Die Schluß-Katastrophe


5. Die Schluß-Katastrophe.

[83] Die Darstellung, die ich oben von der eigentlichen Schlacht an der Dörenschlucht und der Schlußkatastrophe gegeben habe, beruht nicht auf einer der überlieferten Erzählungen, wie sie uns vorliegen, sondern auf der Einpassung der bei Vellejus, Tacitus und Florus erhaltenen Einzelnachrichten in die von Dio gegebenen Grundzüge, unter Ausfüllung der dabei bleibenden Lücken durch den sachlichen, in Entfernungen und Gelände gegebenen Zusammenhang. Dies Verfahren bedarf einer besonderen Rechtfertigung.

Es ist davon auszugehen, daß die einzige ausführliche Erzählung von der Teutoburger Schlacht, die wir haben, Dio Cassius, zwar auf einen sehr guten Bericht zurückgeht, uns aber doch nur in einer Neubearbeitung dritter oder vierter Hand vorliegt, wobei naturgemäß nicht nur Farben stärker aufgetragen, sondern auch einzelne Züge, die Dio oder schon seinen Vorgänger weniger interessiert haben oder die in dem Urbericht nur angedeutet waren, ausgefallen sein können.

Die Frage, ob die Legaten im Gefecht gefallen sind oder sich nach dem Beispiel des Kommandierenden selbst getötet haben, darf dabei nicht in Betracht kommen. Hierüber mag in Rom selber kein zuverlässiger Bericht vorgelegen und der eine dies, der andere jenes berichtet haben.

Dio erzählt nun die Schlacht, als ob sie zu Ende gegangen sei, wie sie angefangen hatte, indem die Römer unter den fortgesetzten Angriffen der Germanen allmählich fielen, während die Führer sich selbst töteten. Dem gegenüber berichtet Vellejus, daß von den beiden Lager-Präfekten der eine, Eggius, ein gutes, der andere, Cejonius, ein schimpfliches Beispiel gegeben habe, »qui cum longe maximam partem absumpsisset acies auctor deditionis supplicio quam proelio mori maluit.« Ferner berichtet er, daß die Germanen dem halbverbrannten Leichnam des Varus den Kopf[83] abgeschlagen hätten, was aus Florus dahin ergänzt werden kann, daß er schon begraben war und wieder ausgegraben wurde. Dieser Versuch einer Bestattung, namentlich durch Verbrennen, ist nicht denkbar ohne ein festes Lager. Truppen, die im Felde standen, hätten bei der ganzen Art der Germanen wohl ohnehin nicht kapitulieren können. Von alledem erzählt Dio nichts. Das kann aber kein Grund sein, eine so bestimmte Erzählung, wie die des Vellejus, eines sonst vorzüglich unterrichteten Zeitgenossen, als Fabel zu verwerfen. Nicht nur ist am Schluß von Dios Erzählung eine Lücke in dem überlieferten Text (vielleicht ist ein Blatt verloren gegangen), wo noch etwas darüber gestanden haben mag, sondern selbst wenn das nicht wäre, mag es sich um eine bloße Verkürzung handeln, die der Autor vornahm, da ohnehin seine Schilderung dieses Ereignisses schon sehr ausführlich war. Daß er sich zuletzt kurz faßte, geht auch daraus hervor, daß er kurzweg alles, Mann und Roß, niedermetzeln läßt, während er gleich darauf von Gefangenen spricht, die später von ihren Angehörigen losgekauft wurden.

Akzeptiert man nun Vellejus' Erzählung von der versuchten Bestattung des Varus und der schließlichen Kapitulation, so ergibt sich daraus, daß die Schlacht nicht in einem, fortgesetzten Marschgefecht bestanden haben kann, sondern mit einem regulären Treffen geendet haben muß: fortgesetzt marschierend, hätten die Römer kein Lager gehabt, wo man versuchen konnte, den Varus zu verbrennen, und in dem man schließlich kapitulierte.

