Nachmittagssitzung.

[203] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Mir liegt sehr daran, keine unnötige Zeit zu verschwenden. Euer Lordschaft werden sich vielleicht erinnern, daß Dr. Siemers im Hinblick auf die Zusammenkunft vom 22. August einen Punkt vorbrachte, der sich auf die beiden in den Dokumenten 1014-PS und 798-PS einerseits und in der Erklärung von Admiral Boehm andererseits enthaltenen Berichte über diese Sitzung bezog. Ich habe eine vergleichende Aufstellung auf englisch und deutsch anfertigen lassen, die aufzeigt, in welchen Punkten sich die beiden Berichte ähnlich sind. Ich halte es für zweckdienlich, diese Aufstellung so vorzulegen. Dr. Siemers kann sich das deutsche Exemplar ansehen und zu gegebener Zeit irgendeinen Kommentar dazu geben. Das scheint besser zu sein, als Zeit dadurch zu verlieren, daß man den Zeugen über irgendwelche Abweichungen in diesen Berichten im Kreuzverhör vernimmt. Mit Erlaubnis des Gerichtshofs, Euer Lordschaft, lege ich jetzt dieses Dokument vor und lasse Dr. Siemers eine Abschrift davon geben, damit er zu gegebener Zeit den Gerichtshof auf irgendwelche Punkte aufmerksam machen kann.

VORSITZENDER: Stammen diese Berichte nicht von Admiral Boehm?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Der Bericht der Anklagevertretung befindet sich in den beiden Dokumenten 798-PS und 1014-PS.


VORSITZENDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mein Kollege, Herr Alderman, erwähnte noch ein weiteres Dokument, aber hat es nicht vorgelegt. Dieser Bericht stammte von einem Journalisten und war der erste Bericht, der der Anklage zur Verfügung stand. Als sie jedoch dann die beiden Berichte aus dem Archiv des OKW erhielt, machte sie von dem ersten keinen Gebrauch; ich habe daher nur die beiden Berichte aus dem OKW-Archiv und den Bericht von Admiral Boehm verwendet.


VORSITZENDER: Ja, aber sind dann nicht insgesamt drei Dokumente vorhanden, abgesehen von dem einen, das Sie ausgelassen haben?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft, ich habe beide einzeln vorgenommen und sie mit Admiral Boehms Bericht verglichen.


VORSITZENDER: Sehr gut.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich werde also meine Befragung über diesen Punkt nicht fortsetzen. Das wird, glaube ich, Zeitgewinn bedeuten.

[203] VORSITZENDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: [zum Zeugen Raeder gewandt] Angeklagter! Sehen Sie sich bitte Dokument 789-PS an auf Seite 261 des Buches 10a im englischen, und Seite 438 bis 440 im deutschen Text, Seite 438 bis 440. Hier handelt es sich um die Niederschrift über eine Besprechung bei Hitler vom 23. November 1939, zu der alle Oberbefehlshaber befohlen waren. Sehen Sie die Stelle am Anfang, Seite 438 bis 440? Sehen Sie, daß alle Oberbefehlshaber dazu befohlen sind? Waren Sie dabei?


RAEDER: Jawohl, es war die Unterredung mitten im Kriege schon, am 23. November 1939.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja. Waren Sie anwesend?


RAEDER: Ich war anwesend.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wer waren die anderen Oberbefehlshaber, die anwesend waren?


RAEDER: Oberbefehlshaber des Heeres, der Luftwaffe und eine große Anzahl von Generalen des Heeres.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Oberbefehlshaber?


RAEDER: Jawohl, aber im Heer...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte, daß Sie sich den Absatz ansehen, der anfängt:

»Ein Jahr später kam Österreich, auch dieser Schritt wurde für sehr bedenklich angesehen.«

Haben Sie diesen Absatz?

RAEDER: Jawohl, ich habe es.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke sehr. Schauen Sie sich nun die nächsten Sätze an:

»Er brachte eine wesentliche Stärkung des Reichs. Der nächste Schritt war Böhmen, Mähren und Polen. Aber dieser Schritt war nicht in einem Zuge zu tun. Zunächst mußte im Westen der Westwall fertiggestellt werden. Es war nicht möglich, das Ziel in einem Anhieb zu erreichen. Vom ersten Augenblick an war mir klar, daß ich mich nicht mit dem sudetendeutschen Gebiet begnügen könnte. Es war nur eine Teillösung. Der Entschluß zum Einmarsch in Böhmen war gefaßt. Dann kam die Errichtung des Protektorats, und damit war die Grundlage für die Eroberung Polens gelegt, aber ich war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht im klaren, ob ich erst gegen den Osten und dann gegen den Westen oder umgekehrt vorgehen sollte. Moltke hat seinerzeit oft die gleichen Überlegungen angestellt. Zwangsläufig kam es erst zum [204] Kampf gegen Polen. Man wird mir vorwerfen: Kampf und wieder Kampf. Ich sehe im Kampf das Schicksal aller Wesen. Niemand kann dem Kampf entgehen, falls er nicht unterliegen will. Die steigende Volkszahl erforderte größeren Lebensraum. Mein Ziel war, ein vernünftiges Verhältnis zwischen Volkszahl und Volksraum herbeizuführen.«

Ungeachtet Ihrer Auffassung zu diesem Zeitpunkt wurde Ihnen dann doch klar, daß Hitler selbst in all jenen Fällen, die ich Ihnen heute früh vorgehalten habe, ein konsequentes und klares Angriffsziel verfolgt hat. Nicht wahr?

RAEDER: Jawohl, aber wir waren nun mitten im Kriege schon, und er gab rückblickend diese Dinge, und zweitens wollte er den Generalen, mit denen er ja zu der Zeit einen Konflikt hatte, darlegen, daß er mit seinen politischen Überlegungen immer recht behalten hätte. Deswegen führte er alle diese einzelnen Punkte noch einmal an.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich nun bitte Seite 445 bis 448 zuwenden. Seite 264 im englischen Dokumentenbuch, im deutschen Seite 445 bis 448. Haben Sie es?


RAEDER: Ja, würden Sie vielleicht lesen, ich habe hier ein...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist der Absatz, der beginnt: »Wir haben eine Achillesferse: das Ruhrgebiet.«

RAEDER: Ja, ich habe es.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich die Mitte des Absatzes ansehen! Dort finden Sie:

»England kann ohne seine Zufuhr nicht leben. Wir können uns selbst ernähren. Die dauernde Minenverseuchung der englischen Küste wird England auf die Knie zwingen.«

Haben Sie diese Stelle?

RAEDER: Jawohl...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke. Hören Sie mir nun bitte zu!

»Dies kann aber nur erreicht werden, wenn wir Belgien und Holland besetzt haben. Es ist ein schwerer Entschluß für mich. Keiner hat das geschaffen, was ich geschaffen habe. Mein Leben spielt keine Rolle dabei. Ich habe das deutsche Volk zu großer Höhe geführt, wenn man uns auch jetzt in der Welt haßt. Dieses Werk setze ich auf das Spiel. Ich habe zu wählen zwischen Sieg oder Vernichtung. Ich wähle den Sieg. Größter historischer Entschluß, zu vergleichen mit dem Entschluß Friedrichs des Großen vor dem Ersten Schlesischen Krieg. Preußen verdankt seinen Aufstieg dem Heroismus eines Mannes.«

[205] Und dann noch mehr über Friedrich den Großen und Bismarck:

»Mein Entschluß ist unabänderlich. Ich werde Frankreich und England angreifen zum günstigsten und schnellsten Zeitpunkt. Verletzung der Neutralität Belgiens und Hollands ist bedeutungslos. Kein Mensch fragt danach, wenn wir gesiegt haben. Wir werden die Verletzung der Neutralität nicht so idiotisch begründen wie 1914. Wenn wir die Neutralität nicht verletzen, so tun es England und Frankreich. Ohne Angriff ist der Krieg nicht siegreich zu beenden.«

Können Sie sich noch daran erinnern, Angeklagter, daß das genau drei Wochen nach Herausgabe der Pläne für den Fall »Gelb«, das heißt für den Angriff auf Holland und Belgien am 10. November, war? Erinnern Sie sich daran?

RAEDER: Daß dies hier besprochen worden ist, weiß ich. Ich weiß aber, wir waren schon im Kriege mit England, infolgedessen war ein Angriff auf England und Frankreich in diesem Stadium ja gar nicht mehr zu erörtern und...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie waren mit Holland und Belgien nicht im Kriege, nicht wahr?


RAEDER: Bitte, ich möchte gern zu Ende reden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Verzeihung, ich dachte, Sie hätten bereits zu Ende geredet.


RAEDER: Hier steht:

»Wenn die französische Armee in Belgien einmarschiert, um uns anzugreifen, ist es für uns zu spät. Wir müssen zuvorkommen.«

Denn Hitler erklärte damals, er hätte bestimmte Nachricht, daß Belgien die Neutralität nicht wahren würde, und es lägen auch schon Nachrichten vor, daß gewisse Vorbereitungen für die Aufnahme von französischen und englischen Truppen und so weiter schon getroffen wären, und aus diesem Grunde wollte er einem Angriff aus Belgien heraus gegen uns zuvorkommen. Er hatte sich im übrigen noch in seiner Rede vom 22. August 1939 ganz entgegengesetzt geäußert, indem er sagte, Belgien und die Niederlande würden ihre Neutralität nicht brechen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Waren Sie mit seiner Erklärung einverstanden:

»Verletzung der Neutralität Belgiens und Hollands ist bedeutungslos. Kein Mensch fragt danach, wenn wir gesiegt haben.«

Stimmten Sie mit dieser Ansicht überein?

RAEDER: Nein, das ist nicht gerade meine Ansicht, aber ich hatte keine Veranlassung meinerseits, gegen diese Ansprüche irgendwelchen Protest einzulegen in diesem Moment.

[206] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Ansicht der Seekriegsleitung über den U-Bootkrieg wurde ihm einen Monat später vorgelegt, nicht wahr? Wissen Sie noch, daß Sie am 30. Dezember mit Hitler zusammenkamen? Generaloberst Keitel und Fregattenkapitän von Puttkamer waren auch anwesend.


RAEDER: Jawohl, ich war am 30. Dezember mit ihm zusammen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann verweise ich Sie auf ein neues Dokument, C-100, GB-463.


VORSITZENDER: Sir David! Sollte dieses Dokument nicht mit einer Beweisstücknummer versehen werden?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft haben recht. Ich glaube, es würde zweckdienlicher sein, wenn wir ihm zwei Nummern geben, eine für jedes PS-Originaldokument. Euer Lordschaft, der Vergleich...


VORSITZENDER: 1014-PS hat schon eine Nummer.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft, es hat schon eine Nummer.


VORSITZENDER: Ich dachte, das Vergleichsdokument sollte vielleicht auch eine Nummer erhalten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Bestimmt. Ich schlage vor, wir bezeichnen das Dokument für den Vergleich mit 798-PS als GB-464 und das für den Vergleich mit 1014-PS als GB-465.

VORSITZENDER: Soviel ich sehe, habe ich hier nur eines bekommen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bekomme noch einige mehr, Euer Lordschaft. Leider habe ich augenblicklich nur eine beschränkte Anzahl, aber ich werde noch mehr anfertigen lassen.

464, 798; GB-465 entspricht 1014-PS. GB-464 ist der Vergleich zwischen 798-PS und dem Raeder-Dokument und GB-465 ist der Vergleich von 1014-PS mit dem Raeder-Dokumentenbuch.

Ich bin Euer Lordschaft sehr verbunden.


VORSITZENDER: Und jetzt kommen Sie zu C-100?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft, C-100.

Angeklagter! Wollen Sie bitte einige Seiten umblättern, bis Sie einen Bericht vom 30. Dezember 1939 finden; und danach ist eine Anlage zu dem Vortrag beim Führer am 30. Dezember 1939.

Sehen Sie sich bitte Abschnitt IV an, in dem es heißt:

»Hinsichtlich der Form und des Zeitpunktes zum Eintritt weiterer Verschärfungen des Seekrieges ist von ausschlaggebender Bedeutung die Entscheidung der obersten Kriegsleitung über den Beginn der allgemeinen Kriegsverschärfung durch eine Offensive im Westen.«

[207] Haben Sie das, Absatz IV?

RAEDER: Seite?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube, die Seitennumerierung ist verschieden.


RAEDER: »Hinsichtlich der Form«, jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE:

»Hinsichtlich der Form und des Zeitpunktes zum Eintritt weiterer Verschärfungen des Seekrieges ist von ausschlaggebender Bedeutung die Entscheidung der obersten Kriegsleitung über den Beginn der allgemeinen Kriegsverschärfung durch eine Offensive im Westen.

I. Möglichkeit:

Die Entscheidung des Führers fällt zugunsten einer in kürzester Frist anlaufenden Westoffensive im Rahmen der bisher hierfür erteilten Weisungen unter Verletzung der Neutralität anderer Staaten:

In diesem Fall stellen die verschärfenden Maßnahmen der Seekriegführung in ihrer politischen Auswirkung nur einen kleinen Teil der Gesamtkriegsverschärfung dar. Der allmähliche Übergang zur verschärften Form der Seekriegführung innerhalb der amerikanischen Sperrzone mit dem Endziel eines rücksichtslosen Ansatzes aller Kampfmittel zur Unterbindung jeglichen Handelsverkehrs nach England wird daher mit Beginn der Offensive in Vorschlag gebracht.

Eine sofortige Vorwegnahme einzelner Verschärfungsmaßnahmen des Seekrieges ist nicht erforderlich. Der Beginn der allgemeinen Kriegsverschärfung wird abgewartet. Die wohlwollend Neutralen (Italien, Spanien, Japan und Rußland sowie Amerika) sind, soweit irgend möglich, zu schonen.«

Stimmt es nicht, daß Sie damit rechneten, die Neutralitätsverletzung der Niederlande durch Hitler würde die von Ihnen im Seekrieg beabsichtigten erbarmungslosen Methoden decken, da sie ja eine bedeutungsvollere Maßnahme darstellte. Stimmt das nicht?

RAEDER: Nein.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was war denn Ihre Absicht, wenn nicht diese? War Ihre Absicht nicht genau das, was ich Ihnen vorgehalten habe?


RAEDER: Hitler wollte mit dem Beginn der Westoffensive auch zur See eine gewisse energischere Kriegsführung haben und deswegen hat er mich aufgefordert, ich möchte die Verschärfungen, die ich auf Grund des Verhaltens der englischen Streitkräfte schon berechtigt war einzuführen, erst zu diesem Zeitpunkt einführen. [208] Diese Verschärfungen waren in der Denkschrift sehr genau überlegt und erfolgten Zug um Zug auf die verschiedenen Schritte, die England unternommen hatte.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zu dieser Denkschrift kommen wir noch. Sie brauchen keine Angst zu haben, daß ich das übergehe. Aber im Augenblick halte ich Ihnen folgendes vor: Sie haben nicht nur die Neutralitätsverletzung von Holland und Belgien gebilligt, sondern Sie waren zugunsten der Marine bereit, sie mit einem verschärften U-Bootkrieg zu unterstützen. Stimmt das?


RAEDER: Das ist eine Verdrehung meiner Worte. Ich hatte mit dieser Neutralitätsverletzung gar nichts zu tun, denn wir sind nicht mit eingerückt in die beiden Länder, sondern ich hatte nur das Interesse, den U-Bootkrieg Zug um Zug zu verschärfen, um den Maßnahmen der Engländer, die auch gegen das Völkerrecht verstießen, entgegenzutreten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zum U-Bootkrieg kommen wir später. Im Augenblick möchte ich der Reihe nach vorgehen. Nur noch zwei Punkte über den Angriffskrieg. Ich komme jetzt zu... lassen Sie das Dokument im Augenblick beiseite. Haben Sie keine Sorge, Angeklagter, ich komme darauf zurück. Ich will, daß Sie mir in einem oder zwei Punkten im Hinblick auf Norwegen behilflich sind.

Sie waren bereit, sich damit abzufinden, daß Norwegen neutral blieb und nicht besetzt wurde, solange Sie in neutralen Gewässern einen geschützten Seeweg bis zur norwegischen Küste hatten, stimmt das? Es war wichtig für Sie, einen Seeweg in neutralen Gewässern zu besitzen, so daß nicht nur Ihre Schiffe, sondern auch Ihre U-Boote eine Operationsbasis in neutralen Gewässern hatten. Stimmt das?


RAEDER: Nein, die Entstehung des Norwegenfeldzuges habe ich ganz klar in Dokumenten dargelegt. Es war die Gefahr, daß die Engländer Norwegen besetzen würden, was wir durch Nachrichten verschiedenster Art zur Kenntnis bekommen hatten. Selbstverständlich, wenn wir gezwungen waren, die norwegische Küste zu besetzen, hatten wir neben den vielen Nachteilen, die ich ja auch auseinandergesetzt habe, auch den Vorteil, daß wir diesen und jenen Stützpunkt für unsere Atlantik-U-Boote gewannen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie vor dem Gerichtshof behaupten, daß die Marine ernstlich glaubte, die Engländer wollten Norwegen besetzen?


