Fünftes Kapitel.

Theorie. Xenophon.

[149] Die fortschreitende Technik des Kriegswesens brachte auch die Theorie hervor. Sie ging wohl aus von der Betrachtung über die Vorzüge der verschiedenen Waffen. Eine eigentümliche Spur, wie die lebhaften Athener darüber debattierten, findet sich in der Tragödie »Herakles« des Euripides, wo der Dichter, ohne daß der Stoff gerade dazu nötigte, offenbar nur, um den öffentlichen Geist durch das poetische Echo seiner eigenen Reden zu erfreuen, den Lykos, der den Herkules als einen bloßen Bogenschützen schlecht macht, mit Amphitryon streiten läßt.

Lykos sagt (nach Wilamowitz' Übersetzung):

»Was ist denn Herakles? Den Ruf des Mutes

Hat er im Kriege wider wilde Tiere

Gewonnen. Darin mag er tapfer sein,

Sonst nirgend. Kam doch nie an seine Seite

Ein Schild, noch kam er jemals in Berührung

Mit einem Speere. Seine Waffen sind

Die feigen Pfeile, seine Kunst ist Flucht.

Doch Mannesmut hat Keiner noch bewiesen

Als Bogenschütze. Dazu heißt es, stehn

Auf festen Füßen und mit festem Auge

Den Speer gefällt – nicht weicht er aus der Richtung:

Den Blick gerichtet auf den Wald von Speeren,

Der drüben starrt – und keine Wimper zuckt.«

Amphitryon antwortet ihm darauf:

»Die höchst sinnreiche Erfindung, Pfeil und bogen, Verwirfst du auch. So höre denn und lerne.

Der Lanzenkämpfer ist der Waffe Sklave,

Wenn ihm die Spitze bricht, so ist er wehrlos,

Denn eine Waffe nur verteidigt ihn;[149]

Und ficht mit Schlechten er in einem Gliede,

So fällt er durch des Nebenmanns Feigheit.

Dagegen, wessen Hand den Bogen führt,

Der hat den Vorzug (und das ist der größte),

Auch wenn er tausend Schüsse schon getan,

So fehlt ihm nicht die Waffe, sich zu wehren.

Auch trifft von ferne sein Geschoß, der Feind

Sieht sich getroffen, sieht doch nicht, von wem.

Er aber steht gedeckt und bietet nicht

Dem Gegner seinen Leib. Das ist im Kriege

Die höchste Kunst, vom Zufall unabhängig

Dem Feind zu schaden, selbst sich wohl zu wahren.«

Um eben diese Zeit, während des Peloponnesischen Krieges, begannen einige Sophisten über die Kriegskunst Lehrvorträge zu halten. Als der Erste aber, der es unternahm, systematisch das Wesen der Kriegführung zu durchdringen und zur Darstellung zu bringen, ist Xenophon anzusehen. Er erkannte bereits und betonte es immer wieder von neuem, daß das Kriegführen nicht eine Wissenschaft sei, sondern den ganzen Menschen mit allen seinen Fähigkeiten in Anspruch nehme. Die Taktik sei nur ein sehr kleiner Teil der Kunst der Kriegführung, läßt er den Sokrates sagen (Mem. III, Kap. 1). Der Feldherr muß sich auch auf alles, was zur Rüstung gehört und auf die Beschaffung der Lebensbedürfnisse für die Soldaten verstehen. »Er muß erfinderisch, tatkräftig, sorgsam, ausdauernd und von Geistesgegenwart, liebevoll und rauh, aufrichtig und hinterlistig, wachsam und täuschend, alles aufs Spiel setzend und alles haben wollend, freigebig und gewinnsüchtig, zuversichtlich und auflauernd sein.« Natur und Bildung müssen sich in ihm vereinigen. Es kommt dem Feldherrn zustatten, wenn er ruhmgierig ist, heißt es an einer anderen Stelle (III Kap. IV, 3). Der Cyropädie ist ein Lehrbuch der Politik und der Kriegskunst in der Form eines historischen Romans. So bedeutend dieses Buch auch als literarische Erscheinung ist und so viel es auch von praktischen Kriegsmännern gelesen worden ist, so läßt sich doch für unsern Zweck, die Erforschung der Geschichte der Kriegskunst, wenig daraus entnehmen. Die ewigen und unveränderlichen Elemente der Kriegführung, die psychologischen und moralischen, hat Xenophon vortrefflich behandelt, aber die wandlungsfähigen historischen Formen werden von ihm[150] nur beiläufig oder gar phantastisch behandelt, so daß man sich vorsehen muß, den Roman für Wirklichkeit zu nehmen. Die Formen, in denen sich zu Xenophons Zeit das Kriegswesen bewegte, sind so einfach, daß davon nicht viel zu reden war; ein schöpferischer Geist, der aus dem Vorhandenen neue Probleme entwickelt und gelöst hätte, war Xenophon nicht. Wo er den Ansatz dazu macht, mißglückt es ihm offenbar, und er, der praktische Soldat, verfällt sogar in antireales Theoretisieren.