Militärisch, man möchte sagen, begrifflich, ist dieser Unterschied sehr wesentlich; dennoch ist es psychologisch ganz begreiflich, daß gerade dieser Zug bei Dio fehlt. Äußerlich mag sich das Schlußtreffen von den Gefechten des vorhergehenden Tages, so wie sie sich dem Berichterstatter vor Augen stellten, nicht so sehr unterschieden haben, vor allem aber haben wir uns an dieser Stelle zu er innern, daß wir es ja nur mit römischen Berichten zu tun haben. Diese fühlten sich nicht veranlaßt, den Umstand, daß die Römer nicht bloß marschierend überfallen waren, sondern schließlich ein rangiertes Gefecht verloren, einen Angriff nicht durchgeführt hatten, besonders hervorzuheben. Wie gern sie die Niederlage bloß durch den Verrat und Überfall zu erklären suchten, klingt noch durch in der Rede, die Tacitus (ann. II, 46) den Marbod an seine Krieger halten läßt: »tres vacuas legiones«, d.h. dienstfreie, immobile Legionen habe Armin besiegt; der Erfolg sei daher keines besonderen Ruhmes wert. Der Einwand erscheint bei der gewöhnlichen Erzählung gar nicht so ganz unberechtigt, und darum ist es kriegsgeschichtlich doppelt wichtig, daß es uns möglich ist, das von den Römern so zu sagen unterschlagene reguläre Treffen am Schluß wieder herauszuarbeiten.

Mit dieser Auffassung stimmt auch die eigentümliche Art, wie Tacitus die Antithese zwischen den beiden Lagern formuliert, als die dem Germanicus und seinen Soldaten zu Gesicht kamen: »prima castra lato ambitu ... dein semiruto vallo, humili fossa.« Das »semirutum vallum« ist nicht[84] der Wall, der nie hoch war, sondern ein Wall, der wieder eingestürzt ist. Der strengen Logik nach postuliert man als Gegensatz gegen das große, reglementsmäßige erste Lager ein kleineres, unfertiges, schlecht ausgeführtes. Indem Tacitus, wie er das ja häufig tut, die Antithese schräg stellt, so daß der Leser herüber und hinüber ergänzen muß, läßt er mit dem Ausdruck »semirutum« doch wohl auch die Vorstellung hineinspielen, daß dieser Wall von den hineinstürmenden Germanen niedergetreten worden ist. Der Augenzeuge, auf den die Taciteische Erzählung letztlich zurückgeht, mußte gerade von diesem Zustande des Walles und Grabens einen starken Eindruck empfangen, aus ihm ein Bild der letzten Schreckensszene vor seinen Augen haben aufsteigen sehen, so daß das charakteristische Wort »semirutum« wohl nicht erst von Tacitus eingesetzt ist, sondern aus dem Urbericht stammt.

Man mag unsere Lokalisation der Schlacht nun als wirklich bewiesen oder als bloß zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit gebracht ansehen, jedenfalls beruht die Rekonstruktion des letzten Gefechts nicht bloß auf äußerer Harmonistik, sondern man darf sagen, daß sich sachlich und quellenkritisch ein Lager und seine endliche Kapitulation ohne Schwierigkeit in die Dionische Erzählung einfügen läßt.

Die richtige Rekonstruktion, einmal gefunden, pflegt sich darin zu bewähren, daß auch andere Stücke der Überlieferung, sonst schwer zu verstehen, eine einfache und einleuchtende Erklärung finden.

Vellejus erzählt, daß bei dieser Niederlage Soldaten, die ihre Waffen nach Römer Art und Mut hätten gebrauchen wollen, bestraft worden seien. Wir werden diesen Vorgang nunmehr auf die Zeit während der Kapitulations-Verhandlungen beziehen.

Nach Dio fand der letzte Kampf in einer Enge statt, nach Tacitus hat Germanicus die bleichenden Gebeine der Gefallenen »medio campi« liegen sehen. Dieser Widerspruch ist jetzt gelöst: Dio spricht von dem letzten eigentlichen Kampf, der in der Dörenschlucht selbst stattfand, aber nachdem die Römer aus der Döre zurückgewichen, wurden natürlich noch viele auf dem freien Felde davor getötet.

Daß Dio's Bericht in sich sehr gut und mit den Einzelnachrichten der anderen Quellen auch gut zu vereinen sei, hat bereits EDM. MEYER »Untersuch. über die Schlacht im Teutoburger Walde« quellen-kritisch nachgewiesen. Wenn seine Darlegung nicht sofort allgemeine Zustimmung fand, so dürfte das nur daran gelegen haben, daß die Lösungen im einzelnen öfter verfehlt und namentlich, da die strategischen Grundbedingungen der Kriegführung in Germanien noch nicht erkannt waren, die topographischen Fixierungen noch nicht richtig waren.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 83-85.
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