6. Die Bukolik – Das späte Epos

[112] Immerhin blieb es auch in alexandrinischer Zeit einem hochbegabten Dichter möglich, in einzelnen Szenen aus dem Mythus durch neue und reiche Behandlung Herrliches zu schaffen, und zwar durch Hervorhebung des Zart-Sentimentalen, des Reich-Realistischen, des Bukolisch-Genrehaften und selbst des Humoristischen. Es ist dies Theokrit, der, etwas älter als Kallimachos und Apollonios, noch ganz unter Ptolemäos Philadelphos gehört152.

Drei seiner erzählenden Stücke handeln von Heraklesmythen, sind aber unter sich ungleich und gewiß nicht bloße Fragmente einer Herakleis, sondern besonders gedichtet, es sind der Hylas (XIII), der Herakliskos (XXIV) und der Reichtum des Augias (XXV). Das an den Arzt Nikias gerichtete erste dieser Stücke ist der betreffenden Partie des Apollonios erstaunlich überlegen; es sei nur an das prächtige Bild erinnert, wie das Versinken des Knaben im Wasser mit einer Sternschnuppe verglichen wird, die ins Meer sinkt, und die Schiffer freuen sich dabei, daß das Zeichen ihnen eine leichtere Fahrt bedeutet. Der Herakliskos gibt ein schönes und höchst lebendiges Bild aus der Jugend des Herakles, indem die Geschichte von den Schlangen, die darauf erfolgte Weissagung des Tiresias und die weitere Erziehung des Knaben erzählt werden. – Der Reichtum des Augias, der am Anfang und am Ende verstümmelt ist und in der Sprache nicht dorisch gefärbt, sondern völlig im epischen Dialekt verfaßt ist, beschreibt in 281 Versen endlos weitläufig, aber sorgfältig die Reichtümer des Augias, das Auftreten des Herakles bei ihm153 und die Tötung des nemeischen Löwen, welche Herakles dem Sohne des Augias, Phyleus, erzählt; das Gedicht ist von Theokrit, d.h. von seiner sonstigen Behandlung, ziemlich abweichend, könnte aber doch von ihm sein. – Eine Idylle ist der an den bereits genannten Nikias gerichtete Kyklop (XI), er besteht fast ganz aus dem Solo einer mythischen Person, nämlich aus der Rede Polyphems an Galatea; ebenso ist das Hochzeitslied der Helena (XVIII) fast nichts als der Gesang eines Chores von zwölf Lakonierinnen. Ein regelrechter Hymnus im epischen, homerischen Sinne, wie besonders das Proömium und der Schluß zeigen, doch unterbrochen von[112] einem Dialog in Einzelversen, sind die Dioskuren (XXII); dazwischen findet sich die ziemlich realistisch agonale Erzählung des von Polydeukes über den Bebrykenkönig Amykos davongetragenen Sieges und des Kampfes zwischen Kastor und Lynkeus um die Leukippiden. Die Bakchen (XXVI), vielleicht ein um seinen Anfang verkürztes Gedicht, stellen kurz den Untergang des Pentheus dar und schließen mit dem lyrischen Preis des Dionysos. Ein Scherz, indem er auf die Begnadigung des Ebers hinausläuft, ist der meist für unecht geltende »Tod des Adonis« (XXX).


Vorwiegend episch, insofern es durch den Mund anderer als Einzel- und Wechselgesang Situationen und Hergänge darstellt, ist aber auch noch das Bukolische bei Theokrit154. Sein Substrat ist der Gesang sizilischer und unteritalischer Hirten, welcher gewiß von den frühsten Bevölkerungen der Insel und Großgriechenlands herstammte; er kam hier noch bis in unser Jahrhundert vor, und zwar als carmen amoebaeum. Vielleicht aber hatten die Bauern und Hirten überhaupt überall neben ihren ländlichen Götterhymnen, ihren Liedern, Ritornellen usw. den Wettgesang, der durch Abwechseln im Ritornell so überaus leicht entsteht, und wenn es sich nun darum handelte, ihre Gefühlswelt und Anschauung der Dinge darzustellen, so diente hiezu, abgesehen von der Liebesklage, vorwiegend dieser, der sich von selbst zum Agon gestaltet, indem die Hirten sich nach Richtern umsehen. Als dann die Kunstdichter sich in den ländlichen Gedankenkreis hineinversetzten, fanden sie an ihm eine gegebene Form. Auch der Gebrauch des Hexameters, als des alten Verses für alles, ist echt hirtenhaft und uralt, er hat hier seine besondere »bukolische« Cäsur nach dem vierten Versfuße.

