Erstes Kapitel.

Römer und Macedonier.

[419] Unmittelbar an den zweiten punischen Krieg schließt sich der Sieg der Römer über die Heere, die sich als die Erben Alexanders des Großen betrachten durften. Über die Organisation, Fechtart und Taktik der Truppen, die Hannibal gegen die Römer ins Feld geführt hatte, wird uns wenig berichtet. Da es heißt,206 er habe ihnen römische Waffen gegeben, so ist anzunehmen, daß im ganzen und großen, namentlich was die Bewaffnung betrifft, die gegenüberstehenden Heere sich ziemlich gleichartig waren.

Die eigentümliche Manipulargliederung der Phalanx hat Hannibal, dessen Heer aus barbarischen Söldnern verschiedener Rassen mit wenigen karthagischen Oberoffizieren bestand, natürlich nicht gehabt, aber er mag von Anfang an kleine Ansätze zu einem zweiten Treffen gehabt haben, oder sonstige kleinere Mittel, die dasselbe bewirkten und seiner Phalanx dieselbe oder eine noch größere Beweglichkeit gaben, als der römischen.

In den Schlachten, die nunmehr die Römer den Macedoniern liefern, wird die Verschiedenartigkeit der Bewaffnung und Taktik besonders betont. Die Römer hatten die alte Hopliten-Phalanx erst durch die Manipularordnung gegliedert, dann durch die Treffenbildung aufgelöst, den Spieß in das Pilum verwandelt und ließen den Nahkampf mit dem kurzen spitzen Schwert ausfechten. Die Macedonier hatten umgekehrt die alte Phalanx noch verdichtet und den Spieß in den Langspieß, die Sarisse, verwandelt.

Mit Spannung erwartete die Welt, welche Kriegsart sich als die stärkere erweisen werde.[419]

Da es uns zweifelhaft erschien, ob die Sarisse und die eigentümliche macedonische Phalanx, so wie sie uns die letzten Waffengänge der Enkel Alexanders zeigen, schon zu seiner Zeit gebräuchlich waren, so haben wir die Untersuchung darüber bis an diese Stelle verschoben. Lernen wir zunächst die macedonische Kampfesart kennen, so wie sie uns Polybius, der als Zeitgenosse der Schlachten von Kynoskephalä und Pydna klassischer Zeuge ist, sie beschreibt (Buch 18, Kap. 28-32). Neben ihm haben wir noch ähnliche Beschreibungen in mehreren uns erhaltenen Lehrbüchern der Taktik; dennoch war die Untersuchung sehr schwierig und ist vielfältig in die Irre gegangen, da die Quellenaussagen einige unvereinbare Widersprüche enthalten und hier mehrere Probleme, nämlich die Frage der Länge der Sarisse mit der nach der Rottenbreite und nach dem Gliederabstand sowohl bei den Macedoniern wie bei den Römern ineinander verwickelt sind. Rüstow und Köchly haben den eigentlichen Langspieß (24 oder 21 Fuß) bei den Macedoniern ganz leugnen wollen, und indem sie statt πήχεις, Ellen, von denen Polybius spricht, πόδες, Fuß, lesen, die Sarisse in der Praxis nicht länger als 14 Fuß angenommen. Ich gestehe, daß auch ich dieser Ansicht lange gehuldigt habe, aber eine Spezialuntersuchung von Edmund Lammert, die Vergleichung mit den Schweizer- und Landsknechtspießen und endlich eine praktische Probe, die die Berliner akademischen Turnvereine auf meine Bitte durchführten, haben mir gezeigt, daß die größeren Zahlen hier einmal als die richtigen angesehen werden müssen, und es hat sich mir danach folgendes Bild ergeben:

Die Sarisse war ein reglementsmäßig bis zu 24 Fuß, in Wirklichkeit bis zu 21 Fuß langer Spieß, den der Mann mit beiden Händen so faßte, daß er die Spitze weit vorstreckte. Wenn die Phalanx dicht aufeinander aufschloß, so ragten die Sarissen von fünf Gliedern aus der Front hervor und kamen gleichzeitig zur Geltung, da die der vorderen drei Glieder abgestuft kürzer waren207.

