Siebentes Kapitel.

Der Bürgerkrieg in Italien und Spanien.

[555] Strategie, wie wir sie in Gallien an Cäsar kennen gelernt haben, ist, die Stärke des Feindes zu eludieren und die eigene Stärke gegen seine Schwäche auszuspielen. Dasselbe tut Cäsar im Bürgerkrieg, aber dieselben Grundsätze verlangten eine andere Art der Ausführung, da die Kriegsbedingungen andere waren. Feste Lager zu schlagen, sich regelmäßig zu verpflegen, vorteilhafte Stellungen zu besetzen, zu manövrieren, verstanden die römischen Gegner Cäsars ebensogut wie sein eigenes Heer. Die materielle Überlegenheit der bestehenden Regierung über den autonomen General war so groß, daß die Machthaber in Rom bis zum letzten Augenblick nicht recht an den Krieg glauben wollten. Cäsar hatte von seinen 13 Legionen zwei an Pompejus abgegeben und hatte noch 11.279 Pompejus hatte in Spanien sieben alte tüchtige kriegsgeübte Legionen, in Italien[555] außer den beiden cäsarianischen eine dritte, in der Bildung begriffene und hinter diesen, den cäsarianischen schon fast gleichen Kräften stand die ganze Masse des römischen Reichs mit allen seinen Hilfsmitteln, so daß man Legionen sozusagen ganz nach Belieben formieren konnte. Der einzige Vorteil, über den Cäsar verfügte (abgesehen von der lebhaften Sympathie weiter Volkskreise für ihn und die demokratischen Grundsätze, die er vertrat) war, daß die feindlichen Streitkräfte noch nicht beisammen waren. Sie auseinanderzumanövrieren, wenn sie sich erst vereinigt hatten, wie einst die Belgier, war keine Hoffnung; noch weniger war darauf zu rechnen, daß Pompejus nicht imstande sein würde, seine überlegenen Massen auf einen Punkt zusammen zu bringen, sobald man ihm Zeit ließ. Cäsar also konnte nur siegen, indem er die feindlichen Streitkräfte schlug, ehe die vorhandenen sich vereinigt, ehe die Neubildungen den[556] bestehenden Legionen zugewachsen waren. Hatte in Gallien die strategische Kunst darin bestanden, die Gegner räumlich auseinanderzuhalten, so kam es jetzt darauf an, daß es zeitlich geschehe.

An der Spitze nur einer Legion in Oberitalien führte Cäsar die Verhandlungen, so daß Pompejus es noch nicht für so eilig hielt, seinerseits zu rüsten. Aber schon hatte Cäsar zwei weitere Legionen herbeigerufen und brach los. Diese drei Legionen, mit den Hilfstruppen etwa 20000 Mann, genügten in dem Augenblick, Cäsar in Italien das Übergewicht zu verleihen. Wohl hatte auch Pompejus drei Legionen auf der Halbinsel. Aber darunter waren die beiden cäsarianischen, die er sich nicht traute direkt gegen ihren alten Kriegsherrn zu führen, und eine kaum kriegstaugliche Neubildung. Fast ohne Widerstand durchzog Cäsar Italien. Die neugebildeten pompejanischen Kohorten lösten sich auf, gingen zu ihm über oder traten, gefangen genommen, nachträglich in seinen Dienst. Die optimatischen Senatoren mit Pompejus an der Spitze flohen nach Griechenland.

Man hat Pompejus den Vorwurf gemacht, daß, als ein senatorisches Truppenkorps unter Domitius Ahenobarbus in Corsinium von Cäsar eingeschlossen wurde, er nicht zum Entsatz herangekommen sei. Sehr schön und treffend hat Oberst Stoffel darauf ausgeführt, daß das derselbe Fehler gewesen sein würde, den Mac Mahon 1870 machte, als er mit unzulänglichen Kräften Bazaine in Metz entsetzen wollte. Er stürzte sich damit nur selbst ins Verderben. Pompejus hatte strategischen Blick und Konsequenz genug, das zu erkennen, überließ Domitius Ahenobarbus seinem Schicksal und rettete dadurch den Kern des Heeres für den letzten Entscheidungskampf.

