Sechstes Kapitel.

Römische Kriegskunst wider Barbaren.

[548] Die Strategie Cäsars in Gallien beruht darauf, daß er die Stärke der Gallier zu vermeiden und die Stärke der Römer stets gegen die Schwäche der Gallier auszuspielen weiß. Die Stärke der Gallier ist die große Zahl mehr oder weniger kriegerisch tüchtiger Völkerschaften. Hätte Cäsar seine Legionen verteilt, um sie alle gleichzeitig zu bekämpfen und nachher ihre Festungen und Hauptstädte mit Garnisonen versehen, um sie im Zaum zu halten, so wären die Römer sicherlich erlegen. Einmal im vierten Jahr, als Cäsar nach einer schlechten Ernte aus Verpflegungsrücksichten sein Heer in verschiedene Winterquartiere verlegte, wurden eineinhalb Legionen von dem Volk der Eburonen überfallen, und da die Führer uneins wurden und sich ungeschickt benahmen, vollständig vernichtet. Mit ihren Hilfstruppen und Reitern werden die anderthalb Legionen gegen 9000 Kombattanten stark gewesen sein.

Im Vercingetorix-Kriege versuchte es Cäsar, als er sah, daß die Gallier die Feldschlacht vermieden, ebenfalls mit einer Teilung; der Erfolg war wiederum eine Niederlage. Cäsar selbst mit dem Hauptheer war nicht stark genug, die Gallier in Gergovia einzuschließen, und ein Handstreich mißlang unter großem Verlust. Nur dadurch daß das ganze römische Heer beisammen war, wurde die Einschließung von Alesia möglich.

Als aber Alesia gefallen war, da wurde es nicht schwer, im Laufe des nächsten Jahres die einzelnen Völkerschaften, die noch widerstanden, zu unterwerfen. Das Meisterstück aber der Strategie Cäsars ist wohl im zweiten Jahre die Unterwerfung Belgiens. Hätten nicht die Nervier noch ihren Überfall versucht, so wären alle diese kriegerischen Völkerschaften so gut wie ohne Kampf unter[548] die schwere Hand der Römer gebeugt worden: nicht etwa, daß Cäsar die Schlacht als solche vermieden hätte, sondern weil er, ehe er auf sie ausging, durch die Zerteilung der feindlichen Streitkräfte den Römern so günstige Bedingungen, nämlich eine so große Überlegenheit in loco schuf, daß die belgischen Völkerschaften es gar nicht mehr auf einen Kampf ankommen zu lassen wagten.

Wenn moderne Völker mit Barbaren zusammentreffen, so ist die Entscheidung von vornherein durch die Waffentechnik gegeben. Im Altertum ist das Verhältnis nicht so einfach.

Es fragt sich, worin die Überlegenheit des römischen Kriegswesens über Barbaren eigentlich bestand. Barbaren haben vor zivilisierten Völkern den Vorzug, daß sie über die kriegerische Kraft der ungezügelten animalischen Instinkte, der Roheit, verfügen. Zivilisation verfeinert den Menschen, macht ihn empfindlicher und mindert dadurch den Kriegswert, nicht etwa bloß die körperliche Kraft, sondern auch den physischen Mut. Auf künstlichem Wege muß dieser natürliche Mangel wieder ersetzt werden. Scharnhorst ist vielleicht der erste gewesen, der es ausgesprochen hat, daß dies das Verdienst der stehenden Heere sei, durch die Disziplin gesittete Völker fähig zu machen, roheren zu widerstehen. Ein beliebiger Haufe Römer, die sonst als Bürger oder Bauern lebten, einem ebenso starken Haufen Barbaren gegenübergestellt, würde ohne Zweifel besiegt worden sein, vermutlich ohne Kampf die Flucht ergriffen haben. Erst die Bildung des fest zusammengeschmiedeten taktischen Körpers der Kohorten machte sie wieder gleich.