Zu den Problemen, die jeden griechischen Heerführer beschäftigen mußten, gehört das Verhältnis der Breite zu der Tiefe der Phalanx. Stellt man – sagen wir 10000 Hopliten besser 1000 Mann breit und 10 Mann tief, oder 500 Mann breit und 20 Mann tief auf? Im einen Fall konnte man den Feind überflügeln, in dem anderen hatte man eine viel größere Wucht des Stoßes.82 Es ist erstaunlich, daß wir in der ganzen antiken Literatur über diese Frage keine eigentliche Betrachtung finden. Ja, wir haben nicht einmal eine bestimmte Überlieferung, wie tief die Phalangen tatsächlich meist gestellt worden sind. Von 8 Mann Tiefe ist so oft die Rede, daß man diesen Satz hat als eine Art Normalstellung ansehen wollen, und das dürfte richtig sein. Aber im einzelnen Fall wurde davon nicht nur nach Bedürfnis, sondern auch nach Willkür abgewichen. Kaum zu verstehen ist es, daß Thucydides von der Schlacht von Mantinea berichtet, daß die verschiedenen Hauptleute ihre Scharen nach eigenem Gutdünken verschieden tief aufgestellt hätten. In der Schlacht bei Delion stellten sich die Thebaner 25 Mann tief auf, die anderen Kontingente verschieden, jedenfalls sehr viel flacher. Xenophon kommt auf die Frage in der fingierten Schlacht des Cyrus gegen den Crösus. Dem Cyrus wird gemeldet, daß die Ägypter 100 Mann tief aufgestellt seien, während sein eigenes Heer 12 Mann tief stand. Einer seiner Obersten hat Bedenken, ob man einer so[151] tiefen Phalanx gegenüber stark genug sein werde; Cyrus erwidert, wenn die Phalanx tiefer ist, als die Waffen reichen, so können diese doch nicht mehr schaden – ein Einwand, der in jeder Beziehung unbefriedigend genannt werden muß: auch bei 12 oder 8 Gliedern kann bereits die größere Hälfte die Waffen nicht mehr direkt anwenden. Daß der Vorteil tiefer Aufstellung der Stoßkraft sei, kann einem Mann wie Xenophon am wenigsten unbekannt gewesen sein, und er sollte es noch erleben und selbst zu erzählen haben, wie diese Kraft sich verwerten und ausbilden ließ.

Ein anderes Problem, das griechische Militärs beschäftigen mußte, ist die Verbindung der Fernwaffen mit den Hopliten. Eigentlich führte bis dahin jede Waffe ihren Kampf für sich; eine Taktik der verbundenen Waffen existierte nicht. Nur in seltenen Fällen gelang es einmal, die Fernwaffen zu erfolgreicher Wirksamkeit gegen Hopliten zu bringen und eine Waffe durch die andere zu unterstützen. Xenophon läßt den Cyrus die Speerschützen hinter die Hopliten und die Bogner hinter die Speerschützen stellen und sie über ihre Vordermänner hinwegschießen. (Buch IV, cap. 2.) Denn die Schützen, so werden wir belehrt, könnten im Handgemenge nicht standhalten; von den Hopliten gedeckt, könnten sie über diese schleudern und schießen.

