter geben uns in Gesprächen und Reden keine sonderliche Anschauung mehr davon. Wieweit die buddhistische Predigt ein Analogon des griechischen Redens ist, mögen Kenner ermessen.

Dagegen ist uns Homer erhalten. Die Reden seiner Götter und Menschen haben die Form einer höchsten natürlichen Kraft und Schönheit und sind doch wohl am Ende nur denkbar bei einer schon großen willentlichen Ausbildung in der Polis. Das heißt: es gab schon damals ein Medium, wo auf Erreichung von Zwecken durch Rede und Gegenrede alles ankam, und ein mächtiger Agon hiefür in vollem Gange war, und dieser mag es gewesen sein, welcher die Menschen zwang, sich über die Mittel des Redesieges die frühste Rechenschaft zu geben68.

Mit der vollen Ausbildung der Polis zur Demokratie, als Volksversammlung und Volksgericht die Schicksale entschieden, mußte dann die Rede alles und die jetzt plötzlich zum Gegenstand methodischer Lehre gewordene Redekunst eine Sache der größten Anstrengung werden,[302] die man bald im ganzen griechischen Leben als großes Hauptelement pflegte, und hier ist nun die Stelle für diejenige Parallele, wodurch das vollständigste Licht auf die Sache fällt, nämlich für die mit der modernen Presse. Freilich war die Wirkung der griechischen Rede an die Stelle und an die Person und – trotz aller zeitweiligen Vorbereitung – an den Moment gebunden und duldete so gut wie keine Übertragung in die Ferne; einer mußte dastehen und jetzt und in Gegenwart oft von unzähligen Zuhörern; er mußte bei einer bestimmten Sache bleiben, um deretwillen er und seine Gegner dawaren; vom Stimmungmachen pro und contra in die Ferne und aus der Ferne, vom Aufregen weit entlegener Massen, ja entfernter Völker war keine Rede, überhaupt nicht von einem unsichtbaren allgemeinen Druck von außen, wie ihn die Presse übt. Aber gleichwohl entspricht bei den Hellenen nichts so sehr der Macht unserer Presse wie die Macht ihrer gesprochenen Rede. Wir mögen uns wohl einmal die müßige Frage stellen, wie es gegangen wäre, wenn die alten Athener plötzlich nur noch hätten Zeitungen lesen müssen, anstatt Reden zu hören.

Eine große Hauptsache ist nun freilich von Anfang an zu konstatieren: Ganz gewiß ist die Redekunst mit dem Betrieb, in den sie gesetzt wurde, eine Konkurrenz des Denkens, Wissens und Forschens gewesen. Sie nahm von den Kräften der ganzen spätern Nation eine so gewaltige Quote in Anspruch, daß die eigentliche Forschung darunter hat leiden müssen. Wenn man die Masse von Mühe sieht, die darauf verwendet wurde, und die Menge von Handbüchern der Rhetorik bedenkt, die geschrieben wurden, so drängt sich diese Einsicht auf. Auch die Philosophen mögen sich von Anfang an der Konkurrenz bewußt gewesen sein, und das klügste war dann, wenn sie mithielten, wie Aristoteles, welcher der Rhetorik einen großen Teil seines kostbaren Daseins gewidmet hat und ihr größter Ergründer wurde. Übrigens hat ja auch die Philosophie als Spekulation die exakte Forschung zurückgehalten. Aber trösten wir uns darüber! Nur die Verluste der Kunst und Poesie sind unersetzlich; was die Forschung betrifft, so werden spätere Zeiten einholen, was frühere versäumt haben.

Die Quellen nun, die uns für die Betrachtung des gewaltigen Phänomens zu Gebote stehen, sind vor allem die erhaltenen Reden selbst. Sodann ist, was die Entwicklungsgeschichte der Beredsamkeit betrifft, der wichtigste Gewährsmann Cicero im Brutus und im Orator; derselbe hat aus guten Quellen und aus seiner eigenen griechischen Schule genaue Kunde gehabt. Von den Lehrgebäuden (τέχναι), deren es Hunderte gegeben hat, da fast jeder Philosoph eines hinterließ, haben wir vor allem die Rhetorik des Aristoteles und die Rhetorica ad Alexandrum übrig, als deren Verfasser fast einstimmig Anaximenes von Lampsakos angenommen[303] wird; eine kleinere Techne haben wir sodann von Dionys von Halikarnaß, von dem auch die Schrift de oratoribus antiquis und anderes wichtig ist. Ferner ist auf die von Walz und von Spengel herausgegebenen Rhetores Graeci zu verweisen. Eine moderne Darstellung, in der das gesamte Material verarbeitet ist, ist »die attische Beredsamkeit« von F. Blaß.


Das Ziel dieser künstlerisch ausgebildeten Beredsamkeit, die es mit einem des Lesens noch wenig gewöhnten, aber durch seine Gewöhnung an Volksversammlung und Gericht (ἐκκλησιάζειν καὶ δικάζειν) sehr hörbegierig gewordenen Volke zu tun hat, ist das Geltendmachen des Plausibeln (εἰκός). Dies Plausibelmachen regiert freilich bis heute, insofern man ja nur damit die Hörer überzeugen kann; die griechische Unbefangenheit aber erlaubte sich, um die Sachen so darzustellen, daß sie ergriffen, gar alle Mittel: um sich zu retten und den Gegner zu verderben, durfte man beim vollen, auch beim Hörer vorausgesetzten Bewußtsein des Unrechts geradezu alles. Konnte man sich dann noch, wie die Sophisten es vorschrieben, die hohe Eigenschaft des Bezauberns (ϑέλγειν) aneignen, desto besser. Die Griechen, die ein feines Ohr hatten69 und dankbar für schöne Redaktion und Rezitation waren, haben sich darauf eingerichtet. Ein kostbares Geständnis bei Aristophanes70 lautet: »durch Reden wird der Geist beschwingt und der Mensch gehoben«; am allersprechendsten aber zeigt uns diese Macht des Redegeistes eine Anekdote aus dem Leben des Antiphon71: Dieser soll in Korinth, wo er sich offenbar als Verbannter aufhielt, eine Trostbude eröffnet haben mit der Aufschrift: er könne die Betrübten durch Reden heilen. Wenn die Leute dann kamen, horchte er sie aus, wo es ihnen fehlte, und redete ihnen dann durch seine trauerstillenden Vorträge das Unglück aus. Dies würde zum stärksten gehören, was menschliche Rede sich zugetraut. Man frage sich, wem in unserer Zeit ein solcher Gedanke kommen könnte.

Nun hatte, wie schon gesagt, bei den Griechen gewiß von jeher das Wort mehr als bei andern Völkern gegolten, und in Staatssachen sowie vor Gericht gab es auch von jeher Wirkungen von höchstem Rang, welche die größte Bewunderung fanden72; mit andern Worten: eine[304] Redekunst, d.h. ein sehr bewußtes Bemühen gab es von frühe an, längst ehe eine methodische Redekunst mit Regeln existierte73. Nur erlosch mit dem Andenken an den einzelnen Fall auch das Andenken an die Rede; man dachte nicht daran, dergleichen zu fixieren. Erst an die Entwicklung des demokratischen Gerichtswesens und den habituellen Anlaß zum Reden, den dieses bot, konnte sich eine systematische und theoretische Kunst schließen, und dies soll nach übereinstimmender Aussage zuerst in Sizilien geschehen sein, als nach Vertreibung der Tyrannen (466 v. Chr.) beim Aufschwunge der Demokratie »eine Menge privatrechtlicher Forderungen geltend gemacht wurde, welche durch Gewalt seit langer Zeit zurückgedrängt waren«74.

Wieweit als Erfinder dieser neuen Redekunst der Philosoph Empedokles in Betracht kommen kann75, lassen wir dahingestellt; sicher war in dieser Zeit Korax von Syrakus, der schon bei Hieron viel gegolten, als Volksredner und Anwalt vor Gericht angesehen; von ihm stammte die frühste »rhetorische Techne« oder »Techne« schlechthin, die wenigstens eine Lehre von der Form und Einteilung der Reden, Nachweisungen über Proömien und dergleichen enthielt. Schon bei ihm wie bei seinem Schüler und Rivalen Tisias, welcher gleichfalls eine Techne verfaßt hat, wird die starke Betonung des »Wahrscheinlichen« (εἰκός) hervorgehoben76. Und nun wird die sizilische Beredsamkeit durch eben diesen Tisias und durch[305] den bereits unter den Sophisten erwähnten Gorgias von Leontini bei Gelegenheit einer Gesandtschaft sizilischer Städte 427 v. Chr. nach Athen gebracht, zugleich aber mit ihr als Grundlage eine Philosophie, und zwar, wie wir oben gesehen, eine negative, welche die Erkennbarkeit der Wahrheit leugnet. Von Gorgias an, dem bereits Protagoras durch seine Dialektik vorgearbeitet hatte77, ist die Redekunst längere Zeit ein Hauptgegenstand der Sophisten, und Gorgias selbst nannte sich schon Rhetor. Er führte, wie alle diese Männer, ein unstetes Wanderleben und trug damit die methodische Beredsamkeit in die verschiedensten Gegenden; Lehrer derselben zu sein, wurde mit ihm sofort ein Beruf, der, weil man sich bewußt war, in dieser Schule etwas zu gewinnen, hohe Honorare einbrachte.

Nun soll Gorgias, der jedenfalls ein Mann von Geist78 war, poetische Ausdrücke und neue Wortkompositionen auch im Mißverhältnis zu der Gewöhnlichkeit des Inhaltes gebraucht haben79. Ein sehr echter Fortschritt war doch sicher, daß er, um den Rhythmus der Poesie auch in die Rede einzuführen, den Sätzen einen symmetrischen Bau gab, wodurch[306] ihre Teile den Eindruck paralleler, entsprechender Glieder machten; abgesehen von allem Wohllaut mußte dies schon für die bloße Verdeutlichung des Gesagten von Wert sein. Er liebte es, die Gegensätze des Gedankens im allgemeinen durch Parallelismus aller einzelnen Teile hervortreten zu lassen, und dazu dienten die gleich langen, die einander in der Form entsprechenden und besonders die gleich auslaufenden Sätze (ἰσόκωλα, πάρισα, ὁμοιοτέλευτα) und die gleichtönenden, beinahe reimenden Worte (παρονομασίαι, παρηχήσεις)80, wozu eine lebhafte Deklamation und Gestikulation kam.