Cäsar wandte sich nunmehr nach Spanien. Er hätte auch dem Pompejus unmittelbar folgen und seine Legionen aus Gallien auf dem Landwege durch Illyrien vorführen können. Dann würde er ohne wesentlichen Widerstand den ganzen Orient, wo die Rüstungen eben erst begannen, in seine Gewalt gebracht haben. Mittlerweile aber hätte er den Okzident den republikanischen Legionen in Spanien preisgegeben. Pompejus würde sich ohne Zweifel selber dorthin geflüchtet, sich an ihre Spitze gestellt und die Offensive ergriffen haben. Wenn Cäsar in Antiochien angekommen wäre, wäre Pompejus[557] vielleicht wieder in Rom gewesen. Cäsar befolgte den Grundsatz, als erstes und wichtigstes die feindliche Streitmacht, da wo sie war, aufzusuchen und zu zerstören.

Mehrere in Italien neugebildete Legionen wurden nach Sardinien, Sizilien und Afrika gesandt; andere deckten Italien selbst; von den neun alten sieggewohnten gallischen wurden drei zur Belagerung von Marseille bestimmt, welche Stadt auf die Seite der Regierung getreten war, und sechs wurden nach Spanien dirigiert.

Pompejus hatte in Spanien sieben Legionen, aber unter drei verschiedenen Legaten. Zwei von ihnen, Afranius und Petrejus, vereinigten sich im nördlichen Spanien gegen den von Norden drohenden Angriff, der dritte, Varro, kein anderer als der berühmte Antiquar und Sprachforscher, blieb mit seinen beiden Legionen im Süden des Landes. Guischard hat den Verdacht ausgesprochen, Varro, der sich nachher mit Cäsar aussöhnte und von ihm hoch geehrt wurde, habe sich vielleicht mit Absicht der Entscheidung entzogen; jedenfalls ist ein militärischer Grund, weshalb er seine Streitkräfte nicht mit denen der beiden anderen Legate vereinigte, nicht zu entdecken. Das südliche Spanien hätte nicht besser gesichert werden können, als wenn es gelang, den Cäsarianern schon an den Pyrenäen einen unüberwindlichen Widerstand entgegenzusetzen.

Mit ihren fünf Legionen fühlten sich Afranius und Petrejus den Angreifern gegenüber von vornherein als die Schwächeren. Obgleich zuerst nur drei Legionen Cäsars anrückten, so beobachteten die Pompejaner doch eine rein defensive Haltung. Vielleicht waren die fünf Legionen, die ja in Spanien wenig zu tun gehabt hatten, nicht gerade mit Sorgfalt vollzählig erhalten worden. Cäsar spricht von 80 Kohorten Spaniern, die die Pompejaner überdies gehabt hätten; diese Zahl werden wir, wie die Angaben über die Stärke der Gallier, als sehr übertrieben ansehen dürfen. Sicher ist, daß das Heer Cäsars mit einer starken germanischen und gallischen Reiterei und anderen gallischen Hilfsvölkern das wesentlich überlegene war.

Die Strategie der Pompejaner konnte also nicht auf eine Entscheidung angelegt sein, sondern nur darauf, Cäsar festzuhalten und Zeit zu gewinnen, bis Pompejus selbst im Orient seine Rüstungen vollendet hatte und entweder ebenfalls auf dem spanischen Kriegsschauplatz[558] erschien oder durch einen Angriff auf Italien Cäsar zum Umkehren veranlaßte.

In den Pyrenäenpässen fanden die Cäsarianer nur geringen Widerstand. Wahrscheinlich haben die Pompejaner nicht einmal Zeit gehabt, sie zu besetzen; aber auch wenn sie sie gehabt haben, so wissen wir schon von den Thermophylen her, wie wenig aussichtsvoll und wie gefährlich es ist, Gebirgspässe sperren zu wollen. Auch den Römern war diese Kriegsregel geläufig; als einst die Cimbern vom Brenner herniederstiegen, hatte, wie uns Plutarch berichtet (Marius, Kap. 23), der römische Feldherr Catulus von vornherein darauf verzichtet, die Pässe zu besetzen, weil er dadurch seine Kräfte zersplittert hätte, und erwartete lieber den Feind in der Ebene. Auch Afranius und Petrejus zeigten, daß sie die Kriegskunst verstanden.