Wäre eine solche Verteilung der Waffen praktisch möglich, so wäre sie natürlich äußerst wirksam, und wir würden ihr irgendwo einmal in der Wirklichkeit begegnen. Aber es ist graue Theorie. Die Speere und Pfeile, in hohem Bogen über die Hopliten hinweggeschleudert, können nur eine minimale Wirkung haben;83 und sie sind fast ganz unanwendbar, wenn die Hopliten-Phalanx in der schnellen Bewegung des letzten Anlaufs ist. Sollen die Fernwaffen die feindliche Phalanx vor dem Zusammenstoß der blanken Waffen ernstlich schädigen und schwächen, so müssen sie von weit her mit ihrem Wurfhagel einsetzen, oder die Hopliten-Phalanx selbst muß irgendwelche Geschosse haben. Man würde es kaum verstehen, wie ein so klarer praktischer Kopf wie Xenophon eine solche Phantasmagorie wie die Postierung der Schützen in die hinteren Glieder der Phalanx ausmalen konnte, wenn nicht noch andere[152] Beispiele der Geschichte zeigten, wie leicht die Theorie den festen Boden der Wirklichkeit unter den Füßen verliert. Der eminente Praktiker Napoleon I. hat in seinen Bemerkungen über den »Siebenjährigen Krieg« (Bem. 2 zum 11. und 12. Kap.) den Vorschlag gemacht, den Leuten im dritten Gliede der Infanterie Korksohlen von 3-5 Zoll Dicke zu geben, damit sie über die anderen Glieder hinwegschießen könnten. Sollen sie vor dem Feuern erst ihre Kork-Sandalen unterschnallen oder sollen sie mit den Korksohlen marschieren? Es ist das genaue Gegenstück zu dem Vorschlag Xenophons. Nicht bloß der gute Homer, sondern auch die größten Generale schlafen zuweilen.

Realistischer gedacht scheint die Vorschrift, daß ganz zuhinterst Armee-Gendarmen aufgestellt werden sollen, die dafür sorgen, daß keiner ausreißt, und im äußersten Falle solche Ausreißer niederhauen. Überlegt man es näher, so ist aber auch dieser Rat ideologisch und noch von keinem Kriegsherrn in die Praxis übergeführt worden: denn wer verbürgt die Tapferkeit der Armee-Gendarmen? Sind es wirklich Leute, auf deren Heldenmut man mit unbedingter Sicherheit rechnen kann, so verwendet man sie doch wohl besser in als hinter der Front.

Ein drittes Problem, das Xenophon berührt, ist die Aufstellung einer Reserve. Die griechische Hopliten-Phalanx greift in einem einzigen geschlossenen Körper an. Läßt man davon einen Teil zurück, so hat man diesen noch für besondere Fälle zur Verfügung, schwächt aber in demselben Verhältnis die Kraft des ersten Stoßes. Mit seinem genialen Blick den praktischen Bedürfnissen gegenüber hatte Xenophon in dem oben beschriebenen Gefecht gegen Pharnabazus eine kleine Reserve von der Hopliten-Phalanx abgetrennt, um etwaigen Flanken-Angriffen der persischen Reiter begegnen zu können. Ein Gedanke von der allergrößten Tragweite – aber in der Cyropädie finden wir ihn nicht behandelt; höchstens könnte man in der Aufstellung der Kavallerie in der großen Phantasieschlacht (I. Kap. d. 7. Buches) einen Ansatz dazu finden. Hier benutzt Cyrus die zurückgehaltene Kavallerie, um die überflügelnde und umschließende feindliche Kavallerie seinerseits aus der Flanke zu fassen.

Viel ausführlicher aber ergeht sich der Verfasser in einer Anpreisung[153] der Sichelwagen und schlägt vor (VI, 1, 30), der Phalanx mit 20 Mann besetzte hohe hölzerne Türme folgen zu lassen, die an 8 Deichseln von 16 Ochsen in die Schlacht gefahren werden sollen, und er erzählt, wie eine Probe gezeigt habe, daß sie sehr gut fahrbar seien. Bei einem Packwagen habe jedes Paar Ochsen 25 Talente zu ziehen und bringe es fertig; bei diesen Türmen kämen aber auf jedes Paar nur 15 Talente Gewicht, also müsse die Sache gehen.

