Die Erzieherin. – Der Friedhof.

[26] In der Tiergartenzeit ist die mütterliche Hand kaum je mit meinem Gesicht in andere als zärtliche Berührung gekommen. Jede Erinnerung an sie ist schön und heiter. Wenn mir die Mutter später bekannte, sie habe es sich zur Aufgabe gestellt, uns eine glückliche Kindheit und Jugend zu schaffen, so ist ihr ihre Losung schon dort aufs beste gelungen. Ich weiß noch recht wohl, wie munter sie mit uns zu scherzen und zu spielen verstand, und aus der frühesten Zeit schaut mir ihr liebes Gesicht besonders froh und anmutig entgegen. Und doch war sie mit dem schwersten Kummer im Herzen in die Tiergartenstraße gezogen.

Von derjenigen, die sie als Erzieherin der beiden ältesten Kinder dahin begleitete und ihr eine treue Freundin wurde, weiß ich, wie bedürftig des Trostes sie gewesen war, wie voll und ganz die Stimmung der Seele der tiefen Witwentrauer entsprach, die sie trug, und in der sie einen so rührend schönen Anblick gewährt haben soll.

Bernhardine Kron hieß damals dies seltene Wesen. Sie war eine Mecklenburgerin und vereinte mit einer reichen, tief gehenden Bildung die wackere Gesinnung, das warme Gemüt und die Herzenstreue dieses tüchtigen und sympathischen deutschen Stammes. Wie die Mutter sie, so hatte sie die junge Frau, deren Kindern sie ihre besten Kräfte widmen sollte, schnell lieb gewonnen, und noch in späteren Jahren wurden die Augen ihr feucht, wenn sie von der Zeit erzählte, da sie in unserem stillen Landhause den Kummer der Mutter getragen und ihr bei dem Erziehungswerke geholfen hatte.[26]

Sie ist später die Leiterin der höheren Töchterschule in Stettin und endlich die Gattin des dortigen Konsistorialrats Textor geworden. Nach kaum einjähriger Ehe verlor sie den Gatten und widmete den langen Rest ihres Lebens den Kindern, die sie mit erheiratet hatte, und die unter ihrer wahrhaft mütterlich treuen Sorge zu trefflichen Menschen gediehen.

Uns Kleine zog sie ans Herz. Jede Erinnerung an sie ist wohlthuend und freundlich. Bis zu ihrem späten Heimgang folgte sie dem Lebenswege jedes einzelnen von uns. Meiner Schwester Martha, ihrem ältesten und bevorzugten Zögling, schickte sie zur Hochzeit ein Paar selbstgestrickter Strümpfe, die sie mit der Zahl 100 gezeichnet, weil sie in den Handarbeitstunden den Satz oft wiederholt hatte, daß ein Mädchen, um zum Heiraten berechtigt zu sein, hundert Paar Strümpfe gestrickt haben müsse. Der Brief, den sie mir nach meiner Verlobung schrieb, atmet die treueste Liebe, und ich habe ihn dankbar bewahrt.

Sie und die Mutter erzählten gern von den stillen Abenden, an denen sie, wenn alles andere zur Ruhe gegangen war, ganz allein gelesen oder durchgesprochen hatten, was ihnen das Herz bewegte. Da gab jede der andern, was sie vermochte. Die deutsche Erzieherin ging mit der Patronin unsere Klassiker durch, und die Mutter las ihr die Werke von Racine und Corneille vor und hielt sie an, französisch und englisch mit ihr zu sprechen; denn sie beherrschte, wie so viele Holländerinnen, diese Sprachen, als sei sie in Paris oder London erwachsen. Das Bedürfnis, zu lernen und von dem eigenen reichen geistigen Besitz mitzuteilen, ist der Mutter bis ins späte Greisenalter eigen geblieben, und was hat nicht jedes von uns dem[27] Anteil zu danken, den sie ihm an ihren Kenntnissen und Erfahrungen gewährte!

