Erstes Kapitel.

Frankreich.

[257] Als den Anfang der stehenden Heere in Frankreich hat man früher wohl zuweilen die Ordonnanz-Kompagnien bezeichnet. Aber die Ordonnanz-Kompagnien sind nichts als ein hoch entwickeltes, organisiertes Mittelalter, das in Begleitmannschaften der Fürsten[257] und Burgbesatzungen, wenn man will, immer schon stehende Truppen hatte. Was wir im eigentlichen Sinne als die stehenden Heere bezeichnen, hat seine Wurzeln nicht in der Ritterschaft und ihren Begleitmannschaften, sondern in der um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts aufkommenden neuen Infanterie. Frankreich aber hatte lange nur eine unbedeutende eigene Infanterie. Karl VIII, Ludwig XII., Franz I., Heinrich II. schlugen ihre Schlachten vornehmlich mit Schweizern und Landsknechten in Verbindung mit der französischen Ritterschaft. Selbst die Bürgerkriege, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dreißig Jahre lang Frankreich zerfleischen, werden zum großen Teil mit schweizerischen und deutschen Söldnern geführt. Nicht die Franzosen selber, sondern die deutschen Reiter auf französischem Boden vollziehen die Entwicklung vom Rittertum zur Kavallerie. Die Hugenottenkriege bringen das national-französische Kriegswesen nicht vorwärts, sondern werfen es sogar, wie man sagen darf, wieder ein Stück zurück. Ein Bürgerkrieg beruht auf den Anhängern, die jede Partei im Lande findet, die mehr oder weniger kommen und gehen, wie sie wollen. Die leidenschaftliche Parteinahme, die vorhanden sein muß, um einen Bürgerkrieg zu entzünden und in Religionskriegen von ganz besonderer Stärke ist, erzeugte in den Hugenottenkriegen eine eigentümliche Nachblüte des Rittertums. Die Edelleute zogen persönlich und auf eigenen Antrieb ins Feld und dienten ohne Sold. Sie schlugen sich tapfer, aber auch die Kehrseite dieses Ritterwesens wurde bemerkbar: als Alexander von Parma im Jahr 1590 Paris entsetzt hatte, manövrierte er und vermied die Schlacht. Darauf ging endlich Heinrichs IV. Heer, das zum großen Teil aus freiwillig dienenden Edelleuten bestand, ohne was zu tun, auseinander. Er sagte, zuletzt sei es doch nur das Geld, das den Unterschied zwischen ihm und dem Prinzen von Parma mache; mit besseren Geldmitteln würde er auch sein Heer haben im Felde halten können. Das Silber von Potofi, bemerkte Ranke279, gehörte dazu, um den Geist der stehenden Heere in Europa zu entwickeln. Kein Zweifel, daß das amerikanische Edelmetall den Spaniern sehr wesentlich geholfen[258] hat. Aber die Folge hat gezeigt, daß eine geordnete Staats- und Steuerverwaltung nicht nur ebenfalls, sondern sogar viel besser und in viel höherem Grade imstande war, die Mittel für eine regelmäßige Verfolgung der Truppen aufzubringen. Wobei freilich wieder die Voraussetzung zu machen ist, daß die Vermehrung des Edelmetalls infolge der Entdeckung Amerikas den Übergang aus der Naturalwirtschaft in die Geldwirtschaft sehr erleichterte, weil die Steuereintreibung ohne eine entwickelte Geldwirtschaft nur sehr schwer durchführbar ist. Wir haben im zweiten Bande dieses Werkes kennen gelernt, wie viel der Zusammenbruch der antiken Geldwirtschaft und der Rückzug Europas in die Naturalwirtschaft zur Auflösung der römischen Legionen beigetragen hat. Jetzt haben wir das Gegenstück dazu: mit dem Wiederaufkommen der Geldwirtschaft bilden sich auch wieder die disziplinierten stehenden Heere.

Die Hugenottenkriege waren stets mit auswärtigen Kriegen verflochten gewesen. Erst der Friede von Vervins 1598 zwischen Frankreich und Spanien machte diesen Wirren definitiv ein Ende und Heinrich IV. behielt nach diesem Frieden nur eine sehr kleine Armee unter den Waffen. Die meisten Reiter-Kompagnien wurden aufgelöst und der Bestand der übrigen sehr reduziert, angeblich bis auf 1500 Reiter280. Nach einer Quelle281 war das ganze Heer 6757 Mann stark, wovon die Mehrzahl Reiter waren. Nach anderem blieben doch außer der Garde vier starke Regimenter Infanterie282; wieder nach anderem 100 Kompagnien, die freilich insgesamt doch nur einige tausend Mann stark gewesen zu sein brauchen.

