Schlacht bei Sellasia.

(221.)

[244] Über diese Schlacht zwischen dem spartanischen König Kleomenes und dem macedonischen König Antigonus haben wir einen eingehenden, raisonnierenden Bericht bei Polybius (II, 65) und außerdem Nachrichten in Plutarchs Kleomenes und Philopömen. Die Schlacht könnte kriegsgeschichtlich sehr interessant sein, da in ihr die verschiedenen Waffengattungen, schwere, leichte Infanterie und Kavallerie, mit einem sehr wechselreichen Terrain und Feldbefestigungen in eine Weise und in einem Grade kunstvoll kombiniert erscheinen, wie sonst in keiner antiken Schlacht. Dennoch habe ich in der ersten Auflage dieses Werkes die Schlacht nur nebensächlich behandelt, da mir die Analyse der Berichte kein genügend zuverlässiges und klares Bild der Vorgänge zeigen wollte. Polybius schien mir im Kausal-Zusammenhang Lücken zu bieten, die sich nur durch Hypothesen unsicherer Art ergänzen ließen; manche Einzelheiten in seinem Bericht scheinen sogar im Widerspruch zueinander zu stehen.

Die Lage ist nun seitdem wesentlich verbessert, da Kromayer eine genaue Topographie des Schlachtfeldes geliefert hat, wobei ein erheblicher Fehler in den Beschreibungen, auf die ich mich damals noch zu stützen hatte, zutage gekommen ist, und ferner wiederholte Spezial-Untersuchungen auch an mehreren Stellen zu anderer Interpretation des Polybianischen Berichtes geführt haben.[244]

KROMAYERS eigene Untersuchungen (Archäol. Anzeig. 1900, S. 204, und Antike Schlachtfelder I, 199) sind allerdings mit so viel falschen militärischen Vorstellungen und Raisonnements durchsetzt, daß sie mehr verwirren und verdunkeln als aufklären, und nur in einigen Einzelheiten Wert haben; auch LAMMERTS scharfsinniger Rekonstruktion der Schlacht (Neue Jahrb. f. d. klass. Altertum 1904, Abteil. I, Bd. XIII, Heft 2-4) vermag ich nicht zuzustimmen, dagegen hat ROLOFF in den »Problemen a.d. griech. Kriegsgesch.«, wenn man ihn noch in einem wichtigen Punkt ergänzt, wohl alles Positive, was über die Schlacht zu sagen ist, richtig herausgearbeitet und namentlich auch die Verkehrtheiten Kromayers kritisch aufgelöst und zurückgewiesen124. In der Hauptsache hat sich freilich schließlich doch nichts geändert, daß nämlich die Schlacht kriegsgeschichtlich keine Rolle spielt und daß Polybius' Bericht zu unvollständig ist, um den Zusammenhang mit Sicherheit erkennen zu lassen. Immerhin ist ein wesentlicher Fortschritt erzielt. Auf die Einzelheiten und Kontroversen ist es nicht nötig, hier zurückzukommen; ich kann dieserhalb auf die Roloffsche Schrift verweisen. Ich gebe hier nur einen allgemeinen Überblick und flechte dabei diejenigen Einzelheiten ein, bei denen ich etwas in der ersten Auflage, Bd. I, S. 208 und Bd. II, S. 11, Gesagtes zu berichtigen oder zu Roloff noch etwas Positives zu ergänzen habe.

Kleomenes schützte, erzählt uns Polybius (II, 65), die anderen Zugänge in das Land durch Wachen, Gräben und Verhaue; er selber aber lagerte mit seinem Heer bei Sellasia, wo er den feindlichen Einfall erwartete.

Diese Worte klingen so, als ob alle anderen Zugänge zu Lacedämon wirklich gesperrt und Antigonus auf die Straße von Sellasia beschränkt gewesen wäre. In Wirklichkeit kann ein Land wie Lacedämon nicht in dieser Weise abgesperrt werden.

