2. Stärke- und Verlust-Berechnungen.

[338] Die Stärke des römischen Heeres bei Cannä wird gewöhnlich auf 86000 Mann angegeben, wovon 6000 Reiter. 10000 Mann blieben im Lager, so daß 76000 Römer von 50000 karthagischen Söldnern, worunter 10000 Reiter, überwunden wurden, Polybius, Livius und Appian stimmen über diese Zahlen im wesentlichen überein. Die 80000 Mann Fußvolk sind dabei gerechnet gleich 8 römischen Legionen zu 5000 Mann und ebensoviel Bundesgenossen.

Erst neuerdings ist diese Berechnung angefochten worden von P. CANTALUPI, »Le Legioni Romane nella Guerra d'Annibale«, von Beloch veröffentlicht in den Studi di Storia Antica, Band 1.

Cantalupi macht darauf aufmerksam, daß Livius ausdrücklich auch eine andere Überlieferung berichte, wonach die Römer im Jahre 216 nicht 4 neue Legionen aufgestellt, sondern bloß 10000 Ersatzmannschaften ausgehoben hätten. Bei Zahlen kann man im allgemeinen die kleineren immer als die wahrscheinlicheren annehmen. Cantalupi schlägt daher das römische Heer nur auf 44000 Mann an, und während Polybius die Zahl der gefallenen Römer auf 70000 angibt, kommt Cantalupi nach sorgfältiger Vergleichung nur auf 10500 bis 16000. Das Schlachtbild würde sich also bei Annahme dieser Zahlen sehr wesentlich verändern.

Aber die Gründe, die Cantalupi für seine Berechnung anführt, sind keineswegs durchschlagend. Er meint, erst durch die Schlacht bei Cannä selber sei Hannibal der Schrecken der Römer geworden, als welcher er in der Geschichte lebt; vorher hätten die Römer keine Veranlassung gehabt, so außerordentliche Rüstungen vorzubereiten. Am Ticin war nur ein Reitergefecht, an der Trebia waren die Römer ohne sehr wesentlichen Verlust abgezogen; am Trasimenus hatte sich der Konsul überfallen lassen. Der Diktator Fabius hatte nicht mehr als 4 Legionen, und die öffentliche Meinung in Rom forderte, daß er mit dieser Streitmacht eine Schlacht liefere. Man war also der Meinung, daß bei guter Führung ein solches Heer dem Hannibal gewachsen sei. Als die neuen Konsuln mit den Verstärkungen anlangten, wurde außer dem alten ein neues Lager errichtet und mit einer Legion und 2000 Bundesgenossen besetzt. Die Verstärkungen können also nicht sehr groß gewesen sein, da sie mit Ausnahme dieses Detachements in dem alten Lager Platz fanden.

Diese Argumente sind gegenüber dem positiven Zeugnis des Polybius nicht gerade schwerwiegend. Daß Hannibal auch schon vor Cannä in Rom als ein furchtbarer Gegner galt, beweist die Kriegführung des Diktators Fabius, und wenn eine Gegenpartei von diesem forderte, daß er schlagen solle, so ist nicht gesagt, daß man forderte, er solle mit seinen vier Legionen[338] schlagen. Die »Schlachtpartei« kann sehr wohl hinzugefügt haben, daß der Diktator das Heer erst auf die nötige Stärke bringen und dann schlagen solle. Auch daß die Verstärkungen zumeist in dem bestehenden Lager Platz fanden, ist keineswegs erwiesen; das Lager mag vergrößert worden sein, ohne daß Livius oder seine Quelle es für nötig gehalten hat, es zu erwähnen. Auffällig bleibt es freilich, daß Livius überhaupt divergierende Angaben gefunden und daß, wie Cantalupi ebenfalls hervorhebt, unter den Geretteten nur Kriegstribunen von vier Legionen erwähnt werden. Die sachlichen Erwägungen aber führen mit Notwendigkeit darauf, daß das römische Heer erheblich stärker als 44000 Mann gewesen sein muß.