Den Grundstock der französischen Infanterie bildeten jene »Banden« von Picardie und Piemont, jetzt »les vieilles bandes« genannt, die den Schweizern und Landsknechten nicht gleichgewertet wurden, die aber doch erhalten geblieben und beim Beginn des Religionskrieges in Regimenter umgeformt worden waren. Den Anstoß dazu hatte der Zufall gegeben, daß die beiden General-Obersten (colonels généraux) der Infanterie Andelot und Condé Hugenotten waren und ein Teil der »vieilles bandes« zu ihnen hielt. Man getraute[259] sich nicht, die beiden General-Obersten einfach für abgesetzt zu erklären, und Franz Guise gab deshalb den zum König haltenden Teilen ihrer Truppen eine neue Organisation (1561); definitiv 1569283. Das ist der Ursprung der französischen Infanterie-Regimenter geworden, die, allmählich bis zur großen Revolution bestanden haben.

Von dem Zustand der französischen Truppen am Ende des Bürgerkrieges entwirft Sully das Bild: man hatte mit Gewalt ausgehoben für die Infanterie und vermochte sie nur mit dem Stock, Gefängnis und Galgen zusammenzuhalten; sie erhielten ihren Sold nicht und suchten zu desertieren, wo sie konnten; die Profossen mußten sie wie Belagerte im Lager zusammen halten. »Die Armee, drückt es ein anderer französischer Schriftsteller aus, ist bei ihren Ursprung wie ein Gewässer, in das man alle Unsauberkeiten des sozialen Körpers ableitet.«284.

Als Heinrich IV. sich im Jahre 1610 anschickte, den Krieg gegen das katholische Spanien wieder zu entzünden, weshalb ihn Ravaillac ermordete, soll er 13 Regimenter Infanterie gehabt haben. Sully stellte einen Etat auf für ein Heer von 50000 Mann, das, »das Jahr zu 10 Monaten gerechnet«, 15 Millionen Francs kosten sollte.

Nach der Ermordung Heinrichs sank Frankreich noch einmal in Schwäche und innere Wirren zurück, aus denen es erst allmählich durch Richelieu wieder emporgehoben wurde. Richelieu setzte es durch, daß Frankreich gegen das Haus Habsburg in den 30jährigen Krieg eintrat. Frankreichs Kriegsverfassung aber war, nachdem es fast 40 Jahre (1598 bis 1635) in keinen ernsthaften Krieg verwickelt gewesen war, noch immer sehr schwächlich. Noch im Jahre 1631 erklärte Richelieu, Frankreich habe zu wenig Männer, die zur Kriegführung geeignet seien, und wünschte deshalb, sich an dem Kriege mehr durch Politik und mit Geld, als direkt zu beteiligen285. 1636, nachdem die Protestanten in Deutschland die Niederlage bei Nördlingen erlitten hatten, konnte es geschehen,[260] daß der kaiserliche General Gallas tief in Frankreich eindrang und Johann von Werth von Belgien aus bis in die Nähe von Paris gelangte. Richelieu wandte sich an den Patriotismus des französischen Volkes und allmählich erwuchs nun endlich eine wirkliche französische Armee. Man bildete neue französische Regimenter und nahm das niederländische Exerzierwesen an. Turenne, verwandt mit den Oraniern, war bei ihnen ausgebildet worden. Noch lange aber blieben Fremde die Hauptstärke der Armee des Königs von Frankreich; im besonderen nahm er Herzog Bernhard von Weimar und nach dessen Tod dessen Truppen in seinen Dienst, und 1638 rechnete man neben 36 französischen Regimentern 25 fremde.

Im Jahre 1640 rühmte sich Richelieu, daß Frankreich 150000 Mann zu Fuß und mehr als 30000 Reiter in den Waffen habe. Aber das ist nach der neueren französischen Forschung sehr übertrieben; es seien noch nicht 100000 Mann im ganzen gewesen286. Die Kompagnien hätten oft nur 15 bis 20 Mann gezählt, weil die Kapitäne sie nach der Musterung laufen ließen, um den Sold einzustecken.

