Die Bevölkerungsdichtigkeit in Germanien.

[12] Daß die Angaben der Römer über die Volksmassen Germaniens, die man bis vor kurzem noch arglos wiederholte, wertlos seien, ist heute wohl allgemein anerkannt. Wie außerordentlich schwer es ist, ganz abgesehen von tendenziöser Übertreibung, Volksmengen abzuschätzen, lehren die Berichte aus den erst heute in den Gesichtskreis der Kulturwelt getretenen Ländern.

In der Landschaft Urundi hatte Stanley die Volksdichte zu 75 Seelen auf den Quadratkilometer angesetzt; Baumann schätzte sie später auf 7. Für Uganda hat Reclus geglaubt, 5000 Seelen auf die Quadratmeile annehmen zu dürfen (das ist viel dichter als Frankreich); Ratzel hat die 5000 auf 650 reduziert, und Jannsch hat einmal erklärt, es sei ihm trotz aller Mühe völlig unmöglich gewesen, zu einer einigermaßen verläßlichen Schätzung der Einwohnerzahl eines afrikanischen Gebietes zu gelangen. Wenn Vierkandt trotzdem für die verschiedenen Regionen des westlichen Zentral-Afrika Bevölkerungsdichten von 0,85 bis 6,5 auf den Quadratkilometer, im Durchschnitt für ein Gebiet von 5010000 qkm eine Dichtigkeit von 4,74 auf den Quadratkilometer (etwa 250 auf die Quadratmeile) berechnet, so geschieht das nur mit Hilfe sehr zahlreicher, sich gegenseitig kontrollierender Angaben und wirklicher zuverlässiger Zählungen.10 Wie soll es uns möglich sein, zu einer auch nur einigermaßen zuverlässigen Schätzung der alten Germanen zu gelangen, über die wir keine einzige, wirklich zuverlässige und sicher zu interpretierende Zahl haben?

Es ist dennoch möglich, weil wir heute, wovon man noch vor einem Menschenalter keine sichere Vorstellung hatte, an der Nahrungsproduktion aller Länder unter den verschiedenen Kulturzuständen gewisse Maßstäbe haben, die zwar nicht allenthalben, aber doch an manchen Stellen sehr sichere Anhaltspunkte gewähren. Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Germanen, die noch keine Städte hatten, wenig Ackerbau trieben, hauptsächlich von Milch, Käse, Fleisch, den Erträgen der Jagd und des Fischfanges lebten, in einem Lande, das zum sehr großen Teil aus Wald und Sumpf bestand, nur sehr dünn angesiedelt gewesen sein können.

F. Mor. Arndt in Schmidts Zeitschr. f. Gesch. Wissensch., Band III, S. 244, hat einst die Bevölkerung Germaniens auf 800-1000 Seelen für die Quadratmeile geschätzt, aber unter der Voraussetzung, daß die Erzählungen der Römer von dem geringen Ackerbau der Germanen unrichtig seien. Heute ist die Wissenschaft einig, daß die Schilderungen von dem germanischen Ackerbau die Cäsar und Tacitus richtig sind, und mit der Voraussetzung, die dem gesunden, natürlichen Blick des trefflichen Alten alle Ehre macht, fällt nun auch seine Folgerung, die starke Bevölkerung, die großen Volksmassen, von denen die Römer zu erzählen lieben. Auf Grund des Vergleiches mit den Belochschen Berechnungen für Gallien habe [13] ich in dem gen. Aufsatz in den Preuß. Jahrb. die Dichtigkeit auf 4-5 auf den Quadratkilometer (250 auf die Quadratmeile) geschätzt. Die Grundlage dieser Berechnung ist seitdem etwas verschoben worden, da ich mittlerweile den Glauben an die Angaben Cäsars über die Helvetier, von denen Beloch ausging, verloren habe. Aber die Schätzung selber ist dennoch festzuhalten.