Aus Cäsar können wir so direkt nicht mit Sicherheit entnehmen, in welchem Stadium der Entwicklung die Gallier sich zu seiner Zeit befanden.277 Ein ausschließlich kriegerisches Barbarenvolk waren sie seit Generationen nicht mehr. Sie hatten Städte, Industrie, Handel und Wandel. Die nationale Priesterschaft der Druiden war zu einer Art Hierarchie geworden. Das Volk, sagt Cäsar (VI, 13), wird wie Sklaven behandelt: durch Schulden, Steuern und Drangsale bringen die Mächtigen den gemeinen Mann dahin, sich als Hörigen zu bekennen. Diese Mächtigen sind der Kriegerstand, die Ritter mit ihren Dienstmannen, und ein aus der Masse abgesonderter[549] Kriegerstand kann keine Massenheere aufstellen. Was wir aber an der Zahl abgezogen haben, müssen wir der Qualität gutschreiben. Cäsar macht Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern; die Helvetier, die Nervier, die Bellovaker werden als hervorragend tapfer genannt. Gewiß werden solche Unterschiede existiert haben, aber auch bei den Arvernern, Biturigern, Carnuten waren die kriegerischen Tugenden im Volke nicht erloschen, und diejenigen Elemente, die zuletzt im Felde den Römern gegenüberstanden, werden als persönlich unverweisliche Kriegsleute anzusehen sein, ein Kriegertum, das zum Teil auf dem Ehrbegriff eines besonderen Kriegerstandes, zum Teil aber auf den noch fortlebenden kriegerischen Instinkten des Barbarentums beruhte.

Auch das römische Heer bestand nicht aus den von der Kultur am meisten verfeinerten Elementen des römischen Bürgertums. Die Legionen Cäsars, meist in Gallia cisalpina und der Provincia Narbonensis angeworben oder ausgehenden, bestanden zum großen Teil sicherlich aus romanisierten Kelten. Wenn ehedem die römischen Bürger das Heer gebildet hatten, so hatte sich dieser Satz jetzt praktisch nahezu umgekehrt: der Eintritt in das Heer war der Weg zum römischen Bürgerrecht, und das römische Heer entbehrte auch seinerseits nicht der Berührung mit dem Urboden ungebrochener Naturkraft.

Immer aber ist es nur noch eine Berührung – so weit nicht rein barbarische Elemente, wie namentlich die gefürchteten germanischen Reiter dem römischen Heerwesen angefügt waren – im Vergleich zu den Legionaren sind die Gallier noch die vollen Barbaren, und der römische Legionar als Einzelner ist diesen Kriegern nicht überlegen. Es ist kein Grund, anzunehmen, daß eine römische Kohorte von 600 Mann einen gallischen Heerhaufen von gleicher Stärke bei sonst gleichen Umständen besiegt hätte. Wir haben gesehen, wie es Cäsar vermeidet, gegen die numerische Überlegenheit zu kämpfen, im Gegenteil dafür sorgt, daß er selber über die numerische Überlegenheit verfüge. Die Feinheit der römischen Kohorten- und Treffentaktik macht doch nicht so viel aus, um die stürmische Tapferkeit von Barbarenscharen aufzuwiegen, wenn diese noch dazu numerisch überlegen sind. Dies ist ein Satz von fundamentaler Bedeutung für die nächstfolgende Zeit, und wir werden noch in ganz anderen Epochen der Weltgeschichte auf ihn zurückzugreifen haben.[550]

Die Überlegenheit des römischen Kriegswesens beruht hiernach auf dem Heeresorganismus als ganzem, der es gestattete, sehr große Massen auf einem Punkt zusammenzubringen, ordnungsmäßig zu bewegen, zu verpflegen und zusammenzuhalten. Das alles konnten die Gallier nicht. Nicht sowohl die römische Tapferkeit, der die ihrige nichts nachgab, als die römische Masse hat sie erdrückt – wiederum nicht, als ob nicht ihre Masse an sich viel größer gewesen wäre, aber ihre Masse blieb tot, war nicht bewegungsfähig. Die römische Kultur siegte über die Barbarei, denn eine große Masse bewegungsfähig zu machen, ist ein Kunstwerk, das nur hoher Kultur gelingen kann. Die Barbarei ist dessen unfähig. Das römische Heer ist nicht bloß Masse, sondern organisierte Masse, und es kann nur deshalb Masse sein, weil es organisiert, ein vielgestaltiger, lebendiger Organismus ist. Nicht bloß Soldaten und Waffen gehören dazu, Reiter und Fußgänger, nicht bloß Legaten, Tribunen, Centurionen, Legionen, Kohorten, Manipel, Centurien, Disziplin von unten, Führung von oben, Vorhut, Nachhut, Patrouillen, Meldungen, Lagerabstecken, sondern auch der Quästor und sein Heer von Beamten und Kontrolleuren, Ingenieure mit ihren Werkzeugen, geschickt Brücken, Wälle, Blockhäuser, Sturmböcke, Geschütze, Schiffe zu bauen, Intendanten mit ihren Fuhrparks, Armee-Lieferanten mit ihren Agenten, Ärzte mit Lazaretten, Magazine, Zeughäuser, Feldschmieden und endlich das Haupt des Ganzen, der Feldherr, in dem sich angeborene Urkraft vermählen muß mit der Flexibilität und Feinheit des in der Sphäre der höchsten Kultur gebildeten Geistes, um intellektuell alles zu umfassen und von einem Punkt aus in einem Willen zu lenken.

