Erstes Kapitel

319-316
Übersicht – Das königliche Haus – Polyperchon Reichsverweser – Kasandros' Flucht – Polyperchons Maßregeln – Eumenes' Flucht aus Nora – Eumenes bei den Argyraspiden – Nachstellungen gegen Eumenes – Antigonos' Stellung – Arrhidaios' Pläne – Antigonos gegen Arrhidaios – Antigonos besetzt Lydien – Kassandros bei Antigonos – Polyperchon proklamiert die Freiheit der Hellenen – Parteikampf in Athen – Phokions Tod – Kassandros in Peiraieus – Polyperchon vor Megalopolis – Seekrieg zwischen Kleitos und Antigonos – Kassandros gewinnt Athen – Nikanors Tod – Eurydikes Bund mit Kassandros – Olympias' Rückkehr nach Makedonien – Philipps und Eurydikes Tod – Kassandros' Zug nach Makedonien – Aiakidas von Epeiros verjagt – Olympias in Pella belagert – Olympias' Tod – Kassandros Herr von Makedonien

Infolge der Teilung von Triparadeisos war das Königtum Alexanders von Asien nach Europa in das Land seines Ursprungs zurückgeführt; es hatte aufgehört, in selbständiger und ehrfurchgebietender macht vertreten zu sein, der Statthalter von Makedonien nahm es mit dem Namen eines Reichsverwesers in seine Hut. So trat das heimatliche Makedonien, den übrigen Teilen des Reiches gegenüber, in ein Verhältnis, das vollkommen gegen die Absichten des großen Stifters der Monarchie war; und indem das Königtum, das Alexander zu einem wahrhaft hellenistischen zu entwickeln begonnen hatte, tatsächlich wieder ein makedonisches wurde, verlor es mit dem Beruf die Kraft, über jene asiatischen Länder zu herrschen, welche für das hellenistische Leben gewonnen waren.

Nennen wir so die Durchdringung des griechischen und morgenländischen Wesens überhaupt, so haben die großen Verschiedenheiten der asiatischen Länder- und Völkerverhältnisse zu verschiedenartige Elemente in jene Verbindung gebracht, als daß sie nicht im Verlauf der Zeit sich in vielfache Modifikationen hätte sondern müssen; aber noch waren alle diese Elemente durcheinandergerüttelt und in heftiger Gärung, und die Diadochenkämpfe bezeichnen den langen und blutigen Prozeß, in dem sie sich weiter zersetzen und endlich zu neuen »Bildungen« klären sollten. Um dies möglich zu machen, hat die Einigung zu einem Reiche untergehen, haben die makedonischen Machthaber in Europa, Asien und Afrika[113] erst das Königtum, durch welches sie bestellt waren, dann sich selbst, solange sie noch Makedonen an der Spitze makedonischer Heere waren, verfolgen und vertilgen müssen, damit sich endlich unter der Einheit einer hellenistischen Weltbildung in gesonderten Königreichen die umgewandelten Volkstümlichkeiten hervortun, zu neuen »Staatsindividualitäten« werden konnten.

Man sagt: die Geschichte ist gerecht; sie ist es gegen die Prinzipien, deren Ringen ihren Inhalt bildet, nicht gegen die Personen, die deren Träger sind. Oder ist es Gerechtigkeit, daß die Größe Alexanders von seinem Geschlecht mit gräßlichem und schmachvollem Untergang hat gebüßt werden müssen? Es ist ein schweres und erschütterndes Verhängnis, das Schritt vor Schritt und mit kalter Konsequenz das Königshaus dem unvermeidlichen Verderben entgegenführt, es schuldig werden läßt, damit es irrend, strauchelnd und Vergeltung weckend desto gewisser sein Ende finde. Wäre dem großen König der Erbe versagt gewesen, so hätten sich seine Getreuen in die Beute teilen und sein Gedächtnis ehren mögen; nun ist es ein nachgeborenes Kind, ein Knabe Bastard, ein blödsinniger Bruder, eine greise Mutter, Schwestern, auf welche widernatürlich der Mut und die Entschlossenheit, die den Söhnen und dem Bruder zum Ruhme gereicht hätten, vererbt ist. Ist's nicht natürlich, daß sie die Gewalt, die Alexander ihrem Hause gegründet und die nun von treulosen, selbstsüchtigen, nach eigener Herrschaft lüsternen Großen übel verwaltet wird, zu bewahren oder für sich zu erwerben trachten? Olympias, die Königin-Mutter, hat vor Antipatros' Haß nach Epeiros flüchten müssen; sie glaubt es, und viele mit ihr, daß Antipatros am Tode Alexanders schuld gewesen, daß sein Sohn Iolaos ihm Gift gereicht habe; sie selbst hat nicht die Macht, sich und ihren großen Sohn zu rächen, sie bietet dem Reichsverweser Perdikkas ihrer Tochter Kleopatra Hand; der stürzt, mit ihm diese Hoffnung. Sie lebt nun wie verbannt in Epeiros, mit ihr die junge Fürstin Thessalonike, die des Tyrannen von Pherai Nichte dem König Philipp geboren, die sie liebt, als wäre sie ihr rechtes Kind. Kleopatra wohnt fern in Sardeis; dort lädt Antipatros die Fürstin vor ein makedonisches Gericht, vor dessen Todesurteil sie nur ihr Mut und ihre kühne Beredsamkeit rettet. Kynane, des Königs Philipp Tochter von der illyrischen Mutter, in Makedonien mißehrt und fast vergessen, führt an der Spitze Bewaffneter ihre Tochter Eurydike nach Asien, um sie dem König zu vermählen; sie selbst büßt mit gewaltsamem Tode. Ihre Tochter versucht es, in des blödsinnigen Gemahls Namen das Regiment zu führen; die Phalangiten scharen sich voll Begeisterung um die junge amazonengleiche Königin, Antipatros drängt sie mit tückischer Vorsicht aus der Nähe des Heeres, sie muß mit ihm nach Makedonien; unter seinen Augen[114] ist sie zur Ruhe gezwungen. Dort auch lebt die königliche Witwe Roxane des Kindes Mutter, dem Alexanders Reich gebührt; sie ist eine Fremde unter den Makedonen, an dem europäischen Hofe, an dem Throne, dessen Erben sie geboren. Hier herrscht Antipatros; und nicht vermögend, die Satrapen des Reiches, das er verwest, in Pflicht und Oboedienz zu halten, gleichgültig gegen des Lagiden Invasion nach Syrien, blind gegen die kühnen Fortschritte des Antigonos, verwendet er seine alternde Kraft, das königliche Haus niederzudrücken.

Mit Antipatros' Tod geht das Regiment über auf Polyperchon. Dieser stammte aus der Landschaft Tymphaia, an der Grenze zwischen Makedonien und Aitolien, und aus dem Geschlecht der ehemaligen Fürsten dieses Ländchens; er war unter Alexander einer der Phalangenführer gewesen und hatte sich bei mehreren Gelegenheiten als tapfer und tüchtig bewährt; im Jahre 324 war er mit den Veteranen von Opis aus nach der Heimat zurückgekehrt und hatte bei der Kränklichkeit des Krateros das zweite Kommando über diese Scharen erhalten. Die Makedonen hielten viel von ihm, er war ein vortrefflicher Kriegsobrister, bieder, derb und von soldatischer Lustigkeit; beim Weine sah man ihn nicht selten, alt wie er war, den Waffenrock beiseite legen und im Festkleid und sikyonischen Schuhen seinen Tanz machen; pflichtgetreu, brav und an der Seite eines leitenden Vorgesetzten vorzüglich brauchbar, war er nicht bedeutend genug, das Königtum in so schwierigen Zeitläuften zu vertreten. Das Vermächtnis Antipatros' hatte ihm eine Stelle anvertraut, der er nicht gewachsen war, und die Schwierigkeiten derselben, die er nicht in ihrer ganzen folgeschweren Bedeutung vorauszusehen vermochte, trieben ihn bald zu Halbheiten, Mißgriffen, falschen, ja unwürdigen Maßregeln, wie sie niemand von einem sonst so ehrenwerten Charakter erwartet haben wird. Es mag Polyperchons Absicht gewesen sein, im Sinn seines Vorgängers das Reich zu verwesen; auch Antipatros hatte den übrigen Satrapen im Grunde alles nachgesehen und sich begnügt, Herr des königlichen Hauses, Herr in Makedonien und Griechenland zu sein. Aber Polyperchon gab den Einfluß über die Satrapien des Reiches, zu dem ihn seine Würde berechtigte, hin, ohne die heimische Macht mit Sicherheit zu besitzen, mit Festigkeit handhaben zu können; es war Kassandros, Antipatros' Sohn, der seine Macht und seine Würde in Frage stellte, der ihn zwang, Antipatros' Politik in Beziehung auf das königliche Haus aufzugeben, der ihn in Verhältnisse verwickelte, in denen die Glieder des königlichen Hauses, unter sich selbst entzweit und für Kassandros, für Polyperchon Partei nehmend, sich um die letzte Macht des Königtums bringen sollten.

Das sind die Grundzüge der Entwicklungen, die zunächst dem Tode des Antipatros folgten. Kassandros hatte in den letzten Zeiten bereits[115] im Namen seines Vaters den größten Teil der Geschäfte verwaltet; jetzt sollte er das königliche Siegel und die hohe Gewalt, auf deren weitere Führung er sich die bestimmteste Hoffnung gemacht, einem anderen, gar dem Polyperchon abtreten und sich mit der Chiliarchie begnügen, sollte unter dem Befehl des alten Mannes stehen, über den er sich längst hinaus zu sein gewöhnt hatte. Er war zu herrisch und von zu viel Selbstvertrauen, die höchste Stelle im Reich ihm ein zu lockender Kampfpreis, als daß er um sie nicht alles hätte wagen sollen; er hoffte, wenn er zur Tat schritt, Anhang genug zu finden; er glaubte, in Griechenland auf die makedonischen Befehlshaber und Besatzungen, auf die in den Städten von seinem Vater eingesetzten Oligarchien rechnen zu können; er zweifelte nicht, mit einigen Zugeständnissen auch die Machthaber in Asien zu gewinnen. Im makedonischen Lande sah er für den Augenblick Polyperchon zu beliebt, als daß er da den ersten Schritt hätte wagen dürfen; er mußte suchen, ihm von außen her beizukommen. Die Trauer um des Vaters Tod gab ihm den Vorwand, sich mit seinen Freunden, vom Hofe zu entfernen und auf das Land zu gehen; hier teilte er jedem einzeln mit, was er fürchte und hoffe und beabsichtige, versicherte sich ihrer Treue. Er schickte den ihm treu ergebenen Stagiriten Nikanor nach Munychia, um dort, bevor die Nachricht von Antipatros' Tod und den neuen Anordnungen sich dahin verbreitete, den bisherigen Befehlshaber Menyllos abzulösen und die Führer der Stadt in Pflicht zu nehmen. Ebenso wurde an die anderen Staaten Griechenlands geschickt und mit den dortigen Oligarchen das Nötige verabredet. Andere Gesandtschaften gingen nach Asien an die Satrapen und Strategen: Antipatros sei tot, und nicht Kassandros, sondern Polyperchon zum Reichsverweser ernannt, der mit Polemon und Attalons verwandt sei1, und man könne voraussehen, daß die kaum bewältigte perdikkanische Partei noch einmal ihr Haupt erheben werde; es sei das Interesse aller, solchem Unwesen zu steuern; er, Kassandros, versehe sich ihres Beistandes, um einer Anordnung entgegenzutreten, die von seinem Vater in der schwachen Stunde des Sterbens beliebt worden sei. Besonders an Ptolemaios wandte er sich; er erinnerte ihn an ihre Verschwägerung und bisherige Freundschaft, er zeigte ihm die Gefahren, die aus Polyperchons Ernennung für alle Machthaber des Reiches, besonders aber für Ptolemaios selbst erwüchsen, er forderte ihn auf, ein Schutz- und[116] Trutzbündnis zur Sicherung ihres gemeinsamen Interesses zu schließen, eine Flotte in den Hellespont zu senden, um mindestens der nächsten Gefahr vorzubeugen.

Während diese Botschaften nach allen Seiten hinausgingen und während heimlich die treuesten Freunde Kassandros' mit Geld, Waffen und allem zur Flucht Nötigen nach dem Hellespont eilten, fuhr er selbst fort, scheinbar untätig und um die Welthändel unbekümmert in ländlicher Stille seiner Trauer zu leben; dann wurde ein großes Jagdfest von mehreren Tagen angesetzt, den Chiliarchen zu zerstreuen, hieß es; er wolle versuchen, ob er nun endlich einmal außer der Wildbahn einen Eber treffen und ihn erlegen könne, um unter den Makedonen, wenn sie beim Mahle lägen, nicht allein sitzen zu müssen. Er zog mit seinen Freunden in die waldigen Grenzgebirge, zu jagen; schon mochte sich Polyperchon Glück wünschen, daß der gefürchtete Chiliarch der politischen Bühne für immer den Rücken zu kehren schien, – da kam die Nachricht, Kassandros sei bei jener großen Jagd entwichen, sei in der Chersones angekommen, habe dort bereits seine Freunde getroffen, sei nach Asien hinübergezogen, um sich mit Antigonos zu vereinigen; bald darauf, daß Antigonos den Chiliarchen wirklich aufgenommen, daß Ptolemaios mit demselben ein Bündnis geschlossen, daß Nikanor, des Chiliarchen getreuester Anhänger, sich in den Besitz von Munychia zu setzen gewußt habe. Der Reichsverweser konnte nicht mehr zweifeln, was im Werke sei; es kam alles darauf an, schnelle und sichere Mittel zu ergreifen, um so drohender Gefahr vorzubeugen oder zu begegnen.

Er berief die Befehlshaber des Heeres und die Vornehmsten des Landes; er beriet mit ihnen, was zu tun sei. Man mußte vermuten, daß Kassandros sich nach Griechenland wenden werde. Dort waren die makedonischen Besatzungen und deren Befehlshaber, die sein Vater und zum Teil er selbst noch in dessen Namen bestellt hatte; die Oligarchien in den einzelnen Staaten bestanden aus Freunden und Anhängern des Antipatros und waren gewiß seinem Sohne zu Diensten; dessen Bund mit dem schon zu mächtigen Satrapen von Ägypten und Syrien, mit dem ehrgeizigen Strategen Antigonos, die beide bedeutende Geld- und Streitmittel, die reichsten und bevölkertsten Länder des Reiches zur Verfügung hatten, ließ einen Kampf voraussehen, den man nur zu bestehen hoffen konnte, wenn man mit großen und durchschlagenden Maßregeln Kräfte zu gewinnen und zu entfesseln verstand, denen sie nicht mehr gewachsen waren.

In diesem Sinne wurden die Beschlüsse gefaßt. Alles war verloren, wenn man die Gegner Griechenland, wo Kassandros die wichtigsten Punkte schon hatte, gewinnen ließ. Nur ein Mittel gab es dagegen: die Herstellung der hellenischen Freiheit. Freilich war damit der Eckstein der[117] makedonischen Politik, wie sie Philipp und Alexander gegründet hatten, aufgegeben, aber nur so war es noch möglich, den Gegnern ihr Spiel zu verderben, gegen die Macht der Verbündeten die stärkere Macht der öffentlichen Meinung und den Beifall derer, in denen der hellenische Geist seine Führer sah, zu gewinnen. Es wurden die bei Hofe anwesenden Gesandten der hellenischen Staaten berufen, es wurde ihnen die Freiheitsurkunde zugestellt, um sofort in die Heimat zu eilen und dort den Gemeinden die Entschließung der Könige und ihrer hohen Offiziere mitzuteilen.

Dieser Maßregel folgte eine zweite, nicht minder wichtige. Kassandros war mehr noch als sein Vater mit dem königlichen Hause verfeindet, und seine jetzige Verbindung mit Antigonos und Ptolemaios, deren Opposition gegen die Reichsgewalt schon deutlich genug hervorgetreten war, stellte ihn dem königlichen Hause als offenbaren Feind gegenüber; es war natürlich, daß Polyperchon um so entschiedener als dessen Beschützer auftrat, daß er das ganze Gewicht des königlichen Namens und die alteingewohnte Anhänglichkeit des makedonischen Volkes für das königliche Haus für seine Sache mit heranzog, daß er mit dem Haupt der Familie, der von Antipatros und Kassandros rastlos gekränkten und verfolgten Olympias, in die engste Verbindung zu treten suchte. Freilich, indem er so das königliche Haus als solches unmittelbar in den Kampf zog, indem er es als Deckung verwandte, statt es zu decken, gab er dem nahenden Kampf eine Bedeutung, die er, wenn er es mit dem Gedächtnis Philipps und Alexanders wohl meinte, möglichst lange hätte fernhalten müssen. Er sandte nach Epeiros und ließ die Königinmutter auffordern, nach Makedonien zurückzukehren, um die Erziehung des jungen Königs Alexander zu leiten: er werde sich glücklich schätzen, sie dem Königreiche wiederzugeben, das sie Antipatros' und Kassandros' Verfolgungen zu meiden gezwungen hätten.

