Drittes Kapitel.

Exerzieren. Abwandlungen der Taktik

im 18. Jahrhundert.

[304] Der Dreißigjährige Krieg ist durchbrochen worden von einer Infanterie, die aus Pikenier- und Musketier-Abteilungen gemischt waren. Der Schuß der Muskete war zu langsam und zu unsicher, um eine Musketier-Abteilung vor einem Kavallerieangriff im freien Felde zu schützen. Diesen Schluß sollen die Pikeniere übernehmen. Aber schon Mendoza, der der Pike den Vorzug vor allen anderen Waffen geben will, gibt dann selber einmal an, daß die Piken in Feldschlachten nur selten zusammenstoßen und das Feuergewehr die Hauptsache mache. Das ist also Ende des 16. Jahrhunderts[304] und während des 30jährigen Krieges, 1630, schreibt der Militärschriftsteller Neumair von Ramsla: »die langen Spieße sind mehr eine Schwächung des Krieges als dessen Nerv. Die Rohre armieren die langen Spieße.«

Es wird als etwas Außerordentliches berichtet, wenn das Fußvolk mit Piken und Degen gefochten habe346, z.B. bei Leipzig 1642 heißt es, daß »das kaiserliche Fußvolk gar an die Piken der schwedischen geraten« sei. Grimmelshausen in seinem »Springinsfeld« (1670) macht sich lustig: »wer einen Pikenier niedermacht, den er verschonen könnte, der ermordet einen Unschuldigen. Ein Pikenier tut niemand etwas, der nicht selber in den Spieß rennt«. Nichtsdestoweniger behaupteten sich die Spießer. Noch 1653 befahl der Große Kurfürst347, daß ein Drittel seiner Infanterie in den Garnisonen mit Piquen ausgerüstet (d.h. zu Feldtruppen gemacht) und fleißig mit ihnen exerziert werde.

Noch in der Schlacht bei Enzheim (1674) spielten die Piken eine Rolle, indem Turenne gegen einen großen Reiterangriff der Deutschen ein großes Pikenierkarree bilden ließ und die Musketiere in die Mitte traten. Die Reiter trauten sich nicht heran348.

Um die Wende des Jahrhunderts aber wurden die Piken von den europäischen Heeren allmählich abgelegt. Die Schweinsfedern oder spanischen Reiter, vermögen deren sich in der Übergangszeit noch die Infanterie gegen Kavallerie schützen sollte, haben keine praktische Bedeutung erlangt349.

An die Stelle der Lunten-Muskete und der Pike nebeneinander tritt die einheitliche Waffe der Bajonett-Flinte mit dem Feuersteinschloß und gibt dem stehenden Heer auch äußerlich ein ganz anderes Aussehen, als den vorhergehenden Söldnerbanden. Schon früh ist man auf die Idee gekommen, »eine Ahle« in den Lauf der Muskete zu stecken, um sie so in einem Spieß zu verwandeln350. Die entscheidende Erfindung aber ist nach der Mitte des[305] 17. Jahrhunderts die Dille, die über den Lauf des Gewehrs übergeschoben wird, so daß es gleichzeitig als Feuerwaffe und als blanke Waffe benutzt werden konnte. Dieses Bajonett aber war noch sehr hinderlich beim Laden, und völlig brauchbar wurde die neue Technik erst durch den Querarm, der bei aufgepflanztem Bajonett das schnelle und freie Laden ermöglichte.

Um dieselbe Zeit wurde die Lunte durch den Feuerstein ersetzt351, dessen Vorzüge, namentlich bei Regenwetter, einleuchtend sind. Der Nachteil der nicht ganz sicheren Zündung schien aber so groß, daß 1665 Le Tellier in den französischen Kriegsartikeln die neue Waffe noch aufs strengste verbot. Flinten, die bei der Musterung gefunden wurden, sollte die Kommission sofort zerbrechen und auf Kosten der betreffenden Kapitäne ersetzen lassen. Man konstruierte deshalb eine Waffe, die Luntenschloß und Steinschloß zugleich hatte, bald aber siegte die einfache Flinte mit dem Feuersteinschloß.

Eine ganze Reihe von kleinen Verbesserungen, an der Zündpfanne, am Zündloch, am Pfannendeckel, der eiserne Ladestock statt des hölzernen, an den Ringen zum Einstecken des Ladestockes352, an[306] der Schäftung, besonders auch die Papierpatronen, verbesserten die Waffe unausgesetzt und gaben ihr schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Form, die sich dann über ein Jahrhundert wenig verändert erhalten hat. Die Freiheitskriege sind fast mit demselben Gewehr durchgefochten worden, wie der Siebenjährige Krieg.

Die fortschreitende Anwendung und Verbesserung der Feuerwaffe ließ die Infanterie schon gegen Ende des 30jährigen Krieges allmählich die Schußwaffen, Panzer und Eisenhaube, ablegen, was der Marschfähigkeit zugute kam.

Die technisch immer mehr verbesserte Waffe konnte vermöge der besseren Ausbildung der Soldaten in der stehenden Armee auch noch immer intensiver ausgenutzt werden. In der sechsgliedrigen Aufstellung konnten die Musketen nur vermöge der leicht in Verwirrung geratenden Caracole alle in Anwendung gebracht werden. Nun verdünnte man die sechsgliedrige Aufstellung auf vier und endlich bei den Preußen auf drei Glieder, sodaß, indem das erste Glied niederkniete, alle vorhandenen Feuergewehre gleichzeitig zur Wirkung gelangen konnten353. Friedrich der Große suchte auch die Aufstellung noch zu verengen, so daß auf vier Mann nicht mehr vier Schritt, sondern nur drei Schritt Rottenbreite kamen354. Durch unausgesetzte Übung wurde dabei die Geschwindigkeit des Feuers aufs äußerste gesteigert. Bei der großen Unsicherheit des einzelnen Schusses verzichtete man von vornherein auf das Zielen und sogar auf jede Ausbildung im Zielen, und suchte die Wirkung in dem möglichst schnell hintereinander abgegebenen Massenfeuer, der auf[307] Kommando abgegebenen Salve. Wenn Friedrich noch vorschrieb, daß man das Feuern nicht übereilen solle, »weil ein Kern zuforderst sehen muß, wo er hinschießt«, so ist später das Zielen sogar direkt verboten worden. Dagegen wurde der höchste Wert darauf gelegt, daß die Salve gut zusammenbrenne und klinge wie ein Schuß. Man nahm an, daß durch das gleichzeitige Einschlagen so vieler Geschosse, die demoralisierende Wirkung verstärkt werde.

