III. Objektive Betrachtung der Staatsformen

Es war eines der teuer erkauften Resultate des Lebens und Leidens der Polis, daß der griechische Geist die Staatsformen objektiv und vergleichend anschauen und schildern lernte. Der Orientale war durch heiliges Recht und tatsächliche Despotie innerhalb des Gesichtskreises seines Staates festgehalten, und wenn bei den Hebräern die Kritik des jedesmaligen Staatswesens durch die Propheten geübt wurde, so geschah dies durchaus nur vom theokratischen Gesichtspunkte, hauptsächlich von der Frage aus: ob Jehova im Glauben und Leben geehrt werde oder nicht. Erst ionische Griechen haben den Achämenidenhof mit der Beratung über die beste Staatsform (bei der Erhebung des Darius) belebt1, und erst Herodot hat die politischen und anderen Raisonnements im Stabe des Xerxes gedichtet.

Bei den Hellenen ist schon die einmalige Entstehung der Polis ohne Beratung nicht denkbar, und sofort entsteht die Agora und entwickelt ihre unvermeidlichen Konsequenzen: Besprechung über das Ganze des Staates und über alle einzelnen Fragen des täglichen politischen Lebens. Die frühesten Dichter, Hesiod in seinen Mahnungen, Tyrtäos in seinen Aufrufen, streifen durch den Ton der Paränese noch hie und da an die Propheten; bei Solon spricht schon die freie Betrachtung. Nachdem dann Zunge und Sinn vollständig gelöst waren, haben nicht nur die Dichter die Polis auf alle Weise apostrophiert, verherrlicht und verspottet, sondern die Staatsmänner redeten in weitem und lichtvollem Zusammenhang über die Lage des Augenblicks, und die Geschichtsschreiber durchdrangen sich völlig mit politischen Anschauungen; die Philosophen aber gönnten dem Staat nicht bloß ihre BetrachtungA1, sondern erhoben ihn auch zum freienA2 Objekt dichtender Spekulation, während sie sich der konkreten Polis bereits zu entziehen pflegten. Und nicht nur der hellenische Staat[261] wurde betrachtet, von den Griechen allein rührte auch fast alles das her, was bis zu den Entdeckungen unseres Jahrhunderts über die Staatseinrichtungen der übrigen alten Völker, von Ägypten bis zu Persien und Karthago gewußt wurde, und noch der späte Polyb hat2 das Bündigste gesagt, was über den römischen Staat der Blütezeit jemals im Zusammenhang gesagt worden ist. Die Griechen allein schauen und vergleichen alles.

Vielleicht aus demselben Jahre, in welchem Aristophanes seine Wolken aufführte (424 v. Chr.), stammt das früheste vorhandene politische Memoire der Welt, die dem Xenophon fälschlich beigelegte Schrift »Über den Staat der Athener«. Ein attischer Oligarch – Kritias oder wer sonst – hat sich die nötige eiskalte Objektivität auferlegt, um im einzelnen darzutun, daß die Demokratie, böse wie sie sei, in ihrem Interesse durchaus zweckmäßig handle, so wie sie handle. Er bringt auf diese Weise im Leser eine völlige Überzeugung über die vorgebrachten Tatsachen hervor, obwohl er sich dazwischen auch etwa einen offenen Hohn gestattet. In der Zeichnung politischer Situationen, in der Begründung von Vorschlägen erreichen zugleich die Reden und die Debatten bei Thukydides eine vollendete, sichere Meisterschaft, mögen sie nun eher ihm oder denA3 sprechend Eingeführten angehören, und noch in den Hellenika des Xenophon findet sich jener unvergleichliche Redekampf auf Leben und Tod zwischen Kritias und Theramenes. Bald beginnen dann die erhaltenen attischen Staats- und Gerichtsreden.