RAEDER: Aber ganz bestimmt glaubte ich das; denn ich hatte so viele Nachrichten darüber, daß ich gar nicht daran zweifeln konnte, und es hat sich ja dann nachher voll bestätigt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann verweise ich Sie auf einen oder zwei typische Marineberichte. Wir wollen auf das Dokument [209] noch nicht zurückkommen, wollen aber davon ausgehen, um Zeit zu sparen.

Am 13. März 1940, wie Sie sich erinnern, schrieb General Jodl in sein Tagebuch, daß der Führer immer noch nach einer Ausrede suche. Wissen Sie das noch? Sie wissen das doch noch, nicht wahr?


RAEDER: Ich habe bereits einmal auseinandergesetzt, daß der Ausdruck »Ausrede« falsch ist, falsch übersetzt. Jodl hat geschrieben »Begründung«. Aber auch daß dieses falsch ist... ich bitte, mich ausreden zu lassen..., daß aber auch dieses falsch ist, weil der Führer ja Gründe am laufenden Band hatte und diese schon in der Weisung, die er am 1. März herausgegeben hatte, niedergelegt hatte, so daß wir alle sie kannten. Ich habe gesagt, daß er mit dem Ausdruck »Begründung« wohl meinte, daß er noch keine diplomatische Note hatte aufstellen lassen, er hatte ja dem Außenminister damals noch gar nichts davon gesagt. Das habe ich neulich auf meinen Eid ausgesagt, das sage ich auch heute auf meinen Eid aus.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, das ist also Ihre Auslegung. Dann verweise ich Sie jetzt auf Ihr eigenes Beweisstück Nummer 81 im Raeder-Dokumentenbuch V, Seite 376.


RAEDER: Kann ich das Dokumentenbuch V bekommen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: O, Verzeihung, Sie haben es nicht; ich werde es Ihnen überreichen lassen. Hier handelt es sich um den ersten Punkt, das Eingreifen der Engländer in norwegischen Gewässern und heißt folgendermaßen:

»Eine Prüfung der Frage, ob ein massives Eingreifen der Engländer in die norwegischen Hoheitsgewässer so unmittelbar bevorstehe, daß Gefahr für die laufende deutsche Schifffahrt bestehe, ergibt die Auffassung, daß dies zur Zeit nicht anzunehmen sei. Die Erztransporte sollen weiterlaufen, zumal noch keine Verluste eingetreten sind.«

Waren Sie dahingehend informiert, daß am 22. März kein massives Eingreifen der Engländer in norwegischen Gewässern zu erwarten war?

RAEDER: Das war keineswegs meine Auffassung, sondern das war die Auffassung des Kapitäns zur See Fricke, der damals Chef der Operationsabteilung war und der in dieser ganzen Frage mit mir nicht ganz übereinstimmte. Er war der Ansicht, man solle die Engländer erst nach Norwegen reinlassen, dann sollte man sie von Schweden aus wieder rauswerfen, eine ganz verdrehte Idee, die ich in keiner Weise billigen konnte. Ich hatte so klare Nachrichten von Quisling und Hagelin gerade in der Zeit im März, zweite Hälfte, daß gar kein Zweifel mehr daran war, daß die Engländer in absehbarer Zeit in massiver Weise eingreifen würden.

[210] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sagen, das sei die Ansicht von Admiral Fricke gewesen, und Sie hätten ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt. Nun, wir wollen sehen...

RAEDER: Ich habe mich nicht darum gekümmert.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wissen, daß Admiral Aßmann, den Sie als einen verläßlichen Historiker bezeichnet haben, ein Tagebuch in Stichwortform führte, und daß er am folgenden Tage eine Eintragung über eine Zusammenkunft zwischen Ihnen und Hitler gemacht hat. Er schreibt wie folgt; es stammt dies vom gleichen Tage.

Sie haben es vielleicht gelesen, da er Ihren Vorschlag, auf der Höhe von Halifax U-Boote einzusetzen, zurückgewiesen hat. Es war am selben Tag, am 23. Februar. Sie sollen am gleichen Tag gesagt haben, daß zur Sicherung der Erzzufuhr von Narvik die Erhaltung der Neutralität Norwegens am günstigsten sei.

Und dann, am 26. März, schreibt Admiral Aßmann über eine Zusammenkunft zwischen Ihnen und Hitler folgendes:

»Ob zur Zeit englische Landung in Norwegen akut, wird von Ob.d.M. verneint. Ob.d.M. schlägt eigene Aktion für nächsten Neumond (7. 4.) vor.

Führer ist einverstanden.«

So berichtet Admiral Aßmann über eine Zusammenkunft zwischen Ihnen und Hitler am 26. März. Erinnern Sie sich daran?

RAEDER: Nein, also daß ich in dem Augenblick nicht voll überzeugt gewesen war von der bevorstehenden Landung, für die mir die ganzen Dokumente 004-PS und 007-PS Nachrichten mit Bestimmtheit gaben – ich habe die Dokumente nicht gesehen, aber die Nachrichten, die da sind, lagen alle vor –, ist völlig unwahrscheinlich.

Der Admiral Aßmann hat ja seine Notizen zusammengestellt aus allen möglichen Kriegstagebüchern und Protokollen. Dieses habe ich bestimmt niemals gesagt, denn in der damaligen Zeit habe ich Hitler immer wieder vorgetragen, wir würden fertig sein mit unseren Vorbereitungen, die ja von langer Hand schon begonnen hatten, schon Ende Januar. Und das wäre der Zeitpunkt, wo die Landung vorgenommen werden müsse aus den Gründen, die ich immer vertreten habe. Es ist ein vollkommener Irrtum, wenn da angenommen wird, daß ich zu dem Zeitpunkt auch nur den geringsten Zweifel hatte. Es hat sich ja alles nachher als richtig erwiesen, meine...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wir müssen nun wirklich...


RAEDER: Und dann erwies sich alles als richtig.


[211] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wir müssen nun zur Sache kommen. Sie sagten uns, Aßmann sei ein vertrauenswürdiger Offizier und ein guter Marinehistoriker gewesen.


RAEDER: Er ist kein Betrüger, aber er hat die Sachen zusammengestellt von allen möglichen Papieren, und ich weiß nicht, wie er zu dieser Äußerung kommt. Es ist eine Äußerung, die ich bestimmt nicht getan habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber der zweite Teil, der zweite Satz ist doch richtig, nicht wahr?

»Ob.d.M. schlägt eigene Aktion für nächsten Neumond (7.4.) vor.«

Das ist richtig, da sind Sie ja einmarschiert. Das war der Zeitpunkt, an dem Ihre Armada auslief, um am 9. dort zu landen. Stimmt das?

RAEDER: Aber selbstverständlich, ich war ja dafür, zum möglichst baldigen Termin – nachdem die Eisverhältnisse sich gebessert hatten, so, wie wir das beschlossen hatten vorher und wie es Hitler befohlen hatte – die Landung in Norwegen durchzuführen. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung, und das war voll begründet.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, ich will mich wiederum nicht mit Ihnen streiten; aber schließlich behaupten Sie doch, Admiral Aßmann, der doch in seinem zweiten Satz recht hat, sei nicht nur im Unrecht, sondern völlig im Unrecht – ich meine damit, daß er die Unwahrheit sagte –, wenn er erklärt, man sei nicht der Meinung, daß eine britische Landung in Norwegen bevorstehe.

Wir werden das nun ein wenig weiter verfolgen.


RAEDER: Ich habe doch dem Führer diese Landungsangelegenheit in Norwegen nur unter der Voraussetzung vorgetragen, daß diese Nachrichten vorlagen und daß die Nachrichten weiterhin auch vorlagen.


VORSITZENDER: Sir David! Was war das für ein Dokument vom 26. März 1940?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war ein Auszug aus dem Tagebuch von Aßmann, von dem ich schon vorher Gebrauch gemacht habe, und ich werde ein Exemplar zur Numerierung vorlegen. Ich habe noch keine Abschriften anfertigen lassen, Euer Lordschaft, Verzeihung. Ich werde sie machen lassen.


RAEDER: Ich wäre dankbar, wenn mir das Dokument vielleicht gezeigt würde. Alle anderen werden mir gezeigt. Dies wird mir nicht gezeigt, dasjenige, das ich bestreite.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Verzeihung! Es war ein so kurzer Auszug, daß ich dachte, Sie würden mir glauben. Es liegt mir fern, Ihnen irgendein Dokument vorzuenthalten.

[212] Sie sehen die Eintragung vom 26. März:

»Ob zur Zeit englische Landung in Norwegen akut, wird von Ob.d.M. verneint. Ob.d.M. schlägt eigene Aktion für nächsten Neumond (7. 4.) vor.

Führer ist einverstanden...« (Dokument D-881.)

Weiter dann Diskussionen über Minenlegung bei Scapa vor der deutschen Invasion auf Norwegen.

»Führer mit Vorschlägen Ob.d.M. einverstanden, wird Ob.d.L. entsprechend anweisen.«


RAEDER: Ja, darf ich nun darauf zurückkommen? Hier steht: 26. März 1940.

»Besetzung Norwegens durch Engländer hat unmittelbar bevorgestanden als russisch-finnischer Friedensschluß erfolgte.«

Gerade diese russisch-finnische Angelegenheit machte uns die Landung besonders dringend, weil ja die Gefahr bestand, daß die Engländer unter dem Vorwand der Unterstützung der Finnen eine kalte Besetzung von Norwegen durchführen würden.

Jetzt komme ich weiter zu der Frage des Führers, ob zur Zeit die englische Landung in Norwegen akut wäre. Man muß bedenken, daß Aßmann das ja alles zusammengezogen hat aus Kriegstagebüchern, und diese Frage erklärt sich dadurch, daß der Führer wissen will, ob durch den Friedensschluß die Lage sich irgendwie geändert hätte. Das hatte sie sich aber gar nicht, weil in Wirklichkeit wir wußten, daß die Landung von den Engländern nicht wegen der Finnenunterstützung vorgenommen werden sollte, sondern aus anderen Gründen. Ich habe also diese Frage, ob zur Zeit, nämlich durch den Friedensschluß, die englische Landung besonders akut wurde, verneint. »Ob.d.M. schlägt eigene Aktion für den nächsten Neumond« – in Klammern: 7. April – »vor. Führer ist einverstanden.« Es blieb also alles beim alten. Nur die Frage, ob wir etwa wegen des Friedensschlusses sofort handeln müßten, die habe ich abgelehnt. Das ist ganz etwas anderes als Sie mir vorwerfen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Lesen Sie die Eintragung vom 26. März. Wie lautet die Eintragung vom 26. März? Lesen Sie sie auf deutsch vor, wir können sie übersetzen.

RAEDER:

»Besetzung Norwegens durch Engländer hat unmittelbar bevorgestanden als russisch-finnischer Friedensvertrag unterzeichnet war.« – Durch den Friedensschluß haben sie es anscheinend verschoben. – »Frage Führers, ob zur Zeit englische Landung in Norwegen akut, wird vom Ob.d.M. verneint.« – Jawohl, es war nicht so, daß wir deswegen sofort losziehen mußten. – »Ob.d.M. schlägt eigene Aktion für nächsten Neumond vor.«

[213] Die Gründe für unsere Landung blieben nach wie vor bestehen; lediglich diese Geschichte mit Finnland konnte nicht mehr von seiten der Engländer angeführt werden.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der Friedensvertrag, das Ende des Krieges mit Finnland, fiel auf Mitte März. Zu dieser Zeit war doch alles schon erledigt?

RAEDER: Selbstverständlich spielte es keine Rolle mehr für uns, aber unsere anderen Gründe blieben bestehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich jetzt Dokument D-843, GB-466 an. Hier handelt es sich um einen Bericht Ihres diplomatischen Vertreters in Norwegen vom 29. März. Am Schluß des ersten Absatzes heißt es:

»Engländer wollten es anscheinend nicht auf sich nehmen, ohne Anlaß norwegisches Hoheitsgebiet und norwegische Territorialgewässer offen zu verletzen und Kriegsoperationen in ihnen vorzunehmen.«

Er zitiert hier den norwegischen Außenminister. Dann fährt Ihr diplomatischer Vertreter fort:

»Ob Außenminister Koht die Dinge ganz richtig sieht, wird die Zukunft erweisen. Es hat jedenfalls den Anschein, worauf ich öfters hingewiesen habe, daß Landungsabsichten bei Engländern nicht bestehen, daß sie aber Unruhe in die Schiffahrt in norwegischen Territorialgewässern hineintragen wollen, vielleicht, um, wie Koht meint, Deutschland zu provozieren. Möglich ist natürlich auch, daß sich englisches Verhalten in vergangener Woche, worauf ich gleichfalls hingewiesen habe, zu mehr oder minder regelmäßigen und sich verstärkenden Eingriffen in Territorialgewässern auswächst, um unsere Erzschiffahrt an norwegischen Küsten damit zu treffen.«

Und dann Absatz 3:

»Der feste Wille Norwegens, seine Neutralität zu wahren und die Achtung der norwegischen Neutralitätsregeln durchzusetzen, kann als feststehend angenommen werden.«

Wurden Sie davon unterrichtet, daß Ihr diplomatischer Vertreter in Oslo meldete, die Engländer hätten keine Absicht, in Norwegen zu landen?

RAEDER: Jawohl, Dr. Bräuer, der Gesandte in Norwegen, war völlig falsch eingestellt, denn er glaubte diese Versicherung von dem Außenminister Koht, über die uns unser Militär-Attaché immer wieder berichtete, daß Koht völlig im Fahrwasser der Engländer wäre und daß man diesen Versicherungen nicht glauben dürfe. Gleichzeitig hatten wir die Nachricht von Hagelin, daß die Norweger zwar papierene Zusicherungen gäben, daß sie aber selbst [214] geäußert hätten, sie würden das nur zum Schein tun, und sie würden weiter mit den Engländern zusammenarbeiten. Das steht in den Dokumenten, die wir vorgelegt haben.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann wollen wir uns ein anderes Dokument ansehen! Sehen Sie sich D-844 an; das sind Äußerungen Ihres diplomatischen Vertreters in Schweden aus derselben Zeit. Es wird GB-467. Dieses Dokument stammt von Ihrem Vertreter in Schweden. Sehen Sie bitte, was er über den schwedischen Außenminister Guenther schreibt. Zuerst spricht er... zehnte Zeile, kurz nach dem Namen »Weizsäcker«:

»Die Schwedische Regierung habe keinerlei Anlaß, an bevorstehende Aktion der Westmächte gegen Skandinavien zu glauben. Sie sehe die Lage auf Grund aller amtlichen Berichte und anderer Nachrichten in jüngster Zeit im Gegenteil wesentlich beruhigter an.«

Dann spricht er davon, daß keine Möglichkeit eines Handstreiches gegen das schwedische Erzgebiet bestünde. Auch an englische Gewaltaktion gegen Norwegen glaubt er nicht, ohne anglophil sein zu wollen, wenn er auch hierüber nicht mit gleicher Sicherheit sprechen könne wie hinsichtlich Schwedens. Jedenfalls habe aber die Norwegische Regierung, mit der er in engerer Fühlung stehe, die gleiche Ansicht.

Und dann, wenn Sie zwei Absätze weiter blicken, sagt er:

»Abschließend bat mich Guenther, seine Darlegungen meiner Regierung zu berichten und wie derholte: Schwedische Regierung lege größtes Gewicht darauf, daß Deutsche Regierung nicht irrtümlich Eindruck des Vorliegens von Umständen habe, die auch nur Möglichkeit – das Wort Notwendigkeit wolle er gar nicht gebrauchen – von deutschen besonderen Maßnahmen in Bezug auf Skandinavien auf den Plan rufen würden.«

Und im letzten Absatz sagt er, daß der schwedische Außenminister wahrscheinlich von den deutschen Vorbereitungen gehört hätte.

Und nun sehen Sie sich bitte Dokument D-845 an, es wird GB-468. Das ist vom nächsten Tage, von Ihrem diplomatischen Vertreter in Stockholm:

»In schwedischen militärischen und Regierungskreisen besteht ernste Sorge vor etwaigen militärischen Präventivmaßnahmen Deutschlands in Skandinavien gegen angekündigte Verschärfung der Kriegsführung durch Westmächte. Schwedische und norwegische militärische und Regierungsstellen halten militärische Maßnahmen Westmächte gegen Skandinavien nicht für wahrscheinlich. Presseausführungen [215] der Westmächte hierüber versuchen Deutschland zu provozieren.«

Das ist von Ihrem Militär-Attaché in Stockholm. Hat man Ihnen etwas über diese Berichte aus Stockholm gesagt?