Um seine Ansicht glaublich zu machen, muß Cantalupi auch die von Polybius überlieferte Zahl des karthagischen Heeres erheblich reduzieren. Denn es ist von vornherein klar, daß die Römer, denen es an Mannschaft nicht gebrach, nicht ohne erhebliche numerische Überlegenheit zur Entscheidungsschlacht gegen Hannibal ausgezogen sein werden. Anders hätte die Cannensische Niederlage ja gar nicht eine so furchtbare Bedeutung gehabt, und der Konsul weist in der Rede, die er bei Polybius vor der Schlacht an seine Offizieren hält, ausdrücklich auf die doppelte Überlegenheit hin, über die man verfüge. Die Angabe des Polybius, daß das karthagische Heer bei Cannä 40000 Mann zu Fuß und 10000 Mann zu Pferde stark gewesen sei, geht auf die anerkannt vorzügliche karthagische Quelle, Silen, zurück, der wir überhaupt das Schlachtbild verdanken. Welchen Grund soll Silen gehabt haben, die karthagische Macht zu übertreiben? Müßten wir annehmen, daß auch die 86000 Römer ihm entstammen, so könnte man bei sehr weit getriebenem Argwohn glauben, daß er auf beiden Seiten, unter dem ungeheuren Eindruck des Ereignisses, gleichmäßig vergrößert hat. Aber die 86000 Römer stammen, wie Appian beweist, der aus römischer Quelle schöpft, von dieser Seite, und ein sachlicher Grund, die Stärke des punischen Heeres anzuzweifeln, existiert, wie wir unten bei einer näheren Prüfung der Zusammensetzung des punischen Heeres noch feststellen werden, nicht.

War nun Hannibals Heer 50000 Mann stark, so kann das römische unmöglich bloß vier Legionen gezählt haben. Die positive Nachricht, es sei acht Legionen mit Bundesgenossen stark gewesen, ist als unzweifelhaft richtig anzusehen. Die Legion hatte damals 5000 Mann; man würde also auf 80000 Mann römisches Fußvolk kommen. Diese Zahl ist jedoch nicht ohne weiteres den 50000 karthagischen Söldnern vergleichbar. 1400 Mann in jeder Legion sind die Leichten, die nur einen sekundären militärischen Wert haben. Die 8000 Mann Balearen (Schleuderer) und Peltasten Hannibals sind zweifellos technisch geschulte Leute, Vollkrieger; die 22400 römischen Leichten waren zum großen Teil, ganz abgesehen von ihrer technischen Minderwertigkeit, in der Schlacht gar nicht zu verwenden. An der Trebia wird uns ausdrücklich gesagt (Polybius III, 72, 2), daß 6000 Leichte vor der Phalanx ausschwärmten. Da vier Legionen zur Stelle waren, hatte Sempronius, mit den Bundesgenossen nach Abzug der Verluste,[339] wenigstens 10000 Leichte. Er hat also einen Teil im Lager gelassen. Die Hopliten-Phalanx an der Trebia wird etwa 1000 Mann breit gewesen sein. Standen auf jedem von den beiden Flügeln etwa 2000 Leichte, so bleiben für die Front 2000, d.h. zwei Glieder, und tiefer können Leichte auch nicht gestellt werden. Die Front der Phalanx bei Cannä war wahrscheinlich nicht breiter, vielleicht auch, daß wäre das allerhöchste, gegen 2000 Mann breit, bot also Platz für 2000 bis höchstens 4000 Leichte in der Front. Rechnen wir noch auf jeden Flügel 2-3000, so können wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sagen, daß etwa 8- bis höchstens 10000 von den römischen Leichten an der Schlacht als Kombattanten teilgenommen haben. Ein anderer Teil mag der Phalanx als Krankenträger und für ähnliche Dienste gefolgt sein. Der Rest blieb im Lager.

Die Lagerbesatzung soll im ganzen 10000 Mann stark gewesen sein, darunter jedenfalls auch einige Tausend Hopliten, deren im ganzen 16 x 3600 = 57600 Mann vorhanden waren. Ich rechne hiernach das römische Heer in der Schlacht 55000 Hopliten, 8-9000 kämpfende Leichte und 6000 Reiter stark, Summa gegen 70000 Mann.

Nicht deutlich ist, ob auch Hannibal außer seinen 50000 Mann in der Schlacht noch Truppen hatte, die er als Lagerbesatzung zurückgelassen hat, oder ob dafür von der Schlachtstärke vielleicht ein Abzug zu machen ist.