Von Gorgias an muß sich das Niveau der Beredsamkeit in Athen rasch gehoben haben, aber freilich zunächst auch nur hier81, wo der Boden durch die frühern Staatsmänner am besten bereitet war; denn hier kam es ihr zustatten, daß es seit den Perserkriegen eine große griechische Politik und zwei große Hegemonien gab. Wenn durch diese auch die Redner nicht größer geworden wären, so wären doch die Interessen viel wichtiger geworden, welche in ihren Reden vorkamen. Aller Vermutung nach muß aber schon Themistokles als Redner groß gewesen sein. Von den magischen Wirkungen (ἐπῳδαί) des Perikles und davon, wie er als Olympier donnern und blitzen und Hellas durcheinander rühren konnte, oder auch, wie eine Göttin der Beredsamkeit auf seinen Lippen thronte und er den Stachel in den Seelen der Hörer zurückließ, erzählen alte Quellen82. Schriftlich vorhanden war außer den Psephismen freilich nichts von ihm; denn, wie Plato83 sagt, schämten sich damals die mächtigsten Männer noch, Reden zu schreiben und Schriften von sich zu hinterlassen. Auch seine Reden bei Thukydides spiegeln wohl seinen Geist, aber nicht seine spezielle Art von Beredsamkeit. Dagegen wissen wir von[307] seinem Ausdrucke, daß er poetische Bilder gebrauchte, die z.T. berühmt wurden, daß ihm aber anderseits die leidenschaftlichen Formen der Rede, wie sie Demosthenes hat, noch fehlten; auch stand er regungslos, im Mantel eingehüllt, da, und die Stimme behielt stets gleiche Höhe und Tiefe84.


Wahrscheinlich sprachen damals auch die gerichtlichen Redner noch einfach. Aber nun vollzog sich in dem Zeitraum von einigen dreißig Jahren, die seit der Ankunft des Gorgias in Athen verflossen, die Hauptentwicklung. Hatte dieser den künstlerischen Stil für prosaische Rede gebracht, ohne denselben praktisch für politische oder gerichtliche Zwecke zu verwenden, so bildeten sich jetzt in Athen selbst wenig später aus der gleichfalls eingeführten Rhetorik des Tisias und der Dialektik der östlichen Sophisten die den Prozessierenden dienende Redenschreiberei (Logographie), deren erster, noch altertümlicher, aber bereits bewußt einen künstlerischen Stil handhabender Vertreter Antiphon ist. Weiter bildete der Redner Thrasymachos den der praktischen Rede angemessenen Stil, indem er an die Stelle von Gorgias' Prunk und Antiphons steifer Würde die gerundete Periode und den gebildeten Ausdruck setzt. Mitten in dieser Bewegung stehen Männer wie Kritias und Andokides, die selbst keine Sophisten sind und nichts Neues schaffen, sondern uns nur das im allgemeinen gewonnene Resultat aufweisen. Endlich geht Lysias, der zweite große Logograph, noch weiter als Thrasymachos und wendet ganz den Ausdruck des gemeinen Lebens an, indem er auch die Periode und den Figurenschmuck zwar kennt, aber nicht überall anwendet. Und schon konnte neben allen diesen Richtungen auch eine neue, wie die des Isokrates, entstehen85.

Die wachsende Herrschaft der Rhetorik aber ist zumal aus der Tragödie erweislich. Während der Prozeß in den äschyleischen Eumeniden sich noch in einfacher Rede und Gegenrede abwickelt und die Gegner in den Streitszenen des sophokleischen Aias und der Antigone hauptsächlich noch allgemeine Sätze und Gnomen vorbringen, sind bei Euripides Redekämpfe ohne alle poetische Notwendigkeit, bloß um ihrer selbst willen Mode86, und der Dichter ist bisweilen Rhetor. Und wenn[308] daneben die Komödie sich als die blutige Feindin und Parodistin der Rhetorik gibt, so ist dies so sehr ernst nicht zu nehmen. Auch eine Anzahl von Stücken des Aristophanes gehen, wie wir gesehen haben, in Prozesse aus, die für uns langweilig sind, den Athenern aber kurzweilig vorkamen87.

Vor allem bekam die Staatsrede bald einen andern Charakter. Im Gegensatz zur Ruhe des Perikles oder auch eines Antiphon, lief Kleon auf der Rednerbühne schon mit wildem Affekt hin und her, warf den Mantel zur Seite und schlug sich auf die Hüfte88. Bald hat man es dann mit den gewerbsmäßigen Rednern (ῥήτορες) in der Volksversammlung zu tun, die ihre Beredsamkeit zur Einbringung und Unterstützung von Anträgen, wie man es verlangt, bereitwillig hergeben. Sie sind von der übelsten Reputation89, aber jetzt notwendig geschult; denn wer nicht beredt ist, dem kann es nicht einmal einfallen, sich mit den öffentlichen Dingen zu beschäftigen90. Mit welchem Eifer man in diesen Kreisen der neuen sophistischen Kunst entgegenkam, lehrt schon die eine Fiktion des Aristophanes, wonach ein verrufenes Individuum wie Hyperbolos, das bereits als Staatsmann Geld verdient, noch bei teuern Sophisten Unterricht nimmt91.

Inzwischen sorgte, wie gesagt, neben der politischen Beredsamkeit (γένος συμβουλευτικόν) für die Entwicklung der Beredsamkeit besonders das attische Richterwesen. Für das gerichtliche Genre (γένος δικανικόν) ist entscheidend, daß nicht, wie in den Oligarchien, der Beamte oder ein kleines, auserlesenes Kollegium zu richten hatte, welches durch künstliche Überredung gewinnen zu wollen wenig nützen würde, sondern große Gerichtshöfe, die aus dem Volke gebildet waren und sich ebensogut von einem geistig überlegenen Manne leiten ließen wie dieses selbst in der Volksversammlung. Vor diesem Volksgericht (der Heliäa) rang man um eigene Straflosigkeit und Zernichtung des Gegners. Advokaten waren nicht gestattet, wohl aber Fürsprecher (συνήγοροι), welche als Freunde passieren mußten und auch bisweilen vom Staat oder von der Phyle des Angeklagten gestellt wurden, oft aber identisch mit den gewerbsmäßigen Anklägern und den berüchtigten Rhetores der Volksversammlung waren, und diese Sitte war wiederum die Vorstufe für das oben erwähnte Redenschreiben92.

[309] Da nämlich in Privatsachen die beteiligten Parteien doch immer selbst reden mußten und auch in öffentlichen Prozessen zwar jeder Athener klagen, aber beim Fehlen der Advokatur auch der fremder Hilfe benötigte Angeklagte keinen andern für sich eintreten lassen konnte, trat der Redenschreiber (λογογράφος) in die Lücke, indem er für die Parteien schriftlich Reden verfaßte, die diese auswendig lernten und vor Gericht vortrugen. Wahrscheinlich war dies überhaupt der erste Anlaß zum Aufschreiben von Reden, und zwar tat dies erweislich zuerst Antiphon (geb. um 480 v. Chr.), der keine Reden vor dem Volke hielt, noch auch sich freiwillig in einen Gerichtskampf einließ, aber besser als irgend jemand zu Athen imstande war, diejenigen, welche im Gerichte oder vor dem Volke einen Kampf zu bestehen hatten, durch seine Ratschläge zu unterstützen93. Auch eine Techne gab es von ihm, und von den Übungsreden für fingierte Fälle, die er verfaßte, sind noch zwölf vorhanden. Eine schwierige Sache für diejenigen Prozessierenden, die nicht selbst beredt waren, mochten bei diesem System des Auswendiglernens allerdings die Repliken und Dupliken sein, weil diese nicht mit Sicherheit vorbereitet werden und die Heliasten den Abstand übel vermerken konnten. Mag es hiemit aber gehalten worden sein, wie es will94, sicher erstieg diese Kunst bald eine Höhe, die Staunen erregt, und es entstand jene Literatur einziger Art, die Ströme Lichts auf das ganze damalige athenische Dasein wirft. Und wie bezeichnend ist es, daß gerichtliche Reden einer Stadt des kleinen Griechenvolkes in sich interessant sein und zu Hunderten gesammelt werden konnten, während uns alle Gerichtshändel des alten Orients indifferent sind. Auch hier redet eben ein spezifisches Leben zu uns.

Gleichwohl ist die große und kunstvolle Ausbildung der gerichtlichen Rede, als deren wichtigster Vertreter Lysias dasteht, ein Hauptbeweis des ungesunden öffentlichen Zustandes. In unsern Zeiten wäre der Geist der Schikane und Trölerei an sich so mächtig als damals in Athen; aber das Geschäft und seine innern Bedingungen, der Wert der Zeit als Arbeitszeit und der Wille aller Gerichte, so wenig als möglich zu sitzen, bilden das stärkste Gegengewicht. Hier aber galt es, eine Heliäa, die in ihrem Übermut und ihrer Langenweile nicht wo hinaus wußte, zu beschäftigen. Wenn nun gleich bei Lysias das audiatur et altera pars uns nicht gegönnt ist, so sieht man doch ganz unwiderleglich, wieviel infame Sykophantie und krankhaft entwickelte Schikane bei den Prozessen im Spiele war. Der Heliast im großen und ganzen liebte eben doch den[310] Sykophanten, und der Redenschreiber anderseits wird nur zu oft zu diesem Zustande gepaßt haben; er läßt seinen Klienten sagen, was nur irgend auf Heliasten wirken konnte, wie denn auch die Redner des Lysias sich oft handgreifliche Kniffe erlauben. Auch drängten sich natürlich bald eigentliche Sykophanten und anderes Gesindel als Redenschreiber ein, und diese brachten das Metier, das ohnehin, wie jede um Geld ausgeübte »Profession«, als banausisch galt, in schlechten Kredit95.