RAEDER: Ich nehme an, daß der Führer mir dies gesagt hat. Aber wir hatten gar keine Veranlassung, diesen Zusicherungen zu glauben, denn offenbar, ganz offenbar hatte Schweden ein großes Interesse daran, daß wir nicht nach Norwegen gingen, weil Schweden glaubte, daß es uns dadurch möglich würde, einen Druck auch auf Schweden auszuüben. Das war ja das, was die Engländer wollten, nach den Nachrichten, die wir später bekamen. Unser Gesandter war völlig falsch unterrichtet und wurde infolgedessen ja auch selbst nicht unterrichtet, weil bekannt war, daß er im Fahrwasser des Außenministers Koht war. Unsere Nachrichten waren so klar, so häufig und so unzweideutig, daß wir mit dem besten Gewissen daraufhin die Landung ausführen konnten, und es hat sich ja nachher auch herausgestellt, und deswegen hat es an sich gar keinen Zweck, darüber zu diskutieren, daß der Befehl auf englischer Seite, in Norwegen zu landen... es war in Trondheim, Stavanger und... ich glaube, Christiansund, daß dieser Befehl am 5. April gegeben war. Am 7., in der Nacht vom 7. zum 8. wurde, wie die Engländer selbst in einer Note im Funkspruch mitteilten, die Minenlegung in Norwegen durch englische Schiffe vollzogen, und am 7. wurden auch auf den Kreuzern – ich kann die Namen nicht mehr sagen – die Truppen eingeschifft.

Also, diese Tatsache bestand ja tatsächlich, und meine Auffassung war die richtige. Und nicht die von Herrn Bräuer, der gleich hinterher abgelöst wurde, weil er versagt hatte. Und daraufhin haben wir die Landung durchgeführt, auf Grund ganz positiver Nachrichten, die wir im einzelnen belegen können. Schwedens Vorgehen ist durchaus zu verstehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will mich mit Ihnen darüber nicht streiten, obgleich Sie es gewußt haben mußten und obwohl ich annehme, daß Sie auch recht gut wußten, daß ein englischer Invasionsbefehl überhaupt nicht existierte. Es gab einen Befehl, Minen zu legen. Aber, wie ich Ihnen unterstellte, verfolgten Sie diese Richtung, obwohl Sie sich der Tatsache durchaus bewußt waren, daß keine englische Invasion drohte und obwohl diese Richtung im Widerspruch zu Ihrem eigenen Chef der Operationsabteilung, Kapitän Fricke, und zu allen Nachrichten Ihrer diplomatischen Vertreter in Norwegen stand.

Ich komme nun zu einem anderen Punkt im Hinblick auf Norwegen, und dann bin ich damit zu Ende. Sie sagten dem Gerichtshof, daß Ihrer Ansicht nach das Führen der feindlichen Flagge eine [216] erlaubte Kriegslist sei, vorausgesetzt, daß man sie niederholt, bevor man das Gefecht eröffnet. Erinnern Sie sich, daß Sie das sagten?


RAEDER: Ich habe den Satz nicht verstanden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich, vor dem Gerichtshof erklärt zu haben, daß das Hissen der feindlichen Flagge auf einem Kriegsschiff eine erlaubte Kriegslist sei, solange man sie niederholt, bevor man das Gefecht eröffnet? Erinnern Sie sich daran?


RAEDER: Selbstverständlich ja. Das ist ein Grundsatz, der in der Seekriegführung absolut anerkannt ist, daß man im Moment des Feuers seine eigene Flagge hissen muß.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Behaupten Sie jetzt vor dem Gerichtshof, es sei ein in der Seekriegführung anerkanntes Verfahren, die Flagge eines anderen Landes zu führen, wenn man ein neutrales Land angreift, ein neutrales Land ohne Warnung angreift? Sie lagen doch mit Norwegen nicht im Kriege, und es bestand kein Grund zur Anwendung einer Kriegslist. Es herrschte doch Frieden mit Norwegen. Wollen Sie das behaupten?


RAEDER: Es kam ja darauf an, beim Zusammentreffen mit Engländern die Flagge niederzuholen und die deutsche zu hissen. Wir wollten ja mit den Norwegern an sich gar nicht kämpfen, denn es steht an irgendeiner Stelle, daß in erster Linie die friedliche Besetzung anzustreben sei.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie mir einen Präzedenzfall nennen, wo sogar die deutsche Marine vor dieser Operation jemals ein neutrales Land, mit dem sie sich im Friedenszustand befand, angegriffen hat und dabei die Feindflagge hißte? Können Sie mir sagen, ob so etwas schon einmal vorgekommen ist?


RAEDER: Ich weiß es nicht. Ob es bei einer anderen Marine vorgekommen ist, das kann ich nicht sagen, daraufhin habe...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie können irgendeine andere Marine annehmen. Ich frage Sie sogar: Haben Sie selbst das jemals vorher getan?


RAEDER: Nein. Wir hatten das noch nicht gemacht, außerdem haben wir es gar nicht gemacht, denn wir haben ja am 8. April den Funkspruchbefehl gegeben, wie Sie wissen aus unserem Kriegstagebuch, daß das nicht geschehen sollte. Also ist es ganz müßig, hier zu erörtern, was eventuell geschehen sollte, wenn es nicht geschehen ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich wollte nur wissen, was Sie in der Seekriegführung für zulässig halten. Jetzt kommen wir [217] zu einem anderen Punkt, dann sind wir mit diesem Teil des Falles fertig.

Hinsichtlich des Angriffs auf die Sowjetunion will ich Sie nicht über Ihre eigenen Ansichten und über Ihre Äußerungen Hitler gegenüber betragen, da Sie das bereits weitgehend dargelegt haben. Ich verweise Sie jedoch auf Dokumentenbuch 10a, Seite 252 im englischen und Seite 424 im deutschen Buch.


RAEDER: Welches Dokument ist das bitte?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das große.


RAEDER: Das habe ich nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dokument 447-PS.

Ich bitte um Entschuldigung, Euer Lordschaft, ich habe die falsche Nummer angegeben. Es ist mein Fehler. Ich wollte, daß er sich Seite 59 im Dokumentenbuch 10, Dokument C-170, ansieht. Es tut mir leid, Euer Lordschaft.


[Zum Zeugen gewandt:]


Hier handelt es sich um einen Auszug aus dem Seekriegstagebuch; ich verweise Sie auf Seite 59 für den 15. Juni:

»Auf Antrag Skl (vgl. Bl. 218, 236) wird Waffeneinsatz gegen russische U-Boote südlich Nordgrenze Öland-Warngebiet ab sofort freigegeben.«

Haben Sie das?

RAEDER: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE:

»Rücksichtslose Vernichtung ist anzustreben.«

Würden Sie bitte, bevor ich Ihnen nun eine Frage vorlege, zu Dokument C-38 zurückgehen, Seite 11, Seite 19 im deutschen Dokumentenbuch. Seite 11 im englischen und Seite 19 im deutschen. Hier handelt es sich um einen Befehl vom gleichen Datum an das OKM mit der Unterschrift des Angeklagten Keitel.

»Der Waffeneinsatz gegen U-Boote südlich der Linie Memel-Südspitze Öland wird freigegeben, falls die Boote bei Annäherung deutscher Seestreitkräfte nicht einwandfrei als schwedisch festgestellt werden.

Als Begründung ist bis zum B-Tag,« das ist ›Barbarossa‹, »zu unterstellen, daß die eigenen Seestreitkräfte es mit eingedrungenen britischen U-Booten zu tun zu haben glaubten.«

Warum haben Sie sechs Tage vor Ihrer eigenen Invasion vorgeschlagen, daß man russische U-Boote angreifen sollte, die keinen Angriff erwarteten, und als vom Krieg noch keine Rede war?

RAEDER: Wie das bereits einmal hier dargelegt worden ist, war es vorgekommen, also kurz vor diesem 15. Juni, daß ein U-Boot in [218] dieses Gebiet bei Bornholm – das ist ziemlich weit nach Westen – eingedrungen war und daß es falsche Erkennungssignale gemacht hatte, als es von dem Vorpostenboot bei Bornholm angerufen war. Wenn ein falsches Erkennungssignal gezeigt wird, so bedeutet das, daß es kein deutsches U-Boot, sondern ein fremdes U-Boot ist. In diesem Falle war aus dem Kurs und der Stelle, wo es gefunden wurde, zu schließen, daß es ein russisches sein muß. Außerdem waren bereits in dieser Zeit wiederholt russische U-Boote vor deutschen Häfen, wie zum Beispiel Memel und so weiter, geortet worden und gemeldet worden. Infolgedessen hatten wir den Eindruck, daß die russischen U-Boote bereits Positionen vor deutschen Häfen einnehmen, um dort entweder Minen zu legen oder um Handelsschiffe oder Kriegsschiffe anzugreifen. Aus diesem Grunde mußte ich aus Vorsicht das melden und vorschlagen, daß wir in diesem Gebiet vor den deutschen Häfen gegen nichtdeutsche U-Boote vorgehen dürften. Das wurde am gleichen Tage genehmigt, und es wurde dieser Zusatz gemacht, der an sich meiner Ansicht nach gar nicht nötig war, der aber verhinderte, daß irgendwelche Komplikationen eintraten.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist immer noch keine Antwort auf meine Frage. Lassen Sie mich die Frage so stellen: Sie hielten es für richtig, sowjetische U-Boote sechs Tage vor Ihrem Angriff auf die Sowjetunion anzugreifen und auf deren erbarmungslose Zerstörung zu dringen. Sie hielten das für richtig? Dann wollten Sie nach Keitels Vorschlag eindringende englische U-Boote dafür verantwortlich machen. Halten Sie das für eine saubere Kriegführung?


RAEDER: Also, das erste halte ich für richtig; denn es kommt immer darauf an, daß man dem Gegner zuvorkommt, und das war unter bestimmten Voraussetzungen. Und das zweite hat der Führer befohlen. Es ist keines von beiden je ausgeführt worden, infolgedessen ist es meiner Ansicht nach müßig, über diese Sachen zu diskutieren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist Sache des Gerichtshofs und ich werde entscheiden, was für eine Diskussion brauchbar ist.

Darf ich also annehmen, daß Sie völlig damit einverstanden waren, russische U-Boote anzugreifen und rücksichtslos zu zerstören, sechs Tage bevor Sie den Krieg begannen? Soll der Gerichtshof dies Ihrer Aussage entnehmen?


RAEDER: Ja, wenn sie in den Gewässern, in unseren Gewässern waren, um, sei es aufzuklären oder sonst kriegerische Handlungen auszuführen, fand ich das richtig; es war richtiger, als wenn unsere Schiffe auf russische Minen gelaufen wären.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Jetzt wollen wir kurz Ihre Ansichten über U-Bootkriegführung hören. Erinnern Sie sich [219] an das Dokument, das ich dem Angeklagten Dönitz über das Memorandum des Auswärtigen Amtes vorgelegt habe? Es ist D-851, das GB-451 wurde?

RAEDER: Ich habe es vor mir.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Ich werde Sie gleich darüber befragen.

Eine Antwort, die Sie Dr. Kranzbühler, ich glaube, am Samstag gaben, enthielt folgende Feststellungen darüber:

»Da der Krieg gegen England für uns völlig überraschend kam, so hatten wir uns mit Einzelfragen der U-Bootführung bis dahin nur ganz wenig beschäftigt. Wir hatten unter anderem überhaupt noch nicht die Frage des sogenannten uneingeschränkten U-Bootkrieges behandelt, die ja im vorigen Kriege eine sehr große Rolle gespielt hatte. Daraus entstand, daß am 3. September der Offizier, der neulich erwähnt wurde, zum Auswärtigen Amt geschickt wurde mit einigen Erörterungen über diese Frage des uneingeschränkten U-Bootkrieges, damit wir uns erst einmal mit dem Auswärtigen Amt darüber klar würden, wie weit wir gehen könnten.«

Denken Sie nun, daß es...

RAEDER: Ja, so ist das nach meiner Erinnerung vor sich gegangen. Den uneingeschränkten U-Bootkrieg hat man nicht in Betracht gezogen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben das Dokument vor sich?


RAEDER: Das mit dem Auswärtigen Amt, D-851?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: D-851. Ja.


RAEDER: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube nicht, Euer Lordschaft, daß es in irgendeinem Buch enthalten ist. Haben Sie ein Exemplar dieses Dokuments?


VORSITZENDER: Ich glaube nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Ich habe das schon im Kreuzverhör des Angeklagten Dönitz vorgelegt.


VORSITZENDER: Wir werden es höchstwahrscheinlich bei unseren Dönitz-Papieren finden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Vielleicht gestatten Sie mir, es noch einmal langsam zu verlesen. Das Dokument hat folgenden Inhalt:

»In den anliegenden vom Oberkommando der Kriegsmarine übersandten Unterlagen wird die Frage des uneingeschränkten U-Bootkrieges gegen England erörtert.

[220] Die Kriegsmarine kommt zum Ergebnis, daß das mit den vorhandenen Kräften erreichbare größte Maß an Schädigung Englands nur zu erzielen ist, wenn den U-Booten der uneingeschränkte warnungslose Waffeneinsatz in einem auf der beiliegenden Karte bezeichneten Sperrgebiet gegen feindliche und neutrale Schiffe freigegeben wird.

Die Kriegsmarine verkennt nicht, daß

a) Deutschland hierdurch das Abkommen von 1936 über die Führung des Handelskrieges offenkundig mißachten würde;

b) eine solche Kriegführung sich aus den bisher allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts nicht rechtfertigen läßt.«

Dann sollte ich noch folgendes verlesen oder wenigstens die Aufmerksamkeit darauf lenken – ich habe diesen vorletzten Absatz bereits vorher behandelt:

»Außenpolitische Gesichtspunkte würden dafür sprechen, das Kriegsmittel des uneingeschränkten U-Bootkrieges erst dann anzuwenden, wenn England uns durch die Form seiner Kriegführung Handhaben gibt, diese Kriegführung als Vergeltungsmaßnahme anzuordnen.«


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich will, daß Sie das abschnittsweise durchgehen. Sehen Sie sich den Absatz an, in dem steht:

»Die Kriegsmarine kommt zum Ergebnis, daß das mit den vorhandenen Kräften erreichbare größte Maß an Schädigung Englands nur zu erzielen ist, wenn den U-Booten der uneingeschränkte warnungslose Waffeneinsatz in einem auf der beiliegenden Karte bezeichneten Sperrgebiet gegen feindliche und neutrale Schiffe freigegeben wird.«

Ist das Ihr Standpunkt? War das am 3. September Ihr Standpunkt?

RAEDER: Nein, das ist nicht mein Standpunkt, sondern das ist ein konditioneller Standpunkt. Wir hatten den U-Booten den Befehl mitgegeben, Handelskrieg nach Prisenordnung zu führen, und wir hatten in unserem Kriegstagebuch bereits vorgesehen, daß, falls auf seiten der Engländer Handelsschiffe bewaffnet würden – oder so etwas – daß dann gewisse Verschärfungen...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Angeklagter! Wollen Sie bitte meine Frage beantworten, es ist doch eine ganz leichte Frage.


RAEDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, war das nicht Ihr Standpunkt?


[221] RAEDER: Ja, der Standpunkt insofern, als natürlich theoretisch bei den geringen Kräften, die wir hatten, das größte erreichbare Maß an Schädigung Englands nur zu erzielen ist, wenn... nun war mit dem Auswärtigen Amt zu erörtern, wie weit wir gehen können in der Verschärfung. Deswegen wurde ja dieser Offizier dahingeschickt. Und aus den Erörterungen mit dem Auswärtigen Amt ist dann die U-Bootdenkschrift entstanden, die von vorne bis hinten zeigt, daß wir bestrebt waren, uns dem geltenden Recht soweit wie möglich anzupassen. Die ganze Denkschrift ist nur eine solche Erörterung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, wollen Sie jetzt meine Frage beantworten? Wenn dieses Dokument sagt: »Die Kriegsmarine kommt zum Ergebnis,« ißt es dann wahr, daß die Marine zu einem solchen Ergebnis gekommen ist?


RAEDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ist das wahr, oder nicht?


RAEDER: Selbstverständlich; da kann jeder zu diesem Ergebnis kommen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist viel leichter »Ja« zu sagen, als lange Erklärungen zu machen.

Wir wollen nun einen anderen Punkt besprechen: Ist es wahr, daß Sie zu diesem Ergebnis kamen, ohne sich mit dem Oberbefehlshaber der U-Boote zu beraten, wie der Angeklagte Dönitz in seinem Verhör aussagte?


RAEDER: Über diese Dinge? Wir haben uns darüber vor dem Auslaufen der U-Boote nur geeinigt, daß sie nach Prisenordnung Krieg zu führen hatten. Ich habe ihn nicht danach gefragt, ob er uneingeschränkten U-Bootkrieg machen wollte, weil ich das gar nicht woll te. Ich mußte doch erst einmal mit dem Auswärtigen Amt besprechen, wieweit wir gehen konnten, und das war der Zweck dieser Sache. Und der Zweck der Sache war nun, die Einzelbefehle zu erteilen, die zu erteilen wir berechtigt waren, Zug um Zug, nach dem Verhalten der Engländer. Diese Frage war eine völkerrechtliche, die ich mit dem Völkerrechtsreferenten des Auswärtigen Amtes besprechen mußte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Stimmt es nicht, daß Sie weiterhin diesen Standpunkt, der das Ergebnis Ihrer Überlegungen war, während der nächsten drei Monate dem Auswärtigen Amt gegenüber energisch vertraten? Stimmt es nicht, daß Sie während der nächsten drei Monate weiterhin auf einen uneingeschränkten U-Bootkrieg innerhalb dieses Bereiches drängten?


