Ende des Krieges.

[119] Überblicken wir unsererseits die Ergebnisse der gesamten Germanicus-Feldzüge, so ist es klar, daß dieser letzte und größte, obgleich die Römer militärisch die Oberhand behaupteten, in der Hauptsache mißglückt ist. So ganz ergebnislos ist er aber darum doch nicht gewesen. Tacitus meldet, daß die Angrivarier sich schließlich den Römern unterworfen und sogar römische Gefangene bei anderen Völkern, um sich den Römern gefällig zu erweisen, frei gekauft und zurückgeführt hätten. Da nun die Friesen und Chauken schon vorher zu den Römern hielten, so hätte diese jetzt an der Weser eine Stellung gehabt, von der aus sie sehr stark auf die Cherusker drücken konnten. Die Unterwerfung der Angrivarier mag angezweifelt werden: man sieht nicht recht, da die Chauken ja selbst Freunde und Römer waren und bis an die Elbmündung saßen, von welchen Völkern die Angrivarier die Schiffbrüchigen losgekauft haben sollen. Aber wie dem auch sei, die Römer waren mit einer gewaltigen Macht zwischen Weser und Elbe aufgetreten, und wenn sie[119] auch auf der Heimfahrt durch Schiffbruch Verluste erlitten hatten, so haben sie doch sicherlich auch im cheruskischen Gebiet große Verwüstungen angerichtet. Nichts konnte sie verhindern, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Als Cäsar einmal in Gallien war, ist er nicht wieder herausgegangen, auch wenn er Niederlagen erlitten hatte. Die Römer mußten aus Germanien immer wieder zurück an den Rhein, weil sie sich in diesem Wald- und Weide-Lande nicht verpflegen konnten. Hätten sie den Krieg noch weiter fortgesetzt, so wären sie vermutlich zunächst noch nicht wieder ins Cheruskische gegangen, sondern hätten erst die Bructerer und Marsen völlig niedergekämpft. Freilich gehörte dazu eine sehr große Anstrengung; nur Heere von mehreren Legionen durften sich in das germanische Gebiet tiefer hineinwagen. Aber Cäsar hatte zuletzt in Gallien zum wenigsten 11 oder 12 Legionen gehabt, Germanicus hatte nur 8. Man sieht nicht, weshalb das römische Reich nicht diese oder eine noch größere Zahl Legionen viele Jahre hintereinander hätte über den Rhein schicken oder wie die germanischen Grenzvölker sich dagegen hätten wehren können. Jede Expedition war eine ebenso kostspielige wie gefährliche Sache, aber keine Unmöglichkeit, und auf die Dauer muß endlich stets die Kriegspartei, die nicht stark genug ist, es auf die große taktische Entscheidung, die Schlacht mit den gesammelten Massen, ankommen zu lassen, unterliegen. Es kommt hinzu, daß wir bei den Germanen, ganz wie einst bei den Galliern, allenthalben Ansätze zur Bildung einer Römer-Partei sehen. Noch im Herbst 16 ging ein marsischer Fürst, Malovendus, zum Landesfeind über und verriet den Römern, wo die Marsen einen in der Teutoburger Schlacht erbeuteten Adler verborgen hatten. Der Bericht des Tacitus, der römische Soldat habe nicht gezweifelt, daß der Feind bereits schwanke und den Entschluß, um Frieden zu bitten, erwäge und daß mit dem nächsten Sommer der Krieg beendigt sein könne, dieser Bericht dürfte eines Kernes von Wahrheit – obgleich wir die beiden großen Siege der Römer über die Cherusker vollständig gestrichen haben – nicht entbehren.

Die Erklärung ist nicht allein auf dem Kriegsschauplatz, sondern, wie das bereits Ranke erkannt hat, in den inneren Verhältnissen des römischen Prinzipats zu suchen. Tiberius war Kaiser[120] geworden nur durch Adoption; er war nicht blutsverwandt mit Augustus. Germanicus stand in demselben Verwandtschaftsverhältnis zu Augustus, wie einst dieser zu Cäsar: er war der Enkel seiner Schwester, und er war vermählt mit einer leiblichen Enkelin des Augustus, Agrippina; seine und ihre Söhne waren des Augustus' Blutserben. Wenn nun auch nach römischem Recht der Adoptivsohn dem leiblichen Sohn gleichstand und Tiberius seinerseits den Germanicus adoptiert hatte: zwischen dem Imperator und dieser Familie bestand dennoch eine Spannung, die unendliche Gefahren in ihrem Schoße barg. Um seiner eigenen Sicherheit willen konnte Tiberius nicht dulden, daß in einem vieljährigen Kriege zwischen dem Germanicus und den germanischen Legionen sich ein Verhältnis bildete, wie einst zwischen Cäsar und den Legionen der römischen Republik in Gallien. Die Schlacht im Teutoburger Walde und die drei Feldzüge des Germanicus hatten gezeigt, eine wie furchtbar schwere Arbeit die Unterwerfung dieser trotzigen germanischen Natursöhne sein würde: nur ein Feldherr von höchster Autorität, mit den größten Mitteln, auf viele Jahre frei waltend, hätte diesen Krieg zu Ende bringen können. Einen solchen Feldherrn hatte Tiberius nicht zu versenden, durfte ihn nicht versenden: zwei Jahre hatte er zugesehen, dann rief er den Germanicus ab, und die Germanen blieben frei.