All' diese Erkenntnis wird verdeckt und verdunkelt durch die Vorstellung, daß die gallischen Heere, die Cäsar besiegte, ihm stets numerisch vielfach überlegen gewesen wären. Daß Cäsar uns selbst seinen Sieg in dieser Form darstellt, darf man, um es auch an dieser Stelle zu wiederholen, ihm nicht so sehr verübeln, denn der Sieg der Minderzahl über die große Mehrzahl ist einmal die Denk-Kategorie, in der die Menge sich Heldentaten und strategisches Genie vorstellt. Sache der wissenschaftlichen Erkenntnis ist es, durch diese Schale hindurchzudringen zu dem Kern, und das Ergebnis ist keineswegs eine Minderung der römischen und der historischen Feldherrngröße,[551] sondern sie gelangt so erst wahrhaft zur Anerkennung. So lange man 70000 Mann über 300000 siegen läßt, mag man dadurch eine unbestimmte Vorstellung von Tapferkeit und Feldherrntum erwecken, eine rationelle Erkenntnis aber existiert noch nicht. Erst indem man sich sagt, daß der einzelne Gallier dem einzelnen Römer und noch 10000 Gallier 10000 Römern vollauf gewachsen waren, geht uns eine Vorstellung von der Größe der strategischen Aufgabe Cäsars auf, und nun sieht man auch wieder, daß nicht bloß Cäsar über Ariovist und Vercingetorix, sondern Rom über Germanen und Gallier, Kultur über Barbarei gesiegt hat.

Diese Erkenntnis zu finden, mußte erst Cäsars eigene Autorität als Berichterstatter eingeschränkt werden, und es wird manchen Gelehrten geben, dem diese Kritik noch weniger in den Sinn will, als bei Herodot, und der der Sachkritik, die solche Ergebnisse zu Tage fördert, ein prinzipielles Mißtrauen entgegensetzen möchte. Als eine Art Glück ist es deshalb zu betrachten, daß doch wenigstens eine Stelle vorhanden ist, wo Cäsar selber uns das wahre Zahlenverhältnis verrät und der Sachkritik dadurch zu Hilfe kommt. Bei der schwersten Niederlage, die sein Heer in Gallien erlitt, der Vernichtung der anderthalb Legionen durch die Eburonen, fügt er selbst hinzu, an Tapferkeit und Zahl seien die Gegner gleich gewesen, aber die Römer seien von der Führung und vom Glück im Stich gelassen worden (V, 34). Daß dieser Satz in unausgleichbarem Widerspruch mit allen seinen anderen Schlachtschilderungen steht, haben die Forscher längst empfunden. HELLER im Philologus (Bd. 31, 1873, S. 512) nennt den Ausspruch »sinnlos«. »Wie?« ruft er aus, »wie? die Römer sollten den Galliern an Zahl der Kämpfenden gewachsen gewesen sein? Und ohne eine beträchtliche Übermacht ins Feld zu stellen, sollten die Eburonen ein aufs Stärkste verschanztes Lager anzugreifen, sollten trotz der unglücklichen Erfahrungen in fünf Kriegsjahren ein gleich großes Heer der Römer zu überfallen gewagt haben? Kein Militär wird sich das einreden lassen; nur Schulknaben können über eine solche Frage getäuscht werden.« ...