RAEDER: Das glaube ich kaum, denn sonst hätte ich ja doch nicht die Denkschritt vom 3. September herausgegeben. Mag sein, daß wir dem Auswärtigen Amt, dem wir schärfer gegenübergetreten [222] sind... aber was wir machten, steht in der Denkschrift, und das war alles, Zug um Zug, Verschärfung nach den englischen Schritten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, der nächste Schritt mit dem Auswärtigen Amt war eine Konferenz mit Freiherrn von Weizsäcker am 25. September, er sichtlich aus Dokument D-852, GB-469. Ich verweise Sie auf Punkt 3 des Dokuments:

»Das Oberkommando der Kriegsmarine wird dem Auswärtigen Amt einen Vorschlag als Unterlage für eine Mitteilung an die neutralen Mächte übermitteln, worin diejenigen Verschärfungen der Seekriegführung mitgeteilt werden, deren Anordnung, sei es, bereits erfolgt ist, sei es in nächster Zeit bevorsteht. Hierzu gehören insbesondere eine Warnung vor Funktätigkeit bei Anhaltung, vor Fahren im Geleit und Abblendung.«

Das war also Ihr erster Schritt, nicht wahr? Das wurde dem Auswärtigen Amt zusammen mit anderen Vorschlägen unterbreitet?

RAEDER: Aber selbstverständlich. Die erste Maßnahme war, daß bewaffnete Handelsschiffe beschossen werden könnten. Denn schon am 6. oder 8. September hatte ein U-Boot ein Handelsschiff, »Manar« mit Namen, angehalten, hatte einen Warnungsschuß gefeuert und war sofort von dem englischen Dampfer wieder beschossen worden, worauf es das Feuer auf das Handelsschiff eröffnete. Also diese Fälle lagen vor. Und da man nicht unter allen Umständen erkennen kann, ob das Schiff bewaffnet ist oder nicht, so nahmen wir an, daß es dazu kommen würde, alle Schiffe zu beschießen. Aber damals wurde erst befohlen, daß nur bewaffnete englische Handelsschiffe beschossen würden. Zweitens, daß Schiffe, die bei Anhaltung einen Funkspruch machten, ebenfalls beschossen werden konnten; denn diese Funktätigkeit, die im Auftrage der Admiralität stattfand, die führte dahin, daß sofort See- und Luftstreitkräfte, letztere vor allen Dingen, nach den betreffenden Punkten hinliefen und das U-Boot beschossen.

Also, die erste Verschärfung war Beschießung bewaffneter Handelsschiffe – da wurden die Passagierdampfer noch ausgenommen –, und zweitens die Beschießung von abgeblendeten Fahrzeugen und solchen, die Funktätigkeit machten. Abgeblendete Fahrzeuge sind nach...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Wollen Sie sich nun D-853 ansehen. Bitte, nur das nächste Dokument, das GB-470 wird. Ich möchte, daß Sie so bald wie möglich zu diesem Memorandum kommen, von dem Sie sprachen.

D-853 ist, wenn Sie sich den Abschnitt II ansehen wollen, ein Bericht des Unterstaatssekretärs des Auswärtigen Amtes, datiert 27. September, und behandelt die Angelegenheiten, von denen Sie [223] eben gesprochen haben: das warnungslose Versenken von französischen und britischen Schiffen in der Annahme, daß sie bewaffnet seien. In Abschnitt II heißt es:

»Die Seekriegsleitung stellte erneut in Aussicht, daß voraussichtlich in kürzester Frist vom Führer der rücksichtslose U-Bootkrieg im Sperrgebiet an geordnet werden wird. Vorherige Beteiligung des Auswärtigen Amtes bleibt sichergestellt.«

Bestanden Sie immer noch auf einer uneingeschränkten Kriegführung innerhalb eines großen Seegebietes westlich von und um England herum?

RAEDER: Jawohl, insofern, als auf die verschiedenen Feststellungen hin – bezüglich des Benehmens der feindlichen Streitkräfte – wir Zug um Zug verschärften, und zwar in den Punkten, in denen eine Verschärfung durchaus gerechtfertigt war und rechtlich auch nachgewiesen wurde.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich mal Freiherrn von Weizsäckers Niederschrift vom 14. Oktober ansehen. Es ist D-857 und wird GB-471.

Sie sehen, das liegt zeitlich nach den Maßnahmen, die Sie soeben dem Gerichtshof erklärt haben. Freiherr von Weizsäcker berichtet dem Angeklagten von Ribbentrop:

»Nach meiner Information steht die Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges gegen England bevor. Diese Entscheidung ist mindestens eine ebenso politische wie eine kriegstechnische.

Meine persönliche Meinung, daß nämlich der uneingeschränkte U-Bootkrieg jetzt neue Gegner auf uns ziehen würde, ohne daß wir bereits im Besitze der nötigen U-Boote sind, um England nie derzuringen, habe ich vor kurzem schriftlich unterbreitet. Andererseits hat die Marine für ihren Standpunkt sehr einleuchtende Gründe, um auf die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges zu drängen.«

Dann sagt er, es sei nötig, gewisse Informationen einzuziehen. Zu diesem Punkt haben Sie Ihr Memorandum vom 15. Oktober vorgelegt, das ist Dokument C-157 und wird GB-224.

RAEDER: Ich darf zu dem vorherigen Dokument noch etwas sagen?... Dieser Ausdruck »uneingeschränkter U-Boot...«

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie können das später tun, denn wir haben hier viele Themen zu erledigen.


VORSITZENDER: Sir David! Der Gerichtshof ist der Ansicht, man müsse ihm erlauben, seine Meinung zu dem Dokument zu äußern.


[224] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Verzeihung, Euer Lordschaft. Bitte fahren Sie fort, Angeklagter! Es war meine Schuld.


RAEDER: Ja, nun sind die beiden Dokumente weg. Also ich wollte sagen, daß dieser Ausdruck »uneingeschränkter U-Bootkrieg« von seiten des Auswärtigen Amtes aus dem vorherigen Krieg herstammt. Wir haben in Wirklichkeit während des ganzen Krieges jetzt keinen uneingeschränkten U-Bootkrieg geführt im Sinne des uneingeschränkten U-Bootkrieges des ersten Weltkrieges, sondern wir haben auch hier, wo er sagt, der uneingeschränkte U-Bootkrieg stünde bevor, nur ganz beschränkte Maßnahmen getroffen, die stets den Vorgang hatten, daß von den Engländern ihrerseits irgend etwas angeordnet war; und das war hauptsächlich, daß von seiten der Engländer ja die ganze Handelsschiffahrt gewissermaßen militärisch organisiert wurde, das heißt, es wurde die Handelsschiffahrt bewaffnet, und sie bekamen den Befehl, diese Waffen zu gebrauchen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich sehe nicht ein, wie man das aus dem letzten Dokument überhaupt entnehmen kann; wenn der Gerichtshof es nicht erörtern will, werden wir weitergehen.

Ist Euer Lordschaft nicht derselben Ansicht?


RAEDER: Aus beiden Dokumenten, nicht aus einem nur...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben diesen Punkt heute nachmittag wenigstens siebenmal vorgebracht, denke ich. Ich unterstelle, daß der wahre Zweck Ihres U-Bootkrieges im ersten Absatz des Memorandums erklärt ist. Sehen Sie ihn doch bitte an. Sie sehen: »Berlin, 15. Oktober...«

RAEDER: Nein, ich muß noch weiter erklären, daß es sich gar nicht um solch uneingeschränkten U-Bootkrieg handelt, sondern nur um Verschärfung der Maßnahmen, Zug um Zug, wie ich das immer wieder betont habe, und daß das immer genau nach einer Maßnahme der Engländer erfolgte. Die Engländer...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich unterstelle, daß das eine glatte Unwahrheit ist, und das werde ich Ihnen in dem Dokument jetzt zeigen. Sehen Sie sich Ihr eigenes Dokument, dies Memorandum, einmal an. Im ersten Absatz:

»Der Vorschlag des Führers zur Wiederherstellung...«


RAEDER: Ich sage ja gar keine Unwahrheit, ich denke ja gar nicht daran. Ich verbitte mir das.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gerade das halte ich Ihnen vor und werde es durch dieses Dokument beweisen:

»Der Vorschlag des Führers zur Wiederherstellung eines gerechten, ehrenvollen Friedens und zur Neuregelung der politischen Ordnung in Mitteleuropa ist abgelehnt. Die Feindmächte wollen den Krieg mit dem Ziel der Vernichtung [225] Deutschlands. In dem Kampf, in dem nunmehr Deutschland seine Existenz und sein Recht zu verteidigen gezwungen ist, muß es unter voller Achtung der Gebote soldatischer Kampfsittlichkeit seine Waffen mit rück sichtsloser Schärfe zum Einsatz bringen.«

Nun wollen wir mal sehen, was Sie vorschlagen.

»Der Hauptgegner Deutschlands in diesem Kriege ist England. Seine verwundbarste Stelle ist der Seehandel. Der militärische Seekrieg gegen England ist daher als Wirtschaftskrieg zu führen mit dem Ziel, den Kampfwillen Englands in kürzester Zeit zu zerstören und seine Friedensbereitschaft zu erzwingen.«

Nun überspringen Sie einen Absatz und lesen den nächsten:

»Das Hauptobjekt der Seekriegführung ist das Handelsschiff, und zwar nicht nur das feindliche, sondern überhaupt jedes Handelsschiff, das zur Versorgung der feindlichen Kriegswirtschaft in der Einfuhr sowie in der Ausfuhr die See befährt. Daneben bleibt das feindliche Kriegsschiff gleichfalls Kampfobjekt.«

Nun, war das nicht das Ziel, das Sie und Ihre Seekriegsleitung Hitler und dem Auswärtigen Amt nahe legten, nämlich Englands Kampfwillen völlig erbarmungslos zu zerstören und jedes nach England fahrende oder von dort kommende Handelsschiff anzugreifen? War das nicht Ihr Ziel?

RAEDER: Selbstverständlich. Aber Angriffe auf die Neutralen nur insofern, als sie gewarnt wurden und ihnen geraten wurde, bestimmte Gebiete nicht zu befahren. Im Handelskrieg ist durch alle Jahrhunderte das feindliche Handelsschiff, ebenso wie das neutrale Handelsschiff, Gegenstand des Angriffes gewesen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wollen doch dem Gerichtshof nicht erzählen, daß Sie die Erteilung von Warnungen vorgeschlagen haben. Wollen Sie dem Gerichtshof ernstlich sagen, dieser Absatz bedeute, daß neutrale Schiffe nur nach Warnung angegriffen werden sollten?


RAEDER: Selbstverständlich, so wie es war. Wir haben ja nachher auch die Warnung erteilt, wie wir das Blockadegebiet nach dem amerikanischen Blockadegebiet ausrichteten, daß die Schiffe, neutrale Schiffe, da nicht hineinfahren dürften, weil sie sich den größten Gefahren aussetzten. Das will ich behaupten – ich kann es auch nachweisen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich unterstelle, daß das unwahr ist, und ich werde Ihnen das aus dem Dokument beweisen. Wenden Sie bitte auf Seite...


[226] RAEDER: Am 24. November ist diese Warnung herausgegeben worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie nun Abschnitt C dieses Dokuments lesen wollen:

»Militärische Forderungen für den Entscheidungskampf gegen England:

Die militärische Seekriegführung muß die zur Verfügung stehenden Kampfmittel so wirksam wie möglich zum Einsatz bringen. Hierbei sind die größten militärischen Erfolgsaussichten zu erwarten, wenn mit rücksichtsloser Schärfe gegen die englischen Seeverbindungen überall da, wo sie für uns erreichbar sind, vorgegangen wird mit dem Endziel, jede Einfuhr nach England, sowie jede Ausfuhr aus England zu verhindern. Die Schonung der neutralen Interessen ist anzustreben, soweit es ohne Beeinträchtigung militärischer Erfordernisse möglich ist. Eine Stützung der getroffenen militärischen Maßnahmen auf das bestehende Völkerrecht bleibt erwünscht; militärisch als notwendig erkannte Maßnahmen müssen aber, sofern sie kriegsentscheidende Erfolge erwarten lassen, auch dann durchgeführt werden, wenn das geltende Völkerrecht nicht auf sie Anwendung finden kann.«

Haben Sie also gegenüber dem Auswärtigen Amt und dem Führer nicht folgende Ansicht vertreten: Fügen Sie sich dem Völkerrecht, solange Sie können. Wenn aber das Völkerrecht mit dem nicht übereinstimmt, was für einen militärischen Erfolg nötig ist, werfen Sie das Völkerrecht über Bord.

War das nicht Ihre Ansicht?

RAEDER: Nein, das ist ganz falsch ausgedrückt.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, dann erklären Sie diese Worte:

»Die Schonung der neutralen Interessen ist anzu streben, soweit es ohne Beeinträchtigung militärischer Erfordernisse möglich ist. Eine Stützung der getroffenen militärischen Maßnahmen auf das bestehende Völkerrecht bleibt erwünscht; militärisch als notwendig erkannte Maßnahmen müssen aber, sofern sie kriegsentscheidende Erfolge erwarten lassen, auch dann durchgeführt werden, wenn das geltende Völkerrecht nicht auf sie Anwendung finden kann.«

Was meinten Sie damit, wenn nicht das Völkerrecht über Bord zu werfen?

RAEDER: Ja, da steht:

»Wenn das geltende Kriegsrecht nicht auf sie Anwendung finden kann.«

[227] Es war ja allgemein bekannt, daß das Völkerrecht auf die ganze Art des U-Bootkrieges noch nicht abgestimmt war, ebensowenig wie es in der damaligen Zeit auf die Verwendung der Flugzeuge abgestimmt war. Und nun wird gesagt:

»Grundsätzlich muß daher das militärische, zur Brechung der feindlichen Widerstandskraft wirksame Kampfmittel rechtspolitisch gestützt werden, auch wenn damit neues Seekriegsrecht geschaffen wird.«

Und zwar neues Seekriegsrecht auf Grund der Tatsachenentwicklung.

Und in dem ganzen Kriege hat sich dauernd neues Seekriegsrecht entwickelt, gerade von den Neutralen ausgehend. Zum Beispiel hat die Panamerikanische Sicherheitskonferenz eine Sicherheitszone von 300 Seemeilen um die amerikanischen Küsten gelegt, womit sie ein ungeheures Seegebiet für den Handel sperrte. Ebenso haben die USA, was uns in diesem Falle nur sehr unangenehm war, eine Kampfzone um England geschaffen, von der sie selbst behaupteten am 4. November 1939, daß es für neutrale Schiffe äußerst gefährlich wäre, dorthin zu fahren, und sie verboten, daß ihre Schiffe und ihre Bürger in diese Zone fuhren. Daran haben wir angeknüpft und haben die Neutralen gebeten, sie möchten ebenso verfahren wie die USA, dann würden sie nicht geschädigt werden. Aber es fuhren dann nach England ja nur solche Neutrale, die Konterbande brachten und dadurch viel Geld verdienten, oder aber von den Engländern gezwungen wurden, durch ihre Kontrollhäfen in dieses Gebiet einzufahren und sich diesen Gefahren doch auszusetzen. Sie waren natürlich absolut frei, das zu unterlassen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun sagen Sie mir, welche Veränderungen ergaben sich in der Entwicklung von Flugzeugen oder U-Booten von der Zeit an, in der Deutschland das U-Boot-Protokoll von 1936 unterzeichnete, bis zum Beginn des Krieges? Sie sagen, daß das Völkerrecht sich den veränderten Waffen anpassen mußte. Welche Veränderungen haben nun zwischen 1936 und 1939 stattgefunden?

RAEDER: Es haben die... Folgende Änderung hat stattgefunden: Daß wir das U-Boot-Protokoll von 1936 unterschrieben haben, weil wir annahmen, daß es sich um friedfertige Handlungen...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das beantwortet meine Frage nicht. Meine Frage ist ganz klar. Sie lautet: Welche Veränderungen in Kriegswaffen entweder in der Luft oder unter Wasser haben zwischen 1936 und 1939 stattgefunden? Das ist die Frage. Sie sind doch ein Marineoffizier mit fünfzigjähriger Erfahrung. Sagen Sie mir, welche Veränderungen haben stattgefunden?


[228] RAEDER: Es hat sich ergeben, daß durch das Flugzeug das U-Boot nicht mehr in der Lage war, aufzutauchen und feindliche Schiffe zu untersuchen und irgendwelche Handelsschiffe zu untersuchen, insbesondere im feindlichen Küstenvorfeld, wo sich der U-Bootkrieg zunächst abspielte. Über Flugzeuge war überhaupt keine Bestimmung erlassen.


VORSITZENDER: Angeklagter! Das ist keine Antwort auf die Frage. Die Frage, die an Sie gerichtet wurde, lautete: Welche Veränderungen in den Kriegswaffen, am Flugzeug oder am U-Boot haben stattgefunden?