Aber eine ästhetische Kennerschaft mochte sich bei den Heliasten wohl ausbilden, und wenn man diese befriedigte, durfte man vieles wagen, besonders wenn man es scheinbar naiv vorbrachte, z.B.: »Wenn der Angeklagte Euch betört haben wird, dann wird er sich beim Abziehen über die Polis lustig machen. Er, welcher Freunde mißhandelt, die ihm offenkundig Gutes getan, wird Euch für eure geheime Abstimmung ohnehin keinen Dank wissen«96. Es kommt auch vor, daß der Redner trotzig den Zweifel ausspricht, ob sich wohl irgendein Rhetor für den Angeklagten werde zu zeigen wagen97. Gegen den Schluß der Rede hin ist pathetische Anrufung beliebt. »Ich bin mit der Anklage zu Ende. Ihr habt gehört, ihr habt geschaut, ihr habt gelitten, ihr habt die Entscheidung. Sprechet das Urteil!« sagt Lysias zu Ende der Eratosthenesrede, und ein anderes Mal98: »Weder Erbarmen noch Verzeihung noch Gunst darf euch über die bestehenden Gesetze und die beschworenen Richtereide gehen ... Lies ihnen (o Schreiber) die Gesetze, die Eide und den Klageantrag vor. Daran gedenkend, werden sie das Gerechte beschließen«, worauf dann wirklich die Verlesung der verlangten Stücke erfolgt. Besonders aber wußte man bekanntlich die Rührungsmittel mit Erfolg in Szene zu setzen. »Ich habe dir nun, Euxenippos, geholfen, soweit ich konnte. Übrig bleibt, die Richter anzuflehen und die Freunde herbeizurufen und die Kinder vortreten zu lassen«, sagt, um nur ein Beispiel anzuführen, Hypereides am Schluß einer Rede99. Wie aber der Heliast sich mit dem Rührenden abfand, lehrt der scheußliche Philokleon der aristophanischen[311] Wespen100, welcher überhaupt den Athener darstellt, der mit seinem Richtersold vom Elend der andern lebt. Bei aller Anerkennung des Genies der Redner sind diese Zustände nicht mehr herbeizuwünschen.


Als dritte Gattung tritt nun neben die Rede in politischer Versammlung und vor Gericht die sogenannte epideiktische Rede. Sie hat ihren Namen von ἐπίδειξις, welches soviel bedeutet als eine von einem notwendigen, vorgeschriebenen Inhalt unabhängige Probe des Könnens durch Behandlung eines beliebigen Gegenstandes. Das epideiktische Genre (γένος ἐπιδεικτικόν) hat eine ungeheure Ausdehnung gehabt, und zwar hat man verschiedene Verwendungen zu unterscheiden. Vor allem war es schon bei den Sophisten eine natürliche Vorschule des Praktischen: oft wurde, wie in Lukians Lob der Fliege, bloß der rednerischen Übung wegen ein harmloses Thema ohne politischen oder gerichtlichen Inhalt behandelt, um daran die Kunst der Darstellung zu versinnlichen (was dann bis zum bloßen Übungsstück und Schüleraufsatz hinunterging); oft aber auch ein würdigeres Substrat, etwas aus dem reichen Wissen der Sophisten in möglichst schöner Darstellung vorgebracht; besonders aber hing die Epideixis insofern auch mit der gerichtlichen Rede zusammen, als von den Rednern fingierte Fälle als Musterübungen für Schüler ausgearbeitet wurden. Hievon geben die erwähnten zwölf Übungsreden des Antiphon eine Probe, von denen immer vier als erste und zweite Rede des Anklägers und des Verteidigers denselben Fall behandeln101, und aus später Zeit haben wir von dieser Art die Kontroversen des ältern Seneca und die Deklamationen Quintilians. Im Grunde aber gehört hieher schon des Gorgias Apologie des Palamedes als ein sehr gutes Musterstück für jede Art griechischer Verteidigung vor Gericht. Palamedes erweist hier zuerst die Unwahrscheinlichkeit seines Verrats auf alle Weise, indem derselbe unmöglich, unnütz und ohne denkbares Einverständnis töricht usw. gewesen wäre; dann geht er auf sein bisheriges Leben und seine Verdienste über, und ferner führt er den griechischen Helden als seinen Richtern ihre Würde zu Gemüt und schlägt vor, man solle ihn einstweilen gefangen behalten, um inzwischen die Wahrheit zu erkunden. Zum Schlusse erspart er ihnen die Rekapitulation, dergleichen nur vor geringen Richtern statthaft sei; den ersten unter den ersten der Hellenen, sagt er hochtönend, solle man nicht zutrauen, sie hätten nicht acht gegeben und das Gesagte nicht behalten103.[312]

Daneben aber diente die Epideixis ohne alle Rücksicht auf praktischen Nutzen als sogenannte Prunkrede der schönen Behandlung freier Themen. Daß sie dies tat, ist einer der Hauptvorwürfe, die man den Sophisten macht; denn in manchen Modernen ist ein lächerlicher Haß vorhanden gegen das freie Regen einer zwecklosen geistigen und ästhetischen Kraft, welches den Griechen natürlich war, während doch niemand dagegen etwas einzuwenden hat, wenn die Beredsamkeit, wie in der Staatsrede, Einfluß brachte oder, wie in der Gerichtsrede, ein Gewerbe war. Schon zur Zeit des Gorgias wurde freilich etwa gespottet, dieser gebe Rat wegen Eintracht der Hellenen und könne doch zwischen seiner Sklavin, die er liebte, und seiner eifersüchtig gewordenen Frau den Frieden nicht herstellen104; aber so nutzlos im Grunde das Vorgebrachte war, im Geiste des Hellenen war einmal ein Bedürfnis vorhanden, sich etwas Schönes vorsagen zu lassen105.

Zunächst begegnet uns die öffentliche oder doch überhaupt wirklich gehaltene Rede, zumal der an Festen gehaltene Panegyrikus, und zwar stehen auch hier in erster Linie die berühmten Sophisten. Von Gorgias werden Festreden in Delphi106 und Olympia erwähnt, welche dieselbe wohlfeile patriotische Tendenz gehabt haben werden wie später die des Isokrates. In Olympia »politisierte er über das Wichtigste«, indem er den uneinigen Griechen einträchtig zu sein, sich gegen die Barbaren zu wenden und als Kampfpreis nicht Griechenstädte, sondern Barbarenland zu erstreben riet107. Auf Athen bezog sich seine Grabrede (λόγος ἐπιτάφιος) auf Kriegsgefallene, die von Staatswegen begraben wurden; sie hatte dieselbe Tendenz wie die olympische, indem er darin die Athener gegen Meder und Perser aufreizte; aber von Eintracht mit den übrigen Griechen sagte er hier nichts, »da er nämlich zu den nach Herrschaft begierigen Athenern sprach, welche diese Herrschaft nur erlangen konnten, wenn[313] sie sich zu einer offensiven Politik entschlossen«. Da er nicht Bürger war, wird dies übrigens nur eine private epideiktische Musterrede gewesen sein108. Besonders wichtig und ein charmantes Ding ist das Lob der Helena, worin durch eine sehr schöne List der scheinbare Preis der Heroine zu einem Preis der Beredsamkeit wird. Der Redner findet nämlich, Helena sei entweder mit Gewalt entführt oder durch Worte beredet oder von der Liebe besiegt worden, sei also jedenfalls irgendwie entschuldbar, und nun werden die beiden übrigen Motive ganz kurz abgetan, von der Rede aber wird umständlich ausgeführt, wie sie als mächtiger Gewalthaber bei geringer und unmerklicher Körperlichkeit (σῶμα) göttliche Werke vollbringe, Furcht und Trauer hinwegnehme, Freude verleihe und Mitleid steigere, wie die Gewalt ihres Zaubers, wenn sie sich mit dem Denken der Seele verbinde, dieselbe berücke, berede und verwandle, wie die überredete Seele gezwungen sei, dem Gesagten zu glauben und das Getane zu loben. Denn daß die mit dem Wort verbundene Beredung auch die Seelen formt, beweisen die Reden der Meteorologen, welche, Meinungen zerstörend und andere pflanzend, den Augen des Geistes das Unglaubliche und Nichtoffenbare erscheinen lassen, beweisen die politischen und gerichtlichen Kämpfe, in denen eine kunstvoll geschriebene Rede, auch ohne Wahrheit, eine zahlreiche Menge ergötzt und überredet, beweisen die Redekämpfe der Philosophen, an welchen sich offenbart, wie wandelbar die Worte den Glauben an eine Meinung machen. Die Gewalt der Rede über die Seele ist ganz dieselbe, wie die der Arzneien und Gifte über den Leib usw. Jedenfalls wird eine damals plötzlich erhöhte Macht der Rede im Guten und Bösen hier im größten Affekt konstatiert.

Auch der Zeitgenosse des Gorgias, Prodikos, rezitierte seine bekannte Rede von Herakles am Scheidewege, und zwar gegen Entrée. Sonst waren neben den panegyrischen besonders die Grabreden häufig; noch 352 V. Chr. war der große Agon der Trauerreden um Mausolos, mit dem in Parallele Artemisia ja auch einen tragischen Wettstreit vor sich gehen ließ, eine große Gesamtexhibition des epideiktischen Könnens der Zeit; der Historiker Theopomp und der Tragiker Theodektes nahmen daran teil. Überhaupt starb öffentliches Auftreten mit rein epideiktischer oder nur flüchtig veranlaßter Rede nie ganz aus; immer mögen hie und da Leute um den reinen rhetorischen Gotteswillen aufgetreten sein, sonst wäre zur Römerzeit das öffentliche Reden der Sophisten des Philostratos und Eunapios, welche Epideiktiker κατ᾽ ἐξοχήν und die wahren Fortsetzer der alten Sophisten sind, zumal das eines Dio Chrysostomos und eines Aristides, nicht leicht zu erklären. Schon um des bloßen Ruhmes oder der Reklame willen war die Sache unerläßlich, indem der Lehrer der[314] Rhetorik (der sich zugleich wohl als Philosoph irgendeiner Sekte gebärdete) es wünschbar finden mußte, hie und da auch öffentlich zu reden. Sonst aber war es schon im IV. Jahrhundert eine offenkundige Sache, daß die epideiktische Rede, obschon unter Umständen als wertvoll und wichtig geltend, wesentlich ein Literaturprodukt zum Lesen sei109. Besonders nahm die politische Broschüre oft diese Form an; aber es gab sich als Rede auch gerne verschiedenes andere, das sich schreiben ließ, wie man's sprach. Daß diese Reden dann auch wieder als Muster für Schüler dienten, ist selbstverständlich, und intra parietes wurde wohl das meiste davon etwa auch rezitiert; denn sonst wäre man die Schönheit des Tons nicht inne geworden.