Vier Jahre später, 1644, schrieb Mazarin an Turenne, er möge so viel wie möglich Deutsche anwerben, die Zahl der Deserteure ginge bei den Franzosen fast bis zu Zweidritteln287. Man warb in Irland, Schottland, Schweden und Preußen.

1670 wird die Gesamtzahl der Armee auf 138000 Mann berechnet, darunter 45000, also mehr als ein Drittel Fremde.

1789 beim Ausbruch der Revolution zählte die französische Armee 79 französische und 23 fremde Infanterie-Regimenter und im ganzen 173000 Mann, von denen aber dahingestellt bleiben muß, wie viele tatsächlich bei der Fahne waren und Dienst taten288.

Die Regimenter waren, wie wir wissen, ursprünglich eine Verwaltungseinheit, eine Zusammenfassung einer wechselnden Anzahl von Fähnlein von wechselnder Stärke. Die taktischen Einheiten waren die Gevierthaufen oder Bataillone, ebenfalls je nach den Umständen verschieden stark und verschieden zusammengesetzt.[261] 1635 ging man in Frankreich dazu über, die Bataillone zu Unterabteilungen der Regimenter zu machen; die Bataillone sollten gleich stark sein, ein Regiment konnte aber mehr oder weniger Bataillone haben.

Eine besondere Schwierigkeit machte es, die alten Ordonnanz-Kompagnien in Kavallerie-Regimenter umzuformen. Die Kapitäne wollten sich in die neue Ordnung nicht fügen; man spottete über die leichten Pferde, die den schwergerüsteten Ritter gar nicht tragen könnten. Der erste Versuch dieser Organisation, 1635, mußte nach sieben Monaten wieder aufgegeben und die Selbständigkeit der Kompagnien wieder hergestellt werden. Noch 1638 und 1639 ergingen Ordonnanzen, die bei Todesstrafe forderten, daß die Reiter auf ihren Märschen, auf Wachen usw. stets ihre Waffen tragen sollten.

Trotz allem drang das neue Wesen allmählich durch und der französische Adel erzeugte auch Feldherren wie Turenne und Conde, die das neue Kriegswesen zu handhaben wußten.

Die Kavallerie ließ die Traditionen des rittermäßigen Fechtens so vollständig fallen, daß Ludwig XIV. 1676 befehlen mußte, daß die Offiziere bei Strafe der Entlassung Kürasse tragen sollten, während die Mannschaften sie nicht trugen. Die Offiziere bildeten bei einer Attacke das erste Glied der Eskadron. Nach 1715 legten auch die Offiziere den Küraß ab (mit Ausnahme der Generale) und trugen wie die Mannschaften einen Lederkoller289.

Der eigentliche Organisator des neuen Heerwesens ist Michel Le Tellier, der 1643 des Staatssekretariat des Krieges übernahm und es 1668 seinem Sohn Louvois übergab290. Selbst Richelieu hatte noch keine wirkliche Ordnung in das Heerwesen zu bringen vermocht.[262]

Der venetianische Gesandte Nanni berichtete über die französischen Soldaten noch in den ersten Jahren der Minorennität Ludwigs XIV., sie seien in Lumpen gekleidet, barfuß, die Kavallerie schlecht beritten und schlügen sich dennoch wie toll.

Der entscheidende Punkt ist die Besoldung. Der venetianische Gesandte Angelo Correr berichtet, daß von 100 Dukaten, die der König aufwende, nur 40 auf ihren Zweck verwandt würden, 60 aber verschwendet oder unterschlagen. Die Truppen wurden so schlecht und unregelmäßig bezahlt, daß es unmöglich war, sie in Ordnung zu halten.

Le Tellier schuf eine Klasse von bürgerlichen Beamten, die Intendanten, die den militärischen Kommandos beigegeben wurden.

Nur der kommandierende General selbst ist ihnen übergeordnet, alle anderen Offiziere haben ihnen zu gehorchen. Sie nehmen teil an jedem Kriegsrat, den der General hält, an allen Beschlüssen über militärische, diplomatische, administrative Dinge. Sie haben den Kommandierenden ihre Ratschläge zu erteilen. Finanzen, Festungen, Verpflegung, Munition, Hofspitäler, Kriegsgericht hängt von ihnen ab.