Endlich wurde in der von Polyperchon berufenen Versammlung eine dritte Maßregel beschlossen, welche, wenn sie die erwünschte Annahme fand, für den bevorstehenden Kampf die größten Erfolge versprach. Bereits gegen Ende des vorigen Jahres hatte Eumenes von Nora aus dem damaligen Reichsverweser mitteilen lassen, daß Antigonos sichtlich Anstalten treffe, sich vom Königtum loszureißen, daß er die ihm von dem Strategen gemachten Anträge zurückgewiesen habe, daß er Gut und Blut für das königliche Haus zu opfern bereit sei. Mag die Gesandtschaft nach Pella gelangt sein oder nicht, gewiß wird man dort gewußt haben, daß sich Eumenes noch auf seiner Bergfeste hielt; man war gewiß, daß er mit Antigonos nimmermehr gemeinsame Sache machen werde. Er war der Mann, den Feinden des Königtums die Spitze zu bieten; gewann Polyperchon ihn, so war der Sieg in Asien so gut wie entschieden. Im Namen[118] der Könige wurde an ihn gesandt: jetzt sei seine Zeit gekommen, er möge sich auf keine Unterhandlungen mit Antigonos einlassen, er möge in seiner Treue gegen die Könige verharren; Polyperchon erwarte seine Entschließung, ob er nach Makedonien kommen und mit ihm gemeinschaftlich das Amt der Reichsverwesung führen wolle, oder ob er es für besser halte, als unumschränkter Stratege in Asien zu bleiben und, mit den nötigen Mitteln an Geld und Truppen ausgerüstet, den Krieg gegen Antigonos zu führen, der es kein Hehl mehr habe, abtrünnig geworden zu sein. Es wurde ihm namens der Könige die Satrapie, die ihm Antigonos entrissen, sowie aller Besitz, alle Schenkungen und Güter, die er in Asien gehabt, bestätigt; zur Entschädigung für seine bisherigen Verluste sollte er 500 Talente aus dem kürzlich von den Argyraspiden nach Kyinda gebrachten Schatze entnehmen; die 3000 Argyraspiden selbst wurden angewiesen, ihm den Eid zu leisten; wenn er größerer Heeresmacht bedürfe, so werde er selbst, der Reichsverweser, mit den Königen und der gesamten Heeresmacht Makedoniens nach Asien eilen, um die Verräter, die das Gedächtnis Alexanders schändeten, mit ihm zu strafen. Gewiß unter den beschlossenen Maßregeln die wirksamste, wenn der Befehl der Könige und des Reichsverwesers genügte, Eumenes so mit Geld und Kriegsmacht auszustatten, daß er leisten konnte, was man von ihm erwartete.

Mehrere Monate hindurch hatte er auf seiner Felsenburg den Belagerern getrotzt, hatte ihnen auf vielfache Weise Abbruch getan, ohne selbst von ihnen erreicht werden zu können; seine Pferde in der engen Burg übend, bei magerer Kost mit seinen Getreuen scherzend, erwartete er ruhig und von aller Verbindung mit der Welt draußen abgeschnitten, was ihm die Zeit bringen werde. So war der Winter vergangen, so kam der Frühling; es starb in Europa Antipatros, Kassandros flüchtete zu Antigonos, es begannen die Rüstungen zu einem großen Kampf gegen den neuen Reichsverweser und gegen die Könige. Von alledem wußte Eumenes noch nichts; er meinte, sein Freund Hieronymos unterhandle noch mit Antipatros und werde nächstens mit guter Botschaft auf die Felsenburg schleichen. Dann erschien eines Tages Hieronymos wirklich, aber offenkundig und von den Belagernden ehrenvoll geleitet, vor den Toren der Burg. Es ist aus den vorhandenen Nachrichten nicht zu ersehen, ob er, nach Makedonien gekommen, noch mit Antipatros unterhandelt hat; jetzt kam er von Antigonos und mit dessen Anträgen. Nicht bloß, so lauteten sie, wiederhole er seine früheren Erbietungen, Eumenes möge des früheren Haders vergessen, möge mit ihm, dem Strategen, Freundschaft und Waffenbündnis schließen, möge der Erste unter seinen Befehlshabern, Teilhaber aller seiner Erfolge werden; das Gebiet, das er früher gehabt, solle er sofort erweitert wiedererhalten, Größeres hoffe er bald hinzufügen[119] zu können; es handle sich darum, gegen den jetzigen Reichsverweser Polyperchon zu kämpfen; Kassandros werde dessen Stelle, die er sich wünsche, nur unter wesentlicher Beschränkung ihrer Befugnis erhalten; er, Antigonos, werde dann über Asien Herr sein; er wünsche nichts mehr als dem ruhmreichen Satrapen von Kappadokien zu großem Danke verpflichtet zu sein.

Eumenes durchschaute die Lage der Dinge; es waren die Verhältnisse gekommen, wie er erwartet hatte, aber alles, was ihn jemals bestimmt hatte, an der Sache des Königtums festzuhalten, galt jetzt in erhöhtem Grade. Er zeigte sich geneigt, mit Antigonos in Verbindung zu treten, er ließ sich die Urkunde des gegenseitigen Vertrages, die Antigonos schon entworfen, einhändigen; in derselben war der Könige im Eingang nur obenhin erwähnt, alles übrige und namentlich die Formel des Eides lautete nur auf Antigonos; Eumenes veränderte den Entwurf dahin, daß die Namen der Könige Philipp und Alexander und der Königin Olympias den Eid begannen, und daß er nicht bloß dem Antigonos treu zu sein und mit ihm gleiche Freunde und Feinde zu haben versprach, sondern zugleich den Königen und Olympias unverbrüchliche Treue gelobte. Diese veränderte Formel schickte Eumenes in das Lager hinab, mit der Aufforderung, die Makedonen möchten entscheiden, ob die von ihm veränderte Urkunde nicht die bessere sei. Die Makedonen entschieden, wie er erwartet hatte; sie ließen Eumenes den Eid ablegen, sie forderten Antigonos auf, den Gegeneid zu leisten; sie hoben die Belagerung auf und rüsteten sich zum Abzug.

Eumenes eilte nun mit seiner kleinen, aber zum Erstaunen aller sehr wohl erhaltenen Schar von der Burg herab; er entließ die Geiseln der Kappadoker und nahm die Geschenke der Städte, Pferde, Maultiere und Zugvieh, entgegen; er erließ einen Aufruf an seine früheren Kriegsleute, die zum Teil noch in Kappadokien umherzogen. Mit Jubel wurde überall die Kunde von seinem Wiedererscheinen aufgenommen, in wenigen Tagen waren 2000 Mann bei ihm eingeschrieben. Dann eilte er weiter landeinwärts.

Was er erwartet hatte, geschah. Antigonos sah in der veränderten Eidesformel, daß der kluge Kardianer ihm das Spiel zu verderben gedenke; er befahl sofort, die Belagerung wieder zu beginnen; sein Befehl kam zu spät. Seine Versuche, meuchlings sich des gefährlichen Feindes zu entledigen, scheiterten; Eumenes war in Sicherheit.

Dort – irgendwo in Kappadokien – verweilte er bis in den Herbst und erwartete, indem er sich auf das sorglichste zu dem unvermeidlichen Kampfe rüstete, das Weitere. Da kamen ihm die Anträge, die namens der Könige ihm vom Reichsverweser gemacht wurden, die Aufforderung, den[120] Krieg gegen Antigonos in Asien zu führen, die Anweisung auf die Schätze von Kyinda und die Argyraspiden, seine Ernennung zum unumschränkten Strategen über ganz Asien; andere Briefe aus Makedonien zeigten ihm, daß man dort vor Antigonos in der größten Besorgnis sei und die schrecklichsten Dinge für Makedonien und das königliche Haus fürchte. Zu gleicher Zeit empfing er ein besonderes Schreiben der Königin Olympias, in dem sie ihn auf das beweglichste bat, sich ihrer und der Könige anzunehmen; er sei der einzige wahre Freund des königlichen Hauses, er allein sei imstande, es aufzurichten und zu retten; Polyperchon habe sie aufgefordert, nach Makedonien zu kommen; er möge ihr raten, ob sie nicht lieber in Epeiros bleiben solle, um sich nicht heute diesem, morgen jenem anvertrauen zu müssen, der sich gerade Reichsverweser nenne, in der Tat aber nur daran denke, das Königtum für sich zu erbeuten; oder ob er meine, daß ihre Rückkehr ersprießlicher und rätlich sei; endlich bat sie ihn, den kleinen Alexander, der in Makedonien nicht sicher genug sei, ja dem man nach dem Leben trachte, zu sich nach Asien zu nehmen und für seine Erziehung zu sorgen. Eumenes empfahl der Königin, bis zur Beendigung des bevorstehenden Krieges in dem sicheren Epeiros zu bleiben; falls sie sich dennoch dazu bestimme, nach Makedonien zurückzukehren, bitte und beschwöre er sie um des Reiches und des königlichen Hauses willen, alles Frühere zu vergessen und niemanden die tiefen Kränkungen, die sie erfahren, entgelten zu lassen. Dem Reichsverweser Polyperchon antwortete er, daß er den Königen mit aller Treue ergeben sei, habe er zu aller Zeit und auch in der höchsten Bedrängnis bewiesen; er werde in Asien die Sache des Königtums zu vertreten wissen; die einzige Rettung sei, daß sich alle, die es mit dem Reiche ehrlich meinten, vereinigten, um den verbrecherischen Plänen des Antigonos, Kassandros, Ptolemaios zu widerstehen2.

Nachdem Eumenes auf diese Weise seine Verbindung mit dem Königtum von neuem befestigt und gleichsam offiziell verkündet hatte, beeilte er sich, aus Kappadokien aufzubrechen; er ließ sich nicht die Zeit, die Truppen, die für ihn hier und dort geworben waren, heranzuziehen; er eilte, mit seinen 500 Reitern und 2000 Mann Fußvolk nach Kilikien zu kommen, da von Antigonos bereits ein bedeutendes Heer unter Menandros' Führung ausgesandt war, ihn zurückzudrängen oder mindestens von Kilikien abzuschneiden; er hatte einen Vorsprung von drei Tagen und kam trotz der Eilmärsche des Menandros glücklich über die Pässe des Tauros.[121]

In Kilikien standen seit dem Frühjahr die Argyraspiden unter Antigenes und Teutamas, welche von Susa her die Schätze gebracht und vorläufig in der Festung Kyinda deponiert hatten, von wo aus sie zu Schiff weiterbefördert werden sollten. Zur Deckung des Schatzes, von dem bereits 600 Talente auf vier rhodischen Schiffen nach Makedonien abgegangen waren, hatten die Argyraspiden in Kilikien Standquartiere bezogen; von Europa war bereits der Befehl gekommen, daß der Satrap von Kilikien und die Schatzmeister von Kyinda an Eumenes 500 Talente als Geschenk der Könige auszahlen, ihn auch im übrigen aus dem Schatze nehmen lassen sollten, soviel er brauchen werde, daß Eumenes zum unumschränkten Strategen über Asien ernannt sei, die Argyraspiden ihm den Eid leisten und seiner ferneren Befehle gewärtig sein sollten. Als Eumenes' Anmarsch aus Kappadokien her im Lager der Argyraspiden bekannt wurde, gingen ihm Antigenes und Teutamas nebst vielen Freunden weithin entgegen, begrüßten ihn als ihren neuen Strategen, wünschten ihm Glück, daß er aus so großen Gefahren zum Heil des Königtums gerettet sei, versicherten ihn ihrer Ergebenheit; mit derselben Ehrerbietung wurde er von den Scharen der Veteranen selbst empfangen. Indessen entging es Eumenes nicht, daß seine Stellung höchst unsicher war, daß die beiden Befehlshaber trotz aller Äußerungen ihrer Ergebenheit mit Scheelsucht auf ihn sahen und die Veteranen Silberschildner es unter ihrer Würde hielten, einen Nichtmakedonen zum Befehlshaber erhalten zu haben; er besorgte, daß diese Veteranen, zum Gehorchen zu stolz, voll Trotz auf ihren alten Ruhm und gewohnt, nach eigener Willkür zu schalten, am wenigsten ihm Parition auf alle Fälle zu leisten gewillt sein würden, ihm, der selbst durch ihr und der anderen Makedonen Urteil zum Tode verdammt worden war, der nun ohne Macht und fast wie ein Flüchtling zu ihnen kam und des ihnen anvertrauten Schatzes einen Teil in Anspruch nehmen mußte, um den Krieg zu führen. Bald ergaben sich Mißstände der Art; gewisse Verhältnisse der militärischen Etikette, auf welche im Heere viel gehalten wurde, waren den Führern der Veteranen anstößig; es schien ihnen nicht zu ihrem Range passend, zur Beratung in das Zelt des Eumenes zu kommen. Mit glücklicher Vorsicht und Gewandtheit begegnete der Stratege diesen Anständen; er berief die Veteranen zur Versammlung: allerdings sei er zum unumschränkten Strategen über Asien ernannt, 500 Talente aus dem Schatze seien ihm von den Königen zugewiesen worden; er habe so großer Summen nicht not, da er sich nicht, wie andere, auf Kosten des Königtums Macht und Reichtum zu erwerben trachte; es sei ihm lieber, jenes ihm bestimmte Geld für die Könige zu bewahren oder für ihre gerechte Sache zu verwenden; auch habe er sich nicht bemüht, die Strategie zu erlangen, ja er habe sich gescheut, in so schwierigen[122] Zeiten so große Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, um so mehr, da er nicht Makedone sei und auf die Würden des Reiches keinen anderen Anspruch habe, als daß er demselben lange und treu gedient; auch sei er von den vielen Strapazen erschöpft, der Feldzüge, des Umherschweifens, der Waffen müde, er sehne sich nach Ruhe; aber der ausdrückliche Befehl der Könige und die Hoffnung, auch seinerseits für sie wirken zu können, habe ihn bewogen, eine Stellung zu übernehmen, die ihm neben vieler Sorge und Gefahr nur die eine Freude gewähre, wieder unter dem Korps seiner alten Kameraden zu sein, dem einzigen, das noch aus den Zeiten von Issos und Gaugamela, aus dem indischen und baktrischen Feldzuge, aus den glorreichen Tagen Alexanders beisammen sei. Er fügte hinzu, er habe bereits zum zweiten Male ein Traumgesicht gehabt, das ihm und gewiß allen, welche an die zu den Göttern verklärte und unter ihnen lebendig wirkende Macht des großen Königs glaubten, der Beachtung wert scheine: Alexander sei ihm im Traume erschienen, inmitten eines königlichen Zeltes, mit Diadem und Purpur geschmückt, befehlend und anordnend; er habe zu ihm gesagt, wenn ihm gehorcht würde, so werde es zu aller Heil sein, wenn aber nicht, so drohe ihnen der Untergang. »So laßt uns denn«, schloß er, »ein königliches Zelt errichten, und drinnen einen goldenen Thron, darauf wir das Diadem legen und das Zepter und den Kranz und allen anderen Schmuck des glorreichen Königs; dann wollen wir Führer jeden Morgen ins Zelt treten und ihm das Morgenopfer bringen, uns dann um den Thron setzen zur Beratung und die Beschlüsse fassen in seinem Namen, als ob er unter uns lebe und sein Reich durch uns verwalte«. Mit lautem Beifall wurde seine Rede aufgenommen; sofort wurde das »Alexanderzelt« auf das prächtigste erbaut; es wurde der Thron errichtet, das Diadem, das Zepter, des Königs Schwert und Harnisch und Schild daraufgelegt, es wurde vor dem Throne der Altar errichtet, darauf die Führer der Reihe nach Weihrauch und Myrrhen aus goldener Schale opferten; im Kreise umher standen die silbernen Sessel der Führer, die sich nach dem Opfer zur Beratung setzten.

Durch diese Fiktion, die das eigenste Wesen der Sache, die Eumenes vertrat, den Gedanken seiner Politik aussprach, hatte er nicht bloß die Führer beruhigt, die nun die Form gerettet sahen, während in Wahrheit eben diese Form seiner besseren Einsicht und seiner Meisterschaft in den Geschäften die Leitung desto sicherer in die Hand gab; wichtiger noch war, daß das Korps der Argyraspiden selbst durch jene Maßregel einen neuen Impuls und einen Beruf empfing, der geeignet war, es gleichsam über sich selbst zu erheben. Man wird sich diese im Kriegshandwerk ergrauten und verhärteten Veteranen denken dürfen, wie sie gleichgültig und verächtlich auf jeden der lebenden Führer hinabsehen, alles Gegenwärtige[123] armselig finden und mit dem Vergangenen großprahlerisch sich selbst überheben, desto seltsamer schwärmend und übertreibend sich mit der Erinnerung dessen hegen, der ihrer großen Vergangenheit den Namen gibt; Alexander ist ihr Held, den preisen sie bis ins Fabelhafte, dessen Taten, rühmen sie, sind größer als die des Herakles und des Dionysos, von dem erzählen sie tausend Sagen, glauben sie alles Erstaunlichste, Wunderbarste, Übermenschlichste; bald verschwimmt sein historisches Bild gänzlich, er wird eine mythische Gestalt, ein Idol, das auszuzieren, zu feiern, zu vergöttern ihr Stolz ist. An dieser Seite faßt sie Eumenes; er ist ihrer gewiß, wenn er ihrer Hoffart, ihrem soldatischen Aberglauben, dieser seltsamen Bildung, die vom Biwakfeuer und den Kantonierungen in allen denkbaren Ländern und Völkern her datiert, Nahrung und bindenden Ausdruck zu geben vermag. Er baut das Königszelt, den goldenen Thron für Alexander; sie mögen sich dahinein Erstaunliches, Geheimnisvolles genug gedacht, sie werden gemeint haben, dort sei der große König auf unbegreifliche Weise wahrhaftig gegenwärtig, von dorther wandle er bei nächtlicher Stille durch das Lager seiner Getreuen, wie er sonst gepflegt, oder schreite, wenn sie weiterziehen, dämonisch dem Zuge vorauf. Und nun mischt sich der gewandte Feldherr unter die Menge, kameradschaftlich und zuvorkommend mit dem einzelnen sprechend, die Hauptleute als seinesgleichen behandelnd und mit ihnen scherzend, gegen alle stets nur der getreue Diener des königlichen Hauses.

