Fünftes Kapitel.

Strategie.

[400] Als Justitian die Regierung antrat (im Jahre 527), war der ganze Westen dem Kaiserreich teils schon seit mehr als einem Jahrhundert, teils seit einem halben Jahrhundert entfremdet. Justinian hat Afrika und Italien zurückgewonnen und war nahe daran, auch Spanien wieder zu unterwerfen; von Italien sind große Stücke von da an noch Jahrhunderte lang bei Byzanz geblieben. Die plötzliche Kraftentwicklung des Ostens erscheint um so erstaunlicher und um so größer, wenn wir uns erinnern, welche Leistungen kultureller Art, das corpus juris und die Sophienkirche, eben diese Regierung schmücken.

Die Kriege Justinians bieten auf den drei verschiedenen Schauplätzen, Mesopotamien, Afrika, Italien einen sehr verschiedenen Anblick: gegen die Perser ein Hin- und Herschieben ohne große und ohne endgültige Entscheidung; die Vandalen niedergeworfen mit einem einzigen Schlage, durch eine bloße Avantgarde; gegen die Ostgoten ein achtzehnjähriger Krieg mit den stärksten Wechselfällen und endlichem vollständigen Siege der Byzantiner in großer Schlacht.

Ehedem waren eigentlich die Siege Belisars und Narses unverständlich, da man die Kleinheit der Heere, über die sie verfügten, kannte und noch an die gewaltigen Massen der Vandalen und Goten glaubte: Witiges, schrieb man dem byzantinischen Historiker nach, sollte Belisar in Rom mit 150000 Mann belagert haben – was taten diese Goten, wo waren sie geblieben, als Witiges zwei Jahre später vor Belisar kapitulierte, der gewiß keine 25000 Mann hatte, als er ihn in Ravenna einschloß?[400]

Nachdem wir nun über die Größe der Vandalen- und Gotenheere Klarheit geschaffen, erscheint es uns weniger wunderbar, daß die Vandalen gegen ein Heer von 15000 Mann kaum den Kampf aufzunehmen wagten, als daß die Goten sich gegen 25000 noch so lange haben wehren können.

Es ist die Politik, die hier, wie immer, die Kriegführung bestimmt und auch der Strategie ihre Bahnen vorschreibt.

Als Belisar über das Meer ging, um Italien zu erobern, landete er zunächst in Sizilien (Ende 535) nur mit einer ganz kleinen Heeresmacht. Er nahm dann Neapel, Rom, Spoleto, ohne daß es zu einer Feldschlacht gekommen wäre. Dann erst erschienen die Goten mit einem großen Heer, schlossen ihn in Rom ein und belagerten ihn dort ein ganzes Jahr lang. Dieser Verlauf wäre rein militärisch nicht zu erklären: wenn die Goten so stark waren, das feindliche Heer belagern zu können, so muß ein besonderes Motiv vorhanden gewesen sein, warum sie ihm nicht früher entgegengetreten sind und den Verlust der großen Städte verhindert haben.

Zwar bedrohte Justinian auch gleichzeitig mit anderen Truppen die Goten in Dalmatien, und von der anderen Seite schien ein Angriff der Franken bevorzustehen; immer ist das keine genügende Erklärung für die völlige Untätigkeit der Goten während eines vollen Jahrs.

Justinian wagte es, den Belisar mit so geringer Heeresmacht nach Italien zu schicken, weil das ostgotische Reich im Innern schwer erschüttert war. König Theodahat, erst nur Mitregent, hatte sich der Alleinherrschaft bemächtigt, indem er Amalasuntha, die Tochter Theoderichs, ermorden ließ; die Byzantiner erschienen als die Rächer einer legitimen Thronerbin, und Theodahat war nicht einmal eine Kriegernatur, die den Kampf mutig und tatkräftig aufgenommen hätte. Erst als nun die Goten, um nicht mit ihm zugrunde zu gehen, sich seiner entledigt und sich durch Zuruf des Heeres nach alter Sitte den Witiges als Wahlkönig gesetzt und dieser wieder durch Vermählung mit einer Tochter Amalasunthas sich befestigt hatte, erschienen sie im Felde, und sofort strafte sich nun die Unbedeutendheit der byzantinischen[401] Rüstung, indem Belisar mit seinem Heere in Rom eingeschlossen wurde.