Bei Fontenoy (1745) näherten sich die französischen und die englisch-hannöverschen Garden einander ohne zu schießen bis auf 50 Schritt. Die beiderseitigen Offiziere bekomplimierten sich um den ersten Schuß. Die Engländer gaben die erste Salve, die so mörderisch war, daß die französische Garde fast ganz aufgerieben wurde und der Rest die Flucht ergriff.

Scharnhorst lehrt in seiner Taktik (§ 178), das Plackerfeuer (also das Einzelschießen) müsse auf das sorgsamste vermieden werden. Es sollten nur Salven geschossen werden. Denn 10 Mann, die gleichzeitig fallen, brächten ein Bataillon eher zum Rückzug als 50, die nach und nach und an verschiedenen Stelen fallen. Ferner verfeuerten die Leute ihre Patronen und machten durch die vielen Schüsse ihre Gewehre unbrauchbar; die Steine würden stumpf und die Patronen ließen sich nur noch mit einiger Gewalt den verschleimten Lauf herunterbringen. Endlich verlören die Offiziere die Herrschaft über ihre Leute.

Die Salven wurden vorwiegend im ganzen Bataillon oder pelotonweise abgegeben. Das in drei Gliedern aufgestellte Bataillon wurde in 8 Pelotons geteilt; die Pelotons feuerten abwechselnd ganz schnell nacheinander 1, 3, 5, 7, 2, 4, 6, 8, so daß das Feuer in fortwährendem Rollen blieb, wo er hätte einbrechen können. Aber dieses Ideal war erreichbar nur auf dem Exerzierplatz. Friedrich selber soll, nach Lloyd355, gesagt haben, das Pelotonfeuer würde das beste sein, wenn es wirklich auszuführen wäre. Berenhorst356 schildert, nur die erste Salve sei vielleicht vorschriftsmäßig abgegeben worden oder zwei oder drei Pelotons hätten ordnungsmäßig[308] gefeuert. »Dann folgte ein allgemeines Losbrennen und das gewöhnliche rollende Feuer, wo jeder, der geladen hat, abdrückt, Rotten und Glieder sich mischen, die Vordersten gar nicht dazu gelangen können, sich aufs Knie niederzulassen, wenn sie auch wollten, und die Offiziere von unten an bis zu den Generalen hinauf, mit der Masse nichts weiter mehr anfangen können, sondern warten müssen, ob sie sich endlich vorwärts oder rückwärts in Bewegung setzen werde.« Diese Schilderung trägt den Stempel der karikierenden Übertreibung, der Berenhorsts Schriftstellerei überhaupt eignet; immerhin ist darin richtig, daß an der Präzision des Exerzierplatzes im Ernstfalle mehr oder weniger verloren ging357.

Der Angriff sollte in der Weise vor sich gehen, daß die ganze Linie der Infanterie unter fortwährendem pelotonweisem Feuern vorwärts ging und sich schließlich mit dem Bajonett auf den Feind stürzte. Zum wirklichen Bajonettkampf kam es jedoch fast nie; in dem Augenblick, wo der angreifende Teil wirklich herankam, gab der Verteidiger den Widerstand schon auf. Man solle den Burschen wohl einprägen, schrieb Friedrich einmal, daß es ihr eigener Vorteil sei, dem Feinde auf den Leib zu gehen, und der König ihnen dafür repondiere, daß er nicht wieder stechen werde358. Man erkennt, wie durchaus diese Taktik der Zusammensetzung der Armee entspricht; der gemeine Mann hat nichts zu tun, als zu gehorchen; im Gleichtritt wird er vorgeführt, rechts ein Offizier, links ein Offizier, hinter der schließende; auf Kommando werden die Salven abgegeben und schließlich in die Stellung des Feindes eingebrochen, wo ein eigentlicher Kampf nicht mehr erwartet wird. Bei solcher Taktik kam es auf den guten Willen des Mannes, wenn er nur in der Hand des Offiziers war, nicht soviel an, und man konnte es wagen, auch sehr fremdartige Elemente unterzustecken.

Über die Schnelligkeit, mit der die Salven hinter einander[309] abgegeben werden konnten, haben sich legendare Vorstellungen gebildet, z.B. General v. Bernhardi »Vom heutigen Kriege« (1912) schreibt (I, 22) die preußische Infanterie solle im 18. Jahrhundert bis zu zehn Schuß in der Minute abgegeben haben. Das ist nun eine so offenbare Unmöglichkeit, daß die Vermutung auftauchte, es seien nicht Schüsse des einzelnen Mannes gemeint, sondern die Salven der Pelotons, also nicht dieselbe Abteilung habe zehn Schüsse in der Minute abgegeben, sondern das Bataillon habe in einer Minute 10 Peloton-Salven herausgebracht. Die Überlieferung meint aber wirklich, daß der einzelne Mann, wenn nicht 10 mal doch 8 mal in der Minute habe schießen können. In Wirklichkeit ist zurzeit des Siebenjährigen Krieges 2-3 mal, später knapp 4 mal das allerhöchste, das mit scharfen Patronen in kommandierten Salven erreicht worden ist (s. Exkurs).

Die Reichweite des Infanteriegewehrs ist gering, man kann sagen bis zu 300 Schritt; auf 400 Schritt wurden kaum noch Treffer erzielt359.

Das schwierigste Problem ist das Feuern in der Bewegung, daß auch in unserer Zeit, bei der aufgelösten Schützenlinie ein Problem geblieben ist. Das Ideal war, in stetem Vorrücken die Pelotons abwechselnd halten und feuern zu lassen. Aber das war im Ernstfall unerreichbar, daß die Erfahrung lehrte, daß die Truppe, wenn sie erst einmal Halt gemacht hatte, um zu feuern, nur schwer wieder in Bewegung zu bringen war, und zwischen dem zweiten und dritten Schlesischen Kriege bildete sich die Vorstellung, daß beste sei, die Infanterie ohne Schießen stürmen zu lassen und das Feuer nur für die Verfolgung und die Verteidigung zu verwenden. Die vorbereitende Wirkung fiel dann allein den leichten Bataillongeschützen zu, die von Mannschaften gezogen, die Infanterie begleiteten. Da der[310] wirksame Schuß ja nicht weiter als 300 Schritt reichte und das reguläre Feuer erst auf 200 Schritt, ja bei den Österreichern sogar erst auf 100 Schritt360 eröffnet werden sollte, so ließ sich in der Tat die Frage aufwerfen, ob, wenn man erst so nahe heran war, man nicht am besten sofort darauf losstürmte, statt sich durch Feuern einen Aufenthalt zu bereiten, der der Wirksamkeit des feindlichen Feuers zu statten kam. Der Marschall von Sachsen hatte in seinen »Rêveries«, die Friedrich zu seinem Poem über die Kriegskunst begeisterten, den Angriff ohne Feuer vorgeschlagen. Prinz Moritz von Dessau wünschte sich (1748), daß er einmal in seinem Leben von Seiner Königlichen Majestät die Order bekäme, »sonders geladen an den Feind zu rücken«. Wirklich hat Friedrich auch bei Beginn des Siebenjährigen Krieges den Angriff ohne Feuer befohlen und in der Untersuchung der Kriegsgeschichtlichen Abteilung und noch stärker im Militärwochenblatt (1900 Nr. 40 Spalte 1004) ist die Meinung ausgesprochen worden, damit habe die Fechtweise der deutschen Infanterie die radikalste Umwandlung durchgemacht, die sie je erfahren habe, und zwar zu ihrem Unheil; es sei ein verhängnisvoller Irrtum des Königs gewesen; die schrecklichen Tage bei Prag und Kollin hätten es schlagend bewiesen. Ein anderer Referent an derselben Stelle (N. 94 Spalte 213) hat aber schon mit Recht dagegen eingewandt361, daß der König das Feuern doch wohl nur verboten habe in dem Sinne, viel zu verlangen, um etwas zu erhalten; er wollte das Feuer möglichst beschränken, nahm aber an, daß die Truppe, wenn es nicht anders gehe, dennoch feuern werde. Schon bei Leuthen wurde wieder mit Feuern angegriffen und im Dezember 1758 hat der König denn auch den Angriff ohne Feuer direkt verworfen. Das Feuerverbot war also nicht sowohl eine grundstürzende Änderung in der Taktik, als ein Experimentieren in einer Aufgabe, für die es eine klare rationelle Lösung tatsächlich nicht gab.

