Zweites Kapitel.

Alexander und Persien. Schlacht am Granikus.

[178] Das Heer, mit dem Alexander zur Eroberung Asiens auszog, wird von den Zeitgenossen etwas verschieden beziffert; wir können aber als gut beglaubigt 32000 Mann zu Fuß und 5100 Reiter annehmen93. Am Granikus und bei Issos werden einige 30000 Mann gefochten haben; bei Gaugamela gibt Arrian 40000 Mann zu Fuß und 7000 Reiter an, während sehr bedeutende Garnison- und Etappentruppen in den eroberten Landschaften zurückgeblieben waren. Das Heer Alexanders war auf jeden Fall erheblich größer, wohl etwa doppelt so groß als dasjenige, mit dem einst Xerxes zur Eroberung Griechenlands ausgezogen war.

Über die Heere, die Darius den Macedoniern entgegenstellte, haben sich die griechischen Schriftsteller in ganz derselben Zahlen-Phantasie ergangen, wie einst über die Scharen des Xerxes. In wohlabgetönter Steigerung lassen die Quellen die Perser am Granikus mit 100000 Mann, bei Issos mit 600000, bei Gaugamela mit 1000000 Mann zu Fuß und 40000 Reitern aufmarschieren.

Von diesen Zahlen ist gänzlich abzusehen; wir wissen nicht, wie stark die persischen Heere gewesen sind, die Alexander besiegt hat, und in der ersten Auflage dieses Werkes ließ ich es noch dahin gestellt, ob die numerische Überlegenheit auf seiner oder auf Seite der Perser war.

Die Ergebnisse des dritten Bandes, des mittelalterlichen Kriegswesens, haben mich jedoch zu Rückschlüssen auf das Perserreich[178] geführt, die die Grundlagen für die Vorstellung von den persischen Massenheeren, an die man früher glaubte, völlig zerstört haben. Wie riesenhaft ist die Ausdehnung des persischen Reiches vom Hindukusch bis zum Bosporus, vom Kaukasus bis zur Sahara! Also, schloß man, konnte das Reich auch riesenhafte Heere aufstellen. Aber welche Heere hätte das deutsche Reich unter den Ottonen, Saliern und Staufen aufstellen müssen, wenn Heere immer den beherrschten Volksmengen entsprächen – und wie klein haben sich tatsächlich die Heere dieser Kaiser erfunden! Nicht von der Volksmenge, sondern von der Kriegsverfassung hängt die Größe der Heere ab, und ritterliche Heere sind, wie uns die Geschichte des Mittelalters gelehrt hat, ganz überaus klein. Das persische Heer haben wir bereits unter Xerxes als ein seinem Wesen nach rittermäßiges kennen gelernt. Die ungeheure Masse der Untertanen des Achämeniden-Königs war durchaus unkriegerisch. Die Kriege wurden geführt und die Herrschaft wurde geübt durch den national-persischen Kriegerstand, dessen Tapferkeit auch in den Zeiten des Darius Codomannus noch die Griechen anerkennen, dessen Zahl aber ganz gering war – so gering, daß der Perserkönig ihn durch fremde Söldner zu ergänzen suchte, in erster Linie durch Griechen. Die relativ so kleinen Landschaften Macedonien und Hellas stellten sehr viel mehr Krieger als das ganze Perserreich bis nach Indien.

