9. Die mittlere Komödie

[260] Mit der sogenannten mittlern Komödie, welche zu Athen ungefähr von 380 bis 330 v. Chr. geblüht hat und deren Hauptvertreter Eubulos, Anaxandridas, Alexis und Antiphanes sind, kommt die uralte, nur durch das vorwiegend politische Kolossalbild Athens, welches die alte Komödie heißt, in den Hintergrund gedrängte Richtung alles Lustspieles, die Ständeverspottung, wieder zu ihrem Rechte, das »megarische Element« scheint wieder vorgedrungen zu sein, die herbe Komödie (κωμῳδία φορτική), verbunden mit der Götterkomik und ohne Zweifel mit Liebesgeschichten als Substrat.

Von der megarischen Posse war früher591 die Rede. Sie soll bereits »die lächerliche Nachahmung bestimmter Stände und Geschäfte im Menschenleben«, besonders bereits die des KochesA36 kultiviert haben, und an sie soll der sizilische Megarer Epicharmos angeknüpft haben, der, um eine Generation älter als Aristophanes, besonders unter Hieron in Syrakus lebte592. In dieser Stadt war die Komödie unmöglich politisch, sondern von allgemein menschlicher Tendenz; der Dichter erging sich über Torheiten und Lächerlichkeiten aus dem gemeinen Leben, und seine Gestalten sind der Bauer, der Trunkenbold, auch schon der Parasit; dabei waren seine Komödien voll philosophischer Erörterungen nicht bloß moralischer, sondern sogar metaphysischer Art, wobei uns freilich rätselhaft bleibt, wie die Philosophie mit dem übrigen Stoffe zusammenhing. Ein großer Teil dieser Stücke aber hatte eine mythische Form; das ganze Götter- und Heroenwesen erschien darin in eine niedrige Sphäre versetzt; das Leben der Götter war nach der Weise der bürgerlichen und häuslichen Verhältnisse, des gemeinen Mannes aufgefaßt, die gemeinsten Triebe an ihnen hervorgehoben. Es findet sich der fressende Herakles, ein Hochzeitsmahl der Götter, ein Gelage, an dem Hephästos mit Hera streitet, aber trunken durch Bakchos auf den Olymp zurückgeführt wird, kurz die Respektswidrigkeit gegen die Olympier ist nicht kleiner als in den Vögeln des Aristophanes593.

Von dieser ältern sizilischen Komödie also mit ihrer Verspottung nach Ständen und ihrer Götterkomik war der Übergang zur mittlern attischen Komödie viel leichter als von der alten attischen Komödie aus; daß diese letztere aber sich in Athen nicht halten konnte, hatte seine innern Gründe.[260] Der große aristophanische Spott auf den Staat und dessen Repräsentanten und Krisen war nämlich unmöglich geworden; man war zu schwach und unbedeutend, um die volle Karikatur, die sich nur für das Große lohnt, noch auszuhalten; auch war die Politik schon zu vielen klugen Leuten verleidet. Dazu gab es ein Staatsverbot gegen die persönlichen Masken, die freilich unter diesen Umständen kaum mehr nötig gehabt hätten verboten zu werden; die persönliche Malice aber ließ man sich jedenfalls durch das verschiedentlich erwähnte Verbot, die Leute unter Nennung ihres Namens zu verhöhnen594, nicht nehmen; vielmehr blieb dieser, woran auch der Plutus keinen Mangel hat, auch neben der Persiflage ganzer Stände und stehender Charaktere Tür und Tor offen595; nur traf sie jetzt neben allerhand andern Opfern des Stadtgespräches hauptsächlich die Philosophen, Redner, tragischen und epischen Dichter, allenfalls auch einen fremden Herrscher596, und wenn man einmal auf einem Individuum herumtrat, so taten es gerne mehrere.

Von Chören ist in dieser Komödie keine sichere Spur mehr vorhanden597, und somit ist auch keine Rede mehr von einer Parabase; schon in den letzten Stücken des Aristophanes will das Wort »Chor«, wo es, ohne daß ein Chorlied folgt, zwischen den Szenen steht, nichts anderes mehr sagen, als daß hier eine Zwischenmusik durch den Flötenspieler oder auch ein kurzer Tanz stattfand; es scheint, daß die Mittel der reichern Leute nicht mehr für die regelmäßige Bestreitung der Choregie ausreichten. Im übrigen blieben die Aufführungen im Zusammenhang mit den dionysischen Festen; nur läßt sich angesichts der Massenhaftigkeit der Produktion598 ohne die Annahme kaum auskommen, daß auch zwischen denselben Aufführungen stattfanden; diese waren im ganzen wohl eher schon ein Geschäft geworden.