Bei den Verlustzahlen sind natürlich die römischen Leichten, die wir als Kombattanten nicht in Anrechnung gebracht haben, mitgezählt. Es ist also auszugehen von einem Bestande von 80000 Mann zu Fuß und 6000 Reitern. Nach Polybius sind 70000 gefallen, 3000 Mann zu Fuß und 370 Reiter haben sich gerettet, 10000 sind gefangen genommen. Die 10000 Gefangenen wären die in dem Lager Zurückgelassenen, die während der Schlacht das karthagische Lager angegriffen hatten und nachher eingeschlossen kapitulierten. Polybius' Ausdruck ist jedoch so unklar, daß man die Lesart angezweifelt hat. Es scheint auch möglich, daß er hat sagen wollen, daß außer den in den Lagern gefangen Genommenen auch auf dem Schlachtfeld 10000 Mann lebend in die Hände der Karthager gefallen seien, und das entspricht wohl der Natur der Sache. Es ist kaum anzunehmen, daß, nachdem die große Mehrzahl bereits den Boden deckte, der Rest von den des Mordens müde gewordenen Söldnern nicht lieber verschont und für den Verkauf oder das Lösegeld aufbewahrt worden sei.

Dem widerspricht nun freilich die Rechnung des Polybius, der offenbar zu den 70000 Gefallenen gekommen ist, indem er rund 10000 Gefangene und einige Tausend Gerettete und Versprengte von den ursprünglichen 86000 abzog.

Die 70000 Gefallenen sind aber auf keinen Fall zu halten, denn es steht fest, daß die Römer aus den Geretteten zwei volle Legionen bildeten, und zwar römische. Außer diesen muß sich doch auch eine annähernd entsprechende Zahl Bundesgenossen gerettet haben. Die Zahl 70000 beruht also nicht auf einer wirklichen Überlieferung, sondern auf[340] einer etwas flüchtigen und fehlerhaften Berechnung und verliert damit für uns ihren Wert.

Nun berichtet Livius, daß sich der Verlust der Römer auf 45000 Mann zu Fuß und 2700 Reiter belaufen habe, und so viel weniger auch im allgemeinen die Autorität des Livius gegenüber der des Polybius wiegt, so spricht doch alles dafür, daß er hier eine wirklich zuverlässige amtliche Berechnung überliefert. Es ist höchst unwahrscheinlich, ja unmöglich, daß, wie Polybius will, auch fast die ganze römische Reiterei auf dem Schlachtfelde geblieben sei. Sie wurde ja nicht eingeschlossen, sondern in die Flucht geschlagen und nicht einmal sehr weit und sehr energisch verfolgt, da das Gros der punischen Kavallerie sofort von ihr abließ und sich gegen die Legionen wandte. Ein Verlust von 2700 Toten und 1500 Gefangenen, wie Livius berichtet, scheint daher schon sehr hoch und gibt auch seine Angabe über das Fußvolk Glaubwürdigkeit.

Gerettet sind nach Livius etwa 14000 Mann zu Fuß; in punische Gefangenschaft fielen auf dem Schlachtfelde 3000, in dem Dorf Cannä 2000, in dem Lager 13000, Reiter 1500.

Addiert man die Zahlen und bringt in Anschlag, daß die Etatstärke von 5000 Mann auf die Legion nicht überall voll erreicht sein wird, so kann man folgende Liste aufstellen.


Tot zu Fuß45500

Tot zu Pferd2700

Gefangen zu Fuß18000

Gefangen zu Pferd1500

Gerettet zu Fuß14000

Gerettet zu Pferd1800

Fehlend am Soll-Bestand2500

86000


Die Stärke war

Hopliten in der Front55000

Hopliten im Lager2600

Rotarier in der Schlacht8000

Rotarier als Burschen hinter der Front7000

Rotarier im Lager7400

Reiter6000

86000 Mann,


wovon also 2500 als manquierend abzusetzen wären.

Über Hannibals Heer unten Kap. 3.


