Die Belagerung von Paris.

[84] Über diese Belagerung sind wir außer von kurzen Nachrichten der Chroniken und Annalen eingehender unterrichtet durch ein langes Heldengedicht des Mönches Abbo,78 der sie miterlebte. Die Hexameter sind so verkünstelt, geziert und schwülstig, daß der Sinn häufig kaum zu verstehen ist, und die Wunder des heiligen Germanus spielen leider in der Erzählung eine breitere Rolle als die eigentlichen Kriegshandlungen, so daß wir schließlich an konkretem Tatbestand für die Kriegsgeschichte kaum mehr entnehmen können, als daß auf beiden Seiten eine sehr starke Verwendung von Pfeil und Bogen stattfand.

Alle bisherigen Forscher, so viel ich sehe, sowohl Deutsche wie Franzosen79, haben angenommen, daß die Franken die Vorstädte rechts und links der Seine von vornherein preisgegeben und nur die cité auf der Insel verteidigt hätten. Das scheint mir jedoch unmöglich.

Die Insel ist überhaupt so klein, daß sie nicht ein Jahr lang die Bevölkerung einer großen Stadt, als welche uns doch Paris geschildert wird, beherbergen konnte, und manche der Einzelheiten der Belagerung lassen sich mit jener Voraussetzung nicht vereinigen, die anscheinend entgegenstehenden Stellen können aber auch anders interpretiert werden. Die Frage hängt zusammen mit der Frage der Brücken. Die Normannen greifen zunächst einen Turm an, der auf dem nördlichen Ufer den Ausgang einer Brücke deckte. Als sie die tapferen Verteidiger nicht bezwingen konnten, ließen sie mit Ostwind drei Brander, die sie vom Ufer aus mit Stricken[84] lenkten, gegen die Brücke treiben (Abbo I, 375 ff.). Das scheint so, als ob die Belagerer das nördliche Ufer völlig beherrscht hätten. Auch dieser Angriff führte nicht zum Ziel, da die Brander gegen den steinernen Pfeiler der Brücke trieben und von den Franken gelöscht wurden. Wenige Tage darauf (6. Febr. 886) hatten aber die Belagerer das Glück, daß der Strom die Brücke zerriß. Nun konnte den Verteidigern kein Succurs gebracht werden; die Normannen griffen von allen Seiten zugleich an, setzten den Turm in Brand und nahmen ihn endlich ein. Die sämtlichen Verteidiger kamen um. Bezieht man das, wie es nach dem Zusammenhang nicht anders möglich ist, auf denselben Turm und dieselbe Brücke, die von Anfang an belagert waren, so hätten die Franken jetzt keine Verbindung mit dem Nordufer mehr gehabt, und es ist auch ausgeschlossen, daß sie während der Belagerung eine solche wiederhergestellt hätten. Wir hören aber nachher, daß Graf Odo sich von einer Exkursion im Norden (cacumina Montis Martis = Montmartre) bis zum Tore glücklich wieder durchschlug (Abbo II, 195-205), und als der Kaiser ankam, zog er von dieser Seite in die Stadt. Manche Forscher (Martin, Taranne, Dahlmann, Kalkstein) haben deshalb den verlorenen Brückenturm auf die Südverbindung der Insel beziehen wollen. Das ist nicht nur eine sehr gewaltsame Interpretation, sondern ihr ist auch generell entgegenzuhalten, daß die ganze Schilderung der Belagerung anders lauten müßte, wenn es sich mit Ausnahme der beiden Brückenköpfe um die Berennung der Inselbefestigung handelte. Fortwährend ist von den Belagerungsmaschinen die Rede, die die Normannen heranbringen und den Geschossen, die sie in die Stadt schleudern, und einmal (Abbo II, 146-150) wird uns erzählt, wie bei einem Umzug mit Reliquien um die Mauer einer der Träger von einem Stein von einem Heiden getroffen wurde, ein andermal (II, 321) von Kirchen nahe den Mauern, in die sich die Normannen flüchteten.

Man kann also eine Einheit in die Erzählung nur bringen, wenn es gelingt, die Verteidigung des nördlichen Turmes und im besonderen jene Brander-Geschichte damit zu vereinigen, daß ein ganzer Stadtteil nördlich der Seine mitverteidigt wurde, und ich denke, das ist möglich.

Es existiert eine Urkunde,80 wonach Karl der Kahle im Jahre 861 oder 862 in Paris eine Brücke hat bauen lassen; ob sie eine Fälschung ist, kommt für uns nicht in Betracht. »Placuit nobis extra praedictam urbem supra terram moasterii sancti Germani suburbio commorantis, quod a priscis temporibus Antisiodorensis dicitur ... opportunum majorem facere pontem.« Diese Brücke außerhalb der Stadt auf dem Gebiet des Klosters St. Germain l'Auxerrois kann nur ganz am westlichen[85] Ende der Insel gelegen haben, die sich damals noch nicht so weit erstreckt haben soll, wie heute. Die nördliche Vorstadt braucht erst ein Stück östlich davon begonnen zu haben. Es war also möglich, daß die Normannen ihre Brander noch zwischen der Vorstadt und der Brücke ins Wasser setzten und mit dem Ostwind gegen die Brücke trieben.