Man darf hinzufügen, daß nach einer guten Überlieferung362 trotz des rasenden Feuers der Preußen die Verluste, die sie dem[311] Feinde damit zufügten, nicht größer waren, als diejenigen, die sie selber durch das feindliche Feuer erlitten. Der Hauptgewinn, den die preußische Armee aus ihren Feuerübungen zog, war also der indirekte, analog den exakten Exerzierübungen und dem Parademarsch, nämlich die Disziplinierung, die Eingewöhnung in die Ordnung, die Festigkeit des taktischen Körpers.

Seitdem man von der quadratischen Aufstellung der Infanterie zur flachen übergegangen war, hatte man empfunden, daß eine einzige Linie gar zu leicht zerreißen oder durchbrochen werden könne, und hatte deshalb die Infanterie in zwei Linien hintereinander, zwei Treffen aufgestellt. Wir kennen die Treffenaufstellung als ein Produkt des zweiten Punischen Krieges. Der Ursprung und die Entwicklung der Treffentaktik im Altertum und in der Neuzeit ist verschieden; der Sinn und Zweck der Aufstellung aber ist, trotz des Unterschiedes der Bewaffung derselbe. Das zweite Treffen ist zwar als solches nicht imstande, seine Waffen in Anwendung zu bringen, aber es ist bei der Hand, Lücken im ersten auszufüllen363, schwache Stellen zu unterstützen, Flankenbewegungen zu machen und nötigenfalls auch Rückangriffe abzuwehren. Je dünner das erste Treffen mit der dreigliedrigen Aufstellung geworden war, desto nötiger hatte es eine solche Rückenstärkung durch ein zweites Treffen, dem man sogar unter Umständen ein drittes und viertes folgen ließ. Das zweite Treffen brauchte nicht wie das erste eine ununterbrochene Linie zu bilden, sondern durfte zwischen den Bataillonen auch Intervalle lassen, konnte also um eine Anzahl Einheiten schwächer sein. Die Distanz zwischen den Treffen wird verschieden, zwischen 150 und 500 Schritt angegeben364.[312]

Um die bei solcher Aufstellung überaus empfindlichen Flanken etwas zu stützen, stellte man zwischen die beiden Treffen ein Bataillon mit der Front gegen die Flanke, so daß die ganze Aufstellung mit einem länglichen Rechteck verglichen werden konnte.

Je dünner die Aufstellung wurde, desto länger wurde die Front. Das ist sehr vorteilhaft für die Waffenwirkung, besonders wenn man zu einer Überflügelung gelangt, aber sehr schwer in der Ausführung. Schon eine größere Masse zu einer langen Front aufmarschieren zu lassen und sie auf einem glatten Exerzierplatz auszurichten, ist nicht leicht, sie aber ausgerichtet und unzerrissen vorwärts zu bewegen und nun gar auf einem unebenen Gelände, dazu sind nur vollkommen ausgebildete Führer und durchexerzierte Truppen imstande. Lloyd sagt, damit eine zusammenhängende Schlachtordnung eine Viertelstunde Wegs vorrücke, gebrauche sie oft mehrere Stunden, und Boyen (I, 169) erzählt in seinen Erinnerungen, seinen Erfahrungen lehrten, daß ein en ligne deployiertes Bataillon an einem Schlachttag nur sehr selten oder beinahe gar nicht mit Ordnung zu bewegen sei; die Stimme des Kommandanten reiche bei dem Getöse nicht aus. Hoyer in seiner 1797 erschienenen Geschichte der Kriegskunst schreibt:

»Weil es nicht leicht war, eine so lange Linie gehörig zu richten, beinahe unmöglich aber: sie aus Einer Kolonne aufmarschieren zu lassen; machten die geschicktesten Taktiker beides zu dem Gegenstande ihrer Untersuchungen. Sie bemühen sich zu zeigen: wie man ein Heer in verschiedenen Kolonnen sowohl vor- als rückwärts bewegen und dann in Eine der zwei Linien zum Treffen formieren könne. Diese Manövres erforderten eine bisher ungewöhnliche Beweglichkeit der Truppen.«

Mit unermüdlichem Eifer wurde in der preußischen Armee nicht nur an der überlieferten Ausbildung gearbeitet, sondern auch immer größere Vervollkommnung, Schnelligkeit, Gewandtheit erstrebt und nach neuen, verfeinerten Formen in der Verwendung der Truppenkörper gesucht. Der König persönlich, die Generalität mit den braunschweigischen und anhaltischen Prinzen in preußischem Dienst und das ganze Offizierkorps waren erfüllt von demselben[313] Eifer. Das bemerkenswerteste Produkt dieser schaffensfreudigen Betriebsamkeit ist die schräge Schlachtordnung365.

Indem man von der ursprünglichen tiefen Aufstellung der Infanterie, um die Feuerkraft zu verstärken, zur immer flacherer Aufstellung übergegangen war, hatte die Infanterie eine Form angenommen, in der es nicht nur sehr schwer war, sich geordnet zu bewegen, sondern auch die Begriffe Flanke und Flügel zu immer wachsender Bedeutsamkeit gelangten. Bei einer quadratischen Aufstellung sind Front und Flanke gleich stark. Bei einer linearen Aufstellung wird die Flanke schwächer, je dünner sie ist, und die Unterscheidung der Flügel wichtiger, je länger sie ist. Der Gedanke taucht auf, die Entscheidung nicht durch grades Darauflosgehn, sondern durch einen Angriff auf einen Flügel oder auf die Flanke zu suchen.