3. Da wir für Cannä in der ausnahmsweise günstigen und ganz seltenen Lage sind, ein auf Berichten aus beiden Lagern aufgebautes zuverlässiges und anschauliches Schlachtbild zu besitzen, so ist es angebracht, sich an diesem Beispiel auch klar zu machen, wie wenig mit Schlachtschilderungen anzufangen ist, die der genannten Eigenschaft entbehren.[341] Unsere Historiker erliegen immer wieder der Versuchung, wenn gutes Material mangelt, das schlechte zu verwenden, und was nun einmal überliefert ist, wenn nicht andere Nachrichten da sind, die widersprechen, unter Ausmerzung des handgreiflich Falschen nachzuerzählen. Das ist aber nicht berechtigt. Es kann sehr wohl sein, daß in einer solchen Erzählung alles Richtige ausgefallen und nur Falsches stehen geblieben ist. Als Beweis diene die ausführliche Schilderung von Cannä, die uns bei Appian erhalten ist. Es wäre, wenn uns zufällig diese allein erhalten wäre, schlechterdings unmöglich, aus ihr eine Erzählung zu gewinnen, die mit der Wahrheit auch nur die entfernteste Ähnlichkeit hätte. Da so sehr viel darauf ankommt, daß die Leser dieses Buches sich mit der Wahrheit dieses methodischen Grundsatzes durchdringen, so setze ich die Schilderung APPIANS, der irgend eine römische Erzählung wiedergibt, in ihrer ganzen Ausführlichkeit hierher. Sie lautet:

Zu Konsuln wurden gewählt Lucius Aemilius, wegen des Kriegsruhms, den er sich im Kriege mit den Illyriern erworben hatte, und Terentius Varro wegen seiner Popularität, indem er ihnen auch diesmal voll Ehrgeizes, wie er immer war, große Dinge versprach. Beim Auszug beider Männer begleiteten und baten sie sie, den Krieg durch eine Feldschlacht zu entscheiden und nicht zu warten, bis die Stadt durch die lange Dauer, die endlosen Kriegsdienste, die Abgaben, die Hungersnot und das Brachliegen der verheerten Felder vollends erschöpft sei. Die Konsuln vereinigten darauf das Heer von Japygien mit dem ihrigen, so daß sie im ganzen siebzigtausend Mann Fußvolk und sechstausend Reiter hatten. Mit diesen bezogen sie ein Lager bei einem Dorfe, namens Cannä, und Hannibal lagerte sich ihnen gegenüber. Von Natur kampflustig und immer ein Feind der Untätigkeit, sah sich letzterer gerade in diesem Augenblicke durch drückenden Mangel an Lebensmitteln täglich veranlaßt, in Schlachtordnung auszurücken und die Feinde auf diese Art zum Kampfe herauszufordern, um so mehr, als er zugleich besorgen mußte, seine Mietssoldaten möchten wegen nicht erfolgender Ausbezahlung des Soldes zum Feinde übergehen oder zur Sammlung von Lebensmitteln sich zerstreuen.

Die Ansicht der Konsuln war geteilt. Aemilius meinte: man sollte den Hannibal, der ohnehin wegen Mangels an Lebensmittel nicht mehr in die Länge werde widerstehen können, durch Hinhalten aufreiben und sich mit einem an Kriege und Siege gewöhnten Feldherrn und Heere in keine Schlacht einlassen. Terentius dagegen, wie immer um Volksgunst buhlend, äußerte: man müßte des Auftrages eingedenk bleiben, den ihnen das Volk bei ihrem Auszuge gegeben hätte und so bald als möglich eine entscheidende Schlacht wagen. Dem Aemilius stimmte Servilius, der Konsul des vorigen Jahres, bei, welcher noch beim Heere anwesend war; für die Ansicht des Terentius dagegen erklärten sich alle Senatoren und Ritter, welche eine Befehlshaberstelle im Heere bekleideten.

Während beide Parteien sich noch nicht geeinigt hatten, griff Hannibal[342] einmal ihre Leute an, welche auf Futter oder Holz ausgezogen waren, stellte sich, als sei er geschlagen, und setzte etwa um die letzte Nachtwache sein ganzes Heer in Bewegung, als wenn er aufbrechen wollte. Kaum bemerkte dies Terentius, so führte er sein Heer heraus, wie wenn es nichts gälte, als den Hannibal auf der Flucht zu verfolgen. Vergebens war es, daß ihm Aemilius noch in diesem Augenblicke abriet. Als er aber nicht nachgab, stellte Aemilius für sich allein die Auspizien nach römischer Sitte an, schickte ihm, der bereits ausgezogen war, nach und ließ ihm sagen; »Der Tag sei von unglücklicher Vorbedeutung«. Jetzt zog sich Terentius zwar aus Achtung für die Auspizien zurück, zerraufte sich aber im Angesichte des Heeres die Haare und beklagte sich bitter, daß ihm die Eifersucht seines Amtsgenossen den Sieg aus den Händen gewunden habe. Auch der Menge teilte sich dieser Unwille mit.