Es gibt keine Tatsache, die wichtiger gewesen wäre für die Folgezeit, als daß die Germanen außerhalb des römischen Herrschaftskreises blieben und nicht, wie die Kelten, romanisiert wurden. Die Kausalität dieser Tatsache kann nur in ihrer Doppelseitigkeit richtig gefaßt werden, wie das Tacitus mit seinem durchdringenden Blick für alles Große schon richtig gesehen hat. In vielen Einzelheiten genügt uns seine Erzählung nicht, und die Stimmung, die darüber liegt, ist in allen ihren Tönungen durchaus subjektiv; aber wie er auch denkt, er geht in die Tiefe, und mit Recht hat er hier geurteilt, daß die Römer gesiegt haben würden, wenn der Argwohn des Tiberius nicht den Germanicus abgerufen hätte, und dort, daß Arminius unzweifelhaft der Befreier Germaniens gewesen sei.

Nach dem Teutoburger Siege hatte Armin das Haupt des Varus an den Markomannenkönig Marbod gesandt: das kann nicht[121] anders verstanden werden, als daß es ein Aufruf sein sollte an den Volksgenossen zum allgemeinen germanischen Nationalkampf gegen die Römer. Marbod hatte sich versagt und hatte das Haupt des Varus dem Augustus zur Bestattung gesandt: eben dadurch kennen wir die Tatsache und ist sie uns unzweifelhaft bezeugt. Nicht lange währte es, so schlugen die Germanen hier unter Armin, dort unter Marbod gegeneinander. Wohl siegte der Cherusker, verbunden mit den Langobarden, aber endlich fiel er selbst im Bürgerkrieg durch die Tücke seiner eigenen Verwandten. Er war ihr Befreier und die Barbaren preisen ihn noch in ihren Liedern, fügt der Römer hinzu, der in Jahrhundert später diese Ereignisse beschrieben hat. Sollte er doch später so ganz bei seinem Volk in Vergessenheit geraten und erst durch das gelehrte Studium anderthalb Jahrtausende später zu neuem Leben erweckt worden sein? Philologischer Spürsinn will einen Schimmer des Fortlebens aufgefunden haben, der nie wirklich nachzuweisen sein wird, aber in sich von einer solchen poetischen Gewalt ist, daß man ihn nicht unbeachtet lassen kann.

Wir kennen nicht den germanischen Namen des Cheruskerfürsten; mit dem Worte »Hermann« hat er nichts zu tun. Arminius ist der römische Name, der ihm gegeben wurde, als er Rom besuchte und mit der Ritterwürde geehrt wurde. Sein Vater aber hieß Sigimer, und der Name des Sohnes wird bei den Germanen oft im Anklang an den des Vaters gebildet. Sollte Armin Siegfried geheißen haben? Siegfrieds Vater führt im Nibelungenliede den Namen Sigemund; Segimundus hieß, nach Tacitus, ein anderer Cheruskerfürst. Kein Zweifel, daß diese Namengruppe der Sippe Armins eigentümlich war. Die Siegfriedsage führt zurück bis in den germanischen Mythus. Sie bewahrt auch eine Erinnerung an die Römerzeit, denn Siegfrieds Vater hat seinen Sitz in Xanten, das nur damals, als hier das große Römerstandlager Vetera war, eine Bedeutung gehabt hat. Siegfried stirbt im blühendsten Mannesalter durch den Neid und den Verrat seiner Verwandten, wie Armin. Die Gattin hält zu ihm, nicht zu den Ihrigen. Siegfrieds Mörder Hagen ist, zwar nicht im Nebelungenliede, aber in einer anderen Erzählung, einäugig; dasselbe wird uns berichtet von Vlavus, dem Bruder Armins, der auf[122] der Seite der Römer kämpfte. Das ganze Fürstengeschlecht der Cherusker – bis auf einen bei den Römern lebenden Sohn des Flavus – ist in den auf Armins Tod folgenden Kämpfen zugrunde gegangen, wie alle die Nibelungenfürsten.

Es wäre das erhabenste aller Denkmäler, das je ein Volk seinem Helden gestiftet, wenn Armin Siegfried ist und die Erinnerung an seine Persönlichkeit in der Gestalt dieses untadeligsten aller Männer weitergelebt hat. Ja, für einen historischen Menschen von Fleisch und Blut wäre es wohl zu groß; darum ist es gut, daß wir es nur wie ein Märchen durch den Schleier einer Vermutung sehen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 119-123.
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