Schon im 30jährigen Kriege finden wir deshalb, daß eine Armee, die sich zu einer Verteidigungsschlacht aufstellt, ihre Flanken durch irgend ein Gelände-Hindernis zu schützen sucht (am weißen Berge 1620). Wir finden auch, daß man den Feind in der Flanke anzugreifen sucht (Wittstock 1636)366.

Im Spanischen Erbfolgekriege finden wir die Flügel-Schlacht. Man griff nicht die ganze Front gleichmäßig an, sondern versagte den einen Flügel, den man mit geringeren Kräften ausstattete, um mit dem andern, um so stärkeren entgegenstehenden feindlichen, womöglich umfassend zu überwältigen. Höchstädt scheint schon nach dieser Methode angelegt, ist aber jedenfalls nicht nach ihr durchgeführt worden. Ramillies und Turin sind Flügelschlachten, aber[314] mehr durch besondere Gelände-Verhältnisse, als durch die Methode dazu bestimmt. Malplaquet ist aber durchaus als Flügelschlacht angelegt, freilich infolge einiger Irrungen nicht als solche durchgefochten worden.

Auch die Theorie begann sich des neuen Problems anzunehmen. Vom Studium der Antike war sie einst ausgegangen und hatte sich fortdauernd daran genährt. Man erinnerte sich jetzt der schrägen Schlachtordnung des Epamindas und fand bei Vegetius den Satz: »Wenn die beiden Heere zusammenprallen, zieht man seinen linken Flügel von dem feindlichen rechten außerhalb des Bereichs aller Fernwaffen zurück. Unser rechter Flügel, der aus unseren besten Truppen, sowohl an Infanterie wie an Kavallerie bestehen muß, dringt hierauf gegen den linken Flügel des Feindes vor, wird mit ihm handgemein und durchbricht oder umfaßt ihn, um ihn im Rücken angreifen zu können. Oder aber man führt mit dem linken Flügel an, was von dem rechten gesagt ist.«

Der erste neuere Theoretiker, wenn man von einer doktrinären Konstruktion des Herzogs Albrecht von Preußen absieht367, scheint Montecuccoli gewesen zu sein. Er gibt in seinem Werk »Von der Kriegskunst« 1653 (deutsch erschienen 1736; Werke II, 68) die Regel: »Die besten Truppen an den Flügeln einteilen und den Kampf von jener Seite aus, wo man sich stärker fühlt, beginnen, und der schwächere Teil soll den Feind hinhalten.« Ählich in anderen Schriften (II, 352).

In offenbarer Anlehnung an diesen Satz schreibt auch Khevenhüller in seinem 1738 gedruckten »Kurtzem Begriff aller militärischer Operationen«: »Die beste Mannschaft auf die Flügel thun, anfangen auf denselben Seiten zu treffen, wo man glaubt, am stärksten zu seyn, und wo man schwach ist, den Feind später attaquiren, ihn mit Scharmützeln oder Avantage des Terrains amüsieren.«

Der Franzose Folard, aus dessen umfangsreichem Werk über Polybius Friedrich der Große einen Auszug anfertigen ließ, an dem er selber mitarbeitet, ließ vor seinem Hauptwerk ein Buch »Nouvelles[315] découvertes sur la guerre« erscheinen, worin er sehr ausführlich (Th. II, cap. VII) die Schlachten bei Leuctra und Mantinea behandelt, die Vorzüge der schrägen Schlachtordnung ans Licht stellt und das Genie des Epaminondas preist.

Noch viel mehr als von Folard hat Friedrich von einen anderen Franzosen Feuquières gelernt und nicht wenig aus dessen Schriften wörtlich in seine Anweisungen übernommen. Grade bei ihm aber kommt, so viel ich gelesen habe, die schräge Schlachtordnung nicht vor. Als Friedrich den Thron bestieg, war also der Gedanke der schrägen Schlachtenordnung vorhanden und war auch schon praktisch geübt. Die Theorie aber war weder durchgebildet noch durchgedrungen und die Praxis hatte mit einigen Anläufen doch noch nichts Wirkliches geleistet. Nichtsdestoweniger müssen wir annehmen, daß in den Kreisen der denkenden Militärs von der schrägen Schlachtordnung gesprochen zu werden pflegte. Es war ein bereits geläufiger Begriff. Eben damals legte der alte Marschall Puysegur († 1743) die letzte Hand an, sein großes Werk »Art de la Guerre«, das er schon fast ein halbes Jahrhundert vorher begonnen hatte, auszuarbeiten, das dann sein Sohn im Jahre 1748 veröffentlichte. In diesem Werk ist die schräge Schlachtordnung (Ordre oblique) klar und erschöpfend behandelt. (Ausgabe 1748 I, 161 ff. II, 45 ff. Register II, 234). Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Friedrich, der von sich einmal schrieb, daß er so ziemlich alles gelesen habe, was je über Kriegsgeschichte geschrieben worden sei, schon als er in seinen ersten Krieg zog, auch den Gedanken der schrägen Schlachtordnung im Kopf gehabt hat. Bei Mollwitz finden wir, daß der König den rechten Flügel seiner Armee stärker macht, als den linken, speziell durch schwere Artillerie, und den linken Flügel, nach seinem eigenen Ausdrucke »versagt«368. Eine eigentliche Flügelschlacht wird es trotzdem nicht, da schließlich nicht der vorgezogene rechte Flügel, sondern eine Vorwärtsbewegung des linken, der sehr wenig Verluste erlitten hatte, die Entscheidung bringt. Man hat deshalb den Schräg-Angriff der Preußen bei Mollwitz überhaupt nicht als ein Beispiel der schrägen Schlachtordnung, sondern[316] als eine bloße Zufalls-Erscheinung ansehen wollen. Auch ich habe mich lange dieser Auffassung zugeneigt, bin aber auf Grund der Untersuchungen Herrmann und Keibel doch zu dem Ergebnis gekommen, daß die andere Auffassung die richtige ist, und jedenfalls ist von Mollwitz an die Schlacht-Dispositionen, wie in den zur Ausführung gelangten Schlachten Friedrichs, der Gedanke der schrägen Schlachtordnung der alles beherrschende.

Recht eigentlich in der Durchführung dieses Gedankens besteht das Persönlich-Schöpferische der Schlachten-Taktik des Königs. Die praktischen wie theoretischen Ansätze, die schon existierten, hatten doch noch keine eigentliche Frucht gebracht. Der Gedanke war eben leicht und er war uralt, aber die Ausführung schwer.