So gewann Eumenes in kurzer Frist den stolzen Argyraspiden gegenüber eine Stellung, wie sie seit Alexanders Tod niemand auch nur zu erstreben gewagt hatte; mit dem Namen Alexanders und des königlichen Hauses beherrschte er sie; er nahm keinen Anstand mehr, die Schätze von Kyinda anzugreifen, um Truppen zu werben. Nach allen Gegenden hinsandte er zuverlässige Männer auf Werbung: in Lykien und Pisidien, in Kilikien und Syrien wurde mit großem Erfolg geworben, auch in Kypros wurden Werbeplätze eröffnet, und als erst bekannt wurde, wie treffliche Löhnung Eumenes zahle, kamen aus der Ferne, selbst aus Griechenland, Söldnerhaufen nach Kilikien; in kurzer Frist hatte Eumenes sein Heer um 10000 Mann Fußvolk und 2000 Reiter verstärkt. So bildete sich während der ersten Monate des Jahres 318 fast plötzlich und unvorbereitet eine Streitmacht, welche bei dem bewährten Talent ihres Feldherrn und den bedeutenden Geldmitteln, die ihm zu Gebote standen, bald große Erfolge erwarten ließ.

Den Gegnern entging die Gefahr nicht, die sich ihnen in Kilikien bereitete; um so erstaunlich es war, daß der Kardianer, vor einigen Monaten noch ein Flüchtling ohne Würden, ohne Leute, ohne Geld, jetzt alles das hatte, und überdies unter den Makedonen gepriesen wurde als der, welcher[124] allein dem Namen der Könige treu sei und, ein Nichtmakedone, das makedonische Königtum schützen werde, – dennoch war es so, und täglich wuchs seine Macht; mit ihr die Gefahr für seine Gegner. Sie mußten eilen, ihr zu begegnen; es war gewiß, daß allein die Persönlichkeit des Eumenes so Staunenswürdiges in Werk gesetzt habe; vermochte man ihn zu beseitigen, so zerfiel die in Kilikien zusammengezogene Macht, und man konnte die tüchtigsten Truppenteile zur eigenen Verstärkung verwenden. Ptolemaios von Ägypten, der Verbündete des Antigonos, befand sich bereits mit einer Flotte in der Nähe von Kilikien. Er landete am Vorgebirge Zephyrion, bei der Mündung des Kalykadnos, er schickte einige Getreue an die Führer der Argyraspiden, sie zu ermahnen, ihres Ruhmes eingedenk, einem Menschen, der von ihnen und den anderen Makedonen zum Tode verdammt worden, nicht Gehorsam zu leisten; er forderte die Befehlshaber und den Schatzmeister von Kyinda auf, hinfort nichts von den Geldern an Eumenes verabfolgen zu lassen, er sei in der Nähe, um sie vor jeder Gefahr zu sichern. Beide Aufforderungen blieben ohne merklichen Eindruck, und weder die Argyraspiden noch die in Kyinda ließen sich in weitere Verhandlungen ein; der mißglückte Versuch des Ptolemaios diente nur dazu, das Ansehen des Eumenes zu befestigen und das Heer enger an das Interesse des königlichen Hauses und den von Olympias und Polyperchon bevollmächtigten Strategen zu knüpfen.

Mit desto mehr Besorgnis sahen die Gegner auf ihn und seine Macht. Noch war es dem in den westlicheren Gegenden vollauf beschäftigten Antigonos nicht möglich, sich mit hinreichenden Streitkräften nach Kilikien zu wenden; er versuchte geheime Wege, sich des gefürchteten Gegners zu entledigen; er wählte aus den »Freunden« einen verschmitzten Mann namens Philotas, eine Proklamation an die Agyraspiden und die übrigen Makedonen zu bringen, und ihm zur Begleitung dreißig Makedonen, gewandte, redekundige und ränkesüchtige Leute, die sich an die Führer der Argyraspiden machen, sie gegen Eumenes aufhetzen, womöglich eine Verschwörung gegen ihn zustande bringen, namentlich Antigenes mit dem Versprechen einer größeren Satrapie, als sein Susiana war, Teutamas mit Geld und großer Hoffnung zum Verrat reizen sollten; sie erhielten den Auftrag, Geld unter die Argyraspiden zu verteilen, alles anzuwenden, um einen Aufstand gegen Eumenes zu bewerkstelligen, womöglich den Feldherrn aus dem Wege zu räumen. Sie kamen in das kilikische Lager, begannen ihre Wühlereien; es mißglückte ihnen überall, keiner der Führer ließ sich mit ihnen ein. Endlich gelang es ihnen, Teutamas auf ihre Seite zu bringen; er versprach, zu versuchen, ob er nicht auch Antigenes gewinnen könne. Dieser aber erklärte ihm, daß es die größte Torheit sein würde, wenn sie die Sache des Eumenes verließen[125] und dem Gegner desselben ihren Beistand gewährten; Antigonos werde, wenn er den Sieg davontrage, gar bald ihnen selbst, da sie ihm lange genug Feinde gewesen, ihre Macht, ihre Besitzungen und Satrapien nehmen und dieselben seinen Kreaturen zuwenden, werde sich so den Weg zur alleinigen Herrschaft bahnen, in der es nicht bloß mit dem guten Recht des königlichen Hauses, sondern mehr noch mit dem Vorteil aller derer, die sich nicht knechtisch in seinen Willen fügten, zu Ende sein würde; Eumenes dagegen werde als Nichtmakedone niemals wagen, die Hand nach der Herrschaft auszustrecken, sondern sich mit der Strategie begnügen, werde, je entschiedener sich das Glück für ihn erkläre, desto mehr ihre Freundschaft bewahren, sie in allen Rechten und Besitzungen lassen, sie durch immer neue Bevorzugung und Bereicherung zu gewinnen suchen. Es war ihm leicht, Teutamas zu überzeugen, und die von Antigonos gesandten Unterhändler gaben es auf, auf diesem Wege etwas zu erreichen.

Jetzt trat Philotas mit den Proklamationen seines Strategen hervor; er händigte sie einzelnen Hauptleuten ein, es verbreitete sich das Gerücht von denselben bald vielfach vergrößert durch das Lager. Mit geheimnisvoller Wichtigkeit raunte man sich die Neuigkeit zu, man gefiel sich, von ihr mit bedeutungsvoller Miene zu sprechen; endlich, als wäre es verabredet, fanden sich die Argyraspiden und die übrigen Makedonen auf dem Versammlungsplatz des Lagers ein, forderten die Vorlesung der Proklamation. Diese enthielt große und ernstliche Anklagen gegen Eumenes, einen Aufruf an die Truppen, den Strategen festzunehmen und hinzurichten; täten sie das nicht, so werde Antigonos mit seiner ganzen Heeresmacht anrücken und die Widerspenstigen die gerechte Strafe finden lassen. Der Lesung dieses merkwürdigen Aktenstückes folgte eine außerordentliche Aufregung; die Truppen fürchteten die Übermacht des Antigonos, sie scheuten sich, den Königen treulos zu werden; lärmend beriet man. Da erschien Eumenes unter den Versammelten frei und frank, er ließ sich die Proklamation reichen, er las sie mit Gleichmut; dann sprach er: freilich sei sein Leben in ihrer Hand, aber er wisse sich unter ihnen sicher; er habe mit ihnen den gleichen Eid, die gleiche Gesinnung; sie wüßten so gut wie er, daß sie und ihre Treue die einzige Hoffnung des gefährdeten Königtums sei, sie würden sich den königlichen Befehlen nimmer weigern, noch sich gar von jenem Treulosen, der offene Empörung gegen das Reich begonnen, in so argen Frevel verlocken lassen. Mit lärmendem Beifall antworteten die Truppen, nannten Antigonos einen Empörer und Verräter, erklärten, mit ihrem Strategen wollten sie leben und sterben.

Eumenes hatte mehr als die Gefahr überstanden; die Truppen hatten den augenfälligen Beweis gegeben, daß er ihrer Gemüter Meister, daß[126] sie ihm in Treue und Pflicht seien; und wenn er, nur ein Hellene, vielfache Mißgunst, Verachtung und Vorurteil erst niederzukämpfen hatte, ehe er nur so zu den Truppen sich verhalten konnte wie jeder der makedonischen Führer gleich von Anfang her, so war diese Schnelligkeit und Sicherheit, mit der er die Stimmung der Truppen an sich gekettet hatte, desto merkwürdiger, desto mehr ein Beweis von der großen geistigen Überlegenheit des griechischen Mannes und ein Zeichen, was sich die Könige von ihm als ihrem Vertreter in Asien zu versprechen hatten.

Es war seit Antipatros' Tod etwa ein Jahr verflossen, einige Monate, seit Eumenes die Stelle eines bevollmächtigten Strategen übernommen; er hatte ein Heer beieinander, das, wenn auch noch nicht bedeutend genug, die Offensive gegen Antigonos zu ergreifen, dennoch mit dem Frühling seine Operationen beginnen konnte. Antigonos, der vielleicht nach Europa zu ziehen und dort den großen Kampf der Empörung durchzukämpfen beabsichtigt, bereits auch diejenigen Okkupationen gemacht hatte, die ihm den Weg gen Westen sichern sollten, sah sich jetzt durch die von Eumenes im Namen des Königtums gebildete Kriegsmacht, die in seinem Rücken stand, in seinen Plänen gelähmt.


In der Tat hatte Antigonos während des Jahres 319 durch seine große Umsicht und Rüstigkeit, von den westlichen Verhältnissen außerordentlich begünstigt und im Besitz der größten Truppenmacht, die damals unter einem Befehl versammelt war, in Kleinasien eine Stellung gewonnen, die ihn zu allen kühnsten Entwürfen und Hoffnungen zu berechtigen schien. Er hatte im Herbst 320 Eumenes vollkommen aus dem Felde geschlagen, ihn durch ein Belagerungskorps auf der Felsenburg Nora so eng eingeschlossen, daß er seiner vollkommen Meister zu sein hoffen konnte; er hatte dann die Perdikkaner in Pisidien bewältigt, deren Führer teils in seine Gefangenschaft geraten, teils umgekommen waren; er kehrte gerade – es war mit dem Anfang des Jahres 319 – aus Pisidien zurück, noch erwägend, wie er am füglichsten und erfolgreichsten seinen Abfall vom Reiche und zunächst von dessen Verweser, Antipatros, machen könne, da traf ihn in Kretopolis die Nachricht von Antipatros' Tod, von Polyperchons Ernennung zum Reichsverweser. Vielfache Bedenken, welche ein Kampf gegen Antipatros gehabt hätte, schwanden nun auf einmal; er konnte den Zwiespalt zwischen Kassandros und Polyperchon voraussehen, der ihm unter dem Vorwand, des ersteren Partei zu nehmen, die beste Gelegenheit bot, sich gegen den Reichsverweser zu erklären; es war seine Absicht, sich unter dieser Form zunächst einer Landschaft nach der anderen zu bemächtigen, sie an Leute seiner Partei zu vergeben, dem Reichsverweser so alle Macht zu rauben, mit dem Königtum endlich,[127] wenn es ohne Stütze, ohne Hoffnung, ohne Partei dastand, so zu verfahren, wie es ihm belieben würde. Seine Streitkräfte waren vollkommen hinreichend, diesen kühnen Weg zu beginnen, oder vielmehr den schon begonnenen, der durch die Veränderungen in Makedonien um vieles erleichtert war, fortzusetzen; er hatte 60000 Mann Fußvolk, 10000 Reiter, sämtliche Elefanten des Reiches, die in Asien geblieben waren, zu seiner Verfügung; er hatte Geldvorräte genug und hoffte dieselben durch Besitzergreifung der Reichsschätze in den asiatischen Satrapien so zu vermehren, daß er, wenn es nötig wäre, durch neue Werbungen seine Kriegsmacht auch wohl verdoppeln könne.

Noch ein bedeutsamer Vorgang, der der großen Entscheidung vorausging, wird überliefert. Antigonos war etwa im März 319, als noch Eumenes eng eingeschlossen in Nora lag, mit seinem Heere nach Kelainai vorgerückt; von dort sandte er Hieronymos mit jenen Anträgen nach Nora, auf deren Wirkung er mit Sicherheit rechnen zu können meinen mochte. Dann berief er die »Freunde« zu einer Versammlung, ihnen mitzuteilen, daß er Polyperchon als Reichsverweser nicht anerkennen könne, und was er des weiteren zu tun gedenke; zugleich, wie er die Satrapien und Strategien, die infolge seines Unternehmens verfügbar würden, unter sie zu verteilen beabsichtige. Begreiflich, daß solche Verheißungen des Führers mit Freuden vernommen wurden. Und er versicherte sich so durch die starken Bande des gemeinschaftlichen Vorteils seiner höheren Offiziere, durch sie des Heeres, das durch diesen Akt seines Strategen an dem offenen Bruch mit der neuen Ordnung der Dinge vollen Anteil erhielt.

Es konnte nicht seine Absicht sein, diejenigen Satrapen, deren Länder im nächsten Bereich seiner Vergrößerungen lagen, in sein Interesse zu ziehen; nur der mächtigste unter den übrigen Satrapen des Reiches, Ptolemaios von Ägypten, durch die Einnahme Phoinikiens im Besitz einer überlegenen Seemacht und durch sein Verfahren gegen Laomedon von Syrien in derselben Opposition gegen das Reich, war sein natürlicher Verbündeter; und als von Kassandros an beide die Aufforderung erging, ihn gegen Polyperchon zu unterstützen, das Reich nicht in des fremden Mannes Hand kommen zu lassen, traten Antigonos und Ptolemaios in ein förmliches Waffenbündnis und begannen bald in Übereinstimmung zu handeln. Wenn Hieronymos' Sendung gelang und Eumenes der Koalition beitrat, so hatten sie gewonnen Spiel.

Die Nachricht von Antipatros' Tod hatte in Kleinasien wohl sonst noch Bewegungen mannigfacher Art hervorgerufen; manche der Satrapen und Dynasten mochten meinen, die Zeit einer so wichtigen Veränderung zur Mehrung der eigenen Gewalt oder Unabhängigkeit nützen zu können; es scheint des Antigonos eigentliche Absicht damals noch nicht bekannt gewesen[128] zu sein, indem sonst die kleineren Machthaber, welche die furchtbar wachsende Gewalt des Strategen bald zu verschlingen drohte, nichts Eiligeres zu tun gehabt hätten, als sich in aller Hingebung dem Reichsverweser anzuschließen. Näheres von solchen Bewegungen in Kleinasien wird nicht berichtet, und gab es deren, so hinderte das bald so entschiedene Hervortreten des Antigonos ihre weiteren Folgen. Nur Arrhidaios von Phrygien am Hellespont wurde für die Entwicklung der allgemeinen Verhältnisse von Wichtigkeit. Er erkannte die Gefahr, die ihm seitens des Strategen drohte; diesem mußte seine Satrapie, welche ihm den Übergang nach Europa öffnete, vor allem wichtig sein. Arrhidaios war nichts weniger als geeignet, sich in seinem rechtmäßigen Besitz beeinträchtigen zu lassen, und mochte er auch, der selbst einmal Reichsverweser gewesen war, nicht eben mit der Ernennung des Polyperchon zufrieden sein, jetzt galt es für ihn nicht, Gewinn zu suchen, sondern Schaden abzuwehren. Er glaubte sich stark genug, sich zu behaupten; er hatte über 10000 Söldner Schwerbewaffnete, 1000 Makedonen, 500 persische Bogenschützen und Schleuderer, 800 Reiter, bedeutende Vorräte von Katapulten, Ballisten, alles zum Feld- und Belagerungskrieg Erforderliche in großer Menge; er sicherte die festen Städte seiner Satrapie mit hinreichenden Besatzungen; er glaubte durch eine Reihe wohlverteidigter Plätze jeden Angriff des Strategen abweisen zu können; er sah voraus, daß Antigonos, mit Ptolemaios verbündet, nötigenfalls auch zur See seine Landschaft angreifen werde. An seiner Küste war die Stadt Kyzikos die wichtigste Position, sie beherrschte die Propontis, sie war auf das stärkste befestigt; in ihrem Besitz, hoffte er auch einen Angriff vom Meere her ruhig erwarten zu können; er beschloß, sich ihrer, obschon sie eine der freien griechischen Städte war, zu bemächtigen. Plötzlich überfiel er sie, nahm viele der auf dem Lande wohnenden Kyzikener, die sich nicht schnell flüchteten, gefangen, forderte Aufnahme eines Teils seiner Truppen als Besatzung der Stadt. Die Kyzikener, obschon auf nichts weniger als einen Kampf vorbereitet und von überlegener Macht angegriffen, beschlossen doch, so gut sie konnten, sich und ihre Freiheit zu verteidigen. Während sie Gesandte zum Satrapen eilen ließen, mit ihm zu unterhandeln, als seien sie bereit, alles sonst zu gewähren, nur nicht die Aufnahme fremder Truppen, riefen sie die Bürger unter die Waffen, verteilten auch unter ihre Sklaven Waffen, besetzten die Mauern und Türme, so daß die Gesandten dem Satrapen, der unter den Mauern der Stadt stand, zeigen konnten, wie die Kyzikener ihre Freiheit zu schirmen bereit seien. Arrhidaios beharrte bei seiner Forderung; während des Tages und der darauf folgenden Nacht wurden die Unterhandlungen fortgesetzt. Die Kyzikener gewannen so Zeit, sich weiter zu rüsten, durch Eilboten in Byzanz um Truppen, Geschosse und Mundvorräte[129] zu bitten, ihre Trieren fertig zu machen, einige an der Küste entlangzusenden, um die Geflüchteten aufzunehmen und heimzuführen. So verstärkt, von Byzanz her mit Truppen und Kriegsmaterial versehen, bei der günstigen Lage der Stadt, welche die Brücken zwischen dem Festland und der bedeutenden Insel, auf der sie liegt, beherrscht, vermochten die Kyzikener das am nächsten Tage beginnende wiederholte Stürmen der Feinde zurückzuschlagen. Arrhidaios sah sich genötigt, nach bedeutendem Verlust die Belagerung aufzugeben und sich in seine Satrapie zurückzuziehen.

Die Kunde von dem Angriff auf Kyzikos traf den Strategen Antigonos in Kelainai. Es schien, als ob das Glück ihm jeden Schritt zur Ausführung seiner Pläne erleichtern wollte: er konnte nun gegen Arrhidaios, der ja eine freie, vom Reich in ihrer Freiheit anerkannte Stadt angegriffen, als Stratege dieser Lande verfahren, konnte die Stadt zu entsetzen eilen und zu fernerem Schutz ihr eine Besatzung lassen, durch die dann er selbst den wichtigsten Hafen der Propontis in seine Gewalt bekam. Mit 20000 Mann Fußvolk und 3000 Reitern brach er schleunig nach Phrygien auf; da erfuhr er, daß Kyzikos bereits selbst sich Hilfe geschaffen habe; er hielt es für geraten, für den Augenblick sich mit Glückwünschen für die gerettete Stadt und mit der Versicherung seiner Zuneigung für die tapfere Bürgerschaft zu begnügen. An Arrhidaios aber sandte er die Botschaft, daß, da der Satrap eine verbündete griechische Stadt, deren Freiheit vom Reiche anerkannt sei, ohne Grund und Recht anzugreifen gewagt, da er ferner durch diese und andere kriegerische Bewegungen offenbar vom Reiche abzufallen und seines Landes fürder nicht Satrap, sondern Dynast zu sein die Absicht gezeigt habe, so befehle er ihm kraft seines Amtes als Stratege der Könige über Vorderasien, seine Satrapie niederzulegen; es werde ihm eine Stadt angewiesen werden, um in derselben und mit deren Einkünften als Privatmann zu leben. Solches Befehles weigerte sich der Satrap auf das entschiedenste: es sei des Strategen Sache nicht, über ihn zu richten; man kenne in Asien so gut wie in Makedonien dessen Pläne, und die Anmaßlichkeit seiner angeblich rechtmäßigen Entscheidung sei ein neuer Beweis für dieselben, wenn es dessen noch bedürfte; Phrygien sei auf einen Angriff gerüstet, und nur der Gewalt der Waffen werde er weichen; wie auch der Ausgang sein möge, hier solle offenbar werden, daß nicht er, sondern Antigonos der Empörer, der Feind des Reiches sei. So entließ Arrhidaios die Gesandten, verstärkte die festen Grenzplätze mit neuen Truppen und neuen Werken; er sandte nach Kappadokien, wo um diese Zeit – es mochte Anfang April sein – Eumenes noch auf Nora belagert war, ein Truppenkorps in Eilmärschen, das die Burg entsetzen und Eumenes befreien sollte; er ließ ihn auffordern, sich mit ihm gegen Antigonos zu verbinden.[130]

Ob er auch den nächstbenachbarten Satrapen Kleitos von Lydien zur Unterstützung aufgefordert, wird nicht berichtet; auffallend aber wäre es, wenn er nicht die Hilfe des Reichsverwesers, dem in der Tat viel daran liegen mußte, ihn dem Antigonos gegenüber zu halten, nachgesucht hätte. Jedenfalls hatte er sich, wohin er auch immer hilfesuchend sich gewandt haben mochte, in seinen Hoffnungen getäuscht. Antigonos war ein zu vorsichtiger und zu schneller Gegner, als daß er ihm Zeit, Verbündete heranzuziehen, hätte geben sollen; er ließ sofort einen Teil seines Heeres gegen Arrhidaios marschieren, der sich, aus einer Position nach der anderen verdrängt, endlich nach der Stadt Kios an der Propontis auf der Grenze Bithyniens zurückzog.

Antigonos selbst war indessen mit dem übrigen Heer nach Lydien aufgebrochen; unter welchem, ob unter irgendeinem Vorwande, wissen wir nicht; der Zweck des Zuges war, Kleitos seiner Satrapie zu berauben. Der Satrap hatte diesen Angriff vorausgesehen und sich beeilt, nachdem er die festen Plätze seines Landes mit Besatzungen hinreichend versehen, nach Makedonien überzusetzen, um den Königen und dem Reichsverweser die Kunde von Antigonos' Angriff gegen Phrygien und Lydien, von dessen offenem Abfall zu bringen und um Hilfe zu bitten. Es mochte um dieselbe Zeit sein, daß Kassandros seiner angeblichen Trauer um den Vater ein plötzliches Ende machte, um mit einigen Getreuen nach dem Hellespont zu eilen; Polyperchon konnte voraussehen, daß Kassandros, durch Antigonos unterstützt, sich auf Griechenland werfen werde, er mochte es nicht für rätlich halten, in so schwierigen Zeiten einen überseeischen Krieg zu beginnen, Antigonos da anzugreifen, wo er übermächtig war. Es ist bereits erwähnt, daß er damals mit Beistimmung einer Versammlung der Freunde und Vornehmen Boten an Eumenes sandte, ihm die Strategie über Asien und die Führung des Krieges gegen Antigonos zu übertragen; auch den Satrapen Kleitos hätte er an den neuen Strategen, der allerdings aus Nora zu entkommen gerade jetzt Gelegenheit gefunden hatte, verweisen können, wenn nicht Antigonos näher und in seinen Entschlüssen rascher gewesen wäre; worauf Kleitos am Hofe der Könige zu bleiben, bald darauf das Kommando über die makedonische Flotte, die er schon sonst ruhmvoll geführt, zu übernehmen vorzog.

Schon war Antigonos in die lydische Satrapie eingerückt, war bis an die jonischen Küstenstädte vorgedrungen, hatte endlich auch Ephesos durch eine Partei in der Stadt3 ohne weiteren Kampf in seine Gewalt[131] gebracht. Hier fand er im Hafen ein Geschwader von vier Schiffen unter Befehl des Rhodiers Aischylos, das aus Kilikien kam und die erste Sendung von den in Kyinda deponierten Schätzen, im Belauf von 600 Talenten, nach Makedonien bringen sollte; diese nahm er in Beschlag; es scheint, daß er auch hier noch namens der ihm übertragenen Strategie handelte; er forderte die Auslieferung des Geldes, da er dessen bedürfe, um Söldner zu werben. Nachdem er sich der Küste versichert, damit einer möglichen Landung von Kriegsvölkern aus Europa die Häfen gesperrt hatte, wandte er sich gegen die Städte des inneren Landes, gewann die einen mit Gewalt, die anderen durch Übergabe.

Jetzt kam der flüchtige Chiliarch Kassandros vom Hellespont in das Lager des Antigonos; für den Augenblick freilich nur von wenigen Getreuen begleitet und ohne alle Macht, hatte er doch durch seinen Anhang in Griechenland, durch sein Verhältnis zum Heere und zu einer Partei in Makedonien selbst, vor allem als Prätendent für die Würde des Reichsverwesers eine Bedeutung, die mit dem nächsten Erfolg stark ins Gewicht fiel. Er hatte bereits mit Ptolemaios und Antigonos unterhandelt, es waren schon oder wurden jetzt die Verträge zwischen ihnen geschlossen, in denen sie sich verpflichteten, die Ernennung Polyperchons zum Reichsverweser nicht anzuerkennen, Kassandros um jeden Preis in diese ihm gebührende Stelle und in den Besitz Makedoniens zu bringen, des Antigonos unumschränkte Strategie über Asien zu gewährleisten, den Satrapen Ptolemaios im Besitz Syriens sicherzustellen, ihm die Eroberung Cyperns zu ermöglichen4. Es war der Lage der Dinge gemäß, daß Kassandros den Wunsch aussprach, in Griechenland gegen Polyperchon aufzutreten, wo er auf die dort herrschenden Oligarchen, auf die makedonischen Besatzungen rechnen könne. Antigonos erbot sich, ihm Schiffe und Truppen zur Verfügung zu stellen; er kam ihm mit dem Antrag entgegen, seinen Sohn Demetrios mit Phila, der Witwe des Krateros, zu vermählen; deren[132] Trauer um den edelsten der Makedonen ihnen beiden eine Mahnung sein werde, Rache an dem zu nehmen, auf den die Schuld seines Todesfalle5.

Allerdings war es in Antigonos' Interesse, den Reichsverweser in Europa so beschäftigt zu sehen, daß er vorerst gehindert wurde, irgend etwas gegen Asien zu unternehmen; er selbst hatte hier noch hinreichend zu tun. Eumenes rüstete sich in seiner ehemaligen Satrapie Kappadokien zu sehr ernstem Widerstand, Arrhidaios von Kleinphrygien war noch keineswegs bewältigt, in Kilikien standen die Argyraspiden mit dem reichen Schatz von Kyinda, und es war bei ihrer Anhänglichkeit für das Königtum nicht wohl zu erwarten, daß sie sich der Sache des Polyperchon und des königlichen Hauses versagen würden; Ptolemaios' Besitz von Syrien war noch zu neu und zu wenig befestigt, als daß von dort aus Bedeutendes gegen Eumenes und Kilikien hätte unternommen werden können.

Man sieht, wieviel in den Kombinationen der Verbündeten noch unsicher und von den Umständen abhängig war. Am wenigsten hatten sie die kühne Maßregel vorausgesehen, mit der Polyperchon ihre Pläne auf Griechenland über den Haufen warf, jenes Dekret, das den hellenischen Städten die Freiheit und Autonomie zurückgab. Das königliche Diagramma ist denkwürdig genug, um es seinem wesentlichen Inhalt nach mitzuteilen6.

»Da es geschehen ist, daß unsere Vorfahren den Hellenen mannigfach Gutes erzeigt haben, so wollen wir deren Prinzipien bewahren und allen einen Beweis des Wohlwollens geben, das wir gegen die Griechen zu hegen fortfahren. Zu der Zeit, da Alexander von hinnen gegangen war und das Königtum auf uns überging, haben wir in der Ansicht, daß alle zum Frieden und zu den von unserem königlichen Vater Philipp eingesetzten Verfassungen zurückzuführen seien, deshalb unsere Mitteilungen an die sämtlichen Städte gemacht; da aber, während wir selbst weit entfernt waren, einige Hellenen in ihrer Verblendung Krieg gegen Makedonien erhoben haben und von unseren Strategen bewältigt worden sind und infolgedessen den Städten manches Ungemach geschehen ist, so war es eure Überzeugung, daß dessen unsere Strategen allein die Schuld trügen.[133] Indem wir nun jene Prinzipien, wie sie von Anfang her waren, ehren, so geben wir euch Frieden, wir gewähren euch die Verfassungen, wie sie unter Philipp und Alexander gewesen, und alles übrige auf Grundlage der euch von ihnen zugestellten Bestimmungen. Die Flüchtigen oder diejenigen, welche von unseren Strategen seit der Zeit, daß Alexander gen Asien aus zog, verbannt sind, führen wir wieder in die Heimat zurück; die von uns Zurückgeführten treten in ihre früheren Rechte und Besitzungen ein und werden sich selbst ruhig verhalten, wie auch gegen sie das Frühere vergessen sein wird; was gegen sie früher verfügt worden, ist hiemit aufgehoben. Ausgeschlossen hievon sind nur die wegen Mord und Religionsfrevel Flüchtigen, ingleichen die aus Megalopolis, welche mit Polyainetos wegen Verrates verbannt sind, ferner die Amphissaier7, die Trikkaier8, die Pharkadoner und Herakleoten9; alle anderen sollen vor dem Letzten des Monats Xanthikos wieder aufgenommen sein. Wenn sich aber in den verfassungsmäßigen Bestimmungen, wie sie von Philipp und Alexander gemacht worden, Widersprüche finden, so sollen sich die Städte darüber an uns wenden, damit wir darüber nach unserem und der Städte Besten entscheiden. Die Athener bleiben im Besitz dessen, was sie unter Philipp und Alexander besaßen; Oropos bleibt den Oropiern, Samos dagegen geben wir den Athenern zurück, da es auch unser Vater Philipp in ihrem Besitz gelassen hat. Die sämtlichen Hellenen werden einen Beschluß fassen, daß niemand gegen uns Krieg führen noch irgend sonst etwas unternehmen solle; wer dagegen handelt, soll mit seinem ganzen Geschlecht verjagt und seine Güter eingezogen werden. Wir haben befohlen, daß über dies wie über alles andere Polyperchon das Nähere mit euch verhandelt. Ihr nun, wie wir schon oben gesagt, möget dessen achten; denn wer sich der von uns getroffenen Anordnungen weigert, auf den werden wir keine weitere Rücksicht nehmen.«[134]

Mehr als irgendeine Überlieferung lehrt dies Dekret, wie tief Griechenland gesunken, wie völlig es unter der Botmäßigkeit Makedoniens war; die Freiheit, zu der Polyperchon die Städte aufrief, war nichts als ein Aufruf an die unterdrückte Partei gegen die bisher von Makedonien begünstigten und der Sache Kassandros' ergebenen Oligarchen. Zu Ehren der Wahrheit muß man bekennen, daß durch die Oligarchie, wie sie sich unter makedonischem Einfluß gestaltet hatte, nach langen und furchtbaren Parteikämpfen Ruhe und Stetigkeit in die griechischen Städte gekommen war; aber freilich, es waren die Schwerter der makedonischen Besatzungen, welche überall das Volk in Furcht und Gehorsam erhielten. Nun trat eine seltsame Verkehrung aller Verhältnisse ein, nun war plötzlich das makedonische Königtum und die Demokratie dieselbe Partei. Kraft der höchsten Autorität der Welt erhob die tief gedemütigte Volkspartei ihr Haupt; sie tat es mit aller Wildheit und Exaltation, die sie sonst dem Königtum furchtbar gemacht hatte. Und eben diese wurde von Polyperchon eifrigst genährt; er erließ an Argos und andere Städte die Aufforderung, diejenigen, welche nach Antipatros' Bestimmung an der Spitze der Stadt gestanden, zu verjagen, die Häupter der Oligarchien hinzurichten, ihre Güter einzuziehen. So hoffte er die Partei des Kassandros zu vernichten.

Die Aufregung in Griechenland muß furchtbar gewesen sein; auch ohne ausdrückliche Überlieferung ergeben sich die charakteristischen Züge dieses Umschwungs: die Erbitterung des Demos, der sich plötzlich wieder in aller Macht fühlt, der ein Recht hat, gegen die verhaßten Herren richtend Vergeltung zu üben, mit Konfiskation ihrer Güter den Staatssäckel zu füllen und an ihrem Elend die Gier des Hasses zu sättigen; die Schwärme jener Vertriebenen, die nun mit triumphierendem Hohn in die Heimat zurückkehren und sich in schneller und greuelvoller Rache dafür entschädigen, daß sie Jahr und Tag das Vaterland entbehrt haben; dazu die echt hellenische Leidenschaftlichkeit, die ohne Erbarmen, durch kein Unglück belehrt, unbekümmert um die nur zu nahe Möglichkeit neuer Umwandlungen, jedem Impuls des Augenblicks folgt, die, ganz in den kleinen Interessen der nächsten Nähe befangen, desto leidenschaftlicher in Bewunderung oder in Haß gegen den Mitbürger, den Nachbar, den Bruder ist.

Näheres über die weiteren Vorgänge in Griechenland ist uns nicht überliefert; nur in Athen können wir die Hauptzüge dieser Wirren einigermaßen verfolgen. Dort war seit dem Tode des Demades Phokion noch ausschließlicher als bisher Lenker des Staates, fort und fort bemüht, sie vor Schaden zu hüten und bei den wieder drohenden Stürmen über Wasser zu halten. Die Bürger hatten durch Demades die Abberufung der Besatzung[135] in Munychia erwartet; sie war ihnen geweigert worden; über den schmachvollen Tod ihres Abgesandten scheint seitens der Athener nicht einmal Beschwerde geführt worden zu sein; wenn, wie zu vermuten, Anträge der Art gestellt worden sind10, so wird Phokion dafür gesorgt haben, daß sie erfolglos blieben. Dann erschien Nikanor im Peiraieus, den bisherigen Befehlshaber der Besatzung Menyllos abzulösen; einige Tage später erfuhr man Sicheres über den Tod des Antipatros, über seine letzten Anordnungen; man mutmaßte den Zusammenhang mit dem, was in Munychia geschehen war; allgemein wurde Phokion der Vorwurf gemacht, daß er von der am makedonischen Hofe gespielten Intrige gewußt, aber aus Rücksicht auf Nikanor geschwiegen, daß er eine Veränderung begünstigt habe, durch welche Athen mindestens mit in den Kampf der Parteien hineingerissen werde. Phokion kümmerte sich wenig darum; er kam wiederholt mit Nikanor zusammen, unterrichtete ihn über die Verhältnisse der Stadt, bewog ihn, gelinde und zuvorkommend gegen die Athener zu sein, das Volk durch einige Spenden und öffentliche Feste zu gewinnen.