RAEDER: Ja, Herr Präsident, sie haben eben am Flugzeug stattgefunden. Die immer größere Leistungsfähigkeit der Flugzeuge und die Ausdehnung der Verwendung auch über See hat dazu geführt, daß auf See kein Untersuchen von Handelsschiffen stattfinden konnte, ohne daß ein Flugzeug herbeigerufen wurde und das U-Boot bedrohte. Das ist ja nachher immer schlimmer geworden, so daß nachher sogar das Retten angesichts der feindlichen Flugzeuge eingeschränkt werden mußte. Damit ist der ganze U-Bootkrieg vollkommen umgekrempelt worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ist das die einzige Veränderung, die Sie uns angeben können, um Ihre Erklärung zu rechtfertigen, daß das Völkerrecht über Bord zu werfen sei, wenn es mit den militärischen Erfordernissen nicht in Einklang stehe? Ist das nun die einzige Veränderung, das Steigen der Kampfkraft der Flugzeuge zwischen 1936 und 1939?


RAEDER: Ich habe schon mal gesagt, es wurde nicht aus dem Fenster geworfen, sondern es sollte eingeschränkt und abgeändert werden, und das ist ja auch von anderen Seiten geschehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie nun einen Blick auf den nächsten Absatz werfen. Sie sprachen darin über Ihre Rücksichtnahme auf Neutrale. Auf Seite 5 oben im englischen Text; es ist der Absatz, der auf den soeben verlesenen folgt. Sie sagen:

»Grundsätzlich muß daher das militärische, zur Brechung der feindlichen Widerstandskraft wirksame Kriegsmittel rechtspolitisch gestützt werden, auch wenn damit neues Seekriegsrecht geschaffen wird.

Die Oberste Kriegsleitung muß nach Abwägen der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Folgerungen im Rahmen der Gesamtkriegführung darüber entscheiden, welches militärische und kriegsrechtspolitische Verfahren zur Anwendung kommen soll. Ist die Entscheidung für die schärfste Handelskriegsform in Richtung der militärischen Forderung gefallen, so muß an ihr unter allen Umständen und endgültig festgehalten werden.

[229] Keinesfalls darf, wie es im Weltkrieg verhängnisvoll geschehen ist, der einmal gefaßte Entschluß für die schärfste Form des Handelskrieges unter dem politischen Gegendruck der Neutralen wieder fallengelassen werden oder eine spätere Auflockerung erfahren. Sämtliche Einsprüche der Neutralen müssen zurückgewiesen werden. Auch Drohungen mit einem Eintritt weiterer Staaten, insbesondere der Vereinigten Staaten von Amerika, in den Krieg, der bei langer Fortdauer des Krieges mit Sicherheit erwartet werden muß, dürfen nicht zu Einschränkungen in der einmal aufgenommenen Handelskriegform führen. Je brutaler die Handelskriegführung, um so früher die Wirkung, um so kürzer also der Krieg.«

RAEDER: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Stimmen Sie mit diesem Vorschlag und diesem Standpunkt, der in dem eben verlesenen Absatz zum Ausdruck kommt, überein?


RAEDER: Er ist nämlich ganz anders zu verstehen als Sie es hier vorführen wollen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ganz anders als das, was im Text steht...


RAEDER: Nein, nicht was drinnen steht. Es handelt sich darum, daß wir in Erfahrung gebracht hatten im ersten Weltkrieg, daß, sobald eine Verschärfung angeordnet war und mitgeteilt war, und sobald erst Neutrale ihren Finger erhoben und dagegen Einspruch erhoben, daß dann sofort diese Maßnahme rückgängig gemacht wurde, besonders wenn die USA dabei beteiligt waren. Und jetzt sage ich hier, es muß unter allen Umständen vermieden werden, daß wir immer gleich wieder zurückziehen und warne in dem Sinne, daß wir unsere Maßnahmen so gründlich wie möglich überlegen müssen. Deswegen auch Besprechung mit dem Auswärtigen Amt und so weiter, um zu verhindern, daß nachher wieder zurückgezogen wird und daß dadurch ein großer Prestigeverlust und ein Verlust an Wirkung eintritt. Das ist der Grund. Es sind auch an England sehr viele Proteste gegangen und meistenteils gar nicht beantwortet worden. Ich kann hier anführen aus Dokument C-170, US-136, wo die vielen Nummern drin sind, Nummer 14, da steht:

»Scharfe russische Note gegen die englische Blockadekriegführung am 20. Oktober 1939«

und da steht unter Nummer 17, am 31. Oktober:

»Politische Rede von Molotow...«


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich habe Sie nur gefragt, ob das ein ordnungsgemäßes Verfahren war.

[230] RAEDER: Ich muß eine Erklärung abgeben zu dieser Sache, da bin ich gerade dabei, scharfe Angriffe gegen englische Blockade in Verletzung des Internationalen Rechtes – diese Angriffe wurden von Herrn Molotow ausgesprochen. Also Einsprüche haben auch da stattgefunden und sind abgelehnt worden. Aber ich wollte gerade Einsprüche verhindern, und dieses ganze Dokument zeigt, daß unsere Überlegungen immer dahin gingen, unsere Maßnahmen so zu treffen, daß sie nicht zurückgewiesen werden konnten, sondern immer rechtlich noch begründet waren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie mir bitte sagen, wie man Einsprüche verhindern kann, wenn Sie in diesem Absatz vorschlagen, rücksichtsloseste Maßnahmen ohne Rücksicht auf die Proteste Neutraler anzuwenden. Wie kann man damit Einsprüche vermeiden?


RAEDER: Die Maßnahmen sollten so getroffen werden, daß Einwände nicht möglich waren. Wenn ich den Neutralen sage: »Dieses Gebiet ist gefährdet auf jede Weise«, und sie fahren doch dahin, weil sie Geld verdienen wollen oder von England gezwungen wurden, dann brauche ich einen Protest nicht anzunehmen. Sie handeln aus egoistischen Gründen und haben sich das selbst zuzuschreiben, wenn sie dabei umkommen. Ich darf noch dazu sagen...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist wahr. Sie müssen die Rechnung bezahlen, wenn sie dabei umkommen. Das bedeutete es, nicht wahr?


RAEDER: Sie kriegten ganz große Prämien dafür, daß sie sich diesem Risiko aussetzten, und das war ja ihre Sache, das zu entscheiden.


VORSITZENDER: Sir David! Wir wollen eine kurze Pause eintreten lassen.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Werden Sie noch viel Zeit in Anspruch nehmen, Sir David?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ungefähr eine halbe Stunde, Euer Lordschaft.

Angeklagter! In diesem Dokument ist die Seekriegsleitung der Ansicht, daß man England belagern müsse, das heißt, daß alle Schiffe innerhalb eines großen Gebietes rings um England ohne Warnung versenkt werden müßten.

Hören Sie nichts? Verzeihung.

In diesem Dokument ist die Seekriegsleitung auf Seite 10 bis 13 der Ansicht, daß man England belagern müsse, das heißt, daß man alle Handelsschiffe, einschließlich der neutralen und der Tanker, [231] innerhalb eines Gebietes rings um England versenken müsse. Stimmt das nicht?


RAEDER: Nein, das ist nicht wahr. Das Marinekommando schlägt das nicht vor, sondern erörterte, nachdem vorher die Blockade erörtert und abgelehnt worden ist, auch den Begriff der Belagerung. Es kommt ebenfalls zu dem Schluß, welche Gründe dagegen sprechen, daß die Belagerung, ein bis dahin völkerrechtlich nicht bekannter Begriff, etwa eingeführt wird und zieht dann die Folgerung aus allen diesen Erörterungen, indem es sagt auf der letzten Seite, auf der vorletzten Seite, was als abschließendes Ergebnis zu betrachten ist. Und das sind nur Maßnahmen, die sich durch das Vorhandensein der englischen Maßnahme rechtfertigen lassen. Bei den ganzen Auseinandersetzungen über Blockade und Blockierung steht immer im Vordergrund, ob man die Neutralen dadurch nicht zu sehr schädigt. Und der ganzen Sache mit der Belagerung liegt ja zugrunde, daß Herr Ministerpräsident Chamberlain schon am 26. September gesagt hatte, daß zwischen einer Blockade auf See und einer Belagerung zu Lande keinerlei Unterschied ist und daß ein Kommandeur einer Belagerung am Lande mit aller Macht verhindern würde, daß irgend etwas in die Festung hineinkommt. Auch die französische Presse hatte davon gesprochen, daß Deutschland sich in der Lage einer belagerten Festung befindet.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich halte Ihnen vor, daß Sie für eine Belagerung eintreten, ohne eine Belagerungszone bekanntgeben zu wollen. Sehen Sie sich Abschnitt 2 der »Abschließenden Beurteilung« an, und dann werde ich das Dokument dem Gerichtshof überlassen. Gerade diesen Punkt will ich hervorheben. Abschnitt 2 der »Abschließenden Beurteilung« sagen Sie:

»Für die zukünftige Form der Handelskriegführung wird die grundsätzliche militärische Forderung nach rücksichtsloser Schärfe erhoben. Sie findet ihre Erfüllung bei der Durchführung der schärfsten Handelskriegführung in Form der Belagerung zur See. Auch ohne die völkerrechtlich und militärisch nachteilige öffentliche Verkündung eines begrifflich klar festgelegten Belagerungszustandes und ohne Erklärung eines Sperrgebietes er scheint es, wie in der Denkschrift dargelegt, schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt durchaus möglich, die schärfste Form des Handelskrieges militärisch zum Einsatz zu bringen und die zur Zeit größtmögliche Wirkung zur Unterbindung des Handelsverkehrs der Feindmächte zu erzielen, ohne daß die Seekriegsleitung in allen Fällen an bestimmte Formen und Gebiete gebunden wird.«

Ihre Schlußfolgerung ist also, daß Sie einen möglichst wirkungsvollen Belagerungszustand haben wollten, ohne ein Sperrgebiet zu verkünden, stimmt das nicht?

[232] RAEDER: Nein, das ist nicht die Schlußfolgerung. Die Schlußfolgerung ist, daß wir eine Belagerung nicht durchführen können und daß das eine Sache der politischen Staatsführung ist, das zu entscheiden. Die politische Staatsführung hat niemals den Erlaß einer Belagerung vorgeschlagen, sondern es steht hier ganz genau drin, was auf Grund dieser Denkschrift zunächst vorgeschlagen ist und dann, wie die Verschärfungen allmählich stattgefunden haben.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wir wollen uns darüber nicht streiten und Zeit verschwenden. Ich möchte, daß Sie klarstellen...


RAEDER: Aber...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Lassen Sie mich beenden. Meine Ansicht ist – und dabei bleibe ich – daß Sie eine offizielle Belagerung ablehnten, aber trotzdem das Recht für sich in Anspruch nahmen, ohne Warnung alle neutralen Schiffe in einem Gebiet, welches das Oberkommando bestimmen sollte, zu versenken.

Ich möchte mich jetzt einem anderen Thema zuwenden, denn ich fürchte, wir verlieren Zeit.


RAEDER: Das ist also keine Belagerung, sondern das war eine Anweisung, die erfolgte, nachdem die neutralen Schiffe nicht unserer Warnung folgten und immer in die Gebiete um England hineinfuhren, um England zu unterstützen in dem Wirtschaftskrieg, den England mit der größten Rücksichtslosigkeit und Schärfe gegen uns führte. Das war eine Notwehr.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich behaupte, das Dokument spricht für sich selbst, nachdem die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs einmal auf dasselbe gelenkt ist. Ich möchte mich jetzt einem anderen Punkt zuwenden. Sie erwähnten heute morgen gewisse Angelegenheiten in Beantwortung von Fragen Dr. Horns über die Behandlung von amerikanischen Schiffen im Sommer 1941. Im April 1941 haben Sie darauf gedrängt, daß deutsche Seestreitkräfte bis zu einem drei Meilen von der amerikanischen Küste entfernten Gebiet unbehindert operieren sollten, an Stelle der 300 Meilen Sicherheitszone, die von den Amerikanern vorgeschlagen wurde. Wollten Sie das nicht? Gut, um Zeit zu sparen, lege ich Ihnen Dokument D-849, GB-472 vor.


[Das Dokument wird dem Zeugen überreicht.]


Es heißt da, daß Sie den Angeklagten von Ribbentrop nicht erreichen konnten und deshalb Freiherrn von Weizsäcker baten, eine Entscheidung über folgende Punkte herbeizuführen:

»1. Die Genehmigung für deutsche Seestreitkräfte, im westlichen Teil des Atlantischen Ozeans bis an die international übliche Dreimeilengrenze frei operieren zu dürfen.

[233] 2. Die Aufhebung der Vorzugsstellung, welche bisher die amerikanischen Handelsschiffe in unserer Seekriegführung genossen.«

Jetzt lege ich Ihnen Nummer D-850, das GB-473 wird, vor.


[Das Dokument wird dem Zeugen überreicht.]


Ihr im April vorgebrachter Vorschlag ist im Juni von Hitler abgewiesen worden. Es handelt sich um eine Aktennotiz von Ritter im Auswärtigen Amt und lautet folgendermaßen:

»General Jodl teilt mir mit, daß bei dem kürzlichen Vortrag des Großadmirals Raeder beim Führer die weitergehenden Befehle an die Seestreitkräfte, wie sie im Zusammenhang mit dem Raeder-Interview erörtert wurden, bis auf weiteres zurückgestellt worden sind.

Ebenso ist der Angriff auf nordamerikanische Handelsschiffe im Rahmen der Prisenordnung nicht freigegeben worden.«

Ihr Vorschlag ging dahin, die damals geübte Politik aufzugeben und bis zur Dreimeilenzone anzugreifen. Ich möchte nun, daß Sie sich einem anderen Punkt zuwenden...

RAEDER: Nein, bitte sehr, ich darf mich wohl erst dazu äußern, eine Erklärung in dieser Hinsicht machen. Ich möchte mich dazu äußern, auch wenn Sie keine Frage stellen. Es stimmt ja nicht.

Also in der Zeit, im März 1941 und am 1. April und den folgenden Daten im Jahre 1941, fanden eine ganze Anzahl von Verschärfungen seitens der USA statt, die ich heute morgen von dem Papier, das ich vor mir hatte, aufgezählt hatte. Infolgedessen lag es nahe, daß ich dafür eintrat, von Seiten der Seekriegsleitung, die ja einen möglichst wirkungsvollen Seekrieg führen sollte, darauf zu dringen, daß auch den USA gegenüber die völkerrechtlich möglichen Schritte unternommen wurden, und zwar, daß damit langsam angefangen würde, und dazu gehörte: Erstens: Daß man diese 300-Meilen-Grenze nicht mehr respektierte, sondern bis an die Drei-Seemeilen-Grenze, wo also nach dem üblichen Völkerrecht es möglich war anzugreifen, herangeht. Also, nichts gegen das Völkerrecht, das ist nur das Aufheben von gewissen Vergünstigungen, die wir gegenüber den USA eingeräumt hatten. Und der Punkt zwei: Die Aufhebung der Vorzugsstellung...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Genau dasselbe behaupte ich ja auch. Es besteht keine Meinungsverschiedenheit zwischen uns. Ich wollte nur diesen Punkt festgestellt haben.


RAEDER: Ja..., nein,...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, jetzt möchte ich, daß Sie...


[234] RAEDER: Ich möchte nur sagen, daß gerade in der Verhandlung mit dem Großadmiral Dönitz von uns... von seiten der Anklagevertretung verlangt war, wir dürfen nicht einzelne Neutrale bevorzugen, sondern wir müssen sie alle gleichmäßig behandeln, das heißt also auf deutsch, wir müssen sie alle versenken, ganz egal, ob wir es selbst wollten, und dazu waren wir ja nicht verpflichtet. Das zweite: Es war selbstverständlich, daß ein durchaus berechtigter Vorschlag von mir, vom Standpunkt der Seekriegsleitung, vom Führer abgelehnt wurde, wenn er nach der politischen Lage der Auffassung war, daß er jetzt keine Verschärfung unserer Stellung gegenüber den USA eintreten lassen wollte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, jetzt möchte ich, daß Sie sich einem ganz anderen Punkte zuwenden. Sagten Sie nicht, daß Sie nichts über die Ausrottung der Juden in den Ostgebieten wußten?


RAEDER: [Keine Antwort.]


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sagten Sie nicht, daß Sie über die Ausrottung der Juden in den Ostgebieten nichts wußten?


RAEDER: Ich sage ganz klar unter meinem Eid, daß ich auch nicht das Geringste davon wußte. Ich kann vielleicht zur Erklärung hinzufügen, daß Hitler mit einem Mann wie mir, dessen Einstellung er kannte, unter gar keinen Umständen über solche Sachen sprach, zumal er befürchtete, daß von meiner Seite sehr scharfer Widerstand eintreten würde. Ich habe neulich schon erklärt, warum ich das Wort Juden in meiner Gedenkrede erwähnt habe. Dazu war ich meiner Ansicht nach verpflichtet. Das hatte aber mit einer Ausrottung der Juden nichts zu tun. Ich habe von Judensachen nur erfahren...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun...