Inzwischen hatte sich auch die Philosophie aufgemacht, nicht nur um über den Staat im Allgemeinen und imA4 Besonderen zu reden und zu schreiben, so daß mit der Zeit jeder angesehene Philosoph eine Schrift περὶ πολιτείας (vom Staat) hinterließ, sondern sie entwarf, wie schon angedeutet, Idealbilder, Utopien, vom Staate, wie er sein sollte – an und für sich ein Unternehmen, welches der Phantasie der Griechen vollkommen angemessen war. Glaubte man doch von den frühern, zumal den mythischen Gesetzgebern, daß sie ihren Staat frei ausgesonnen und dann eingeführt hätten; warum sollte dies nicht wiederum möglich sein3? Xenophon in seiner Kyropädie schildert einen in sokratischer Ethik gebildeten Musterkönig und gibt damit zugleich eine indirekte Kritik der griechischen Demokratie in ihrer Zerrüttung; für Griechenland aber war, wenn nicht sein Ideal, doch der beste erreichbare Zustand schon konkret[262] vorhanden in dem von ihm bewunderten Sparta. – Plato, ebenfalls vom wirklichen attischen Staatswesen frühe abgestoßen und demselben in der Folge völlig entfremdet, hat zunächst doch lange Zeit sich von dem Drange nach politischer Wirkung nicht frei machen können; er war der Meinung, daß nur aus der wahren Philosophie das Rechte im Staat und Privatleben zu erkennen sei, und daß daher die Menschengeschlechter nicht aus dem Jammer herauskämen, bis das Geschlecht der wahren und richtigen Philosophen zu den bestimmenden Ämtern gelangte, oder aber die in den Poleis Mächtigen zu wahren Philosophen würden4. Daß dies Letztere von den damaligen athenischen Machthabern nicht zu hoffen sei, lag auf der Hand, aber bei einem mächtigen Einzelnen, einem Herrscher, schien dem Plato, wäre ein Versuch zu wagen. Und so finden wir den Mann, der sein Athen mußte auf sich beruhen lassen, dreimal als Ratgeber bei den Tyrannen von Sizilien, um jedesmal nur mit Mühe und Lebensgefahr wieder loszukommen. Man glaubt an diese Reisen nicht gerne, weil sie eine so ungemeine Verblendung voraussetzen, zumal die erste zu dem harten Praktiker Dionysios dem Ältern; nur wird gerade diese von Niemand bezweifelt. Allein ein ganzer Kreis von Leuten, welche den Plato wiederzukommen veranlaßten, teilten ja in betreff des jüngern Dionysios die Täuschung, als wäre dieser nicht nur auf eine tugendhafte Bahn zu leiten, sondern eventuell auch stark genug, um Sizilien irgendwie in ihrem und Platos Sinne zu reorganisieren. Als ob nicht bei jeder Veränderung (namentlich bei Auflösung des syrakusischen Staates in einen aristokratischen Städtebund) der Sturz, neue Wirren und eine neue Tyrannis vor der Tür gewartet hätten5. Aber Plato hat ja sogar die Verwirklichung seiner eigentlichenA5 Utopien für möglich gehalten! Außer der idealisierenden Schilderung eines wesentlich ägyptisch eingerichteten Ur-Athens, 9000 Jahre vor dem jetzigen6, wie sie im Timäos und im Kritias vorkommt, hat er in zwei umfangreichen Werken das Bild eines unbedingten und dasjenige eines gemäßigten Staates, wie er sein sollte, entworfen.

[263] Das erstere Buch, die Politeia, hat zunächst neben seiner Formvollendung einen unvergänglichen historischen Wert durch die reichen Aufschlüsse über den damaligen7 Zustand des wirklichen Griechenlands. Sodann lernt man hier, wie nirgends anderswo, die griechische Polis in ihren verborgensten Wünschen und ursprünglichstenA6Intentionen kennen und wird inne, welche Konsequenzen eigentlich hätten gezogen werden müssen. Die völlige Abdikation des Individuums und sein absoluter Heimfall ans Allgemeine sind hier ausgedrückt durch Abwesenheit des Privatbesitzes und Weiber- und Kindergemeinschaft bei den zwei oberen Ständen, nämlich den Regierenden und den Wächtern oder Helfern; diese leben und speisen auch gemeinsam und die Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, werden von Geburt an öffentlich erzogen. Hier zeigt es sich am deutlichsten, welche Verhärtung das Polis-Ideal auch über einen auserwählten Geist bringen konnte. Der ganze erwerbende Stand aber – Landbauern wie Gewerbtreibende – also die Masse, sind vom aktiven Staatsleben ausgeschlossen und zu völligem Dienen angehalten. Nur hatte gerade die Masse im damaligen Griechenland das Heft in den Händen, und es gehörte ein hoher Grad von Hoffnungsseligkeit dazu, um zu glauben, sie würde dasselbe wieder loslassen. Die Gütergemeinschaft sodann ist zunächst ein Bestandteil fast jeder Utopie und kurz vor Plato wird sie gepredigt von der Praxagora in den Ekklesiazusen8, sie jedoch in die Wirklichkeit einzuführen wäre aus zwei besondern Gründen unmöglich gewesen: der Privatbesitz und Privatgenuß war nämlich ein Hauptstreben fast aller damaligen Griechen und hatte sich auch tief eingefressen in dasselbe Sparta, das der platonischen Politeia sonst so viel näher steht und so viel mehr Farben leiht, als alle übrigen Staaten; ferner hatte man gelernt, durch periodische Beraubung der Besitzenden den Vermögensungleichheiten einigermaßen zu begegnen. Weiterhin machen die in ein Lager gewiesenen »Wächter« mit ihrer als selbstverständlich angenommenen Pflichttreue eine gar zu unmögliche Figur neben den gewaltigen Söldnerrotten, welche damals die Poleis ausbeuteten. Das Ganze der Politeia endlich mit ihrer Absperrung nach Kasten, ihrem vorgeschriebenen Tun, ihrer Abwehr gegen jede Neuerung kontrastiert auf das stärkste mit dem reich und schrankenlos entwickelten Individualismus des damaligen Griechen. Das Allerfraglichste ist jedoch die Leitung des Ganzen. Laut Plato sollte durch frühe Auswahl und sorgfältige Erziehung ein oberster Stand der »Regierenden« (ἄρχοντες) gebildet werden, welche man schon[264] Mühe hat sich einträchtig vorzustellen, weil es doch Griechen sind, es sollten aber zugleich Philosophen sein, und hier kann dem Leser der Ernst ausgehen.