Die Stelle wird also so zu verstehen sein, daß Kleomenes auf den verschiedenen Anmarschstraßen, die in Betracht kommen konnten, namentlich im Eurotas-Tal defensive Stellungen vorbereiten ließ und in die Stellung bei Sellasia, 12 Kilometer nördlich von Sparta, einrückte, als das Nahen des Antigonus auf diesem Wege gemeldet wurde.

Die Straße nach Sparta führt hier von Norden durch ein schmales Tal; die Hügel auf beiden Seiten sind nicht so leicht zu umgehen; der Hügel rechts (östlich), der Olymp, hat einen sanften Anstieg, ihn besetzte Kleomenes mit seiner Phalanx; den Hügel links, den Euas, der in der Front und links einen steilen Abfall hat, übergab er leichten Truppen, namentlich lacedämonischem Landsturm unter dem Kommando seines Bruders Eukleides. Ins Tal stellte er seine geringe Reitermacht wieder mit Leichtbewaffneten.[245] Über beide Hügel war eine Feldbefestigung mit Graben, Wall und Palisaden gezogen. Kleomenes hatte gegen 20000 Mann, Antigonus 29800, darunter 1200 Reiter, war ihm also um die Hilfe überlegen.

Der dunkle Punkt in dieser Aufstellung war mir das Tal. Die Anlage der Befestigungen schien sich nur auf die beiden Hügel zu beziehen; so hat es auch noch Roloff aufgefaßt. Das Tal aber erschien in den Reiseschilderungen und vorhandenen Karten, wenn sie auch unter sich recht differierten, ziemlich breit. Was also sollte den König Antigonus hindern, die wenigen Reiter und die Leichtbewaffneten im Tal über den Haufen zu rennen, die feindliche Stellung also im Zentrum zu durchstoßen und dann die beiden Flügel aufzurollen? Die erste Publikation Kromayers schien mir diesen Punkt zu klären durch die Feststellung, daß das Tal nur ganz eng, fast schluchtartig sei, also rechts und links von den Hügeln aus beherrscht wurde. Das hat sich jedoch als ein Mißverständnis meinerseits herausgestellt; wenn das eigentliche Tal auch nur hundert Meter breit ist, so steigen die Hügel rechts und links doch so langsam an, daß von einer Beherrschung von oben nicht die Rede sein kann, und ich kann deshalb Roloff darin nicht beistimmen, wenn er das Durchstoßen des Geländes an dieser Stelle für unausführbar erklärt. Die rechte Lösung kann vielmehr nur die sein, daß auch das Tal durch eine Befestigung gesperrt gewesen ist. Der Wortlaut bei Polybius steht dem nicht entgegen; auch Kromayer hat diese Interpretation bereits für möglich erklärt und nur nicht die rechten Konsequenzen daraus gezogen.

Unter dieser Voraussetzung war die Aufstellung des Kleomenes eine überaus starke Defensiv-Position, und wenn Polybius von ihr rühmt, daß die Waffengattungen darin richtig verteilt und wie bei einem geschickten Fechter weder für die Verteidigung noch für den Angriff etwas außer Acht gelassen gewesen, so ist das dahin zu verstehen, daß der Euas mit seinen steilen Abhängen mit leichten Truppen, der Olymp aber mit seinem sanften Zugang mit der Phalanx besetzt war; zu untersuchen bleibt, inwieweit die Stellung die Möglichkeit offensiven Gegenstoßes gewährte.

Die Schlacht verläuft nach Polybius so, daß Antigonus, da er erkennt, daß sie mit einfachem, direktem Angriff nicht zu bewältigen ist, mehrere Tage unmittelbar vor der spartanischen Stellung lagert und sie genau rekognosziert. Dann beschließt er, den linken Flügel auf dem Euas anzugreifen, während er selbst auf seinem linken Flügel auf dem Euas anzugreifen, während er selbst auf seinem linken Flügel mit der Phalanx dicht vor Kleomenes aufmarschiert und ihn dadurch, ohne anzugreifen, festhält; auch das Zentrum im Tal, wo mit etwas schwerer Infanterie naturgemäß seine Kavallerie steht, soll sich zurückhalten, bis es das Signal zum Angriff erhält, das heißt, bis der Euas genommen ist, wodurch die Stellung der Spartaner im Tal, die wir uns also als durch Befestigung gesichert vorstellen, flankiert war.