Da erschien das Freiheitsdekret, begleitet von einem Schreiben Polyperchons an das attische Volk, das, indem es noch insbesondere auf die Weisung des königlichen Dekrets verwies, daß alle Athener fortan wieder an der Verfassung teilhaben sollten, als unmittelbar gegen Phokion gerichtet aufgefaßt wurde. So groß die Aufregung in Athen sein mochte, die dieses Schreiben hervorrief, für den Augenblick geschah nichts Bedeutendes gegen Phokion und dessen Partei, zu deren Unterstützung Nikanor in Munychia schlagfertig dastand; ja Nikanor forderte die Stadt auf, ihrem Wohlwollen gegen Kassandros treu zu bleiben, der, durch mächtige Verbindungen stark, demnächst mit bedeutender Macht in Hellas erscheinen werde, seine Freunde zu schützen. Auf solche Zusagen ließen sich die Athener nicht ein; sie meinten, es müsse vor allem die makedonische Besatzung aus Munychia abgeführt werden. Nikanor forderte mindestens einige Tage Aufschub: er sei im Begriffe, etwas für die Stadt Nützliches zu tun, es möge ihm erlaubt sein, im Rat zu erscheinen und dort die hierauf bezüglichen Mitteilungen zu machen. Dies wurde gewährt, der Rat in den Peiraieus berufen, Nikanor dorthin geladen, indem sich Phokion für dessen persönliche Sicherheit verbürgte; denn die Erbitterung[136] des Volkes war groß gegen ihn, und man sprach bereits von geheimen Truppenwerbungen, von Überfall und Verrat, die der Phrurarch beabsichtige. Nikanor kam; Derkyllos, der Stratege der Landschaft, hatte Vorbereitungen getroffen, ihn aufzunehmen; der Phrurarch hatte kaum noch Zeit zu entfliehen. Laut wurde nun gegen Phokion getobt: er habe Nikanor mit Fleiß entkommen lassen, er wolle das Beste der Stadt nicht, er sei der Helfershelfer der Unterdrücker; nun werde sich Nikanor rächen, man sei für den Augenblick ungerüstet, wehrlos gegen den mächtigen Feind, Phokion werde schuld an Athens Untergang sein. Phokion erklärte dagegen: er traue dem Nikanor und besorge von ihm nichts Übles; geschehe es aber doch, so wolle er lieber Unrecht leiden als Unrecht tun. Als sich das Gerücht mehrte, daß Nikanor seine Truppen durch neue Werbungen verstärke, daß er es auf den Peiraieus abgesehen, daß er Söldner nach Salamis hinübergesetzt habe, daß er einige im Peiraieus Wohnende in sein Komplott zu ziehen suche, als auch der Stratege Derkyllos neue Anzeichen über die bezeichnete Gefahr beibrachte und Phokion erinnerte, daß die Stadt Gefahr laufe, ihrer Verbindung mit dem Meer und dadurch des nötigen Unterhalts beraubt zu werden, wies Phokion auch diese Angaben als Verleumdung und Übertreibung zurück und erklärte die darüber beigebrachten Zeugnisse für falsch: er werde schon, wenn es Zeit sei, als Stratege seine Pflicht tun. Dennoch wurde in einer der vielen Beratungen, wie gegen Nikanor am besten zu verfahren sei, beschlossen, an den König und Polyperchon die Bitte ergehen zu lassen, der Stadt zu helfen und die verheißene Autonomie zur Wahrheit zu machen; in einer anderen wurde von Philomelos, dem Lamptrer, ein Dekret in Vorschlag gebracht und vom Volk angenommen, daß alle Athener unter den Waffen und zu jedem Befehl des Strategen Phokion bereit sein sollten. Aber umsonst erwartete man Tag für Tag den Befehl, gegen Munychia auszurücken und die Hafenfestung zu belagern, – bis man plötzlich eines Morgens erfuhr, über Nacht sei Nikanor aus Munychia aufgebrochen, habe die Mauern und Hafendämme des Peiraieus sowie die langen Mauern besetzt.

Jetzt war arger Lärm in Athen; Phokion ließ zu den Waffen rufen; die Bürger versagten ihm den Gehorsam: jetzt sei es zu spät, er wolle auch sie wohl verraten. Indessen war die aus Makedonien erbetene Hilfe noch weit im Felde, und Nikanor, im Besitz der Häfen Athens, hemmte nicht bloß allen überseeischen Verkehr, sondern konnte auch, indem er die für Athen notwendigen Getreideschiffe und die Boote, die jeden Markttag Lebensmittel aus der Peloponnes herüberbrachten, auffing, die wenig mit Vorräten versorgte Bevölkerung in kurzem in den drückendsten Mangel versetzen. Man verzweifelte, gegen die feste und durch Nikanors Truppen hinreichend verteidigte Hafenstadt mit Gewalt etwas ausrichten[137] zu können; es blieb nichts übrig, als den Weg der Unterhandlungen zu versuchen. Mit Phokion wurden Konon und Klearchos, beide reiche und angesehene Männer, jener des ruhmreichen Timotheos, dieser des Strategen Nausikles Sohn, als Gesandte an Nikanor geschickt mit dem Auftrag, im Namen des Volkes über die unrechtmäßige Besetzung des Peiraieus Beschwerde zu führen und zu verlangen, daß dem Volk die durch das königliche Dekret zugesicherte Selbständigkeit gewährt, einstweilen aber mindestens der Hafen nicht gesperrt werde. Nikanor antwortete: sie möchten sich deshalb an Kassandros wenden, von dem er zum Phrurarchen bestellt sei, er dürfe nicht auf eigene Hand verfahren.

Um diese Zeit erhielt Nikanor auch ein Schreiben von der Königin Olympias mit der Weisung, den Athenern Munychia und den Peiraieus zurückzugeben; er erfuhr zugleich, daß Olympias, in bestem Einvernehmen mit dem Reichsverweser, demnächst nach Makedonien zurückkehren, die Erziehung des königlichen Knaben übernehmen und ausgedehntere Einwirkungen auf die Angelegenheiten des Reiches erhalten werde. Diese Einigkeit in den entscheidenden Kreisen, dazu die überall in Griechenland herrschende Bewegung zugunsten des Polyperchon und seiner Sache, endlich der Umstand, daß er sich selbst einem bedeutenden Angriff nicht gewachsen fühlte und daß die erwartete Ankunft des Kassandros mit größerer Macht noch sehr weit hinaus zu sein schien, bewogen ihn, vorläufig alles Beste zu versprechen, um wenigstens Zeit zu gewinnen und es nicht zum Äußersten kommen zu lassen.

Die Athener waren voller Freude über das Schreiben der Königin; sie meinten schon, nun hätten sie ihre Häfen wieder, sie meinten, nun sei die Freiheit und Selbständigkeit der guten alten Zeit wieder da; sie freuten sich ihrer herzlichen Einigkeit mit dem makedonischen Königtum, die auch ihnen, nach Nikanors Zusage, sogleich vielfachen Vorteil bringen mußte. Aber ein Tag nach dem anderen verging, und Nikanor wich nicht; da kam die frohe Kunde, ein makedonisches Heer werde in Griechenland einrücken, und Polyperchon schicke seinen Sohn Alexandros mit einem Heerhaufen nach Attika voraus, um die Hafenstädte zu befreien. Alexandros kam mit seinen Truppen, in ihrem Gefolge ein großer Schwarm von Athenern, die teils verbannt, teils im Jahre 322 ausgewandert waren; zu ihnen hatten sich Fremdlinge, Ehrlose, entlaufene Sklaven, Vagabunden aller Art gesellt, die unter dem Namen guter attischer Bürger in die Stadt mit einzogen und fortan die Ekklesie füllten, unter Lärmen und Geschrei echt demokratische Sitzungen hielten.

Indes hatten sich mehrere von denen, die bisher die Stadt geleitet, unter ihnen Phokion, zu Alexandros begeben; sie konnten der Meinung sein, daß Nikanor sich durch die Besetzung des Peiraieus als Feind der[138] Stadt, durch die Verweisung auf Kassandros als offenbarer Gegner des Reiches zu erkennen gegeben, somit selbst die Verbindung gelöst habe, die sie und die Stadt bisher an sie geknüpft; sie konnten korrekt zu handeln meinen, wenn sie sich an Alexandros wandten, der namens der Könige kam und für jetzt der Stadt und dem Lande mehr schaden als Nikanor nützen konnte; sie gaben ihm zu verstehen, wie wünschenswert es sei, daß jetzt, da die Hefe des Volkes zurückgekehrt sei und man auf jede Art innerer Zwietracht und Verwirrung gefaßt sein müsse, Attika nicht von einer bewaffneten Macht entblößt sei, welche allein den Pöbel einigermaßen in Furcht halten könne; sie rieten dem Feldherrn, die Hafenstädte mit seinen Truppen zu besetzen und sie den Athenern nicht eher zu übergeben, als bis Kassandros überwunden sei. Alexandros, der bereits in der Nähe des Peiraieus lagerte, zog es vor, vorerst ohne sie seine Pläne zu verfolgen; persönlich kam er mit Nikanor zusammen, unterhandelte mit ihm insgeheim.

Man bemerkte in Athen, daß da etwas vorgehe; man besorgte, daß beide Befehlshaber sich auf Kosten der Stadt verständigen würden; man wußte, daß die Oligarchen mit Alexandros verhandelt hatten; der neu zusammengelaufene Demos fürchtete für seine Freiheit und Selbständigkeit. Es wurde eine Ekklesie gehalten, in derselben feierlichst Phokion seines Amtes entsetzt, neue Strategen gewählt, auf Hagnonides' Antrag die Freunde und Helfer der Oligarchen als Verräter des Vaterlandes in Anklagestand gesetzt und, wenn sie schuldig, teils Verbannung und Gütereinziehung, teils Tod als Strafe bestimmt. Unter ihnen war der Stratege Phokion, ferner Kallimedon, Charikles, Hegemon, Nikokles, Demetrios von Phaleron, viele andere.

Von den so Verklagten suchten die einen, namentlich Demetrios, Kallimedon und Charikles, ihr Heil in der Flucht; andere gingen mit Phokion in das Lager des Alexandros, den er sich verpflichtet zu haben glaubte. Sie wurden von demselben sehr gütig aufgenommen, ihnen aller mögliche Schutz zugesichert. Es ist nicht klar, auf welche Weise die Entscheidung über den Zwist der Oligarchen und der wiederhergestellten Demokratie an den König und dessen Verweser kommen konnte, wenn es nicht die Frage der Auslieferung war, die dazu Anlaß gab. Jedenfalls sandte Alexandros Phokion und dessen Freunde an seinen Vater mit Empfehlungsschreiben, in denen ausdrücklich gebeten war, dieselben nichts Übles erleiden zu lassen, da sie sich ihm wohlgeneigt gezeigt hätten und bereit seien, in allem ihm hilfreich zu sein. Zugleich schickte der Demos eine Gesandtschaft, an deren Spitze Hagnonides stand, nach Phokis. Aus guter Quelle wird berichtet, daß Polyperchon den Peiraieus und Munychia in Besitz zu nehmen gewünscht, daß er zu diesem Zweck Phokion zu schützen[139] beabsichtigt habe; daß er dann anderen Sinnes geworden sei, da er sich habe überzeugen müssen, daß er, durch diese Okkupation mit dem soeben erlassenen Freiheitsdekret in Widerspruch, das Vertrauen der Hellenen verscherzen würde.

Auf dem Wege von Elateia nach den Thermopylen liegt eine halbe Meile im Süden von Thronion in einer waldigen Schlucht des Knemisgebirges, überragt von dem Berge Akrurion, an der Stelle des von Erdbeben und Wasserflut zerstörten Tarphe ein Flecken, der nach der nahen Berghöhe mit dem Heratempel Pharygai genannt wurde. Hier lagerte das makedonische Heer, das unter Führung des Reichsverwesers mit dem König Philipp Arrhidaios nach Griechenland gezogen war, um, wo es nötig sei, das Freiheitsdekret in Ausführung zu bringen. Dahin begaben sich die attischen Gesandten und Phokion nebst seinen mitangeklagten Freunden, zu denen sich aus Freundschaft für ihn Solon von Plataiai und Deinarchos von Korinth gesellten, welche einigen Einfluß bei Polyperchon zu haben glaubten. Von dem, was da geschah, gibt Plutarch11 eine Schilderung, die an Anekdoten und charakteristischen Zügen reich genug, nur nicht in gleichem Maße glaubwürdig ist. Da sitzt der König Philipp unter goldenem Thronhimmel, der Reichsverweser und die Freunde um ihn her; eine Menge von Fremden ist herbeigekommen, den merkwürdigen Handel mit anzuhören, auch viele makedonische Kriegsleute, die gerade nichts Besseres im Lager zu tun haben. Die beiden Parteien treten vor. Das erste ist, daß der Reichsverweser befiehlt, den Korinther Deinarchos festzunehmen, zu foltern, hinzurichten12; dann wird den Athenern das Wort gegeben. Es folgt ein arges Lärmen und gegenseitiges Verleumden, jeder versucht den anderen zu überschreien; Hagnonides sagt: »Steckt uns doch alle in eine Mausefalle und schickt uns nach Athen, daß wir dort Rede und Antwort geben.« Der König lacht darüber aus vollem Herzen, die Fremden und Soldaten, die umherstehen, vergnügen[140] sich über das Gezänk und wünschen, daß weiter verhandelt wird, rufen den Gesandten zu, ihre Klagen vorzubringen. Als auf ihre Anklage Phokion antwortet, unterbricht ihn vielfach Polyperchon, wird unwillig, stößt endlich mit dem Stabe heftig auf die Erde, verbietet ihm weiterzureden. Dann sprechen auch die anderen Oligarchen, unter ihnen Hegemon: Polyperchon selbst könne ihm Zeuge sein, wieviel Wohlwollen er stets für den Demos gehabt habe; worauf der Reichsverweser zornig antwortet, er möge endlich aufhören, ihn vor dem König zu verleumden; der König aber springt auf, geht mit der Lanze auf Hegemon los, würde ihn durchbohrt haben, wenn ihn nicht Polyperchon zurückgehalten hätte. Dieser läßt die Freunde abstimmen, sie erkennen auf schuldig; er wendet sich darauf mit gütigen Worten an die Gesandten: da er sich von der Wahrhaftigkeit der Klage überzeugt, so solle die Sache in Athen entschieden werden; er läßt Phokion nebst seinen Freunden in Ketten legen und übergibt sie Kleitos, sie nach Athen abzuführen, »dem Worte nach, damit dort über sie das Urteil gesprochen, der Tat nach, damit ihre Hinrichtung vollzogen werde«. Dann folgt in ähnlicher Weise die Schilderung, wie Kleitos die Verklagten auf Wagen, von makedonischen Kriegsknechten umgeben, nach Athen führt, sie dort im Theater des Dionysos dem zur Ekklesie sich versammelnden Demos zur Aburteilung zu übergeben.

Den turbulenten Charakter dieser Vorgänge hebt auch die bessere Überlieferung sehr bestimmt hervor. Nach ihr sendet der Reichsverweser die Angeklagten in Fesseln nach Athen, dem Volk der Athener anheimgebend, ob es sie freisprechen oder töten wolle. Von der zum Gericht versammelten Ekklesie folgt dann die Anklage: sie geht zurück bis auf die Vorgänge des Lamischen Krieges; sie bezeichnet die Angeklagten als schuldig an der Verknechtung des Vaterlandes, an der Auflösung der Demokratie, am Umsturz der Gesetze. Dann nach der Anklage, so fährt diese Erzählung fort, erhält zuerst Phokion das Wort zu seiner Verteidigung; aber der Lärm der Menge hindert ihn anzufangen, und wie er endlich begonnen, unterbricht ihn immer neues Geschrei, denn bei der Menge der kleinen Leute, die ausgestoßen worden waren und nun wieder alle Hoffnung der Heimkehr gewonnen hatten, war die heftigste Erbitterung gegen diejenigen, welche sie ihres autonomen Bürgerrechts beraubt hatten. Nur die Nächstsitzenden hörten, was Phokion sagte; die Entfernteren sahen nur die bewegte Deklamation des ehrwürdigen Strategen, für den es sich um Tod und Leben handelte. Endlich des vergeblichen Beweisens müde, rief er: man möge seinen Tod beschließen, aber die anderen schonen. Auch das wird nicht weithin gehört worden sein. Dann traten einige seiner Freunde auf, für ihn zu sprechen; man hörte die Anfänge[141] ihrer Reden mit an, aber sowie sich zeigte, wohin ihre Rede ziele, wurden auch sie mit Lärm und Geschrei übertäubt.

Es scheint weder den anderen Angeklagten das Wort zur Verteidigung gegeben, noch, wie das alte Recht verlangt, über jeden besonders abgestimmt, noch in der hergebrachten Form mit Stimmscheinen das Urteil gefällt zu sein. Hagnonides, so sagt Plutarch, vertrat das Psephisma, offenbar das auf seine Eisangelie früher beschlossene, und schon in diesem wird gestanden haben, daß das Urteil nicht im Gericht, sondern in der Ekklesia gefällt, daß nicht mit Stimmscheinen, sondern durch Handaufheben abgestimmt werden solle. Es scheint schon nicht mehr die Rede davon gewesen zu sein, daß als Strafe früher teils Tod, teils Exil und Konfiskation bestimmt gewesen war. Es wird angeführt, daß nach Verlesung des Psephisma von vielen der Zusatz gefordert worden sei: man solle Phokion zuerst foltern, die Henkersknechte mit dem Folterrad kommen lassen. Hagnonides aber, der des Kleitos lebhaften Unwillen über die schnöde und zwecklose Grausamkeit bemerkt, habe erwidert: »Was bleibt uns dann für Kallimedon, wenn wir ihn auffangen? « Darauf eine Stimme aus dem Volke: »Und was gar für dich? « Fast einstimmig wurde für den Tod entschieden. Hierauf wurden die Verurteilten in das Gefängnis der Elfmänner gebracht, und auch noch auf dem Wege dorthin begleitete sie das Volk mit Hohn und Schimpfreden. An dem Tage, da der Festzug bekränzter Reiter zu Ehren des olympischen Zeus gehalten wurde – viele von ihnen legten die Kränze ab –, leerten Phokion und seine Freunde den Giftbecher; ihre Leichname wurden außerhalb des attischen Gebietes unbeerdigt »den Vögeln und Hunden zum Fraß« hingeworfen.

Dies war die erste Leistung der wiederhergestellten Demokratie zu Athen, ein Akt, noch widerlicher als der Justizmord, den achtzig Jahre früher der attische Demos an den Feldherren des Sieges bei den Arginusen vollzogen hatte; damals wenigstens der Vorwand einer heiligen Pflicht an den Toten, welche die Feldherren versäumt hatten, und die Entschuldigung der nach außerordentlichen Wagnissen und Leistungen durch höchste Spannung aller Kraft überreizten Gemüter; hier nichts als die faule Gärung einer wüst gemengten Masse, die unverhofft die Befugnis erhält, wieder den souveränen Demos zu spielen, und damit beginnt, an dem besten Manne, den Athen hat, ihre Frevellust zu üben. Sein Schicksal ist wie ein Gleichnis. Er hatte sein langes Leben hindurch nichts als das Wohl der Stadt im Auge gehabt, und es war kein Irrtum, wenn er meinte, daß die Zeit der Demokratie, die Zeit der politischen Größe Athens vorüber sei, daß den Lenkern der Stadt nichts übrig bleibe, als durch eine schlichte und sichere Leitung die Ruhe und das Wohl des nicht mehr wie einst hochgemuten Volkes zu hüten. Daß er diese Tendenz immer und[142] auch dann, wenn der erdrückenden Macht Philipps, Alexanders, Antipatros' gegenüber in Athen der begeisternde Gedanke der Freiheit und Größe von neuem rege zu werden schien, geltend gemacht, daß er an die rettende Kraft der Ideale nicht geglaubt hat, mit denen hochgefeierte Redner die gesunkene Lebenskraft des attischen Volkes zu verjüngen hofften, – das, mag man sagen, war die Schuld, um derentwillen er spät und zu einer Zeit, als sich seine Ansicht bereits auf das traurigste bewährt hatte, einen Tod erleiden mußte, den er mit seinem tugendreichen und über jeden niedrigen Vorwurf erhabenen Leben nicht verdient hatte. Nicht ein Volk, das für die alte Freiheit und Größe sich erhoben hatte und die Bande oligarchischer Herrschaft zersprengend sich an ihm, der sie mit seinem Ansehen vertrat, zu rächen dürstete, sondern eine politische Intrige der Macht, der er sein Leben lang aus Überzeugung ergeben gewesen war und welche, ohne selbst der Demokratie im entferntesten geneigt zu sein, sich ihrer als Werkzeug gegen einen Feind bediente, mit dem sie selbst um die Herrschaft über Athen stritt, brachte dem letzten Ehrenmanne aus besseren Tagen den schmachvollen Tod.

Polyperchon hatte geglaubt, durch den Tod Phokions und der anderen Oligarchen Athen vollkommen der Sache des Kassandros zu entziehen, sich in Athen eine für den bevorstehenden Krieg wichtige Position zu sichern. Aber noch hielt sich Nikanor im Peiraieus und in Munychia, zahlreiche Flüchtlinge aus Athen sammelten sich um ihn; eben jetzt erschien Kassandros, der in den langsamen Fortschritten, die Polyperchon in Griechenland machte, und in dem Umstand, daß die Häfen Athens noch im Besitz seines Phrurarchen waren, einen Beweis sehen durfte, daß hier seine Sache noch bei weitem nicht verloren sei; er kam mit einem Geschwader von 35 Schiffen und 4000 Bewaffneten, die er von Antigonos erhalten hatte; Nikanor übergab ihm den Peiraieus, während er selbst sich auf Munychia zurückzog. Auf die Nachricht hiervon eilte Polyperchon aus Phokis herbei, bezog mit dem makedonischen Heere ein Lager unter den Mauern des Peiraieus; er hatte 20000 Mann makedonisches Fußvolk, außer diesen 4000 Mann Bundesgenossen, 1000 makedonische Ritter, 65 Elefanten; mit diesen begann er die Belagerung. Die Sache zog sich in die Länge, die Landschaft vermochte nicht, so bedeutende Heeresmacht auf die Dauer zu unterhalten; Polyperchon mußte sich entschließen, die Belagerung aufzuheben; nur soviel Truppen, als das Land füglich erhalten konnte, zur Beobachtung der Hafenstadt unter Befehl seines Sohnes Alexandros zurücklassend, zog er selbst mit dem übrigen Heere der Peloponnes zu, um auch dort die Oligarchien, die dem Kassandros anhingen, zu vernichten und das Freiheitsdekret in Ausführung zu bringen.[143]

Er berief ein Synhedrion der Städte und erklärte hier, daß die von Antipatros eingesetzten Oligarchien aufgehoben, daß die Autonomie der Staaten wiederhergestellt sei, daß er den Bund, wie er vor dem Lamischen Kriege bestanden, wieder aufrichte. Er erließ an die einzelnen Städte den Befehl, die oligarchischen Magistrate, wo es noch nicht geschehen sei, hinzurichten, die Demokratien wieder einzuführen, widrigenfalls er mit seinem Heere bereit stehe, dem königlichen Befehl Achtung zu verschaffen. Fast überall wurde dem Befehl auf das blutigste Folge geleistet, eine Menge von Anhängern des Antipatros und Kassandros umgebracht, worauf die Städte in Bündnis mit Polyperchon traten.

Nur die Stadt Megalopolis weigerte sich des Befehls; sie war den Königen Philipp und Alexander treu gewesen, hatte sich, wenigstens nach dem Lamischen Kriege, wieder eng an das Interesse Antipatros' geknüpft, war mit Kassandros in Symmachie getreten; sie hatte schon sonst erfahren, daß es in so verwirrten Zeiten das geratenste sei, an der einmal ergriffenen Partei konsequent festzuhalten. Die Megalopoliten rüsteten sich zum Kampf; sie ernannten Damis, der unter Alexander die asiatischen Feldzüge mitgemacht hatte, zum Strategen; sie brachten alles bewegliche Gut vom Lande in die Stadt, sie riefen ihre Sklaven und die in der Stadt wohnhaften Fremden unter die Waffen, sie vermochten 15000 Mann aufzustellen; mit größtem Eifer wurde die Verteidigung vorbereitet, die Werke vor der Stadt mit einem tiefen Graben verstärkt, Palisaden aus den Baumgärten der Umgegend gehauen und eingesenkt, Waffen geschmiedet, Ballisten und Katapulte gezimmert; aller Orten war rüstige Tätigkeit, man verzagte nicht vor dem Feinde, dessen Macht das Gerücht und der Schrecken der Kriegselefanten, die jetzt zum ersten Male in die Peloponnes kamen, nicht wenig vergrößerte. Kaum waren die nötigen Vorbereitungen beendet, so rückte Polyperchon mit seinem Heere und seinen Elefanten an, ließ unter den Mauern der Stadt hier die Makedonen, dort die Bundesgenossen lagern, ließ sofort Holztürme, welche die Mauern überragten, zimmern und an den geeigneten Stellen vorschieben, damit die Wurfgeschütze und die Kriegsleute auf der Höhe der Türme die feindlichen Mauern von Verteidigern rein hielten. Zugleich ließ er durch Bergleute Minengänge bis unter die Mauern führen, dann das Holzwerk, mit dem die Erde gestützt war, anzünden, worauf sich das Erdreich unter der Mauer senkte, die drei mächtigsten Mauertürme mit den dazwischenliegenden Mauern einstürzten. Jubelnd rückten die Makedonen zum Sturm gegen die Bresche an; die Städter teilten sich schleunig so, daß die einen dem Feinde wehrten, begünstigt durch die Unzugänglichkeit des mit Bautrümmern überdeckten Angriffspunktes, die anderen in möglichster[144] Eile die Bresche mit einem Graben absperrten und hinter demselben, den Tag und die folgende Nacht unermüdlich arbeitend, eine zweite Mauer mit einspringendem Winkel errichteten. Polyperchon ließ gegen Abend, da er sah, mit welchem Mut und Erfolg die Bresche verteidigt wurde, und man von den Türmen aus berichtete, daß hinter derselben bereits ein Graben fertig und eine neue Mauer angefangen sei, zum Rückzug blasen, worauf sich auch die Megalopoliten hinter die neue Mauer zurückzogen. Am andern Tag sahen die Belagerten, wie die Feinde in großen Scharen auf dem Kampfplatz arbeiteten, die Bautrümmer hinwegzuräumen und den Platz zu ebnen. Damis erkannte des Feindes Absicht, an dieser Stelle die Elefanten heranzutreiben; er ließ eine Menge großer Türen mit Nägeln so beschlagen, daß die Spitzen hervorragten, senkte diese Platten innerhalb der neuen Werke an verschiedenen Stellen, wo Durchgänge gelassen waren, in flache Gräben ein, überschüttete sie locker mit Erde; dann besetzte er die Mauer des einspringenden Winkels mit Schützen, Schleuderern, Wurfgeschützen aller Art, ließ aber die Werke, welche die Durchgänge bestrichen, ohne Verteidiger. Als die Feinde in Schlachtordnung vor dem Lager anrückten, die Elefanten in furchtbarer Linie herangetrieben wurden, niemand sich ihnen entgegenstellte, glaubten die Makedonen den Fall der Stadt unzweifelhaft, rückten zum Sturme nach. Ungehindert lenkten die Inder auf dem Nacken der Tiere gegen die neuen Werke und in die Durchgänge hinein; da trat ein Tier nach dem andern in die flachen Gräben, heulte auf, da es die spitzen Nägel tief in den Schwielen des Fußes fühlte, verwundete weiter tretend, Ausweg suchend, sich mehr und mehr; zugleich begannen die Wurfgeschütze von den Flanken her gegen sie zu spielen, Schleudersteine und Pfeile in dichter Menge durchzischten die Luft; die meisten Inder stürzten verwundet oder tot unter die blutenden Füße der Tiere, die, ihrer Lenker beraubt, durch das Geschrei herüber und hinüber scheu gemacht, durch den Schmerz der Nagelwunden verwildert, umwandten und durch die Schlachtreihen der Makedonen, viele niederstampfend und alles verwirrend, hindurchbrachen. Dieser mißlungene Sturm, der dem Reichsverweser schwere Verluste gebracht hatte, war die Rettung der Stadt. So energischer Verteidigung gegenüber konnte er nicht hoffen, in kurzem Entscheidendes zu gewinnen; er mußte seine geschwächten Streitkräfte, bevor der Feind ihrer Schwäche gewahr wurde und hervorbrach, zurückzuziehen eilen; das um so mehr, da ihm Nachricht aus Asien kam, daß sich Antigonos anschicke, über den Hellespont zu gehen, Makedonien selbst anzugreifen; schon waren auch in Hellas an mehreren Orten Bewegungen zugunsten des Kassandros zum Ausbruch gekommen, der seinerseits vom Peiraieus aus Aigina genommen, gegen Salamis einen Angriff versucht und nach einem Seegefecht[145] gegen die Athener die Insel eingenommen hatte13. Der Reichsverweser eilte, einige Truppen zur Beobachtung der Stadt zurücklassend, aus der Peloponnes hinweg, den dringenderen Gefahren zu wehren.

Vor allem fürchtete er den Einfall des Antigonos nach Europa; er hatte gehofft, daß ihn Eumenes, der bereits eine bedeutende Macht in Kilikien zusammengebracht hatte, von Osten her angreifen und so Europa schützen werde; er erfuhr jetzt, daß der Stratege sich nicht gegen die Landschaften, die sich in Antigonos' Besitz befanden, gewendet, sondern es vorgezogen habe, einen Einfall nach Phoinikien und Syrien zu machen; wennschon diese Bewegung wohl berechnet war und große Wirkung versprach, so gab sie doch Makedonien für den Augenblick einer großen Gefahr preis. Der Reichsverweser hoffte ihr dadurch zu begegnen, daß er die gesamte Seemacht, die ihm zu Gebote stand, unter der bewährten Führung des Kleitos in die Gewässer des Hellesponts sandte mit dem Auftrag, die Kommunikation zwischen Asien und Europa auf das sorgfältigste zu beobachten, sich mit Arrhidaios, der sich noch in Kios hielt, zu vereinigen, die Städte der Propontis zu besetzen.

Sobald die Nachricht von der Aussendung der makedonischen Flotte nach dem Peiraieus gekommen war, hatte Kassandros das Geschwader, mit dem er selbst herübergekommen war, seinem Feldherrn Nikanor übergeben, mit demselben schleunigst nach Asien in See zu gehen, sich mit der Flotte des Antigonos zu vereinigen, dessen weitere Befehle zu empfangen. Dies geschah; mit der vereinigten Flotte, die aus 130 Schiffen bestand, segelte Nikanor durch den Hellespont in die Propontis, während Antigonos mit der Landmacht auf der asiatischen Küste nachrückte. Kleitos war bereits seit mehreren Tagen in diesen Gewässern, hatte sich mit Arrhidaios vereinigt, mehrere Hafensädte in Besitz genommen, ankerte jetzt nicht weit von Byzanz, vor der Einfahrt in den Bosporos. Hier fuhr Nikanors Flotte in Schlachtlinie gegen ihn heran; Kleitos hatte die Strömung, die sich aus dem Bosporos in die Propontis ergießt, für sich; gegen sie und die durch dieselbe verstärkte Gewalt der angreifenden Trieren vermochte der Gegner nicht aufzukommen; bald war seine Niederlage entschieden, siebzehn Schiffe in den Grund gebohrt, vierzig von Kleitos genommen, die übrigen flüchteten in den nahen Hafen von Chalkedon.[146]

Gegen Abend kam Antigonos ebendahin; sofort befahl er, die noch unbeschädigten, sechzig an der Zahl, fertig zu halten, um über Nacht in See zu gehen; die stärksten seiner Hypaspisten verteilte er auf die Schiffe, mit dem Befehl, da die erlittene Niederlage alles mutlos gemacht hatte, die härtesten Strafen anzukündigen, wenn sich jemand des Kampfes weigern werde; zugleich ließ er von der nahen und ihm befreundeten Stadt Byzanz herüber möglichst viele Lastschiffe kommen, um mit diesen in der Stille der Nacht Peltasten, Schleuderer und 1000 Bogenschützen auf das jenseitige Ufer hinüberzusetzen. Denn dort war Kleitos nach dem Siege des vorigen Tages vor Anker gegangen und hatte in der Meinung, daß die feindliche Flotte nicht würde die See halten können, seine Schiffsleute und Epibaten auf das Land gehen lassen, um zu ruhen. Mit dem ersten Tage wurden sie nun durch einen Hagel von Pfeilen und Schleudersteinen geweckt; völlig überrascht, in wachsender Verwirrung eilten sie auf die Schiffe, hieben die Ankertaue ab, zogen die Schiffsleitern auf; Verwundete irrten auf dem Strande, andere versuchten schwimmend die Schiffe zu erreichen; viele wurden gefangen, alles, was man mit an Land gebracht, Beute der Feinde; und als die Verwirrung den höchsten Grad erreicht, sah man die feindliche Flotte in bester Ordnung, mit einer großen Menge Hypaspisten an Bord, herankommen. Nun war alles verloren; nach kurzem Gefecht waren Kleitos' Schiffe entweder in den Grund gebohrt oder genommen; nur das Admiralsschiff entkam. Kleitos war auf demselben; um vor den Verfolgern sicher zu sein, ließ er sich bald an das Land setzen, auf dem Landwege nach Makedonien zu flüchten; er fiel einer Kriegsschar des Lysimachos in die Hände, die ihn erschlug.

So der Ausgang des Seezuges, von dem sich Polyperchon so viel versprochen hatte; Antigonos war Herr des Meeres, ihm stand der Übergang nach Europa offen; hätten ihn nicht die Erfolge des Eumenes in Asien, von denen gleich im Zusammenhang die Rede sein wird, genötigt, dorthin seine Aufmerksamkeit zu wenden, und mehr noch, hätte ihm nicht die Seeherrschaft, die er jetzt in raschem Zuge gründen zu können schien, den größeren Vorteil für seine Pläne versprochen, so würde Polyperchon zugleich von ihm und von Kassandros, dessen Macht sich schnell in Griechenland gemehrt hatte, angegriffen worden und unfehlbar erlegen sein.

Denn schon bevor die Kunde von der Seeschlacht von Byzanz und dem Untergang der makedonischen Seemacht nach Griechenland gekommen war, hatte die Sache Polyperchons dort ungemein verloren; er, der zur Freiheit aufgerufen, der, mit bedeutendem Heer in Griechenland einrückend, dort zu schalten begonnen hatte, wie wenn seiner Macht gegenüber kein Widersacher solle bestehen können, war nicht imstande gewesen, die Hafenstädte Athens seinem Gegner zu entreißen, und eine[147] Stadt in der Peloponnes hatte es vermocht, dem makedonischen Reichsheer zu trotzen; es war durch den unglücklichen Sturm auf Megalopolis bedeutend zusammengeschmolzen und hatte einen großen Teil der Elefanten verloren; der Zug, der begonnen war, Polyperchons Macht vollkommen geltend zu machen, diente nur, sie gründlich zu schwächen. Was half es dem Reichsverweser, daß er hier und dort einige Besatzungen zurückgelassen? Eine Last für die Landschaften, in denen sie kantonierten, dienten sie nur, ihm die ohnedies schon sehr abgekühlte Stimmung der Bürger noch mehr zu entfremden, die endlich erkannten, wie die Wiederherstellung der Demokratien gemeint gewesen sei. Überall erhoben Kassandros' Anhänger ihre Stimme wieder: der sei gar anders, rüstiger, zuverlässiger, des Erfolges gewiß; der werde bald Polyperchon gänzlich bewältigen, und dann sei man doch genötigt, ihm zu gehorsamen; es sei besser, sich ihm freiwillig anzuschließen und so die eigene Zukunft zu sichern. Schon jetzt erklärten sich mehrere Städte offen für Kassandros.