Etwa 20 Meilen (150 Kilometer) südlich der Pyrenäenpässe, noch 5-6 Meilen nördlich des Ebro liegt an dem rechten Ufer des mächtigen Stromes Sicoris (Segre) auf einer Höhe die Stadt Ilerda mit einer steinernen Brücke über den Fluß. Dicht südwärts der Stadt erhebt sich eine für ein römisches Lager sehr geeignete zweite Höhe am Fluß. Hier nehmen Afranius und Petrejus ihre Stellung. Sie war von Natur so fest, daß ihr kein gewaltsamer Angriff etwas anhaben konnte. An ihr vorbeizugehen, war für Cäsar unmöglich, da er damit dem feindlichen Heer den Weg nach Massilia und Italien freigegeben hätte. Die Stellung endlich einzuschließen war sehr schwer, da der Sicoris ein sehr tückisches Gewässer ist, plötzlich anschwillt und in wilden Strudeln die Brücken fortreißt, so daß das einschließende Heer in zwei Teile zerrissen wird, während das eingeschlossene im Besitz der festen steinernen Brücke mit ganzer Kraft nach Bedarf das Ufer wechseln kann. Große Vorräte wurden zusammengebracht, um die Verpflegung auf lange Zeit sicher zu stellen.

Man hätte vielleicht auch eine ähnliche Stellung am Ebro selbst finden können; auf dem nördlichen Ufer, um in jedem Augenblick die Offensive ergreifen zu können, mit einer festen Brücke hinter sich, um auch das andere zu beherrschen; so wie einst Cäsar an der Aisne. Aber Afranius und Petrejus hielten es vermutlich nicht für nötig, gleich so weit zurückzugehen. Bei Ilderda deckten sie noch ein[559] erheblich größeres Stück ihrer Provinz; mußten sie sich endlich zu weiterem Rückzug entschließen, so war anzunehmen, daß sie sich entweder auf dem einen oder anderen Ufer des Sicoris den Weg öffnen könnten. Sie beherrschten das südliche Ebroufer und konnten jeder Zeit, wo sie wollten, eine Schiffbrücke schlagen lassen. Der Feind konnte unmöglich so rasch damit zustande kommen. Sie gewannen also an dem Ebro sofort einen neuen Abschnitt und eine Deckung, die ihnen freie Bewegung gewährleistete.

Da Afranius und Petrejus die Stellung bei Ilerda nahmen, nachdem ein Sendbote des Pompejus, Vibullius Rufus bei ihnen angekommen war, so ist wohl möglich, daß Jener selbst, der ja Spanien sehr genau kannte, den Feldzugsplan und das Lager angegeben hat.

Die Stellung von Ilderda hat den Pompejanern alles geleistet, was von einer Stellung erwartet werden kann. Nachdem schon die drei zuerst angekommenen Legionen unter Fabius hier vier Wochen (etwa vom 17. Mai bis 24. Juni 49 v.Chr.)280 davor gelegen, ohne etwas auszurichten.

Fabius hatte sein Lager eine halbe Meile nördlich von Ilerda, auf demselben Ufer angelegt und zwei Brücken, sechs Kilometer von einander entfernt, über den Fluß geschlagen. Einmal riß ihm der Strom die untere Brücke fort, während gerade zwei Legionen drüben fouragierten. Afranius und Petrejus führten sofort drei Legionen hinüber und drohten sie zu überwältigen, als Fabius noch gerade mit zwei weiteren Legionen über die andere Brücke, die gehalten hatte, zu Hilfe kam und sie degagierte.

Ein zweites Mal riß, als Cäsar schon selbst den Oberbefehl übernommen hatte, der Strom beide Brücken zugleich fort. Nun besetzten die Pompejaner das linke Ufer und verhinderten, unterstützt durch das Hochwasser, die Wiederherstellung der Brücken. Cäsar erwartete gerade einen großen Provianttransport aus Gallien, der nun nicht über den Fluß konnte, abgeschnitten war und von den Pompejanern wieder in die Berge zurückgetrieben wurde. Die Gegend um das Lager herum war erschöpft und konnte keine Lebensmittel[560] mehr liefern; weiter westwärts waren die Übergänge der Flüsse ebenfalls durch die von lange her aufgehäuften Lebensmittel in Ilerda reichlich ernährt wurden.

Da aber die pompejanischen Legaten doch nicht wagten, sich gar zu weit von ihrem Lager zu entfernen und den Proviantzug Cäsars bis ins Gebirge zu verfolgen, um ihn zu vernichten, so gelang es Cäsar endlich, ihn heranzuziehen. Er schlug mehr als vier Meilen oberhalb, wo keine feindlichen Posten mehr standen, eine neue Brücke und stellte dadurch die Verbindung mit seiner Operationsbasis, Gallien, wieder her.

Die Kommunikation war zu weit, um das pompejanische Lager auf beiden Ufern einzuschließen. Ein kühner Versuch, den Cäsar gleich nach seiner Ankunft gemacht hatte, sich zwischen das feindliche Lager und die eigentliche Stadt Ilerda mit der Brücke zu drängen, war mißglückt. Eine direkte Gefahr schien die Pompejaner immer noch nicht zu bedrohen. Dennoch beschlossen sie jetzt abzuziehen. So fern die neue Brücke des Feindes war, so genügte sie doch, daß er seine überlegene Reiterei auf das linke Ufer des Sicoris entsandte und den Pompejanern das Fouragieren unmöglich machte. Mehrere spanische Völkerschaften, darunter die Jacetaner und Illurgavonenser auf beiden Ufern des unteren Ebro traten zu Cäsar über. Endlich war vorauszusehen, daß, wenn das Hochwasser sich verlaufen habe, eine Furt durch den Sicoris dicht oberhalb Ilerda gangbar werden und den Truppen Cäsars den unmittelbaren Uferwechsel und damit die vollständige Einschließung ermöglichen werde. Cäsar machte sogar den Versuch, durch breite Gräben, die er ziehen ließ, den Wasserspiegel künstlich zu senken, um die Furt gangbar zu machen.

In voller Ruhe, ohne besondere Vorsichtsmaßregeln, außer daß man schon in der Nacht, um die dritte Nachtwache (zwischen 12 und 3) aufbrach, mit allem Troß bewerkstelligten die Pompejaner ihren Abzug zum Ebro, über den sie bei Octogesa, am Zusammenfluß mit dem Sicoris, hatten eine Schiffbrücke schlagen lassen. Wohl wurde der Zug von den feindlichen Reitern angegriffen und belästigt, so daß er nur langsam vorwärts kam; aber wenn man[561] nur erst das freiere wellige Gelände hinter sich und das Bergland des Ebro, etwa 5 Meilen südlich von Ilerda, erreicht hatte, so hörte auch diese Plage auf, und nichts konnte den Übergang über den Ebro mehr verhindern. Etwa vier Meilen war man bereits marschiert, da sah man plötzlich die feindlichen Legionen im Eilmarsch anrücken.

Das Wasser des Sicoris war so weit gefallen, daß es in der Ilerdaer Furt dem Manne noch über die Brust ging. Die Furt war also eigentlich für Infanterie noch nicht gangbar. Aber Cäsar hatte, wie er uns erzählt, auf die Bitte seiner Soldaten selbst es gewagt, den Übergang zu machen; unterhalb der Furt aufgestellte Reiter fingen die von der Strömung fortgerissenen Legionare auf, so daß niemand umkam. Jenseits angelangt, setzten sich die Legionen in Marsch, und ohne Troß und Kampfaufenthalt gelang es ihnen, noch am Spätnachmittag den Gegner einzuholen. Wenn Afranius und Petrejus nicht in einem Nachtrabsgefecht einen großen Teil ihrer Truppen opfern wollten, so mußten sie das ganze Heer Halt machen und eine Stellung einnehmen lassen. Ohnehin war ja der Tagemarsch schon sehr lang gewesen.

Immer schien die Lage noch nicht verzweifelt; man hatte ja nur noch eine Meile bis zu den schützenden Bergen und dann noch eine bis zum Strom mit der Brücke. Einen Versuch, den Marsch in der Nacht zu machen, gab man wieder auf, aus Besorgnis, dabei angegriffen zu werden. Es konnte zuletzt nicht unmöglich sein, die kurze Strecke auch angesichts des Feindes zurückzulegen.

Da gelang es dem außerordentlichen Eifer der cäsarischen Truppen, im Bogen um die Pompejaner auf kaum passierbarem Terrain herummarschierend, vor ihnen, die wieder durch die Angriffe der Reiterei aufgehalten wurden, das Defilé und die beherrschenden Punkte zu besetzen und ihnen die Wege zum Ebro zu verlegen.

Die Tatkraft und Schnelligkeit Cäsars, der gute Wille und die Leistungsfähigkeit seiner Truppen hatten erreicht, was nach gewöhnlicher militärischer Berechnung unmöglich schien. Das pompejanische Heer, daß sich aus einer unangreifbaren Position in eine andere zurückziehen wollte, war auf dem kurzen Wege zum Stehen gebracht und von seinem Ziel abgedrängt. Es mußte jetzt entweder schlagen oder sich binnen kurzer Frist ergeben.