Der Euas mit seinen steilen Abhängen und der Befestigung auf dem Gipfel war so leicht nicht zu nehmen. Als Grund, daß er nach ganz kurzem[246] Gefecht fiel, gibt Polybius an, daß Eukleides, statt dem Angriff entgegenzugehen, wie es taktisch richtig sei, den Angriff abgewartet habe. Diese Erklärung kann uns nicht genügen, da dabei mit keinem Wort der Befestigung gedacht ist. Eine Befestigung von Wall, Graben und Palissaden (wenigstens drüben auf dem andern Hügel werden auch diese letzteren erwähnt) ist doch, auch wenn wir nicht näher wissen, wie hoch, tief und stark sie war, nicht so ohne weiteres zu erstürmen.125 Auch ist es ganz gewiß nicht richtig, die Besatzung dem Feinde auf dem Abhang entgegenzuführen, da sie, zurückgedrängt, an ihrer eigenen Befestigung das schwerste Hindernis finden würde. Es kann sich höchstens darum handeln, eine mehr oder weniger große Zahl von Schützen und besonders gewandten Leichten zum Kampf im Vorgelände vorzuschicken. Liest man die Erzählung bei Polybius, so kann man sich des Verdachts schwer erwehren, daß der etwas lehrhaft angelegte Autor die taktische Regel des Gegenstoßes im Auge (die nur gilt, wo keine eigentlichen Befestigungen vorhanden sind), momentan die Befestigung vergessen hat. Jedenfalls kann seine Erklärung der Niederlage des Eukleides nicht genügen. Wenn wir daher bei Plutarch erwähnt finden, daß der Euas durch Umgehung genommen worden sei, so ist das eine Ergänzung, die wir kaum ablehnen können, wennschon ihr quellenmäßiger Wert nicht groß ist.126

Kromayer S. 259 gibt zur Erläuterung seiner Ansicht »mit Widerwillen«, wie er sagt, da es sich um Selbstverständliches handle, längere Betrachtungen aus modernen Militär-Schriftstellern, die so recht ein Beispiel sind, wie gefährlich historische Analogien werden in der Hand von Unkundigen. Kromayer hat nämlich gar nicht gesehen, daß für Truppen mit Geschützen, Feuerwaffen und Feldschanzen des 19. Jahrhunderts die Verhältnisse anders liegen, als für antike Truppen ohne weittragende Fernwaffen. Für diese wäre eine moderne, kurze Feldschanze nicht nur wertlos, sondern gefährlich, da diese Schanze bei der geringen Wirkung der Fernwaffen sofort umgangen und von hinten genommen werden würde. Antike Truppen können deshalb nur entweder sehr lange Linien oder rings geschlossene Lager mit wenigen schmalen Öffnungen gebrauchen. Das gibt auch für das Vorgehen aus der Befestigung ganz andere Bedingungen.[247]

In eine moderne Schanze kommen flüchtende Truppen aus dem Vorterrain durch die Kehle wieder herein, während das Feuer der Besatzung den Feind trifft und aufhält. In die langgestreckte oder geschlossene Verschanzung der Antike aber können die zurückgetriebenen Truppen aus dem Vorterrain nicht wieder hinein – es seien denn bloß einzelne Leute –, da ihnen der Feind viel zu schnell auf dem Fuße folgt. Wenn Kromayer also seinen Lesefrüchten aus den modernen Militär-Schriftstellern den Rat zufügt, diese Regeln »sinngemäß« auf die antiken Verhältnisse zu übertragen, so hat ihm sein »Widerwille« gegen diese ganze Untersuchung den Streich gespielt, daß er selber die »sinngemäße« Übertragung nicht vollzogen hat, und so ist trotz seiner Untersuchung das Problem geblieben, wie es war, daß nämlich die Erzählung des Polybius sowohl wie seine Kritik bezüglich der Vorgänge auf dem Euas Dunkelheiten läßt, die wir zu lichten außerstande sind.