Man macht sich das am besten klar durch ein Studium der Kriegsläufe Europas am Ausgang des 15. Jahrhunderts. Unter Verhältnissen, die zu den griechischen manche Analogie bieten, hatten die Bewohner der deutschen Hochalpen ein Kriegertum ausgebildet, das auf der Wehrhaftigkeit des ganzen Volkes beruhte. So kam es, daß die Bewohner dieser wenigen Täler Heere aussenden konnten, vor denen die großen Nationen ringsum erzitterten. Stellen wir uns vor, daß damals ein einzelner König, selbst Herr eines tüchtigen Ritter- und Landsknecht-Heeres, die Schweizer so hätte an sich fesseln können, wie Alexander die Griechen, so hätte er Europa unterwerfen können, wie die Macedonier Asien. Alexander steht an der Spitze eines Reiches und eines Bundes von durch und durch kriegerischem Charakter; der Perserkönig herrscht zwar über ein geographisch unendlich viel größeres[179] Reich, aber nur mit einer ganz dünnen kriegerischen Oberschicht. Schon der Zug des jüngeren Cyrus mit seinen 13000 Griechen und wieder die Feldzüge des Spartaners Agesilaus in Kleinasien hatten gezeigt, wie gering die Widerstandskraft des Kolosses war. Die letzte Schlacht Alexanders gegen Darius wird zeigen, daß nicht einmal an der Grenze des Kernlandes und aus der bodenständig gebliebenen persischen Bevölkerung ein wirkliches Massenheer zusammenzubringen gewesen ist.

Vermöge der Zuziehung der griechischen Söldner bestanden die persischen Heere ganz wie das macedonische aus Hopliten, Bognern und Reitern. Von den Reitern sagt Arrian am Granikus, sie seien gegen die Macedonier im Nachteil gewesen, da sie mit Wurfspießen gegen Stoßlanzen fochten. Er selbst aber erzählt im einzelnen, wie auch Macedonier die Lanze warfen und Perser mit dem Schwert einhieben. Ein wesentlicher Unterschied dürfte in der Ausrüstung und Kampfesart also nicht stattgefunden haben. Die Kombination der persischen ritterlichen Kavallerie und der persischen Bogner mit griechischen Hopliten hatte ein ganz ähnliches Heer gebildet, wie auf der anderen Seite das macedonische war, nur daß vermutlich die Anteile der verschiedenen Waffengattungen in den beiden Heeren verschieden groß waren.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Kriegszug war, daß Alexanders Vater die Griechen unter die macedonische Hegemonie gebeugt hatte. Der korinthische Bund erklärte in feierlichen Formen den Krieg für einen hellenischen Nationalkrieg, und griechische wie andere Kontingente machten die größere Hälfte oder noch mehr von dem Heer Alexanders aus.94 Diese positive Mitwirkung ist aber noch nicht einmal das Wichtigste; die Hauptsache ist die Sicherung des Rückens, die durch die Pazifizierung Griechenlands erlangt[180] wurde. Durch die Erregung eines Krieges in Griechenland selbst hatten einst die Perser den Spartaner Agesilaus gezwungen, von ihnen abzulassen. Alexander aber hatte nicht nur Griechenland hinter sich, sondern war auch stark genug, in Macedonien ein Heer von 12000 Mann zu Fuß und 1500 Reitern unter Antipater zurückzulassen, das ihn jeder Sorge um die Heimat enthob.


Schlacht am Granikus.

Ein Beweis der völligen Willkür, mit der die Griechen die Heereszahlen der Perser abschätzten, sind die Widersprüche in den Berichten über die Schlacht am Granikus. Die Quelle, der Diodor folgte, gibt 100000 Mann Infanterie und 10000 Mann Kavallerie. Arrian sagt hingegen ausdrücklich, daß die Macedonier den Persern an Fußvolk weit überlegen gewesen seien, nennt überhaupt keine Gesamtzahl der Perser, sondern erwähnt nur, daß sie 20000 griechische Söldner und 20000 Reiter gehabt hätten. Nach den gewöhnlichen Grundsätzen der Kritik würde man annehmen müssen, daß die niedrigste Angabe, aus dem Lager des Gegners stammend, jedesmal die glaubwürdigste ist. Aber die Angaben Arrians leiden an einem inneren Widerspruch: außer den griechischen Söldnern und persischen Reitern muß doch auch noch persisches Fußvolk vorhanden gewesen sein; wenn also das Fußvolk insgesamt erheblich schwächer gewesen sein soll als das macedonische, das schwerlich über 25000 Mann stark war, so können die Perser nicht allein von griechischen Söldnern 20000 Mann auf dem Fleck gehabt haben. Als sicher dürfen wir nur annehmen, daß das persische Fußvolk tatsächlich schwächer war als das macedonische; wer an Kavallerie überlegen war, wissen wir nicht, wahrscheinlich ebenfalls die Macedonier, da das Verhalten der Perser nicht das Bewußtsein der Überlegenheit zeigt, am wenigsten der kavalleristischen. Sie suchen nicht ein weites freies Blachfeld für die Schlacht, sondern nehmen eine Stellung mit einem schweren Hindernis vor der Front, dem Fluß Granikus, um hier den Angriff der Macedonier zu erwarten. Der Granikus war wohl, wie es scheint, ziemlich allenthalben zu durchwaten, das rechte Ufer aber, auf dem die Perser standen, war hoch und steil.