Aber auch die Goten sind, wie wir wissen, nur wenig zahlreich und nicht imstande, eine Stadt wie Rom wirklich zu belagern. Belisar behauptet sich, und nachdem man in Konstantinopel erkannt, daß die Goten mehr nationale Widerstandskraft besäßen, als die Vandalen, schickte man Verstärkungen. Sie erschienen im Rücken der Goten, die Rom belagerten, und nahmen durch Willigkeit der Einwohner die festen Städte hinter ihnen ein. Das zwang Witiges, nicht nur die Belagerung Roms aufzugeben, sondern veranlaßte ihn endlich, auf Ravenna zurückzugehen, da er sich den vereinigten Streitkräften der Römer im freien Felde nicht gewachsen fühlte.

Das Verhältnis kehrte sich plötzlich um: wiederum, ohne daß es zu einer Feldschlacht gekommen wäre, wird Witiges von Belisar in Ravenna eingeschlossen und belagert.

In Ravenna hat sich Witiges nach dem wunderlichen Zwischenspiel, daß man Belisar selber die Krone anbot, endlich ergeben. Belisar brachte ihn, wie wenige Jahre vorher den Vandalenkönig Gelimer, nach Konstantinopel, und es schien, daß die Goten nach vierjährigem Kampf, aber ohne eigentliche Schlacht, den Byzantinern endgültig unterlegen seien.

Bald aber erfolgt ein Umschwung. Die Goten erheben sich von neuem, wählen sich wieder einen König und nehmen binnen kurzem unter Totilas ganz Italien und Sizilien wieder ein und stellen sogar eine Seemacht auf. Totilas herrschte mehrere Jahre im vollen Glanze des Erfolges. Erst als die griechische Flotte die gotische geschlagen hatte und Justinian nunmehr den Narses mit einem bedeutenden Heer hinübersandte, im achtzehnten Jahr des Krieges, kam es zu der entscheidenden Schlacht bei Taginä 552, der dann noch im nächsten Jahr zwei Treffen folgten, am Vesuv, wo der Nachfolger des Totilas, Tejas und am Casilinus, wo die Franken unter Butilin geschlagen wurden.

Fünfmal war in dieser Zeit Rom aus einer Hand in die andere übergegangen. 536 hatte es Belisar, 547 Totilas, 547 Belisar, 549 Totilas, 552 Narses genommen.[402]

Wir sehen also, die Erscheinung im ersten Stadium des Krieges, nämlich große Erfolge und Wechselfälle, ohne daß es zu einer taktischen Entscheidung gekommen wäre, wiederholt sich den ganzen Krieg hindurch. Erst zu allerletzt erfolgt, was man naturgemäß im Anfang des Krieges erwartet: der Versuch, unter möglichster Sammlung der eigenen Kräfte die feindlichen anzufallen, sie zu schlagen und sie zu zerstören: die Schlacht.

Der Grund ist: der inneren Schwäche des Gotenreiches entspricht die des byzantinischen. Wohl hatte Justinian, indem er mit den Persern Frieden schloß, für einen Augenblick eine erhebliche Streitmacht erst auf Afrika, dann auf Italien werfen können, aber eben nur für einen Augenblick. Im Verhältnis zur Größe der Länder und Städte, um die gefochten wird, bleiben die von beiden Seiten aufgebotenen Streitkräfte gering.

Die überraschende Wiederherstellung der gotischen Macht unter Totilas kam dadurch zustande, daß ein großer Teil der römischen Söldner, unzufrieden mit dem Regiment und namentlich mit der Soldzahlung der Byzantiner, zu ihnen überging. Ganz ebenso hatten die italienischen Städte, die den Byzantinern anfänglich entgegengekommen waren, die neue Verwaltung mit ihren Steuerforderungen sehr bald satt und fanden, daß es sich unter einem gotischen König nicht schlechter, vielleicht sogar besser leben lasse.