Den einen Flügel stärker zu machen als den andern, ist allerdings einfach. Aber wenn der Gegner das erkennt, macht er entweder dasselbe oder stößt seinerseits vor gegen den schwächeren Flügel des Angreifers. Voll wirksam wird die schräge Schlachtordnung erst, wenn es gelingt, den feindlichen Flügel mit dem Angriffsflügel zu umfassen. Der Gegner bietet aber nicht freiwillig die Flanke, sondern stellt sich möglichst rechtwinklig über die feindliche Anmarschrichtung. Der Angreifer hat also die Aufgabe, angesichts des Feindes eine große Schwenkung oder Drehung zu machen. Das ist um so schwieriger, als die Entwicklung der Elementar-Taktik es sich gebracht hat, daß die ganze Schlachtfront möglichst eine ununterbrochene Linie bilden muß369. Puységur sagt einmal370, früher habe man die Bataillone mit Intervallen schachbrettförmig aufgestellt, aber dadurch seien viele große Schlachten verloren gegangen, da jedes Bataillon durch die Intervalle habe flankiert werden können. Man habe deshalb die Intervalle kleiner gemacht, aber diejenige Ordnung, bei der die Bataillone und Eskadrons ohne alle Intervalle ständen, sei unzweifelhaft[317] die stärkste. So erfuhr man auch in der Friderizianischen Epoche allenthalben. Diese zusammenhängende Front also galt es, mit der Kavallerie und Artillerie, schräg, womöglich umfassend an den Feind zu bringen371.

Die Schrägstellung an sich bringt natürlich noch keinen Vorteil. Dieser entsteht erst dadurch, daß der Angriffsflügel auch der stärkere ist und der versagte Flügel, indem er zurückgehalten wird, eine größere feindliche Macht bindet. Der schräge Anmarsch mit der Übermacht muß also nicht nur überhaupt, sondern auch so schnell erfolgen, daß der Feind keine Gegenmaßregeln treffen kann, daß der Angriff als Überraschung wirkt. Die höchste Steigerung der schrägen Schlachtordnung wird erreicht, wenn es gelingt, die feindliche Front zu überflügeln und sie zu umfassen.

In den Schriften des Großen Generalstabes wird der Begriff der schrägen Schlachtordnung beschränkt auf die Infanterie und deren ununterbrochene zusammenhängende Front. Diesen Gedanken soll der König erst in der Zwischenzeit zwischen dem zweiten und dritten Schlesischen Kriege gefunden haben. Die schräge Schlachtordnung wäre hiernach eine ganz spezifische Unterart der Flügelschlacht und von dieser scharf zu scheiden. Grundsätzlich ist eine solche Festlegung der Terminologie nicht abzulehnen. Sie ist aber in dieser Schärfe nicht angezeigt und nicht durchführbar, weil tatsächlich und historisch die Grenzen fließend sind und auch die Kavallerie und Artillerie nicht ausgeschieden werden dürfen372. Ich möchte die Sache also so fassen: Die schräge Schlachtordnung ist diejenige Form der Flügelschlacht, bei der die ganze Schlachtlinie eine möglichst wenig oder gar nicht unterbrochene Front bildet. Zur Flügelschlacht gehört, daß der eine Flügel vorgeschoben, der[318] andere zurückgehalten wird, daß der Angriffsflügel verstärkt wird und womöglich die feindliche Front in der Flanke oder gar im Rücken packt. Diese Merkmale sind also auch für die Unterform der Flügel-Schlacht, die schräge Schlachtordnung maßgebend. Die schräge Schlachtordnung wird zur Unterform der Flügelschlacht in Anpassung an die Elementar-Taktik der Epoche, aus der sie mit innerer Logik erwächst und herausgebildet wird. Die Verstärkung kann sowohl in der Verstärkung der Infanterie bestehen, indem man dem ersten Treffen noch ein Vortreffen, eine »Attacke«, wie man es nannte, vorausschickt oder eine Reserve folgen läßt, oder auch in einer Verstärkung der Kavallerie oder Artillerie.

Haben wie eben schon gehört, daß der einfache Aufmarsch einer Armee zur Linie keineswegs etwas Selbstverständliches, sondern ein taktisches Kunstwerk war, so war es um so mehr der Aufmarsch zu einer Schrägstellung. Zuerst ordnete Friedrich einfach an, daß der eine Flügel schneller marschieren solle, als der andere. Damit kam man natürlich nicht aus. Die Front mußte dabei zerreißen und wenn die Bataillonsführer suchten die Lücke zu füllen, in Unordnung kommen. Mit unermüdlichem Eifer hat Friedrich in dem Jahrzehnt 1746 bis 1756 theoretisch und praktisch daran gearbeitet, die passendste Form für die Ausführung seiner Idee zu finden373. Nicht weniger als acht verschiedene Arten hat er allmählich konstruiert und ausprobiert, um zu seinen schrägen Aufmarsch zu gelangen. Als die beste Form erschien ihm schließlich der Angriff in Echelons.

Später, bis 1806, hat man diesen Echelon-Angriff, bei dem die Bataillone nicht gleichzeitig antreten, sondern stufenförmig sich aneinander anreihen, mit höchstem Eifer ausgebildet und gepflegt, seine Bedeutung aber ganz außerordentlich überschätzt. Die Wirkung ist schließlich doch nur die,[319] daß die nachgeordneten Bataillone eine ganze kurze Zeit, von Bataillon zu Bataillon kaum Minuten später in der gleichen Linie mit dem zuerst angreifenden Flügel-Bataillon stehen. Die einzige Schlacht, in der die schräge Schlachtordnung mit Echelons einigermaßen der Idee gemäß zur Ausführung gelangt ist, ist Leuthen, und hier war das Entscheidende nicht der Echelon-Angriff, sondern die Tatsache, daß es dem König gelang, die preußische Armee in ihrem Anmarsch mit einer unvermuteten Wendung unbemerkt gegen den linken Flügel der Österreicher zu dirigieren. Er verwandelte den flügelweisen Anmarsch in einem treffenweisen, d.h. die vier Kolonnen, in denen die Preußen anrückten, jede bestehend aus einem Teil des ersten und dem entsprechenden des zweiten Treffens, mit einer fünften Kolonne als Vortreffen schwenkten zugweise auf dem Haken, und marschierten eine gute halbe Meile an der feindlichen Front entlang, bis sie gegenüber dem äußersten linken Flügel der Österreicher angelangt waren. Hier schwenkten die Züge, die den genügenden Abstand von einander gehalten hatten, zur Linie ein374. Es bildeten sich also mit dem Vortreffen drei Treffen, hinter die sich als viertes Treffen die Husaren setzten und in dieser Aufstellung griffen sie den österreichischen Flügel, ohne ihn zu überragen und zu umfassen an; sie waren ihm aber überlegen durch die Tiefe der vier Treffen hintereinander. Daß die Bataillone nun nicht ganz gleichzeitig, sondern echelonweise angriffen, war nicht von wesentlicher Bedeutung, wird auch von dem König in seiner eigenen Darstellung nur ziemlich beiläufig erwähnt375. Die Schrägstellung,[320] die die preußische Front im Moment des Angriffs zu der österreichischen einnahm, wird durch das staffelweise Angreifen der Bataillone noch, so zu sagen, um etwas gesteigert. Das Überwältigende ist aber die kurze, gedrungene Aufstellung, die sich ausschließlich gegen den linken Flügel der Österreicher wandte, den rechten der fast eine Meile langen österreichischen Front aber ganz unberührt ließ. So wurde der linke Flügel der Österreicher geschlagen, ehe er vom rechten aus verstärkt werden konnte. Die Preußen, obgleich nur 40000 gegen mehr als 60000, hatten doch in jedem einzelnen Gefechts-Moment die numerische Überlegenheit.