Vollauf entschädigt werden wir für diese Spielereien, die man der Romanform zugute hält, durch ein Geschichtchen (II, 3, 17), das uns demonstrieren soll, welche Überlegenheit die blanke Waffe über die Fernwaffe hat. Ein Taxiarch teilte seine Leute und gab der einen Hälfte Stöcke, die andere ließ er Erdklöße nehmen. Dann ließ er sie miteinander kämpfen und den Kampf mit vertauschten Waffen am andern Tage wiederholen. Cyrus lud die Taxis zum Essen und fragte die Leute, wo sie ihre Beulen her hätten und wie es gegangen sei. Alle waren einig, daß man von den Erdklößen wohl einige Püffe bekommen, dafür nachher aber ein desto größeres Vergnügen daran gehabt habe, die Werfer mit dem Stock auszuprügeln. Cyrus führte deshalb, sagt Xenophon, den Kampf mit der blanken Waffe ein, mit der man dem Feind auf den Leib geht. (II, 1, 7-9. II, 1, 21. II, 3, 17.) Zu seiner Zeit aber, heißt es am Schlusse des Werkes, hätten die Perser wieder andere Gewohnheiten angenommen; sie seien wieder Fernkämpfer geworden und mieden, obgleich sie mit Säbeln bewaffnet seien, das Handgemenge.

Die Entschiedenheit, mit der Xenophon die Überlegenheit es Nahkämpfers, der dem Feind auf den Leib geht, betont, ist ihm um so höher anzurechnen, als ja in Griechenland damals gerade die leichten Waffengattungen, besonders die Peltasten, ausgebildet und vervollkommnet wurden und so weit gebracht waren, hier und da den Hopliten Niederlagen beizubringen. Man darf wohl annehmen, daß bei den grübelnden und reflektierenden Hellenen auch vielfach der Gedanke verfochten wurde, daß die schwerfällige Hopliten-Phalanx auf diesem Wege völlig überwunden und abgetan werden könne.

Aber die griechische Tradition vergaß nicht, daß in den Perserkriegen[154] der Spieß über den Bogen gesiegt hatte, und Xenophon so wenig wie die griechische Praxis hat sich beirren lassen. Die Phalanx ist immer das Rückgrat der griechischen Heere geblieben, und alle anderen Waffengattungen, so große Fortschritte sie auch machten, blieben Hilfswaffen.

Außer der Cyropädie hat uns Xenophon noch in seiner Schrift über den Staat der Lacedämonier, wie in zwei kavalleristischen Schriften über die Reitkunst und den Reiterführer militärische Monographien mit mancher interessanten Einzelheit hinterlassen.

Das erste, von jeder poetischen Einkleidung absehende, direkt auf die Praxis gerichtete, umfassende militär-theoretische Werk kam aus der Feder eines Arkadiers, des Stymphaliers Aeneas, der unter Benutzung Xenophons etwa 357 schrieb. Nur eines von den verschiedenen Büchern seines Werkes, das über Stadt-Verteidigung handelt, ist uns erhalten, bietet jedoch nicht gerade viel. Vorsichtsmaßregeln gegen Verrat, Kriegslisten, Geheimschrift, Telegraphie und allgemeine Betrachtungen nehmen den größten Raum ein. Über die Belagerungsmaschinen jedoch und die Gegenmittel der Verteidigung enthält das Buch nur sehr wenig, und das Wenige ist möglicherweise noch eine spätere Interpolation.


1. BALDES, Xenophons Cyropädie als Lehrbuch der Taktik (Progr. v. Birkenfeld 1887) will, daß Xenophon schon theoretisch gefunden habe, was die Macedonier nachher ausführten: Taktik der verbundenen Waffen, Schlachten-Kavallerie, Verfolgung. Die Schilderung III, 2, 5 faßt er als Treffen- Bildung. Ich vermag dem nicht zuzustimmen. Die Aufstellung der Armenier vor den Persern erscheint mir als eine bloße Ausmalung des Schlachtbildes, nicht als die Verkörperung eines eigenen taktischen Gedankens. Bei den erstgenannten Erscheinungen aber ist es anders; sie sind wirklich beschrieben, wie Baldes das ausführt, aber es hat nicht gerade viel zu besagen, denn der Gedanke ist ebenso leicht, wie die Tat schwer. Erst in dieser liegt das Verdienst.

2. AENEAS ist von Köchly und Rüstow und von Neuem von Hug herausgegeben. Ferner handelt über ihn Hug in der »Gratulationsschrift der Universität Zürich an die Universität Tübingen 1897«. Vgl. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaft Bd. I, § 8, und Ad. Bauer, Kriegsaltert. § 2 und § 47.[155]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 149-156.
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