Daß die vorderen Glieder kürzere Spieße hatten, wird zwar weder von Polybius noch von anderen Quellen ausdrücklich berichtet, ergibt sich aber indirekt aus einer Notiz, wonach die gefällten[420] Sarissen einen Kreisbogen gebildet hätten, ferner aus der augenscheinlichen Tatsache, daß der ganz lange Spieß für das vorderste Glied zwecklos gewesen wäre, endlich daraus, daß berichtet wird, die Phalangiten hätten Schilde getragen. Eine 21 oder auch nur 18 Fuß lange Sarisse kann nicht mehr mit einer Hand regiert werden, sondern bedarf, wie das auch ausdrücklich gesagt wird, beider Hände. Wer den Spieß mit beiden Händen führt, muß auf den Schutz des Schildes verzichten; er könnte ja vielleicht einen leichten, kleinen Rundschild über den Arm streifen, um ihn bei einem Nahkampf mit dem Schwert oder Dolch, nachdem die Sarisse außer Gefecht gesetzt ist, zu gebrauchen, aber in dem Gefecht mit der Sarisse selber würde er ihm so hinderlich sein und, fast senkrecht zum Körper gehalten, so wenig helfen, daß wir nicht annehmen dürfen, der Sarissenkämpfer habe auch einen Schild getragen. Die Nachrichten kommen aber dann in Harmonie, wenn das erste oder die ersten Glieder einen kürzeren Spieß trugen, den sie mit einer Hand regierten. Wenn also etwa das fünfte Glied 21füßige, das vierte 18, das dritte 15, das zweite 12, das erste 9füßige Spieße führte, so konnten die Spieße vor der Front fast in derselben Senkrechten oder einem leichten Bogen rückwärts liegen und einen undurchdringlichen Stachelwall bilden.

Diese Sarissen-Phalanx ist ganz und gar auf die Massenwirkung berechnet, nicht auf das Fechten des einzelnen Mannes. Die Fühlung sowohl zum Nebenmann wie Vordermann kann daher viel enger sein als bei den pilumwerfenden und schwert-kämpfenden Römern. Polybius sagt geradezu, es seien auf je einen Römer, die jeder einen Raum von drei Fuß brauchten, zwei Phalangiten gekommen und, da ja fünf Glieder der Phalangiten zugleich ihre Spieße nach vorn brachten, auf jeden Römer zehn Phalangiten.

Die ungeheuere Wucht des Stoßes der Sarissen-Phalanx wurde noch dadurch erhöht, daß sie doppelt so tief als die alte Hopliten-Phalanx, reglementsmäßig 16 Mann tief aufgestellt wurde. Die hinteren 11 Glieder hielten die Sarissen hoch und bildeten sich dadurch eine gewisse Schutzwehr gegen Pfeile und Wurfspieße.

Wenn diese ganze spießstarrende Masse sich vorwärts bewegte, so bildete das, wie uns berichtet wird, einen furchtbaren Anblick,[421] und noch der römische Feldherr Aemilius Paullus erzitterte, als er sie bei Pydna sich heranwälzen sah.

Über das Weitverhältnis des macedonischen und römischen Taktik sagt Polybius: in der Front könne mit seinem Schwert die zehn Spieße, die gleichzeitig auf ihn eindringen, weder zerhauen noch durchbrechen. Aber der römische Legionar sei an jedem Platz, zu jeder Zeit und für jeden Zweck verwendbar; der Sarissenträger könne nur in der ganzen Phalanx, nicht einmal in kleinen Abteilungen und nicht als Einzelkämpfer fechten. Die Phalanx wiederum könne sich nur auf ganz ebenem Terrain bewegen; jeder Graben, jeder Hügel, jedes Loch, jedes Gehölz bringe sie in Unordnung; sei sie aber erst an irgend einer Stelle in Unordnung geraten oder kämen ihr römische Manipel, was bei der Treffenordnung der Römer leicht gemacht werden könne, in die Flanke, so sei sie verloren.

Diese Darlegung208 ist so überzeugend und einleuchtend, daß man die Frage aufwerfen muß, wie es möglich war, daß die macedonischen Könige selber das nicht von vornherein begriffen, und daran knüpft sich nun die fernere Frage, da es schon klar ist, daß Alexanders Phalanx unmöglich so plumper Natur gewesen sein kann, wie und wann sich die eine aus der andern entwickelt hat.

Auch unter den nächsten Nachfolgern Alexanders kann die polybianische Sarissenphalanx kaum schon existiert haben. In den Schlachtschilderungen tritt sie jedenfalls nicht hervor, und namentlich die Geschichte des Pyrrhus, spricht dagegen. Es kann füglich keinem Zweifel unterliegen, daß Pyrrhus, der in so enger Beziehung zu Macedonien stand, den Gedanken hatte, durch die Taktik, durch die Alexander den Osten überwältigt hatte, auch den Westen zu besiegen. Es wird uns aber ausdrücklich berichtet, daß er in Italien Italiker mit italischer Bewaffnung in sein Heer einstellte, und zwar abwechselnd ein Fähnlein Epiroten und ein Fähnlein Italiker.209 Das ist nur möglich bei einer Bewaffnung, die, wenn auch an sich verschieden, doch auf eine analoge Kampfesart angelegt ist; es[422] würde z.B. nichts ausmachen, ob die eine Abteilung Schwerter und die andere Spieße trägt und ob die Spieße verschieden lang sind, wenn sie nur alle gleichmäßig in den Einzelkampf mit der blanken Waffe eintreten.