Dahin gehört die verlorene Rede des von dem gleichnamigen Staatsmann wohl zu unterscheidenden Sophisten Antiphon über die Eintracht, welche dasselbe Thema hatte wie die olympische Rede des Gorgias und höchst schmuckreich gewesen sein soll110, ferner die olympische, gewiß, obschon es behauptet wird, nicht in Olympia gehaltene Rede des Lysias und ebenso dessen Grabrede auf die (nach 394) im Korinthischen Kriege gefallenen Athener, welche echt sein dürfte, obschon sie den übrigen Reden des Lysias nicht gleicht. Sie ist, trotzdem sie ein wirkliches Ereignis betrifft, schwerlich öffentlich gehalten worden, repräsentiert aber für uns den gewöhnlichen Typus solcher Reden, indem an einem chronologischen Faden die Großtaten der Athener seit dem Amazonenkrieg, die Bestattung der Sieben gegen Theben, die Aufnahme der Herakliden usw., dann die Perserkriege und endlich kurz der Peloponnesische Krieg aufgezählt werden, ganz im Gegensatz zu den thukydideischen Reden überall mit Hervorhebung dessen, was sich für den deklamatorischen Vortrag eignete. Die epitaphische Rede scheint dann überhaupt eines der gewöhnlichen Lehrstücke für angehende Rhetoren geworden zu sein. Ein anderes Thema dieser Art muß namentlich auch die Apologie des Sokrates gewesen sein. So wahrscheinlich die platonische das wenigstens im Inhalt echte wirkliche Plädoyer ist, so gewiß wird die des um Jahrzehnte späteren Theodektes von Phaselis eine bloße Schularbeit gewesen sein. Und so wohl auch schon die des Lysias, obwohl er Zeitgenosse war; nur wird dieser wohl noch die konkreten und ihm bekannten Richter im Auge gehabt haben111.

[315] Auf den größten dieser schreibenden Redner, Isokrates, werden wir bei der Übersicht über die zehn Redner zurückkommen. Bei ihm hat man es speziell mit der epideiktischen, wenn auch mit höchster Redekunst geschriebenen Broschüre zu tun; denn das sind nicht nur der Panegyrikus und der Panathenaikus, sondern die meisten wichtigern Reden, und der Philippos macht nicht einmal den Anspruch, eine Rede zu sein. Er selbst sagt, daß er sich aus Ruhmbegier und um sich auszuzeichnen nicht auf kleine und Privatsachen verlegt habe, noch auf das, was manche damalige Sophisten betrieben, sondern über die hellenischen und königlichen Angelegenheiten geschrieben habe, was nach seiner Annahme einer bessern Regierung der Poleis und einem Wachstum der Privaten in der Trefflichkeit zugute kommen sollte112. Es war eben, wie schon gesagt, wohlfeil und eine Zeitlang vielleicht auch recht dankbar, die Griechen zur Eintracht und zum gemeinsamen Kampfe gegen PersienA4 zu mahnen113, und Isokrates mochte seine Reden dieser Art für politische halten, während er tatsächlich immer epideiktisch ist. Rein um der Anmut und des Witzes willen ist sein Lob der Helena geschrieben, und ebenso der Busiris, worin er kritisch zeigt, wie eine epideiktische Rede auf diesen anzulegen gewesen wäre114.

[316] Zum epideiktischen Genre gehören ferner Gelegenheitsreden, welche wirklich gehalten wurden. Hiefür finden sich, freilich erst in später Zeit, in der Techne des Dionys von Halikarnaß Anleitungen und Rezepte, wobei man sich des Gedankens nicht erwehren kann, wenn viele sich danach richteten, müsse das Publikum im ganzen griechischen Anteil des römischen Reiches das Schema jedesmal als altbekannt durchschaut und dazu gelacht haben; denn es sind lauter bekannte, voraus sichtbare Gemeinplätze. Wir erhalten daselbst die Schemata zu einem Panegyrikus, zu den Reden auf eine Verlobung, einen Geburtstag und eine Hochzeit, zu einer Ansprache an Beamte mit Komplimenten für den Kaiser, zu Grabreden für Kriegsgefallene und für gewöhnliche Verstorbene und zu einer Mahnrede an Athleten. Dabei lernt man, wie zu dem jedesmaligen Tatbestand irgendwelcher Art das Beste zu reden sei. Vorgetragen wurden diese Reden durch befreundete oder auch durch bezahlte Redner; denn es mochte zum standesmäßigen Luxus gehören, für solche Gelegenheiten einen Rhetor kommen zu lassen.

Auch die massenhaft vorhandenen fingierten Briefe schlagen tatsächlich großenteils in dieses Gebiet. Freilich nicht alle; denn manches in der Sammlung der Epistolographen, z.B. die Briefe der Sokratiker, ist doch wohl ziemlich früh mit besonderer Tendenz ad probandum ersonnen, und ganze Briefsammlungen wurden mit Hilfe eines sehr lückenhaften biographisch-antiquarischen Wissens fingiert, um das Leben der Philosophen und Redner, besonders von Sokrates bis auf die ersten Stoiker herab, zu illustrieren. Das meiste aber ist rhetorische Übung, zumal die Briefe von Trägern bestimmter Beschäftigungen: Bauern, Fischern, Seeleuten, Köchen, Feldherrn, Zechern, sogar Hetären, was nicht hindert, daß wir hier sehr oft recht hübsche Genrebildchen des ländlichen, maritimen usw. Lebens erhalten115, und ebenso die vielen Liebesbriefe, wie sie bei Älian, Alkiphron, Aristänetos u.a. erhalten sind. Andere Briefe waren zwar echt, aber in epideiktischer Absicht geschrieben und sollten Staat machen, gleichviel ob der Adressat sie empfing und beherzigte oder nicht; oder sie waren als bloße jeux d'esprit und bisweilen an einen bloß fingierten Adressaten geschrieben, waren also wieder etwas Epideiktisches116.

Ob die fingierten politischen Reden bei den Historikern zur symbuleutischen oder zur epideiktischen Klasse gehören, darüber kann man zweifelhaft sein. Viele verhaltene und ganz besonders viele verspätete[317] politische Beredsamkeit flüchtete sich in die Geschichtsschreibung. Zwei Prachtexemplare, auf die wir uns hier beschränken wollen, sind die Reden des Nikolaos und des Gylippos nach dem Siege der Syrakusier über die Athener, wie sie Diodor von Sizilien (XIII, 20-32), sei es selbst ersonnen, sei es gut gestohlen hat. Der Historiker hat den Vorteil, seine Leute durch vorgängige oder nachfolgende Umstände in Szene setzen zu können; Nikolaos z.B. ist ein Greis, der im Kriege seine zwei Söhne (einer täte es nicht) verloren hat und nun beim Auftreten vor dem syrakusischen Volk auf der Rednerbühne von Sklaven gestützt wird. Auch diese Reden, wie das ganze epideiktische Genre, das wir hier in Kürze zu überblicken versucht haben, kommen dem modernen Leser oft lästig vor; daß aber die Griechen sich ein Recht zuerkannt haben, ihr Bedürfnis nach schöner Rede bei allen möglichen Gelegenheiten zu befriedigen, ist an sich ein großes und wichtiges Phänomen.


Als die Demokratie in ihren beiden Gestaltungen als Volksversammlung und als Gericht sich in Athen nicht nur an den Ekklesiasten- und den Heliastensold, sondern auch an Beredsamkeit der Auftretenden gewöhnt hatte, die, wie alles Öffentliche, kunstgerecht sein sollte, hatte es sich inzwischen der Mühe gelohnt, diese Kunst im ganzen und einzelnen auf eine sonst unerhörte Weise auszubilden und eine Theorie aufzustellen, deren Detail wir nur mit größter Anstrengung unserer Phantasie verfolgen können. Schulen wie die des Isokrates, mit hohen Honoraren der Lehrer, kamen in Blüte, fortwährend brachte man die größten Opfer, und als Lohn winkte ein eigentlicher Ruhm, konstatiert durch die frühen Ehrenstatuen, schon von Gorgias an117.

Und nun gab es fast von allen berühmtern Lehrern der Beredsamkeit und ebenso auch von den Rednern, wie wir gesehen, seit Gorgias, Tisias und Antiphon, »Technai« der Redekunst in solcher Zahl, daß man sagen kann: über gar keinen Gegenstand existierten so viele theoretisch-praktische Anleitungen: es mag eine rechte Ausnahme gewesen sein, als Äschines in seinem Exil auf die Bitten der Rhodier, sie seine Techne zu lehren, erwiderte, er habe keine118. Die Menge dieser Technen beweist jedenfalls eine ganz abnorme Teilnahme für die Sache, für unsere Darstellung[318] aber kommt nun vor allem diejenige Fassung in Betracht, welche die gesammelten Erfahrungen in der größern Rhetorik des Aristoteles gefunden haben. In diesem Meisterwerke von vollkommen gediegener Ausführung lernt man die Sache bis in alle Details kennen. Wir erfahren, welches die Gattungen der Rede und die Bestimmungen einer jeden Gattung sind, was alle Gattungen gemein haben, ferner die Lehre von der Begründung (den πίστεις), wobei ein gutes Stück Logik und Dialektik mitgenommen wird, und dann kommt, nachdem das Was des Redens (ἃ δεῖ λέγειν) abgehandelt ist, die Erörterung des Wie (ὡς δεῖ λέγειν), und es wird vom Bau der Reden und von ihren Teilen gehandelt und von der Diktion bis in die feinsten Einzelheiten der Schönheit, der Sprachrichtigkeit, des Rhythmus der Worte, der Anwendung von Metaphern, Bildern usw. Es ist gar nicht zu glauben, wie weit die Kunde von der Reizbarkeit des Gehörsinns entwickelt war, im Gegensatz zur modernen Unempfindlichkeit für solche Dinge, die wir mit unserm Interesse für den Inhalt zu entschuldigen glauben, während die Form doch oft eine andere sein dürfte. Das Pikanteste aber an dieser Rhetorik ist das zweite Buch. Die größere Hälfte desselben ist nämlich im Grunde eine psychologische Schilderung, resp. Berechnung der Zuhörer nach ihrer verschiedenen Empfindlichkeit und Bestimmbarkeit sowohl in Volksversammlungen als Gerichtshöfen, eine förmliche Pathologie des Demos, dessen zornige, mitleidige und ängstliche, sowie die entgegengesetzten Bewegungen sortiert werden. Der Autor fragt z.B., in welcher Stimmung die Leute zornig werden und gegen wen und um was, und zergliedert dabei die ganze bösartige Empfindlichkeit bis ins Kleinlichste hinein, weil der Redner diesen Zorn zu erregen und zu behandeln verstehen müsse119, wie er anderseits auch die Besänftigung der Gemüter muß bewirken können. Man erfährt z.B., daß man die Zuhörer nur mit solchen Dingen in Schrecken setzen und ebenso ihr Mitleid nur für solche erwecken dürfe120, die ihnen selbst und den Ihrigen allenfalls passieren könnten. Die Verwendung der Gestikulation, der Stimme, der Tracht, überhaupt des Theatralischen vor Gericht (der ὑπόκρισις) für Erweckung der Rührung wird besprochen und damit begründet, daß sie psychologisch zum Vergegenwärtigen des Unheils diene121. Die Gefühle der Jugend, des Greisen-[319] und Mannesalters, der Edelgebornen, der Reichen und der Mächtigen, also aller der Herrn Zuhörer, werden einzeln erörtert. Man darf fragen, was unsre heutigen Räte und Richter sagen würden, wenn eine Anleitung zur politischen und juristischen Praxis solche Kapitel enthielte, und dies alles war ja N.B. keine Geheimschrift, sondern jeder Richter konnte allezeit lesen, wie man ihn ausrechnete.