Statt »erant et virtute et numero pugnando pares nostri; tametsi ab duce et a fortuna deserebantur« will er, gestützt darauf, daß die Codices »pugnandi« haben, lesen »virtute et[552] studio pugnandi«, und Meusel in der neuesten Ausgabe weiß sich nicht anders zu helfen, als daß er »erant et virtute et numero pugnandi« vollständig tilgt. Wir unsererseits erkennen jetzt, daß gerade dieser Satz die Wahrheit enthält, daß die Eburonen an Ritterschaft und Landsturm mit einigem Zuzug wohl gegen 9000 Mann, also ebensoviel wie das römische Korps aufbringen konnten, und daß wir nun nicht mehr Cäsars Zahlenangaben einfach zu verwerfen, sondern nur zwischen seinen eigenen widersprechenden Angaben zu wählen haben. Wir nehmen Hellers Argumentation an, kehren die Spitze aber nach der andern Seite: da hier Cäsar selbst berichtet, daß eine gleich starke Schar Gallier die Römer, sobald die Führung einmal versagte, zu überwinden vermochte, so können die Römer nicht in anderen Schlachten die doppelte bis vierfache Überlegenheit stets besiegt haben. Wenn es uns Cäsar selber so dargestellt hat, so schrieb er eben für seine Landsleute, und die Römer waren es gewohnt, Siegesberichte zu empfangen, wie die von Sulla, der bei Chäronea mit 16500 Mann 120000 Mann unter 12 Mann Verlust, oder Lucullus, der bei Tigranocerta mit 14000 Mann278 unter einem Verlust von 5 Toten und 100 Verwundeten 250000, dabei 55000 Reiter, geschlagen haben wollte. Das ist ja immer noch bescheiden gegen die 900000 Perser, die nach Xenophon oder seinem Interpolator von den 13000 Griechen bei Kunaxa besiegt wurden, aber es zeigt doch, daß die Römer ganz wie die Griechen inbezug auf Barbarenheere in einer Art Zahlenhypnose lebten, die auch den Geist der Klügsten verdunkelte. Mag nun Cäsar ebenfalls mehr oder weniger in dem Bann dieser Vorstellung gelebt oder ihr mit Bewußtsein Konzessionen gemacht haben, jedenfalls ist von seinen Zahlenangaben über die gallischen und germanischen Heere nur diejenige über die Euburonen anzunehmen und das Verhältnis römischer zu barbarischer Kriegführung auf Grund ungefähr gleicher kriegerischer Qualität der einzelnen Soldaten zu beurteilen.

Der Satz, den wir gefunden haben, ist so wichtig, daß ich ihn noch einmal umgekehrt formulieren möchte.

Die überlieferte Vorstellung ist, daß Barbarenheere Massenheere seien. Wir haben gefunden, daß umgekehrt Barbaren nicht imstande[553] sind, Massenheere aufzustellen. Selbst wo die Masse kriegsbrauchbarer Männer unzweifelhaft vorhanden war, wie in Gallien, konnte man kein Massenheer aufstellen. Man konnte es nicht bewegen, nicht mit ihm operieren. Die Fähigkeit, große Menschenmassen zu bewegen, ist ein Erzeugnis der Kultur. Menschenmassen sind kein toter Stoff, den rohe Kraft beliebig aufzutürmen vermag. Um Massen zu bilden, bedürfen Menschen der Gliederung, der Organisation. Sieg durch die Masse, was auf den ersten Anblick Sieg durch die bloße Naturkraft zu bedeuten scheint und unter Umständen auch bedeuten kann, muß, wenn die Masse sehr groß wird, gerade umgekehrt Sieg durch den organisierenden und führenden Geist bedeuten.


Ich habe diese Gedanken seitdem noch etwas weiter ausgeführt und auch mit neueren Beispielen belegt in einer akademischen Rede »Geist und Masse in der Geschichte«, Preuß. Jahrb., Bd. 147, S. 193, 1912; ferner in einer in englischer Sprache im Jahre 1913 an der Universität London gehaltenen Serie von Vorlesungen, die unter dem Titel »Numbers in history« bei Hodder & Stoughton, London, Warwick Square erschienen sind.[554]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 548-555.
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