Das wesentliche ist also nicht der Echelon-Angriff und nicht einmal die schräge Ansetzung des Angriffs, sondern die taktische Übung als solche, die Gewandtheit, die es dem Führer einer preußischen Armee erlaubte, sie in voller Ordnung an der feindlichen Front entlang und an einen feindlichen Flügel so schnell heran- oder womöglich um ihn herumzuführen, daß der Feind nicht dazu gelangte, dieses Manöver seinerseits durch einen Offensivstoß umzuwerfen.

Auch den Gegnern waren ähnliche Gedanken keineswegs völlig fremd. Die Schlacht bei Roßbach ist geradezu ein Gegenstück zu Leuthen. Hildburghausen und Soubise versuchten die preußische Armee zu umgehen; aber indem sie marschierten, waren die Preußen schon aufmarschiert, griffen an, stießen in ihre Marsch-Kolonnen hinein und warfen durch den bloßen Ansturm, fast ohne Verlust, alles über den Haufen. Hätten die Österreicher, bei Leuthen, statt in ihrer Defensiv-Stellung zu verharren, rechtzeitig einen solchen Offensiv-Stoß in die marschierenden Preußen hinein gemacht, so hätten sie sicherlich die Schlacht gewonnen.

Das Infanterie-Gefecht vom Dreißigjährigen Kriege bis zum Spanischen Erbfolgekriege wird nicht selten zu einem aufgelösten Örtlichkeits-Gefecht und mit großer Hartnäckigkeit durchgeführt. Die schärfere Exerzierübung, die immer stärkere Akzentuierung des[321] taktischen Körpers veränderte auch den Charakter des Gefechts. Der Kampf um die Örtlichkeiten wurde nach Möglichkeit vermieden, da er den taktischen Körper auflöste. Friedrich verbot ausdrücklich, daß die Soldaten in Häuser gesteckt würden. General von Höpfner in seiner Geschichte des Krieges von 1806 schildert die Fridericianische Taktik sehr richtig (S. 480).

»Es kam in ihr Alles darauf an, mit dem ersten Stoß zu entscheiden. Man ging mit der ganzen Masse in Linie vor, gab ein Paar Bataillonssalven und griff dann zum Bajonett. Was damit nicht erreicht werden konnte, war nicht zu erreichen. Der große König hatte das Bedenkliche dieser Fechtart, wenn er so mit Eins alle Kräfte in den Schlund des Gefechts stürzte, wohl erkannt; er wußte aber kaum andere Gegenmittel zu finden, als den Angriff mit zurückgehaltenem Flügel und in Echelons, wo dann wenigstens ein Teil noch augenblicklich zur Disposition blieb. Das war indessen kein durchgreifendes Mittel, sondern führte gegen einen Feind, der nicht durch den ersten Stoß überrascht wurde, nach wenigen Momenten zu einem Parallelgefecht mit allen Kräften.«

Eine scharfe Grenzlinie ist natürlich nicht zu ziehen; auch unter Friedrich ist nicht immer alles mit dem ersten Stoß entschieden gewesen, sondern es haben sich längere Gefechte entsponnen, aber im allgemeinen ist zu sagen, daß, merkwürdig genug, unter Eugen und Malborough die Schlachten den napoleonischer ähnlicher sind als die fridericianischen. Die Feldherren wie die Truppen bewegen sich freier. Gerade die vorzügliche Ausbildung der Mechanik der militärischen Bewegungen und Handlungen durch den preußischen Exerzierplatz bindet an diese Mechanik und erschwert das freiere Fechten.

Indem die Preußen die Linear-Taktik zur höchsten Wirksamkeit potenzierten, wurde dadurch ihre natürliche Schwäche nicht nur nicht gemindert, sondern eher noch gesteigert. Diese ausgerichteten, salvenschießenden Bataillone wurden durch jede Unebenheit im Gelände in Unordnung gebracht und konnten weder ein Dorf- noch ein Waldgefecht führen. Das war um so empfindlicher, als die Österreicher an ihren Kroaten eine sehr brauchbare leichte Infanterie besaßen, die das zerstreute Gefecht als Naturburschen zu führen verstanden. Das preußische Salvenfeuer kam gegen die[322] aus der Deckung feuernden Irregulären nicht auf. Bei Lowositz und bei Kollin haben sie auch in der rangierten Schlacht eine große Rolle gespielt, und daß die Preußen bei Leuthen gewannen, dabei hat vielleicht mitgespielt, daß die Kroaten nicht zur Stelle gewesen zu sein scheinen.