Die falschen modernen Analogien, mit denen Kromayer taktisch arbeitet, werden übrigens fast noch übertroffen durch seine strategische Vergleichung der Stellung des Kleomenes mit dem Verhalten Benedeks in Böhmen 1866. Auch nicht die leiseste Ähnlichkeit ist vorhanden, sondern so ziemlich in allem und jedem das direkte Gegenteil.

Als die Truppen des Antigonus den Aufstieg zum Euas begonnen hatten, machten die spartanischen Truppen im Zentrum einen Ausfall und kamen den Stürmenden in die Flanke und den Rücken. Das macedonische Zentrum, den Befehl des Königs abwartend, verhielt sich passiv, so daß die Angreifer des Euas leicht hätten geschlagen werden können. Die entschlossene Initiative des jungen Megalopoliten Philopömen aber setzte die macedonische Kavallerie in Bewegung; ihr Gegenstoß trieb das spartanische Zentrum, dem seine eigenen Reiter als Deckung nachgerückt waren127, zurück und das ermöglichte die Erstürmung des Euas.

Die Darstellung des Polybius in dieser Episode ist völlig einwandfrei. Merkwürdig genug, daß Kromayer (S. 238) gerade hier mit voller Schroffheit erklärt, »es kann keine Rede davon sein, daß, wie Polybius behauptet, Philopömen das Verdienst zu dem Gelingen des Sturmes auf den Euas zukomme«. Ganz ebenso hat übrigens Roloff S. 72 ff. dargetan, daß auch in dem vorhergehenden Feldzug der beiden Könige Kromayer gerade diejenigen Urteile Polybius' verwirft, deren Richtigkeit gar keinem Zweifel unterliegen kann.[248]

In seiner ersten Darstellung der Schlacht hatte Kromayer behauptet, 4000 Mann, die Antigonus den Stürmenden als Reserve folgen ließ, hätten diesen Angriff »maskieren« sollen. Ich habe dazu bemerkt (II, 14), dabei könne ich mir nichts denken: inwiefern denn die 4000 Mann hätten verdecken können, daß andere Abteilungen des großen Heeres anderes unternähmen? Kromayer sagt darauf jetzt (S. 261), er hätte sogar von dem ganzen Aufmarsch des macedonischen Heeres sagen können, er sei eine Maskierung des Handstreichs auf den Euas gewesen. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, so wenig wie wenn Kromayer jetzt geschrieben hätte, er hätte an Stelle einer militärischen Absurdität sogar etwas Richtiges sagen können. Hierzu hätte er sogar noch häufig Gelegenheit gehabt.

Während die Macedonier den Euas und die Talstellung nahmen, wobei auf beiden Seiten außer den Reitern hauptsächlich leichte Truppen fochten, standen die beiden Phalangen auf dem Olymp aufmarschiert einander gegenüber und nur die ihnen zugeteilten, allerdings auch noch sehr zahlreichen Leichten plänkelten vor der Front. Antigonus wußte sehr wohl, wie gefährlich es für ihn gewesen wäre, gegen die spartanische Befestigung, hinter der die Phalanx stand, anzustürmen. Erst wenn sein anderer Flügel gesiegt hatte und vom Tal aus die Flanke und im Rücken die Phalanx des Kleomenes bedrohte, war der Moment des Handelns auch für ihn gekommen. Kleomenes aber, als er die Niederlage jener Hälfte seines Heeres erkannte, wartete den Angriff des Antigonus nicht ab, sondern befahl, die Palissade niederzureißen und ging über seine eigenen Befestigungen hinweg zum Angriff auf die Macedonier vor. Trotz anfänglichen Erfolges mußte er dennoch hierbei schließlich scheitern, da seine eigene Phalanx nur 6000, die des Gegners 10000 Mann stark war.