In Sizilien nun, wo sich die Existenz des Hirten frühe schon zu einem kleinen Mythus und einer Idealfigur, Daphnis155, gestaltet hatte, begann die bukolische Kunstpoesie schon sehr frühe, und zwar heißt es, Stesichoros[113] von Himera habe damit den Anfang gemacht: also ein sehr großer Dichter und Meister der chorischen Lyrik bemächtigte sich auch dieses Elements; nur können wir nicht mehr ahnen, was er damit angefangen hat156. Sodann wirkten jedenfalls die Mimen des im V. Jahrhundert lebenden Sophron darauf ein, d.h. teils ernste, teils spaßhafte Schilderungen des niedern sizilischen Volkslebens überhaupt, in Gestalt von Gesprächen in dorischer Prosa157; sie waren in der Form bedeutend genug, um Plato als Schule für seine Dialoge zu dienen, und Theokrit soll ihm seine zwei wichtigsten Genrestücke aus dem städtischen Leben, die Pharmakeutria und die Adoniazusen, nachgedichtet haben158. An das alte Epos dagegen konnte die Bukolik unmittelbar nicht anknüpfen; denn bei Homer waren Eumäos, Melanthios usw. nur zu Worte gekommen, insoweit sie in die Geschichte ihres Herrn verflochten waren, auf den sich die bei ihnen zutage tretende Gefühlswelt bezog; sonst fand sich hier die Gestalt des Hirten nur in Bildern159.

Mag es nun mit der Bukolik des Stesichoros gewesen sein, wie es will, jedenfalls kam die Gattung erst in einer späten, überreizten und ermüdeten Zeit, nachdem der Mythus schon ziemlich abgeweidet war, zur Blüte, als Reaktion gegen die Weichlichkeit und den Schwulst der sonstigen Poesie160. Das Wesentliche aber war, daß mit Theokrit ein bedeutender Dichter kam und die Sache neu ergriff. Er selbst, obwohl noch im Epischen schön, mochte das Gefühl haben, daß es mit dem eigentlichen heroischen Epos und mit den mythischen Stoffen zu Ende sei, und nun nahm er aus dem wirklichen Gesang der Hirtensklaven, was ihm diente, und gab damit seinem Dichten nur ein Substrat, während er doch den schönsten Schein der Naturpoesie erweckte. Während das Bauernleben seit Hesiod von der Dichtung schon didaktisch absolviert war, ist es die[114] so lange geschmähte Helotenposie161, welche hier scheinbar zu glänzenden Ehren kommt, in einer Zeit, da man sonst keine andere Poesie mehr hat als künstlich nachgemachte und etwa das Epigramm.

Das bukolische Idyll ist nun vor allem keine Dorfgeschichte, sondern die Situation expliziert sich, nachdem sie zu Anfang mit wenigen Worten gemeldet worden ist, in lauter Rede und Gesang, und zwar kommen bei jener mehr die genrehaften Züge des Lebens, bei diesem mehr die Gefühlswelt zum Ausdruck. Beides ist bald monologisch, bald dialogisch. Während z.B. die Pharmakeutria ihre Worte ohne Gesang spricht, enthält das erste Idyll den Einzelgesang auf Wunsch eines andern, das dritte besteht ganz aus einem in Ritornellen gehaltenen Ständchen, und neben dem gesprochenen Dialog, wie er meist vorherrscht, finden wir im fünften und achten Idyll den eigentlichen Wettgesang. Die schönsten Gesänge der Hirten sind diejenigen, worin sie ihre eigene oder fremde Empfindung verherrlichen, vor allem im siebenten Idyll, wo sich nicht mehr Wechselgesang, sondern sukzessiver Vortrag von ganzen Liedern findet, oder die, wo das die Gefühle weckende Ereignis im Hirtenleben selbst liegt, wie im ersten Idyll das Verschmachten des Daphnis mit der schönen, vielleicht ganz echt hirtenmäßigen Hyperbel dargestellt wird, daß selbst Hermes und Aphrodite kommen, um den Kranken zu trösten und auszufragen, und daß bei seinem Tod Pflanzen und Tiere aufgerufen werden. Es sind wenigstens nicht Hyperbeln eines Rhetors.