Sobald Hannibal seinen Versuch mißlungen sah, kehrte er unverzüglich in sein Lager zurück, zum offenbaren Beweise, daß es nur Verstellung von ihm gewesen sei. Doch selbst dieses war für den Terentius noch keine Lehre, daß man allen Unternehmungen Hannibals mißtrauen müsse. Er lief vielmehr bewaffnet, wie er zurückgekommen war, in das Feldherrenzelt, wo die Senatoren, Hauptleute und Obersten noch versammelt waren, und beschuldigte hier den Aemilius, er habe die Auspizien nur zum Vorwande genommen und die Stadt um einen offenbaren Sieg gebracht, weil er entweder aus Feigheit zaudere oder aus Eifersucht ihm den Ruhm mißgönne. Diese im Zorn laut ausgestoßenen Vorwürfe hörte das um das Zelt herumstehende Heer und lästerte nun ebenfalls den Aemilius, welcher zu den drinnen im Zelte Befindlichen viel Heilsames sprach, aber vergeblich sich bemühte. Alle übrigen, mit Ausnahme des Servilius, stimmten dem Terentius bei, und so gab auch er endlich nach und führte am folgenden Tage, wo er den von Terentius abgetretenen Oberbefehl hatte, das Heer in Schlachtordnung auf. Hannibal bemerkte es zwar, rückte aber an diesem Tage nicht aus, weil er noch nicht ganz zum Kampfe gerüstet war. Erst am dritten Tage stellten sich beide Teile unten in der Ebene auf.

Die Römer waren in drei Schlachtreihen geordnet, wovon jede in kleiner Entfernung von der anderen stand. Jede hatte das Fußvolk in de Mitte, die Leichtbewaffneten und die Reiter auf beiden Flügeln. Den Oberbefehl im Zentrum führte Aemilius, auf dem linken Flügel Servilius, auf dem rechten Terentius. Alle drei hatten Tausend auserlesene Reiter um sich, welche bestimmt waren, überallhin zur Hilfe zu eilen, wo es die Not erforderte. Dies war die Schlachtordnung der Römer.

Hannibal, welcher wußte, daß sich gegen Mittag in dieser Gegend gewöhnlich ein den Himmel verdunkelnder Südostwind erhebe, besetzte vor allen Dingen diejenigen Plätze, wo er diesen Wind im Rücken hatte. Hierauf legte er die Reiterei und Leichtbewaffnete (leichte Truppen) auf einen rings um bewachsenen, von Schluchten durchschnittenen Berg in den Hinterhalt mit dem Befehle, sobald die Schlachtreihen des Fußvolkes recht in Arbeit[343] wären und der Wind sich erhoben hätte, den Feinden in den Rücken zu kommen. Endlich mußten fünfhundert Celtiberier außer ihren langen Schwertern noch andere kürzere unter ihren Unterkleidern umhängen, und sie erhielten Anweisung, auf das Zeichen zu warten, wenn sie von diesen Gebrauch zu machen hätten. Sein Gesamtheer verteilte er hierauf ebenfalls in drei Schlachtreihen; die Reiterei aber ward in weiten Zwischenräumen auf die Flügel gestellt, um womöglich die Feinde zu umringen. Den Oberbefehl auf dem rechten Flügel übertrug er seinem Bruder Mago, den auf dem linken seinem Neffen Anno. In der Mitte befehligte er selbst, um sich dem Aemilius gegenüberzustellen, von dessen Kriegskunde er eine hohe Meinung hatte. Zwei Tausend auserlesene Reiter umgaben ihn und eine Schar von tausend anderen, an deren Spitze Maharbal stand, bestimmt, jeden Augenblick dahin zu eilen, wo er irgend Gefahr bemerke. Unter diesen Anordnungen verzog er bis zur zweiten Stunde des Tages, damit der Angriff nicht zu lange vor Erhebung des Windes erfolge.