Man könnte vermuten, daß die Perser hier überhaupt keine[181] Schlacht liefern wollten, sondern die Stellung genommen hatten in der Erwartung, daß Alexander den Angriff auf so ungünstigem Terrain nicht wagen, sondern sich zu zeitraubenden Manövern gezwungen sehen würde. Mittlerweile hätten die Perser eine Diversion nach Europa unternehmen können. Aber das ganze Verhalten der Perser in Übereinstimmung mit der positiven Aussage aller Quellen läßt keinen Zweifel, daß in der Tat nur taktische Gesichtspunkte die Wahl des Schlachtfeldes bestimmt haben. Wir haben eine neue Erscheinung der Kriegsgeschichte: indem die Perser in dem Bewußtsein ihrer Schwäche eine Hilfe im Terrain suchen, wählen sie ein Front-Hindernis, um dem Gegner den Angriff zu erschweren.

Das macedonische Heer war so aufgestellt, daß das schwere Fußvolk das Zentrum, die Kavallerie und Schützen die Flügel bildeten. Alexander selbst mit der Hetären-Kavallerie stand auf dem rechten Flügel, ihm zunächst nach der Mitte zu die Hypaspisten. Dieser Flügel, Reiter und Schützen, vielleicht unterstützt durch eine Abteilung Hypaspisten, ging zuerst über den Fluß und schlug die persische Reiterei ohne Schwierigkeit in die Flucht. Obgleich die Erzählungen von dem Gefecht bei dem Ersteigen des Uferrandes ziemlich ausführlich sind, so können wir uns doch von dem taktischen Hergang kein Bild machen, da uns ja einerseits die Kenntnis des Zahlverhältnisses fehlt, andrerseits keine der Quellen etwas von der Tätigkeit der persischen Fuß-Bogner berichtet. Daß gar keine vorhanden gewesen seien, ist kaum glaublich; daß unter den obwaltenden Verhältnissen gerade diese Waffe die größte Wirksamkeit hätte entfalten müssen, ist einleuchtend.

Nach den griechischen Quellen hat aber gerade die für die Verteidigung einer steilen Böschung allerungeeignetste Waffe, die persische Reiterei, ganz allein den Kampf geführt. Daß sie der Kombination der macedonischen Schützen und Reiter erlag, wäre nur natürlich, selbst wenn auf dieser Seite nicht auch noch das numerische Übergewicht war.

Die wesentlichen Momente für das Verständnis der Schlacht sind uns also verloren gegangen. Wir erkennen nur, daß das Fronthindernis den Persern nichts genützt hat – eine Erscheinung, von der noch öfter zu sprechen sein wird – und daß die Schlacht[182] durch das Reiter- und Schützengefecht des rechten Flügels entschieden wurde. Sobald die persische Reiterei das Feld geräumt hatte, wurde die Phalanx der griechischen Söldner, die so lange, durch den Fluß von dem Gegner getrennt, untätig gestanden hatte, von der macedonischen Phalanx in der Front, von der Kavallerie und den Schützen in den Flanken angegriffen und ohne wesentlichen Widerstand zusammengehauen oder gefangen genommen.

