Literatur und Kritik


Literatur und Kritik.

[162] Die grundlegende Spezial-Untersuchung in deutscher Sprache ist die Dissertation von WILHELM SPATZ »Die Schlacht bei Hastings«, Berlin 1896. (Historische Studien; Verlag von E. Ebering). Auf diese sei für alle Einzelheiten verwiesen.

Die Darstellung der Schlacht von Eduard A. FREEMAN findet sich im dritten Bande seiner History of the Norman conquest of England.

Gleich bei dem Erscheinen ist diese Darstellung in England selbst kritisch zergliedert und zurückgewiesen worden von I. H. ROUND; der Aufsatz ist wieder abgedruckt in dessen Feudal England. London 1895. In der Revue historique Bd. 65 S. 61 ff. (1897) hat dann ROUND zu Spatz Stellung genommen und konstatiert, daß dieser, ohne noch seine Kritik zu kennen in allen Grundfragen, namentlich gegenüber Freeman zu ganz denselben Ergebnissen gekommen ist. Nur in einigem glaubt Round, daß Spatz in der Kritik zu weit gegangen sei. Z.T. beruht das auf Mißverständnis, z.B. ist es nicht Spatz' Ansicht, daß Ritterheere mangels der taktischen Körper ohne jede Führung gewesen seien. Aber freilich an die Möglichkeit des Manövers der verstellten Flucht glaubt Spatz nicht, während Round daran noch festhalten zu sollen glaubt.

Als Round auftrat, war die öffentliche Meinung in England von einem solchen Glauben an die wissenschaftliche Autorität Freemans erfüllt, daß sein Kritiker, dessen wissenschaftliche Überlegenheit aus jeder Zeile hervorleuchtet, die größte Mühe hatte, seine Aufsätze nur gedruckt zu erhalten.

Sehr ähnlich der Freemanschen Darstellung, wenn auch in den Einzelheiten mannigfach abweichend, ist diejenige des General KÖHLER im ersten Bande seiner »Entwickelung des Kriegswesens und der Kriegsführung in der Ritterzeit« (1886). Spatz sagt davon mit Recht, man könne sich eines leichten Schwindelgefühls nicht erwehren, wenn man von all diesen kunstvollen Manövern höre, die die Normannen ausgeführt haben sollen.

OMAN in seiner Art of War sucht eine Mittellinie zwischen Freeman und Round, die doch im wesentlichen dem letzteren folgt, aber, da schon dieser in der Kritik noch nicht weit genug gegangen ist, dem Ziel nicht näher kommt.

Es wird nach mancher Richtung instruktiv sein, die Hauptdifferenzen zwischen den verschiedenen Darstellungen hier zusammenzustellen und die Gründe hinzuzufügen, weshalb die Freemansche nicht annehmbar ist.

Über die Stärke der Heere enthält FREEMAN sich einer bestimmten Angabe. OMAN (S. 155) schätzt die Angelsachsen auf etwa 25000 Mann, auf Grund einer Raum-Berechnung. Der Hügel, auf dem sie standen, ist etwa 1500 Meter lang; rechnen wir auf den Mann drei Fuß, so war die Front 1700-2000 Mann breit, und da sie den Eindruck einer sehr dichten Aufstellung machten, müssen sie wohl 10-12 Mann tief gestanden haben. Das gäbe also gegen 25000 Mann.[163]

Gegen diese Berechnung ist einzuwenden, daß weder der Hügel bis ganz zu beiden Enden besetzt gewesen zu sein braucht, noch daß die Tiefe auf Grund der normannischen Schilderungen beglaubigt erscheint. Die Front mag auch bloß 1000 und die Tiefe 6 Mann betragen haben oder noch weniger.

Vor seiner Front errichtete, nach FREEMAN, Harald eine Palisade mit drei Ausgängen. KÖHLER S. 8 schildert diese Palisade so: »eine Reihe von Pfählen in gewissen Zwischenräumen um jeden Haufen eingeschlagen, die, schräg noch vorn geneigt, die eiserne Spitze nach der Brust der feindlichen Pferde gerichtet, fest in die Erde gepflanzt waren ... Die Pfähle unten bis zur Höhe von drei bis vier Fuß durch Flechtwerk verbunden, wie es scheint zum Schutz gegen die feindliche Kavallerie, damit die Pferde, um in die Haufen zu setzen, erst springen mußten.«

Die ganze Vorstellung ist, wie ROUND eingehend dargetan hat, eine Phantasie und hat ihren Ursprung nicht in irgend einer historischen Quelle, sondern in Waces Roman. Die Ausmalung des General KÖHLER von den fest in die Erde gepflanzten Pfählen, die ihre eisernen Spitzen gegen die Brust der feindlichen Pferde richten und durch drei bis vier Fuß hohes Flechtwerk verbunden sind, über die die den Berg hinaufgaloppierenden Ritterpferde hinüberspringen sollten – darf den Historikern zum Trost dienen, daß auch in der Praxis gebildete Männer sich militärische Dinge als möglich vorstellen, die es tatsächlich nicht sind. Sie sind es hier um so weniger, als das Heer, das diese Befestigung um sich errichtet haben soll, nach demselben Verfasser nicht weniger als 60000 bis 75000 Mann stark und erst am Abend vorher in dieser Stellung angekommen sein soll.

OMAN sucht zwischen der eingewurzelten Überlieferung von der Palisade und der Tatsache, daß sie unmöglich in der einen Nacht von einer durch den Marsch ermüdeten Armee herzustellen und daß sie in keiner der zeitgenössischen Quellen erwähnt wird, einen Mittelweg. Er meint, daß Wace, der einige 90 Jahre nach dem Ereignis schrieb, doch eine mündliche Überlieferung oder gar eine verlorengegangene schriftliche gehabt haben könne, und daß es sich nicht um eine feste Palisade, sondern um ein leichtes Flechtwerk handle, das mehr Schutz gegen die Pfeile der Normannen verleihen sollte, als ein Hindernis für die Reiter bilden. Da das Flechtwerk wenig Wirkung hatte, konnten es die zeitgenössischen Quellen in ihren Erzählungen übergehen.

Hatte das Flechtwerk aber tatsächlich keine Wirkung, so werden auch wir es in der Betrachtung der Schlacht außer Acht lassen dürfen – und weiter: wenn es keine Wirkung hatte, so wird sich das marschmüde angelsächsische Heer auch schwerlich die Mühe gegeben haben, die Nacht mit der Herstellung zuzubringen; jedenfalls genügt nicht die Aussage und die Autorität eines 100 Jahre später schreibenden Poeten, der gar[164] nicht die Absicht hatte, Geschichte zu schreiben, sondern zu unterhalten, uns das glauben zu machen.

Auch bei den Anhängern der angelsächsischen Palisade spielt sie im Verlauf der Schlacht keine wesentliche Rolle weiter. Der Zentralpunkt der Aktion ist vielmehr, daß die Angelsachsen nach Haralds Idee und Befehl in strikter Defensive sich auf dem Hügel halten sollen, daß Wilhelm aber durch eine verstellte Flucht einen Teil der Feinde aus ihrer guten Stellung herauslockt und sie dadurch überwältigt. Freeman ist der Meinung, daß die Angelsachsen sicher gesiegt hätten, wenn sie dem Befehl Haralds Folge geleistet und ihren Hügel nicht verlasen hätten. Ob Harald wirklich solche Befehle gegeben, muß dahingestellt bleiben. Schon General KÖHLER aber hat richtig gesehen, daß es ein »trostloses Beginnen« war, in der reinen Defensive eine Schlacht gewinnen zu wollen. Freilich, ohne Kavallerie konnte man nichts anderes machen. Als aber einmal ein Teil der Angelsachsen in der Verfolgung hinter den Normannen her herausgestürmt war, da wäre es, wie Köhler richtig bemerkt, immer noch besser gewesen, mit der ganzen Macht zu folgen, als stehenzubleiben und die Armee, wie es nun geschah, stückweise aufreiben zu lassen. Köhler rechnet deshalb dieses Stehenbleiben Harald ebensosehr zum Fehler an, wie Freeman den Verfolgenden ihren Vorstoß. In Wirklichkeit wird man sich klarmachen müssen, daß es Führung im Gewühl einer Ritterschlacht überhaupt nicht gab. Selbst von modern disziplinierten Truppen hat man gesagt, daß sie, einmal im Gefecht, nicht mehr in der Hand des Feldherrn seien; der General, der seine letzte Reserve verschickt habe, dem bleibe nichts mehr übrig, als selber ein Gewehr in die Hand zu nehmen und mitzufechten. Noch viel mehr als von disziplinierten Truppen gilt das von ritterlichen Heeren, wo vom Beginn des Gefechts an nur noch der Instinkt der Masse selber sie bewegt.

Eine rein märchenhafte Vorstellung ist es daher, wie schon SPATZ treffend dargelegt hat, daß Wilhelm durch eine befohlene verstellte Flucht den Feind aus seiner Stellung herausgelockt habe. Wie kann man einigen taufend in der Hitze und Aufregung des Kampfes befindlichen Männern überhaupt Befehle erteilen? Wie kann man in dem ungeheuren Getöse bewirken, daß sie nicht nur alle hören, verstehen und nicht nur gleichmäßig, sondern auch gleichzeitig handeln? Wenn sie aber nicht gleichzeitig und in vollem Verständnis handeln, wie sichert man sich dagegen, daß nicht ein großer Teil die »verstellte« Flucht für ernsthaft nimmt und nach dem Satz, daß den Letzten die Hunde beißen, wirklich flieht? Fliehende Reiter sind aber erfahrungsmäßig sehr schwer wieder zum Umkehren zu bringen.

»Verstellte Flucht« ist daher ein Manöver, das nur ganz kleine Scharen, die vorher darauf instruiert oder wenigstens gewohnt sind, dem Signal der Trompete unbedingt Folge zu leisten, oder Schützen, bei denen diese Fechtweise ständige Gewohnheit ist, ausführen können. Der Erzählung[165] von Hastings können nur Vorgänge zugrunde liegen, wie wir sie oben in die Darstellung aufgenommen haben, und die älteste und beste Erzählung von der Schlacht, Wilhelm von Poitiers, erzählt auch tatsächlich nicht viel anderes: er behauptet nicht, daß Wilhelm selbst die verstellte Flucht befohlen hat; er läßt einmal eine wirkliche und zweimal eine verstellte Flucht stattfinden und er leitet endlich nicht einen direkten Umschlag des Gefechts davon ab.

Im »carmen de bello Hastingensi« heißt es, als die Normannen ihre Scheinflucht machen, von den Gegnern »rustica laetatur gens et superasse putabat«. Das darf natürlich nicht als Zeugnis dafür verwertet werden, daß das angelsächsische Heer aus Bauern bestanden habe, sondern ist nur der höhnisch-symbolische Ausdruck des normannisch gesinnten Poeten (wahrscheinlich Bischof Guido von Amiens) für das bäuerische Wesen der angelsächsischen Thegn im Vergleich zu den feineren und ritterlich-technisch besser geschulten Normannen-Franzosen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 162-166.
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