Da diese Gattung nun auf Erfindung neuer Stoffe angewiesen war599, bedurfte sie neuer Vehikel, und als ein solches scheint sich ihr bereits die[261] Liebes- und VerführungsgeschichteA37 geboten zu haben. Angeblich meldete sich diese zuerst bei Anaxandridas600, daneben aber steht die beharrliche Behauptung, daß Aristophanes bereits in seinem späten Stücke »Kokalos« Verführung und Wiedererkennung und andere Motive Menanders gebraucht habe601. Das Erotische wird vielleicht, wenigstens wenn das Stück keine Götterposse war – aber auch selbst dann –, das häufigste Substrat der Handlung gewesen sein, und am Ende hat sich die mittlere Komödie von der neuern nur durch die häufigere Stände- und Literaturparodie und durch das Mythologische unterschieden.

Was nun die Götterburleske betrifft, so war dieses an sich, ohne aristophanische Bezüglichkeit, sehr dubiose Genre den Titelverzeichnissen nach sehr stark vertreten. Die einzige einigermaßen entsprechende Idee davon gibt uns der Amphitruo des Plautus. Wenn dieser wirklich die Nachahmung eines solchen Stückes ist, so mögen manche gute und spaßhafte Szenen darin vorgekommen sein: wie Merkur den Sosias vermöge der Götterallwissenheit an seiner eigenen Persönlichkeit irremacht und ihm durch Mitwissen des Geheimsten beweist, er sei Sosias, ist echt komisch. Der Rest, besonders die schamvolle Verwirrung der Alkmene, welche mit zwei Verschiedenen geschlafen hat und dagegen kummervoll protestiert, ist einfach frech; sie will und kann die Tatsache nicht zugeben, während der wiehernde Zuschauerpöbel sie weiß. Überhaupt wurden viele Götterzeugungen602 auf die Bühne gebracht; sonst scheint hier, wie im alten Satyrdrama und bei Epicharm, Herakles als Fresser eine besonders beliebte Figur gewesen zu sein603.

[262] Von der Ständekomik, worin die Neuern den Alten überlegen sein konnten604, zeugen eine Menge pikanter Titel, die vielen athenischen Realismus erwarten lassen, freilich aber vielleicht pikanter lauten, als die Stücke selbst waren605. In den Fragmenten finden sich hübsche Genrebilder, wie die von Athenäus (II, 44) aus dem »Olynthier« des Alexis mitgeteilte Rede, worin ein Bettelweib ausführt, wie sie ihrer fünf seien, ihr Mann der Bettler und sie, die Alte selbst, eine Tochter, ein junger Sohn und die Wackere, die sie bei sich hat (wahrscheinlich eine Tochter, die sie verkuppeln will), und was sie essen und wie sie nach Umständen abwechselnd hungern und dabei elend werden. In solchen Stellen würde für uns der Wert dieser Stücke, der ein kulturhistorischer wäre, am ehesten liegen. Natürlich schloß der Realismus die Hyperbel nicht aus; wir lesen z.B. die kolossale des Ephippos606 von dem heiligen Riesenfisch, welcher größer als die Insel Kreta ist usw. Auch kühne bildliche Prahlereien kommen vor, indem z.B. jemand die Gefährlichkeit seiner Tischgesellschaft mit dem Worte schildert: »Unser Essen sind geschärfte Schwerter, als Zukost schlucken wir brennende Fackeln, zum Nachtisch bringt der Bediente kretische Dolche« usw.607. Gewiß aber spielte die Übertreibung nicht mehr dieselbe Rolle wie in der alten Komödie. Eine Liebhaberei dieser Dichter, die wir hier beiläufig erwähnen wollen, bestand nach den vielen Mustern bei Athenäus (X, 69 ff.) auch darin, ihre Personen Rätselfragen (γρίφους) aufgeben und lösen zu lassen, ohne daß man ahnt, welche Förderung das Ganze der betreffenden Komödie davon haben mochte; es war wohl nur eine athenische Liebhaberei; wenn ein Dichter eine vexante Aufgabe wußte, brachte er sie wohl oder übel in seinem Stücke an.