Auf anderm Wege als die aristotelische geht die sogenannte Rhetorica ad Alexandrum des Anaximenes von Lampsakos dem Ziele zu, doch nicht, ohne partienweise wieder nahe mit ihr zusammenzutreffen. In diesem noch dem IV. Jahrhundert v. Chr., also der goldenen Zeit angehörigen Werke werden uns u.a. die sieben Gegenstände (προϑέσεις) genannt, über welche man in Rats- und Volksversammlungen zu sprechen habe; es sind: Kultus, Gesetze, Verfassung, Bündnisse und Verträge, Krieg, Frieden, Einkünfte. Auch werden die Rezepte gegeben, was darüber vorzubringen sei, natürlich lauter Gemeinplätze, welche aber eben deshalb ganz lehrreich sind. Mit einer himmlischen Unbefangenheit erörtert der Autor, was jedesmal zum pro und contra zu sagen sei122, und ungescheut wird auch bei den entgegengesetzten Argumenten oder Vorschlägen das Wort »Vorwand« (πρόφασις) gebraucht, also gerade das wiederholt, was man einst den Sophisten vorgeworfen. Mit andern Worten: wir haben es hier mit der Lehre zu tun: »Wie man dies oder das arrangiert.« Auch für das lobende und tadelnde Genre, welche hier an die Stelle des epideiktischen treten, werden Anleitungen zur kategorienweisen Behandlung gegeben, damit der Redner »mit Lob und Tadel wohl versehen sei«; es sind darunter ganz gute Kniffe; nur mochten die Athener sie allgemach auswendig wissen. Für Anklage und Verteidigung vor Gericht wird die Bedeutung des status causae klar gemacht. Der Verteidiger hat zu beweisen a) der Angeklagte habe das Fragliche nicht getan oder b) (falls dasselbe unleugbar) es sei gesetzlich,A5 gerecht, schön und patriotisch. Geht dies nicht an, so suche man Verzeihung zu erwirken, indem man das Geschehene c) als ein Versehen (ἁμάρτημα) oder d) als ein Mißgeschick (ἀτύχημα) oder endlich e) als eine Bagatelle, woran nichts liegt, hinstellt. Auch die Einteilung der Reden wird hier genau besprochen. – Vieles oder das meiste von ihren Lehren mögen Aristoteles und Anaximenes schon von ihren Vorgängern her gehabt haben. Für die Einteilung[320] der gerichtlichen Rede bildete sich bekanntlich die Theorie aus, daß sie aus Einleitung (προοίμιον, exordium) erzählender Darstellung (διήγησις, narratio), Behandlung (λόγος, tractatio) und Schluß (ἐπίλογος, peroratio) zu bestehen habe, und daß der dritte Teil wiederum die Beweisführung (ἀπόδειξις, argumentatio) und die Widerlegung (λύσις, refutatio) enthalten müsse. Wie in Kunst und Poesie waren die Griechen auch hier für das Proportionale aufs höchste empfänglich; diesen Zug hat man sich bei ihnen immer gegenwärtig zu halten.

Ein großes Ansehen genoß auch die Rede aus dem Stegreif; die Sophisten und besonders Gorgias, dem es ein Kleines gewesen sein soll, sich über Beliebiges, das ihm vorgelegt wurde, mit der größten Schönheit zu äußern, erwarben sich damit eine besondere Glorie. Wir haben darüber noch ein eigenes Kapitel in der Rede des Alkidamas, eines Zeitgenossen des Isokrates, einer Rede, die für uns ein Spezialissimum von ganz besonderm Wert ist. Daß man müsse unvorbereitet reden können, wurde sonst im ganzen nicht verlangt, und bei Demosthenes bleibt es dauernd fraglich, ob er dazu imstande gewesen wäre123. Alkidamas aber, der damit wohl eine ihm besonders eigene Begabung rühmt, mutet es den Rednern zu, und wie er dies tut – teilweise im bewußten Gegensatz zu Isokrates124, der es nicht konnte – ist äußerst interessant. Er sagt u.a., diejenigen, welche im entscheidenden Augenblicke frei sprechen könnten, würden geehrt, als hätten sie ein göttergleiches Urteil, und anderswo macht er, um die geringere Glaubhaftigkeit des Geschriebenen zu erweisen, darauf aufmerksam, daß die Verfasser gerichtlicher Reden den Stegreifstil nachahmen und dann am besten zu schreiben glauben, wenn ihre Reden am wenigsten den geschriebenen gleichen. Überhaupt ist die Geringschätzung jedes Schreibens merkwürdig, die damals noch möglich gewesen ein muß; denn was Alkidamas gegen das Redenschreiben vorbringt, gilt zum Teil gegen jede Autorschaft125.

[321] Indem wir uns nun zu einem kurzen Überblick über die zehn attischen Redner wenden, deren Kanon um 12 5 v. Chr. von den Pergamenern soll aufgestellt worden sein126, beginnen wir mit Antiphon, in dem wir bereits den ältesten attischen Logographen kennen gelernt haben127. Von ihm sind außer den angeführten Übungsreden drei auf Todesklagen bezügliche Reden vorhanden, worunter die »über den Mord des Herodes« besonders interessant ist. Sie mag um 415 gesprochen sein, und wir lernen darin den Redenschreiber zum ersten Male in seiner Kraft kennen. Er selbst muß sich sorgfältig verstecken, und seine Kunst besteht darin, sich in den Charakter seines Klienten genau hineinzudenken, damit die Rede demselben vollständig richtig zu Gesichte stehe. Hier ist der Sprecher ein schüchterner, erschrockener Mann, und eben darauf geht Antiphon ein und läßt ihn über seine Unfähigkeit im Reden klagen und daran erinnern, wie schon viele, die nicht zu reden verstanden, mit aller Wahrheit keinen Glauben gefunden hätten und zugrunde gegangen seien, während andere, die gut lügen konnten, Glauben und Rettung fanden; wenn je seine Rede wirken sollte, so möchten die Richter dies doch ja nur der Wahrheit seiner Sache und nicht seiner Geschicklichkeit zuschreiben: es ist die vollendete Charakterzeichnung (ἠϑοποιία). – In seinem Stil zeigt Antiphon nach O. Müller128 Verwandtschaft mit Thukydides, der auch seinen rhetorischen Unterricht genossen hat, wie auch Kritias und Alkibiades nach Plutarch noch bei ihm gelernt haben sollen.

Von Andokides (440 bis nach 390) ist weit das wichtigste die Rede über die Mysterien. Hier lernen wir das tief kompromittierte Subjekt kennen, das einst im wichtigsten Momente dabei gewesen ist. Wirklich sollte er bei dem mit der Hermokopidengeschichte zusammenhängenden[322] Mysterienprozeß seinen eigenen Vater denunziert, aber durch die Behauptung gerettet haben, daß derselbe viele andere angeben könne, welche öffentliche Gelder unterschlagen hätten. In seiner Rede, die ein ganz exzeptionelles Dokument ist, sagt er über den Frevel selbst, soviel er eben will. Im Proömium entlehnt er aus einer fremden Vorlage Stellen, die für jede Verteidigung paßten, dabei aber für das athenische Gerichtswesen charakteristisch sind, z.B. die Richter müßten dem sich Verteidigenden etwas günstiger sein als dem Ankläger, indem jener bei bloß gleicher Gunst den kürzern ziehe. Ferner: es seien schon schwere Ankläger deutlich als Lügner erwiesen worden, aber zu spät, nachdem sie ihre Opfer bereits ins Verderben gestürzt, und dies sei schon oft geschehen. Dabei war das Tribunal nicht einmal eines der Heliäa, sondern ein aus eleusinischen Geweihten bestehendes.

Und nun der größte dieser Gerichtsredner, Lysias (ungefähr 450-378). In Athen geboren, stammte er durch seinen Vater aus Syrakus, und er dürfte das sizilische Blut auch nicht verleugnet haben. Daß er im Alter von fünfzehn Jahren nach Thurioi auswanderte, war für seine Entwicklung als Redner bedeutungsvoll; denn hier lehrte Tisias, der Schüler des Korax. Nach der Niederlage Athens vor Syrakus und dem Sturze der athenisch-demokratischen Partei zu Thurioi kam er 412 nach Athen zurück und pflegte hier als reicher Dilettant und Sophist der sizilischen Schule, da ihm als Metöken die Volksversammlung verschlossen war, die epideiktische Gattung129. Unter den dreißig Tyrannen aber wurde sein Bruder Polemarchos genötigt, den Schierling zu trinken, und er selbst konnte sich mit knapper Not durch die Flucht retten. Diese Katastrophe zwang ihn, nachdem er mit Thrasybul wiedergekommen war, seinen Unterhalt durch Redenschreiben zu suchen, und hierin entwickelte er nun eine staunenswerte Produktivität; denn von den 425 Reden, die im Altertum unter seinem Namen gingen, sollen über 200 echt gewesen sein. – In eigener Sache ist nur die Rede gegen Eratosthenes gehalten, den er wegen des Todes seines Bruders vor Gericht forderte; sie zeichnet sich durch die sehr vorzügliche Erzählung der Schreckensmomente jener Zeit aus, wie er denn überhaupt in den »Narrationen« als unübertroffen galt; alle andern erhaltenen Reden, von der epideiktischen Grabrede, wenn diese echt ist, abgesehen, sind für die verschiedensten Privatleute zum Auswendiglernen verfaßt, und diese sind nun das nicht mehr zu Übertreffende in der für solche Fälle supremen Kunst der Charakterzeichnung, d.h. in der vollkommenen Kunst, den Juristen zu verstecken und dafür[323] den Klienten das für ihn möglichst Passende sagen zu lassen130. Hier ist er das Muster der ungekünstelten, schlichten Rede ((ἰσχνότης, ἀφέλεια, des tenue dicendi genus), worin er mit einfachem, lockerm Periodenbau, vortrefflich für den praktischen Zweck, möglichst die Sprache des gemeinen Lebens wiedergibt. Indem er auch das Große und Außerordentliche mit gewöhnlichen Worten sagt, erschien er den Spätern anspruchslos, aber schwer nachzuahmen, und Dionys von Halikarnaß nennt ihn die beste Norm (κανών) der attischen Sprache131. Aus der schulmäßigen Kunst nahm er allenfalls herüber den Parallelismus der Satzglieder, die nicht nur quantitativ sehr gleichmäßig sind, sondern sich oft sogar reimen. Wenn aber der Grundzug der sizilischen Beredsamkeit gewesen sein soll, den Stoff der Form dienstbar zu machen, so findet sich dies bei ihm nicht. – Durch den großen Redner hat es kommen müssen, daß die altbackensten athenischen Gerichtshändel die Leute heute noch und bis ans Ende der Tage in Entzücken versetzen; seine Reden sind ein Reliquienstück allerersten Ranges.

Isokrates (436-338) hörte noch Gorgias und Tisias und hatte Umgang mit Sokrates. Körperschwäche und leise Stimme, besonders aber Mangel an Keckheit (τόλμα) hielt ihn von der Rednerbühne auf der Pnyx fern132 und ließ ihn hauptsächlich für die Schule und für Leser schreiben. Auch[324] über die Redenschreiber dünkte er sich, obwohl es von ihm ein paar gerichtliche Reden gibt, hoch erhaben; sie erschienen ihm seinen Studien gegenüber wie Puppenmacher gegenüber Phidias133. Dafür ist er der vollendete Lehrer der Redner gewesen, und die Schule, die er errichtete, war die blühendste von Hellas und soll bald gegen hundert Schüler aus der ganzen griechischen Welt gezählt haben, von denen jeder tausend Drachmen Honorar zahlte134. Insofern er wesentlich auf die Redekunst gerichtet war – es gab im Altertum auch eine Techne von ihm –, gehört er zu den Sophisten; seinen Hauptunterschied von diesen setzte er in seine politische Richtung; mit andern Worten, er ahnte, daß das politische Pathos das einzige beste Geschäft sei, eine Sache, die jeder, der etwas gelten wolle, bei ihm zugleich mit der Redekunst werde lernen müssen, und sich selber deckte er damit und erschien als ein guter Bürger. Seine Arbeiten wurden schriftlich und durch Vorlesungen weit verbreitet; auch schrieb er an auswärtige Herrscher, wie die Fürsten Euagoras und Nikokles auf Zypern und König Philipp von Makedonien. Von seinen wohlwollenden Ratschlägen an die Hellenen, einträchtig zu sein, die Zwangsherrschaften gegen Mitgriechen aufzugeben, den Krieg gegen die Barbaren zu beginnen, ist oben135 die Rede gewesen. Im Panathenaikus, den er in seinem vierundneunzigstenA6 Jahre veröffentlichte, erklärt er ausdrücklich, alle frühern Gattungen der Redekunst aufgegeben zu haben, um sich auf Reden zum Heile von Athen und Hellas zu beschränken. Es mochte ihm mit diesen patriotischen Festreden, worin Gorgias sein Vorgänger war, ernst sein (»il se prenait au sérieux« würde man französisch sagen); irgendwelche Mittel, die Leute zur Befolgung seiner Vorschläge zu bringen, hatte er aber nicht, und im Grunde war diese nie gehaltene Festrede, worin er als ein so glühender Patriot erscheint, ein bloßes Paradepferd, und ihm selbst lag am meisten am Schulbeifall und am Sieg über die Rivalen. Gleichwohl haben diese Reden für uns, wenn es auch wunderlich klingen mag, gerade durch ihre Gemeinplätze hohen kulturhistorischen Wert. Wenn es sich um Erkundung vergangener Zeiten handelt, fahren wir mit den Autoren besser, die uns das Mittlere, Allgemeine[325] geben; denn dadurch kommen wir auf die Durchschnitte der Meinungen, und das ist für uns das Wichtige.

Hört man auf Isokrates, so war er übrigens nicht bloß Redner, sondern auch Philosoph, und er hat sich wirklich auch aus den verschiedenen Schulen dies und jenes angeeignet; wieweit er mit Plato zusammengegangen ist, ist zweifelhaft; mit der Zeit war er gewiß von den wirklichen damaligen philosophischen Richtungen sehr weit abgekommen. Groß aber ist er für alle Zeit als Redekünstler. Wie die Zeitgenossen, so wird noch die Nachwelt bei ihm durch den höchsten Redestrom bezaubert, »von einer Gewalt ergriffen, mit der kein früheres Werk der Rede auf Ohr und Geist wirkt. Ohne seine Umgestaltung des attischen Stils wäre kein Demosthenes, kein Cicero möglich«136. Seine frühern Sachen zeigen Parallelismus und symmetrische Architektonik nach Art der ältern Sophisten, später läßt er die Gegensätze nicht mehr einzeln, sondern in längern Reihen und in einem Zuge hintereinander einhertreten. Seine Widerklänge sucht er nicht kleinlich im Klang der einzelnen Worte, sondern im Numerus der ganzen Sätze, indem er die sich entsprechenden Satzglieder ungezwungen unterbricht oder nach dem Schlusse hin Anschwellungen eintreten läßt. Der sogenannte Kreis der Rede, d.h. das organische Zusammenschließen der Perioden zu einem größern Ganzen, das Balancieren von Vorder- und Nachsatz, wobei der geringere Umfang des einen durch größeren Nachdruck aufgewogen wird, die rhetorischen Akzente usw., auch viele kleine und versteckte Mittel des Wohllauts können noch heute den Sinn dessen, der diesen Satzbau durchdrungen hat, mit dem reinsten Wohlgefallen erfüllen137. Isokrates hat nicht die Wucht (δεινότης) des Demosthenes und will sie nicht haben, aber er besitzt die schönste hellenische Diktion, die man sich denken kann.

Isäos (420 oder 415 bis um 348) gab Redeunterricht und schrieb gerichtliche Reden, deren elf, sämtlich auf Erbstreitigkeiten bezüglich, erhalten sind, während seine Techne verloren ist. Er kam seinen Lehrern Lysias und Isokrates nicht gleich, obschon Plutarch meint, man könnte seine Reden mit denen des Lysias verwechseln; auch seine Themata haben[326] geringeres Interesse für uns; doch hat er von Zeit zu Zeit etwas von schlagendster Wahrheit aus dem athenischen Leben138.

Eine ganz außerordentlich wichtige Stelle unter den attischen Rednern nimmt der große Gegner des Demosthenes, Äschines (389-315), ein. In seiner Jugend Gymnast und Schauspieler, kam er später in die Umgebung des Eubulos und wurde so in die Politik hineingezogen. Als Redner war er wesentlich Autodidakt, aber hochbegabt und durch eine schöne Erscheinung139 und ein sehr gutes Organ unterstützt (er war λαμπρόφωνος); er soll angeblich der Erfinder des Redens aus dem Stegreif gewesen sein. Aufgezeichnet hat er nur die drei noch erhaltenen Reden, die gegen Timarchos (der sich darauf erhängte oder doch gefangen und ehrlos erklärt wurde), die wegen Truggesandtschaft, d.h. die Gegenschrift gegen die Klage des Demosthenes, und die gegen Ktesiphon, auf welche Demosthenes mit seiner Kranzrede siegreich antwortete. Da sich alle drei in das Leben und die Laufbahn des Demosthenes verflechten, verbindet eine Art gemeinsamer Berühmtheit die beiden Gegner, und jedenfalls steht Äschines der Nachwelt gegenüber in dem großen Vorteil, daß seine Reden vor allem hochwichtige historische Zeugnisse sind, die sich auf eine Hauptkrisis des athenischen Lebens beziehen. Er ist ein Meister der lichtvollen und durch Anmut hinreißenden Darstellung, zumal der effektvollen Anordnung. Die Anlage der Timarchos- und der Ktesiphonrede ist so, daß er zunächst einen sichern Unterbau aufführt, dort mit den allgemeinen Gesetzen gegen unnatürliche Laster, hier mit den Formfehlern bei Demosthenes Bekränzung, und dann mit großer Wucht die Hauptstreiche führt: dort, daß Timarchos wirklich diesen Lastern ergeben gewesen sei, hier, daß Demosthenes überhaupt ein schlechter Bürger und der Bestrafung, nicht der Bekränzung würdig sei. Übrigens ist jedenfalls die Truggesandtschaftsrede eine mit Muße ausgearbeitete Streitschrift, und schon ein alter Grammatiker sagte von den Reden überhaupt, daß sie ihm nach den betreffenden Prozessen aufgezeichnet zu sein schienen140. Nach dem Verluste des Prozesses gegen Demosthenes zog sich Äschines zunächst nach Rhodos zurück. Als er dort den Leuten die Rede gegen Ktesiphon vorlas, konnten sie nicht begreifen, daß er unterlegen sei. Da hatte er genug Objektivität, um ihnen zu antworten: »Ihr würdet euch nicht wundern, wenn ihr des Demosthenes Antwort gehört hättet.« Daß er dann in Rhodos eine Rednerschule halten konnte, ist interessant, weil es zeigt, wie eine stark sich bereichernde Republik gleich auch in der Redekunst den Vorzug haben will.

[327] Und nun Demosthenes selbst (384-22), dessen Höhe die allgemeine Sonnenhöhe der antiken Rede ist. Bekanntlich hatte er in der Jugend gegen ungetreue Vormünder zu kämpfen, und so regten sich bei ihm das juristische Bewußtsein und das rhetorische Bedürfnis schon in frühen Lebensjahren. Er ging deshalb in die Schule des Isäos, unter dessen Leitung er in das Gerichtswesen und das Privatrecht eingeführt wurde und Übung in der Beredsamkeit gewann141. Persönliche Nachteile, die bei ihm mit der enormen Begabung zusammentrafen: die schlechte Aussprache des Lautes R, das Zucken der Schulter und dergleichen, soll er durch merkwürdige Anstrengungen überwunden haben; die Anekdoten, die darüber erzählt wurden, sind natürlich mythisch und entsprechen der typischen Erzählungsweise, die alle möglichen Züge, welche bei verschiedenen Rednern im Laufe von Jahrhunderten vorgekommen waren, auf einen bevorzugten Repräsentanten häuft142. Insofern darin die Mühen symbolisiert sind, welche man sich wesentlich für die äußere Ausbildung zum Redner auferlegte, dürfen wir uns aber bei ihnen an das Wort des Demosthenes erinnern: das Wesentliche für den Redner sei erstens Hypokrisis (guter Vortrag) und zweitens Hypokrisis und drittens abermals Hypokrisis143.

Schüler des Isokrates war Demosthenes nicht, obwohl er seine Schriften[328] studiert hat, und ebensowenig Schüler des Plato144, letzteres vielleicht schon darum nicht, weil die Schulen der Rhetoren und der Philosophen im Streit miteinander lagen und sich gegeneinander abschlossen. Von der ältern attischen Literatur soll er sich aufs stärkste den Thukydides angeeignet haben; immerhin mied er jedenfalls den schwierigen und altertümlichen Ausdruck von dessen Reden.

Zunächst trat nun auch er als gerichtlicher Redenschreiber in Tätigkeit. Er hat als solcher eine merkwürdige Kraft der Aktualität und Charakterzeichnung entwickelt, ungefähr wie Lysias, obschon der Leser vielleicht bei diesem doch noch mehr mitgenommen wird. Daß er das Redenschreiben habe aufgeben müssen, weil man ihm darauf kam, daß er für beide Parteien zugleich (für Apollodor und Phormion) Reden lieferte, wird man sich hüten müssen ohne weiteres zu glauben145; denn weil er überaus viele Feinde hatte, ist ihm nicht weniger in dedecus als in gloriam nachgesagt worden, so daß man in seinem Urteile vorsichtig sein muß; alle Unvollkommenheiten kann man freilich auch von ihm nicht wegwischen.

Daneben aber lernen wir ihn in seinen Staatsreden, sowohl in den vor der Volksversammung als in den bei Staatsprozessen gehaltenen, in seiner ganzen Macht kennen. Ihm ist die kunstvolle Rede vor allem nicht wie Isokrates Zweck, sondern Mittel, was kein Geringerer als König[329] Philipp herausgefunden hat, indem er, gewiß sehr objektiv, seine Reden wegen ihrer kriegerischen Kraft mit Soldaten, die des Isokrates mit Athleten verglich, welche nur ein interessantes Schauspiel gewähren. Nachdem er erst mit Mühe alles hatte erringen müssen, trug ihn die Woge wie keinen andern, und er wurde mächtig und mächtiger zu einer Zeit, da Athen vor einer großen Schicksalsfrage stand und Philipp es bereits unsichtbar zu lenken begann. Diesem allen Widerstand entgegenzustellen war sein hohes Tun, und er war dazu auch materiell gerüstet durch jene volle Herrschaft über den Gegenstand, die auf staatsmännischer Einsicht und großer Kenntnis der Geschäfte und Gesetze beruhte. Formell aber entwickelt er nun in den philippischen und olynthischen Reden den gedrungenen und kräftigen Stil (die δεινότης) aufs wunderbarste, und während er im Ausdruck schlagend ist, erscheint er doch in hohem Grade sachlich. Die eigentliche Kunst wird man ohne ein spezielles vergleichendes Studium gar nicht inne, und pathetisch im rhetorischen Sinne ist er nicht; höchstens preist er etwa (z.B. Ol. II, 1) die Götter dafür, daß durch ihre besondere Gnade die Dinge so oder so liegen. Dafür stehen ihm gewisse Töne in supremem Grade zu Gebote, vor allem der der Paränese, des Vorwurfs, der Aufrüttelung, der vorwurfsvollen Ironie, kurz alles desjenigen, das den Hörer aufregt und direkt oder indirekt einem großen Entschlusse zutreibt. Sein Hauptthema ist: Wenn wir den Krieg nicht erheben, so kommt er zu uns und sucht uns daheim auf. Dies bringt er in beständig neuen Wendungen vor und immer in schöner und gediegener Form. Gesucht klingt seine Sprache nie, und auch seine Bilder entnimmt er, da er ja nur überzeugen will, aus dem alltäglichen Leben146; überhaupt hat er keine Zierlichkeiten, denn er trägt das allgemeine Gefühl der Schönheit in sich.

Von seiner politischen Haltung werden wir im folgenden Abschnitte zu sprechen haben. Vielleicht hat er Unrecht getan, die Athener, wie sie einmal waren, gegen Philipp aufzustören147. Und sicher hätte er besser getan, bei Chäronea zu fallen. Der alte Isokrates, dem es niemals so ernst gewesen war als ihm, gab sich doch damals den Tod; er dagegen lebte weiter, und man könnte nicht sagen zu seinem Vorteile.

Genug, daß dieser Demosthenes im spätern Altertum als der allererste Redner bei den Griechen gilt, wie bei den Römern Cicero. Lukian im »Lobe des Demosthenes« (32) äußert sich, die andern attischen Redner[330] seien der reine Spaß im Vergleich zu seinem Schall und Klang und dem schönen Rhythmus der Sätze und der Ausführung der Gedanken und dem geschlossenen Zusammenhang der Beweise und dem Bündigen und Schlagenden, und Dionys von Halikarnaß in seiner fragmentarisch erhaltenen Schrift »über die rednerische Gewalt des Demosthenes«148 kommt zu dem Gesamturteil, er habe die Vorzüge aller vereinigt und ihre Fehler gemieden.

Ganz kurz erwähnen wir hier noch die drei letzten Redner des Kanons. Lykurgos († bald nach 326), dem adligen Geschlechte der Eteobutaden angehörend, war von 338 an Finanzdirektor (ταμίας) und die Seele der athenischen Verwaltung, aber auch mit Demosthenes und Hypereides ein Haupt der antimakedonischen Partei: er starb noch vor den Harpaloswirren. Von seinen Reden ist einzig die gegen Leokrates erhalten; er erscheint darin nicht als ein großer Redner, und die isokrateische Leichtigkeit fehlt ihm ganz, dabei machen Zitate aus Mythen und Dichtern die Darstellung schwerfällig, aber gegenüber dem Angeklagten ist er voll jakobinischer Feierlichkeit. – Sein Altersgenosse Hypereides wurde nach dem Lamischen Kriege (322) auf Befehl Antipaters hingerichtet. Vorhanden sind von ihm die Reden, welche in unserm Jahrhundert in ägyptischen Gräbern, mehr oder weniger fragmentarisch erhalten, gefunden worden sind. Die Alten stellten ihn unmittelbar neben Demosthenes; doch soll er mehr nur auf die schlagende Wirkung des Augenblicks hingearbeitet haben. Von Deinarchos († nach 292), der ein Korinthier war und jedenfalls anfänglich nur für andere schrieb, haben wir drei Reden, die sich auf die harpalische Sache beziehen und gegen Demosthenes gerichtet sind.

Wir schließen diese Übersicht, indem wir auf einen bedeutungsvollen Unterschied zwischen damals und heute aufmerksam machen: es gibt Reden, die diesen Rednern untergeschoben sind; wem würde es sich heute lohnen eine Rede unterzuschieben?


Nach den zehn großen attischen Rednern läßt man den Verfall der Beredsamkeit eintreten. Derselbe war unvermeidlich; denn Athen im dritten Jahrhundert stand außerordentlich gering da. Auch hier lohnte sich jetzt offenbar die Staatsrede nicht mehr, und den Gerichten gefiel man jetzt auch mit geringerem Kunstaufwand. Da also Volksversammlung wie Richter, Angeklagte wie Sykophanten, überhaupt das ganze Personal unbedeutend geworden waren, konnte jener Ruhm des IV. Jahrhunderts unmöglich aufrecht erhalten werden, und nun wirkte mit der[331] Ausartung der Demagogie noch der asiatische (oder, wie man hier meist sagt, asianische) Einfluß zusammen. Cicero stellt die Sache so dar, als hätte sich die Redekunst, nachdem sie einmal den Piräus verlassen, auf ihrer Wanderung über die Inseln und durch die asiatischen Lande mit ausländischen Gewohnheiten verderbt und dabei alles gesunde und tüchtige Wesen des attischen Stils eingebüßt; Karien, Phrygien, Mysien hätten eine Sprache geschaffen, fett und dick und ihren rohen Ohren gemäß149. Etwas gnädiger fügt er bei, die asiatischen Redner seien zwar, sowohl was Gewandtheit als was Fülle der Rede betreffe, nicht zu verachten, aber zu wenig gedrungen und allzu reich; auch konstatiert er einen gesunden rhodischen Stil, der sich dem der Attiker mehr nähert. Wir haben von der asiatischen Redeweise, als deren Urheber der Rhetor Hegesias aus Magnesia gilt150, keine Denkmäler mehr und sind, wenn wir uns eine Idee davon machen wollten, etwa darauf angewiesen, das Schwülstige aus Mustern bei Philostratos zusammenzulesen; wie sie von den Vertretern des reinern Geschmackes beurteilt wurde, zeigt Dionys von Halikarnaß, der sie mit einer Hetäre vergleicht, welche die rechtmäßige Gattin verdrängt hat151.

Der asianische Stil blühte am meisten in der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts152. Unter Augustus schrieb Cäcilius von[332] Kale Akte in Sizilien, ein Rhetor, und zwar einer jüdischer Nationalität, der zu Rom lebte und u.a. Parallelen zwischen Äschines und Demosthenes und Cicero und Demosthenes verfaßte, eine Abhandlung über die Frage, worin sich die attische Manier von der asianischen unterscheide; und der Zeitgenosse dieses Cäcilius, Dionys, konnte sein eben angeführtes Urteil über die letztere mit dem Satze schließen: »Aber, um mit Pindar zu reden: die Zeit ist der beste Retter nicht nur der gerechten Leute, sondern auch des rechten Wissens und Strebens« – worauf dann das Lob der nunmehrigen Zeit folgt, welche das große Alte wiedererkenne, das nach seinem Urteile eine wahre Musik gewesen war153; nur hat er freilich das Gefühl, daß, wer die großen alten Muster – sei es durch Routine, sei es durch Studium der alten Vorschriften – nachahme, das Vorbild doch nicht erreiche; denn während alles Originelle eine ungekünstelte Anmut und Schönheit besitze, hafte dem Sekundären, selbst wenn die Nachahmung noch so trefflich sei, das Absichtliche (τὸ ἐπιτετηδευμένον) und nicht ganz Natürliche an154. Was sich herstellte, war immerhin wenigstens ein völlig reiner Attizismus, wie ihn Dio Chrysostomos und Lukian haben155.


Inzwischen war tatsächlich in Griechenland und in den Diadochenländern durch das in Athen während eines vollen Jahrhunderts gebildete Vorurteil, durch die Wünschbarkeit, das Griechische im weiten, großen Hellenismus lebendig zu erhalten und durch die im Leben vorhandene Verbindung von Rhetorik und Philosophie die Redekunst wenigstens eine mächtige Sache geblieben. Wie das Theater, war auch sie in den weiten Gebieten dieser Reiche ein Kennzeichen und ein Anhalt alles Hellenischen und darum ein wesentlicher Teil der Erziehung, und auch die Römer, deren feuriger Hellenismus eine der allergrößten Fügungen der Weltgeschichte ist, hatten sie als allgemeinen Schlüssel der griechischen Bildung mit übernommen; sie sollte bei ihnen, mochte darüber auch der[333] ältere Cato, und wer da sonst wollte, klagen, ein kolossales zweites Leben gewinnen, das Latein umgestalten und eine Vorschule der Jurisprudenz werden.

In dieser spätern Zeit erst wurde das Raffinement vollständig ausgebildet, viel weiter noch als bei Aristoteles. Bei Dionys von Halikarnaß finden wir, daß sozusagen jedes Tönchen und Akzentchen, jede denkbare Tonfolge und Wortnuance ihre Bedeutung hat. Daraufhin besieht er sich mit enormer Kennerschaft die Autoren der Blütezeit, und zwar nicht bloß die Redner, sondern auch die ganze übrige Prosa und die Poesie. Er analysiert eine Anzahl von Sätzen aus der perikleischen Grabrede bei Thukydides nach der Tonfolge und nennt die Versfüße, wonach man sie skandieren kann. Aus einer solchen Auswahl schöner Rhythmen, meint er, müsse auch eine schöne Rede entstehen; Unzähliges der Art finde sich bei Plato, der in Wohllaut und Rhythmus so groß sei. Hierauf werden Sätze von Demosthenes ebenso rhythmisch analysiert; dann folgen Stellen und ganze Partien aus Homer und andern Dichtern156 und aus dem Areopagitikus des Isokrates, alles nur in Beziehung auf Numerus und Akzentwechsel, aber sehr umständlich und mit Kenntnis aller Finessen besprochen. Und dem entspricht eine reiche und höchst verfeinerte Kunstsprache, deren Adjektiva schon durch Übersetzung oft kaum mehr zu erreichen sind. Die ganze jetzige Beredsamkeit auf der Kanzel, auf der Tribüne und hinter der Gerichtsschranke braucht, auch in England und Frankreich, (wenigstens mit Bewußtsein) kaum ein Hundertstel der Kunstmittel, welche, wie man aus solchen Autoren sieht, das Altertum aufgespeichert hat. Eine stilistische Besprechung und Kritik der Autoren der Vergangenheit aber, wie sie hier geleistet wird, wäre in unsern Zeiten absolut undenkbar.

In seiner spätern und spätesten Ausbildung geben dann das kleine Handwerkszeug der Rhetorik die rhetorischen und silistischen Schriften des II. und der folgenden Jahrhunderte nach Christus, zumal die sogenannten Progymnasmata (Vorübungen) des Theon, Hermogenes, Aphthonios u.a. Auch hier hat jede Art des Ausdrucks ihren Namen; die feinste Schattierung macht Anspruch darauf, unterschieden zu werden, und die Nomenklatur hierüber wächst ins Endlose, indem die Spätern die Nuancen noch aus Kräften vermehrten. Für das, was hiebei Schulung leisten konnte, war reichlich und vom Boden auf gesorgt, und Molières Monsieur Jourdain, der sich wunderte, immer Prosa geredet zu haben, würde sich noch ganz anders wundern, wenn er vernähme, was für Arten und Figuren (εἴδη und σχήματα) der Rede er von Jugend an täglich[334] konsumiert hat, worüber lange, von Beispielen begleitete Verzeichnisse Auskunft geben157.

Logik und Dialektik, auch Grammatik sind von dieser Rhetorik unmöglich auszuscheiden; ja die ganze Lehre vom Stil und von der Diktion im weitesten Umfange kommt mit zur Verhandlung; auch bei den Spätern werden Muster aus allen möglichen prosaischen und poetischen Autoren zitiert. Daneben aber verlegte man sich mit größtem Eifer auf die eigentliche Rhetorik und war dabei selbstverständlich auf das Epideiktische angewiesen, welches die natürliche Vorschule des Praktischen ist. Als Substrat der Progymnasmata diente vor allem der Mythus, dann aber überhaupt alle möglichen längst vergangenen und indifferent gewordenen Ereignisse, also besonders die alte griechische Geschichte (während man die römische und auch schon die diadochische zu meiden pflegte). Wo immer in der Überlieferung eine Fuge war, worin sich eine Rede einlegen ließ, die Thukydides u.a. sich hatten entwischen lassen, holten es diese Leute nach, weil man dabei alle Gattungen des Redens kennen lernen und einüben konnte158. Alle Bestandteile der Rede, deren Zierden, die möglichen Gründe und Standpunkte, die Beweisführung pro und contra, die Wahl und Behandlung der beweisenden Beispiele, die Formen des Lobes und des Tadels, alle mögliche Ethopöie (Charakteristik einer gegebenen Person) und Prosopopöie (persönliche Einführung des Unpersönlichen)159, endlich die Lehre vom äußern Auftreten ließen sich hier klarmachen, und dazu konnte man die Jugend in dieser Zeit, da Staat und Gericht gleichgültige Dinge wurden, die Gewalt Meister war und die politische Rede nichts mehr besagen wollte, noch immer auf epideiktische Redner hinweisen, welche die Kunst durch ihre Praxis auf der Höhe hielten: einen Dio Chrysostomos unter den flavischen und den ersten guten Kaisern, einen Aristides unter Hadrian und den Antoninen, die vielen, deren Stellung, Beziehungen und Prätensionen wir aus den »Sophistenleben« des Philostratos erfahren.

[335] Wie stark die Pflicht des ernstlichen Studiums betont wurde, geht u.a. auch aus Plutarchs Schrift »de liberis educandis« hervor, wo (c. 9), der damals offenbar bestehenden Neigung, die Jugend zu ihrem Schaden extemporieren zu lassen, der Grundsatz entgegengestellt wird, man solle sie darauf hinlenken, nichts aufs Geratewohl zu sprechen oder zu tun; das Extemporieren führe zum Leichtsinn, zur Überschreitung der schicklichen Symmetrie, überhaupt zur äußersten Geschwätzigkeit und dürfe nur als Hilfsmittel und erst im Mannesalter bei festgewurzelter Kraft geübt werden.

Und nun wurden fortdauernd bis in die byzantinische Zeit Lehrsysteme (Technen) abgefaßt. Selbst Kaiser Tiberius wurde ein solches zugeschrieben; unter Marc Aurel schrieb der berühmte Hermogenes das seine, unter Gordian Gaianos Arabios eines. Noch unter den Kaisern Marcian und Leo, in den Zeiten, da Attila die Welt erschütterte, schrieb der römische Rhetor Lachares über das Kolon, das Komma und die Periode, sowie eine alphabetisch angelegte rhetorische Anthologie; er war Lehrer vieler berühmter Schüler, wie des Eustephios, des Asterios und des Nikolaos, welch letzterer wiederum der Verfasser einer Techne war161; und gerade diese Späten waren die eifrigsten bei der Sache162; je weniger lesenswert von Sachinhalts wegen die Literatur wurde, desto mehr häuften sich die Schriften über Rhetorik und Stil.

Der Unterricht aber hat bis in die byzantinische Zeit in allen Städten ein enormes Personal von Rhetoren aufrechterhalten müssen, das sich als Stand fühlte und den Namen der Sophisten wieder zur Geltung gebracht hatte, und praktisch wird sich die Sache wohl so gemacht haben, daß dasselbe zugleich die Grammatik lehrte und auch mit den kurrenten Systemen der Philosophie versehen war; also dasjenige unter den Griechen herumbrachte, was man von Philosophie zu kennen und zu erfahren begehrte. An den kleinern Orten werden es in der spätern Zeit wohl tatsächlich viele gehalten haben wie jener Lehrer Strabos, Aristodemos von Nysa, der zwei Kurse hielt, und zwar des Morgens den rhetorischen, des Nachmittags den grammatischen163.

Und zu dem gewaltigen Depositum der griechischen Rhetoren kommen nun erst noch die Römer: der ältere Seneca, Quintilian, Rutilius Lupus, Aquila, Rufinianus, Rufinus, Fortunatianus u.a.164. Es ist ganz endlos, was auch in der lateinischen Reichshälfte an Bemühungen aufgewandt[336] wurde, um sich eine Wirkung zu sichern. Wir können uns aber hier ebenso wenig aufhalten als bei der ganzen, großen Ergänzung, welche alle Redekunst im Zuhörenkönnen hatte, wovon Plutarchs Schrift »über die richtige Weise des Zuhörens« handelt165. Genug, daß wir in einen Betrieb hineingesehen, bei dem die Souveränität der Rede über alles übrige eine zugegebene Sache ist. Zeit und Kräfte, die jetzt auf den Stoff des Wissens verwandt werden, gingen damals mit dem Studium der Form dahin, und zwar auch bei den ausgezeichnetsten Geistern, und schon die Musterstücke zu den betreffenden Übungen, die uns in so großer Zahl bei Griechen und Römern erhalten sind, beweisen ein für allemal, daß das Altertum auf diesem Gebiete in seinem Urteil von unserer Zeit durch eine tiefe Kluft geschieden ist. Denn wenn sich auch fragen läßt, ob die jetzige Welt die Eloquenz so leicht entbehre, weil ihr mehr an den Sachen gelegen sei, so hätte sie doch jedenfalls materiell nicht mehr die Muße zu einem Betrieb wie der griechische. Und dazu möge man noch den welthistorischen Einfluß dieser Rhetorik auf das Christentum bedenken. Im IV. Jahrhundert und schon früher drang sie in die Kirche ein, und der rhetorische und dialektische Eifer wurde über die Dogmatik Meister[337] und gab den großen und so unendlich folgenschweren Kämpfen, wovon die Schicksale ganzer Bevölkerungen abgehangen haben, besonders denen über die zweite Person der Gottheit, die Form, ohne die sie für uns nicht denkbar sind. Überhaupt sind Dialektik und Rhetorik neben dem Epigramm das letzte, was vom Altertum weiter gelebt hat. Als der Staat, die Gymnastik, die Kunst, ja die Reste der Philosophie bereits dem Untergang oder der völligen Wandlung unterlegen sind – die griechische Zunge bewegt sich noch.[338]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CCCII302-CCCXXXIX339.
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