Bei Beginn des Siebenjährigen Krieges errichtete der König vier Freibataillone als leichte Infanterie, am Schluß hatte er 26. Aber diese Freibataillone konnten den Panduren und Kroaten nicht die Wage halten. Maria Theresia hatte in den Grenzern, die selber noch halbe Barbaren, in einem dauernden Kriege mit den Türken lebten, eine eigentümliche Quelle kriegerischer Tüchtigkeit, die dem König von Preußen fehlte. Immer wieder klagte er, welchen Schaden ihm diese undisziplinierten Scharen im kleinen Kriege, durch ihre Schleierbildung und durch die Beobachtung seiner eigenen Bewegungen zufügten. Wie viel die preußischen Freibataillone tatsächlich geleistet haben, ist aus der Überlieferung nur stückweise und unsicher zu erkennen. Obgleich einzelne erfolgreiche Züge erzählt werden, so hat der König selbst von der Truppe nicht viel gehalten. Dem General Tauentzien schrieb er einmal (24. Mai 79), die Offiziere dieser Bataillone seien »gemeiniglich liederliches und schlechtes Zeug«. Diese Truppe war ihm so zu sagen nur ein unvermeidliches Übel, und sie konnte um so weniger etwas Hervorragendes leisten, als Friedrich selber ihr Wesen nicht richtig erfaßt und ihr keine ihrer Natur entsprechende Ausbildung gegeben hat. Um im aufgelösten Gefecht etwas zu leisten, hätte die Mannschaft entweder einen starken kriegerischen Naturtrieb mitbringen müssen, wie die Kroaten, Panduren und Kosaken, oder aber einen sehr guten Willen, der systematisch zur kriegerischen Leistung erzogen wurde. Aber für den Gedanken einer solchen Ausbildung war im preußischen Offizierkorps kein Raum. Kein Geringerer als Ferdinand von Braunschweig schrieb von den österreichischen Panduren und Kroaten, daß sie »immer wie Diebe und Räuber hinter Bäumen versteckt sind und sich nie im offenen Felde zeigen, wie es braven Soldaten geziemt«376. Nicht viel anders dachte der König selbst. Sollte er einem so verwerflichen Geist in seiner eigenen Armee[323] systematisch züchten? Da sie nun aber doch einmal unentbehrlich waren, so entstand eine greuliche Mißgestalt.

Die preußischen Freibataillone waren nicht besser, sondern noch schlechter zusammengesetzt als die Linien-Bataillone; ihnen fehlten die Landeskinder, es waren Abenteurer, Deserteure, Vagabunden, die sich von der regulären Infanterie nur dadurch auszeichneten, daß ihnen das fehlte, was diese stark machte, nämlich die Disziplin. Mit Gewalt Gepreßte konnte man in der ausgerichteten Linie dahin bringen, daß sie ausführten, was man von ihnen verlangte, aber nicht im Schützengefecht, wo der Mann nach eigener Einsicht und Willen Deckung nimmt, vorgeht und ficht. Es ist erstaunlich genug, daß einzelne Führer wie Mayer, Guichard, Graf Hardt mit diesen beinahe Räuberbanden doch erfolgreich gekämpft haben377.

Neben den Freibataillonen wurden auch Jägerkompagnien errichtet zu ähnlichen Zwecken wie jene, aber ganz umgekehrt wie sie aus besonders tüchtigen, zuverlässigen Leuten zusammengesetzt, Söhne von einheimischen Förstern, denen selbst Aussicht auf Anstellung im Forstdienst eröffnet wurde.

Die Entwicklung der Kavallerie haben wir verfolgt bis auf Gustav Adolf, der die Caracole abschaffte, die Pistole auf die Funktion einer Hilfswaffe herabsetzte und den geschlossenen Choc mit dem Pallasch als die prinzipielle Angriffsmethode befahl. In dieser Geschlossenheit so lang und so schnell zu machen, wie es nur möglich war. Das war aber sehr schwer. Es gehörten dazu sehr viel Übungen und diese Übungen griffen die Pferde sehr an. Die Obersten also, die ihr Pferdematerial zu schonen wünschten, ließen es bei kürzeren Attacken im Trab oder mit einem kurzen Schluß-Galopp bewenden. Prinz Eugen befahl wohl den Angriff in der Karriere, konnte ihn aber nicht durchsetzen. Friedrich Wilhelm I. war ohne Verständnis für die Reiterwaffe, und so vortrefflich sich die von ihm geschulte Infanterie in der Schlacht bei Mollwitz bewährt, so wenig leistete in dieser Schlacht die[324] preußische Kavallerie. Sie wurde von der allerdings auch unmerklich überlegenen österreichischen Kavallerie völlig geworfen und vom Schlachtfelde vertrieben. König Friedrich flößte ihr einen neuen Geist ein; schon im nächsten Jahr bei Chotusitz zeigte sie sich ganz anders und in dem Jahrzehnt vor dem Siebenjährigen Kriege wurde die Leistung immer höher getrieben. Während er im Jahre 1748 sich noch mit Attacken von 700 Schritt begnügt hatte, forderte er 1755 1800 Schritt, das letzte Stück in voller Karriere. Er forderte von den Kommandeuren, daß sie sich niemals attackieren lassen sollten, sondern immer selber attackieren. »Wenn dergestalt die große Mauer geschlossen und mit Impetuosität auf einmal an den Feind herankommt, so kann ihr ohnmöglich etwas Widerstand thun«. Von Seydlitz soll das einmal so ausgedrückt sein, die Kavallerie gewinne das Gefecht nicht mit dem Säbel, sondern mit der Reitpeitsche. Oder »bei der Attacke sechs Mann hoch und ein Hundsfott, wer sich hinten herausdrängen läßt«. Der geschlossene taktische Körper verschlingt den einzelnen Reiter so sehr, daß der König das Handgemenge möglichst ausgeschlossen zu sehen wünscht; denn »dabei dezidiret der gemeine Mann die Sache« und darauf könne man sich nicht verlassen. Deshalb sollten die Schwadronen nicht nur in sich ganz geschlossen, Bügel an Bügel oder gar Knie an Knie reiten, sondern auch im ersten Treffen zwischen den Schwadronen fast keine Intervalle sein und die Attacke über das erste feindliche Treffen hinaus, dieses vor sich hertreibend und das zweite feindliche Treffen sprengen, und erst nach diesem zweiten Erfolg nimmt er das Handgemenge als zulässig an378.

Die österreichische Kavallerie soll noch im Siebenjährigen Kriege, ehe sie die Klingen gebrauchte, gefeuert haben379.

In Frankreich wurde die Entwicklung dadurch gehemmt, daß Pferde und Ausrüstung bis auf eine Neuorganisation durch den[325] Herzog von Choiseul (1761 bis 1770) den Kapitänen gehörten, die keine Abnutzung wollten. Schritt und Trab blieben die einzigen Gangarten. Erst Graf St. Germain setzte 1776 die Attacke in vollem Laufe durch380.

Von der Attacke in der Karriere schreibt General von der MARWITZ381 : »Durchbrechen muß diese Masse allemal. Möglich, daß sie zur Hälfte zusammengeschossen wird, oder in einen Hohlweg stürzt, wobei Hunderte den Hals brechen. Unmöglich aber, daß sie stutzt oder gar umkehrt, denn in diesem Getümmel, Brausen und Toben, wenn viele 100 Pferde in einem dichten Klumpen vorwärts jagen, bleibt auch der beste Reiter nicht Herr seines Pferdes – sie gehen alle durch. Behielte aber auch einer oder der andere das seinige in der Gewalt, so ist dennoch an Aufhalten nicht zu denken, denn er würde augenblicklich von den hinter ihm Durchgehenden übergeritten. Es leidet also keinen Zweifel: wird eine solche Attacke unternommen, so entsteht ein Loch, oder man sieht das Regiment nicht wieder.«

Wie nun, wenn zwei solcher Attacken aufeinanderprallten?