Sowie auf beiden Seiten alles schlagfertig war, ritten die Heerführer herum und ermunterten ihre Leute. Die Römer erinnerten die Ihrigen an Eltern, Kinder, Weiber und an die frühere Niederlage. Die heutige Schlacht sei entscheidend für ihre Stellung. Hannibal dagegen gemahnte die Seinigen an ihre früheren glücklichen Taten gegen diese Leute und wie schändlich es wäre, von Besiegten besiegt zu werden. Jetzt ertönten die Trompeten und die Phalangen des Fußvolkes erhoben ein Geschrei; das Vorspiel machten die Bogenschützen und Schleuderer und Steinwerfer, welche in die Mitte sprangen und einander angriffen. Nach diesem schritten die Phalangen zum Werke und kämpften auf beiden Seiten so mutig, daß die Arbeit und das Blutbad groß war. Mittlerweile gibt Hannibal seiner Reiterei das Zeichen, die Feinde zu überflügeln. Aber die römische Reiterei, obgleich minder zahlreich als die feindliche, bot ihr die Spitze und focht, ungeachtet sie sich in eine dünne Schlachtreihe ausdehnen mußte, dennoch mit vielem Mute, wobei sich besonders der linke Flügel am Meere auszeichnete. Hannibal und Maharbal führten jetzt zu gleicher Zeit auch die Reiter, welche sie um sich hatten, mit einem unermeßlichen barbarischen Geschrei gegen sie, um ihre Gegner dadurch in Furcht zu setzen. Aber selbst diesen Angriff hielten die Römer mit unerschütterlicher Furchtlosigkeit aus.

Weil dem Hannibal auch dieser Versuch fehlgeschlagen war, so gab er den fünfhundert Celtiberiern das verabredete Zeichen. Plötzlich verließen diese ihre Glieder, gingen zu den Römern über und boten ihnen als Überläufer ihre Schilde, Spieße und Schwerter, welche sie offen trugen, dar. Servilius belobte sie, nahm ihnen sogleich die Waffen ab und stellte sie in bloßen Kleidern, wie er glaubte, hinter seine Glieder. Denn er hielt es nicht für gut, die Überläufer im Angesichte der Feinde binden zu lassen, schöpfte auch keinen Argwohn, da er sie in bloßen Kleidern sah, und hatte überhaupt in einem so heißen Kampfe keine Zeit, etwas Weiteres zu tun. Indessen stellten sich einige andere Abteilungen Libyer, als flöhen sie, und[344] liefen mit großem Kriegsgeschrei bis an die Berge. Dieses Geschrei war das Zeichen für die in den Bergschluchten Versteckten, sich auf die verfolgenden Feinde zu werfen. Plötzlich kamen die Leichtbewaffneten und die Reiter aus ihrem Hinterhalte zum Vorschein. Zu gleicher Zeit erhob sich der heftige, den Himmel verfinsternde Wind, welcher den Römern so viel Staub ins Gesicht warf, daß sie die Feinde nicht mehr von ferne sehen konnten. Zugleich wurden alle Geschosse der Römer durch den Widerstand des entgegenkommenden Windes matter, die der Feinde dagegen flogen, durch die Kraft des Windes verstärkt, weit glücklicher. Die Römer konnten sie nicht mehr vorher sehen, ihnen deswegen nicht ausweichen, ihre eigenen nicht mehr gut abschießen, trafen sogar einander selbst und fingen bereits an, vielfältig in Unordnung zu geraten.

Dies war der, jenen Fünfhundert zum Voraus angedeutete Augenblick, den sie sich ersahen, ihre kürzeren Schwerter aus dem Busen hervorzuziehen und zuerst diejenigen niederzustoßen, hinter deren Reihen sie standen. Hernach nahmen sie ihnen ihre größeren Schwerter, Schilde und Spieße ab, rannten auf alle übrigen los und fielen sie schonungslos an; und das Blutbad, das diese Schar anrichtete, wurde gerade deswegen das bedeutendste, weil dieselbe im Rücken des ganzen (feindlichen) Heeres war. Groß und mannigfaltig war jetzt die Not der Römer, indem sie von dem gegenüberstehenden Feinde hart bedrängt, von dem Hinterhalt umringt, von der Schar, die sich in ihre eigenen Reihen gemischt hatte, niedergemacht wurden. Umwenden konnten sie sich gegen letztere nicht, weil die anderen ihnen zugleich von vorne zusetzten. Ebenso war es nicht mehr leicht, sie zu erkennen, da sie römische Schilde hatten. Über das alles aber ward ihnen der Staub so lästig, daß sie sich gar keine Vorstellung mehr von demjenigen machen konnten, was um sie her vorging. Sie dachten sich deswegen, wie es in der Unordnung und Bestürzung gewöhnlich der Fall, alles weit ärger, wußten nicht, daß der Hinterhalt nicht so bedeutend und die Zahl der Überläufer nur fünfhundert sei, sondern meinten, ihr ganzes Heer sei ringsum von Reitern und Überläufern umgeben. Dies veranlaßte sie zum Umwenden und zu ordnungsloser Flucht, zuerst auf dem rechten Flügel, wo Terentius der erste war, der sich davon machte, hernach auch auf dem linken, von wo Servilius, der ihn befehligte, sich eilends zu Aemilius begab. Um diese beiden Männer sammelte sich eine Schaar von tapferen Leuten zu Pferd und zu Fuß, gegen 10000 an der Zahl.