RAEDER: Bitte sehr, einen Augenblick... von Juden habe ich nur erfahren, wenn bekannte Juden, meist Freunde meiner alten Eltern, sich an mich wandten und erklärten, sie sollten evakuiert werden aus Berlin und ich dann für sie eintrat – das ist das einzige – und mir wurde da gesagt, wenn ich fragte, sie sollten evakuiert werden in Städte, in denen sich Ghettos befinden. Ein Ghetto war für mich immer ein Stadtviertel, in dem die Juden gemeinsam wohnten, so daß sie sich nicht zwischen der übrigen Bevölkerung aufhielten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Meine Frage war nur, ob Sie davon wußten oder nicht, Sie hätten sie mit »Ja« oder »Nein« beantworten können. Ich möchte nun Ihre Antwort, über einen gewissen...


RAEDER: Ja, ich muß aber... gerade zu diesem Punkt ist man ja doch so vielfach gefragt worden, und weil eigentlich jeder Mann [235] in meiner Lebensstellung und in der Orientierung, die man hatte, dasselbe sagt, er wüßte nichts davon, lag mir daran, einmal klarzustellen, daß man gar nicht zur Kenntnis solcher Tatsachen kam, denn Zivilpersonen sprachen wirklich nicht mit einem über solche Sachen, weil Sie immer die Scheu hatten, daß sie sich etwas an den Hals redeten, wenn sie überhaupt über solche Sachen sprachen. Der Führer sprach nicht; mit Himmler hatte ich keine Beziehungen, und mit sonstigen Organen der Gestapo auch nicht. Ich wußte nichts davon.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will nur, daß Sie dem Gerichtshof sagen, wie Ihr Befehlsweg an der Ostseeküste aussah. Ist es richtig, daß es ein Marineoberkommando gab, dann den Stationschef der Ostsee in Reval und unter ihm ein Kommando in Libau? Stimmt das? War das Ihr Befehlsweg?


RAEDER: Ich habe das nicht verstanden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: War Ihr Befehlsweg für die Ostseeküste: Kiel-Stationschef der Ostsee in Reval und dann ein ihm unterstehendes Kommando in Libau?


RAEDER: Ich nehme an, daß es... es kommt auf die Sache an. Wenn es operative Sachen waren, dann ging das über den Marinegruppenbefehlshaber Ost oder Nord, und wenn es organisatorische Dinge waren, kann es sein, daß es über den Stationschef der Ostsee ging.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Aber auf alle Fälle hatten Sie im Jahre 1941 ein Marineoberkommando in Libau, nicht wahr?


RAEDER: Jawohl, selbstverständlich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich bitte Dokument D-841 an, das eine eidesstattliche Aussage eines Marinebeamten in Libau ist.

Euer Lordschaft, das wird GB-474.

Der Zeuge sagt: Eidesstattliche Erklärung von Walter Kurt Dittmann, und dann heißt es:

»Ich war Marine-Verwaltungsinspektor und Dienststellenleiter des Marinebekleidungslagers in Libau in Lettland.

Diese Stellung hatte ich inne von Anfang August 1941 bis Ende März 1942.

Die jüdische Bevölkerung soll ca. 7000 Personen in Libau stark gewesen sein zu der Zeit.

Bis Ende März 1942 waren dort bereits viele Tausende von der Gestapo und der lettischen Polizei ›evakuiert‹ worden.

Evakuiert war der Ausdruck dort für die Beseitigung dieser Menschen.

[236] Alle Juden waren registriert. Wenn ein neuer Schub evakuiert werden sollte, ging dies folgendermaßen vor sich: Die lettische Polizei holte die Juden aus ihren Häusern, lud sie auf Lastwagen und fuhr sie in den Kriegshafen, ca. 6 bis 7 Kilometer außerhalb der Stadt. Später hatten die Leute zu marschieren und wurden nicht mehr mit Lastautos dorthin gebracht. Im Kriegshafen wurden diese Menschen dann dort mit Maschinengewehren erschossen. Dies geschah durch die Gestapo und die lettische Polizei. Die Polizei unterstand der deutschen Gestapo natürlich.

Ich selbst habe dieses nicht persönlich mit angesehen, aber Kameraden schilderten mir diese Vor fälle.

Die Juden, bevor sie erschossen wurden, arbeiteten zum Teil für die Marine.

Im Bekleidungslager arbeiteten ca. 80 bis 100 Personen per Tag.

Bei der Standortverwaltung arbeiteten ca. 100 bis 150 Personen per Tag.

Bei dem Standort-Bauamt (Marine) arbeiteten ca. 50 Personen per Tag.

Durch diesen Kontakt und durch persönliche Besuche in den Häusern von Juden hörte ich viel über die fürchterlichen Vorkommnisse in Libau während dieser Monate. Ich ging persönlich zu meinem Vorgesetzten, Festungsintendanten Dr. Lancelle, und vordem war ich noch bei einem anderen Vorgesetzten, Lazarettverwaltungsvorsteher Müller, die beide Marineverwaltungsbeamte waren, und machte sie aufmerksam auf die bereits geschilderten Mißstände.

Die Antwort, die ich bekam, war, daß sie nichts unternehmen könnten und daß man solche Sachen am besten übersehe.

Der Marineverwaltungsassistent Kurt Traunecker brachte einen Transport Bekleidung von Kiel nach Libau. Er blieb einige Wochen in Libau und gab seiner Mißbilligung über die dort herrschenden Zustände in Bezug auf die Ausrottung der Juden Ausdruck.

Er ging dann zurück nach Kiel zu dem dortigen Bekleidungsamt. Dort äußerte er sich ebenfalls mißbilligend und wurde daraufhin zur Marine-Intendantur vorgeladen. Wen er dort sah, weiß ich nicht. Aber es wurde ihm bedeutet, diese Sachen wären nicht wahr, und er sollte darüber nicht mehr sprechen, da er sonst, die größten Unannehmlichkeiten haben könnte.

Ich persönlich muß annehmen, daß die höheren Dienststellen der Marine in Kiel und in anderen Plätzen in [237] Deutschland von diesen schrecklichen Zuständen gewußt haben müssen.«

Behaupten Sie, Angeklagter, es hätte Ihnen, obwohl Sie Marineabteilungen an der Ostküste der Ostsee, wo diese Dinge geschehen sind, besessen haben, niemand darüber Bericht erstattet, daß Juden in den Ostgebieten zu Tausenden abgeschlachtet worden sind? Behaupten Sie das immer noch?

RAEDER: Jawohl, ich wußte nichts davon.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was hat denn Ihr Stab gemacht, wenn er Ihnen nichts darüber berichtet hat? Hatten Sie einen tüchtigen Stab? Sie sagten doch, Sie hatten einen tüchtigen Stab?


RAEDER: Das ist eine Frage, die gar nicht hierher gehört. Ich hatte selbstverständlich nur tüchtige Offiziere in meiner Umgebung. Hier handelt es sich um Sachen, die gar nicht von der Marine gemacht worden sind, sondern es steht an allen Stellen, es wäre die Polizei und so weiter gewesen. Ich bin sogar einmal in Libau gewesen, und da ist mir gesagt worden, als einziges in dieser Angelegenheit, daß es merkwürdig wäre, daß in Libau die Juden ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit vielfach Handwerker wären und daß sie infolgedessen dort auch nützliche Dienste leisteten. Das ist das einzige, was ich davon gehört habe. Über irgendwelche Ausrottung...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wann waren Sie in Libau?


RAEDER: Das kann ich jetzt weiter nicht sagen, es war in einem Jahre, nachdem es eingenommen war, wahrscheinlich gleich hinterher.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Waren Sie 1941 oder 1942 dort?


RAEDER: Ich sagte Ihnen eben, daß ich es nicht mehr genau weiß.. Ich muß nachsehen, wo das steht.... Es steht ja hier auch gar nicht, daß irgend etwas gemeldet worden ist, sondern es ist im Rahmen der Marineleitung offenbar besprochen worden, und die Marine-Intendantur, die berichtet nicht an mich. Ich würde ganz sicher eingegriffen haben, wenn ich so etwas gehört hätte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Glauben Sie das wirklich? Nun, ich will das jetzt beiseite lassen. Erzählen Sie mir etwas über den Kommandobefehl vom 18. Oktober 1942. Sie erhielten Hitlers Kommandobefehl und haben ihn an die verschiedenen Marineabteilungen weitergegeben, nicht wahr?


RAEDER: Jawohl, ich habe es durch die Seekriegsleitung weitergegeben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Haben Sie das befürwortet?


RAEDER: Ich habe es nicht befürwortet, sondern ich habe es weitergegeben. Ich muß dazu eine Erklärung abgeben, wenn Sie wissen wollen, wie ich dazu dachte.


[238] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das frage ich Sie nicht. Ich frage Sie: – beantworten Sie zuerst meine Frage – Haben Sie den Befehl befürwortet, Kommandos zu erschießen oder sie dem SD zur Erschießung zu übergeben?


RAEDER: Ich habe den Befehl nicht befürwortet, sondern ich habe ihn so, wie der Führer ihn aufgesetzt hat, und wie er in meine Hände gelangte, weitergegeben entsprechend diesem Befehl, mit dem gleichen Vermerk, daß er weiterzugeben ist und wie er nachher zurückzugeben ist. Das war von Hitler alles genau befohlen. Für mich war maßgebend, daß in einem der ersten Absätze die Fälle standen, worauf sich dieser Befehl gründete und die, weswegen Hitler eine Abweichung von dem Internationalen Recht für gerechtfertigt hielt. Es kam noch hinzu, daß ich kurz vorher in Dieppe gewesen war in Frankreich und dort erfuhr, daß bei dem Kommandounternehmen der Engländer in Frankreich, Gefangene – ich glaube sie waren vom Arbeitsdienst – die an der Küste arbeiteten, so gefesselt worden waren, daß eine Schlinge um ihren Hals gelegt war und das andere Ende der Schlinge um den umgebogenen Unterschenkel, so daß, wenn der Unterschenkel erlahmte, die Schlinge sich zuzog und der Mann erstickte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Beantworten Sie meine Frage: Haben Sie diesen Befehl befürwortet oder nicht? Sie haben das noch nicht beantwortet; haben Sie den Befehl befürwortet?


RAEDER: Ich sagte Ihnen immer... ja ich habe... nein ich sage auch nicht... das habe ich schon zweimal gesagt, sondern ich habe ihn weitergegeben, weil ein Befehl meines Oberbefehlshabers vorlag. Dann kam hinzu, daß in einem der letzten Absätze stand, daß dieser Befehl nicht zutreffe für die Behandlung von Gefangenen nach Kämpfen auf See und Großlandungsunternehmungen, und da haben sowohl ich wie auch viele andere in der Marine das Hauptaugenmerk natürlich auf diesen Passus gesetzt, weil das unsere Haupttätigkeit war. Ich habe aber eben keine Veranlassung gefunden wegen dieses Befehls, den ich so begründet fand, Einspruch beim Führer zu erheben, und ich möchte das ganz glatt aussprechen, ich war als Soldat nicht in der Lage, zu meinem Obersten Befehlshaber und Staatsoberhaupt zu gehen und ihm zu sagen: jetzt zeigen Sie mir Ihre Unterlagen für diesen Befehl; das ist Meuterei, und das konnte unter gar keinen Umständen geschehen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Erinnern Sie sich an dieses eine Beispiel, über das wir in diesem Gerichtshof schon ausführlich gesprochen haben, bei dessen Erörterungen auch Sie zugehört haben müssen, nämlich an den Fall, in dem Marineangehörige mit einem Zwei-Mann-Torpedo versucht haben, den »Tirpitz« zu versenken. Erinnern Sie sich an diesen Fall? Sicher können Sie darauf ja oder [239] nein antworten, denn entweder erinnern Sie sich oder nicht. Wir haben darüber etwa sechsmal gesprochen.


RAEDER: Ja, ich erinnere mich. Wenn ich mich erinnere, sagte ich auch »ja«. Es braucht gar nicht das Gegenteil angenommen zu werden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie, daß während der Zeit, in der Sie Generalinspekteur oder Admiralinspekteur der deutschen Marine waren, ein Kommando der Kleinkampfverbände unter Vizeadmiral Helmut Heye aufgestellt wurde, zu dem auch die Ein-Mann-Torpedos gehörten, die Ein-Mann-U-Boote und die Sprengboote. Die Personalstärke war anfangs etwa 5000 Mann und stieg, glaube ich, bis zu 16000?

Wußten Sie etwas von diesem Kommando der Kleinkampfverbände bei der Marine? Wußten Sie davon?


RAEDER: Das wußte ich, jawohl, und daß sie ganz offen an der französischen und, ich glaube, später auch an der nordischen Küste operierten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hätten Sie es gebilligt, wenn die Alliierten irgendeinen dieser Tausende Ihrer Leute in diesem Kommando von Ein- und Zwei-Mann-Torpedos und Sprengbooten erschossen hätten? Hätten Sie das gebilligt, wenn wir sie ohne werteres erschossen hätten?


RAEDER: Erstens, was ich getan haben würde in einem bestimmten Fall, wo ich überhaupt nichts mehr zu tun hatte, darüber kann ich keine Auskunft geben, und zweitens, hier handelt...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut. Wenn Sie das nicht beantworten wollen, dann genügt mir das auch. Ich werde den Gerichtshof zu rechter Zeit darauf verweisen mit...


RAEDER: Bitte, zweitens, Sie haben mich wieder unterbrochen, ich will ja doch zweitens jetzt sagen, nachdem ich »erstens« gesagt habe. Und zweitens kämpften diese Verbände vollkommen offen unter der Küste, hatten keine Zivilisten an Bord und hatten auch keine sonstigen Mordinstrumente und so weiter für Sabotage an Bord. Es waren also vollkommen genau so Kämpfer wie Kämpfer in einem U-Boot. Ich weiß...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Genau dasselbe behaupte ich von unseren Kommandos, und ich will nicht darüber streiten.

Ich möchte mich einem anderen Punkt zuwenden. Ist das Logbuch über den »Athenia«-Fall auf Ihren Befehl gefälscht worden? Geschah es auf Ihren direkten Befehl?


RAEDER: Nein, gar nicht; ich habe ja neulich hier ausgeführt, daß mein Befehl lautete: Erstens: Völlige Geheimhaltung auf Befehl des Führers, zweitens: Die politische Behandlung erfolgt weiter [240] durch OKM, und drittens: es war noch ein dritter Punkt, den ich gleich habe...: Ich will den Kommandanten nicht bestrafen, weil er bona fide gehandelt hat und einen Irrtum begangen hat. Das war das, was ich befohlen habe. Weiter habe ich gar nichts befohlen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie, auf wessen Befehl das Logbuch gefälscht worden ist? Ich möchte es sehr gern wissen. Das Logbuch wurde gefälscht. Ich habe den Angeklagten Dönitz befragt. Er kann mir keine Antwort darauf geben. Er hat aber in einer eidesstattlichen Versicherung erklärt, man solle Ihnen die Beantwortung dieser Frage überlassen; und jetzt frage ich Sie, ob Sie mir das sagen können. Ich glaube, der Kommandant ist, soweit ich mich erinnere, tot, daher kann er mir keine Antwort geben. Wollen Sie behaupten, Sie könnten mir keine Auskunft darüber geben, auf wessen Befehl das Logbuch des Unterseebootes U-30, das die »Athenia« versenkte, gefälscht wurde?


RAEDER: Ich sagte schon, ich habe mit der Sache nichts zu tun, denn mit solchen Kleinigkeiten habe ich mich nun wahrhaft bei Gott nicht abgegeben, solche Einzelheiten anzuordnen. Und neulich hier bei der Besprechung... ich weiß nicht, ob der Admiral Wagner es gesagt hat, ist das ja schon erörtert worden, wer das getan hat. Ich nehme an, daß das innerhalb der Flottille geschehen ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sagen Sie mir noch folgendes über die »Athenia«: Sie haben neulich erklärt, Sie hätten diese Befehle gegeben und dann Ihre Hände in Unschuld gewaschen. Fast einen Monat später...


RAEDER: Ich sagte ja schon, ich hatte damit weiter nichts zu tun, denn Sie wissen ja...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie hatten nichts damit zu tun. Nach ungefähr einem Monat gab das Propagandaministerium bekannt – ich glaube, Sie sagten auf Hitlers Befehl – die »Athenia« sei von Churchill versenkt worden. Empfanden Sie es als Großadmiral und Chef der deutschen Marine nicht als Ihre Pflicht, Protest zu erheben gegen diese schändliche und lügenhafte Behauptung, der Erste Lord der Britischen Admiralität hätte eine große Anzahl englischer Bürger vorsätzlich in den Tod geschickt? Hielten Sie dies nicht für Ihre Pflicht?


RAEDER: Ich habe mit Hitler darüber gesprochen, und das geschah... aber es war ja geschehen, ohne daß wir irgend etwas ahnten. Es war mir außerordentlich peinlich, als der Erste Lord der Englischen Admiralität in dieser, man kann sagen rüpelhaften Weise angegriffen wurde, aber ich konnte nachträglich nichts ändern, und Hitler hat mir auch nicht zugegeben, daß er...


[241] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben sich anscheinend keine Gedanken darüber gemacht, überhaupt keine Gedanken...


