Taktik der verbundenen Waffen.

[173] Der Fortschritt, den die Macedonier machen, liegt in der organischen Verbindung aller Waffengattungen zu einer einheitlichen Gesamtwirkung. Epaminondas hatte den Grund dazu gelegt, aber so, daß die Infanterie doch die Hauptwaffe blieb, die Kavallerie ihr nur sekundierte.

Philipp war von Anfang an und noch mehr, seit er auch Thessalien unter seine Herrschaft gebracht hatte, an Kavallerie viel stärker, als Böotien je gewesen war. Er konnte daher mit seiner Kavallerie nicht bloß die feindliche schlagen, sondern auch seinerseits die feindliche Infanterie in der Flanke angreifen. Wir wissen noch von Marathon her, wie empfindlich die griechische Hopliten-Phalanx an diesem Punkt war.

Die Kavallerie sekundiert also von jetzt an nicht mehr, sondern sie ist gleichwertig und führt sogar den Hauptstoß; es kann sein, daß die Phalanx erst an den Feind kommt, wenn dessen einer Flügel bereits geschlagen ist und die macedonische Kavallerie des Offensiv-Flügels das Gros bereits aus der Flanke angreift. Es geschieht auch, daß unter dem Eindruck dieses Stoßes die gesamte feindliche Armee den Kampf aufgibt und die Flucht ergreift, so daß die Phalanx zum Schlagen gar nicht mehr kommt.[173]

RÜSTOW und KÖCHLY sind so weit gegangen, zu meinen, daß die Kavallerie jetzt die Hauptwaffe geworden sei, die Phalanx der Schatten, nicht mehr das Licht; die Masse, nicht der Kern des Heeres. Die Aufgabe der Phalanx sei nur noch gewesen, das Gefecht hinzuhalten, eine unzerbrechliche Defensive zu bilden, bis die Kavallerie die Entscheidung gegeben hatte. Eine sorgfältige Analyse der Alexander-Schlachten zeigt, daß das zu viel gesagt ist. Auch die schwere Infanterie, die Hypaspisten wie die Phalanx tragen ihren positiven, aktiven Teil zum Siege bei. Die Kavallerie ihrerseits wird unterstützt durch die behenden Leichtbewaffneten, die mit Wurfspeer, Pfeil und Schleuderstein vorarbeiten und nachhelfen.

Das Ineinandergreifen aller einzelnen Teile ist die Stärke des macedonischen Heeres-Organismus. Der einheitliche Gedanke des Heerführers, der zugleich Heerschöpfer und Kriegsherr ist, beherrscht das Ganze. Die macedonische Kriegskunst ist eine königliche Frucht.

Die Eigentümlichkeit der griechischen Phalanx hatte es mit sich gebracht, daß Epaminondas, als er die Flügelschlacht erfand und an die Stelle der Parallelschlacht setzte, dem linken Flügel die Offensive zuteilen, den rechten zurückhalten mußte. Philipp brauchte sich an dies Schema nicht mehr zu halten. Er konnte seine Kavallerie auf den Flügel stellen, der nach den Gelände-Verhältnissen der geeignetste war; daß in den Schlachtschilderungen, die uns überliefert sind, fast immer die Kavallerie des rechten Flügels den entscheidenden Offensivstoß führt, ist nicht in der Natur der Sache begründet, sondern als ein Fortwirken der älteren griechischen Tradition oder als bloßer Zufall anzusehen.

Als Ergebnis des in einer Hand und in einem Kopf zentralisierten Kriegswesens ist auch anzusehen, daß die Macedonier die Mittel der fortgeschrittenen Belagerungskunst aufnehmen und weiterbilden. Noch um die Mitte des Jahrhunderts hatte man von Erfindungen des Dionys von Syrakus in Griechenland wenig gewußt; Philipp führte zwei große Belagerungen, von Perinth und Byzanz unter Aufgebot aller Mittel der Technik durch.

In die Einzelheiten, die technischer Natur sind, treten wir nicht ein. Die Tatsache selber jedoch ist in dem Zusammenhange[174] der Kriegsgeschichte von größter Wichtigkeit. Alexanders Strategie wäre nicht durchführbar gewesen, wenn er Halikarnaß, Tyrus und Gaza statt durch den Kunst gegen Kunst ausspielenden gewaltsamen Angriff nur durch eine unabsehbare Aushungerung hätte bezwingen können.