Nun kann allerdings, wie mir der praktische Versuch gezeigt hat, eine kleine Abteilung auch mit Langspießen eine Attacke mit Marsch-Marsch machen, dennoch bleibt natürlich ein Temperamentsunterschied zwischen einem Fähnlein mit Langspießen und einem mit Kurzspießen, und dabei verlieren die Sarissenträger, was ihnen schlechterdings unentbehrlich ist, die gesicherten Flanken. Die Sarissenphalanx, so lange sie in Ordnung bleibt, drückt alles vor sich nieder. Vor dem einzelnen Sarissenfähnlein aber kann der Gegner zurückweichen, um sich mit aller Macht auf die dazwischen stehenden Fähnlein der Kurzwaffen zu stürzen, und stößt er eins von ihnen heraus, so sind ihm auch die Sarissenträger ausgeliefert, da er sie dann in der Flanke faßt.

Schon das Unsicherheitsgefühl, daß diese Abhängigkeit von fremder Tapferkeit in der unmittelbaren Nachbarschaft erwecken muß, müßte einer solchen Schlachtordnung verderblich werden. Die Sarissenwaffe kann ihre Wirkung durchaus nur in der großen geschlossenen Masse, die auf den Flügeln durch andere Truppen gedeckt sein muß, ausüben. Die Nachricht von der Mischung der Fähnlein nötigt daher zu dem Schluß, daß die Phalangiten des Pyrrhus den eigentlichen Langspieß nicht geführt haben.

Wenn also Pyrrhus die polybianische Sarissenphalanx noch nicht gehabt hat, so bleibt die Wahl, ob sie allmählich entstanden, die Sarissen, die unter Alexander vielleicht nur bis zu 12 Fuß lang waren, mehr und mehr verlängert worden sind, oder ob erst gerade der bevorstehende Krieg mit den Römern König Philipp V. bewogen hat, den zweihändigen Langspieß in die Phalanx einzuführen. König Philipp V. war ein Mann von Geist und Schwung; an seinem Hofe, in seiner militärischen Umgebung müssen die römischen Siege über Hannibal doch wohl Eindruck gemacht haben. Man wird die Vorteile der hüben und drüben üblichen Fechtweise erwogen und verglichen haben. Ohne weiteres die römische Taktik anzunehmen, war für die Macedonier unmöglich, ist wohl auch schwerlich in Betracht gezogen worden. Man kann die Gewohnheiten und[423] Anschauungen eines großen bestehenden Heeres und einer militärischen Tradition nicht plötzlich beiseite werfen und völlig zusammenhanglos etwas Neues an die Stelle setzen. Die Macedonier verstanden es, in dichter Ordnung mit einem sehr langen Spieß zu kämpfen, aber nicht den Spieß zu werfen und mit dem Schwert zu fechten. Wenn man nun sah, wie große Erfolge diese Fechtweise errungen hatte, so mag man auf den Gedanken gekommen sein, ihr dadurch zu begegnen, daß man die Stärke der eigenen einheimischen Kunst noch weiter steigerte, auf die höchste Potenz brachte, die Spieße bis auf 21 Fuß verlängerte, die Aufstellung bis zu 11/2 Fuß für den Mann zusammendrückte, und ließ darüber die Nachteile, die sich aus solcher Einseitigkeit ergaben, außer Acht. Der Entschluß würde, wenn diese Deutung richtig ist, eine gewisse Analogie mit der tiefen Stellung der römischen Manipel bei Cannä bieten: im Manövrieren konnte man es mit dem Gegner auf keinen Fall aufnehmen, also versuchte man es, ihn zu erdrücken.

Zu einer völlig einwandfreien Probe für den Schlachtenwert der beiden Kampfesarten ist es merkwürdigerweise gar nicht gekommen. Die beiden Schlachten, in denen die Macedonier den Römern erlagen, Kynoskephalä und Pydna, sind so sehr von Zufällen beeinflußt, daß die Allgemeingültigkeit ihres Ergebnisses bestritten werden könnte, und die dritte, die hierher zu rechnen wäre, Magnesia, wo das macedonisch-syrische Reich den Römern erlag, zeigt nach den freilich völlig phantastischen Schlachtberichten, die wir haben, überhaupt keine Phalangenaufstellung.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 419-424.
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