Der Platz des Sommer-Lagers


1. Der Platz des Sommer-Lagers.

[75] Daß das Varus-Lager an der Weser lag, haben wir durch rein sachliche Erwägungen festgestellt. Es ist auch quellenmäßig sogar zweimal bezeugt, aber beide Male nicht so, daß jede andere Auslegung ausgeschlossen wäre. Dio sagt, die Germanen »προήγαγον αὐτὀν πόρρω ἀπὀ τοῦ ρήνου ἔς τε τῆν χερουσκίδα καἰ πρὸς τὸν Οὐίσουργον« – das kann ausgelegt werden als »in der Richtung auf die Weser«, statt »an die Weser«. Bei Vellejus liest man (II, 105): »Intrata protinus Germania, subacti Caninifati, Attuari, Bructeri, recepti Cherusci gentes et amnis mox nostra clade nobilis transitus Visurgis.« Die Lesung beruht jedoch nur auf Konjektur; ed. princeps und Amerbach haben statt »amnis« inamninus, die Coll. von Burer hat »inamminus«, danach hat man neuerdings statt »gentes et amnis« lesen wollen »gentis ejus Arminius«.[75]

Sachlich hat man geglaubt, Detmold als den Platz des Lagers vermuten zu dürfen, da hier, nach dem Namen zu schließen (tietmallus), eine Gerichtsstätte gewesen sei. Mir erscheint es ausgeschlossen, daß das für die Römer ein Grund gewesen sei dort ein Standlager zu errichten. Die römische Herrschaft konnte die großen, bewaffneten Volksversammlungen der Germanen nicht, so zu sagen, unter Polizei-Aufsicht stellen. Entweder man mußte sie verbieten, oder, wenn man das nicht wollte und konnte, mußte man mit den Germanen politisch so stehen, daß man sie dulden durfte – in diesem Falle aber jeden Römer dem Bereich der leidenschaftlichen und leicht aufgeregten Scharen fernhalten. Nichts wäre verkehrter und gefährlicher gewesen, als eine solche Versammlung in der unmittelbaren Nähe des römischen Lagers abhalten zu lassen, ebenso wie auf der anderen Seite eine unnötige Provokation, ein römisches Lager an oder neben eine geheiligte Dingstätte zu legen, an der die Germanen nicht mehr in der Weise der Väter zusammenkommen durften.

Alle diese Erwägungen sind aber überhaupt nicht am Platze, denn das einzige Motiv, das die Wahl des Lagerplatzes bestimmen durfte und mußte, war das strategische, und dies verlangte den Fluß.

Am 30. März 1901 habe ich in Gemeinschaft mit Herrn Museums-Direktor Schuchhardt das Gelände von Rehme rekognosziert und bestätigt gefunden, daß der Hahnenkamp in dieser Gegend für ein römisches Lager der geeignete Platz ist. Herr Sanitätsrat Dr. Huchzermeier in Oeynhausen erzählte uns, daß dort vor etwa 15 Jahren ein römisches Goldstück mit Kaiserbildnis gefunden worden und von dem Finder an einen Numismatiker verkauft worden sei; weiterer Einzelheiten wußte sich Herr Huchzermeier leider nicht mehr zu erinnern, versprach uns aber, noch Nachforschungen anzustellen. Von sonstigen Funden war an Ort und Stelle nichts bekannt.

Die Brunnen auf dem Hügel haben alle in geringer Tiefe Wasser.

Herr Schuchhardt bemerkte noch besonders, daß ein Lager an dieser Stelle nicht nur in der Größe, sondern auch darin den Gewohnheiten der Römer entsprechen würde, daß es in der Hauptsache auf der nach Süden, der Sonne zu gerichteten Abdachung des Hügels liegen würde.

Ferner bemerkte er als ein sehr wichtiges Moment dafür, daß das römische Lager nicht weiter oberhalb an der Weser gelegen haben könne, daß dicht aufwärts von Rehme starke Stromschnellen sind, die den Verkehr mit der Nordsee gehindert haben würden.

Meine Vermutung jedoch, daß das Standlager des Varus auf dem Hahnenkamp gewesen sei, ist durch Nachgrabungen, die ich gemeinsam mit Herrn Dr. Schuchhardt in demselben Herbst unternommen habe, nicht bestätigt worden. Es fand sich auf dem Plateau nicht nur nicht die geringste Spur von ehemaligen Gräben, sondern man darf umgekehrt sagen, daß die Ausgrabung dargetan hat, daß an dieser Stelle ein römisches Lager nicht gewesen ist. Denn nach der Konfiguration des Geländes ließ sich ziemlich genau sagen, wo die Römer ihre Gräben gezogen haben würden, und da[76] nun Quergräben erkennen ließen, daß das Erdreich in der Tiefe nie umgerührt worden war, so kann hier kein Lager gewesen sein.39

Statt dessen fanden wir etwas anderes, vielleicht noch etwas wertvolleres, nämlich über das ganze Plateau verstreut germanische Wohngruben. Es ist das erste urgermanische Dorf, das aufgedeckt ist und bestätigt die Schilderung des Tacitus »colunt discreti ac diversi ut fons, ut campus, ut nemus placuit, vicos locant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium, sive inscitia aedificandi.« Die Entdeckung bestätigt auch die Auffassung, daß mit dieser Schilderung nicht westfälische Einzelhöfe, sondern weitläufig und zerstreut gebaute Dörfer gemeint sind.

