Drittes Kapitel.

Die griechischen Heereszahlen. Abschluß.

[42] Die Feststellung der taktischen Natur der griechischen Heere gibt uns neue Anhaltspunkte für die Abschätzung ihrer Größe. Eine Panoplie ist eine überaus kostbare Ausrüstung; nicht entfernt jeder waffenfähige Bürger ist imstande, sich eine zu halten. Jeder Hoplit hat überdies einen Ungewappneten bei sich. Die Phalanx war also sehr viel kleiner als die Zahl der Bürger.

In Athen gab es von Alters her vier Schätzungsklassen, von denen die beiden oberen zu Pferde, die dritte, die Zeugiten (Anspänner), die ein Einkommen zwischen 200 und 300 Scheffel (Metreten) Getreide, Wein oder Öl hatten, als Hopliten dienten. Ehe Athen eine Flotte besaß, wäre also der sehr bedeutende untere Teil der Bürgerschaft, die Theten, von der Verpflichtung zum Kriegsdienst ganz frei gewesen. Man wird jedoch mit Sicherheit annehmen dürfen, daß der Ungewappnete, der den Hopliten begleitete, damals meist auch ein Bürger war; die meisten Zeugiten werden keine Sklaven besessen haben. Als die Athener sich dann die Flotte anschafften und zugleich der Reichtum an Sklaven stieg, dienten die Theten zu Schiff, und die Hopliten ließen sich von einem zuverlässigen Sklaven begleiten.

Sparta mit Messenien hatte fast doppelt so viel Einwohner, aber da den Kriegsdienst nur die herrschende Kriegerkaste, in dringlichen Fällen unter Zuziehung der Bürger, die Periöken, aber unter Ausschluß der hörigen Bauern, der Heloten, versah, so stellte es nicht mehr Hopliten als Athen, etwa 2000 Spartiaten und 3000 Periöken. Korinth und Theben mögen 1500-2000 haben ins Feld stellen können. Das sind erheblich geringere Zahlen, als man sie früher angenommen hat, aber eine sorgfältige Prüfung[42] der Überlieferung mit Erwägung aller obwaltenden Umstände und Verhältnisse berechtigt uns zu der Annahme, daß jene Zahlen von der Wirklichkeit nicht wesentlich entfernt sein können.


Bei den Zahlen, die wir im 1. Kapitel berechnet haben, scheint es auffällig, daß der Seedienst so sehr viel mehr Menschen gebraucht und aufbringt, als der Landdienst. Heute ist es umgekehrt. Die Athener haben einmal eine Flotte von 170 Schiffen in Dienst gehabt, die eine normale Besatzung von 34000 Mann erforderten. Ihr größtes Landaufgebot (im Jahre 431) zählte nur 16000 Hopliten, ja sicherlich noch erheblich weniger, da Thucydides die Zahl der Aufgebotsliste gibt, ohne einen Abzug für Ausfälle oder auch nur für die entfernten Kleruchen zu machen. Wir haben aber nunmehr gefunden, daß ein Aufgebot von 16000 Hopliten tatsächlich eine Bewegung von etwa 32000 Männern bedeutet. Beide Aufgebote waren also doch annähernd gleich stark.

Von den 28800 dienstfähigen athenischen Bürgern im Jahre 431 dienten 1200 als Reiter, 1600 als Bogner, 13000 als Feldhopliten, 13000 blieben übrig, darunter zwei Jahrgänge Rekruten.

Beim Ausbruch des Peloponnesischen Krieges bildete also über die Hälfte der erwachsenen waffenfähigen Bürger das Feldheer. Damals war Athen auf der Höhe der Macht und des Wohlstandes. Es ist nicht anzunehmen, daß zur Zeit der Schlacht bei Marathon die Wehrkraft schon so ausgebildet war. Eine Panoplie war ein so kostbarer Gegenstand, daß auch im Jahre 431 nicht etwa die Hälfte der Bürgerschaft sich aus eigenen Mitteln eine solche Rüstung beschaffte, sondern diese war, wie wir noch sehen werden, einem Teil der Hopliten vom Staate geliefert. Daß solches schon in den Perserkriegen geschehen, ist nicht wahrscheinlich. Wir dürfen also annehmen, daß damals nur diejenigen Bürger als Hopliten dienten, die imstande waren, sich selbst eine Panoplie anzuschaffen. Hierfür haben wir einen Anhalt in der Klasseneinteilung der Athener, die Fünfhundertscheffler, die Reiter, die Anspänner (Zeugiten) und die Tagelöhner (Theten). Die Namen deuten an, daß, als diese Klassen geschaffen wurden, die Bewohner Attikas noch wesentlich vom Landbau lebten; im fünften Jahrhundert müssen wir jedoch annehmen, daß es einfach vier Schätzungsklassen waren, in die auch die städtische Bevölkerung nach dem Vermögen eingeteilt war. Politische Bedeutung hatten die Klassen nicht mehr – wenn anders sie sie je gehabt haben – für eine Steuerzahlung sind sie kaum brauchbar, aber in der Kriegsverfassung werden sie ihre Bedeutung gehabt haben. Für die oberste Klasse als solche wird eine bestimmte Verpflichtung in den Quellen nicht genannt, aber es gab gewisse Leistungen, namentlich die Ausrüstungen von Trieren (den Rumpf stellte der Staat), die den Reichsten direkt anbefohlen wurden. Da Jemand, der nicht den Zensus der höchsten Klasse erreichte, solche »Liturgien« gewiß nicht übernehmen konnte, so werden wir diese als das besondere Charakteristikum dieser Klasse ansehen dürfen. Außer[43] den Liturgien hatten die zur ersten Klasse Geschätzten zusammen mit denen der zweiten die Verpflichtung, zu Pferde zu dienen. Die Zeugiten haben die Verpflichtung, sich eine Hoplitenrüstung zu halten und mit ihr zu dienen. Meine Annahme, daß in der älteren Zeit die Theten als Ungewappnete mit ins Feld gingen, beruht darauf, daß ja Athen schon, ehe es eine Flotte besaß, eine Demokratie war, und allgemeines Stimmrecht ohne allgemeine Wehrpflicht nicht denkbar ist. Dem Hopliten, der nicht selbst seinen Begleiter, sei es einen Sohn, Bruder, Nachbarn, Sklaven mitbrachte, wird sein Gemeindebezirk einen Bürger als Begleiter gestellt haben. Die Einschätzung in die Zeugiten-Klasse werden wir so zu verstehen haben, daß die Familie einen gerüsteten Mann zu stellen hatte.27 Es ist unmöglich, daß, wenn in einem Bauernhause mehrere erwachsene Söhne waren, der Vater verpflichtet war, für jeden eine Panoplie anzuschaffen. Stellung eines gerüsteten Mannes bedeutete Stellung nicht von einem, sondern von zwei Männern.