7. Kapitel. Der Bürgerkrieg in Italien und Spanien

Die stets entschlossene[562] Offensive hatte sich über die noch so gut gestützte Defensive überlegen gezeigt. Das wohl schwächere, aber doch nicht so sehr viel schwächere pompejanische Heer hatte den Gegner einige Monate beschäftigt, aber um den Preis seines endlichen gänzlichen Unterganges. Über die einzelnen Manöver bleiben noch mancherlei Zweifel, und es ist wohl möglich, daß zuletzt ein Zwiespalt zwischen Afranius und Petrejus den Sieg Cäsars erleichtert hat. In einer solchen Krisis, wo alles von dem Entschluß des Augenblicks abhängt, muß die Koordination zweier Feldherren ganz besonders schädlich wirken. Namentlich auffällig ist, daß die Pompejaner, als sie von Cäsar eingeholt waren einen ganzen Tag stehen blieben und erst Rekognoszierungen veranstalteten. Wenn sie überhaupt glaubten, angesichts des Feindes noch Bewegungen machen zu können, so sieht man nicht, warum sie nicht versuchten, auf der Straße nach Octogesa direkt vorwärts zu kommen. Daß Cäsar sie wieder loslassen würde, konnten sie nicht wohl erwarten281; er war ohne Gepäck und Mundvorräte ausgerückt, aber die Kolonnen waren natürlich schon auf dem Marsch, um das nötigste nachzuführen. Dieser Tag Aufenthalt ist es gewesen, der die Pompejaner ins Verderben gestürzt hat, und er ist kaum anders als durch Unentschlossenheit und Zwiespalt im Pompejanischen Hauptquartier zu erklären. Aber das Verdienst Cäsars und seiner Truppen wird dadurch kaum gemindert. Der Fehler, den die Pompejaner machten, ist doch auch schon eine Folge der moralischen Überlegenheit des Gegners, die ihren Druck ausübte, und in solcher Lage müßte der schon ein sehr großer Feldherr gewesen sein, der gar keinen Fehler gemacht hätte.

Cäsar fühlte sich, als die Gegner sich wieder nach Ilerda zurückwandten, des endlichen vollen Erfolges so sicher, daß er ein Gefecht nicht mehr für nötig hielt. Seine Soldaten forderten die Schlacht, wo ihnen der Sieg nicht fehlen konnte, aber Cäsar begnügte sich, eine Aufstellung im freien Felde zu nehmen und es dem Gegner zu überlassen, ob er angreifen wollte. Selbst der tapfere Petrejus, der bis zum Äußersten durchzuhalten entschlossen[564] war, mußte einsehen, daß die Schlacht selbst eine zwecklose Schlächterei sein würde, und so blieb endlich nichts übrig, als zu kapitulieren.

Dieser Sieg Cäsars steht wohl einzig da in der Weltgeschichte, insofern der absolute Erfolg, die vollständige Vernichtung des feindlichen Heeres erreicht wurde ohne Schlacht, durch bloßes Manövrieren und einige mittlere Gefechte. Das römische Heer am Trasimenus und bei Cannä, das preußische Heer 1806, drei französische 1870/71 wurden vollständig vernichtet, aber immer erst nach zäh durchgefochtenen Schlachten. Man verwechsele aber darum nicht etwa die Strategie Cäsars mit der des Perikles: dieser im Bewußtsein der Inferiorität der athenischen Landmacht, vermied von vornherein und grundsätzlich die große Land-Entscheidung und suchte, da der Gegner wiederum sich einer Entscheidung zur See nicht stellte, den Krieg durch Ermattung zu Ende zu bringen. Cäsar hätte nichts lieber gesehen, als daß die Legaten des Pompejus sich sofort zur taktischen Entscheidung gestellt hätten, um, mit ihnen fertig geworden, sich möglichst schnell wieder gegen Pompejus selbst wenden zu können. Nur dadurch, daß die Legaten ihrerseits die taktische Entscheidung vermieden, wurde der Krieg zu einem Manöver-Krieg, und erst zu allerletzt, als die Schlacht unnötig geworden war, verzichtet auch Cäsar darauf – wohlgemerkt auf das Schlagen, nicht auf den Zweck des Schlagens, die Vernichtung der feindlichen Streitkraft.