Der Verlust der Macedonier soll nach der besten Quelle, Arrian, 85 Reiter und 30 Infanteristen an Toten betragen haben. Die Angabe wäre unglaublich, wenn wirklich die griechischen Söldner fast vollständig, wie die Quellen wollen, niedergehauen worden sind: diese Söldner waren die Leute, ihr Leben teuer zu verkaufen. Wahrscheinlich ist aber weder ihre Zahl, noch das Gemetzel so sehr groß gewesen; die Mehrzahl wird verschont und gefangen genommen worden sein. Wenn dem aber so war, so erscheint die Verlustziffer der Macedonier ganz wohl glaublich. Die Masse der Infanterie hat gar nicht gefochten; dem entspricht, daß Dreiviertel des Verlustes auf die Kavallerie entfällt, und dieses Verhältnis in der Verlustziffer bestätigt die Erzählungen von dem Gang des Gefechtes. 115 Tote im ganzen lassen auf 500-1000 Verwundete schließen. Ein solcher Verlust ist zwar nicht groß und beweist, daß der Widerstand der Perser nicht gerade hartnäckig war, aber wenn, wie es scheint, das eigentliche Gefecht von nicht mehr als etwa 6000 Mann durchgeführt worden ist, so läßt sich die Verlustziffer ganz wohl mit der Erzählung von dem tapferen Streiten der persischen Ritter, die Alexander persönlich in die größte Gefahr brachten, vereinigen. Freilich, über Wahrscheinlichkeiten kommt man hier nicht hinaus und darf sich hierüber nicht täuschen. Will jemand an der Niedermetzelung der griechischen Söldner und dazu gar an der überlieferten Zahl, daß ihrer 20000 gewesen seien, festhalten, so kann er sich dafür auf dieselben Quellen berufen, die den Verlust der Macedonier an Infanterie auf 30 Mann beziffern. Ein positiver Beweis, daß die erstere Nachricht zu verwerfen, die zweite anzunehmen ist, läßt sich nicht führen. Nur das darf man mit voller Bestimmtheit aussprechen, daß die beiden Nachrichten unter sich in einem inneren Widerspruch stehen und eine von beiden notwendig aufgegeben werden muß.


[183] Zur 2. u. 3. Auflage. Ich bin auf eine eigentliche Untersuchung der Schlacht am Granikus nicht eingegangen, da sie mir bei dem Stande der Quellen zu wenig Aussicht auf ein fruchtbares Ergebnis zu bieten und für die Zwecke dieses Werkes entbehrlich schien. Das Wesentliche der Kriegskunst der Epoche wird in den späteren Schlachten genügend heraustreten. Mittlerweile ist nun das Material für die Granikusschlacht sehr verbessert durch eine neue topographische Aufnahme und Beschreibung der Gegend in dem Werke: »Auf Alexanders des Großen Pfaden«. Eine Reise durch Kleinasien von A. JANKE, Oberst z. D. (Berlin, Weidmann 1904). Durch dieses Werk, das am Granikus einen fundamentalen Fehler in den bisherigen Geländevoraussetzungen aufdeckt und beseitigt, ist in Wahrheit erst die Möglichkeit einer kritisch-kriegsgeschichtlichen Behandlung der Schlacht geschaffen worden. Da ich der Darstellung Jankes selber nicht zuzustimmen vermag, so scheint mir, daß hier noch der Stoff für eine Spezialuntersuchung gegeben sei; dabei werden dann auch die Fragen der Differenzen in den Quellen (Plutarch und Diodor gegen Arrian), das eigentümliche Problem der Nichterscheinung des persischen Fußvolks usw. zur Erörterung kommen müssen. Der Schwerpunkt der Untersuchung aber wird zu suchen sein in der Frage, ob die Perser wirklich haben schlagen und das Front-Hindernis nur taktisch haben auswerten, oder ob sie haben manövrieren wollen, um Zeit zu gewinnen.

Oben habe ich zunächst die Betrachtungen der ersten Auflage mit ihrer im wesentlichen skeptischen Spitze unverändert neudrucken lassen.[184]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 178-185.
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