Gern beschäftigt sich auch diese Komödie mit den Tragikern608,[263] besonders aber wird den Philosophen vieles nachgesagt. So schildert Epikrates aus Ambrakia eine Szene aus Platos Akademie, wo die ganze Schülerschaft über einen Kürbis streitet, ob er ein Kraut, ein Gras oder ein Baum sei, bis ein sizilischer Arzt sie deshalb verhöhnt. Als sie dann böse werden, erscheint Plato ruhig und befiehlt ihnen, nochmals über die Frage zu meditieren609. Aus Antiphanes wird uns eine Hohntirade über die »Sophisten« im Lykeion, also die Peripatetiker, wegen ihrer Distinktion von Sein und Werden (εἶναι und γίγνεσϑαι) mitgeteilt610, die für uns ganz so klingt, als hörten wir die Parodie Hegelscher Logikoperationen. In verschiedenen Stücken ebendesselben und auch des Alexis611 fielen ferner Hiebe auf das armselige Leben der Pythagoristen, welche kein Lebendiges (ἔμψυχον) und keinen Wein genießen, wohl aber einen Hund, den man vorher getötet hat, so daß er kein Lebendiges mehr ist. Auch sagt ihnen ein Dichter612 nach, die ganze Kasteiung geschehe nur, weil sie es nicht besser hätten; »wenn man ihnen Fische oder Fleisch vorsetzt, so will ich mich zehnmal hängen lassen, falls sie nicht selbst die eigenen Finger dazu fressen.« Dagegen scheint man damals die Zyniker in Ruhe gelassen zu haben, vielleicht weil man ihr böses Maul fürchtete. – Immerhin beweist die Verhöhnung der Philosophie, wie sehr dieselbe eine Hauptsache im athenischen Leben geworden sein muß, als es sich nicht mehr lohnte, den Staat zu verhöhnen, und da die Philosophen einander in ihren Schriften fast noch ärger behandelten, als die Komiker taten, empfinden wir ihnen gegenüber kein großes Mitleiden; aber gut ist es, daß die mittlere Komödie so wenig als die alte und die neue der bildenden Kunst auch nur gedacht zu haben scheint; Skopas und Praxiteles hatten das Glück, von ihr ignoriert zu werden, vielleicht schon, weil sie nicht permanent in Athen verweilten.

Gegenüber von diesem allen ist nun überaus bezeichnend die enorme Stelle, welche der Koch, das Essen und überhaupt das Wohlleben einnimmt.[264] »Um so etwas zu goutieren, muß man oft Picknick gegessen und um Hetären willen Schläge bekommen und ausgeteilt haben«, sagte Antiphanes zu Alexander, als er diesem eine Komödie vorgelesen und damit wenig Beifall gefunden hatte613. Weil die Dichter ein Publikum von solchem Geschmack voraussetzten, war bei ihnen so unbillig viel vom Essen und Trinken die Rede, und gerade von den angesehensten, von Eubulos, Alexis, Antiphanes, Anaxandridas sind die Zitate dieser Art so gar zahlreich. Aus letzterm erhalten z.B. wir die Erzählung von der halbbarbarisch grotesken Aufwartung bei der Hochzeit des Iphikrates mit der Tochter des Thrakerkönigs Kotys614. Ein anderes Mal erfahren wir von den Großfressern, welche stürmisch alle Fische auf dem Markt zusammenkaufen615; auch der aus Äschines bekannte Misgolas kommt bei ihnen vor, welcher sich beständig mit Kitharöden und KitharistenA38 umgibt616; im »Äsop« des Alexis, vielleicht einem Genrebild aus vergangener Zeit, das Äsop im Gespräch mit Solon zeigte, war auch von den Weinhändlern die Rede, welche den Wein verwässern, aber ja nicht aus Gewinnsucht, sondern um den Käufern die schweren Köpfe zu ersparen617. Auch für dies Gebiet hatte Epicharm, der Ahnherr dieser mittlern Komödie, das wichtigste Präzedens abgegeben; er hatte bereits den Namen des Parasiten, der nun zur stehenden Figur wurde618. Bei Alexis erscheint z.B. der Parasit Chärephon, der sich um jeden Preis freien Tisch verschafft, bei den Garköchen auskundschaftet, für wen sie rüsten müssen, und sogar nach Korinth fährt, um ungeladener Gast zu sein619, und von Antiphanes gab es eine Komödie: der Parasit620. Besonders aber bemächtigte sich der Koch der Bühne: wir lesen u.a. aus der Pannychis des Alexis eine Tirade, worin ein solcher klagt, daß er zurüsten solle und noch mit gar nichts versehen sei621; und ein Prestissimo aus Mnesimachos bringt den Wortschwall eines Kochs, der seinen Sklaven auf die Agora aussendet, um die jungen Herrn, die dort Reitstunde nehmen, durch Aufzählung aller möglichen Genüsse in sein Lokal zu laden622; bloß die Eßwaren machen sechzig Artikel aus, und der Vortrag dieser Stelle in einem Atem mochte für den Schauspieler ein Kunststück sein, schwerer als die großen Wortschlangen bei Aristophanes. Von der literarischen Seite wird man zugeben müssen, daß viel recht Komisches und gut Gemachtes in diesen Partien vorkommt, aber sehr traurig ist es doch zu sehen, wie sehr Athen auf diese Sorte von Genuß erpicht war.[265]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CCLX260-CCLXVI266.
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