Um die Soldzahlung zu kontrollieren, verfügte Le Tellier zunächst, daß sie stets stattfinden solle in Gegenwart des Intendanten oder des diesem nachgeordneten Beamten, des Kriegskommissars, des militärischen Chefs und des Maires oder angesehener Bewohner der Orte, wo die Truppen lagen. Dann wird verordnet, daß überhaupt nicht mehr der Kapitän, sondern der Intendant oder einer der Kriegskommissare den Sold auszahlte und daß der Sold nicht mehr im Anschluß an eine Revue, sondern in regelmäßigen Terminen, meistens monatlich, gezahlt werde.

1650, in den Unruhen der Fronde, mußte Le Tellier den Gouverneuren noch einmal zugestehen, daß sie in ihren Provinzen selber die Steuern erhoben und davon die Festungen und Garnisonen unterhielten. Schon von 1652 an aber nahm er dies Zugeständnis wieder zurück und richtet definitiv die reine königliche Verwaltung ein.

Gleichzeitig setzte er durch, daß seine Intendanten und ihre Kommissare fortwährend, auch unvermutet und während eines Marsches Revuen abhielten und die Vollständigkeit der Cadres[263] revidierten; über jede hatten sie einen genauen Bericht an den Minister einzusenden. Diese Kommissare verhaften widerspenstige Offiziere und beschlagnahmen ihre Güter.

Condé, Du Plessis-Praslain, Turenne gaben als Kommandierende noch zuweilen ihr eigenes Geld, selbst ihr Silberzeug, um in der höchsten Not die Soldaten, wenn nicht zu befriedigen, doch vor dem Verhungern zu schützen. Auch Le Tellier schoß persönlich vor und sogar der geizige Mazarin.

So lange das Steuerwesen noch nicht pünktlich funktionierte, richtete Le Tellier ein Papiergeld ein, das den Soldaten gegeben und bei Steuerzahlungen wieder für bar angenommen wurde. Nicht nur Richelieu hatte noch sehr schlechte Finanzen, sondern auch Mazarin, der wohl für sich selber Reichtümer sammelte, sich aber um die Staatsfinanzen nicht kümmerte. Unter Ludwig XIV. wurde nun allmählich die regelmäßige Barzahlung erreicht.

Während des 30jährigen Krieges waren die Truppenkorps noch kleine halbselbständige Republiken. Die Generalleutnants sahen sich als gleichberechtigt an und wollten sich nicht einander unterordnen. Le Tellier setzte den Begriff der militärischen Hierarchie durch. Besonders vorsichtig mußte er dabei die Weimarsche Armee behandeln, die etwas anders organisiert war als die französische und ihren eigenen Geist behielt.

Die Ernennung der Offiziere wurde den höheren Truppenführern allmählich entzogen und die ganze Existenz der Offiziere ausschließlich von dem Willen des Königs abhängig gemacht. Die Häupter und Söhne der führenden aristokratischen Familien blieben als Obersten die Inhaber von Regimentern und wurden es oft schon als ganz junge Leute; sie traten aber nur bei kriegerischen Aktionen wirklich an ihre Spitze und lebten sonst meist am Hofe. Die eigentliche Führung hatte der Oberstleutnant, der vom König aus der Reihe der Kapitäns nach freiem Ermessen ernannt, ein von unten auf gedienter, erfahrener Offizier war.

Le Tellier schaffte den Mißbrauch ab, daß höhere Offiziere mehrere Funktionen bekleideten und dafür die Gehälter kumulierten und suchte es auch durchzusetzen, daß, wenn nicht die höfischen Obersten, doch die anderen Offiziere tatsächlich bei ihren Truppen blieben und sich nicht in Paris amüsierten.[264]

Er beschränkte den Aufwand der höheren Offiziere und bestimmte für jede Charge, wie viel Pferde der Inhaber höchstens halten dürfe; der Kapitän er Infanterie vier, der Leutnant drei, der Profoß zwei.