Auch Fräulein Kron blieb bis ans Ende für die geistige Förderung erkenntlich, die ihr, der Lehrerin, durch die »Prinzipalin« zu teil geworden war, während diese des Trostes und der Erhebung nie vergaß, die ihr das warme Herz der treuen Mecklenburgerin in den schwersten Tagen des Lebens gespendet.

Jene späten einsamen Stunden in rauher Winterszeit nahmen gewöhnlich einen ernsten Verlauf, doch die Mutter wie die Erzieherin lachten noch als Greisinnen herzlich. wenn sie sich eines gewissen Vorgangs von damals erinnerten. An einem sehr kalten Abend war das Kaminfeuer ausgegangen, und die sonst so mäßigen Frauen hatten sich einen Punsch bereitet, um das Buch, das sie zu lesen begonnen, zu Ende zu bringen. Als sie sich um Mitternacht endlich erhoben, sagte die Mutter: »Ich glaube, Fräulein, ich stehe nicht fest auf den Füßen,« und die andere versetzte: »Ich weiß nicht, was das ist, aber es scheint mir, als drehe sich das Zimmer um mich her.«

Dann lachten beide hell auf, und die Mutter rief: »Aber dann haben wir ja gewiß zu viel getrunken!«

»Welche Schande!« lallte die Erzieherin; »wenn uns nur die Kinder nicht sehen!«

Darauf geleitete erst die Patronin die Erzieherin in ihr Schlafgemach, dann diese die Patronin unsicheren Schrittes in das ihre, und beide gedachten bis ans Ende des gemeinsamen ersten und letzten Rausches.

So durfte sich auch Heiteres in diese Tage der Kümmernis mischen. Als ich mit Bewußtsein um mich her schaute, war die schwerste Zeit schon vorüber; wenn[28] ich aber vorhin bemerkte, meine ersten Erinnerungen an die Mutter wären froh und sonnig gewesen, so vergaß ich die dem Andenken an den Vater gewidmeten Stunden. Sie machten sich uns selten bemerkbar; denn eine gewisse Keuschheit verhinderte die teure Frau bis ins späte Alter, gerade den tiefsten Schmerz anderen zu zeigen. Mit dem bittersten Seelenweh versuchte sie stets allein fertig zu werden. Darum sahen wir sie auch nur selten weinen, und sogar als der ihr teuerste Bruder und die Großmutter, die ihr sehr lieb gewesen war, die Augen geschlossen hatten, wurde ihrem Wunsch, allein und ungestört zu bleiben, stillschweigend von uns allen Vorschub geleistet. Ihre sonnige Natur scheute sich wohl auch, Schatten und Dunkel um sich her zu verbreiten.

Die Stunden, auf die ich hinwies, flochten sich nicht nur durch unsere Kindheit, sondern kehrten auch wieder, wenn es uns später vergönnt war, bei der Mutter zu weilen.

Der vierzehnte Februar jedes Jahres, der Sterbetag des Vaters, war es, der sie veranlaßte, sich, wo sie sich auch aufhalten mochte, von den Mitgliedern des Hauses und auch von uns Kindern zurückzuziehen. Während des ganzen Vormittags ließ sie sich von keinem sehen oder sprechen, und bei der Mahlzeit und später zeigte ihr ganzes Wesen eine, ich möchte sagen feierliche Würde und Stille, die uns nötigte, leiser zu sprechen und schweigend zuzuhören, wenn sie uns von dem Vater erzählte.

Eine zweite Gelegenheit, ihre schmerzliche Bewegung zu teilen, wiederholte sich mehrmals in jedem Sommer. Es war der Besuch des Friedhofs, den sie selten allein unternahm.

Uns allen haben sich diese Gänge tief ins Gedächtnis[29] geprägt, und meine erste Erinnerung an einen solchen kann spätestens in mein fünftes Lebensjahr fallen; denn ich erinnere mich noch sehr wohl, daß uns einmal die Rappen der Frau Reichert, unserer Wirtin, nach dem Gottesacker führten.