1. Die militärischen Reformen König Philipps müssen wesentlich erschlossen werden aus der Krieg- und Schlachtführung Alexanders, die mit den wenigen Nachrichten, die wir über Philipp selbst haben, übereinstimmt. Die erste Schlacht Philipps 359 gegen die Illyrier erzählt Diodor (XVI, 4) so: Philipp hatte auf dem rechten Flügel seine Reiter; mit ihnen ließ er die Barbaren aus der Flanke angreifen, und dem doppelten Angriff von vorn und aus der Flanke und endlich auch vom Rücken unterlagen sie endlich nach dem tapfersten Widerstand.

»ὁ μὲν φίλιππος ἔχων δεξιὸν κέρας καὶ τοὺς ἀρίστους Μακεδόνων συναγωνιζομένους, τοῖς μὲν ἱππεῦσι παρήγγειλε παριππεῦσαι καὶ πλαγίους ἐμβαλεῖν τοῖς βαρβάροις, αὐτὸς δὲ κατὰ στόμα τοῖς πολεμίοις ἐπιπεσὼν καρτερὰν συνεστὴσατο μάχην. .... τῶν ἱππέων ἐκ πλαγίου καὶ κατὰ νῶτον βιαζομένων κτλ.«

Auch von der Schlacht in Thessalien i. J. 353 hebt Diodor ausdrücklich hervor (XII, 35), daß sie durch die Reiterei zugunsten Philipps entschieden wurde.

2. Über die Schlacht bei Chäronea haben wir nur sehr ungenügende Berichte. Soviel aber geht sowohl aus Diodor (XVI, 86) wie Polyän (VI, 2, 2 u. 7) hervor, daß es ebenfalls eine Flügelschlacht war. Der König kommandierte den Flügel den Athenern gegenüber, den er versagte, sein Sohn Alexander kommandierte den Offensivflügel gegen die Böotier, der den Sieg entschied. Wenn Diodor den König erst zum Angriff schreiten läßt, als er den Sieg seines Sohnes sieht, weil er ihm nicht allein den Ruhm lassen will, oder wenn Polyän, ohne des Zusammenwirkens der beiden macedonischen Flügel zu gedenken, Philipp, nachdem er erst gewichen, plötzlich aus eigener Kraft die allzu hitzigen Athener überwinden läßt, so sind das populäre Erzählungen, deren Blick bis zu den eigentlichen Motiven der Entscheidung nicht gereicht hat.

Seit die vorstehenden Worte geschrieben wurden, hat KROMAYER das Schlachtfeld topographisch untersucht und daraufhin l. c. die Schlacht genauer zu rekonstruieren versucht. Der Versuch der Rekonstruktion ist ihm aber, wie ROLOFF l. c. nachgewiesen und auch E. V. STERN anerkannt hat, völlig mißlungen, denn sie ist aufgebaut nicht nur auf ganz ungenügende und unzuverlässige Quellengrundlagen, sondern auch auf die ungeheuerliche Vorstellung, daß die Phalanx Philipps 600 Meter »ohne Kehrt zu machen« (S. 167 Anmk.) zurückgegangen sei. 600 Meter rückwärts gehen kann kaum ein einzelner Mann auf guter Straße, ohne zu stolpern; eine Phalanx,[175] die das im Gelände unternehmen wollte, würde binnen kurzem einer über dem andern auf der Erde liegen. Geht eine Truppe auf dem Exerzierplatz rückwärts, so kann sie das nur wenige Fuß in der strengsten Exerzierform des Rückwärtsrichtens. Besonders charakteristisch ist, daß es sich bei Kromayers Vorstellung von geordnetem Rückwärtsgehen einer geschlossenen Masse von 15000 Mann nicht etwa um einen zufälligen Lapsus handelt, sondern daß der Autor seine groteske Vorstellung in der Histor. Zeitschr. Bd. 95, S. 20 eingehend zu rechtfertigen versucht hat. Wer die Widerlegung nicht selber zu finden vermag, sei verwiesen auf Preuß. Jahrb. Bd. 121, S. 164.