Als in Frankreich die »alten Banden« gebildet wurden, traten wenig Edelleute ein291, und es hatten daher wie in Deutschland Leute beliebiger Herkunft, die sich auszeichneten, Führerstellen erlangt. Schon im 16. Jahrhundert aber strebte man danach, die Offiziere möglichst dem traditionellen, vornehmen Kriegerstande, dem Adel zu entnehmen; z.B. auch der Hugenottenführer de la Noue verlangte das292. Als nun seit Richelieu und unter Ludwig XIV. allmählich die große stehende Armee gebildet wurde, entstand ein merkwürdiger Zwiespalt. Dem ganzen Geiste des Staates und der Regierung entsprach ein ausschließlich adliges Offizierkorps. Der Nachwuchs aber reichte dafür nicht aus. Die alten Adelsfamilien waren vielfach arm oder verarmt und konnten den Zuschuß nicht leisten, der für ein standesgemäßes Leben im Offizierkorps erforderlich war. Umgekehrt gab es im höheren Bürgerstande und in den Beamtenfamilien zahlreiche junge Männer, die Neigung für den Soldatenstand hatten. Der Adel aber suchte durch Abschließung nach außen seine Stellung zu behaupten und nahm die Offizierstellen als sein natürliches Erbe in Anspruch, und die Regierung war geleitet von dem Bestreben, den Adel nach Möglichkeit zu schonen, zu erhalten und zu fördern. Eine widerspruchslose Verschmelzung im Offizierkorps hätte die gesonderte Ehrenstellung des Adels mit der Zeit verwischt. Indem der Adel die Offiziere stellte und das Offizierkorps sich als adlig fühlte, hielt sich inmitten des Volkes eine gesonderte Standestradition mit eigenen Sitten, Ehrbegriffen und Ansprüchen, die in ihrem Zusammenhang mit dem Hof, der Umgebung des Königs eine fest verankerte soziale Herrschaft ausübte. Wiederum die Rekrutierung des Offizierkorps aus dem besonderen Geburtsstande[265] schuf und befestigte zwischen dem Offizierkorps und der Mannschaft eine Kluft, die die Armee in zwei fundamental verschiedene Bestandteile zerlegt. Diese Scheidung geht durch alle Heere des romanisch-germanischen Europa und ist dann auch unter Peter dem Großen von Rußland übernommen worden. Sie ist das eigentlich Charakteristische dieser Epoche und gibt ihren Heeren ein von den römischen Legionen, wie von den Schweizern und Landsknechten des 16. Jahrhunderts wesentlich unterschiedliches Gepräge293.

Ein besonderer Umstand diente der Tendenz, das französische Offizierkorps adlig zu erhalten, zur Verstärkung.

Trotz der Ernennung durch den König geschah es häufig, daß Offiziere ihre Stellen an andere verkauften; namentlich ältere Herren, die sich zur Ruhe zu setzen beabsichtigten, suchten auf diese Weise einen Zuschuß zu ihrer Pension zu erlangen. Man nannte ein solches Abkommen mit dem Nachfolger ein »Concordat«, und es wurden dabei sehr erhebliche Summen gezahlt. Aber es waren nicht immer die Fähigkeiten, die auf diese Weise aufrückten und nichts kann den moralischen Tragboden der Disziplin mehr verderben als die Beförderung ungeeigneter Elemente in die höheren Kommandostellen294. Aber der Marschall, Belleisle unter Ludwig XV. gab sich vergeblich alle Mühe, den Mißbrauch zu unterdrücken, und da in den Bürgerhäusern, die ihre Söhne dem Heeresdienst zuführten, mehr Wohlstand war, als in den meisten Adelsfamilien, so führte der Kampf gegen den Stellenkauf zu einen Rückschlag gegen die Roture: wenn man keine Bürgerlichen zuließ, so konnten sie auch nicht vermöge ihres Reichtums dem Adel die begehrten Stellungen streitig machen. So ergehen durch die[266] ganze Periode bis zur Revolution immer neue Edikte, die bald den Bürgerlichen den Zugang zum Offizierkorps gestatten, bald erschweren, bald ganz verschließen sollen. 1629 unter Richelieu erging ein Edikt, daß ein Soldat, der sich bewähre, bis zum Grade eines Kapitäns und noch weiter, wenn er dessen würdig sei, avancieren könne. So liberal das erscheint, so liegt doch auch diesem Edikt die Anschauung zugrunde, daß das Offizierkorps seinem Wesen nach adlig ist. Wie im 16. Jahrhundert Monluc, so ist im 17. Catinat als Bürgerlicher bis zur höchsten Staffel der Militär-Hiarchie aufgestiegen. Im allgemeinen aber war der Zustand der, daß die Zahl der bürgerlichen Offiziere, der Roturiers, zwar recht erheblich war, sie aber in die höheren Kommandostellen doch nur ganz selten gelangten, und zeitweilig wurde auch schon die Zulassung so strenge gehandhabt, daß es der Ausschließung nahekam. Ein Hauptmittel, Bürgerlichen den Eintritt in das Offizierkorps zu gewähren, war dann die Schaffung eines fingierten Adels: ein von drei oder vier Edelleuten unterschriebenes Zertifikat, daß der Aspirant ein Edelmann sei, sollte für die Zulassung genügen, und ein solches Zertifikat war nicht so schwer zu beschaffen. Noch wenige Jahre vor der Revolution erging deshalb ein Edikt (1781), daß vier väterliche Ahnen nachgewiesen werden mußten. Danach waren also auch die Söhne von Neugeadelten vom Offizierstande ausgeschlossen oder konnten nur durch besondere Protektion zugelassen werden295.