Der Dreifaltigkeitskirchhof vor dem Hallischen Thore war es, auf dem der Vater ruhte. Ich fand ihn so wenig verändert, als ich ihn vor zwei Jahren wieder betrat, daß ich ohne Führer und Aufenthalt dem Ebersschen Erbbegräbnis sicher entgegenschreiten konnte. Dennoch hatte mein körperliches Befinden mich lange fern von ihm gehalten.

Aber welche Umgestaltung war mit dem Wege zu ihm vorgegangen!

Wenn wir ihn mit der Mutter besuchten, und das geschah immer zu Wagen, denn er lag weit von unserer Wohnung entfernt, ging es schnell genug durch die Stadt, das Thor und etwa bis an die Stelle, wo ich jetzt den stattlichen Ziegelbau der Kreuzkirche fand; dann aber wurde nach rechts umgebogen, und, hatten wir in Droschken gesessen, so stiegen wir Kinder aus; denn es wurde den armen Gäulen so gar sauer, die Wagen durch den tiefsandigen Weg, der auf den Friedhof führte, zu ziehen. Auch die Leichen sind in jener weniger eiligen Zeit langsam zu der Stätte gelangt, wo ewige Ruhe ihrer harrte.

Wir Kinder pflückten während der Wanderung durch den Sand blaue Kornblumen, scharlachrote Mohnblüten und bunte Wicken von den Feldern, und Glocken- und Gänseblumen, Wegerich, Ranunkeln und Löwenmaul von den mageren Rasenstückchen zur Seite der Straße, und banden daraus Sträußchen für die Gräber der Unseren.

Hinter dem Gottesackerthor gab es Aufenthalt bei dem[30] Hause zur Rechten des Weges; denn die Besuche der Mutter hatten sie mit seinen Bewohnern, der Familie des Totengräbers Hesse, bekannt gemacht. Dieser wohlbehaltene Mann, von dem wir auch Kränze und Blumen zu kaufen pflegten, kannte uns bei Namen, und ebenso seine besonders hübschen, sauber gekleideten Töchter, deren starke, um den Kopf gewundene schwarze Zöpfe und lebhafte dunkle Augen ich noch vor mir zu sehen meine.

Die anmutigen Mädchen und die bunten Blumen verliehen für mich. den alles dem Auge Wohlgefällige schon früh anzog, dem Eintritt in den Friedhof einen freundlichen Reiz. Das war es wohl auch, was im Verein mit der Fahrt, mit dem Spaziergang und der Unterbrechung des Alltagslebens für Ludo und mich dem Besuche des väterlichen Grabes etwas Festtägliches verlieh und uns veranlaßte, seine Ankündigung mit stiller Freude zu begrüßen.

Schweigend schritt die Mutter mit uns durch die Reihen der Rasenhügel, Denksteine und Kreuze dahin, während wir die Blumenstöcke und Kränze trugen, die sie, um jedem die Freude zu gönnen, sich dienstlich zu erweisen, schon am Totengräberhause unter uns verteilt hatte.

Auch wir flüsterten uns höchstens eine Wahrnehmung zu; denn wie viel Schmetterlinge wiegten sich hier auf den Blüten, wie viel Insekten, und unter ihnen die rot und schwarzen Totenkäfer, die es anderwärts nicht zu sehen gab, krochen hier umher, und wie bemerkenswert erschien uns jedes neue Denkmal, das man seit dem letzten Besuche errichtet.