Schlachten würden kaum je geschlagen werden, wenn die Feldherren die beiderseitigen Kräfte, die physischen, wie die moralischen, sicher abzuschätzen wüßten. Wer von vornherein der Niederlage sicher ist, sucht (es handle sich denn um eine Lage wie die des Leonidas) die Schlacht zu vermeiden. In dem Feldzuge von Ilerda haben wir das seltene Beispiel dafür, daß die Entscheidung ohne Schlacht gegeben werden konnte, weil beide Parteien die Lage so gut und richtig abschätzten, daß sie die praktische Probe auf die Rechnung nicht nötig hatten.

Die beiden Legaten, im Bewußtsein ihrer numerischen Inferiorität, vermieden die Schlacht und wählten eine Stellung, wo sie nicht angegriffen und nur sehr schwer eingeschlossen werden konnten. Cäsar die Unangreifbarkeit der feindlichen Stellung erkennend, trifft die Vorbereitungen für die Einschließung. Die Legaten entziehen[565] sich ihr. Schon sind sie auf dem Marsch, da gewinnt Cäsar eine Stellung, die virtuell einer Einschließung gleich kommt, und da wieder beide Teile erkennen, der eine, daß er die Schlacht nicht mehr braucht, der andere, daß sie keinen Erfolg haben kann, so ist das Facit die Vernichtung des Schwächeren, ohne daß noch weiter Blut vergossen wird.

Der Feldzug von Ilerda ist sehr eingehend schon von GUISCHARD (Mémoires critiques et historiques sur plusieurs points d'antiquités militaires T. I.) behandelt worden. Dann von GÖLER und in einer Spezialuntersuchung von RUD. SCHNEIDER »Ilerda« (Berlin 1886). Alle diese Arbeiten sind aber überholt und antiquiert durch das Werk des Obersten STOFFEL, der eine von den bisherigen sehr wesentlich abweichende Karte bringt und das Terrain auch persönlich studiert hat. Stoffel (g. c. I, 256) gibt an, das Napoleon III. im Jahre 1863 die spanische Regierung gebeten habe, von der Gegend von Ilerda und Munda Generalstabskarten aufnehmen zu lassen, und daß ihm solche bereits im Jahre 1865 in vorzüglicher Ausführung überreicht worden seien. Seine eigenen Karten seien verkleinerte Reproduktionen davon. Diese spanischen Karten müssen in Deutschland unbekannt geblieben sein, da noch die Karte, die Schneider seinem Buche beigibt, von Heinr. Kiepert herrührend, sie nicht berücksichtigt hat.

Unter diesen Umständen erübrigt es, auf die einzelnen Abweichungen Gölerrs und Schneiders von Stoffel einzugehen, und man ist geneigt, sich ganz der Führung dieses in jeder Beziehung trefflichsten Kenners anzuvertrauen. Einige Bedenken kann ich aber doch nicht unterdrücken und habe deshalb, wie in dem Ariovist-Feldzug, meine Darstellung auf die allgemeineren Züge beschränkt.

Daß Octogesa Mequinenza ist, wird sich wohl kaum noch bezweifeln lassen. Ich möchte den Gründen Stoffels noch eine Erwägung hinzufügen. Wenn die Legaten die Schiffbrücke bei Almatret (Göler) oder Flix (Schneider) hätten anlegen lassen, so mußten sie riskieren, daß Cäsar sofort mit seinem ganzen Heer auf das linke Sicoris-Ufer überging und ihnen den Weg verlegte. Hätten sie dann auf dem rechten Ufer abmarschieren wollen, so hätten sie die Schiffbrücke erst stromaufwärts bis über den Sicoris hinaus bringen müssen. Die gegebene Stelle für das Brückenschlagen war daher ganz nahe abwärts der Sicoris-Mündung, wodurch man die Freiheit gewann, noch im letzten Augenblick, je nach dem Verhalten Cäsars, auf dem rechten oder linken Ufer von Ilerda abzumarschieren.