Jetzt sprangen die Heerführer und nach ihnen alle, die noch beritten waren, von den Pferden und fochten zu Fuß gegen die Reiterei Hannibals, von der sie umringt waren. Noch taten sie als geübte Krieger, teils aus wirklicher Tapferkeit, teils aus Verzweiflung, manche glänzende Tat, indem sie wütend auf die Feinde eindrangen; aber sie wurden von allen Seiten her niedergemacht. Denn Hannibal ritt um sie herum, ermunterte bald seine Leute und bat sie, das Letzte, Wenige vollends zu tun, um den Sieg zu vollenden, bald schalt er sie und nannte es schmachvoll, wenn sie nach[345] dem Sieg über die Menge mit diesem kleinen Häuflein nicht fertig werden könnten. Gleichwohl blieben die Römer noch, so lange Aemilius und Servilius unter ihnen waren, in Reih und Glied und verkauften ihr Leben teuer. Nachdem aber diese ihre Anführer gefallen waren, da brachen sie mit großer Gewalt mitten durch die Feinde und flohen aufgelöst, die einen nach den beiden Lagern, in welche sich die vor ihnen Entflohnenen gerettet hatten, – sie beliefen sich zusammen auf 15000 Mann, welche Hannibal durch eine eigene Heeresabteilung einschließen ließ – die andern, bei 2000 an der Zahl, nach Cannä. Letztere 2000 ergaben sich nachher dem Hannibal. Nur wenige entkamen nach Canusium. Der Rest zerstreute sich einzeln in die Wälder.

So endete die Schlacht bei Cannä zwischen Hannibal und den Römern, nachdem sie von der zweiten Stunde des Tages bis zwei Stunden vor Nacht gedauert hatte. Noch jetzt ist sie bei den Römern wegen der großen Niederlage, die sie erlitten, berüchtigt. Denn innerhalb dieser wenigen Stunden fielen 50000 Römer, und eine große Menge wurde abends gefangen. Auch viele vom Senate, welche diesen Feldzug mitmachten, kamen um und außer diesen alle Obersten und Hauptleute und die beiden Tapfersten von den Oberbefehlshabern. Nur der feige Urheber dieser Niederlage war zu Anfang der Schlacht entronnen. In den beiden Jahren, in welchen die Römer mit Hannibal in Italien kämpften, hatten sie bereits gegen 100000 Mann, teils an eigenen Leuten, teils an Bundesgenossen verloren.

So hatte denn Hannibal an einem Tage viererlei Kriegslist in Anwendung gebracht, die Berechnung des für ihn günstigen Windes, das verstellte Überlaufen der Celtiberier, die scheinbare Flucht mehrerer Abteilungen und die Verbergung eines Hinterhaltes in der Tiefe der Talschluchten. Nach dem glänzenden seltenen Siege, den er hierdurch davongetragen, unmittelbar nach der Schlacht ging er herum, die Gefallenen zu besehen. Unter diesen sah er auch die wackersten seiner Freunde getötet; er jammerte und sagte mit Tränen: er verlange keinen ähnlichen Sieg. Das nämliche soll früher Pyrrhus, König von Epirus, geäußert haben, als er ebenfalls mit einem ähnlichen Verluste die Römer in Italien geschlagen hatte.

Von den aus der Schlacht entflohenen Römern wählten die in dem größeren Lager noch am späten Abende den Publius Sempronius zu ihrem Heerführer, durchbrachen mit Gewalt die schlaftrunkenen und ermatteten Hüter Hannibals und entkamen 10000 Mann stark um Mitternacht nach Canusium. Die 5000 Mann im kleineren Lager dagegen wurden am folgenden Tage von Hannibal gefangen genommen. Terentius sammelte hierauf den Rest seines Heeres, versuchte den Zersprengten Mut einzuflößen, gab ihnen einen von den Tribunen, den Scipio, zum Anführer und eilte nach Rom.

So weit Appian.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 338-346.
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