Ist diese Auffassung richtig, so kann ein athenisches Hoplitenheer im Jahre 490 nicht wie im Jahre 431 die Hälfte, sondern kaum ein Drittel, wahrscheinlich nur ein Viertel oder Fünftel der waffenfähigen athenischen Bürgerschaft umfaßt haben. Eingeschlossen die Metöken haben also die Athener bei Marathon allerhöchstens 8000, wahrscheinlich aber nur etwa 5000 Hopliten gehabt, die von ebensoviel Ungewappneten begleitet waren.

Unsicher ist, wie weit die Dienstpflicht der Metöken ging. Für unsere Zwecke macht das nichts aus, da sie im Notfall und zur Landesverteidigung jedenfalls herangezogen wurden und unsere Berechnung ja nur auf die mögliche Maximal-Leistung geht.

SCHENKL, De Metoecis Atticis, Wiener Studien I, S. 196 (1879) verwirft ausdrücklich die Ansicht Hermanns, daß Bürger und Metöken dieselbe Kriegsdienst-Verpflichtung gehabt hätten. Auch THUMSER, Wiener Studien VII, 62 (1885) will, daß die Metöken-Hopliten vor Demosthenes' Zeit, außerordentliche Fälle ausgenommen, nur zum Schutz des attischen Landes verwendet wurden. Ebenso BUSOLT III, 53.

2. Die Bevölkerung von Lakonien und Messenien ist von Beloch auf 230000 Seelen berechnet worden, davon

9000 Spartiaten,

45000 Periöken,

176000 Heloten.

Ich möchte die Seelenzahl etwas höher ansetzen, da ich die Verhältniszahl der erwachsenen Männer etwas geringer annehme als Beloch. Auch sind ja immer ein Teil mehr Männer in kriegsfähigen Alter vorhanden, als tatsächlich ausziehen und ausziehen können. Im übrigen stimme ich jedoch seiner Berechnung völlig zu und kann für die Einzelheiten auf ihn verweisen.[44] Sparta war danach imstande, ein Hoplitenheer von etwa 2000 Spartiaten und 3000 Periöken ins Feld zu schicken;28 die Ungewappneten dazu stellten die Heloten.

Hierdurch kommt eine quellenmäßig überlieferte Zahl zu Ehren, die bisher immer sehr beiläufig behandelt worden ist. Die Spartaner schickten den Athenern, nach Herodot VI, 120, im Jahre 490 2000 Mann zu Hilfe. Das wäre doch auffallend wenig gewesen, wenn sie wirklich außer der Schiffsbesatzung bei Platää noch 5000 Spartiaten und 5000 Periöken als Hopliten gehabt hätten. Jetzt erkennen wir, daß es tatsächlich das ganze spariatische Aufgebot gewesen ist, das den Athenern zu Hilfe kam, daß also die Spartaner den Krieg sehr ernst genommen haben. Freilich, da Herodots Zahlenangaben an sich keine Glaubwürdigkeit haben, so mag hier ein Zufall obwalten; möglich ist aber auch, daß gerade diese Zahl, die den Athenern amtlich gemeldet sein wird, sich in der Tradition erhalten hat, während die Zahl der Athener und der Platäer, die πανδημεί auszogen, in der Tradition keine Stätte fand und nachher, vielleicht auf eine Frage Herodots, von irgend einem Unkundigen so verkehrt abgeschätzt wurde, daß auf den Flecken Platää eine relativ viel höhere Leistung kommt als auf Athen selber.

3. Das Ergebnis für Sparta stützt sich gegenseitig mit unserer Berechnung für Athen. Sparta galt damals bei den Griechen für den zweifellos waffenmächtigsten Staat.29 Die Spartiaten waren Krieger von Beruf und daher qualitativ den Bürgeraufgeboten der anderen Landschaften sicherlich überlegen. Wäre Athen aber zur Zeit der Perserkriege bereits imstande gewesen, 10000 Hopliten, gerade das Doppelte des spartanischen Heeres, ins Feld zu schicken, so hätte Sparta nicht einen so unzweifelhaften Vorrang in Anspruch nehmen können. Die Annahme, daß die Zahlen etwa gleich waren und die Überlegenheit der Spartaner in der Vorzüglichkeit der herrschenden Kriegerkaste beruhte, hebt jede Schwierigkeit.

Wenn Athen und Sparta nicht mehr als 5000, höchstens 6000 Hopliten aufstellen konnten, so hatten Korinth oder Theben, die nur sehr kleine Landgebiete beherrschten, sicherlich nicht mehr als 1500, höchstens 2000.[45]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 42-46.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon