Schlacht bei Tusculum.

29. Mai 1167.

[355] Die Römer zogen in Masse, Ritter und Volk, gegen Tusculum aus, das Erzbischof Reinald von Köln besetzte, während der Kaiser noch Ankona belagerte. Der Erzbischof Christian von Mainz kam dem Amtsbruder zu Hilfe. Taktisch ergibt das Treffen nichts. Die Schilderung Ottos von St. Blasien (M. G. SS. XX.), Christian habe bestimmt, welche zuerst kämpfen, welche dem Feinde in die Flanke fallen, welche als Reserve zurückgehalten, Hilfe bringen sollten (»qui primi committunt, qui consertos hostes a latere irrumpant, qui subsidia pondere proelii laborantibus ferunt«), ist nichts als rhetorische Floskel und widerspricht den besseren Nachrichten, wonach gerade Christians Truppen, von langem Marsche ermüdet und von den Römern[355] plötzlich angegriffen, zunächst wichen und erst durch das Eingreifen der Kölner Mannschaft, die den Römern in den Rücken fiel, degagiert wurden. Vor den vereinten Kaiserlichen ergriffen die Römer die Flucht, zuerst die Ritter, dann auch das Fußvolk, und erlitten sehr große Verluste. Die Deutschen waren durch einige italienische Grafen unterstützt.

Interessant ist das Gefecht durch die übereinstimmende Überlieferung, daß die Römer trotz ihrer sehr großen Überzahl geschlagen wurden, weil sie, wie der Chronist von Lodi, selbst ein Italiener, berichtet, die Deutschen »mehr fürchteten als andere.«363 Man fühlte sich noch einmal daran erinnert, daß Belisar es einst ablehnte, die römischen Bürger gegen die Gothen ins Gefecht zu führen, obgleich sie sich dazu angeboten hatten, weil er fürchtete, daß sie nicht standhalten würden.

Interessant ist das Gefecht ferner durch die Erzählung derselben Quelle, die Deutschen seien, wie sie es zu tun pflegten, mit dem lauten Gesang »Christ ist erstanden« ins Gefecht gestürmt. Der Lodenser ist ein vortrefflicher, zuverlässiger Berichterstatter: trotzdem kann ich einen gewissen inneren Zweifel, ob das zu glauben ist, nicht überwinden. Es ist ja freilich dieselbe Ritterschaft, die zur Befreiung des heiligen Grabes auszog und die Nibelungen-Charaktere formte, also mag auch wohl mal ein an ihrer Spitze[356] kämpfender Bischof mit »Christ ist erstanden« in die Schlacht gesprengt sein, und in den Kreuzzügen mag das wirklich zur Sitte geworden sein, aber so ganz allgemein, auch in diesen Kaiser- und Papst-Kriegen, läßt sich ein solcher Schlachtgesang schwer bei der deutschen Ritterschaft vorstellen. Die Worte lauten »signo dato maximis vocibus cantum Teutonicum, quem in bello Teutonici dicunt videlicet ›Christus qui natus‹ et cetera omnes laetantes acriter super Romanos irruerunt«.

Die Annalen des Klosters Egmond an der Nordsee im Bistum Utrecht wissen ebenfalls von dem Siege und berichten, die deutschen Ritter seien mit dem »furor Teutonicus« angestürmt. Der Ausdruck ist bereits geprägt im Altertum von dem Dichter Lukan in bezug auf die Teutonen. Im Mittelalter wird er zum erstenmal gebraucht von Ekkehard im Jahre 1096, und zwar in tadelndem Sinne, wie er auch später bei den Schriftstellern bald Tollheit, Unvernunft, bald Tapferkeit bezeichnen soll.364

Der Erzbischof Reinald schrieb über seinen Sieg einen Brief nach Hause,365 der uns als Beispiel dienen darf, wie vorsichtig man mit den Quellen umgehen muß. Die Zahl der Römer gibt er einmal auf 40000, einmal auf 30000 an. 9000 sollen getötet, 5000 gefangen, kaum 2000 zurückgekehrt sein. Die Zahl der Kölner Ritter (milites) war nicht mehr als 106 (nach der Lesart der Kölner Annalen 140) – und von den Unsrigen, versichert der Bischof, haben wir keinen Mann verloren (nostros omnes sano et integro numero recepimus). Die anderen zahlreichen gleichzeitigen Quellen, die uns von dieser Schlacht berichten, haben sämtlich von diesen und unter sich verschiedene, offenbar völlig willkürliche Angaben über die Verluste der Römer.366

An der großen numerischen Überlegenheit und dem großen Verlust der Römer brauchen wir nicht zu zweifeln, da auch Kardinal Boso in seinem Leben Papst Alexanders III. dasselbe berichtet;367 auch daß Reinald nicht mehr als 106 (oder 140) Ritter gehabt[357] hat, wird richtig sein; Christian wird auch nicht mehr als einige hundert Ritter gehabt haben, und dazu hatten beide Bischöfe noch ihre Sergeanten und Söldner (Brabanzonen), so daß sie im ganzen höchstens einige tausend Krieger anführten. Aber die Zahl von 30000 bis 40000 Römern ist natürlich eine ungeheurliche Übertreibung. Reinalds Behauptung, daß er keinen Mann Verlust gehabt habe, würde uns den ganzen Sieg in etwas fragwürdigem Lichte erscheinen lassen, wenn wir nicht auch in diesem Punkt Renommage zu argwöhnen hätten. Der Chronist von Lodi, der ebenfalls angibt, daß die Römer zwanzigmal stärker gewesen seien als die Kaiserlichen, läßt doch auf beiden Seiten viele verwundet werden und umkommen.

Interessant ist in Reinalds Brief noch die scharfe ständische Scheidung, die sich ausspricht in der Bemerkung, die Ritter hätten die überreiche Beute den Söldnern und Sergeanten überlassen und sich selber mit dem Ruhme des Sieges begnügt.

Die Folge des Sieges war die Einnahme von Rom durch den Kaiser.

Eine völlig fabelhafte Erzählung von der ganzen Schlacht hat Otto von St. Blasien. Ich setze sie (nach der Übersetzung in den »Geschichtsschreibern der deutschen Vorzeit«) vollständig hierher zur Stärkung des Sinnes für Kritik; noch in der Geschichte Papst Alexanders III. von REUTER und in der Geschichte der Stadt Rom von GREGOROVIUS ist dieser Bericht der Erzählung der Schlacht zugrunde gelegt. Er lautet:

»Im Jahre 1166 seit der göttlichen Fleischwerdung sammelte Kaiser Friedrich, nachdem er, wie erwähnt, den Streit der Fürsten ausgeglichen und die Verhältnisse in Germanien gut geordnet hatte, aus allen Teilen des Reiches ein Heer und führte, schon zum vierten Male die Alpen überschreitend, den Heerbann nach Italien. Dann überschritt er den Apennin und wandte sich, sein Heer durch Tuscien368 führend, nach der Mark Ancona und umschloß die aufständische Stadt Ancona mit Belagerung. Unterdes wandte sich Reginold, der Kölner Erzbischof, der vorher in Reichsgeschäften sich[358] von ihm getrennt hatte, während er mit seiner Heerschar zum Kaiser zurückkehrte, gegen die Burg Tusculanum bei Rom, um dort einiges zu erledigen. Als man dies von Kundschaftern zu Rom vernahm, brachen die Römer, deren Zahl man auf 30000 Bewaffneter berechnete, aus der ganzen Stadt hervor und schlossen den Erzbischof in der Burg zur Schmach des Kaisers plötzlich durch Belagerung ein. Sobald dies dem Kaiser zu Ancona gemeldet worden war, berief er die Fürsten und fragte sie, ob man dem Erzbischof unter Aufgabe der Belagerung Anconas zu Hilfe kommen müsse oder nicht. Das wurde von einigen Fürsten und zumeist von Laienfürsten, welche von einer Aufhebung der Belagerung die Verbreitung ungünstiger Gerüchte fürchteten, widerraten. Über diese Abmachung der Fürsten erzürnt und ärgerlich, weil die Laienfürsten ihn und seinesgleichen so gering achteten oder in Gefahr verließen, berief der herrliche Erzbischof zu Mainz, Christian, alle die Seinen und andere, welche er durch Bitten und Lohn erlangen konnte,369 sammelte 500 Ritter und 800 Söldner, zum Kriege trefflich gerüstet, und nahm seinen Weg gegen die Römer nach Tusculanum zur Befreiung des Erzbischofs. Als er dort ankam und das Lager jenen gegenüber aufgeschlagen hatte, suchte er bei den Römern nur für diesen Tag um der Rast seines Heeres willen durch Parlamentäre um Frieden nach, indem er die Tugend edler Denkweise, wie sie den alten Römern eigen war, ihnen ins Gedächtnis zurückrief, wodurch er seine Forderungen von ihnen zu erlangen meinte. Sie selbst aber, in diesem und allem andern den Alten durchaus unähnlich, antworten, sie wollten in sein Begehren nicht willigen, sondern drohen höchst anmaßend, sie würden an diesem Tage ihn selbst und sein ganzes Heer den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren auf der Erde zur Speise geben,370 und so führen sie, die Belagerung aufhebend, 30000 Streiter gegen 500 deutsche Ritter in die Schlachtreihe vor. Der Erzbischof aber, keineswegs erschrocken über die Antwort, welche er von ihnen empfangen hatte – denn er war auch vorher nicht unerfahren in den Mühen[359] des Krieges –, ermuntert die Seinen, obwohl im Vergleich mit jenen sehr wenige, aber doch sehr erprobte Streiter, zum Kampfe durch Versprechungen und Drohungen mit allem Fleiß und redet vor ihnen in hochherzigen Worten der Mahnung, sie möchten ihre Hoffnung nicht auf die Flucht setzen, da sie ja vom Vaterland und dem Heere des Kaisers zu weit entfernt seien, als daß sie fliehen könnten, sondern, eingedenk ihrer angeborenen Tapferkeit und der den Feinden von Natur eingepflanzten Feigheit, sollten sie für ihr Leben mit allen Kräften streiten.