In seinen spätesten Jahren entwarf dann Plato das Bild einer bedingten Utopie in seinem Buch »von den Gesetzen«, welches wenigstens schon bei Aristoteles als sein Werk anerkannt wird und den Hauptbestandteilen nach von keinem andern sein kann. Das gemäßigte Ideal, welches hier in der Hoffnung auf leichtere Verwirklichung entwickelt wird, ist im Grunde ebenso unmöglich, als jenes erste, weil es ebenso gegen das Wesen des Griechen und des Menschen9 geht. Diesmal wird auf Gemeinschaft der Weiber und der Habe verzichtet; es handelt sich um eine Ackerstadt von 5400 stets vollzählig zu haltenden Landlosen, möglichst abseits vom Meere (nach welchem doch das ganze Griechentum lechzte). In den einzelnen Einrichtungen, welche hier bis ins Genaueste hinein geschildert werden, verrät sich auch diesmal wieder die Polis mit ihrem Wunsch, das ganze äußere und innere Leben des Menschen sich absolut dienstbar zu machen; nicht nur vom Meere, welches so viele bunte und böse Sitten mit sich bringe, soll derselbe abgesperrt werden, sondern namentlich von der eigenen Phantasie, so daß die ganze Einwohnerschaft ihr Leben lang eins und dasselbe »singen und sagen« müßte; auch die Dichtung (welche sonst so vorherrschend das griechische Volk erzog) sollte hier wie in der Politeia in sehr bestimmte Grenzen gebannt und die Kunst und die Religion hieratisch stillgelegt werden. Die Lenkung dieses Staates fällt aber bedeutsamer Weise hier nicht mehr einer Auswahl von Herrscher-Philosophen, sondern einem einzigen »Gesetzgeber« zu, einem permanenten Allerweltsaufpasser, Belohner, Tadler, Moralisten, Kontrolleur aller Habe, Ausgaben und Geschäfte der einzelnen, welcher natürlich ein Beamtenheer für seine Obliegenheiten nicht entbehren kann. Den Schlußstein des Ganzen bildet ein aufgezwungener Optimismus: in der berechtigten Ahnung, daß sich Unzufriedenheit regen möchte, wird das Reisen nach Kräften verboten und denjenigen, welche auswärts gewesen sind, befohlen, daheim auszusagen, es sei draußen alles weniger gut. Endlich soll man fleißig in Delphi fragen lassen – in einer Zeit, da vielleicht Pythia bereits »philippizte«.

Es bedarf kaum mehr der Kritik des Aristoteles10 über beide Bücher, um die Unmöglichkeit dieser Phantasiebilder, ihren Widerspruch gegen die Anlage des konkreten Griechen einzusehen. Es lag in Plato ein Zug der Gewalttätigkeit, der sich auch einzelnen Schülern mitteilte; wo solche auf einen Staat Einfluß gewannen, fand man, sie seien tyrannisch und denunziatorisch11.[265] Die Hauptbeschwerde aber, welche die Nachwelt gegen seine beiden Bücher erheben kann, bezieht sich auf sein Programm der Stillstellung der griechischen Kultur; allerdings stand die unbedingte Entwicklung derselben in Verbindung mit dem Niedergang der Polis, allein an jener Entwicklung ist allen seitherigen Zeiten unendlich viel gelegen gewesen, und die Weltgeschichte hatte mit derselben noch sehr große Dinge vor. Und noch eins läßt sich gegen Plato sagen; er hat in keiner von seinen beiden Utopien auch nur im geringsten die Zukunft erraten oder gar hervorgerufen12; was aus ihm spricht, ist die alte, ursprüngliche Absicht der Polis, und was er vorschlägt, soweit es irgend eine Wirklichkeit betrifft, sind nur Formen des Vergangenen, bei welchen es seine Gründe hatte, daß es ein Vergangenes war. Wie unendlich überlegen ist ihm der große Thomas Morus, dessen Utopie ahnungsweise so manches enthält, was seither in England und Nordamerika zur Wirklichkeit oder doch zu einer herrschenden Anschauung geworden ist. Das Buch ist wohl unter Einwirkung von Platos zweitem Werk entstanden13, verhält sich aber dazu wie eine kräftige Jugend zum hinfälligen Alter. Und wie steht Plato da mit der aus lauter Zweckmäßigkeit für seine Utopien zusammenkonstruierten Zwangsreligion, an welche er selber nicht geglaubt zu haben braucht, neben der tiefinnigen, ganz auf vielartige Freiheit ausgehenden Religiosität des Morus!

Während es sich bei Plato noch immer darum handelt, an einem einzelnen Fleck ein längst unmöglich gewordenes Ideal zu verwirklichen, welches dann wahrscheinlich durch das Beispiel hätte weiter wirken sollen, und während er einen despotischen Winkel nach dem andern konstruiert und bei einer Ackerstadt von 5400 Losen anlangt, ohne einen Blick auf die Nation als Ganzes, bereiten sich die größten weltgeschichtlichen Dinge vor; bald darauf strömt das Griechentum massenhaft in die Lande des Orients und entwickelt dort die zweite, für die ganze Welt mitteilbare, der Polis entronnene Stufe seines Geistes: den Hellenismus, und seine Kunst, welche Plato zu Gunsten eines stationären Stils hatte kassieren wollen, wird zur Kunst des ganzen spätern Altertums.

Platos Zeitgenossen und spätere Philosophen entwarfen nach seinem Vorgang noch eine Anzahl von Utopien, und schon Aristoteles14 zählte[266] einige derselben auf; weiter folgen die der Stoiker Zeno und Chrysipp, aber schon war es inzwischen Mode geworden, einzelnen Gestalten des Mythus Erzählungen aus irgend einem Nirgendheim in den Mund zu legen, wie Theopomp dem Seilenos in dessen Gespräch mit Midas15, und ganz besonders nahmen dichterische Reiseberichte überhand, welche irgend eine wunderbare Ferne mit flüchtiger Benützung politischer und sozialer Wünschbarkeiten ausmalten. Die Schrift des Hekatäos von Abdera (aus der Zeit Alexanders d. Gr.) über die Hyperboreer könnte noch ein durchgeführtes Ideal gewesen sein16; was Euhemeros von seiner glücklichen Insel Panchaia meldet17, geht schon nicht weit über ein pomphaftes Schlaraffenland hinaus, und die Insel weit draußen im Meere vor Äthiopien, welche Jambulos besucht haben will18, ist auch nicht viel interessanter, wenn gleich hier etwas größere Ansprüche auf politische Gedanken gemacht werden.

Von diesem ganzen Vorrat würden für uns jene Utopien der Stoiker den meisten Wert haben, nicht weil sie hätten ausführbarer sein müssen als die platonischen, sondern weil wir darin die Denkweise der Stoa durch ein Schlußkapitel19 vervollständigt finden würden, das uns jetzt fehlt. – Übrigens sollte ja in der spätesten Zeit des Altertums noch mit dem Staate Platos selbst ein Versuch gemacht werden: im Jahre 263 n. Chr. wollte Plotin, das Haupt der neuplatonischen Schule, an der Stelle einer wüst liegenden kampanischen Stadt eine Platonopolis im vollen Sinne des Wortes gründen und dort seine Freunde um sich versammeln; auch nahm der Kaiser Gallienus den Plan nicht ungünstig auf, allein das Übelwollen einiger Hofleute hintertrieb die Ausführung. (Oder vielleicht das Übelvermögen der kaiserlichen Kasse.)

Wenn Plato mit der Erwartung seine Utopien verwirklicht zu sehen sollte allein gestanden haben, so wird doch bei allen Utopisten ein gewisses Verlangen vorauszusetzen sein, auf ihre Zeitgenossen praktisch einzuwirken, ihnen eine bestimmte politisch-soziale Richtung mitzuteilen. In einsamer Höhe steht ihnen allen gegenüber Aristoteles. Er wußte zunächst mehr vom wirklichen Staat als alle Übrigen, und sein großes, nur[267] noch in armen Bruchstücken vorhandenes20 Buch von den »Politien« enthielt eine Rechenschaft über 158 (n.A. sogar 250) verschiedene Verfassungen. Erhalten aber ist seine »Politik« oder Lehre vom Staat, deren Wert nicht nur in den allgemeinen Definitionen oder in den herrschenden griechischen Ansichten von dessen Natur und Zweck oder in der Fülle von Mitteilungen über wirklich vorhandenes, sondern in der Erkenntnis liegt, daß überhaupt mehrere Grundformen berechtigt seien, Typen bildeten, deren Ausartung er dann in Parallele daneben stellt. Die Folge ist gewesen, daß die Welt das Politische bis heute zum Teil mit den Augen des Aristoteles sieht und in seinen Ausdrücken davon spricht, wobei man immerhin voraussetzen mag, daß seine Schule und andere spätere Philosophen, deren so zahlreiche Schriften »vom Staate« nur aus den Titeln bekannt sind, zur Verbreitung seiner und ähnlicher Anschauungen noch vieles werde beigetragen haben.

Die Kyniker aber, schon seit Antisthenes, hatten sich durch das Privilegium der Armut außerhalb der Polis gestellt und setzten ihr nun mit kräftigem Hohne zu; sie sind überall daheim und überall fremd, eine lebendige Kritik des despotischen und gesunkenen Freistaates, wie im mittelalterlichen Orient die Sophi die des gesunkenen Sultanates. Endlich kam Epikur und erlöste die Denkenden wenigstens im Gedanken, indem er die Polis auf das vernünftige Maß eines gegenseitigen Vertrages um der Sicherheit willen herabsetzte; hier ist der Mensch nicht mehr um des Gesetzes willen, sondern das Gesetz um des Menschen willen vorhanden. Freilich keine Einsicht der Einzelnen konnte hindern, daß der Prozeß der Zersetzung in den wirklichen Griechenstaaten seinen Gang weiterging, mit lauter angeblicher Freiheit und lauter Verfolgungen und innern Krisen.


Es sind alte Weltgesetze, daß die Kräfte nur im Gegensatz, nur im Ringen gegen einander sich vollständig entwickeln und bewußt werden, und daß eine stark entwickelte politische Kraft die große Grundbedingung ist für alles äußere und geistige Gedeihen, die unentbehrliche Stütze der nur an ihr emporwachsenden Kultur. In letzterer Beziehung haben die griechischen Poleis lange Zeit hindurch Großes geleistet. Sodann ist vielleicht das äußere Schicksal der Menschheit im Ganzen einmal von den Griechen in ihrer Glanzzeit bestimmt worden, als sie der persischen Weltmacht das Vordringen nach Westen wehrten; die Eroberung Persiens aber vollbrachten dann nicht mehr die Poleis, sondern Alexander, während sie gegen ihn verschworen waren. Es bliebe nun übrig, ihr sonstiges Glück und Unglück, so weit sie es sich selber bereiteten, zu beurteilen,[268] und hier dürfen wir wohl sagen, daß die Polis, so wieA7 sie sich nach innen und nach außen entwickelte, ihre Menschen mit der Zeit überwiegend unglücklich gemacht haben muß. Sie bildete das Individuum nicht nur zur Persönlichkeit aus, sondern trieb es auf das Heftigste vorwärts und verlangte doch völlige Entsagung; endlich spricht dann statt der Polis die jedesmalige Masse, und nun nicht mehr im Sinne eines höhern Allgemeinen, sondern je nach ihrer Gier; diese letztere aber hat die Eigenschaft, daß sie nie zu stillen ist. Schon die Bedrohung des Daseins mußte nun die äußerste Erbitterung erzeugen; da aber von früher her die Polis das Eins und Alles, ja die Religion der Griechen gewesen war, so hatten die Kämpfe um sie überdies, wie schon früher (S. 81 f.) gesagt, die Wut, die man sonst an Religionskämpfen beobachtet. Man kann daher auf die Anschauung kommen, daß in der ganzen Weltgeschichte kaum eine andere Potenz ihr Leben und Streben so furchtbar teuer bezahlt haben möchte, als die griechische Polis. Denn in gleichem Maße mit der hohen geistigen Entwicklung der Hellenen muß auch die Empfindung für die Leiden gewachsen sein, die sie einander zufügten. Und auch die Nachwelt hat bei diesem Hergang gewiß unendlich viel eingebüßt, so reiche Blüten auch der griechische Geist, zumal in der bildenden Kunst, noch später getrieben hat. Wir würden laut klagen, wenn wir uns die Summe dessen vorstellen könnten, was verloren gegangen sein muß durch die Ausrottung originaler Menschen, durch die Verschüchterung anderer und ihr Verstummen im Privatleben, durch dasA8 Verschwinden der Rassefamilien und der edlern Geselligkeit und durch das einseitige Vorherrschen und den Mißbrauch der öffentlichen Rede. Wie vieles das nur Griechen leisten konnten, wäre noch zur Blüte gelangt, ohne das rasche und schreckliche Vorwärtsleben der Polis!