Der Offizierstand, wie er sich im Laufe des 17. Jahrhunderts bildet, ist also eine Fortbildung jenes erblichen Kriegerstandes des Mittelalters, des Rittertums, abgewandelt nicht nur äußerlich, in der Fechtweise, sondern auch innerlich durch die Einpassung in die strengen Formen der Disziplin und der militärischen Hierarchie mit dem Avancement nach dem Gutbefinden des Kriegsherrn. 1685 erschien ein Buch »La conduite de Mars«, das den Offizier seine Standespflichten lehren und Lebensregeln geben will und nach einem Ausdruck von Jähns (II, 1255) den Übergang des edelmännischen Ehrencodex in das militärische Dienstreglement[267] bildet. Der Offizier soll gehorchen, sich aber nichts vergeben und jede Gelegenheit wahrnehmen, Fortune zu machen. Auch die Frömmigkeit, lehrt das Buch, bringe Vorteil.

Ganz auffallend stark ist in der französischen Armee im Verhältnis zur Mannschaft die Zahl der Offiziere. Nach einer Angabe in dem Generalstabswerk über die Kriege Friedrichs des Großen (I, 114) kam um 1740 schon auf 11 Mann ein Offizier und auch die Leutnants waren deshalb alle mit Gewehren bewaffnet. In Preußen kam um jene Zeit auf etwa 29 Mann ein Offizier, beim Tode Friedrichs auf etwa 37, in unserer Zeit erst auf gegen 50 Mann. Wenn auch jenes Verhältnis 1 : 11 sicherlich auf einem Irrtum beruht, so war immerhin die Zahl der Offiziere im Verhältnis sehr viel größer als heutzutage296.

Hatte man die Aufnahme bürgerlicher Elemente in das Offizierkorps nie ganz abdämmen können, so blieb auch innerhalb der Armee selbst wenigstens eine schmale Brücke, die aus der Welt der Mannschaft in die Welt des Offizierstandes hinüberführte. Zwischen den Unteroffizieren und den Offizieren standen die »officiers de fortune«, etwa den Deckoffizieren der Marine oder neuerdings den Feldwebel-Leutnants zu vergleichen. Sie galten nur als Unteroffiziere, stammten aber nicht selten aus gebildeten Familien. Bei guter Bewährung konnte dann der »officier de fortune« doch noch in mittlerem Lebensalter in das Offizierkorps eintreten. Ihre Dienstkenntnis und ihr Diensteifer war namentlich bei der Kavallerie, wo viele vornehme Herren sich um den Dienst nicht[268] viel kümmerten, sehr wichtig für den Zusammenhang der Truppe. Aus dieser Sicht der Armee ist der Marschall Bernadotte, der spätere König von Schweden hervorgegangen. Er war der Sohn eines angesehenen Advokaten und eine so bedeutende und später auch so imponierende Persönlichkeit, daß er auch als junger Mann schon aufgefallen sein muß. Trotzdem war er beim Ausbruch der Revolution, 26 Jahre alt und schon 10 Jahre Soldat297, noch nicht Leutnant und hatte, auch wenn ihm die Epauletten endlich zuerkannt wurden, kaum Aussicht, es weiter zu bringen, als bis zum Kapitän.