In Athen, wo man sich anfangs ganz in Polyperchons Arme geworfen, wurde mit jedem Tage die Stimmung gegen ihn lauer; umsonst hatte man durch ihn die Befreiung der Hafenstädte erwartet; auch der Königin Olympias Schreiben war vergeblich gewesen; vielmehr hatten die Feinde noch überdies Salamis genommen, und die Truppen des Alexandros belasteten nutzlos das attische Gebiet. Endlich schlug einer der Vornehmen in der Ekklesie vor, mit Kassandros Unterhandlungen anzuknüpfen, da nur in der Verbindung mit ihm die Stadt noch Heil finden könne. Nach dem ersten Lärm, mit dem der Vorschlag aufgenommen wurde, kam man zu dem Entschluß, Gesandte an Kassandros zu schicken und unter möglichst billigen Bedingungen mit ihm abzuschließen. Nach mehrfachen Verhandlungen wurde folgender Friede abgeschlossen: die Athener behalten ihre Stadt, die Landschaft, ihre Einkünfte, ihre Schiffe und alles andere und sind Bundesgenossen und Freunde des Kassandros; Kassandros dagegen wird für jetzt im Besitz von Munychia verbleiben und Panakton, die attische Grenzfeste gegen Boiotien, besetzen, bis der Krieg gegen die Könige entschieden ist; die übrigen ehemals attischen Besitzungen, also vor allem Salamis, bleiben von Athen getrennt; die Verfassung der Stadt wird in der Weise beschränkt, daß nur diejenigen, deren steuerbares Vermögen sich mindestens auf 1000 Drachmen beläuft, als wirkliche Bürger zählen; endlich wird von den Bürgern ein Athener zum Verweser der Stadt erwählt und von Kassandros bestätigt. Die Athener wählten Demetrios, des Phanostratos Sohn, aus Phaleron; Kassandros bestätigte die Wahl dieses Mannes, die er selbst veranlaßt haben mochte; indem er in dessen Hand trotz der demokratischen Verfassung im Grunde die alleinige Gewalt über Athen legte, war ihm Demetrios für die Ruhe und[148] Ergebenheit des Volkes verantwortlich und Athen, wenn auch unter dem Schein der Autonomie, untertänig.

Gleich nach diesem Friedensabschluß mit Athen, etwa14 mit dem Monat November 318, kehrte Nikanor mit dem ihm von Kassandros übergebenen Geschwader, die Schiffe mit dem Siegeszeichen der Seeschlacht und den Schnäbeln der überwältigten Trieren geschmückt, aus der Propontis zurück. Kassandros empfing ihn mit großen Ehrenbezeigungen, übergab ihm, da er selbst Weiteres mit der Flotte zu unternehmen gedachte, sein früheres Kommando von Munychia; bald sah er, wie des Feldherrn Sinn, durch die Erfolge des Seezugs voll Hochmut, nach Höherem trachte, wie er die Besatzung von Munychia, die so lange unter seinem Befehl gestanden, an sich zu ziehen suche, es schon nicht mehr Hehl hatte, in die Reihe der um Herrschaft kämpfenden Feldherren treten zu wollen. Ihm offen entgegenzutreten durfte Kassandros augenblicklich nicht wagen, ihn länger gewähren zu lassen schien noch bedenklicher, da Kassandros hinweg mußte. Eine arge List mußte helfen. Schon waren die Schiffe zur Abfahrt bereit, Kassandros im Begriff, sich einzuschiffen, da kam ein Eilbote aus Makedonien mit Briefen seiner dortigen Freunde, des Inhalts, daß die Makedonen, da der Unwille gegen Polyperchon allgemein sei, ihn an dessen Stelle für das Königtum zu gewinnen wünschten. Sofort ließ er Nikanor zu sich laden, teilte ihm die Briefe mit, umarmte und herzte ihn: jetzt hätten sie beide andere Dinge zu beschaffen, sogleich müßten sie die vorläufigen Anordnungen für das Reich treffen. Damit führte er ihn in ein nahes Haus, um mit ihm unter vier Augen zu sprechen. Hier änderte sich der Ton seiner Reden allmählich; eine Schar Hypaspisten, die sich in dem Hause versteckt gehalten, trat auf seinen Ruf hervor und versicherte sich der Person Nikanors. Sofort ließ Kassandros das Heer zur Versammlung berufen und forderte jeden, der wollte, zur Klage gegen Nikanor auf; während er von einigen Truppen unter Dionysios' Befehl Munychia besetzen ließ, erkannten die Versammelten, nachdem viele schwere Beschuldigungen gegen Nikanor vorgebracht waren, auf dessen Tod.

Die Aufforderungen, welche Kassandros bei dieser Gelegenheit aus Makedonien erhalten zu haben vorgab, waren keineswegs eine völlige Erdichtung. Dort war von seiten der jungen Königin Eurydike eine Intrige angeknüpft worden, welche die schon so sehr verwirrten Verhältnisse des Reiches nur noch tiefer und an der verletzbarsten Stelle zerrüttete. Eurydike mochte bei Antipatros' Tod gehofft haben, unter dem Namen ihres Gemahls endlich ihre Rolle spielen zu können; statt dessen hatte Polyperchon,[149] vielleicht weil sie ihm für große Dinge noch zu jung schien, die Königinmutter, die sich in Epeiros aufhielt, eigeladen, nach Makedonien zu kommen. Auf Eumenes' Rat blieb die alte Königin noch in Epeiros. Die anfangs bedeutende Stellung Polyperchons mochte Eurydike vorsichtig zögern lassen; in der Stille wird sie ihre Ränke gesponnen haben; wenn in dieser Zeit dem Leben des jungen Alexander nachgestellt wurde, wenn seine Mutter Roxane mit ihm nach Epeiros flüchtete, so argwöhnte man, daß Eurydike ihre Hand dabei im Spiele hatte15.Aber als ihr Gemahl nach Makedonien zurückgekehrt, als Polyperchons Macht vor dem Peiraieus und vor Megalopolis gescheitert war, als sich in Makedonien und Griechenland die allgemeine Stimme gegen ihn erhob, begann sie dreister hervorzutreten; in kurzem hatte sie bei der vollkommenen Unbedeutendheit ihres Gemahls den Einfluß, den sie wünschte. Es lag in der Natur der Sache, daß sie sich den Feinden Polyperchons zuwandte. Kassandros war ihr der nächste; sie trat ihm in Unterhandlung; die großen Aussichten, die sich ihm mit dieser Verbindung eröffneten, mögen mitgewirkt haben, daß er, obschon ohne bedeutende Streitkräfte, so rasch, so entschieden das Übergewicht in Griechenland erhielt, daß sich namentlich Athen ihm ergab. Gleichzeitig erfolgte der Sieg bei Byzanz. Polyperchon mußte eilen, wieder in Makedonien zu sein, er mußte für die erlittenen Verluste ein neues Gewicht in die Waagschale seiner Macht zu werfen wünschen. Olympias entschloß sich jetzt zur Heimkehr. Kam sie, kam Polyperchon, so war es, das erkannte Eurydike wohl, um ihre Macht, die sich kaum zu bilden begonnen hatte, geschehen; sie entschloß sich, Kassandros zu ihrem Schutz aufzurufen, sie ernannte ihn im Namen ihres Gemahls zum Reichsverweser, sie sandte an Polyperchon den Befehl, das Heer an Kassandros zu übergeben, den der König zu seinem Nachfolger als Reichsverweser ernannt haben, sie schickte dieselbe Botschaft nach Asien an Antigonos.

So gewann der große Kampf zwischen den Mächtigen im Reiche wenn nicht eine neue Gestalt, doch neue Namen; nicht mehr für oder wider das Königtum, sondern für Olympias oder für Eurydike, für den jungen Alexander oder für Arrhidaios, für Alexanders oder Philipps Geschlecht schien die Alternative des Kampfes zu gelten; es waren die Parteinamen wie gleich nach dem Tode des großen Königs, und nur der Unterschied, daß sich damals die Faktionen nach dem Interesse des Königtums geschieden hatten, jetzt das königliche Haus dem Interesse der Parteien folgte, und indem es Rettung und Bedeutung suchte, sich selbst und das Königtum vernichten sollte.[150]

An dieser Stelle befindet sich in den auf uns gekommenen Nachrichten eine sehr merkliche Lücke. Kassandros geht, nachdem er Nikanor beseitigt hat, nach Makedonien; »viele seiner Landsleute traten zu ihm über; auch die griechischen Städte ergriff ein förmlicher Eifer für die Verbindung mit ihm, denn Polyperchon schien sehr unverständig und nachlässig für das Reich und die Bundesgenossen zu sorgen; wogegen Kassandros, indem er sich gegen alle milde und in der Führung der Angelegenheiten sorgfältig zeigte, viele für sein Regiment gewann«. Mit dem nächsten Frühling ist er wieder, nachdem er aus Makedonien die Elefanten geholt hat, die nicht mit Polyperchon ausgezogen waren, in Griechenland und kämpft mit großem Erfolg in der Peloponnes. Es fehlt uns die Geschichte dieses Feldzugs gegen Makedonien, welcher den Winter 318 auf 317 ausfüllt. Kassandros muß namentlich unter den vornehmeren Makedonen vielen Anhang gefunden, außer den Kriegselefanten eine bedeutende Streitmacht zusammengebracht haben; es scheint seine Meinung gewesen zu sein, daß nach dieser vollkommenen Revolution in Makedonien selbst Olympias nicht wagen werde heimzukehren, und daß nötigenfalls das unter Eurydike zurückbleibende Heer hinreichen werde, Makedonien zu verteidigen; er ist gewiß nach Griechenland zurückgekehrt, um dort Polyperchon zu überwältigen und dann die von demselben hier und dort zurückgelassenen Besatzungen zu vernichten.

Die Verhältnisse entwickelten sich anders. Polyperchon scheint sich mit seiner sehr geschwächten Macht auf Aitolien oder Epeiros zurückgezogen zu haben, und Kassandros mochte es für wichtiger halten, sich Griechenlands zu versichern. Während er zur Peloponnes hinabzog, hatte sich Polyperchon mit dem König Aiakidas von Epeiros in Verbindung gesetzt, ihn veranlaßt, seine Epeiroten aufzubieten, um mit ihm vereinigt die Königin Olympias und den jetzt sechsjährigen Sohn Alexanders nach Makedonien zurückzuführen; es wurde ihm die einstige Vermählung seiner Tochter Deidameia mit Alexander versprochen. Eurydike hatte auf die Nachricht hiervon Boten an Kassandros gesandt, um schleunige Hilfe zu fordern; mit Geschenken und großen Versprechungen gewann sie die Tätigsten unter den Makedonen für ihre Sache; sie zog an der Spitze des Heeres den Feinden an die Grenze entgegen, um ihnen den Eingang in das makedonische Gebiet zu sperren; sie lagerte bei Euia. Olympias wünschte die Sache mit einem Schlage geendet zu sehen; beide Heere lagerten einander gegenüber16; aber die Makedonen in Eurydikes[151] Heer erklärten, sie würden nimmermehr wider die Mutter ihres großen Königs kämpfen; sie gingen zu Olympias über. Gleich jetzt wurde Philipp Arrhidaios mit seinem Hofstaat gefangen genommen; Eurydike entkam mit Polykles, einem der Vertrauten, nach Amphipolis, wurde dort eingeholt und festgenommen. Überall in Makedonien empfing lauter Jubel die Mutter des großen Alexander.

Sie hatte jetzt die Macht, alle Unbill, die sie erfahren, zu rächen; so lange Jahre gehemmt, brachen die dunklen Gluten ihres wilden Gemütes jetzt um so furchtbarer hervor. War es nicht Antipatros gewesen, der sie, die Mutter des Welteroberers, mißehrt und zur Flucht nach Epeiros gezwungen, der ihre Tochter Kleopatra vor ein makedonisches Gericht geladen und auf den Tod verklagt hatte? War es nicht dessen Sohn Iolaos gewesen, der ihrem großen Sohne, wie alle Welt sagte, das Gift gereicht hatte? War es nicht wieder ein Sohn des Antipatros, der im Bunde mit den empörten Machthabern in Asien als Kämpfer für die verabscheute Eurydike dem Verweser des Reiches gegenüberstand? Auch des Früheren gedachte sie; oft hatte sie König Philipp vernachlässigt um thrakischer oder thessalischer Weiber willen; sie haßte die Stiefkinder, wie sie einst in Eifersucht gegen ihre Mütter geglüht hatte; sie haßte diesen blödsinnigen Arrhidaios, den Sohn der thessalischen Tänzerin, sie haßte zwiefach diese Eurydike, die Tochter der wilden Kynane, die tollkühn sich des Reiches zu bemächtigen gedacht hatte. Beide, ihr Anhang, Kassandros' Freunde, alle, die sie selbst einst um Antipatros' willen mißehrt hatten, das ganze Makedonien war jetzt in ihrer Hand; in ihrer Seele schien nichts als der eine Gedanke der Rache zu sein. Sie befahl, Arrhidaios und Eurydike in engem Raume einzumauern, ihnen dann durch eine kleine Öffnung die notdürftige Nahrung zu reichen, damit nicht der Hungertod ihre Qual zu früh ende; sie freute sich an dem greulichen Elend der Unglücklichen und war erfinderisch, es mit neuen Martern zu mehren. Das erbarmte selbst die rohen Herzen der Kriegsknechte; bald wurde der Unwille allgemein. Ärgerem vorzubeugen, befahl die Königin einigen Thrakern, den König in seinem Turm mit ihren Pfeilen zu durchbohren; Eurydike aber, trotzig bis in den Tod, schrie laut, daß es die Vorübergehenden hörten: ihr gebühre das Königtum, ihr allein; ihr Vater Amyntas sei von König Philipp um den Thron, sein väterliches Erbe, betrogen, vom König Alexander seines Lebens beraubt, sie sei des Königtums Erbin, des makedonischen Königs Gemahlin. Darauf sandte Olympias ihr ein Schwert, einen Strang, einen Gifttrank: sie möge wählen. Ohne ein Wort des Jammers, zu den Göttern flehend, daß sich Olympias einst der gleichen Geschenke erfreuen möge, knüpfte sie, nachdem sie des auf den Tod getroffenen Gemahls Wunde besorgt und ihn mit dem Mantel bedeckt, ihren Gürtel[152] an das Gesims und erhängte sich. Nach diesem Ausgang des Königs und der Königin wütete Olympias weiter gegen deren Freunde; sie ermordete Kassandros' Bruder Nikanor, sie ließ das Grab seines Bruders Iolaos aufwühlen, sie ließ Hunderte von Kassandros' Freunden, die Edelsten des Landes, hinrichten. So vollbrachte Olympias in gräßlicher Eile das Werk ihrer Rache; die Gemüter der Makedonen, die sie bei ihrer Heimkehr jubelnd begrüßt hatten, wandten sich voll Abscheu von ihr; alle sehnten sich nach einem Wechsel der Herrschaft, welche den Zorn der Götter in die Hand der furiengleichen Königin gegeben zu haben schien.

Kassandros belagerte die Stadt Tegea in der Peloponnes, als er von Olympias' Sieg, von dem, was darauf Gräßliches geschehen war, von der allgemeinen Erbitterung der Makedonen erfuhr. Er beschloß, sofort nach Makedonien zu gehen; vergebens beschworen ihn die Bundesgenossen, sie nicht zu verlassen und in Alexandros' Gewalt zu geben, der mit einem Heere bereit stand, die Peloponnes zu überfallen; mehr als je war jetzt die günstigste Zeit, Makedonien zu nehmen; dort Herr, hoffte Kassandros bald auch über die Gegner in Griechenland obzusiegen. Eiligst zog er über den Isthmos nach Boiotien; dort erfuhr er, daß die Aitoler, um Olympias und Polyperchon zu gefallen, in die Thermopylen gerückt seien und den Durchgang sperrten; um sich nicht aufzuhalten, brachte er aus Euboia und Lokris so viele Schiffe, als er vermochte, zusammen, nach Thessalien überzusetzen17.

Auf die Nachricht, daß Kassandros aus der Peloponnes heranziehe, war Polyperchon aus Makedonien über die Berge in die Landschaft Perrhaibia gezogen, hielt die Pässe dort besetzt; er hoffte, daß der Durchzug durch die Thermopylen den Feind lange aufhalten werde; da stand plötzlich Kassandros mit seinem Heer in Thessalien. Polyperchon war nicht imstande, die perrhaibischen Pässe und den Weg von Tempe zugleich zu decken; er sandte nach Makedonien, daß schleunigst Truppen aufbrächen, die Pässe von Tempe zu besetzen. Schon hatte Kassandros gegen ihn selbst den Strategen Kalas gesandt, um ihn zu beschäftigen, während Deinias mit hinreichenden Truppen vorauseilte, schnell Tempe besetzte und die Truppen, die Olympias hieher sandte, zurückwarf. Dem siegreichen Heer stand der Weg über Dion und Pydna nach Pella offen; täglich mehrte es sich durch den Zulauf derer, die Olympias' Herrschaft verabscheuten.