Fußnoten

1 Herodot III, 80 ff.

2 Polyb VI, 53-57.

3 Den Spätern machte es nichts aus, Lykurg und Plato nebeneinander zu nennen. Athen. VI, 23.

4 So in dem bestrittenen siebenten Brief (p. 326 a), welchen wir nicht nur für echt dem Inhalt nach, sondern wohl für Platos eigenes Werk halten müssen, weil ein Schüler diesen Ton kaum möchte getroffen haben. – Die Zweifel gegen die zweite und dritte sizilische Reise entstammen einzig nur der Zweckwidrigkeit derselben.

5 Über Platos sizilische Reisen vgl. S. 185 ff. und Nachtr. 26.

6 Dies ist jener Ἀτλαντικὸς λόγος, welchen laut Platos Fiktion einst Solon von den Priestern von Heliopolis und Sais vernahm und welchen Plato selbst dann prächtig ausführen wollte. Freilich gedieh er nur bis zu Vor- und Umbauten (im Timäos und Kritias) und hinterließ das Ganze als ἔργον ἀτελές, wie der athenische Staat den Tempel des olympischen Zeus. Plut. Solon 26. 32.

7 Das Jahr, in welches Plato die Gespräche versetzt, aus denen die Politeia besteht, ist nach Böckh 411 v. Chr., als er selbst erst 18 Jahre alt war. Die wirkliche Abfassung aber fällt erst in seine reifste Zeit.

8 Aristoph. Eccles. 590 ff.

9 »Plato schrieb seine Gesetze nicht für wirkliche Menschen, sondern für die von ihm ersonnenen.« Athen XI, 117.

10 Aristot. Polit. II, 1-3, vgl. V, 10.

11 τυραννικοὶ καὶ διάβολοι. Athen XI, 118. 119, wo man die einzelnen Beispiele nachlesen mag. Ob Neid anderer Philosophen das Bild dieser Platoniker hie und da ins Schwarze gemalt habe, mag dahingestellt bleiben.

12 Paradoxerweise hat man freilich schon die christlichen Klöster als eine Erfüllung des platonischen Staatsideals in Anspruch genommen.

13 Auch den Jambulos bei Diodor II, 55-60 möchte Morus gekannt haben.

14 Aristot. Polit. II, 4. 5. 9, vgl. IV, 1. Über die des Hippodamos von Milet s. oben S. 79.

15 Aelian V.H. III, 18.

16 Aelian (Hist. anim. XI, 1), der das Buch noch kannte, teilt nur Fabelhaftes daraus mit.

17 Diodor V, 45 ff. Die Uranopolis des Alexarchos kennt man nur dem Titel nach.

18 Diodor II, 55-60.

19 Und zwar laut den Andeutungen bei Plutarch de fort. Alex I, 6 durch eine Art von allgemeinem Weltstaat. Vgl. Schwegler, Geschichte der griechischen Philosophie S. 308.

20 Geschrieben 1880. Der Herausgeber (Oeri).


Anmerkungen: A1 Statt: Betrachtungen. A2 Fehlt bei Oeri. A3 Statt: dem. A4 Fehlt bei Oeri. A5 Statt: eigenen. A6 Statt: ursprünglichen. A7 Statt: weit. A8 Fehlt bei Oeri.

Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1956, Band 5.
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