Die Strategie im Gotenkriege wird also dadurch bestimmt, daß auf beiden Seiten im Verhältnis zu dem weitem Gebiet, um das gekämpft wird, nur sehr geringe Streitkräfte zur Verfügung stehen. Die Goten konnten die zahlreichen festen italienischen Städte entweder gar nicht oder nur sehr ungenügend besetzen, und die Einwohnerschaft verhielt sich nicht sowohl neutral, als daß sie, von geringer Liebe zu beiden Parteien beseelt, unter wechselnden Antrieben leicht von der einen zur andern Seite überging oder sich wenigstens der Überführung nicht widersetzte.

Als Witiges gegen Belisar vorrückt, fühlt sich dieser so viel schwächer, daß er es nicht auf eine Feldschlacht ankommen, sondern sich lieber in Rom belagern läßt. Zehntausend Mann Verstärkungen, soviel werden es so ungefähr gewesen sein, genügen, um das Verhältnis umzukehren. Der Krieg wird also durch die[403] bloße Belagerung und Übergabe von Städten geführt und entschieden.

Als nun Totilas die Herrschaft gewann, ließ er die Mauern der Städte, die er eingenommen, niederlegen. Andere Herrscher handeln umgekehrt und suchen sich den Besitz ihres Landes zu sichern, indem sie Festungen bauen.

Ein neuer Forscher hat gemeint240: »An den Mauern Roms zerschellte die ganze große Übermacht des gotischen Volksheeres; daher ihr Haß gegen alle Mauerwerke der Städte, die sie überall niederreißen.« Aber Totilas handelte keineswegs in bloßem Haß, sondern war ein Stratege, der wußte, was er tat; schon der Vandale Geiserich hatte, als er Afrika in Besitz nahm, die Mauern der Städte niedergelegt. Diese Germanenkönige hatten nicht Mannschaften genug, alle Städte ihres weiten Gebietes genügend zu besetzen; den Einwohnern war nicht zu trauen, und indem sie feindlicher Mannschaft die Tore öffneten, wurden die Städte Stützpunkte des Feindes.

Die neueste Zeit hat einmal eine ziemlich ähnliche Situation gezeitigt. Als nämlich die Verbündeten im Herbst 1813 am Rhein anlangten, riet Gneisenau, den Vormarsch unverzüglich fortzusetzen und sich nicht durch den berühmten dreifachen Festungsgürtel Frankreichs schrecken zu lassen. Gerade diese vielen Festungen müßten Napoleon jetzt zum Verderben gereichen, weil er nicht mehr genug Truppen habe; besetze er sie, so behalte er kein Heer im freien Felde; ziehe er die Garnison heraus, so fielen sie ohne weiteres in die Hände der Verbündeten. Wenn es Napoleon möglich gewesen wäre, einen großen Teil seiner Festungen schnell zu zerstören und seine Feldarmee durch ihre Garnison entsprechend zu verstärken, so wäre das in jenem Augenblick für ihn ein strategischer Vorteil gewesen. Indem wir sehen, daß Totilas das tat, erkennen wir in ihm einen Feldherrn von strategischem Denken.

Der gotische Krieg zog sich also hin und her, solange die politischen Momente die Oberhand hatten. Ich meine damit die politischen Momente in weiterem Sinne: nicht bloß die Parteinahme[404] der Einwohner Italiens, sondern auch die Unfähigkeit der byzantinischen Verwaltung, ihre eigenen Söldner im Gehorsam zu erhalten. Zur Entscheidung kommt es, als Justinian zum zweitenmal eine wirklich bedeutende Streitmacht hinüberschickt und auch auf gotischer Seite die Dinge durch die Zerstörung der Festungen so vorbereitet sind, daß man glaubt, genügende Kräfte für die Feldschlacht freigemacht und vereinigt zu haben. Diese Entscheidung fällt gegen die Goten, und damit ist ihr Untergang besiegelt.

Die mächtigen kriegerischen Erfolge Justinians beruhen nicht sowohl auf einer unerhörten Entwicklung neuer Kräfte, sondern auf einer glücklichen und geschickten Zusammenfassung der bestehenden, die im Verhältnis zu der großen Ausdehnung und den materiellen Mitteln des Reiches gering genug waren und nur dadurch so viel leisteten, daß die Gegenseite noch schwächer war. Mitten während all der großen Siege geschah es einmal, daß ein Hunnenschwarm und ein andermal ein Slavenschwarm über die Donau kam und die Balkanhalbinsel bis nach Griechenland hin raubend und mordend durchzog. Man hatte nicht die Truppen, ihrer Herr zu werden.

Eine besondere Bedingung der Erfolge im Westen war, daß das Reich mittlerweile im Osten Ruhe hatte. Ehe Belisar nach Afrika ging, wurde mit den Persern Frieden geschlossen. Auch die Germanen waren sich dieses Verhältnisses wohl bewußt, und der König Witiges suchte in seiner Not den Perserkönig Chosru zu neuem Angriff aufzustacheln. Durch die größten Opfer, namentlich Geldzahlungen, mußte Justinian erst die Perser wieder befriedigen, ehe er Narses mit den genügenden Truppen zum letzten entscheidenden Schlage gegen die Goten abschicken konnte. Das ganze Heer aber, das selbst vermöge solcher Einschränkungen auf dem anderen Felde zusammengebracht werden konnte, war, um es noch einmal zu wiederholen, doch nicht stärker als 25000 Mann.

Die Vandalen und Goten, die nur als eine schmale dünne Schicht fremder Krieger in ihrem Lande eingelagert waren, traute Justinian sich zu niederzukämpfen. Gegen die Perser wird ein solches Ziel von vornherein nicht ins Auge gefaßt. Auch die Perser[405] haben Soldtruppen, ganz ähnlich wie die Römer, namentlich Hunnen, und die römischen Söldner gehen ja öfter zu ihnen über, aber der Kern ist doch eine auf ihrem eigenen Boden sitzende Nation, und das macht ihre Stärke. Hier ist also auch von vornherein eine andere Strategie am Platz.

Schon mehrfach sind uns in der Geschichte der Kriege Verhältnisse begegnet, die es mit sich bringen, daß die Gegner es weniger auf die gegenseitige Niederwerfung, als auf bloße Ermattung sogar unter direkter Vermeidung großer Entscheidungen anlegen. So tat es zuerst im größten Stil Perikles im Peleponnesischen Kriege, dann Fabius Cunctator. Breit ausgeführt und bis zu einer Einseitigkeit fortgebildet, die mit dem Wesen des Krieges selbst in Widerspruch tritt, finden wir nun diese Art der Strategie entwickelt in einer Rede, die Procop dem Belisar in den Mund legt (bell. Pers. I, 18).

Der römische Feldherr spricht zu seinen Soldaten, als sie ihn drängen den Feind, der bereits auf dem Rückgang ist, anzugreifen und ihm eine Schlacht zu liefern:

»Wohin stürmet ihr, Römer, oder welche Leidenschaft hat Euch entzündet, daß ihr Euch in eine unnötige Gefahr begeben wollt? Einzig und allein halten Menschen den für einen rechten Sieg, wobei man von dem Feinde keinen Verlust erleidet. Diesen Vorteil gewähren Euch gegenwärtig das Glück und der Schrecken, welcher das Heer der Feinde in Bestürzung gesetzt hat. Ist es nicht besser, die vorhandenen Vorteile zu genießen, als die weit entfernteren aufzusuchen? Die Perser, von großen Hoffnungen getrieben, hatten einen Heereszug gegen die Römer unternommen; jetzt in allen ihren Erwartungen getäuscht, haben sie sich in die Flucht gestürzt.«

»Wenn wir sie gegen ihren Willen nötigen, den Gedanken an ihren Rückzug aufzugeben und mit uns selbst sich in einen Kampf einzulassen, so werden wir, wenn wir auch den Sieg davontragen, ganz und gar keinen weiteren Vorteil davon haben. Denn was bedeutet es, wenn man einen Fliehenden schlägt? Aber sollten wir etwa unterliegen, so würden wir uns des jetzt vorhandenen[406] Sieges berauben; würden ihn nicht sowohl von den Feinden entrissen sehen, als vielmehr selbst ihn verscherzen und dem Feinde das Land des Kaisers ohne Verteidiger zur weiteren Plünderung überlassen müssen. Auch verdient dies von Euch beherzigt zu werden, daß Gott zwar den Menschen in Notfällen, nicht aber in selbstgewählten Gefahren beizustehen pflegt. Außerdem tritt bei Leuten, die keinen Ausweg haben, der Fall ein, daß sie sich unwillkürlich sehr tapfer beweisen, bei uns hingegen finden sich viele Umstände, die einem Treffen ungünstig sind. Denn die meisten von uns sind zu Fuß heranmarschiert, und wir alle sind nüchternen Leibes. Kaum brauche ich hinzuzufügen, daß manche noch nicht einmal angekommen sind.«

In Übereinstimmung mit dieser Rede läßt Procop (bell. Pers. I, 14) den Belisar nach seinem Siege bei Daras die Verfolgung der geschlagenen Perser hemmen, da ihm der Sieg genüge und die Perser, zum äußersten gebracht, umkehren und die unbesonnenen Verfolgenden werfen könnten (δείσαντες μή τινι ἀνάγχῃ Πέρσαι ὑποστραφέντες τρέψωνται αἰτοὐς οὐδενὶ λόγῳ διώκοντας, ἱκανόν τε αὐτοῖς κατεφαίνετο τὴν ωίκην ἀκραιφνῇ διασώσασθαι). Ganz ebenso verbietet der zeitgenössische anonyme Theoretiker,241 selbst wenn man doppelt so stark sei, wie der Feind, ihn etwa ganz einzuschließen, damit er nicht jeden Weg der Flucht verschlossen sehend, sich an Tapferkeit selbst übertreffe, und etwa ein halbes Jahr hundert später rät der Kaiser Mauricius, der als großer siegreicher Feldherr den Thron bestiegen, in seiner »Kriegskunst«, womöglich selbst bei guten Aussichten die offene Schlacht zu vermeiden und dem Feind lieber durch kleinen Krieg Abbruch zu tun.242 Denselben Grundsatz legt Procop (I, 17) auch den persischen Gegnern Belisars in den Mund. Alamundaros, ein saracenischer Fürst, spricht zum Perserkönig: man solle sich im Kriege nicht dem Glück und dem Zufall überlassen, auch wenn man dem Feind noch so sehr überlegen sei, sondern lieber darauf ausgehen, durch List und Kunstgriffe den Feind zu belauern. Wer gerade auf die[407] Gefahr losgehe, sei des Sieges keineswegs gewiß (»οὐκ ἔχοντες ἀεὶ ἐπὶ τῇ τύχη τὸ θαρρεῖν ἄνθρωποι οὐκ ἐκ τοῦ εὐθέος ἐς κίνδυνον πολεμον καθίστανται, κἂν τῷ παντὶ τῶν πολεμίων ὑπεραίρειν αὐχῶσιν, ἀλλ᾽ ἀπάτῃ τε καὶ μηχαναῖς τισι περιελθεῖν τοὺς ἐναντίους ἐν σπουδῇ ἔχουσιν. οἷς γὰρ ἐκ τοῦ άντιπάλου ὁ κίνδυνός ἐστιν, οὐκ ἐν βεβαίφ τὰ τῆς νίκης χωρεῖ«).

Es sind das Anschauungen, die uns von neuem begegnen werden, vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert und bis ins neunzehnte hinein eine große, zuweilen verhängnisvolle Rolle gespielt haben und uns noch viel beschäftigen werden. Sicher ist, daß weder Alexander, noch Hannibal, noch Cäsar nach diesen Grundsätzen Krieg geführt haben. Keiner von diesen Feldherren hat geglaubt, daß es kein Sieg sei, den man über Leute erfechte, die ohnehin schon fliehen; keiner hat geglaubt, vor allem darauf sehen zu müssen, daß er selber keinen Verlust erleide. Alexander hielt die Seinen nicht zurück, als sie die Perser verfolgten, sondern trieb sie vorwärts und vorwärts, bis die Pferde fielen. Hannibal legte seine Schlachten auf die völlige Einkreisung der Römer an, und Cäsar siegte, indem er dem Vercingetorix in Alesia, wie dem Afranius und Petrejus bei Ilerda den Rückzug abschnitt, und ließ, nachdem er bei Pharsalus gesiegt, nicht ab, bis er das ganze feindliche Heer zur Kapitulation gezwungen. Ihr höchster Grundsatz war: Niederwerfung des Feindes und Vernichtung, wennschon bei Hannibal dieser Grundsatz auf die taktische Entscheidung beschränkt bleibt und nicht bis zur strategischen Operation mit dem Endzweck der Kriegsentscheidung ausgeweitet werden kann.