Wenn nun aber Octogesa an der Sicoris-Mündung lag, so ist nicht genügend erklärt, weshalb die Pompejaner nicht am linken Ufer des Flusses entlang marschierten. Stoffel nimmt an, sie hätten das ebene Glände am Flußufer gescheut, da sie voraussahen, daß die feindliche Reiterei den Marsch stören würde. Allerdings führt der Weg über Sarroca durch[566] Hügelland, aber wie der Erfolg gezeigt hat, doch frei genug, um die Aktion der Reiter nicht zu verhindern. Hätte man den Weg am Fluß genommen, so wäre doch wenigstens immer die eine Flanke gedeckt gewesen, und der Weg war überdies, was sehr in Betracht kam, ein gut Stück kürzer. Sollten etwa die Pompejaner, unmittelbar am Ufer marschierend, die Pfeile und Schleuderbleie der feindlichen Schützen vom jenseitigen Ufer zu fürchten gehabt haben?

Ferner ist nicht genügend erklärt, weshalb die Legaten, als sie von Cäsar eingeholt waren, beschlossen, wie STOFFEL annimmt, den Weg durch das Défilé von Rivarroja zu nehmen. Man kann ja annehmen, daß sie gleichzeitig an den Kommandanten der Schiffbrücke den Befehl sandten, die Brücke nach Rivarroja zu bringen. Aber ein Grund für den Wechsel der Marschrichtung ist nicht ersichtlich, um so weniger, als ja im letzten Augenblick der Marsch nach Octogesa wieder aufgenommen werden sollte. Auch der Weg am Mont Maneu entlang muß doch défiléartige Stellen gehabt haben, wo man Deckung gegen die Cäsarianer gefunden hätte.

Ganz besonders auffällig ist endlich, daß die Legaten nicht, als der anscheinende Rückzug Cäsars auf Ilerda begann und namentlich, als man sah, daß der Marsch auf die Straße nach Rivarroja ging, sofort ihrerseits den Marsch über den Mont Maneu nach Octogesa aufgenommen haben.

Alle diese Schwierigkeiten würden gehoben sein, wenn man annehmen dürfte, daß Cäsar bei dem Satz »ubi paullatim retorqueri agmen ad dextram conspexerunt« (Kap. 69) die eigentliche Front, nicht die augenblickliche Stellung der Sehenden vorgeschwebt hat, so daß also der Cäsarische Heereszug nach links, westwärts, umschwenkte. – Ich habe bei erneuter Prüfung keinen Zweifel behalten, daß es so ist, daß also das ganze Zwischenspiel mit der Wendung der Pompejaner auf Rivarroja zu streichen ist. Sie haben nie ein anderes Marschziel als Octogesa (Mequinenza) gehabt und diesen Weg verlegte ihnen Cäsar, indem er sich zwischen ihrem Marschlager und dem Sicoris in der Richtung auf den Mont Maneu durchschob.

2. Sehr eigentümlich ist die Erzählung Cäsars von seinen Bemühungen, eine künstliche Furt im Sicoris herzustellen. Man fragt zunächst, weshalb er nicht lieber eine neue Brücke baute. Hatten ihm die Wildwasser auch schon mehrfach die Brücken fortgerissen, so wurde eine Furt doch noch viel sicherer ungangbar gemacht, und die Arbeit, die die Furt machte, war nach Cäsars eigener Schilderung größer als der Bau vieler Brücken. Da man mit der Kavallerie bereits das linke Ufer beherrschte, so hätte der Feind die Anlage nicht verhindern können.

Man findet keinen anderen Grund als etwa absoluten Holzmangel, obgleich man auch wieder fragen muß, ob nicht auf dem Sicoris von den Pyrenäen her Holz zu beschaffen war.

Die Hauptfrage aber ist, ob auf die von Cäsar beabsichtigte Art eine Furt überhaupt herzustellen ist. Wie die Grabenanlage eigentlich zu verstehen[567] ist, darüber gehen die Ansichten sehr auseinander. Schneider, in Anlehnung an Guischard, nimmt eine förmliche Ableitung des Flusses an, ein Werk von so gewaltigen Dimensionen, daß es mir, da doch kaum mehr als zehn Tage darauf verwandt sein können, unausführbar erscheint. Stoffel hat ein viel einfacheres Bild. Er geht davon aus, daß zwei Kilometer aufwärts von Ilerda der Strom sich teilt und Inseln bildet; durch diese Inseln ließ Cäsar mehrere 30 Fuß breite Gräben ziehen, verbreiterte also um so viel das Flußbett und senkte dadurch den Wasserspiegel. Wie weit das technisch möglich und richtig ist, entzieht sich meiner Beurteilung.[568]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 555-569.
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