Wie wir oben gehört haben, daß wirkliche Bajonettkämpfe kaum je vorgekommen seien, so soll auch nach einer Untersuchung382 von General WENNINGER der Fall, daß zwei Eskadrons mit voller Wucht und Geschlossenheit in der Attacke aufeinander getroffen seien, niemals vorgekommen seien. Beide Teile würden dabei zu Falle kommen.

Dasselbe schreibt General PUSYREWSKI »Untersuchung über den Kampf« (Warschau 1893): »Ein wirklicher Zusammenstoß existiert niemals: der moralische Eindruck des einen der Gegner wirft immer den anderen ein bißchen früher, ein bißchen später und sei es auch erst in der Entfernung einer Rasenlänge, um; vor dem ersten Säbelhieb ist die eine Partei schon geschlagen und wendet sich zur Flucht. Durch einen wirklichen Zusammenstoß würden beide Teile vernichtet werden. In der Praxis verliert der Sieger kaum einen Mann«.[326]

Bei einem Angriff auf Infanterie ergibt sich nach General von der MARWITZ ein ganz anderes Bild. Er schreibt (Schriften II, 147): »Wer je einen Kavallerie-Angriff mitmachte, dem Feinde entgegenging, weiß gewiß, daß kein einziges Pferd Luft bezeigt, in die anrückende Masse einzudringen, daß vielmehr jedesmal alle stutzen und umzukehren suchen. Wenn der Angriff nicht vollständig mißlingen soll, muß jeder Reiter sein Tier daran hindern«, es also hineintreiben.

Um das zu erreichen, ritten die Franzosen eng geschlossen, aber langsam.

Diese Schlachten-Kavallerie war nun sehr wenig geeignet für den so wichtigen Dienst der Aufklärung, ja sogar der Verfolgung. Man hat wohl gesagt, die Führer jener Zeit hätten nicht verstanden, die Kavallerie zur Aufklärung zu gebrauchen. Friedrich selber fühlte sich, als er 1744 bis in das südliche Böhmen vorgedrungen war, wie abgeschnitten und konnte, obgleich er fast 20000 Mann Kavallerie hatte, längere Zeit nicht herausfinden, wo die österreichische Armee sich befand. Ähnlich ging es noch 1759 der Armee des Grafen Dohna, die den Auftrag hatte, ins Posensche einzudringen und die Russen zu fassen. Man glaubte offenbar, schreibt das Generalstabswerk (X, 175), diese kostbare, schwer zu ersetzende Waffe nicht aus der Hand geben zu dürfen, und wurden wirklich einmal einzelne Patrouillen weit vorgesandt, so geschah nichts, um ihnen ein rechtzeitiges Zurückmelden zu ermöglichen. Diese Ungeschicklichkeit dürfte aber ihren tieferen Grund darin haben, daß die Kavallerie viele unzuverlässige Leute zählte, gewiß entfernt nicht so viele, wie die Infanterie, aber doch zu viele, um sie in Patrouillen aufgelöst durchs Land zu schicken. Wie bei der Infanterie war ja der ganze Geist der Ausbildung nicht auf die Leistung des Einzelkriegers, sondern des festen taktischen Körpers gerichtet, der Aufklärungsdienst aber fordert die Ausbildung jedes einzelnen Mannes zur Selbständigkeit und Selbsttätigkeit. Es ist also nicht sowohl die mangelnde Befähigung der höheren Führer als das natürliche Ergebnis des ganzen Systems, das die hohe, aber einseitige Tüchtigkeit der Kavallerie bedingte.

Friedrich hat diesen Mangel früh erkannt und bildete, wie bei der Infanterie, so auch bei der Reiterei eine eigene Waffengattung[327] aus, die Lücke zu füllen. Das sind die Husaren, die nicht zur Kavallerie gerechnet wurden. Sein Vater hatte ihm nur 9 Eskadrons davon hinterlassen; Friedrich vermehrte sie auf 80. Er sah in ihnen kriegs-, abenteuer- und auch wohl beutelustige Gesellen, die in einer gewissen halben Freiheit gehalten, nicht desertionsverdächtig waren, deshalb sogar zur Verhütung der Desertion bei den anderen Truppenteilen benutzt werden konnten, eben deshalb aber für das, was er von seiner Kavallerie in der Schlacht verlangte, zu locker. Bei Leuthen bildeten sie hinter der Infanterie ein viertes Treffen. Bei Verfolgungen ist besonders auf sie gerechnet.

Schon vor dem Siebenjährigen Kriege ist aber die Husaren-Ausbildung der der anderen Reiter-Regimenter mehr angeglichen worden.

Mehr als ein Viertel der friderizianischen Feld-Armee bestand (Dezember 1755) aus Reitern (31000 gegen 84000 Mann Infanterie). In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte das Fußvolk sehr überwogen; in der zweiten Hälfte, als sich die Umbildung der Ritterschaft in Kavallerie vollzog, wuchs diese wieder und erreichte im 30jährigen Kriege zuweilen die Hälfte und mehr als die Hälfte. Bei den stehenden Heeren wuchs wieder die billigere Waffe, die Infanterie; unter dem Großen Kurfürsten machte die Kavallerie nur ein Siebentel aus. Dann wurde sie allmählich wieder vermehrt bis zu dem Maximum unter Friedrich.

Wie die beiden anderen Waffen, so wurde auch die Artillerie immer weiter verbessert und in ihrer Wirkung potenziert. Als speziell neue Erscheinung schuf Friedrich die reitende Artillerie. Auf die Einzelheiten der Geschütze, die bald nach der Seite der Erleichterung und der Beweglichkeit, bald der Verstärkung durch schweres Kaliber und Zusammenfassung in Batterien erstrebt wurde, wollen wir nicht eingehen. Die hauptsächlichste Veränderung in dieser Waffe, nämlich die ungeheure Vermehrung der schweren Artillerie, ging nicht von den Preußen, sondern von den Österreichern aus, die in ihr ihren Schutz gegen den preußischen Angriffsgeist suchten und fanden. Mit Seufzen hat sich dann Friedrich der Notwendigkeit, den Österreichern auf diesem Wege zu folgen gefügt. Bei Mollwitz hatte die österreichische Armee[328] 19 Geschütze, eins auf das Tausend der Mannschaft, die Preußen 23 oder 21/2 auf das Tausend. Bei Torgau hatten die Österreicher 360 Geschütze oder gut sieben, die Preußen 276 oder gut sechs aufs Tausend.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 304-329.
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