Dieselben Wohngruben fanden sich auch auf einem etwas weseraufwärts gelegenen Plateau, dem Mooskamp bei Babenhausen.

Wenn nun auf den beiden für ein römisches Lager geeigneten Plätzen unmittelbar vor der Porta Westphalica germanische Dörfer lagen, so könnte das der Grund gewesen sein, weshalb die Römer gerade hier ihr Lager nicht errichtet haben.

Ich habe zunächst noch etwas gerade gegenüber auf dem rechten Weser-Ufer gesucht, aber auch hier hat sich bisher keine Spur gefunden.

Es wird Sache der Lokalforschung sein, die Untersuchungen fortzusetzen und auch das Gelände abwärts der Porta Westphalica in Betracht zu ziehen. Gerade hiergegen habe ich mich früher gesträubt, weil es mir unglaublich schien, daß die Römer sich vor das Defilée gelagert haben sollten, statt dahinter. Aber es läßt sich vielleicht doch einiges dafür sagen, um so mehr, da ja die geeigneten Plätze oberhalb durch germanische Dörfer bereits okkupiert waren. Lagerten nämlich die Römer unterhalb der Porta, so konnten sie dort einen festen Übergang über die Weser schaffen und beherrschen, der ihnen das ganze Niederland unter die Füße gab, während eine Brücke bei Rehme in einen Kessel führte (was freilich wieder mit der Frage zusammenhängt, wie weit der Weg am rechten Weser-Ufer praktikabel war). Das strategisch allerwirksamste wäre die Anlegung des Lagers auf dem rechten Ufer gewesen. Die Brücke hätten wir uns durch einen Brückenkopf gesichert zu denken und die Gefahr des Defilées der Porta dadurch gemindert, daß auf dem Wittekindsberg ein Kastell war. Die erste kleine Boden-Schwellung auf dem rechten Ufer bei dem Dorfe Neesen, unterhalb des Jakobsberges ist jedoch, wie ich mich durch persönliche Untersuchung überzeugt habe, so unbedeutend, daß sie für ein römisches Lager kaum in Betracht kommen kann. Auf dem linken Ufer kommen zunächst der Platz bei Böhlhorst und Minden selbst in Betracht; im ersteren Fall würde durch das Böhlhorster Bergwerk und Ziegelei, im anderen durch[77] die Stadt Minden jede Spur des Lagers für immer vernichtet worden sein. Vom strengen strategischen Standpunkt der Sicherheit bliebe es ja ein Fehler, sich vor das Defilée zu lagern, aber die Römer mögen ihre Herrschaft in Germanien bereits als so gut fundiert angesehen haben, daß sie dieses Moment gegen andere Vorteile zurücktreten ließen.

Eine eingehendere Mitteilung über die Ausgrabung auf dem Hahnenkamp habe ich im September-Heft 1901 der »Preußischen Jahrbücher« Bd. 105, S. 555, und Herr SCHUCHHARDT in der »Zeitschr. f. vaterl. Gesch. u. Altertumskunde Westfalens« Bd. 61, S. 163 gegeben. Die gemachten Funde sind der Rektorschule in Oeynhausen übergeben.

Später habe ich auch am Ausgang der Dörenschlucht bei Pivitsheide Versuchsgräben ziehen lassen, auch hier bisher ohne Erfolg. Daß die Römer ungefähr an dieser Stelle irgendwann einmal gelagert haben müssen, unterliegt eigentlich gar keinem Zweifel. Wenn sie aus dem Lippegebiet in die norddeutsche Tiefebene wollten, was in den zwanzig Jahren ihrer Herrschaft und Kriegsführung in dieser Gegend notwendig oft gewesen sein muß, so hatten sie den Teutoburger Wald und das Wiehengebirge zu kreuzen, und über beide Gebirge führen nur sehr wenige, deutlich erkennbare Pässe. Das Wiehengebirge schneidet man, indem man durch die Porta geht, durch den Teutoburger Wald führen die Dörenschlucht und die Bielefelder Schlucht. Die Dörenschlucht ist durch die zahlreichen Hünengräber direkt als ein uralter Weg gekennzeichnet. Selbst wenn wir auf diesen Linien einmal Spuren von Römerlagern finden sollten, so ist ja noch gar nicht gesagt, daß sie mit dem Varuszuge zusammenhängen; die Römer sind eben in dieser Gegend sehr viel marschiert und haben inmitten der gefährlichen Bundesgenossen allenthalben ihre Marschlager mit Wall und Gräben errichtet. Erstaunlich genug, daß noch nirgends eine Spur zutage gefördert ist, aber kaum glaublich, daß man wirklich auch nie eine finden sollte. Möge die Lokalforschung nicht erlahmen!


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 75-78.
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