Diese Lokalisierung der Brücke scheint sogar nach dem Wortlaut der Urkunde die einzig zulässige, denn das »extra urbem« kann sich nicht auf die Stadt auf der Insel beziehen, sondern nur auf einen Stadtteil auf dem nördlichen Ufer. Daß eine Brücke außerhalb der Stadt auf der Insel ist, ist ja selbstverständlich; das Eigentümliche dieser Brücke war, daß sie nicht die Stadt auf der Insel mit der Stadt am Ufer verband, wo schon eine Brücke war, sondern daß sie von der Insel auf freies Feld, außerhalb (abwärts) der Stadt ging. Deshalb wurde sie auch mit einem festen Turm abgeschlossen.

Durch diese Auslegung werden alle Schwierigkeiten gehoben. Die Brücke schloß die Einfahrt in die Seine zwischen den Stadtteilen. Obgleich die Vorstädte natürlich auch nach der Wasserseite Mauern hatten, so war die Verteidigung doch sehr erleichtert, wenn den Angreifern die Möglichkeit, vom Wasser aus anzugreifen, von vornherein abgeschnitten war. Deshalb suchten die Franken mit Aufbietung aller Kraft die Brücke mit ihrem Turm zu halten. Aber auch als sie verloren gegangen waren, war darum noch nichts entschieden. Die heftigen Angriffe, die die Normannen bis dahinge macht haben, sind gewiß nicht ausschließlich auf jenen Turm zu beziehen, sondern auf die ganze nördliche Vorstadt daneben. Den Turm nahmen sie so ganz besonders aufs Korn, weil er in seiner Isoliertheit am leichtesten zu bewältigen schien. Die Energie des Widerstandes aber, den sie fanden, schreckte sie ab, so daß sie trotz ihres glücklichen Erfolges unmittelbar darauf die Belagerung in eine bloße Blockade verwandelten und von dem Standlager aus, das sie nun auf der Südseite schlugen, das Land ringsumher ausraubten.

Die Franken behielten also auch nach dem Verlust jener Brücke mit ihrem Turm, die für sie nur ein Außenwerk waren, Stadtteile rechts und links der Seine, die durch Brücken mit der Insel verbunden waren, und Abbo kann mit Recht noch später (II, 232) singen »ballabant muri, speculae, pontes quoque cuncti«. TARANNE, le siége de Paris par les Normands p. 258 will die Stelle Abbo II, 160, wo von dem Kampf der urbani gegen die suburbani die Rede ist, dahin auslegen, daß die Normannen, die suburbani, die Vorstädte innegehabt haben müßten. Das ist natürlich nicht notwendig, ebensowenig, wie die Einleitung des Gedichts (I, 10 – 19) dahin ausgelegt werden darf, daß die Stadt ausschließlich auf der Insel gelegen habe. Auf jeden Fall waren ummauerte Vorstädte da (II, 322), und anzunehmen, daß diese von vornherein geräumt worden seien, liegt kein Grund vor. St. Germain[86] l'Auxerrois im Norden, wie St. Germain des Prés im Süden lagen außerhalb der Mauerringe.

Z. 2. Aufl. W. VOGEL, Die Normannen und das fränkische Reich, 1906, will S. 39 den Hauptgrund der kriegerischen Überlegenheit der Normannen über die Franken im 9. Jahrhundert »weniger in größerer persönlicher Tapferkeit als in der viel strafferen Organisation und der besser ausgebildeten Taktik der normannischen Heere suchen, zu einer Zeit, wo das fränkische Volksheer in Auflösung und Umwandlung begriffen war.« Das Richtige in diesem Satz steckt, richtig aufgefaßt, in dem Wort »Organisation«. Die Normannen kamen in hellen Haufen; in einem Feudalstaat aber eine erhebliche Kriegerschar zusammenzubringen, war nicht leicht und nahm immer längere Zeit in Anspruch. Das liegt im Wesen der Feudalität als »Organisation«. Die bessere normannische »Taktik« ist ein Phantasiegebilde, und die »Umbildung«, in der das fränkische Volksheer damals begriffen gewesen sein soll, war kein Moment der Schwäche, sondern umgekehrt: wenn sie noch nicht vollendet gewesen wäre, d.h. wenn noch Reste der alten Kriegstüchtigkeit der Masse bestanden, so hätte man um so leichter den Normannen Widerstand leisten können. Nicht, daß das fränkische Volksheer in der »Umwandlung begriffen« war, sondern, daß diese Umwandlung schon vollendet war, war das Verhängnis.[87]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 84-89.
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