Ob Belisar wirklich immer so ganz im Gegensatz zu diesen großen Siegern nach den oben entwickelten Grundsätzen gehandelt hat, bleibt immerhin eine Frage, die nicht so schnell beantwortet werden darf. Die Grundsätze der Strategie, die auf die Niederwerfung des Gegners ausgeht, sind in ihrer Einfachheit klar und leicht zu formulieren. Die Grundsätze der Ermattungsstrategie aber enthalten eine Polarität, die nicht mit einer einfachen Formel aufzulösen ist. Auch Friedrich der Große, der sich viel Mühe damit gegeben hat, ist doch zu einer völlig durchsichtigen und erschöpfenden theoretischen Darstellung nicht gelangt. Belisar[408] dürfen wir daher nicht unbedingt auf das, was Procop ihn sagen läßt oder was andere Theoretiker seiner Epoche aufstellen, festlegen, und seine Taten sind uns in ihren Motiven und ihrem Zusammenhang doch nicht sicher genug überliefert, um daraus ganz zuverlässige Schlüsse ziehen zu können. Belisars Ruhm beruht auf seinem Erfolge gegen die Vandalen und Ostgoten; er hat die beiden kriegsberühmten Völker besiegt und unterworfen und ihre Könige Gelimer und Witiges als Gefangene nach Konstantinopel gebracht. Zu einer großen Schlacht ist es in beiden Kriegen nicht gekommen, aber daraus ist auf Belisars Strategie kein Schluß zu ziehen: die Vandalen und Goten haben es eben dazu gar nicht kommen lassen. Erst Narses lieferte endlich den Ostgoten die Vernichtungsschlacht, als sie sich unter Totilas dazu stellten.

Den Persern hat Belisar nach Procop zwei wirkliche Schlachten geliefert. Das erste Mal, im Jahre 530, wollten die Perser den Bau der Festung Daras, nördlich von Nisibis in Mesopotamien, wo das Bergland in die Ebene übergeht, verhindern. Belisar empfing sie in einer wohlvorbereiteten Defensivstellung, schlug sie mit großem Verlust zurück, unterließ aber die Verfolgung (b. Pers. I, 14). War sein Sieg wirklich so groß, wie Procop ihn schildert, so wäre diese Unterlassung zweifellos ein schwerer Fehler gewesen: eine Verfolgung durch die mesopotamische Ebene hätte die größten Resultate ergeben müssen. Aber es ist vielleicht zu bezweifeln, ob die Schlacht so bedeutend war, ob es sich nicht bloß um ein langausgedehntes Scharmützel gehandelt hat, und nach Procop waren die Perser doppelt so stark wie die Römer, 50000 gegen 25000. Nach einer späteren Äußerung Procops (I, 16, 1) haben die Perser nicht einmal ihre Stellung in der Nähe von Daras aufgegeben und ließen sich nicht abhalten, Einfälle in die römischen Landschaften im Norden (Armenien) und Süden (Syrien) zu machen.

Der Einfall in Syrien führte zu der zweiten Schlacht bei Kallinikon (Nikophorion) am Euphrat. Belisar folgte dem zurückgehenden feindlichen Heere, ohne die Absicht, es anzugreifen, wurde aber von seinen aufgeregten Leuten dazu gezwungen und geschlagen.[409]

Aus diesen Ereignissen müssen wir doch wohl schließen, daß die Perser über eine, sei es qualitative, sei es numerische, reicht erhebliche Überlegenheit auf diesem Kriegsschauplatz verfügten, so daß ein wirklich dauernder, großer Erfolg für die Römer von vornherein ausgeschlossen war.

Derartige politisch-militärische Gleichgewichtsverhältnisse sind der Mutterboden, auf dem die Ideen der Ermattungsstrategie erwachsen.[410]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 400-411.
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