Hier liegt das eigentliche Problem der Schlucht: Polybius sagt, Kleomenes sei gezwungen gewesen, zum Angriff zu schreiten (ἠναγκάζετο), gibt aber nicht an, wodurch und inwiefern er gezwungen wurde. Es ist doch so verschiedenes denkbar. Hatte er keinerlei Rückzug über die Berge? Das behauptet Kromayer nach seiner Kenntnis des Geländes. Es wäre das doch aber ein so schwerer Fehler in der Aufstellung gewesen, daß Polybius das nicht hätte verschweigen dürfen. Wieviele von seinen Lesern konnten denn das wissen? Ferner war es unmöglich, die Verteidigung der Palissade den Leichten zu überlassen, mittlerweile die Phalanx schleunigst ins Tal zu führen und hier wenn nicht eine Wendung der Schlacht, doch den Rückzug zu erkämpfen? Was wollte Kleomenes überhaupt mit seinem Angriff? Noch siegen? Oder ehrenvollen Untergang? Er selbst hat sich schließlich noch gerettet, seine Phalangiten sind zum größten Teil gefallen.

Auf alle diese Fragen läßt uns Polybius ohne Antwort. Roloff hat aus dem ganzen Zusammenhang wahrscheinlich gemacht, daß Kleomenes, als er sah, daß die Talstraße, sein Rückzugsweg, verloren sei, in dem plötzlichen Vorstoß gegen die feindliche Phalanx die einzige, wenn auch noch so schwache Chance eines Sieges, auf alle Fälle aber den ehrenvollsten[249] Untergang gesehen habe. Hätte er weiter hinter seiner Verschanzung gewartet, so wäre er bald von allen Seiten eingeschlossen gewesen. Hätte er sich sofort hinunter ins Tal gewandt, so wäre daraus nur eine regellose Flucht geworden und im besten Fall ein Rückzug ohne weitere Hoffnung.

Es ist wohl recht wahrscheinlich, daß es so gewesen, aber doch, wie Roloff selbst aufs stärkste betont, nicht mehr als eine Hypothese. Indem uns Polybius das Motiv vorenthält, entgeht uns auch die Antwort auf die prinzipielle Frage: wie verhält sich eine griechisch-macedonische Phalanx bei der Verteidigung einer Feldbefestigung? Bei der Verteidigung des Euas hat Polybius verlangt, daß der Verteidiger dem Angreifer vor seiner Befestigung entgegengehe. Hier handelt es sich um Leichtbewaffnete, die relativ schnell wieder in die Befestigung hinein können. Trotzdem ist uns die Sache recht zweifelhaft erschienen, da bei größerer Zahl ein solcher Rückzug doch immerhin schwierig ist, große Verluste bringen kann und Polybius selbst diese Schwierigkeit weiß und nicht aufklärt, sondern die Befestigung gar nicht mehr erwähnt, so daß der Verdacht nahe liegt, er habe eine Regel, die sich auf den Kampf ohne Befestigung bezieht, ausgesprochen an einer Stelle, wo sie wegen der vorhandenen Befestigung nicht hinpaßte. Nun auf dem Olymp, wo die schweren Phalangiten hinter der Befestigung stehen, gibt Polybius an, sie hätten sie niedergerissen, um herauszukommen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß es eine andere Möglichkeit nicht gab, wenn man angreifen wollte. Schon daß nicht weniger als 5000 Leichte vor den Palissaden gekämpft haben sollen, ist schwer zu verstehen; um die Phalangiten aber herauszulassen, mußte die Palissade fallen. Aber wenn man nun, wie es doch die eigentliche Natur einer Befestigung ist, sie verteidigen wollte, statt sie zu zerstören? Es wäre sehr interessant, darüber eine quellenmäßige Nachricht zu haben. Erst dann würden wir den Schlachtplan des Kleomenes völlig verstehen und würdigen können. Leider läßt uns Polybius auch hierüber wieder im Dunkeln. Ich würde glauben, wenn die Phalangiten nicht einfach den Wall und die Palissaden verteidigen, wie die Legionäre Cäsars die Circumvallation von Alesia, so wäre es wohl das Gegebene, daß die Leichtbewaffneten die Verschanzung verteidigen und die Phalanx einige Dutzend Schritt dahinter in Reserve steht. Wenn dann der Feind die Leichten vertreibt, die Verschanzung erstürmt und beim Überschreiten seine taktische Ordnung auflöst, dann wird die Phalanx vorgehen und ihn mit einem Offensivstoß zurückwerfen. Tatsächlich aber schwärmen bei Sellasia die leichten Waffen vor der Verschanzung aus, und die Phalanx, als sie zum Angriff vorgehen will, reißt ihre eigenen Palissaden wieder fort, um sich dazu Raum zu schaffen. Die Befestigung kommt also taktisch überhaupt nicht zur Geltung.