RAEDER: Ich habe mir Gedanken gemacht, ich war empört darüber. Drehen Sie mir doch nicht immer die Worte im Munde herum, es ist ja alles zweck...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Haben Sie auch Ihre Empörung in die Tat umgesetzt? Diese Frage stelle ich Ihnen nun.


RAEDER: In welche Tat?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Irgendeine Tat.


RAEDER: Ja.... Sollte Hitler Goebbels veranlassen, daß er nun diesen Artikel widerrief? Das tat Hitler nicht, wenn er selbst der Urheber gewesen war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will das nun ganz klar stellen. Sie unternahmen nichts, als Sie erfuhren, daß von Blomberg und von Fritsch, Ihre alten Freunde und Kameraden, unschuldig die Opfer einiger dieser Nazi-Verschwörer wurden. Sie haben doch nichts unternommen? Sie unternahmen doch nichts, um gegen diese Behandlung, die von Blomberg und von Fritsch widerfahren ist, Protest zu erheben? Sie unternahmen nichts, nicht wahr?


RAEDER: Nein, aber ich wußte ja zu der Zeit gar nichts von den Hintergründen, wie Sie heute morgen selbst gesagt haben. Ich wußte gar nichts von den Hintergründen. Ich habe mir später aus Sachen, die ich erfahren habe, allmählich ein Bild gemacht, denn ich war in der damaligen Zeit gar nicht in der Lage anzunehmen, daß solche Methoden überhaupt möglich wären.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, ich will Ihnen Ihre eigene, vor einem Jahr abgegebene Erklärung vorlegen. Ich möchte es nur ganz klarstellen, daß Sie sich das erstemal in Ihrem Leben, ich glaube, im März 1945 zu einem Protest entschlossen haben, als Sie an der Hand Ihres Freundes, des Herrn Geßler, tatsächlich die Foltermale sahen, und zu jener Zeit hatten die Sowjettruppen bereits die Oder überschritten, und die Alliierten den Rhein. Damals haben Sie das erstemal Protest erhoben, indem Sie Ihr goldenes Parteiabzeichen abgelegt haben. Das war der erste Protest, den Sie in Ihrer militärischen, politischen und Marinelaufbahn erhoben haben. Stimmt das?


RAEDER: Ach, keine Spur, ich habe erst nicht verstanden, was da eigentlich los war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will es wiederholen. Im März 1945 legten Sie das goldene Parteiabzeichen ab, als Sie die Foltermale an der Hand Ihres Freundes Geßler sahen. Ist das richtig?


[242] RAEDER: Als Dr. Geßler, der trotz meiner Gegenvorstellung mehrere Monate im Konzentrationslager gewesen war, zurückkam aus dem KZ und mir mitteilte, er befände sich in vollkommen desolatem Zustand, daß trotz meiner Bitte im August, als er in das Konzentrationslager aufgenommen wurde und ich durch den Admiral Wagner den Führer aufgefordert hatte, er möge den Dr. Geßler schnell vernehmen lassen, da er bestimmt unschuldig an dem Attentat wäre, damit er möglichst bald entlassen würde, da...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Meine Frage lautet: Haben Sie zu jener Zeit Ihr Parteiabzeichen abgelegt? Beantworten Sie das. Sie können Ihre Erklärungen später abgeben.


RAEDER: Ja, nun warten Sie doch erst mal.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber bis dahin erhoben Sie keinerlei Protest gegen Hitlers Taten, ausgenommen den rein militärischen Einwand gegen den Einfall in die Sowjetunion?


RAEDER: Ich habe immer sehr ernste Einsprüche erhoben, das habe ich hier auch nachgewiesen, und der Adjutant, der General Schmundt, der sagte mir: »Sie erreichen noch am meisten, wenn Sie unter vier Augen auf den Führer einwirken und ihm ganz offen Ihre Meinung sagen.« Ich möchte aber... Dies ist ja bemerkenswert, daß ich das sagen muß. Also Dr. Geßler kam aus dem Konzentrationslager zurück und teilte mir mit, daß er dort bei seiner ersten Vernehmung, wo ich also noch nicht hatte eingreifen können, gefoltert worden wäre. Das war das erstemal, daß ich gehört habe, daß irgendwo in Deutschland jemand gefoltert worden ist. Es besteht ein Brief von Dr. Geßler darüber, daß ich ihm sofort sagte, ich gehe jetzt zum Führer und teile ihm das mit, denn ich könne mir nicht denken, daß er etwas davon wisse. Geßler bat mich, als er diesen Brief bestätigte, ich möge um Gotteswillen jetzt nicht zum Führer gehen, weil er dadurch in seinem Leben gefährdet würde. Ich sagte ihm, ich würde mich verbürgen dafür, daß ihm nichts passierte, und ich würde mich doch bemühen, an den Führer heranzukommen. Ich habe in der ganzen folgenden Zeit versucht, an den Führer heranzukommen, der erst noch außerhalb war, und als ich im April erfuhr, daß er in Berlin sei, wo also schon sehr starke Angriffe waren, habe ich täglich versucht, indem ich beim Admiral Voß antelephonierte, an den Führer heranzukommen. Das ist mir nicht mehr gelungen, und wie ich diese Nachricht bekommen hatte, war das erste, daß ich mit meiner Frau zusammen an den See, der hinter unserem Hause war, hinging und das Zeichen dort versenkte. Das habe ich auch dem Admiral Voß mitgeteilt, aber ich konnte es leider nicht mehr dem Führer mitteilen. Das ergibt sich aus dem Brief, den Herr Dr. Geßler geschrieben hat, den wir gern als Zeugen hierher haben wollten, dessen Gesundheitszustand aber das nicht erlaubte.


[243] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war also Ihr erster Protest?


RAEDER: Das war nicht mein erster Protest; das ist eine Verdrehung meiner Worte.


VORSITZENDER: Wird ein weiteres Kreuzverhör des Angeklagten gewünscht?


OBERST POKROWSKY: [zum Zeugen gewandt] In der Vormittagssitzung des Gerichtshofs vom 18. Mai 1946 sagten Sie aus, daß Sie während Ihres Dienstes als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine zweimal ein Abschiedsgesuch einreichten. Das erstemal im November 1938, als es sich um den Bau der Kriegsmarine handelte und Hitler mit diesem Plan nicht zufrieden war. Das zweitemal, als Hitler ohne Ihr Wissen seinem Adjutanten, einem Marineoffizier, gestattete, ein gewisses junges Mädchen zu heiraten. Ist das richtig?


RAEDER: Jawohl. Ich habe aber noch weitere Abschiedsgesuche, die nicht so flagrant waren, eingereicht, im Jahre 1937, und, ich glaube, schon 1935, als ich mich mit meiner Gesundheit nicht so gut fühlte; aber dies waren zwei besonders typische Beispiele, wie solche Dinge entstanden.


OBERST POKROWSKY: Im ersten Fall hat Hitler Sie überredet, das Abschiedsgesuch nicht einzureichen.


RAEDER: Jawohl.

OBERST POKROWSKY: Im zweiten Fall kam er Ihrem Wunsche wohl nach, merkte es sich aber für immer?


RAEDER: Jawohl.


OBERST POKROWSKY: Tatsächlich traten Sie erst im Januar 1943 zurück? Ist das richtig?


RAEDER: In der Praxis, ja. Denn während der Kriegszeit, das muß ich hier einfügen, während der Kriegszeit glaubte ich, die Marine nicht verlassen zu dürfen, die sich schon in einer so schwierigen Lage befand, und in der ich glaubte, ein gewisses Vertrauen zu genießen, so daß ich ihr nützlich sein konnte.


OBERST POKROWSKY: In der Vormittagssitzung des 18. Mai erklärten Sie dem Gerichtshof hier im Hinblick auf Ihren Rücktritt, daß Sie den Eindruck hatten, Hitler wollte Sie in diesem Augenblick los werden. Stimmt das?


RAEDER: In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck,... infolge der Schwere der Vorwürfe, die er erhob und in denen er sich erheblich widersprach gegenüber seinen früheren Urteilen, hatte ich den Eindruck, daß er mich vielleicht loswerden wollte und daß es infolgedessen jetzt ein besonders günstiger Moment wäre, wegzugehen.


[244] OBERST POKROWSKY: Die Frage der Nachfolgeschaft wurde dadurch gelöst, daß Sie Hitler einige Namen nannten?


RAEDER: Jawohl.


OBERST POKROWSKY: Und unter diesen war der Angeklagte Dönitz? Haben Sie seinen Namen genannt?


RAEDER: Jawohl, ich habe seinen Namen genannt; erstens Carls, zweitens, für den Fall, daß er den U-Bootkrieg besonders betonen wollte, Großadmiral Dönitz, der auf diesem Gebiete die größte Autorität wäre.


OBERST POKROWSKY: Haben Sie, nachdem Sie jetzt meine Fragen beantwortet haben, nicht den Eindruck, daß Ihre Antwort, die Sie dem Verteidiger Dr. Laternser am 18 Mai gegeben haben, als Sie die absolute Unmöglichkeit des Rücktritts aus dem Generalstab erwähnten, nicht wahrheitsgetreu war? Es war doch möglich, den Abschied zu nehmen?


RAEDER: Ja, es waren hier eben zwei Voraussetzungen. Die eine war die, daß Hitler selbst mich nicht mehr goutierte und ich das merkte, und daß ich also infolgedessen keinen Ungehorsam beging wenn ich ihm gewissermaßen mein Amt auf den Tisch warf, aus irgendeinem Grunde. Und zweitens, weil es möglich war, wie ich in diesem Gespräch feststellte, daß die Trennung unter friedlichen Umständen erfolgen könnte, so daß also die Marine dadurch nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wenn ich mit einem Krach von ihm geschieden wäre, so hätte das eine sehr ungünstige Wirkung auf die Marine gehabt, weil das ja auch eine gewisse Spaltung vielleicht zwischen der Marine und Hitler herbeigeführt hätte, und ich mußte auf die Geschlossenheit in diesem kritischen Zeitpunkt des Krieges ganz besonderen Wert legen.


OBERST POKROWSKY: Ich möchte, daß Sie meine Frage richtig verstehen.


RAEDER: Ja, ich verstehe...


OBERST POKROWSKY: Ich frage Sie nicht nach den Voraussetzungen, die für die Billigung eines Rücktrittsgesuchs vielleicht nötig gewesen wären. Ich stelle an Sie die prinzipielle Frage: War ein Rücktritt möglich oder nicht? Schließlich traten Sie von Ihrer Stellung als Oberbefehlshaber der Marine zurück.


RAEDER: Ja, ich war aber nun 15 Jahre im ganzen im Dienst und konnte ihm sagen: »Wenn Sie mich so selber beurteilen, dann hat es ja gar keinen Zweck, mit mir weiter zusammenzuarbeiten.« Das war für mich die günstige Lage, daß ich mir erlauben konnte, ihn zu bitten, mich abzulösen; was man nicht konnte, war, ihm die ganze Sache hinzuwerfen, um den Eindruck zu erwecken, als ob man Ungehorsam leisten wollte. Das mußte unter allen Umständen [245] vermieden werden, das hätte ich nie getan, dazu war ich zu sehr Soldat.


OBERST POKROWSKY: Was ich auf meine Frage hören wollte, habe ich erfahren.

Nun gehen wir zur nächsten Frage über: Sie haben behauptet, daß Sie sich während der ganzen Zeit bemühten, normale Beziehungen zu der Sowjetunion herzustellen. Stimmt das?


RAEDER: Ich kann leider nicht verstehen, was der Herr da sagt.


OBERST POKROWSKY: Sie haben behauptet, daß Sie während Ihrer gesamten Dienstzeit bestrebt waren, normale Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion herzustellen? Ist das richtig?


RAEDER: Ich bin immer für die Bismarck-Politik eingetreten, daß wir mit Rußland eine gemeinsame Politik machen müßten.


OBERST POKROWSKY: Wenn ich Ihre Aussage von vorgestern und Freitag richtig verstanden habe, so wußten Sie bereits im Jahre 1940, daß Hitler die Sowjetunion angreifen wollte?


RAEDER: Ich habe im September 1940 zum erstenmal von Hitler selbst bestimmte Aussprüche gehört, daß er an einen Krieg mit Rußland unter bestimmten Voraussetzungen denke. Er hat ja noch in der Weisung eine Voraussetzung gemacht, er hat damals nicht mir gegenüber ausgesprochen, er wolle unter allen Umständen Krieg führen, sondern, wir müßten uns darauf gefaßt machen, so steht es in dem Absatz 1, daß auch vor Niederwerfung Englands wir gegen Rußland mit den Waffen einschreiten müßten, und ich habe seit dem September begonnen, ihm Vorstellungen zu machen.


OBERST POKROWSKY: Haben Sie nicht behauptet, daß jene Erklärungen, welche die offiziellen deutschen Behörden als Ursache für den Angriff auf die Sowjetunion angaben, bei Ihnen sowie bei anderen den Eindruck einer Zweckpropaganda hervorriefen und abstoßend wirkten? Erinnern Sie sich daran?


RAEDER: Also, die Propaganda Hitlers machte einen Eindruck? Ich habe das gar nicht...


OBERST POKROWSKY: Ich glaube, daß Sie einmal schriftlich den Gedanken äußerten, daß das Oberkommando der Wehrmacht und das Auswärtige Amt dem deutschen Volke die Gründe für den Angriff auf die Sowjetunion so erklärten, daß diese Erklärungen den Eindruck einer zielbewußten Propaganda erweckten und abstoßen wirkten.

Erinnern Sie sich daran?


RAEDER: Ja, Sie meinen diese Veröffentlichungen, die bei Eröffnung des Krieges ausgegeben wurden im Rundfunk, vom Auswärtigen Amt? Jawohl, das war eine Propaganda Hitlers, um diesen [246] Krieg dem deutschen Volke verständlich zu machen. Das stimmt. Über den Bruch des Paktes...


OBERST POKROWSKY: Ich möchte, daß Sie ein Dokument einsehen. Dieses Dokument haben Sie geschrieben, und ich möchte Sie bitten, uns zu sagen, ob in diesem Schriftstück das steht, was ich Sie soeben fragte.


RAEDER: Wo ist es?


OBERST POKROWSKY:

»Die bei Kriegsausbruch...«


RAEDER: »Die bei Kriegsausbruch...« Soll ich das vorlesen?

»Die bei Kriegsausbruch herausgegebenen propagandistischen, politischen und militärischen Veröffentlichungen des Auswärtigen Amtes und des Oberkommandos der Wehrmacht, die den Bruch des Paktes auf Grund von Verstößen der SU. gegen diesen rechtfertigen sollten, fanden sowohl im Volke wie in der Wehrmacht nur wenig Glauben. Sie trugen zu stark den Charakter der Zweck propaganda und wirkten abstoßend.« (USSR-460.)

Ich weiß, daß damals Hitler diese Dokumente selbst aufgesetzt hatte mit Goebbels zusammen.

OBERST POKROWSKY: Im Zusammenhang mit dieser Frage möchte ich Ihnen folgende Frage stellen. Soll ich Sie so verstehen, daß Ihre Meinungsverschiedenheiten mit Hitler, was die Frage der Außenpolitik und besonders der Angriffskriege betrifft, weniger groß war als Ihre Meinungsverschiedenheiten, sagen wir, über die Frage der Heirat eines Marineoffiziers mit einem gewissen Mädchen? Haben Sie mich verstanden?

RAEDER: Nein, die spielten sich in einem ganz anderen Rahmen ab; das waren militärische Fragen, wo schließlich die politische Entscheidung beim Führer blieb. Ich habe ihm sehr, scharf zugesetzt, wenn es sich um die Frage der Moral handelte, auch da beim Pakt, aber ich habe ihm kein schriftliches Ultimatum geschickt, denn das wäre in dieser Angelegenheit unmilitärisch gewesen. Ich hatte ja nicht die oberste Entscheidung, sondern die hatte er, während in dem Falle Albrecht meine Entscheidung – und ich hatte den Konsens zu erteilen oder nicht – auf dem Spiele stand, daß ich nicht unterzeichnete, was ich da unterzeichnen sollte.


OBERST POKROWSKY: Sie sagen, daß das Fragen der Moral seien. Sind Sie nicht der Ansicht, daß ein nicht herausgeforderter Angriff auf ein Land, mit dem Deutschland einen Nichtangriffspakt hatte, auch eine Frage der Moral ist?


RAEDER: Selbstverständlich, das sagte ich ja selber, daß ich auch hier das Moralische sehr stark hervorgekehrt habe. Trotzdem [247] war ich als ältester Soldat der Marine nicht in der Lage, etwa mit meinem Rücktritt in diesem Moment zu drohen. Dazu war ich zu sehr Soldat, als daß ich das hätte tun können, als daß ich die Marine in einem solchen Moment hätte verlassen können.


OBERST POKROWSKY: Als Sie die Fragen Ihres Verteidigers beantworteten, haben Sie hier im Gerichtssaal erklärt, daß Ihre Rede vom 12. März 1939 – es ist Seite 169 der russischen Übersetzung des Raeder-Dokumentenbuches, Herr Vorsitzender –, in der Sie Hitler sowie die nationalsozialistische Politik gepriesen haben, mit Ihren Grundanschauungen nicht übereinstimmt. Ist das richtig oder nicht?


RAEDER: Nein, das stimmt so nicht, sondern ich habe gesagt, daß wir die Erfahrung gemacht hatten, daß die Kommunisten und die Juden uns 1917 bis 1920 in unserer Widerstandsfähigkeit stark untergraben hätten und daß es deshalb zu verstehen wäre, wenn eine nationalsozialistische Regierung in gewisser Weise gegen beide vorgegangen wäre, um ihren Einfluß, der übermäßig groß war, zurückzudämmen. Das war der Sinn meiner Ausführungen. Von irgendwelchen weitergehenden Schritten, die etwa in Frage kämen, habe ich in keiner Weise gesprochen.


OBERST POKROWSKY: Kurz gesagt, erklären Sie jetzt, daß Ihre Rede vom 12. März 1939 Ihren Ansichten und Ihrer Denkweise entspricht? Ist das richtig?


RAEDER: Jawohl, sonst hätte ich das ja nicht gesagt. Es entspricht insofern, als ich anerkennen mußte, daß die Regierung, die nationalsozialistische Regierung, in irgendeiner Weise diesen Einfluß, der übermäßig groß geworden war, wie allgemein anerkannt wurde, zurückdämmte. Und sie hatte ja, wie ich auch gestern gesagt habe, die Nürnberger Gesetze erlassen, die ich in ihren Überspitzungen nicht voll billigte, aber ich konnte bei dieser Einstellung der Regierung unmöglich bei einer so offiziellen öffentlichen Rede, die ich im Auftrag der Regierung hielt, anders geartete Anschauungen, die ich persönlich hatte, zum Ausdruck bringen. Das gehörte in den Rahmen dieser Staatsrede.


VORSITZENDER: Oberst Pokrowsky! Werden Sie in einigen Minuten fertig sein, es ist schon fünf Minuten nach fünf Uhr?

OBERST POKROWSKY: Ich glaube, Herr Vorsitzender, daß ich in ungefähr zehn Minuten fertig sein werde. Ich habe noch drei bis vier Fragen.


VORSITZENDER: Sehr gut.


OBERST POKROWSKY: [zum Zeugen gewandt] Um Zeit zu sparen, will ich mit Ihnen nicht darüber diskutieren, aus welchen Beweggründen Sie Ihre Rede gehalten haben. Wichtig für mich ist, [248] daß Sie sagen, diese Rede entsprach Ihren Ansichten und Ihrer Gesinnung.

Wir gehen zur nächsten Frage über:

Am 29. September 1941 hat Ihr Chef des Stabes, Admiral Fricke, spreche ich seinen Namen richtig aus? Fricke oder Fricker?


RAEDER: Fricke, jawohl, das war der Chef des Stabes der Seekriegsleitung.


OBERST POKROWSKY: Dieser Admiral Fricke hat Weisungen für das weitere Schicksal Leningrads erteilt. Wissen Sie, um welches Dokument es sich handelt oder soll ich es Ihnen zeigen?


RAEDER: Nein, ich kenne das Dokument genau.


OBERST POKROWSKY: Wurde diese Weisung mit Ihrem Einverständnis gegeben?


RAEDER: Ich habe keinen Befehl dazu gegeben, denn es war ja an sich nicht nötig, sie weiterzugeben. Darf ich ganz kurz den Gang sagen. Ich hatte...


OBERST POKROWSKY: Ich wollte Sie gerade bitten, sich kurz zu fassen.


RAEDER: Ganz kurz, jawohl.

Ich hatte bei Hitler beantragt, als ich hörte, daß er beabsichtigte, im Laufe des Krieges Leningrad zu beschießen, er möge die Hafen- und Werftanlagen schonen, weil wir sie später brauchen könnten, denn wir würden immer weiter nach dem Osten mit unseren Stützpunkten zurückgehen müssen, wegen der englischen Luftangriffe in der Ostsee. Jetzt war, ich weiß nicht aus welchem Grunde, kurz vor diesem von Ihnen genannten Zeitpunkt der Admiral Fricke im Hauptquartier gewesen und hatte dort mit dem Führer ohne meine Anwesenheit gesprochen, und der Führer hatte ihm dieses Projekt der Beschießung von Petersburg besonders durch Flugzeuge auseinandergesetzt, und zwar mit den sehr übertriebenen Worten, die dann in dem Dokument weitergegeben worden sind. Die Marine hatte mit der Beschießung von Leningrad überhaupt nichts zu tun. Wir bekamen auch keinen Auftrag dafür. Uns interessierte nur dieser eine Punkt, den ich vorher erwähnte, daß nämlich die Werften und Hafenanlagen geschont werden sollten. Der Führer hatte Fricke mitgeteilt, daß er leider dazu nicht in der Lage wäre, weil die Beschießung besonders durch Flugzeuge nicht so sicher gelenkt werden könnte. Jetzt lag uns nur daran, aus dieser ganzen Angelegenheit an den Generaladmiral Carls weiterzugeben, daß eben Leningrad als Stützpunkt im Falle seiner Einnahme nicht in Frage käme, und der Generaladmiral Carls mußte daraufhin die Vorbereitungen rückgängig machen, die er bereits getroffen hatte mit Bereitstellung von Arbeitern, deutschen Arbeitern, und vielleicht auch Maschinen, die [249] später in Leningrad verwandt werden sollten. Das mußte Carls wissen, und das mußte bei uns, wie im Papier steht, die sogenannte Quartiermeisterabteilung wissen, und deswegen hat der Admiral Fricke dieses Papier weitergegeben, und hat unglücklicherweise die Ausdrücke von Hitler, die mit der ganzen Sache ja gar nichts zu tun hatten, soweit es uns betraf, weil wir mit der Beschießung gar nichts zu tun hatten, – hatte diese Ausdrücke mit in das Weitergabepapier gesetzt. Eine Verantwortung, etwa in der Richtung, daß er billigte, hat er damit keinesfalls übernommen, sondern er glaubte nur, er müßte den Wortlaut des Befehls von Hitler weitergeben.

Also, die Marine hatte mit der Sache gar nichts zu tun, es hätte nicht weitergegeben werden brauchen, und es ist unglücklicher- und ungeschickterweise dieser Ausspruch von Hitler da in das Papier aufgenommen worden. Es ist aber darauf nichts erfolgt, und das Papier ist auch von dem Generaladmiral Carls nicht weitergegeben worden, etwa an unseren Finnland-Kommandeur. Das ist die Sache.


OBERST POKROWSKY: Ich glaube, daß die Frage etwas kompliziert wurde. Ich hatte sie einfacher gestellt.

Ihr Chef des Stabes gibt eine Anweisung. Wußten Sie von dieser Anweisung?


RAEDER: Nein. Das ist keine Anweisung. Es zeigt sich auch daraus, wie die Photokopie zeigt, daß mir das Schreiben zur Weitergabe gar nicht vorgelegt worden ist, daß dem Schreiben keine große Bedeutung beigemessen wurde. Es war ja keine Anweisung, irgendeine Operation vorzunehmen oder irgend etwas Wichtiges, sondern es war nur eine Anweisung, etwas, was auf dem Gebiet der Stützpunkte schon veranlaßt werden sollte, zurückzunehmen, so daß also nichts geschah. Also auf diese Weitergabe des Admirals Fricke ist überhaupt nichts geschehen. Sie war also überflüssig.


OBERST POKROWSKY: Es handelt sich um die Vernichtung einer der größten Städte der Sowjetunion. Es handelt sich darum, diese Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Und Sie sagen, daß es eine verhältnismäßig bedeutungslose Angelegenheit war, die Ihnen als dem Vorgesetzten Frickes nicht vorgelegt worden ist. Nun erwarten Sie, daß der Gerichtshof und die Anklagevertretung Ihnen Glauben schenken?


RAEDER: Ja, selbstverständlich. Es handelt sich ja nicht um die Beschießung von Leningrad, mit der wir ja gar nichts zu tun hatten, sondern eine kleine Frage, die uns anging, das war die Frage, ob wir einen Stützpunkt mal später gründen konnten dort und ob wir dazu Arbeiter und Maschinen und solche Dinge nach Leningrad bringen könnten. Das war eine Kleinigkeit. Die Beschießung von Petersburg war eine große Sache.


[250] OBERST POKROWSKY: Ich glaube, der Gerichtshof wird Sie richtig verstehen und die notwendigen Schlüsse aus Ihren Aussagen sowie aus diesem Dokument ziehen.

Ich habe noch eine letzte Frage an Sie: Haben Sie nicht am 28. August 1945 in Moskau eine schriftliche Erklärung über die Ursachen der deutschen Niederlage abgegeben?


RAEDER: Jawohl. Damit habe ich mich ganz besonders beschäftigt nach dem Zusammenbruch.


OBERST POKROWSKY: Herr Vorsitzender! Wir legen dem Gerichtshof dieses Dokument in Auszügen unter USSR-460 vor. Um Zeit zu sparen, möchte ich, daß Sie einige kurze Auszüge aus dieser Erklärung hören.


[Zum Zeugen gewandt:]


Man wird Ihnen zeigen, wo sie sich im Original befinden, und dann werden Sie dem Gerichtshof sagen, ob das richtig verlesen wurde, und ob Sie diese Erklärung bestätigen:

»Mein Verhältnis zu Adolf Hitler und zur Partei... Von verhängnisvoller Wirkung war für das Schicksal des Deutschen Reiches...«

Haben Sie diese Stelle gefunden?

RAEDER: Jawohl, ich habe sie.

OBERST POKROWSKY:

»Unvorstellbare Eitelkeit und maßloser...«


DR. SIEMERS: Darf ich um die Liebenswürdigkeit bitten, daß ich ein Exemplar bekomme, damit ich der Verhandlung folgen kann?

OBERST POKROWSKY:

»Unvorstellbare Eitelkeit und maßloser Ehrgeiz waren seine Haupteigenschaften. Popularitäts- und Effekthascherei, Unaufrichtigkeit, Unsachlichkeit und Selbstsucht, die vor dem Interesse des Staates und des Volkes nicht Halt machte. Habgier und Verschwendungssucht, weichliches, unsoldati sches Wesen zeichneten ihn aus.«

Dann ein wenig später:

»Hitler hat ihn nach meiner Überzeugung frühzeitig erkannt, nutzte ihn aber aus, wo es ihm zweckmäßig erschien, und belastete ihn mit immer neuen Aufgaben, um ihn nicht zur Gefahr für seine eigene Person werden zu lassen.«

Auf Seite 24 Ihres Dokuments geben Sie eine andere Charakteristik:

»Der Führer legte auch weiterhin Wert darauf, daß sein Verhältnis zu mir nach außen hin als ein normales und gutes erschien – er wußte, daß mein Ansehen in allen wirklich wertvollen Kreisen des deutschen Volkes recht erheblich war [251] und daß man mir allgemein großes Vertrauen entgegenbrachte – im Gegensatz zu Göring, v. Ribbentrop, Dr. Goebbels, Himmler, Dr. Ley.«

Jetzt bitte ich Sie, Seite 27 aufzuschlagen.


RAEDER: Es fehlt aber noch etwas, bitte.

»In gleicher Weise aber, wie zum Beispiel dem Freiherrn v. Neurath,... dem Graf v. Schwerin-Krosigk, Schacht, Dorpmüller und andere«,

die auf der anderen Seite standen.


OBERST POKROWSKY: Diese Stelle werde ich verlesen, vielleicht hat man sie Ihnen nicht genau übertragen. Nun auf Seite 27, die Stelle ist mit Rotstift angestrichen:

»Die starke Betonung der politischen (Partei-) Seite durch Dönitz war dazu geeignet...«


VORSITZENDER: Ich glaube, der Gerichtshof kann das selbst lesen, wenn der Angeklagte sagt, daß es wahr ist und daß er es geschrieben hat. Dann könnte Dr. Siemers es ja nachprüfen und sehen, daß keine Unstimmigkeiten bestehen.

OBERST POKROWSKY: Sehr gut, Herr Vorsitzender. Dann werde ich die Möglichkeit haben, die Frage viel kürzer zu stellen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich bitte Sie, die bezeichnete Stelle auf Seite 29 anzusehen, in der von Feldmarschall Keitel und General Jodl die Rede ist. Bestätigen Sie das?

RAEDER: Was soll ich damit? Jawohl, also...

OBERST POKROWSKY: Ich bitte Sie, das Dokument zu betrachten, und ich möchte in jeder Hinsicht, sowohl über das, was Sie selbst lesen, wie auch darüber, was ich zitiert habe, Ihre Antwort hören – bestätigen Sie das alles?


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich bin mit dem Vorschlage des Gerichts einverstanden. Ich habe nur die Bitte, daß das Dokument ganz vorgelegt wird. Ich habe nur kurze Auszüge, und ich wäre dankbar, wenn ich vielleicht das Dokument als Ganzes sehen könnte. Ich nehme an, daß Oberst Pokrowsky damit einverstanden ist.


VORSITZENDER: Selbstverständlich, Dr. Siemers, nachdem ein Teil des Dokuments als Beweis vorgelegt worden ist, können Sie sich auf den Rest des Dokuments beziehen. Sie können den Rest des Dokuments vorlesen, wenn Sie es wünschen.


RAEDER: Ich sagte, daß ich damals mir klar zu werden suchte über die Ursachen unseres Zusammenbruchs.


OBERST POKROWSKY: Ich möchte Sie bitten, zuerst die Antworten zu geben: Ja oder nein.


[252] RAEDER: Jawohl. Im großen und ganzen stimme ich mit diesem Urteil ganz überein. Ich möchte aber dabei hinzusetzen, daß ich diese Niederschrift unter ganz anderen Voraussetzungen getan habe. Ich möchte die Einzelheiten hier nicht erwähnen und daß ich nie damit gerechnet habe, daß das hier nach außen dringen würde.

Es waren Aufzeichnungen, die für mich und meine späteren Beurteilungen bestimmt waren. Ich möchte auch ganz besonders bitten, daß das, was ich über Herrn Generaloberst Jodl gesagt habe, ebenfalls aufgenommen wird in das Protokoll oder wo es hin kommt. Das steht gleich hinter dem Feldmarschall Keitel; und ich möchte bei Generalfeldmarschall Keitel besonders betonen, daß ich sagen wollte, daß seine Art dem Führer gegenüber dazu führte, daß er lange Zeit mit ihm aushalten konnte, denn wenn jemand anders in der Stellung gewesen wäre, der jeden Tag oder jeden zweiten Tag einen Krach mit dem Führer gehabt hätte, daß dann überhaupt ein Arbeiten für die ganze Wehrmacht nicht möglich gewesen wäre. Das ist der Grund und die Erklärung dessen, was ich damit sagen wollte.


OBERST POKROWSKY: Die Sowjetische Anklagevertretung hat keine weiteren Fragen an den Angeklagten.


VORSITZENDER: Angeklagter! Haben Sie das ganze Dokument vor sich? War es das Originaldokument, das Sie vor sich hatten?


RAEDER: Jawohl.


VORSITZENDER: Ist das Ihre Handschrift?


RAEDER: Nein, es ist mit der Maschine geschrieben, aber von mir unterschrieben.


VORSITZENDER: Dann kann das Dokument Dr. Siemers ausgehändigt werden.

Dr. Siemers! Wollen Sie außer der Vorlage dieses Dokuments noch ein Rückverhör vornehmen? Haben Sie außer der Vorlage des Dokuments noch Fragen zu stellen?


DR. SIEMERS: Ja, ich muß wegen des Verhörs von Sir David ein Rückkreuzverhör stellen und darf das Gericht um die Erlaubnis bitten, da ich dann inzwischen dieses Dokument gelesen habe, und dieses Dokument dann im Zusammenhang morgen mitbehandle.


MR. DODD: Herr Vorsitzender! Im Hinblick auf dieses Dokument kommt mir der Gedanke... Verstehe ich den Gerichtshof richtig, wenn ich annehme, daß er Abschritten an alle Verteidigungsanwälte verteilen lassen will? Es sind darin Dinge enthalten, die die Angeklagten betreffen und über die die Verteidiger vielleicht zu verhören wünschen. Sie könnten sonst ein Überraschungsmoment geltend machen.


[253] VORSITZENDER: Ich dachte, es sei fair, wenn Dr. Siemers das Dokument sieht.


MR. DODD: Ja. Ich habe keinen Einwand dagegen. Ich weise jedoch darauf hin, daß in diesem Dokument Angeklagte erwähnt werden, die nicht von Dr. Siemers vertreten werden. Und wenn nun dieses Dokument ihnen nicht durch Verlesen oder in Übersetzung zugänglich gemacht wird, könnten sie dann später Überraschung und Mangel an Gelegenheit zur Durchsicht vorschützen.


VORSITZENDER: Ich denke, man sollte Photokopien des Dokuments anfertigen lassen, so daß alle darin erwähnten Angeklagten mit seinem Inhalt vertraut werden.


MR. DODD: Ich wollte eben diesen Vorschlag machen.


VORSITZENDER: Ja


[Das Gericht vertagt sich bis

21. Mai 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 14, S. 203-255.
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