Roloff und Stern haben wenigstens Kromayers Verdienst um die Feststellung des Schlachtfeldes noch anerkennen zu können geglaubt. Aber selbst dieses Verdienst hat vor der Nachprüfung nicht standgehalten. G. SOTIRIADES hat in den Mitteil. d. K. deutschen Arch. Inst. in Athen Bd. XXVIII S. 301 (1903) und Bd. XXX S. 113 (1905) eingehende topographische Studien über das Schlachtfeld veröffentlicht, die eine Reihe von Fehlern in Kromayers Beobachtungen feststellen und die Grundlagen umstürzen. Den entscheidenden Punkt, die Lage des macedonischen Grabhügels, hat Kromayer, Hist. Zeitschr. 95, 27, zugegeben. Von den anderen Einwürfen hat er sich in einem Punkt gerechtfertigt: er hat tatsächlich die Mauerreste des türkischen Chans nicht für antik ausgegeben, wie ihm Sotiriades S. 326 vorgeworfen und ich darnach Preuß. Jahrb. 116, 211 referiert, sondern er hat nur die Frage aufgeworfen und es dahingestellt sein lassen, ob es der Rest eines antiken Gebäudes sei. Die anderen Fehler aber bleiben bestehen, im besonderen das Verschwiegen der Schlucht von Bramaga, durch die nach Sotiriades S. 328 ein Pfad führt, der nicht schlechter ist als der durch den Keratapaß führende, was für einen Rückzug nach dieser Seite sehr wesentlich war.

3. Die herrschende Anschauung ist, daß die Sarissen-Phalanx wie sie uns später in den Kämpfen der Macedonier mit den Römern entgegentritt und von Polybius beschrieben worden ist, mit derjenigen identisch sei, die schon zu Philipps und Alexanders Zeit bestand. Aber schon H. DROYSEN (Untersuchung p. 64) ist es aufgefallen, mit welcher Leichtigkeit sich die Phalangiten Alexanders bewegen, und ich bin allmählich zu der Überzeugung gekommen, daß eine spätere Fortentwicklung angenommen werden muß. Die quellenmäßige und sachliche Begründung dieser Ansicht weiter unten, Buch VI, Kap. 1.

4. Rüstow und Köchly (Gr. Kr. p. 240) stellen sich die Hypaspisten vor bewaffnet mit Linnenpanzer, dem kleinen Schilde der Pezetären, leichter Fußbekleidung, dem macedonischen Hut, Stoßlanze und vielleicht langem Schwert. Das scheint mir für Krieger, die nicht etwa nur im Notfall, sondern prinzipiell für den Nahkampf bestimmt sind und gar keine Fernwaffe besitzen, doch eine gar zu leichte Schutzrüstung, und die genannten Autoren[176] fügen auch (S. 241) selber die Einschränkung hinzu, daß die Rüstung der Hypaspisten vielleicht nicht so bedeutend leichter war, als die der Hopliten.

Umgekehrt hat H. Droysen ihnen auch den Panzer noch abgesprochen (Heerwesen S. 110). Er beruft sich dafür auf die Münzen des Päonenkönigs Patraos, der zur Zeit Alexanders lebte. Hier ist ein Päonischer Reiter abgebildet, der einen niedergeworfenen Krieger zu durchbohren im Begriff ist; letzterer trägt Chiton und Kausia, seine Waffen sind Schild und Lanze. Der Schild ist der durch seine eigentümliche Art der Verzierung bekannte macedonische, wie ihn die Münzen der späteren macedonischen Könige zeigen, der Dargestellte also ein Macedonier, und zwar kein Pezetäre, denn vor allen Dingen fehlt die Sarisse, sondern ein Hypaspist (Untersuch. S. 41-42).

Dieser Ansicht Droysens hat sich auch Ad. Bauer angeschlossen, der auch eine Abbildung der Münze gibt, ich denke aber, sie unterliegt erheblichen Bedenken. Die Päonier sind im Jahre 359 von Philipp von Macedonien gezwungen worden, seine Oberhoheit anzuerkennen, und wurden, als sie sich zu befreien suchten, 358 von ihm, 335 von Alexander von neuem unterworfen. Patraos war ihr Fürst etwa von 340 bis 315. Sollte ein solcher Vasallenfürst es wagen, auf seine Münzen ein Bild zu setzen, auf dem jedermann erkenntlich ein Krieger von der Leibwache seines Oberherrn von einem Päonier überwunden wird? Und wenn wirklich das Schildabzeichen keine andere Deutung zuläßt, wer sagt uns, daß hier gerade ein Mann der neugebildeten Waffe der Hypaspisten porträtiert ist? Es mag ein Phantasiegebilde, es mag ein Peltast sein, den wir hier abgebildet sehen. Aus dieser Münze ist daher nichts zu schließen, und die Verwendung der Hypaspisten läßt keinen Zweifel, daß sie nicht eine leichte, sondern eine schwere Infanterie mit vollkommener Schutzrüstung bildeten.[177]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 173-178.
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