Von diesen empfindungsvollen Gesängen geht eine Stufenreihe bis ins scherzhafte und bis ins sehr freche carmen amoebaeum und in den bloßen Dialog. Die Gefahr des Dichters beginnt mit den mythologischen Einlagen, wobei das Hirtenwesen und der Dialog leicht zur bloßen Einkleidung werden. Schon Theokrit tut darin zuviel, wenn er (Id. III, 40) seinen Hirten die Geschichten von Atalante und Melampus, wenn auch nur kurz, in den Mund legte. Die Nachfolger laufen dabei Gefahr, Pedanten zu werden; so Bion, der durch seinen Myrson den Lykidas auffordern läßt, die Geschichte von Achill auf Skyros zu singen, wozu dieser einen ansehnlichen Anfang macht. Weiche Themata, wie Hyakinthos, Adonis usw. waren besonders beliebt. Auch mit Einlage von Beschreibungen kann zu viel getan werden. Bei Theokrit (Id. I) geht das Holzgefäß mit seinen Bildwerken noch recht gut ins Kostüm; schon viel bedenklicher ist bei Moschos (Id. II) der Wollenkorb der Europa mit den aufgemalten oder aufgestickten Geschichten, die der Länge nach geschildert werden. – Gerne gehen diesen Bukolikern einzelne homerische Elemente nach: durch Persephone mit ihren Nymphen bei Enna, durch die Europa vor der Entführung bei Moschos (Id. II) schimmern deutlich[115] Nausikaa und ihre Mägde; die Verherrlichung des Morgenschlummers mit seinen weissagenden Träumen bildet den sehr schönen Anfang dieses Stückes.


Über das spätgriechische Epos fassen wir uns kurz. Gelehrterweise wurde noch unter den Kaisern und bis in die byzantinische Zeit vieles nachgedichtet. Von dem Erhaltenen gehören die orphischen Argonautika einem Spätheiden der christlichen Zeit, Nonnos ins V. Jahrhundert und die angeblich von Musäos stammende Dichtung von Hero und Leander in den Anfang des VI., indem sie bereits Nachahmung des Nonnos verrät. Und dieser hatte für seine Dionysiaka ziemlich alte Vorgänger; schon von Dionysios dem Periegeten, den Suidas in den Anfang der Kaiserzeit setzt, gab es Bassarika, und den nämlichen Stoff hatte Soterichos unter Diokletian behandelt162. Ferner dichtete Koluthos aus Lykopolis in Ägypten zur Zeit des Anastasios noch Kalydoniaka in sechs Büchern163. Diese sind, wie vieles andere, das von Suidas erwähnt wird164, verloren; doch haben wir von dem Verfasser noch das kleine Epos über den Raub der Helena.

Eine besondere Gönnerin des Epos (φιλοεπής) war Eudokia165, die Gemahlin Theodosius II., welche den Ependichter Kyros hoch ehrte. Als sie den Hof verließ und nach Jerusalem ging, sah sich Kyros bedroht und wurde Bischof von Kotyäon in Phrygien, wo er bis unter Kaiser Leo lebte. Noch immer wurden, wie wir bald da, bald dort ohne Zeitangabe erfahren, Argonautika und Thebaiden gedichtet; bei der starken philologischen Beschäftigung mit Homer blieb das epische Handwerkszeug leicht und bis spät in Übung166. Und vielleicht lebte neben allem schriftlichen und gelehrten Epos noch bis spät in die Kaiserzeit auch ein Rest von Rhapsoden weiter, oder wenigstens öffentliche Erzähler und Improvisatoren, welche neben Liebesgeschichten usw. Götter- und Heroenmythen auf den Plätzen der Städte vortrugen.[116]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CXII112-CXVII117.
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