Die Ergänzung der Regimenter geschah durch Werbung, zu welchem Zweck Le Tellier ihnen schon im Jahre 1645 bestimmt abgegrenzte Werbebezirke zuwies. 1666 wurde die Zeit, für die die Kapitulation abgeschlossen wurde, auf vier Jahre begrenzt und den Kapitäns bei Strafe der Kassation verboten, die Leute, die sich nicht freiwillig dazu erboten, darüber hinaus bei der Fahne zu behalten.

Von Zeit zu Zeit fand auch immer noch das Aufgebot der Ritterschaft, das arrière-ban statt, 1674, 1675, 1689, 1703, sogar 1758 im Siebenjährigen Kriege. Aber kaum angekommen, wurden sie als unbrauchbar aus dem Feldlager wieder heimgeschickt und es wurde daraus ein Modus, den Adel zu besteuern; man begnügte sich statt des Aufsitzens mit der Zahlung einer Loskaufsumme. 1639 hatte der aufgebotene Edelmann statt seiner selbst zwei Infanteristen zu stellen.

Noch 1661, beim Regierungsantritt Ludwigs XIV, existierte in Frankreich die allgemeine Uniform nicht; nur einzelne Kompagnien einiger Regimenter waren durch ihre Kapitäne gleichmäßig bekleidet, obgleich Le Tellier schon in den 40er Jahren nach Modellen Anzüge und Waffen hatte anfertigen lassen. In den Religionskriegen unterschied man sich durch Schärpen und auch durch kapuzenartige Überwürfe (casaque, hoqueton) von verschiedenen Farben, die öfter nach den Führern und anderen Umständen wechselten.[269]

1666 erließ Le Tellier eine Ordonnanz, die das gleiche Kaliber für alle Gewehre vorschrieb, 20 Kugeln aufs Pfund.

Kasernen gab es nur wenige; die Soldaten lagen in Bürgerquartieren und genaue Reglements regelten das Verhältnis zu den Quartiergebern, sowohl für die dauernden wie für die marschierenden Truppen. Unter Ludwig XIV. wurden mehr und mehr Kasernen gebaut.

Für die Verpflegung schuf Le Tellier regelmäßige Magazine, die von größter Bedeutung für die strategischen Operationen wurden. Le Tellier ging selber zuweilen ins Feld, um die Verpflegung zu leiten und zu überwachen. Wir werden von der Wirkung der Magazinal-Verpflegung noch zu reden haben.

Schon Richelieu hatte Lazarette angelegt. Le Tellier wandte ihnen Mittel zu, sowohl um die Soldaten zu erhalten, wie aus Humanität. Die Franzosen galten im 18. Jahrhundert für besonders gut versorgt in dieser Beziehung. Der General-Intendant du Verney schrieb im Siebenjährigen Krieg an Clermont, den Heerführer, die französische Nation sei vielleicht die einzige, die Lazarette bei den Heeren habe, aus Menschlichkeit und auch, weil man wenig Menschen habe und sparsam mit ihnen sein müsse. Die Lazarette seien freilich nicht so wie in den Garnisonen298.

Ein besonderes Übel der alten Söldnerheere war der ungeheure Troß gewesen. Die Soldaten nahmen sehr gerne ihr Weib mit ins Feld, um sich von ihr in der Verpflegung unterstützen zu lassen und im Falle der Krankheit oder Verwundung von ihr gepflegt zu werden. Durch die Einrichtung der geordneten Magazinalverpflegung und der Feldlazarette wurde diese Hülfe für die Soldaten soweit entbehrlich, daß das Mitnehmen der Frauen verboten werden konnte, und Le Tellier verbot den Soldaten sogar das Heiraten.

Wie sehr aber auch diese stehenden Heere noch in den Anschauungen des Söldnertums lebten, zeigt die Fortdauer des[270] »Ranzionierens«, des Auslösens der Kriegsgefangenen gegen Geld. Noch 1674 wurde zwischen Frankreich und Spanien eine Übereinkunft geschlossen, die einen genauen Tarif für die Auslösung festsetzt; für einen Obersten wurden 400 Francs, für einen Gemeinen der Infanterie 71/2 Francs gezahlt299.

Le Tellier kümmerte sich auch um die Invaliden. Manche wurden von Klöstern zugewiesen, die sie erhalten mußten, andere in Kompagnien zusammengestellt und gegen Leistung gewisser Dienste verpflegt. Aber sie desertierten lieber, zogen sich nach Paris und lebten vom Bettel. Man verfügte Strafen gegen die Bürger, die ihnen Almosen gaben und drohte den Bettlern selbst sogar die Todesstrafe. 1674 gründete Ludwig XIV. das Hotel des Invalides300.