Als er aber die Ritter von deutschem Zorn (animositate Teutonica) erfüllt sah – denn durch seine Mahnung war ein gewissermaßen unbesiegbarer Mut in ihr Herz gefallen –, ordnet er die Reihen, und be stimmt genau welche zuerst kämpfen, welche in die kämpfenden Feinde von der Seite einbrechen, welche den unter der Last des Treffens sich Mühenden Hilfe bringen sollen, indem er sich selbst aufstellte, um mit der auserlesensten Mannschaft Hilfe zu bringen. Und nun rückte er mit erhobenen Fahnen und weit ausgedehnten Kohorten, auf Gott seine Hoffnung setzend, gegen die Römer in den Kampf. Der Kölner Erzbischof aber rüstete sich mit der Burgmannschaft und all den Seinen, welche auf 300 mit Waffen wohlgerüstete Ritter geschätzt wurden, um auf alle Weise Hilfe leisten zu können, und blieb ruhig in der Burg bis zum Ausbruch des Kampfes. Nachdem nun also die Schlacht begonnen hatte, und beim ersten Zusammenstoß der Heere die Lanzen zerbrochen waren, wird der Kampf mit den Schwertern geführt, während die Bogenschützen beider Parteien mit ihren Pfeilen das Licht des Tages nach Art der Schneeflocken verdunkeln. Und siehe, der Kölner greift, mit schlagfertigen Rittern aus der Burg hervorbrechend, die Römer vom Rücken an und drängt auf sie tapfer ein, und so werden sie von allen Seiten umringt, von vorn und vom Rücken bestürmt. Während die Römer also nur mit der Wucht der Menge kämpfen, bricht der Bischof Christian mit den Seinen von der Seite in ihre Schlachtreihe ein, reißt sie in der Mitte auseinander und haut an drei Stellen auf die künstlich getrennten Feinde ein. Nachdem viele getötet, mehrere gefangen genommen waren, ergreifen die Römer überwunden die Flucht, und bis zur Stadt von den Siegern verfolgt, werden sie in blutigstem[360] Morde hingeschlachtet. Die Bischöfe nun kehren, nachdem sie die Ritter vom Norden zurückgerufen hatten, zum Schlachtfelde zurück und brachten mit größter Freude triumphierend jene Nacht zu.

Am Morgen eilten die Römer auf das Schlachtfeld hinaus, um die Leichname der Gefallenen aufzuheben; sie wurden durch die Bischöfe, welche die Ritter gegen sie entsendeten, in die Flucht geschlagen und entkommen, nach der Stadt zurückkehrend, kaum dem Tode. Endlich bitten sie durch Boten, welche sie an die Bischöfe sandten, flehentlich, daß ihnen aus Liebe zum heiligen Petrus und aus Achtung vor dem Christentum gestattet werden, ihre Toten aufzuheben. Das wurde von den Bischöfen unter der Bedingung gewährt, daß sie die Zahl der in diesem Treffen auf ihrer Seite Getöteten oder Gefangengenommenen zusammenrechneten und unter eidlicher Versicherung der Wahrheit ihnen selbst schriftlich überreichten, und daß sie erst nach Erfüllung dieser Bedingung in Frieden ihre Toten zum Begräbnis aufhöben. Als sie diese Zählung vornahmen, fanden sie die Zahl von etwa 15000 in diesem Treffen ihrerseits Gefallenen oder Gefangenen, und sie begruben nach gegebener Erlaubnis die Leichen der Getöteten, die sie unter lautem Wehklagen aufhoben.«


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 355-361.
Lizenz:

Buchempfehlung

Spitteler, Carl

Conrad der Leutnant

Conrad der Leutnant

Seine naturalistische Darstellung eines Vater-Sohn Konfliktes leitet Spitteler 1898 mit einem Programm zum »Inneren Monolog« ein. Zwei Jahre später erscheint Schnitzlers »Leutnant Gustl" der als Schlüsseltext und Einführung des inneren Monologes in die deutsche Literatur gilt.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon