Vormittagssitzung.

[117] [Der Zeuge Funk im Zeugenstand.]


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich darf dann mit der Befragung des Angeklagten Dr. Funk fortsetzen.

Wir haben am Samstag die Frage der Ernennung des Angeklagten Funk zum Reichswirtschaftsminister behandelt und ich komme nunmehr zu seiner Ernennung zum Reichsbankpräsidenten.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge! Im Januar 1939, glaube ich, wurden Sie auch Reichsbankpräsident als Nachfolger des Herrn Dr. Schacht. Wie kam es zu dieser Beauftragung?

FUNK: Ich war von einer Reise zurückgekommen, Mitte Januar 1939, wurde zum Führer bestellt und fand den Führer in einer außerordentlichen Erregung. Er erklärte mir, daß der Reichsfinanzminister ihm mitgeteilt habe, daß Schacht die notwendigen Kredite für die Finanzierung verweigert habe und daß infolge dessen das Reich in finanzielle Schwierigkeiten gekommen sei. Der Führer erklärte in heftiger Erregung, daß Schacht seine Politik sabotiere, daß er sich das nicht weiterhin gefallen lassen werde, wenn die Reichsbank versuche, seine Politik zu stören. Die Herren im Reichsbankdirektorium seien komplette Narren, wenn sie glaubten, daß er sich das gefallen lasse. Keine Regierung in der Welt und kein Regierungschef in der Welt würde seine Politik vom Wollen oder Nichtwollen der Notenbank abhängig machen.

Der Führer erklärte weiterhin, daß er von nun ab die Bestimmung über die Kredite, die die Reichsbank dem Reiche zu gewähren habe, selbst treffen würde, nach den Vorschlägen und Anforderungen des Reichsfinanzministers. Er habe Lammers den Auftrag gegeben, zusammen mit dem Reichsfinanzminister eine Verordnung auszuarbeiten, wonach die Stellung, die die Reichsbank auf Grund der Versailler Vertragsbestimmungen habe, geändert würde, und wonach die Bestimmung über die Kreditgewährung an das Reich in Zukunft von ihm persönlich getroffen werden würde.

Der Führer sagte weiterhin, daß er mich bitte, die Leitung der Reichsbank zu übernehmen, worauf ich ihm erwiderte, daß ich seinem Wunsche nachkommen würde, daß ich aber zunächst von ihm eine Bestätigung dafür haben müsse, daß die Voraussetzungen für die Stabilhaltung der Währung weiterhin bestehen blieben. Die hier vertretene Ansicht, und zwar von einem Zeugen vertretene [117] Ansicht, daß durch eine weitere Kreditgewährung damals eine Inflation heraufbeschworen werden würde, ist falsch und völlig unhaltbar. 12 Milliarden Kredite können durchaus inflationistisch wirken und 20 Milliarden Kredite brauchen in keiner Weise inflationistisch zu wirken, wenn der Staat die notwendige Autorität hat, um Preise und Löhne stabil zu halten und um die Preisbildungs- und Bewirtschaftungsvorschriften durchzuführen, und wenn das Volk die notwendige Disziplin hält; und wenn schließlich die Geldmittel, die auf Grund einer erweiterten Kreditgewährung eine überschüssige Kaufkraft darstellen, durch Steuern abgeschöpft oder durch Anleihen gebunden werden, so besteht für die Währung absolut keine Gefahr. Und es ist Tatsache, daß die deutsche Reichsmark bis zum Zusammenbruch stabil gehalten wurde. Für die notwendigsten Lebensbedürfnisse war die Kaufkraft des Geldes in Deutschland gesichert. Allerdings war der Gebrauchswert des Geldes dadurch beschränkt, daß Gebrauchsgüter nur in geringem Umfang hergestellt werden konnten, weil fast die gesamte Produktion in die Rüstung ging.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sind Sie fertig?

FUNK: Einen Moment noch, bitte. Ich glaube, daß dies eine sehr entscheidende Frage ist.

Es haben auch in anderen Ländern starke Kredithingaben während des Krieges durchaus keine Inflation hervorgerufen. Die Verschuldung war sowohl in den Vereinigten Staaten wie in England relativ und zum Teil auch absolut höher als in Deutschland; und auch in diesen Ländern hat es eine richtige Geld- und Finanzpolitik verstanden, die alte These zu erschüttern, daß der Krieg unbedingt eine Zerstörung des Geldwertes herbeiführen müsse.

Das deutsche Volk hat bis zum Schluß, bis zum furchtbaren Zusammenbruch, eine bewundernswerte Disziplin gehalten, und das Geld als eine staatliche Funktion wird solange gelten, und die Währung wird solange währen, solange der Staat die Autorität hat, die Währung stabil zu halten, die Wirtschaft in Ordnung zu halten, und solange das Volk selbst die notwendige Disziplin übt.

Es war also durchaus nicht so, daß ich diesen Posten übernahm in der Erkenntnis, daß Deutschland jetzt in eine Inflation hineingerät, sondern im Gegenteil, ich war mir bewußt, daß durch die Innehaltung einer entsprechenden Staatspolitik die Währung geschützt werden könnte, und sie ist geschützt worden; aber der grundlegende Unterschied in der Stellung Schachts und in meiner Stellung bestand darin, daß zu Schachts Zeiten die Reichsbank die Kreditgewährung der Notenbank an das Reich bestimmen konnte, während mir diese Bestimmung genommen ward, die Verantwortung für die innere Finanzierung also auf den Finanzminister beziehungsweise auf den Führer selbst verlagert wurde.


[118] DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Eine andere Frage: Vielleicht ist es Ihnen trotz Ihres heutigen schlechten Zustandes möglich, etwas lauter zu sprechen, damit zum Beispiel die Damen, die stenographieren müssen, das leichter verstehen. Geben Sie sich Mühe, wir werden ja die Vernehmung möglichst abkürzen.

Herr Zeuge! Sie haben dann zu den Ämtern, die wir bisher besprochen haben, schließlich noch ein weiteres Amt dazubekommen, auch als Nachfolger von Dr. Schacht, nämlich das des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft. Vielleicht können Sie zu diesem Komplex uns auch Ihre Stellungnahme näher darlegen, soweit es zum Verständnis Ihrer Situation, Ihrer Tätigkeit und Ihrer Leistungen notwendig ist?


FUNK: Dieses war die schwächste Position von allen, die ich hatte. Sie stand, wie der Reichsmarschall richtig gesagt hat, und wie auch Dr. Lammers bestätigt hat, sozusagen nur auf dem Papier. Das war auch ein wesentlicher Unterschied in der Stellung, die Schacht hatte und in der Stellung, die ich hatte. Schacht war zum Generalbevollmächtigten für die Kriegswirtschaft ernannt worden; ich war zum Bevollmächtigten für die Wirtschaft ernannt worden. Nach dem Reichsverteidigungsgesetz von 1938 sollte der Generalbevollmächtigte für die Wirtschaft die zivilen Wirtschaftsressorts in der vorbereitenden Arbeit für einen Krieg koordinieren. Nun waren aber inzwischen diese Wirtschaftsressorts dem Beauftragten für den Vierjahresplan unterstellt worden, und ich als Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft unterstand ebenfalls den Anweisungen des Beauftragten für den Vierjahresplan. Infolgedessen ergaben sich in den Vollmachten und Zuständigkeiten, wie sie formal festgelegt waren, Unklarheiten und Überschneidungen, was dazu führte, daß auf eine Anordnung des Führers bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn auch de jure, also auch formell, die Vollmachten des Beauftragten für die Wirtschaft, des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft, gegenüber den zivilen Wirtschaftsressorts auf den Beauftragten für den Vierjahresplan übertragen wurden.


DR. SAUTER: Wann war das?


FUNK: Das war im Dezember 1939. Es blieb nur ein formelles Verordnungsrecht, das heißt, ich konnte bei Verordnungen die Unterschrift für die fünf zivilen Wirtschaftsressorts setzen, die nach dem Reichsver teidigungsgesetz dem Generalbevollmächtigten unterstellt waren, und ich behielt die Vollmachten für das Wirtschaftsministerium und die Reichsbank, die ich sowieso hatte.


DR. SAUTER: Sie unterstanden aber auch in diesen Funktionen immer wieder dem Bevollmächtigten für den Vierjahresplan?


FUNK: Ja, wie alle zivilen Wirtschaftsressorts auch; nur beim Wirtschaftsministerium selbst war eine engere Verbindung noch vorhanden.


[119] DR. SAUTER: Herr Zeuge! Im August 1939, also unmittelbar vor Beginn des Polenkrieges, haben Sie in Ihrer Eigenschaft als Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft die zivilen Wirtschaftsressorts zu Besprechungen versammelt. Und darauf bezieht sich das Dokument 3324-PS. Es erscheint mir wichtig, daß Sie auch zu diesem Punkt Stellung nehmen, und zwar unter dem Gesichtspunkt, daß anscheinend auf Grund dieser Ihrer Besprechung dann Ihr Brief an Hitler vom 25. August zustande kam. Es ist das ja auch in Ihrem Trialbrief auf Seite 24 erwähnt. Bitte, äußern Sie sich dazu!


FUNK: Unter Schacht war ein Büro für den Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft eingerichtet worden und es bestand ein Arbeitsausschuß, der sich aus den Vertretern sämtlicher Wirtschaftsressorts, sowie des Innenministeriums beziehungsweise des Generalbevollmächtigten für die Verwaltung, des Oberkommandos der Wehrmacht und vor allem auch des Vierjahresplanes selbst zusammensetzte.

Als Schacht ausschied, ging die Leitung dieses Ausschusses, dieses Büros des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft, auf seinen früheren Staatssekretär, Dr. Posse, über, nachdem vorher unter Schacht Staatsrat Wohlfahrt dieses Büro und diesen Arbeitskreis geleitet hatte. Diese Personen hielten naturgemäß dauernd Beratungen über die Maßnahmen ab, die für eine Kriegsführung auf wirtschaftlichem Gebiet notwendig waren. Und das ist die Einrichtung des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft, die ich in einer Rede in Wien, die hier vorgebracht worden ist, zitiert habe, die also neben dem Vierjahresplan arbeitete und in der Hauptsache die Aufgabe hatte, die zivile Wirtschaft ohne Erschütterungen im Falle eines Krieges in die Kriegswirtschaft hinüberzuführen und eine entsprechende Kriegswirtschaftsverwaltung vorzubereiten.

Als nun im August 1939 der Krieg mit Polen drohte, habe ich die Chefs der zivilen Wirtschaftsressorts zusammengerufen mit den Vertretern des Vierjahresplanes, und wir haben alsdann in gemeinsamen Beratungen die Maßnahmen ausgearbeitet, die notwendig waren, um im Falle eines Krieges die zivile Wirtschaft ohne Erschütterungen in die Kriegswirtschaft zu überführen.

Das waren die Vorschläge, die ich in meinem Brief an den Führer vom 25. August 1939 erwähnt habe, also zu einem Zeitpunkt, als die deutschen und die polnischen Heere sich schon im Zustand der vollen Mobilisierung gegenüberstanden. Es war selbstverständlich meine Pflicht, alles zu tun, um im Falle eines Krieges Erschütterungen auch auf dem zivilen Wirtschaftssektor zu verhindern, und weiterhin war es meine Pflicht als Reichsbankpräsident, den Gold- und Devisenbestand der Reichsbank soweit als möglich zu verstärken. Das war notwendig, schon wegen der allgemeinen politischen Spannung, die [120] damals herrschte, und wäre auch notwendig gewesen für den Fall, daß es gar nicht zu einem Kriege kam, sondern nur zu wirtschaftlichen Sanktionen, wie man ja auch aus der gespannten außenpolitischen Lage der damaligen Zeit erwarten mußte. Und ebenso war es meine Pflicht als Wirtschaftsminister, alles zu tun, um die Produktion zu verstärken.

Aber mit den Anforderungen der Wehrmacht auf finanziellem Gebiet habe ich mich nicht beschäftigt und mit eigentlichen Rüstungsaufgaben hatte ich gar nichts zu tun, da, wie gesagt, die Leitung sowohl der Friedens- wie der Kriegswirtschaft inzwischen auf den Beauftragten für den Vierjahresplan übergegangen war.

Daß ich mich von den Arbeiten dieses Ausschusses damals so zurückgehalten habe, findet seine Erklärung im folgenden:

Ich selbst glaubte an keinen Krieg. Das muß jeder bestätigen, der in der damaligen Zeit mit mir über dieses Thema gesprochen hat. Ich habe in den Monaten vor Kriegsbeginn meine ganze Arbeit konzentriert auf internationale Verhandlungen zur Herbeiführung einer besseren internationalen Wirtschaftsordnung und zur Verbesserung der Handelsbeziehungen Deutschlands zu seinen ausländischen Partnern. Es waren damals Besuche eingeleitet von den englischen Ministern Hudson und Stanley bei mir in Berlin. Ich selbst sollte nach Paris kommen zu Verhandlungen, wo ich im Jahre 1937 einige Kabinettsmitglieder kennengelernt hatte, als ich eine große deutsche Kulturveranstaltung in Paris leitete.

Es mußte das Gebiet der kurzfristigen Auslandsverschuldung neu geregelt werden, die sogenannte Stillhaltung. Ich hatte hierfür neue Vorschläge ausgearbeitet, die besonders in England lebhaft begrüßt wurden, und es fand im Juni 1939 bei mir in Berlin eine internationale Finanzbesprechung statt, an der erste Vertreter der Bankwelt aus den Vereinigten Staaten, aus England, aus Holland, aus Frankreich, aus Belgien, aus der Schweiz und aus Schweden teilnahmen. Diese Besprechungen führten zu einem alle Teile recht befriedigenden Ergebnis. In derselben Zeit führte ich auch den Austausch oder Umtausch der im Besitz des Auslandes befindlichen Reichsbankanteile durch. Auch dieser Umtausch in Goldbankaktien wurde in der ausländischen Bankwelt und Presse allgemein als durchaus fair und befriedigend bezeichnet.

Ich reiste im Juni nach Holland zu Handelsvertragsverhandlungen. Inzwischen nahm ich an den üblichen Monatsbesprechungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel teil, auch noch Anfang Juli 1939, und ich war trotz der starken politischen Spannung, die damals herrschte, der Überzeugung, daß es gelingen würde, einen Krieg zu vermeiden und habe dies auch in allen Gesprächen im In-und Ausland zum Ausdruck gebracht. Und dies war[121] der Grund, warum ich mich an den Besprechungen und Verhandlungen über die Kriegsfinanzierung und die Wirtschaftsgestaltung im Kriege in den damaligen Monaten kaum interessierte.

Ich hatte allerdings der Reichsbank Anweisung gegeben, soweit als möglich aus verfügbaren Guthaben der Wirtschaft im Auslande für die Reichsbank Goldbestände zu beschaffen, überhaupt den Devisenbestand zu vermehren, aber in den wenigen Monaten meiner Amtstätigkeit vor dem Kriege war der Erfolg dieser Maßnahmen nur gering. Der Goldbestand und der Devisenbestand, wie ich ihn von Schacht übernommen hatte, blieb bis zum Kriege im wesentlichen unverändert.

Ich habe in meinem Fragebogen an den Reichsbankvizepräsidenten Puhl um nähere Ausführungen über diese Transaktionen ersucht, da das Reichsbankdirektorium und der geschäftsführende Direktor dieses Direktoriums, der ja Puhl damals war, hierüber Bescheid wissen müsse. Die Antwort auf den Fragebogen ist leider noch nicht eingetroffen.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Sie haben diese Ausführungen gebracht, offenbar um zu zeigen, daß Sie trotz der damaligen gespannten politischen Lage überhaupt nicht an einen Krieg ernstlich dachten.


FUNK: Nicht bis August 1939.


DR. SAUTER: Nun haben wir im Verlauf des jetzigen Verfahrens von einer Reihe von Besprechungen gehört, die Hitler mit Generalen und anderen Personen gehalten hat, teils militärischen, teils politischen Inhalts, lauter Besprechungen, von denen wir heute sagen müssen, daß sie im engsten Zusammenhang mit der Kriegsvorbereitung standen. Bei welchen dieser Besprechungen waren Sie dabei und was haben Sie aus solchen Besprechungen erfahren?


FUNK: Ich wurde zu politischen und militärischen Besprechungen überhaupt nicht zugezogen und habe auch an keiner dieser Besprechungen teilgenommen, die hier im Zusammenhang mit der Anklage wegen eines Angriffskrieges erwähnt worden sind, soweit es sich um Besprechungen beim Führer handelt. Ich bin auch über den Inhalt dieser Besprechungen nicht unterrichtet worden. Aber auch bei den Besprechungen beim Reichsmarschall war ich, soweit ich mich erinnere, kaum anwesend, soweit sie dieses Thema betrafen.

Es ist mir hier eine Sitzung vorgehalten worden, die im Oktober 1938 stattgefunden hat.


DR. SAUTER: 14. Oktober 1938? Und ich kann Ihnen auch die Dokument-Nummer sagen: 1301-PS. Also 14. Oktober 1938, Dokument 1301-PS.


FUNK: Ja, bitte.


DR. SAUTER: Waren Sie in der Sitzung anwesend?


[122] FUNK: Nein.


DR. SAUTER: Das war die Sitzung...


FUNK: Jawohl, in der nach dem Wortlaut der gegen mich erhobenen Anklage Göring darauf hingewiesen hat, daß er vom Führer den Auftrag erhalten habe, die Rüstung abnorm zu steigern. Die Luftwaffe sei schnellstens zu verfünffachen.

Der Herr Anklagevertreter hat gemäß Band V, Seite 187 des amtlichen Protokolls erklärt, daß in dieser Besprechung Göring an mich Worte gerichtet hat, die die Worte eines Mannes waren, der bereits im Kriege war. Ich war in diesen Tagen gar nicht in Deutschland, sondern in Bulgarien, konnte infolgedessen an dieser Sitzung auch nicht teilnehmen.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich habe zum Beweis dieser Tatsache, daß nämlich der Angeklagte Funk zur Zeit dieser Unterredung bei Göring am 14. Oktober 1938 gar nicht in Deutschland war, im Dokumentenbuch Funk mehrere Urkunden vorgelegt, nämlich Auszüge aus dem »Völkischen Beobachter«. Es sind das im Dokumentenbuch Funk die Nummern 5, 6, 7 und 8. Diese Dokumente habe ich in der Hauptsache deshalb vorgelegt, weil sich daraus ergibt, daß in der Zeit vom 13. Oktober 1938 bis 15. Oktober 1938 Funk tatsächlich in Sofia, in Bulgarien, geweilt hat, also in der Göring-Sitzung am 14. Oktober 1938 nicht anwesend sein konnte. Was damals Funk in Bulgarien über wirtschaftspolitische Beziehungen gesprochen hat, brauche ich wohl im einzelnen nicht zu verlesen. Ich beziehe mich insbesondere auf seine Rede vom 15. Oktober 1938, Dokumentenbuch Funk Nummer 7, wo der Angeklagte Funk namentlich im ersten Absatz proklamatisch ausgeführt hat, daß ihm der Gedanke einer Wirtschaftsgemeinschaft zwischen der deutschen Wirtschaft und der südosteuropäischen Wirtschaft vorschwebte, und wie Funk mit aller Entschiedenheit eine einseitige Abhängigkeit der südosteuropäischen Staaten von ihrer Wirtschaft, von der deutschen Wirtschaft, abgelehnt hat.

Ich bitte also, zum Zwecke des Beweises von diesen Urkunden Kenntnis zu nehmen, und im Interesse der Zeitersparnis werde ich sie nicht weiter verlesen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge! Unter Nummer 3562-PS hat die Anklagebehörde ein Dokument vorgelegt über eine Besprechung vom 1. Juni 1939. In dieser Sitzung waren Sie selbst nicht anwesend, aber ausweislich der Präsenzliste waren mehrere Vertreter Ihres Ministeriums und auch der Vertreter der Reichsbank dort. In der Sitzung wurde über den voraussichtlichen Finanzbedarf des Reiches im Falle eines Krieges gesprochen und über die Produktionsleistungen der deutschen Wirtschaft sowie des Protektorats im Falle eines Krieges.

[123] Auf einer Randbemerkung dieses Protokolls steht, daß das Protokoll Ihnen zur Kenntnis gebracht werden sollte. Ich bitte, sich ganz kurz dazu zu äußern, ob das tatsächlich geschehen ist.

FUNK: Nein, das ist nicht geschehen. Ich habe das Dokument hier. Wenn ich das Protokoll hätte vorgelegt bekommen, hätte ich es mit meiner Paraphe »W. F.« abgezeichnet. Im übrigen handelt es sich hier um die von mir schon vorhin geschilderten fortlaufenden Gespräche wegen der Finanzierung des Krieges und wegen der Maßnahmen auf dem zivilen Wirtschaftssektor im Falle eines Krieges. Die entscheidenden Maßnahmen wurden hinsichtlich der Finanzierung selbstverständlich beim Finanzminister, beim Reichsfinanzminister, vorbereitet, und über diese Maßnahmen ist in der Sitzung des längeren gesprochen worden, wobei alsdann die Frage der Deckung durch Steuern einen breiten Raum eingenommen hat.

Jedenfalls sind solche Besprechungen in der damaligen Zeit zwischen den Vertretern der einzelnen Ressorts verschiedentlich laufend geführt worden, und sie fanden bei dem Führungsstab des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft statt. Ich habe jetzt zufällig den Namen hier gefunden, der mir vorhin nicht einfiel, und das war diese Institution, dieser Ausschuß, der schon zu Schachts Zeiten gegründet worden war und später fortgeführt wurde.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sie haben dann am 30. März 1939 eine proklamatische Rede gehalten vor dem Zentralausschuß der Reichsbank. Ich habe die für unseren Prozeß wichtigeren Stellen dieser Rede dem Dokumentenbuch Funk als Nummer 9 eingefügt. Ich komme auf diese Rede deshalb zurück, weil sie kurz nach dem Antritt des Angeklagten in sein Amt als Reichsbankpräsident vor dem Zentralausschuß gehalten wurde und für manche Beziehungen, die hier eine Rolle spielten, sein Programm als Reichsbankpräsident darstellen.

Herr Dr. Funk! Vielleicht können Sie bloß mit ein paar kurzen Schlagworten die wesentlichen Gesichtspunkte dieser Ihrer Rede wiedergeben, soweit sie sich für die Anklage interessieren.


FUNK: Ich glaube nicht, daß ich das brauche. Ich habe vorhin schon kurz erwähnt, daß ich in jenen Monaten internationale Besprechungen über die Notwendigkeit einer Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen gehabt habe und auf die Bereitwilligkeit Deutschlands, hierbei entscheidend mitzuwirken, ebenfalls hingewiesen habe. Ich glaube also nicht, daß ich aus dieser Rede noch etwas zu verlesen brauche, sie soll nur bekunden, daß ich mich in der damaligen Zeit nicht mit Kriegsvorbereitungen, sondern im wesentlichen mit der Herbeiführung einer internationalen Wirtschaftsverständigung befaßt habe und daß diese meine Arbeit auch im Auslande, insbesondere in England, öffentliche Anerkennung gefunden hat.


[124] DR. SAUTER: Diese Absicht, Herr Zeuge, ein günstiges Vertrauensverhältnis zum Ausland, also zu den Wirtschafts- und Finanzkreisen des Auslandes herzustellen, wird wohl auch maßgebend gewesen sein für eine eventuelle Maßnahme, die Sie vorhin bereits angedeutet haben, nämlich dafür, daß die Entschädigungen an die ausländischen Anteilseigner der Reichsbank, an die Anteilseigner, die, glaube ich, in der Hauptsache in England, Holland und der Schweiz saßen, in besonders loyaler Weise bewertet und erledigt worden sind.


FUNK: Das habe ich bereits gesagt.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sie haben vorhin einen Brief erwähnt, den Sie an Hitler geschrieben haben. Dieser Brief würde mich insofern interessieren, als ich von Ihnen gern hören möchte, warum Sie eigentlich diesen Brief geschrieben haben und warum Sie in diesem Brief von »Ihren Vorschlägen« sprachen, obwohl es sich dabei in der Hauptsache doch um Dinge handelte, die weniger von Ihnen ausgegangen sind. Vielleicht äußern Sie sich kurz zu diesem Brief.


FUNK: Der Ton und Inhalt dieses Briefes ist zu erklären aus der Stimmung, die damals überall in Deutschland herrschte. Es ist außerdem ein rein persönlicher Brief an den Führer. Ich bedankte mich darin für seine Glückwünsche zu meinem Geburtstage. Deshalb ist dieser Brief in einem etwas emphatischen Stil verfaßt worden. Wenn ich von »meinen Vorschlägen« hier gesprochen habe, so ist dies darauf zurückzuführen, daß ich selbst einige Zeit vorher dem Führer auseinandergesetzt hatte, welche Maßnahmen notwendig werden, wenn es zum Krieg kommt, und das waren wohl im wesentlichen die Maßnahmen, die alsdann auf Grund der Besprechung mit den übrigen Wirtschaftsressorts zustande gekommen sind und auf die ich in diesem Brief hingewiesen habe. Es ist also nicht ganz korrekt, wenn ich gesagt habe: »meine Vorschläge«, sondern es müßte richtig heißen: »die mit den übrigen Wirtschaftsressorts ausgearbeiteten Vorschläge«.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sind Sie fertig?


FUNK: Nein, ich möchte den Brief mit einigen Worten im ganzen erklären, da er offenbar eine der Säulen der Anklage gegen mich ist. Es war wie gesagt der Zeitpunkt, an dem sich die beiden mobilisierten Heere gegenüberstanden. Es war der Zeitpunkt, an dem das ganze deutsche Volk in Aufregung war wegen der dauernden Provokationen in Polen und der Missetaten an der deutschen Bevölkerung in Polen. Ich selbst glaubte nicht, daß es zum Krieg kommen würde, denn ich war der Meinung, daß es durch diplomatische Verhandlungen gelingen könnte, auch in diesem Falle die Kriegsgefahr zu verhindern und den Krieg zu vermeiden. Nach dem geradezu ans Wunderbare grenzenden Erfolge des Führers auf außenpolitischem [125] Gebiet mußte natürlich jedem echten deutschen Manne das Herz höher schlagen, wenn er erwarten konnte, daß nun auch im Osten eine Erfüllung der deutschen Wünsche durchgesetzt werden konnte, das heißt, daß meine abgetrennte Heimatprovinz Ostpreußen wieder mit dem Reich in Verbindung kam, daß die alte deutsche Stadt Danzig wieder zum Reich kam und das Korridorproblem gelöst würde. Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit, und ich auch, nicht geglaubt, daß es wegen dieser Frage zu einem Krieg kommen würde. Wir waren vielmehr der Überzeugung, daß es England gelingen würde, auf Polen einen Druck auszuüben, damit Polen den deutschen Forderungen wegen Danzig und des Korridors nachkam und keinen Krieg heraufbeschwörte.

Nach den Aussagen, die der Zeuge Gisevius hier gemacht hat, ist es nun aber wohl allen und aller Welt klargeworden, daß England damals nichts getan hat, um auf Polen beschwichtigend und vermittelnd einzuwirken, denn, wenn die Englische Regierung erfuhr, daß in Deutschland eine Verschwörung bestand, an der der Chef des Generalstabs, der Chef des Oberkommandos des Heeres, der Chef der deutschen Rüstung und andere hohe Militärs und Generale beteiligt waren und daß im Falle eines Krieges ein Umsturz vorbereitet war, so wäre ja die Englische Regierung töricht gewesen, wenn sie etwas in Bezug auf die Besänftigung und Vermittlung Polens getan hätte. Die Englische Regierung mußte nunmehr der Überzeugung sein, daß, wenn Hitler zum Kriege schritt, der Putsch kam, der Aufruhr kam, der Umsturz kam und es also erstens keinen Krieg gab und zweitens das verhaßte System der Hitler-Regierung beseitigt werden würde. Mehr konnte man nicht verlangen.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Wir wollen hier nicht politisieren, sondern wollen zu unserem Brief vom 25. August 1939, ich darf noch einmal die Nummer 699-PS wiederholen, zurückkehren, der momentan mich allein interessiert und Ihre Aussage, wenn ich Sie recht verstanden habe, dahin zusammenfassen, daß Sie diesen etwas überschwenglichen Brief an Hitler seinerzeit deshalb geschrieben haben, weil Sie gehofft haben, Hitler werde es gelingen, Ihre ostpreußische Heimat mit dem Reichsgebiet wieder zu vereinigen und das Korridor-Problem endlich zu lösen, ohne daß es zu einem Krieg kam. Habe ich Sie richtig verstanden?


FUNK: Jawohl. Aber gleichzeitig fühle ich mich verpflichtet, Ihnen zu versichern, daß von meiner Seite aus alles getan worden ist, um im Falle eines Krieges die Friedenswirtschaft in die Kriegswirtschaft ohne Erschütterungen hinüberzufahren. Es war dies aber das einzige Mal, daß ich überhaupt in meiner Stellung als Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft tätig geworden bin in Bezug auf die übrigen Wirtschaftsressorts, und daß ich auf diese Stelle exemplifizierte in dem Brief, ist menschlich erklärlich, weil ich stolz[126] darauf war, daß ich auch einmal etwas in dieser Stellung getan habe, denn jeder Mensch will ja mal etwas sein.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Wir beschäftigen uns zur Zeit noch immer mit der Frage, ob Sie von Hitlers Absicht, zum Krieg zu kommen, Insbesondere Angriffskrieg zu führen und durch solche Angriffskriege Eroberungen zu machen, Kenntnis gehabt haben?

Nun möchte ich an Sie ein paar Fragen stellen, die Sie der Einfachheit halber kurz mit Ja oder Nein beantworten können, weil ich nur wissen will, ob Ihre Kenntnis und Ihre Ahnung sich deckt mit den Angaben einiger Zeugen und einiger Mitangeklagten.

Da hat zum Beispiel der Reichsminister Lammers uns bestätigt, daß Sie besonders große Not immer hatten, wenn Sie irgend einmal zu Hitler kommen wollten, daß Sie gewissermaßen nur alle heilige Zeiten das einmal ermöglichen konnten, und daß sogar einmal der Fall vorgekommen ist, daß Sie, ich glaube tagelang, bei Lammers im Hauptquartier weilten und immer auf die zugesagte Audienz warteten, sie aber nicht bekommen konnten und unverrichteter Dinge wieder abfahren mußten. Ist das richtig?


FUNK: Ja, leider.


DR. SAUTER: Eine weitere Frage. Wir haben hier einige Dokumente bereits vorgelegt bekommen, wo ausdrücklich steht, ich glaube, es sind Protokolle von Lammers, daß der Reichswirtschaftsminister und einmal auch der Reichsaußenminister gebeten hatten, zu diesen Besprechungen zugezogen zu werden. Daß der Minister Lammers auch dafür sich einsetzte, daß aber Hitler es abgelehnt hat, daß er ausdrücklich verboten hat, Ihnen und dem Reichsaußenminister Zutritt zu diesen Versammlungen zu gewähren, obwohl Sie darauf hinwiesen, daß wichtige Angelegenheiten Ihres Ressorts behandelt wurden. Stimmt das? Das können Sie auch mit Ja oder Nein wohl beantworten.


FUNK: Die Sitzung, die Sie erwähnen, bezog sich auf den Arbeitseinsatz. Ich hatte mit dem Arbeitseinsatz direkt nichts zu tun und der Außenminister war wohl auch daran nicht stark interessiert, so daß ich annehme, daß wohl aus diesen Gründen der Führer weder den Außenminister noch mich zu der Sitzung haben wollte. Der Führer benötigte mich ja auch nicht, denn ich sagte gestern schon, seine Anweisungen in Bezug auf die Wirtschaftsführung gab er bis zum Jahre 1942 an den Reichsmarschall, als den für die Wirtschaftsführung verantwortlichen Mann und nach dem Jahre 1942 an Speer, weil von da ab die Rüstung das gesamte Wirtschaftsleben beherrschte und alle wirtschaftlichen Entscheidungen nach dem ausdrücklichen Befehl des Führers auf die Notwendigkeiten der Rüstung abgestellt werden mußten.


[127] DR. SAUTER: Der nämliche Minister Dr. Lammers hat bei seiner Vernehmung am 8. April gesagt: »Der Führer«, ich zitiere wörtlich:

»Der Führer hat vielfach Einwendungen gemacht, nämlich gegen Funk. Es waren verschiedene Gründe gegen Funk vorhanden. Er, nämlich Hitler, stand Funk skeptisch gegenüber und wollte ihn nicht haben.«

Soweit wörtlich das Zitat aus der Aussage des Zeugen Dr. Lammers. Haben Sie für diese ablehnende Haltung Hitlers Ihnen gegenüber irgendeine Erklärung?

FUNK: Nein, nur die sachliche Erklärung, daß er mich nicht brauchte.

DR. SAUTER: Daß er also, mit anderen Worten, Besprechungen mit Ihnen für überflüssig hielt.


FUNK: Ja.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Im Zusammenhang mit dem Kapitel »Angriffskriege« würde mich interessieren folgendes: In der Anklageschrift gegen Sie ist auf Seite 30 aufgeführt, Seite 30 des deutschen Trialbriefes, daß Sie sich persönlich und durch ordnungsgemäß anerkannte Vertreter, also sowohl persönlich wie auch durch Vertreter, die Sie anerkannt hatten, sich an den Vorbereitungen beteiligten, die dem Angriffskrieg gegen Sowjetrußland vorausgingen, und als einziger Beweis ist angeführt eine Urkunde 1039-PS, US-146. Ich wiederhole 1039-PS, US-146. Aus dieser Urkunde ergäbe sich, daß Sie, Herr Angeklagter, Ende April 1941 mit Rosenberg, der also für die Ostlande verantwortlich war, eine Besprechung über die Wirtschaftsfragen gehabt hatten, die sich ergeben würden, wenn die Angriffspläne im Osten zur Ausführung kämen. Ich bitte also, Herr Dr. Funk, das Datum dieser Besprechung zu beachten: Ende April 1941, kurze Zeit vor Beginn des Krieges gegen Rußland, und ich darf zur Stützung Ihres Gedächtnisses darauf hinweisen, daß damals, also vor Beginn des Krieges gegen Rußland, Rosenberg bereits zum Beauftragten Hitlers für die einheitliche Behandlung der Probleme der Ostgebiete ernannt war.

Ich bitte nun zu dieser Besprechung Stellung zu nehmen, und zwar unter dem Gesichtspunkt, ob sich daraus ergibt, daß Sie an dem Angriffskrieg gegen Rußland oder an dessen Planung und Vorbereitung beteiligt waren, und eventuell wie?


FUNK: Ich wußte nichts von einem Angriffskrieg gegen Rußland. Ich war sehr überrascht als ich durch Lammers die Mitteilung bekam, daß der Führer Rosenberg zum Beauftragten für osteuropäische Fragen ernannt habe. Lammers hat ja hier erklärt, daß er mir diese Mitteilung aus persönlichen Gründen zugehen ließ, weil er wußte, daß ich an einem Wirtschaftsverkehr mit Rußland stark interessiert war. In der Tat war es den beiderseitigen Bemühungen, [128] sowohl also von russischer als auch von deutscher Seite gelungen, diesen Handelsverkehr wieder stärker auszubauen, nachdem ja in früheren Zeiten, also vor dem ersten Weltkrieg der deutsche Handel mit Rußland der entscheidende Faktor in der deutschen Handelsbilanz war und mehrere Milliarden Goldmark betrug. Die Russen lieferten, das muß ich hier auch bezeugen, ihr Getreide, ihre Manganerze, ihr Öl prompt, und die deutschen Maschinenlieferungen blieben naturgemäß schon aus dem Grund immer zurück, weil ja die Maschinen erst hergestellt werden mußten, weil es sich meist um Spezialaufträge, um spezialisierte Maschinen handelte. Inwieweit auch Heeresgerät nach Rußland geliefert wurde, weiß ich nicht, denn an diesen Dingen wurde ich nicht beteiligt. Ich war also überrascht durch die Ernennung Rosenbergs. Rosenberg kam zu einer kurzen Besprechung zu mir und erklärte mir, daß dieser Auftrag des Führers auch die Behandlung wirtschaftlicher Probleme einbezöge. Daraufhin habe ich Rosenberg den im Wirtschaftsministerium tätigen Ministerialdirektor Dr. Schlotterer zur Bearbeitung dieser Probleme zur Verfügung gestellt. Als dann das Ostministerium gegründet wurde, was ja, soviel ich weiß, erst im Juli der Fall war, übernahm Dr. Schlotterer mit einigen Mitarbeitern die Leitung der Wirtschaftsabteilung im Ministerium Rosenberg. Und gleichzeitig trat dann Schlotterer, soviel ich weiß, in den Wirtschaftsführungsstab Ost ein. Das war die hier während der Verhandlungen immer wiedergenannte Führungsorganisation des Vierjahresplans für die Behandlung aller wirtschaftlichen Fragen in den besetzten Ostgebieten. Weiter habe ich mit diesen Dingen nichts zu tun gehabt. Ich habe selbstverständlich Lammers sowohl wie Rosenberg gefragt, was das zu bedeuten habe. Beide haben mir erklärt, der Führer sei der Meinung, daß ein Krieg mit Rußland unvermeidlich werden würde. Die Russen hätten an der ganzen Ostfront große Verstärkungen zusammengezogen. Die Besprechungen mit Molotow, an denen ich in keiner Weise beteiligt worden war, seien unbefriedigend verlaufen. Die Russen stellten Ansprüche hinsichtlich des Ostseeraumes, des Balkans und der Dardanellen, die von Deutschland, vom Führer, nicht befriedigt werden könnten. Jedenfalls kam diese Angelegenheit für mich, wie bestimmt für das ganze deutsche Volk, völlig überraschend, und ich bin der Überzeugung, daß über diesen Krieg im deutschen Volk eine schwere Erschütterung entstand.


VORSITZENDER: Der Zeuge sprach vom Juli. Meinte er Juli 1940?


DR. SAUTER: Es war, soviel ich weiß, Juli 1941.


VORSITZENDER: Sie meinen Juli 1941? Das war nach dem Ausbruch des Krieges mit Rußland. Der Zeuge kann das doch selbst beantworten, nehme ich an, nicht wahr? Haben Sie Juli 1940 gemeint?


[129] FUNK: Die Besprechung mit Rosenberg war Ende April oder Anfang Mai 1941 und die Begründung des Ministeriums Rosenberg war im Juli 1941.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Ich komme dann zu einem anderen Punkt der Anklage. Es wird Ihnen vorgeworfen, daß Sie als Reichswirtschaftsminister auch strafbare Handlungen begangen hätten bei der verbrecherischen Verabredung zur Verfolgung der Juden zum Zwecke des Ausschlusses der Juden aus dem Wirtschaftsleben. Es sind das also die Vorgänge vom November 1938. Nun bitte ich, uns Ihre Tätigkeit aus diesem Anlaß zu schildern.


FUNK: Ich bitte das Gericht, bei diesem Punkt mir etwas Zeit für eine etwas ausführlichere Darstellung zu geben. Die nächsten Punkte werden dann um so schneller erledigt werden können, aber dies ist der Punkt der Anklage, der mich mit am schwersten trifft.

Als ich das Wirtschaftsministerium im Februar 1938 übernommen habe, trat alsbald an mich seitens der Partei, insbesondere seitens Goebbels und Ley, die Forderung heran, die Juden aus der Wirtschaft auszuschließen, da es unerträglich sei. So wurde mir gegenüber behauptet, daß noch die Menschen in deutschen, in jüdischen Geschäften kaufen konnten. Die Partei könnte nicht zulassen, daß Parteigenossen in solchen Geschäften kaufen, auch die Käufe einzelner hoher Staatsfunktionäre, insbesondere ihrer Frauen, in solchen Geschäften hätten bei der Partei Anstoß erregt. Die Betriebsobleute der Arbeitsfront weigerten sich, mit den jüdischen Betriebsführern zusammenzuarbeiten. Es käme dauernd zu Zusammenstößen, und es gäbe keine Ruhe, wenn nicht die Maßnahmen, die schon hier und da eingeleitet waren, soweit durchgeführt werden würden, daß allmählich die Juden aus der Wirtschaft völlig ausgeschlossen werden würden. Durch das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit, das unter meinen Vorgängern erlassen worden ist und auch in Vereinbarung mit der Deutschen Arbeitsfront von meinen Vorgängern durchgeführt wurde, waren der Wirtschaft auch politische und parteiliche Funktionen übertragen worden. Der Betriebsführer war gleichzeitig der Partei verpflichtet und vor allen Dingen auch dem Staate verpflichtet.

Einzelne jüdische Betriebsführer gaben nun dem Druck leicht nach, verkauften ihre Geschäfte und Unternehmungen an Leute und zu Preisen, die uns keineswegs genehm waren. Ich hatte mit einzelnen jüdischen Wirtschaftlern aus den Großbanken, aus der Großindustrie und auch aus den Warenhäusern durch private Abfindungsverträge ein Ausscheiden aus ihren wirtschaftlichen Positionen herbeigeführt. Es gab keine Ruhe, und wir mußten versuchen, in einer gewissen Zeit und unter bestimmten gesetzlichen Regelungen, den jüdischen Einfluß in der Wirtschaft zurückzudrängen und allmählich die Juden aus der Wirtschaft hinauszubringen, wobei [130] ich persönlich immer auf dem Standpunkt stand, daß man erstens dieses Verfahren langsam in gewissen Zeitabständen durchführen müßte, zweitens den Juden eine angemessene Entschädigung geben müßte und drittens ihnen gewisse Wirtschaftsinteressen lassen könnte, insbesondere ihre Beteiligung an Wertpapieren, worauf ich ja in der so oft hier besprochenen Sitzung bei Göring besonders noch hingewiesen habe. In diese Entwicklung hineinplatzten nun die furchtbaren Vorgänge in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, die von München ausgingen und die mich persönlich auf das schwerste trafen. Als ich am Morgen des 10. November in mein Ministerium fuhr, sah ich auf der Straße, in den Schaufenstern schon die Verwüstungen und hörte Näheres durch meine Beamten im Ministerium. Ich versuchte Göring, Goebbels, wohl auch Himmler anzurufen. Sie waren aber wohl alle unterwegs noch von München aus. Schließlich gelang es mir, Goebbels zu erreichen und ich erklärte ihm, daß dieser Terror ein Affront gegen mich persönlich sei, daß hierdurch wertvolle und unersetzliche Wirtschaftsgüter zerstört seien und daß unsere Beziehungen zum Auslande, auf die wir gerade jetzt besonders angewiesen seien, dadurch empfindlich gestört werden würden.

Goebbels erklärte mir, daß ich selbst schuld daran sei, daß es soweit gekommen wäre. Ich hätte die Juden längst ausschalten müssen aus der Wirtschaft. Der Führer werde dem Reichsmarschall Göring einen Befehl geben, wonach die Juden völlig aus der Wirtschaft ausgeschaltet werden müßten und ich würde Näheres vom Reichsmarschall erfahren. Dieses Telephongespräch mit Goebbels ist später von ihm selbst bestätigt worden, wie durch Zeugenaussage erhärtet werden wird.

Am nächsten Tage, am 11. November, wurde mir mitgeteilt, daß am 12. eine Sitzung bei Göring stattfinden würde, als Beauftragten für den Vierjahres plan, in der das Judenproblem geregelt werden solle. Der Beauftragte für den Vierjahresplan hatte dem Ministerium den Auftrag gegeben, einen Verordnungsentwurf vorzubereiten als Grundlage für die gesetzlichen Bestimmungen zur Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft. Am 12. kam es dann zu der hier oft besprochenen Sitzung. Am Vormittag hatte eine Besprechung beim Reichsmarschall stattgefunden, in der die Gauleiter anwesend waren. Der Reichsmarschall war aufs höchste erregt, erklärte, daß er diesen Terror nicht hinnehmen werde und daß er die einzelnen Gauleiter verantwortlich machen werde für das, was in ihren Gauen geschehen sei.

Ich war also nach dieser Sitzung verhältnismäßig noch beruhigt. In der Sitzung, deren Protokoll hier verschiedentlich verlesen worden ist, riß dann Goebbels alsbald mit seinen Radikalforderungen die Stimmung an sich, die Führung an sich; der Reichsmarschall wurde dauernd ärgerlicher und hat dann aus dieser verärgerten Stimmung [131] heraus sich zu den Ausdrücken hinreißen lassen, die in dem Protokoll verzeichnet sind. Das Protokoll ist im übrigen sehr lückenhaft und sehr unvollständig. Nach dieser Sitzung war nur klar, daß nunmehr in der Tat die Juden aus der Wirtschaft ausgeschaltet werden mußten und daß, um die Juden vor völliger Rechtlosigkeit, vor weiterem Terror und vor weiterer Vergewaltigung und Ausplünderung zu beschützen, gesetzliche Maßnahmen statuiert werden mußten.

Ich habe dann genau so wie der Finanzminister, der Innenminister, der Justizminister und so weiter Durchführungsverordnungen zu dem Grunderlaß des Beauftragten für den Vierjahresplan erlassen, wonach der Übergang der jüdischen Geschäfte, der jüdischen Anteile an Treuhänder bestimmt wurde. Die Juden wurden durch 3prozentige Schuldverschreibungen entschädigt, und ich habe stets darauf geachtet, daß, soweit das Wirtschaftsministerium hierbei beteiligt war, diese Entscheidung gesetzmäßig und ordnungsmäßig durchgeführt wurde und kein neues Unrecht gegenüber den Juden entstand. Von einer Ausrottung der Juden war damals in keiner Weise die Rede. Es wurde allerdings in dieser Sitzung ein Plan kurz erörtert, eine Auswanderung der Juden zu organisieren. An den Maßnahmen des Terrors und der Gewalt gegen die Juden bin ich selbst in keiner Weise beteiligt. Ich habe sie auf das tiefste bedauert und schärfstens abgelehnt. Aber die Durchführungsverordnungen mußte ich erlassen, um die Juden vor völliger Rechtlosigkeit zu schützen und die gesetzlichen Bestimmungen, die damals getroffen waren, ordnungsgemäß durchzuführen.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk!...


VORSITZENDER: Wir werden jetzt eine Pause einschalten.


[Pause von 10 Minuten.]


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Wir sind vor der Pause stehengeblieben bei Ihrer Tätigkeit hinsichtlich der Verordnungen zur Ausschaltung von Juden aus dem Wirtschaftsleben, und Sie haben uns zuletzt berichtet über das Protokoll bezüglich der Sitzung Görings vom 12. November 1938. Es ist das die Nummer 1816-PS.

Sie haben bereits erwähnt, daß das Protokoll über diese Sitzung schlecht redigiert und lückenhaft ist.

Aus dem Protokoll ergibt sich aber, daß Sie öffentlich in der Sitzung stark gebremst haben und daß Sie sich bemühten, für die Juden noch das eine oder andere zu retten. Ich entnehme zum Beispiel dem Protokoll, daß Sie sich während der Sitzung wiederholt dafür eingesetzt haben, daß die jüdischen Geschäfte alsbald wieder geöffnet werden sollten. Stimmt das?


FUNK: Ja.


[132] DR. SAUTER: Ferner entnehme ich dem Protokoll, daß Sie sich dafür einsetzten, daß, die Juden ihre Aktien und Anteile behalten sollten. Das ergibt sich aus einer Frage von Ihnen, stimmt das?

FUNK: Ich habe vorhin schon gesagt, daß ich bis zu dieser Sitzung der Meinung war, daß die Juden ihre Wertpapiere behalten konnten. Ich habe in der Sitzung zum Ausdruck gebracht, daß es mir neu sei, daß die Juden auch den Wertpapierbesitz hergeben sollten. Sie wurden ja abgefunden in 3prozentigen Schuldverschreibungen des Reiches, mußten allerdings auch dann ihre Aktien und weiteren Anteile hergeben. Ich war auch aus dem Grund gegen eine solche Regelung, weil dann der Staat einen riesigen Aktienbesitz übernahm und die Verwertung eines solchen Aktienbesitzes naturgemäß recht schwierig war.


DR. SAUTER: Aus dem Protokoll ergibt sich dann auch noch, daß Heydrich sich damals dafür einsetzte, daß die Juden in Ghettos gebracht werden sollten, und Sie erinnern sich, daß die Anklagevertretung diesen Punkt schon einmal mündlich hier erwähnt hat. Welche Stellung haben damals Sie, Herr Dr. Funk, zu diesem Vorschlag Heydrichs eingenommen?


FUNK: Ich war gegen die Ghettos, und, zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich mir unter Ghetto etwas Furchtbares vorstellte. Ich kannte kein Ghetto und ich habe gesagt, drei Millionen Juden unter 70 Millionen Deutschen kann man ja auch ohne Ghettos leben lassen; die Juden müßten natürlich zusammenrücken, habe ich gesagt, und es müßte einer für den anderen einstehen; denn das war mir klar und das habe ich auch gesagt in der Sitzung, daß der einzelne Jude unter den Lebensbedingungen, die man nunmehr für ihn schuf, nicht existieren konnte.


DR. SAUTER: Ich darf in diesem Zusammenhang vielleicht, Herr Präsident, auf zwei eidesstattliche Versicherungen hinweisen, die im Dokumentenbuch Funk unter Nummer 15 und Nummer 3 vorgelegt sind und Sie bitten, zu Beweiszwecken von dem ganzen Inhalt dieser eidesstattlichen Versicherungen Notiz zu nehmen. Die eidesstattliche Versicherung Nummer 3, im Dokumentenbuch Seite 12 des Textes, stammt von der Ehefrau des Angeklagten und wurde zu Beginn des Prozesses von ihr abgegeben, am 5. November 1945.

Aus dieser eidesstattlichen Versicherung, deren wesentlichen Inhalt ich hier kurz wiedergebe, geht hervor, daß zur Zeit der Novemberexzesse von 1938 gegen die Juden der Angeklagte mit seiner Frau und mit seiner Nichte in Berlin weilte, also nebenbei bemerkt nicht etwa in München, wo damals die sogenannten, »alten Kämpfer« versammelt waren und wo der Minister Dr. Goebbels ganz plötzlich und zur allgemeinen Überraschung die Parole für diese Judenpogrome ausgegeben hat. Die Frau Funk bestätigt in[133] ihrer eidesstattlichen Versicherung, daß ihr Mann, sobald er von solchen Ausschreitungen Kenntnis erhielt, in größter Erregung den Dr. Goebbels telephonisch anrief und ihn fragte:

»Sind Sie verrückt geworden, Goebbels, solche Schweinereien zu machen? Man muß sich schämen ein Deutscher zu sein. Das ganze Ansehen im Ausland geht verloren. Ich bemühe mich Tag und Nacht, das Volksgut zu erhalten, und Sie werfen es mutwillig aus dem Fenster. Wenn diese Schweinerei nicht sofort aufhört, werfe ich den ganzen Dreck hin.«

So wörtlich das Telephongespräch, das damals der Angeklagte von Berlin aus mit Dr. Goebbels geführt hat.

Und der weitere Inhalt dieser eidesstattlichen Versicherung bezieht sich auf Fürsprachen, die der Angeklagte für einzelne jüdische Bekannte eingelegt hat, und in ähnlicher Richtung, meine Herren Richter, bewegt sich die eidesstattliche Versicherung des Heinz Kallus, der früher Ministerialrat im Wirtschaftsministerium unter dem Angeklagten Funk war. Ich habe diese eidesstattliche Versicherung als Nummer 15 des Dokumentenbuches Funk vorgelegt. Es stammt vom 9. Dezember 1945, und auch dieser Zeuge bestätigt, daß Funk selbstverständlich von diesen Exzessen außerordentlich überrascht war, daß er dann mit den zuständigen Stellen sofort Verbindung aufgenommen hat, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. Diese eidesstattlichen Versicherungen bestätigen also im großen und ganzen die Darstellung, die der Angeklagte Funk selber gegeben hat; und im Zusammenhang mit dieser Judenangelegenheit des Angeklagten möchte ich noch auf eine Urkunde, Nummer 3498-PS, ich wiederhole Nummer 3498-PS, zurückkommen, die auf Seite 19 des Trialbriefes gegen Funk erwähnt ist.

Es ist das ein Rundschreiben von Funk vom 6. Februar 1939, veröffentlicht im Ministerialblatt des Reichswirtschaftsministeriums und hier heißt es, ich zitiere wörtlich:

»In welchem Maße und Tempo von den Vollmachten des Vierjahresplans Gebrauch zu machen ist, richtet sich nach den von mir, entsprechend den Weisungen des Beauftragten für den Vierjahresplan, jeweils zu treffenden Anordnungen.« Ich zitiere das deshalb, weil auch hier wieder in einer amtlichen Verlautbarung aus der damaligen Zeit der Angeklagte Funk zum Ausdruck gebracht hat, daß er auch auf diesem Gebiet lediglich die Weisungen des Vierjahresplans auszuführen und zu befolgen hatte.

Stimmt das, Herr Dr. Funk?


FUNK: Ja.

DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sie haben schon vorhin gesagt, daß Sie nach Ihrer ganzen sonstigen Vergangenheit und Einstellung, [134] grundsätzlichen Einstellung, und nach Ihrer ganzen Lebensanschauung den Vorwurf hinsichtlich dieser Judenausschaltung aus dem Wirtschaftsleben als ganz besonders hart empfunden haben, und in diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen nun vorhalten, daß Sie bei einem Verhör in Nürnberg, am 22. Oktober 1945, dem Sie vernehmenden Offizier gegenüber schließlich zu weinen angefangen und erklärt haben: »Damals hätte ich zurücktreten sollen, ich bin schuldig.«

So ist auch das Zitat wörtlich im Laufe der Verhandlung einmal erwähnt worden.

Vielleicht äußern Sie sich doch darüber, wie Sie zu dieser Bemerkung und zu diesem Zusammenbruch gekommen sind, den ich aus dem Protokoll herauslesen zu sollen glaube?


FUNK: Ich kam damals direkt aus dem Krankenhaus hier ins Gefängnis.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Eine Frage...


FUNK: Ich habe vorher nicht gewußt, daß ich angeklagt worden bin als Mörder und Räuber und ich weiß nicht, als was sonst noch alles. Ich war neun, zehn Wochen krank, kam aus dem Krankenbett nachts heraus und hierher. In diesen Tagen fanden sofort meine Vernehmungen hier statt. Ich muß zugeben, daß der mich vernehmende amerikanische Offizier, Herr Oberst Murrey Gurfein, mit außerordentlicher Rücksicht und Schonung meine Vernehmung durch geführt hat und immer wieder Unterbrechungen gemacht hat, wenn ich nicht mehr folgen konnte. Als mir nun diese Terror- und Gewaltmaßnahmen gegen die Juden vorgehalten wurden, da erlitt ich einen seelischen Zusammenbruch, weil mir in diesem Augenblick mit voller Eindringlichkeit zum Bewußtsein kam, daß von hier aus das Verhängnis seinen Weg genommen hatte bis zu den grauenvollen und entsetzlichen Dingen, die wir hier gehört haben und von denen ich damals aus meiner Gefangenschaft, zum Teil wenigstens, schon wußte. Ich empfand eine tiefe Scham und eine schwere Schuld vor mir selbst in diesem Augenblick und empfinde sie auch heute genau so. Aber, daß ich die Durchführungsverordnungen zu den Grundverordnungen und Gesetzen erlassen habe, das ist kein Vergehen gegen die Menschlichkeit. Ich habe hier den Willen des Staates meiner inneren Stimme und meinem inneren Pflichtbewußtsein vorangestellt, da ich nun mal dem Staate verpflichtet war. Ich habe auch mich für verpflichtet gehalten, nach dem Willen des Führers, der obersten Staatsführung, zu handeln, zumal ja diese Maßnahmen gerade zum Schutze der Juden notwendig waren, um sie vor völliger Rechtlosigkeit und vor weiterer Willkür und Gewaltanwendung zu schützen. Sie wurden ja entschädigt, und ich habe, und das geht auch aus dem Rundschreiben hervor, das Sie eben zitiert haben, meinen Beamten strengste Anweisung gegeben, [135] diese gesetzlichen Bestimmungen einwandfrei und gerecht durchzuführen. Es ist schon eine furchtbare Tragik, daß gerade ich mit diesen Dingen belastet worden bin. Ich habe, wie gesagt, an diesen Ausschreitungen gegen die Juden keinen Anteil, habe sie vom ersten Augenblick an auf das schärfste mißbilligt, verurteilt, bin selbst auf das schwerste betroffen worden dadurch. Ich habe alles getan, um weiterhin den Juden, soweit es in meinen Kräften stand, zu helfen. An eine Ausrottung der Juden habe ich nie gedacht damals, bin auch an den Dingen in keiner Weise beteiligt, die sich auf diese Vorgänge beziehen.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Weil Sie gerade davon sprechen, Sie hätten an eine Ausrottung, also an eine Vernichtung der Juden nicht gedacht, möchte ich zurückkommen auf ein bereits früher zitiertes Dokument, 3545-PS, ich wiederhole 3545-PS, das seinerzeit von der Anklagevertretung vorgelegt wurde. Es ist das, wie Sie sich vielleicht erinnern, die Photokopie der »Frankfurter Zeitung« vom 17. November 1938, also eine Nummer, die wenige Tage nach den Vorfällen erschienen ist, mit denen wir uns hier eben beschäftigen. In dieser »Frankfurter Zeitung« ist eine Rede von Ihnen veröffentlicht, die sich mit den gesetzlichen Maßnahmen zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben befaßt und Sie erinnern sich, der Anklagevertreter hat in seiner Rede vom 11. Januar 1946 Ihnen vorgeworfen, daß – ich zitiere jetzt wörtlich:

»... das wirtschaftliche Programm der wirtschaftlichen Verfolgung der Juden nur ein Teil des großen Programms der Vernichtung gewesen sei«,

das sich deckt mit einer Wendung in Ihrem Trialbrief, wo auch davon steht, es sei das nur ein Teil, wie es wörtlich heißt, »eines größeren Programms der Ausrottung der Juden« gewesen.

Nun finde ich in all den Verlautbarungen, die aus der damaligen Zeit von Ihnen stammen, nirgends einen Hinweis, daß Sie mit einer Vernichtung, also mit einer Ausrottung der Juden, einverstanden oder gar diese verlangt hätten. Was sagen Sie zu dieser Auffassung der Staatsanwaltschaft?

FUNK: Ich habe niemals in meinem Leben, weder in Wort oder in Schrift, eine Ausrottung oder Vernichtung der Juden verlangt oder mich dahin geäußert. Das ist offenbar hier ein Ausdruck des Herrn Anklagevertreters, der meines Erachtens nur der Phantasie entspringt, der Stimmung, mit der er selbst diese Dinge gleich beurteilt hat. Ich selbst habe mich nicht für die Ausrottung der Juden eingesetzt und von den schrecklichen Vorgängen, die hier gezeigt worden sind, habe ich nichts gewußt. Ich habe damit auch nichts zu tun und habe später überhaupt, soweit ich mich erinnern kann, niemals an irgendwelchen Maßnahmen gegen die Juden mitgewirkt, weil ja diese Dinge nicht mehr in meinen Ressorts [136] behandelt wurden. Bis auf diese gesetzlichen Maßnahmen, diese Durchführungsverordnungen, glaube ich nicht, daß ich irgend etwas in meinen Amtsstellen veranlaßt habe, was sich weiterhin mit jüdischen Angelegenheiten noch befaßte.

DR. SAUTER: Ist es richtig, Herr Dr. Funk, daß Sie im Zusammenhang mit dem Vollzug dieser Durchführungsverordnungen, die Sie selbst hatten erlassen müssen, sich selber für eine ganze Reihe von Personen eingesetzt haben, die damals unter diesen Verordnungen gelitten haben und die sich an Sie persönlich um Hilfe gewandt haben, und daß Sie das getan haben, um auch auf diese Weise den Vollzug dieser Verordnungen noch weiterhin zu mildern?


FUNK: Ich habe genau darauf geachtet, daß die Verordnungen fair und entsprechend den Gesetzen durchgeführt wurden, allerdings lag die Durchführung dieser Dinge nicht beim Ministerium, sondern beim Regierungspräsidenten und den von den Gauleitern abhängigen Stellen im Reich. Es sind vielfach Klagen an mich gekommen wegen der Durchführung der Arisierungen, und meine Beamten werden bezeugen, daß ich in jedem Falle eingegriffen habe, wo ich von der artigen Verfehlungen hörte. Ich habe sogar den Referenten dieser Abteilung entlassen, als ich von Unkorrektheiten hörte, ich habe mich später auch von dem Abteilungsleiter getrennt.


DR. SAUTER: Warum?


FUNK: Weil eben diese Unkorrektheiten vorgekommen waren. Wie ich schon vorher bei den Bewilligungen von Devisen für die Auswanderung von Juden alles getan habe, was ich tun konnte, so habe ich auch hier bei der Durchführung dieser Gesetze alles getan, was in meinen Kräften stand, um die Dinge für die Juden im Rahmen des Möglichen noch erträglich zu gestalten.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Diese Frage, wie nämlich Funk sich in der Praxis zum Vollzug der Verordnungen gestellt hat, die er selbst als Beamter hatte erlassen müssen, diese Frage habe ich auch in einem von Ihnen bewilligten Fragebogen an den früheren Staatssekretär Landfried behandelt. Dieser Fragebogen ist schon längst zurückgekommen; es hat sich aber herausgestellt, daß durch die Geschäftsstelle ein falscher Fragebogen versandt war und die richtige Antwort ist erst am Samstag eingetroffen. Sie ist momentan bei der Übersetzung und ich nehme an, daß diese richtige Antwort, dieses Zeugnis des Staatssekretärs Landfried, Ihnen im Laufe des Tages noch vorgelegt wird und, daß es dann als Dokument, Nummer 16 des Ergänzungsbandes eingefügt werden kann; Dokument Nummer 16. Ich nehme aber an, daß Sie nichts dagegen haben, daß ich schon in diesem Zusammenhang die kurze Antwort des Zeugen Landfried hier wiedergebe.

[137] Herr Landfried war seinerzeit von 1939 bis 1943 Staatssekretär...


VORSITZENDER: Hat die Anklagevertretung das Dokument gesehen?


DR. SAUTER: Jawohl, die Anklagevertretung hat das Dokument.


MR. THOMAS J. DODD, ANKLÄGER FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN: Wir haben dieses Dokument nicht gesehen, wir haben den deutschen Text gesehen. Ich kann kein Deutsch lesen und habe keine Möglichkeit gehabt, es zu lesen. Es ist nicht übersetzt worden.


VORSITZENDER: Das Dokument kann dann vorgelegt werden, wenn die Anklagevertretung es gesehen hat. Sie brauchen es nicht gerade jetzt vorlegen. Haben Sie noch einen anderen Zeugen oder nicht?


DR. SAUTER: Nein, für dieses Thema nicht.


VORSITZENDER: Nein, nein, ich meine, haben Sie überhaupt noch andere Zeugen?


DR. SAUTER: Einen Zeugen, Dr. Heidler, aber für andere Themata.


VORSITZENDER: Aber ich nehme an, daß der Angeklagte ins Kreuzverhör genommen wird.


DR. SAUTER: Ja.


VORSITZENDER: Dann werden diese Dokumente in der Zwischenzeit übersetzt sein.


DR. SAUTER: Ja, Herr Präsident! Wenn Sie wünschen, dann muß ich eben später dieses Dokument eigens vortragen.


VORSITZENDER: Jawohl.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Ich komme nun zu einem Vorwurf, der meines Wissens im Trialbrief gegen Sie noch nicht erhoben ist, nämlich zu dem Problem der besetzten Gebiete, also zur Frage der Ausplünderung der besetzten Gebiete, Besatzungskosten, Clearing-System, Währungs-Stabilisierung und dergleichen. Die Anklage behauptet. Sie seien aktiv an dem Programm für die kriminelle Ausplünderung der besetzten Gebiete beteiligt gewesen. Das ist schon in der Sitzung des Gerichts vom 11. Januar 1946 erwähnt. (Band V, Seite 191.) Näher ist dieser Vorwurf nicht spezifiziert, aber in der Sitzung vom 21. Februar (Band VIII, Seite 71) ist lediglich auf einen Erlaß des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete hingewiesen, des Angeklagten Rosenberg. Dieser Erlaß ist von der Anklagevertretung in dem Prozeß als die Dokumentennummer 1015-PS eingeführt worden und stellt die Abschrift eines Erlasses des Ostministers Rosenberg an die Reichskommissare in den besetzten Ostgebieten dar.

[138] Der Erlaß gibt diesen Reichskommissaren die Aufgaben des mehrfach erwähnten Einsatzstabes Rosenberg bekannt zur Sicherstellung von Kulturgütern. An sich, darf ich wohl annehmen, sind derartige Kulturgüter das Reichswirtschaftsministerium nichts angegangen. Merkwürdigerweise ergibt sich nun aber aus diesem Schreiben Rosenbergs vom 7. April 1942, daß dieses Schreiben nicht nur an verschiedene andere Dienststellen verschickt wurde, sondern auch an Sie, das heißt, an das Reichswirtschaftsministerium. Und aus dieser Tatsache, und anscheinend nur aus dieser Tatsache, hat nun der sowjetrussische Anklagevertreter gegen Sie den Vorwurf abgeleitet, Sie hätten sich aktiv an der Ausplünderung der besetzten Gebiete beteiligt. Ich mußte Ihnen den Zusammenhang so ausführlich schildern, damit man weiß, um was es sich handelt. Ich bitte vielleicht ganz kurz dazu Stellung zu nehmen?


FUNK: Ich habe bis zu diesem Prozeß überhaupt nicht gewußt, was der Einsatzstab Rosenberg ist, was er tut, was er für Aufgaben hat. Mir ist nicht bewußt, daß das Wirtschaftsministerium mit diesen Dingen, also mit der Sicherstellung der Kulturgüter, überhaupt etwas zu tun gehabt hat. Ich kann dazu gar nichts sagen.


DR. SAUTER: Sie können sonst gar nichts dazu sagen?


FUNK: Zu diesem Punkt, zum Einsatzstab Rosenberg, nicht. Zu der Politik der besetzten Gebiete kann ich sehr viel sagen...


DR. SAUTER: Das interessiert hier nicht.


FUNK: Aber das werden Sie wahrscheinlich ja noch später wollen.


DR. SAUTER: Ich habe dann, Herr Dr. Funk, in dem Fragebogen an den Dr. Landfried, den ich vorhin erwähnt habe, fünf oder sechs Fragen wegen der Einstellung von Ihrer Seite zur Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten gefragt. Dann habe ich Fragen an ihn gestellt darüber, ob Sie Anweisungen an die Militärbefehlshaber, beziehungsweise die Reichskommissare für die besetzten Gebiete, sowie an die Chefs der Zivilverwaltung in Elsaß-Lothringen et cetera gegeben haben, ferner habe ich gefragt, ob es richtig ist, daß auch für die besetzten Gebiete die wirtschaftlichen Anweisungen nicht von Ihnen als Reichswirtschaftsminister gegeben wurden, sondern vom Beauftragten für den Vierjahresplan, ferner habe ich Fragen gestellt über Ihre Einstellung zur Frage der Ausplünderung der besetzten Gebiete, namentlich im Westen, »Schwarzer Markt«, »Valuten-Herabsetzung«, und dergleichen. Ich kann nun, Herr Dr. Funk, die Aussagen des Zeugen Landfried momentan noch nicht verlesen, und zwar deshalb nicht, weil durch ein Versehen der Geschäftsstelle die Aussage des Zeugen Landfried erst am Samstag gekommen ist. Wollen Sie von sich aus, nachdem zur Zeit Ihre persönliche Vernehmung im Gange ist, zu diesen Fragen noch [139] etwas beifügen, oder wollen Sie hier nur auf das Bezug nehmen, was ich dann nach dem Eintreffen der Übersetzung dem Gericht vorlesen kann? Ich frage das deshalb, weil das praktisch momentan die letzte Gelegenheit für Sie ist, zu diesen Kapiteln Stellung zu nehmen.


FUNK: Zu verschiedenen Fragen will ich hier Stellung nehmen. Aber über die Einzelheiten dieser Probleme vermögen natürlich die Staatssekretäre besser Auskunft zu geben als ich.

Hinsichtlich der Anweisungen an die besetzten Gebiete ist hier sowohl vom Reichsmarschall wie vom Reichsminister Dr. Lammers festgestellt worden, daß ich als Reichswirtschaftsminister keinerlei Anweisungsbefugnis hatte. Der Reichsmarschall hat hier in seiner Vernehmung erklärt, das habe ich mir aufgeschrieben: »Die Anweisungen und die Wirtschaftspolitik, die der Wirtschaftsminister Funk und der Reichsbankpräsident Funk ausführte, treffen voll und ganz verantwortlich ausschließlich mich.« Und hinsichtlich der besetzten Gebiete hat er ebenfalls gesagt, daß, wenn ich Spezialanordnungen im praktischen Geschäftsverkehr zwischen dem Ministerium und den Lenkungsstellen in den besetzten Gebieten gab, diese aus den Generalanweisungen des Reichsmarschalls kamen, und immer auf seiner, wie er wörtlich gesagt hat, persönlichen Verantwortung fußen.

Die Dinge lagen so, daß an die besetzten Gebiete auf wirtschaftlichem Gebiet Anweisungen nur der Beauftragte für den Vierjahresplan geben konnte. Die Durchführung der Wirtschaftspolitik lag bei den Militärbefehlshabern oder bei den Reichskommissaren, die direkt dem Führer unterstanden. Sowohl bei den Militärbefehlshabern wie bei den Reichskommissaren waren nun Beamte der verschiedensten Ressorts, unter anderem auch naturgemäß des Wirtschaftsministeriums und der Reichsbank. Es waren auch Leute aus der privaten Wirtschaft in diesen Stellen tätig, und hier fand nun natürlich eine enge Zusammenarbeit zwischen den Dienststellen der Militärbevollmächtigten und der Reichskommissare und den Ressorts in dem Heimatstab, mit Ausnahme der in Rußland besetzten Gebiete, wo die Reichskommissare ja einem besonderen Minister, nämlich dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, unterstanden. Hier war als eine besondere Regelung, aber wenn wir von den Militärbefehlshabern oder den Reichskommissaren als Ministerium etwas haben wollten, so mußten wir darum bitten, oder wir mußten eine Anweisung des Beauftragten für den Vierjahresplan haben.

Dasselbe gilt auch von den Chefs der Zivilverwaltungen in Elsaß-Lothringen und in anderen Gebieten, wo solche waren. Auch hier hatten die Ressorts, die vielfachen Ressorts des Reichswirtschaftsministeriums, und die Reichsbank keine direkte Anweisungsbefugnis, aber ich betone noch einmal, daß selbstverständlich ein [140] enger geschäftlicher Dienstverkehr zwischen diesen Lenkungsstellen in den besetzten Gebieten und den Ressorts in den Heimatgebieten bestand.

Ich selbst habe, das werden Zeugenaussagen bestätigen, in den Fragebogen, die noch ausstehen, oder auch sonst, mir die größte Mühe gegeben, die besetzten Gebiete vor einer Ausplünderung zu schützen. Ich habe einen geradezu verzweifelten Kampf die ganzen Jahre hindurch für die Aufrechterhaltung einer stabilen Währung in diesen Gebieten geführt, denn es wurde immer wieder bei mir beantragt, die Wechselkurse in den besetzten Ländern herunterzusetzen, damit von deutscher Seite leichter und billiger in diesen Ländern gekauft werden könne. Ich habe alles nur Erdenkliche getan, um die wirtschaftliche Ordnung in diesen Gebieten aufrechtzuerhalten. Ich habe in einem Falle in Dänemark gegen alle Ressorts sogar eine Aufwertung der Dänenkronen durchgesetzt, weil die Dänische Nationalbank und die Dänische Regierung mit berechtigten Gründen dies erbaten.

Ich habe mich gegen die Erhöhung der Besatzungskosten in Frankreich sowohl im Jahre 1942 wie auch im Jahre 1944 gewandt. Die Denkschrift der Reichsbank, die ich veranlaßt hatte, ist hier von dem amerikanischen Generalstaatsanwalt zitiert worden.

Für die Festsetzung der Besatzungskosten war nicht der Wirtschaftsminister und der Reichsbankpräsident zuständig, sondern der Finanzminister, der Generalquartiermeister, also die obersten Wehrmachtsstellen; und im Falle Frankreich, Dänemark und anderen Ländern auch der Außenminister.

Ich habe also, was ich nur tun konnte, was in meinen Kräften lag, getan, um die Wirtschaft der besetzten Gebiete in Ordnung zu halten. Ich habe beim Reichsmarschall schließlich erreicht, daß er einen Erlaß herausgab, wonach sämtlichen deutschen Dienststellen verboten wurde, auf den schwarzen Märkten zu kauten, nachdem allerdings vorher auf diesem Gebiete schon viel gesündigt worden ist. In diesem Zusammenhang muß ich darauf hinweisen, daß zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den besetzten Gebieten notwendig war, das soziale Leben dort nicht zu stören, und daß ich deshalb auch grundsätzlich immer gegen den zwangsweisen oder zu starken Abschub von ausländischen Arbeitskräften aus den besetzten Gebieten nach Deutschland gewesen bin.

In einer hier zitierten Sitzung bei Lammers habe ich auch das zum Ausdruck gebracht. Das werden auch meine Staatssekretäre bezeugen können. Auf der anderen Seite war mir natürlich klar, daß Sauckel in einer furchtbar schwierigen, ja in einer Zwangslage war, da immer wieder von ihm Arbeitskräfte für die deutsche [141] Wirtschaft verlangt wurden. Aber ich selbst hatte, insbesondere nachdem ich auch die gesamte zivile Produktion an Speer abgegeben hatte und in die Zentrale Planung eingetreten war, nicht nur kein Interesse mehr daran, dienstlich gesehen, daß Arbeiter nach Deutschland kamen aus dem Auslande, sondern ich hatte im Gegenteil ein sehr starkes Interesse daran, daß die Arbeiter in den besetzten Gebieten blieben, weil ja die Verbrauchsgüterproduktion weitgehend in diese Gebiete verlagert worden war, und ich hatte also auch aus diesem Grunde, als der Minister, der die Versorgung der Bevölkerung mit Verbrauchsgütern sicherzustellen hatte, der ein Interesse daran hatte, daß in den besetzten Gebieten ordnungsmäßig gearbeitet wurde, keine wirtschaftlichen und sozialen Störungen auftraten. Ich glaube aber, daß es zweckmäßig ist, daß meine beiden Staatssekretäre und der Vizepräsident der Reichsbank, der geschäftsführende Direktor der Reichsbank, Puhl, sich im einzelnen zu diesen Problemen äußern, die ja in der Durchführung viel stärker beteiligt waren als ich. Wenn mir nun zum Vorwurf gemacht wird, daß wir mit Hilfe des Clearings die ausländischen Länder und die besetzten Gebiete ausplünderten, so muß ich hierzu sagen, daß der Clearingverkehr ja nicht erst von uns eingeführt wurde im Verkehr mit den besetzten Gebieten oder auch im Kriege, sondern daß dies der normale Handelsverkehr zwischen Deutschland und seinen Handelspartnern war, ein System, das uns aufgezwungen wurde, als, worauf Schacht schon hingewiesen hat, ausländische Länder dazu übergingen, die Erlöse aus den deutschen Exporten für die Bezahlung und; Amortisation der deutschen Schulden zu verwenden. Ich habe aber zu jeder Zeit immer wieder betont, daß die Clearingschulden echte Warenschulden sind und hierauf kommt es an. Ich habe immer wieder gesagt, diese Clearingschuld ist eine echte Warenschuld Deutschlands und sie wird zurückgezahlt zu den Kursen, zu der Kaufkraft, die gültig war, als wir diese Schuldverpflichtungen eingegangen waren. Das habe ich insbesondere in meinen letzten Reden in Wien, im März 1944 und in Königsberg, im Juli 1944, ausführlich und in aller Deutlichkeit ausgeführt, und ich habe darüber hinaus im Juli hinsichtlich der Clearingschulden den Vorschlag gemacht, nach dem Kriege diese Schuld in eine europäische Anleihe umzuwandeln, damit sie nicht auf den engen Raum eines bilateralen Warenverkehrs begrenzt bliebe, sondern effektiv kommerzialisiert würde, woraus mit aller Deutlichkeit hervorgeht, daß ich diese Clearingschuld als echte Warenschuld Deutschlands jederzeit anerkannt habe, und daß also die Länder in den besetzten Gebieten, die solche Forderungen an Deutschland hatten, nach dem Kriege befriedigt werden konnten und mußten, und zwar, wie ich immer wieder betone, zu den Wertverhältnissen, zu den Wertrelationen, die gültig waren als die Schuld eingegangen war. Wenn natürlich in Friedensverträgen Länder Kriegsentschädigungen [142] hätten zahlen müssen, wenn so etwas in Frage gekommen wäre, so hätten ja diese Kriegsentschädigungen auch nur in Waren, vernünftigerweise, bezahlt werden können und dann hätte man, ebenso vernünftigerweise, selbstverständlich eine gewisse Aufrechnung zwischen den deutschen Schulden und den deutschen Forderungen vornehmen können. Aber ich habe nie einen Zweifel gelassen, daß diese Clearingschuld eine echte Warenschuld ist.

Deshalb muß ich den Vorwurf zurückweisen, daß mit Hilfe des Clearings eine Ausplünderung der besetzten Gebiete eingetreten ist. Noch stärker muß ich den Vorwurf zurückweisen, daß ich mitschuldig daran bin, daß die besetzten Länder mit unerträglichen Geldlasten, besonders mit Besatzungskosten und sonstigen Geldauslagen belegt wurden. Ich bin nachweislich immer wieder gegen eine zu hohe Geldbelastung der besetzten Gebiete aufgetreten, das werden hier ja die Zeugen, die darüber aussagen können, noch bekunden.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Der Angeklagte hat vorhin auf zwei Reden Bezug genommen, die er in Wien und in Königsberg gehalten hat. Es sind das zwei Reden, die sich zum Teil mit dem Thema der Behandlung der Clearingschulden befaßten, zum anderen Teil das Lieblingsthema des Angeklagten Dr. Funk behandelten, nämlich eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft zwischen Deutschland und seinen Nachbarstaaten, und zwar eine Wirtschaftsgemeinschaft auf der Grundlage voller Gleichberechtigung, herzustellen.

Im Interesse der Zeitersparnis darf ich vielleicht bitten, von diesen Reden, deren wesentlicher Inhalt teils von dem Angeklagten, teils von mir selbst jetzt bezeichnet wurden, zu Beweiszwecken Kenntnis zu nehmen.

Es ist das die Rede des Angeklagten in Wien vom 10. März 1944, mein Dokumentenbuch Nummer 10, und seine Rede in Königsberg, anläßlich des 400jährigen Jubiläums der dortigen Universität in seiner Heimat, vom 7. Juli 1944, mein Dokumentenbuch Nummer 11.


MR. DODD: Herr Vorsitzender! Wenn dieses Dokument Nummer 11 vom Verteidiger angeboten wird, um die Politik des Angeklagten in den besetzten Gebieten zu zeigen, so halte ich es für angebracht darauf hinzuweisen, daß die Rede sich nicht auf die besetzten Gebiete, sondern auf die Vasallenstaaten Deutschlands bezog.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich verweise dann weiter auf ein Dokument 3819-PS, das auch von der Staatsanwaltschaft bereits eingeführt worden ist. Es ist das das Protokoll, das der Angeklagte vorhin erwähnt hat, Über eine Sitzung bei Minister Lammers vom 11. Juli 1944. Bei dieser Sitzung war ausweislich des Protokolls der Angeklagte Funk anwesend, und er ist nur mit einem Satz erwähnt. Es heißt nämlich hier wörtlich – ich zitiere auf Seite 8 unten:

[143] »Reichsminister Funk erwartet von rücksichtslosen Razzien erhebliche Störungen der Produktion in den außerdeutschen Gebieten.«

Dieser Satz, wenn er aus dem Zusammenhang gerissen ist, wird schwer verständlich, aber wenn man den Zusammenhang berücksichtigt, so ersieht man, daß damit der Angeklagte Funk davor warnen wollte, gewaltsam vorzugehen bei der Erfassung ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Produktion und für die deutsche Rüstung. Er warnte vor einem gewaltsamen Vorgehen, vor Razzien, wie es im Protokoll heißt, weil dadurch, nach seiner Auffassung, die Produktion in den besetzten Gebieten gestört worden wäre.

Und dann, Herr Präsident, darf ich noch auf eine Urkunde verweisen. Es ist das das Dokument 2149-PS, und es enthält dies: eine gutachtliche Äußerung der Reichsbank vom 7. Dezember 1942: »Zur Frage einer Erhöhung der französischen Besatzungskostenzuschüsse.«

Ich darf vorausschicken, die Besatzungskosten Frankreichs sind dann erhöht worden, aber nicht auf Vorschlag des Angeklagten Funk und nicht unter seiner Billigung, sondern trotz seines Widerspruchs. Und dieses Gutachten, auf das der Angeklagte Funk sich vorhin berufen hat und das ich eben auch zitierte – es stammt vom 11. Dezember 1942 – gibt ganz im einzelnen die Gründe an, warum Funk und seine Reichsbank sich mit aller Entschiedenheit gegen eine Erhöhung der Besatzungskosten ausgesprochen hat.

In diesem Zusammenhang darf ich vielleicht auch noch den Angeklagten tragen, Herrn Dr. Funk, wegen der Besatzungskosten Griechenlands.


[Zum Zeugen gewandt:]


Haben Sie die Ausführungen des Zeugen Dr. Neubacher gehört, der als Gesandter in Rumänien und in Griechenland tätig war und der bestätigt hat, daß auch dort Sie sich bemüht haben um die Herabsetzung der Besatzungskosten?

VORSITZENDER: Brauchen Sie noch längere Zeit?

DR. SAUTER: Ja, ich glaube es wird besser sein, Herr Präsident, Sie vertagen jetzt. Ich glaube doch, daß ich noch einige Fragen zu stellen habe.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 13, S. 117-145.
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