Das Werk Michel Le Telliers wurde, wie schon erwähnt, fortgesetzt und vollendet von seinen Sohn, François Michel, der den Titel eines Marquis von Louvois rührte; 21 Jahre alt wurde er 1662 der Gehilfe seines Vaters und sechs Jahre später, 28 Jahre alt, als selbständiger Kriegsminister sein Nachfolger (1668).

Als der Friede von Aachen 1668 den Devolutionskrieg beendete und die Armee reduziert werden sollte, löste er nicht, wie man es früher getan hatte, die entsprechende Zahl von Truppenteilen auf, sondern reduzierte den Bestand jedes einzelnen Regiments unter Beibehaltung der vollständigen Stäbe, so daß nunmehr mit Leichtigkeit durch Einstellung von Neugeworbenen in die bestehenden Regimenter die Armee wieder vermehrt werden konnte. Erst durch diese Methode wurde recht eigentlich die Idee der stehenden Armee zur Erfüllung gebracht. Der Geist des einmal bestehenden Truppenteils pflanzt sich fort; man gewann nicht bloß die Zeit, die für[271] die Aufstellung ganz neuer Truppenteile erforderlich gewesen wäre, wenn man in einen Krieg eintreten wollte, sondern diese alten Regimenter hatte auch die so sehr gewichtigen qualitativen Vorzüge alter Truppenkörper vor neuen.

Um die gesamte Truppenmacht für die aktive Kriegführung verfügbar zu machen, schuf Louvois im Jahre 1688 die Miliz-Regimenter, die den Garnisondienst übernehmen sollten. Während die Feldarmee auf der freiwilligen Werbung beruhte, wurde die Mannschaft für die Miliz-Regimenter von den Gemeinden gestellt, also in irgend einer Weise ausgehoben. Sehr bald aber verwandte man Miliz-Regimenter auch hier und da im Feldkriege und im spanischen Erbfolgekrieg stellte man ihre Mannschaften einfach in die Feldregimenter ein.

Man war also damit indirekt auch für die Feldarmee zu einer, freilich immerhin noch geringfügigen und milden Aushebung geschritten. Aber schon lange vorher, 1677, hat Louvois einmal geschrieben, daß es keine Entschuldigung für Deserteure sei, wenn der Soldat erkläre, mit Gewalt ausgehoben worden zu sein; denn wenn das gelten sollte, so würde niemand bei der Truppe bleiben, da es kaum jemand gäbe, der nicht gegen seine Einstellung Einwendungen erheben könne.

Unter Heinrich III. war, wie in Deutschland, einmal verordnet worden, daß den Passevolants die Nase abgeschnitten werden solle; an die eigentlich Schuldigen, an die Kapitäns hatte man sich nicht gewagt. Jetzt war es anders geworden. Aber es hat sehr lange gedauert, bis dieser Betrug wirklich ausgekehrt war. Noch im Jahre 1676 unter Louvois ist einmal die Vorschrift mit dem Nasen-Abschneiden erneuert worden.

Als das wesentlichste Verdienst Louvois um die französische Armee dürfte seine Verwaltungstätigkeit anzusehen sein, die unablässige, oft brutale Energie und Arbeitsamkeit, mit der er das von seinem Vater geschaffene System durchführte und verwirklichte, alle Widerstände brach, die Mißbräuche ausrodete, die allenthalben wachsame Kontrolle übte. Wo er einen Fehler oder eine Unordnung spürte, erschien er selber und griff durch. Man kann ihn in dieser seiner Tätigkeit einigermaßen mit Friedrich Wilhelm I. vergleichen.[272]

Der gut gefügte Organismus der französischen Armee hat auch die Niederlagen des spanischen Erbfolgekrieges überdauert und sich selbst noch im Siebenjährigen Kriege bewährt. Noch im Jahre 1760 hat Ferdinand von Braunschweig sich mit einer französischen Armee geschlagen, die stärker und nicht schlechter organisiert und ausgerüstet war, als sie niemals unter Ludwig XIV. diesseits des Rheins erschienen ist; die Franzosen waren nicht weniger als 140000 Mann stark301.

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 257-273.
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