Unsicher bleibt unter diesen Umständen auch, ob Polybius, wenn er der Stellung des Kleomenes nachrühmt, daß sie auch zum Angriff geeignet gewesen sei, bloß die Möglichkeit eines Ausfalles im Tal, oder auch diesen Vorstoß der Phalanx über die eigenen zerstörten Befestigungen hinweg im Auge[250] gehabt hat. Denn man kann sich kaum denken, daß Kleomenes das von Anfang an im Auge gehabt hat. Immerhin, da die Möglichkeit gegeben war, mag sie auch bei jenem Ausspruch mit in Betracht gezogen sein. Endlich aber mag Polybius auch an einen Offensivstoß der Phalanx hinter der Befestigung, nachdem der Feind sie überschritten und noch in Unordnung war, gedacht haben. Auch hier kommen wir über Vermutungen und Möglichkeiten nicht hinaus.

Sowohl Polybius wie Plutarch sagt, daß die macedonische Phalanx durch ihre taktische Eigentümlichkeit über die Tapferkeit der Lacedämonier gesiegt habe. Polybius, der vorher berichtet hat, daß wegen der Engigkeit des Terrains die Tiefe der Phalanx verdoppelt worden, spricht von dem »Gewicht« (ὑπὸ τοῦ βάρους) der macedonischen Ordnung; Plutarch spricht nicht bloß von der Masse, sondern auch von der Art der Bewaffnung »τῷ τρόπῳ τής ὁπλίσεως καὶ τῳ βάρει τῆς ὁπλιτικῆς φάλαγγος«, die den macedoniern das Übergewicht gegeben habe. Diese Bemerkung wäre sehr interessant, wenn sie nicht quellenkritischen Bedenken unterläge. An anderer Stelle (cap. 11; vgl. auch cap. 23) hat uns nämlich Plutarch erzählt, daß Kleomenes die spartanischen Hopliten mit der Sarisse bewaffnet und ausgebildet, also die macedonische Fechtweise eingeführt habe. Wenn sie sie selber bereits angenommen hatten, wie konnten die Lacedämonier gerade der Eigentümlichkeit der macedonischen Kriegskunst erliegen? Die Quellen sagen keineswegs, daß sie es nicht gut genug verstanden, daß sie noch nicht genügend darin geübt gewesen seien, sondern suchen den Grund der Niederlage in dem Art-Unterschied.

Der Ertrag dieser Schlacht für die Geschichte der Kriegskunst ist also gering. Nur ganz im allgemeinen können wir aus ihr schließen, wie die Kunst der Führung, der Kombination der Waffen, der Benutzung des Geländes sich gesteigert und verfeinert hat. Auf beiden Seiten ist die Zahl der Leichtbewaffneten, die sich leichter dem Gelände anpassen, sehr groß. Eine konstante Fortentwicklung in dieser Richtung liegt jedoch keineswegs vor. Das wird sich bei dem späteren Zusammenstoß der Macedonier mit den Römern zeigen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 244-251.
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