Olympias erkannte die große Gefahr, in der sie sich befand; da Polyperchon vollauf zu tun hatte, um wenigstens den Eingang in die oberen[153] Provinzen und die Straßen nach Epeiros zu decken, ernannte sie Aristonus, des Pisaios Sohn, der schon unter den sieben Leibwächtern Alexanders gewesen war, zum Strategen, mit dem Befehl, das offene Land gegen Kassandros zu verteidigen; sie selbst warf sich in die feste Stadt Pydna an der Küste. Mit ihr waren der junge König und seine Mutter Roxane, Thessalonike, Deidameia, die Tochter des Königs Aiakidas, die Töchter des Attalos, viele edle Frauen, ein zu reicher Hofstaat für die Belagerung, die man erwarten mußte; nicht einmal Vorräte genug waren in der Festung. An Streitkräften hatte die Königin einige ambrakische Reiter, die Mehrzahl der Truppen des Hauses, sämtliche Elefanten, die Kassandros im letzten Winter nicht mit sich genommen hatte; freilich nicht Macht genug, der Übermacht Widerstand zu leisten; sie hoffte sich halten zu können, bis ihr vom Meere her, namentlich durch Polyperchons Sohn Alexandros und durch die Griechen, die seiner Macht und dem Interesse der Demokratie folgen würden, Hilfe kommen werde; sie erwartete, daß Aiakidas von Epeiros zu ihrem Entsatz herbeieilen, daß Aristonus sich mit Polyperchon vereinigen und die Feinde aus dem Felde schlagen werde.

Indes war Kassandros, seinen Weg ändernd, durch die perrhaibischen Pässe in Makedonien eingerückt und in Eilmärschen auf Pydna marschiert; er schloß schnell die Stadt ein und umgab sie mit Wall und Graben vom Meere bis zum Meere; er ließ den Staaten, die geneigt seien, ihm zu helfen, entbieten, Schiffe, Geschosse, Kriegsmaschinen aller Art herbeizusenden, um die Stadt zugleich von der Seeseite zu belagern. Auf die Nachricht, daß Aiakidas von Epeiros mit bedeutendem Heere zum Entsatz der Königin herankommen werde, schickte er Atarrhias mit einem Teil des Heeres dem Epeiroten entgegen in so beschleunigten Märschen, daß die Pässe nach Epeiros vor Ankunft der Epeiroten besetzt waren. Hatten diese sich schon unwillig dem Aufgebot ihres Fürsten gestellt, so murrten sie jetzt, da sie an den Feind und in die Pässe sollten, noch lauter, begannen endlich offene Meuterei; Aiakidas entließ die, welche nicht weiter folgen wollten, um mit den Kampfbereiten desto sicherer Pydna zu erreichen; die Zahl derer, die bei ihm blieben, war zu klein, als daß er mit ihnen den Durchzug hätte erzwingen können. In Epeiros aber brachten es die Heimgekehrten zu einem allgemeinen Aufstand; es wurde, zum ersten Male in den Jahrhunderten, daß Achills Nachkommen über die Molosser herrschten, der König durch allgemeinen Beschluß für abgesetzt erklärt; viele seiner Freunde wurden getötet, andere retteten sich durch die Flucht, des Königs einzigen Sohn Pyrrhos, damals in einem Alter von zwei Jahren, flüchteten einige Getreue unter großen Gefahren in das Land des Taulantinerfürsten Glaukias. Die Epeiroten schlossen mit Kassandros[154] ein Bündnis, und dieser sandte ihnen den Lykiskos als Landesverweser und Strategen. Durch diese Wendung der Dinge wurde der Sache der Königin nicht bloß der bedeutendste Bundesgenosse entzogen, sondern viele Makedonen, die bisher noch angestanden hatten, Partei zu nehmen, traten jetzt, da sie Olympias' Sache für verloren hielten, auf Kassandros' Seite. Aristonus hatte zwar einige tausend Mann Truppen zusammengebracht, aber er war zu schwach, um Pydna entsetzen zu können. Die einzige Hoffnung der Königin war Polyperchon; aber Kassandros' Feldherr Kalas hatte, als er ihm gegenüber lagerte, Mittel gefunden, reiche Geschenke an dessen Soldaten zu verteilen; haufenweise traten sie über, nur wenige blieben dem Reichsverweser treu, er vermochte nichts zum Entsatz der Königin zu unternehmen.

Indes hielt Kassandros Pydna eng eingeschlossen; hinderte ihn die winterliche Kälte, zum Sturm gegen die starken Werke der Stadt anzurücken, so wurde sie um so sorgfältiger von der Land- und Seeseite her gesperrt. Bald begann in derselben Mangel am Notwendigsten; die Soldaten erhielten schon nicht mehr als fünf Choinix Mehl auf den Monat, so viel, als sonst ein Sklave in fünf Tagen; den Elefanten wurden Balken geschrotet und als Futter aufgeschüttet; man schlachtete die Pferde, um ihr Fleisch zu genießen. Immer noch hoffte Olympias auf Entsatz und wollte von Übergabe nichts wissen; bei der elenden Nahrung hungernd, stürzten die Elefanten; den Reitern, die nicht im Aufgebot waren, wurden ihre Rationen entzogen, die meisten von ihnen starben des Hungertodes, viele auch von den makedonischen Soldaten; einige von den Barbaren nährten sich von den Leichen der Gestorbenen; die Hauptleute der Truppen des Hauses ließen die Toten einscharren oder über die Mauern werfen, aber deren Zahl war zu groß; bald war die Stadt mit Verwesenden, mit Leichendunst gefüllt, so daß nicht allein die fürstlichen Frauen, sondern die alten Soldaten selbst den Gestank, den scheußlichen Anblick, das gräßliche Elend nicht mehr zu ertragen vermochten. Nur die greise Königin blieb unerschütterlich. Nun rückte die Jahreszeit vor, die wärmere Sonne machte den Geruch der Verwesung noch ärger; den Soldaten konnte keine Nahrung mehr gereicht, kaum mehr für den Bedarf der Königin und ihrer nächsten Umgebung gesorgt werden. Die Truppen forderten entweder die Übergabe der Stadt oder den Abschied. Sie wurden entlassen. Kassandros nahm sie willfährig auf, verteilte sie in verschiedene Städte des Landes; er hoffte durch diese Beweise seiner Milde, durch die Verbreitung der Nachricht, in wie hoffnungsloser Lage Olympias sei, den Bewegungen zuvorzukommen, welche sich an manchen Orten zugunsten der Königin zeigten. Denn noch waren die entfernteren Landschaften in Händen der Strategen Aristonus und Monimos, und der stolze Mut, mit[155] dem sich die Königin hielt, das Schicksal des königlichen Hauses mußte Stimmungen erwecken, die nur geschickt benutzt zu werden brauchten, um Rettung zu schaffen. Aber was die entlassenen Soldaten erzählten, zeigte, daß Olympias' Sache verloren sei; auch die oberen Gegenden erklärten sich für Kassandros. Aristonus und Monimos vermochten sich nicht mehr auf dem flachen Lande zu halten; sie zogen sich ganz, jener auf Amphipolis, dieser auf Pella zurück.

So ohne alle Aussicht auf Hilfe, entschloß sich Olympias zu fliehen. Eine Pentere wurde in See gebracht, sie und die Ihrigen aufzunehmen. Als sie an den Strand kamen, war das Schiff hinweg. Kassandros hatte es wegnehmen lassen; durch einen Überläufer hatte er erfahren, was die Königin beabsichtigte. Ihr blieb keine Hoffnung mehr. Sie schickte Gesandte an Kassandros, um einen Vertrag zu unterhandeln; er forderte Ergebung auf Gnade und Ungnade, sie erhielt mit Mühe, daß ihr und nur für ihre Person Leib und Leben zugesichert wurde. So fiel im Frühling 316 Pydna; die königliche Familie war in Kassandros' Händen.

Kassandros sandte nach Pella und Amphipolis Truppen, die Übergabe zu fordern. Monimos ergab sich ohne weiteres. Aristonus dagegen hatte wenige Tage vorher Kassandros' Strategen Krateuas besiegt, den größten Teil des Korps niedergemetzelt, den Rest, etwa 2000 Mann, in einer Stadt von Bisaltien, wohin sich Krateuas geworfen hatte, belagert, ihn genötigt zu kapitulieren. Er hoffte, sich jetzt in Amphipolis halten zu können, bis Polyperchon und dessen Sohn Unterstützung brächten, er hoffte, auch Eumenes werde von Asien her Hilfe senden; er weigerte die Übergabe: er wolle die Sache des Königs und der Königin verteidigen und lieber sterben, als seinen Eid und seine Treue brechen. Als ihm aber Briefe der Königin gebracht wurden, die ihm die Übergabe der Stadt befahlen und ihn seines Eides entbanden, öffnete er die Tore. Ihm wurde vollkommene Sicherheit seiner Person zugesagt.

Kassandros war Herr von Makedonien; seine nächste Sorge war, den Besitz zu sichern, auf den er noch kühnere Hoffnungen gründete. Er fürchtete die Besiegten, diesen Aristonus, der, ehemals von Alexander bevorzugt, hochgeehrt unter den Makedonen und der Sache des Königtums treu ergeben, seinen Plänen Schwierigkeiten in den Weg werfen konnte und gewiß bereit dazu war, – diese alte Königin, der, solange sie lebte, in welcher Verbannung, Erniedrigung, Ohnmacht immer, der Name ihres großen Sohnes eine nie versiegende Quelle von Macht war, – diesen Knaben Alexander, den rechtmäßigen Erben des Reiches, um den sich bei nächster Gelegenheit die Mißvergnügten wieder sammeln, dessen Recht zu vertreten den übrigen Machthabern einen mächtigen Hebel und die Rechtfertigung rücksichtslosen Einschreitens geben konnte. Kassandros[156] wagte nicht offen zu handeln; er eilte durch Umwege zum Ziele. Verwandte des Krateuas, erfuhr man in einiger Zeit, hätten den Leibwächter Aristonus umgebracht. Dann wurde eine allgemeine Versammlung der Makedonen gehalten; Kassandros fragte, was sie wollten, daß mit Olympias geschähe? Dann traten die Blutsverwandten jener hundert Edlen, welche Olympias vorigen Jahres hatte hinrichten lassen, in Trauerkleidern auf, jammerten um den Tod der Ihrigen, verklagten die Königin auf den Tod; ohne daß sie anwesend war, sich zu verteidigen, oder ein anderer für sie sprach, wurde das Todesurteil über sie gesprochen. Kassandros sandte eiligst an sie: noch sei Zeit zur Flucht; er ließ ihr ein Schiff anbieten, das sie sicher nach Athen bringen könne; nicht etwa, um sie zu retten, sondern damit sie flüchtend das Urteil bestätige und anerkenne, und wenn sie dann unterwegs beseitigt würde, nichts anderes als Gerechtes erlitten zu haben schien. Olympias antwortete, sie habe die Absicht nicht, ihr Leben durch die Flucht zu retten; sie sei bereit, vor den Makedonen ihre Sache zu verteidigen. Dem wagte Kassandros sich nicht auszusetzen; er fürchtete ihre Kühnheit, den Eindruck ihrer ungebeugten Hoheit, das Gedächtnis Philipps und Alexanders, das sie anrufen werde, den Wankelmut der Makedonen, eine plötzliche Bewegung zu ihren Gunsten; sie mußte sterben. Zweihundert Mann wurden ausgesandt, das Urteil zu vollstrecken; ihnen wurde geboten, sie ohne weiteres zu durchbohren. Sie zogen in das Schloß, in dem sich Olympias befand; mit dem Purpur und Diadem geschmückt, auf zwei Frauen gestützt, ging sie ihnen entgegen; sie traten zurück, sie wagten nicht, sich an Alexanders Mutter zu vergreifen. Dann übertrug Kassandros den Verwandten der hingerichteten Makedonen die blutige Tat; von Steinwürfen, denen sie festen Blickes die Brust darbot, zu Boden geschmettert, ohne Klage oder Tränen, sterbend noch die greisen Haare ordnend und den sinkenden Leib in das Gewand verhüllend, starb sie.

Es ist erschütternd, wenn im Kampf die Größe der Größe erliegt; wenn aber die letzten riesigen Gestalten einer großen Zeit, in wilder Leidenschaft von Schuld zu Schuld rasend, mit Arglist und lauernder Klugheit umgarnt und zu Boden gerissen werden, damit ein kleineres Geschlecht, das göttliche Strafgericht vollendend, sich in ihre Beuteteile und in ihrem Schmuck prunke, dann ist es, als triebe das Schicksal Hohn mit der Größe und ihrem Sturz.

Kassandros war durch Olympias' Tod der schwersten Sorge frei; er hätte gern auch Roxane und ihren Sohn aus der Welt geschafft, um des Knaben Diadem um sein Haupt zu binden; für den Augenblick war des Geredes über Olympias' Ende zu viel, als daß er sogleich den letzten Schritt zum Ziel hätte wagen mögen; auch wußte er nicht, welchen Ausgang der[157] große Kampf im Morgenlande nehmen werde. Er begnügte sich für jetzt, den Knaben und seine Mutter unter Aufsicht des treuen Glaukias in Haft zu Amphipolis zu halten; er befahl, die Knaben, die mit dem jungen König erzogen wurden, sowie jede Art von Hofstaat zu entfernen, die Gefangenen durchaus beschränkt und abgesondert zu halten, sie vergessen zu lehren, daß ihnen das Diadem der Welt gebühre. Mit höchsten Ehren bestattete er Kynane, Philipp Arrhidaios, Eurydike zu Aigai in den Gräbern der Könige und hielt ihnen prächtige Leichenspiele. Er selbst vermählte sich mit Thessalonike, des Königs Philipp Tochter, sie sollte ihm einen Anspruch auf das Königtum geben, dessen Namen nur er noch vermied; in allem sonst war er und tat er als des Landes König, selbst eine Stadt seines Namens, Kassandreia auf der Halbinsel Pallene, in die er die Überbleibsel der Bevölkerung von Poteidaia, Olynthos, einigen anderen von Philipp zerstörten chalkidischen Städten berief, gründete er in dieser Zeit und stattete sie des reichlichsten mit Ackerland und Gerechtsamen jeder Art aus18. Niemand konnte im Zweifel sein, wohin Kassandros' Absicht gehe; daß ihn, wie der Verlauf der Erzählung zeigen wird, nur noch die Rücksicht auf die Machthaber in Asien, die Gleiches erstrebten, hemmte, daß ihm seitens des Heeres und des Volkes so gut wie nichts in den Weg gelegt wurde, zeigt entweder, wie das königliche Haus bereits gleichgültig angesehen wurde, oder daß die Furcht vor dem blutigen Sieger stärker war als die Anhänglichkeit für das unglückliche Geschlecht des großen Königs; oder durfte Kassandros glauben, durch seine Vermählung mit Philipps Tochter zu rechtfertigen, was er gegen Alexanders Mutter schon getan hatte, gegen Alexanders Sohn und Witwe zu vollbringen im Sinne trug?

Vielleicht ist unter den Diadochen und Epigonen kein Charakter so verschieden beurteilt worden wie der des Kassandros. Es wird wohl hervorgehoben, daß er ein hochgebildeter Mann gewesen sei, daß er den Homer überaus geliebt, daß er mit Männern der höchsten wissenschaftlichen[158] Bildung Umgang gepflogen habe. Man darf hinzufügen, daß allerdings seine Stellung schwieriger, sein Tun mehr der Mißdeutung ausgesetzt war als das der übrigen Großen, daß ihn seine Verhältnisse stets in Konflikt mit den Griechen und mit dem königlichen Hause brachten, für die das Urteil nur zu leicht bestochen ist, daß in mehr als einer Hinsicht seine Einsicht, die kluge Wahl der Mittel, sein festes Beharren bei dem, was er als notwendig erkannt hatte, zu rühmen ist; man muß zugeben, daß er sich nie, wie etwa Polyperchon, mit Halbheiten und Bedenklichkeiten, wie sie, wenn nicht für den Verstand, so doch für das gute Herz Zeugnis geben mögen, um die Möglichkeit des Erfolges gebracht hat, daß er in der Tat ein Charakter und von der Willenskraft ist, das vorgesteckte Ziel sicheren Schrittes zu verfolgen und um jeden Preis zu erreichen. Aber man entdeckt an ihm auch nicht einen Zug, der mit der Härte, der Kälte seines Wesens, die die Verhältnisse fordern mochten, versöhnen könnte. Während seine Altersgenossen (er wird um 354 geboren sein) mit dem großen König Asien kämpfend durchzogen, hatte er daheim beim Vater gelebt; das erste, was unsere Überlieferung von ihm berichtet, ist, daß er, nach Babylon gesandt, um den Vater zu entschuldigen, als Alexander ihn zur Audienz beschied, die Majestät seines königlichen Herrn durch ein Hohnlachen über Dinge verletzte, welche die Natur des Hoflagers mit sich brachte. Mögen die späteren Jahre und das höhere Ziel, das er vor sich sah, ihn die Ausbrüche seines rohen und heftigen Charakters zu beherrschen gelehrt haben, stets wird sein Verhalten gegen das Geschlecht Alexanders, sein Haß und Hohn gegen alles, was an den großen König erinnert, das Gefühl beleidigen; und wenn seine Klugheit gelegentlich auch gütig, versöhnlich, großmütig zu scheinen versteht, so verdeckt solche Maske sein Wesen nicht, das in dem Maße widerwärtiger erscheint, als es egoistisch, rücksichtslos, tyrannisch ist. Es ist in ihm eine starke Ader von dem principe volendosi mantenere des Macchiavell; er versteht die crudeltà ben usate und hat gelernt, a essere non buono ed usarlo e non usarlo secondo la necessità. Während sich unter dem Regiment der übrigen Diadochen eine neue Zeit und neue Entwicklungen hervorbilden, erscheint sein Wirken nur negativer Art, nur Niederarbeiten des hochgesteigerten makedonischen Wesens, nur Zerstörung dessen, was eine große Zeit und große Taten geschaffen haben. Die Geschichte hat ihn zum Henker des königlichen Geschlechtes ausersehen.[159]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 2, S. 111-160.
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Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

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