Die Vergleichszahlen, von denen man ausgehen muß, um zunächst einen ungefähren Anhalt zu gewinnen, findet man jetzt vortrefflich zusammengestellt bei SCHMOLLER, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, I, 158 ff., namentlich S. 183. Schmoller kommt hier für Germanien zu Christi Geburt auf 5-6 Seelen auf den Quadratkilometer; an anderer Stelle (S. 169) meint er, meine Schätzung von 25000 Seelen auf die Völkerschaft (4-5 auf den Quadratkilometer) scheine ihm eher zu viel als zu wenig. Ein eigentlicher Widerspruch ist das nicht, da es sich hier ja überhaupt nur um ganz ungefähre Schätzungen handeln kann. Ob nun vier oder sechs Seelen auf den Quadratkilometer, die Zahl der Germanen zwischen Rhein und Elbe hat sich um nicht mehr als etwa eine Million herum bewegt, und wir können das noch enger umgrenzen, nämlich mit Hilfe der Berechnung der Ausdehnung und der Verfassung der einzelnen Völkerschaften.

Wir kennen die Geographie des nordwestlichen Germanien genau genug, um festzustellen, daß auf dem Gebiet zwischen dem Rhein, der Nordsee, der Elbe und einer Linie vom Main etwa bei Hanau bis an den Einfluß der Saale in die Elbe etwa 23 germanische Völkerschaften wohnten, zwei Friesen, Canninefaten, Bataver, Chamaven, Amsivarier, Angrivarier, Tubanten, zwei Chauken, Usipeter, Tenchterer, zwei Bructerer, Marser, Chasuarier, Dulgibiner, Langobarden, Cherusker, Chatten, Chattuarier, Innerionen, Intvergen, Caluconen.11 Das ganze Gebiet umfaßt etwa 2300 Quadratmeilen, auf jede Völkerschaft kommen also im Durchschnitt etwa 100 Quadratmeilen. Die souveräne Gewalt in jeder dieser Völkerschaften lag bei allgemeinen Volks- oder Kriegsversammlung. Das war auch in Athen und Rom so, aber die gewerbfleißige Bevölkerung in diesen Kulturstaaten besuchte die Volksversammlungen nur zum geringeren Teil. Von den Germanen dürfen wir annehmen, daß tatsächlich sehr häufig so gut wie die gesamte kriegerische [14] Mannschaft wirklich zur Stelle war. Eben deshalb hatten die Staaten keinen größeren Umfang, weil bei mehr als einem starken Tagemarsch von den ferneren Dörfern bis zum Mittelpunkt wirkliche allgemeine Versammlungen nicht mehr möglich gewesen wäre, und wie eine Fläche von etwa 100 Quadratmeilen diesem Postulat nach gerade entspricht, so ist eine Versammlung von 6000 bis allerhöchstens 8000 Männern das Maximum, bei dem noch eine einigermaßen geordnete Verhandlung möglich ist. War das das Maximum, so kann der Durchschnitt nicht wesentlich mehr als 5000 betragen haben, und das ergibt auf die Völkerschaft etwa 25000 Seelen oder 250 auf die Quadratmeile (4-5 auf den Quadratkilometer). Das ist, wohlgemerkt, zunächst das Maximum, die obere Grenze. Unter diese aber wesentlich herabzugehen, verbietet sich aus einem anderen Grunde, dem militärischen. Die kriegerischen Leistungen der Germanen gegen das römische Weltreich und seine sturmerprobten Legionen sind so groß, daß sie ohne eine gewisse Menge nicht denkbar erscheinen, und 5000 Krieger in jeder Völkerschaft erscheint im Vergleich zu jener Leistung schon so gering, daß niemand geneigt sein wird, noch tiefer zu greifen.

Wir haben hier also den Fall, daß trotz des völligen Mangels an brauchbaren, positiven Nachrichten wir doch imstande sind, mit großer Sicherheit positive Zahlen auszusprechen. Die Verhältnisse sind so einfach und die wirtschaftlichen und militärischen, geographischen und politischen Tatsachen so fest ineinander verschränkt, daß wir heute mit den durchgebildeten Methoden wissenschaftlicher Forschung die fehlenden Stücke der Überlieferung zu ergänzen, die Menge der Germanen besser abzuschätzen vermögen als die Römer, die sie vor Augen hatten und täglich mit ihnen verkehrten.

SERING gibt an, daß in den ostelbischen Gutsbezirken die Dichtigkeit bis auf 4 Seelen auf den Quadratkilometer herabgehe.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 12-15.
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