Unser Erbbegräbnis – jetzt erhebt sich auch schon das Kreuz der Mutter und Paulas neben dem des Vaters –[31] gehört zu denen, die die Friedhofsmauer nach hinten begrenzt, und eine Marmorplatte, die man in sie einließ, zeigt an, wem es eignet. Es ist geräumig genug, um noch einige von uns aufzunehmen und liegt zur Rechten des Weges zwischen dem gräflich Kalckreuthschen und dem stattlichen Mausoleum, das die irdische Hülle Moritz v. Oppenfelds, der uns unter den väterlichen Verwandten weitaus der liebste war, und der Seinen birgt. Für die Gesinnung dieses trefflichen Mannes legt das kleinere Grab neben seiner hohen, vornehm schlichten Familiengruft, das unsere Ruhestätte von der Oppenfeldschen trennt, Zeugnis ab; denn er erwarb es auf ewige Zeit für den treuen und tüchtigen Lehrer seiner Kinder.

Die Mutter trat uns voran in den mit einem eisernen Gitter umgebenen Raum und betete oder gedachte schweigend der teuren Verstorbenen, die da ruhten.

Das ist ja unseren Grabhügeln eigen, daß sie uns wie mit geheimnisvoller Macht diejenigen gleichsam zurückgeben, die unter ihnen ruhen. Mir wenigstens wird es nirgends leichter, mit den mir teuersten Verstorbenen wie mit Lebenden zu verkehren als an ihren Hügeln. Auf Reisen in weiter Ferne, in der Wüste oder auf dem Meere war es mir ein peinlicher Gedanke, zu sterben, nicht weil ich mich vor dem Tode gefürchtet hätte, der uns ja überall zu finden weiß, sondern weil ich mir sagte, daß es denen, die mich liebten, dann unmöglich gewesen wäre, meiner am Grabe zu gedenken. Es hätte sie auch um die tröstliche Freude der Ueberlebenden gebracht, meinen Hügel mit Blumen zu schmücken.

Steht denn uns Protestanten, wenn die Liebe zu einem teuren Verstorbenen sich in uns nach Bethätigung[32] sehnt, ein anderes Mittel zu Gebote, als die Stätte, die sein irdisches Teil birgt, mit Blumen zu schmücken? Ihre bunten Häupter und ein frohes Kinderantlitz sind auch das einzige, dem der Trauernde, dessen Wunden noch frisch an einem Sarge bluten, ihn heiter anzuschauen gestattet, und ich möchte die Blumen mit dem Klang der Glocken vergleichen. Beide sind auf den Höhepunkten des Lebens, den ernsten wie den frohen, am Platz und willkommen. Wie Engelsgrüße erscheinen beide, diese aus der Tiefe, jene aus der Höhe, dem froh oder schmerzlich bewegten Herzen.

Auch was die Mutter dem Grabe des Vaters zuführte, waren immer, außer einem Herzen voll Liebe, Kinder und Blumen.

Wenn sie dem eigenen Seelenbedürfnis Genüge gethan hatte, wandte sie sich an uns und leitete den Schmuck des Hügels mit freundlicher Gelassenheit. Dann erinnerte sie uns an den Vater, und hatte sich eines eine Strafe zugezogen, so legte sie ihm – ein solcher Fall aus später Zeit prägte sich mir fest ins Gedächtnis – den Arm um die Schultern und bat es leise und nur ihm verständlich, sie nicht wieder so zu betrüben und des Verstorbenen zu gedenken. Solche freundliche Mahnung an dieser Stätte konnte nicht unwirksam bleiben und schloß auch die Vergebung in sich.

Während der Rückkehr war Hand und Herz wieder frei, und wir gebrauchten auch wieder die Zunge.

Bei diesen Gängen erwachte auch mein Interesse für Schleiermacher; denn sein Grab – er war drei Jahre vor meiner Geburt 1834 gestorben – lag in der Nähe unseres Erbbegräbnisses, und wir blieben mehr als einmal vor dem Denksteine stehen, den ihm Freunde, dankbare[33] Schüler und Verehrer errichtet. Er ist mit seinem Bildnisse in Marmor geschmückt, und ihm gegenüber erzählte uns die Mutter, die ihm oft persönlich begegnet war, manchmal von dem feinsinnigen Theologen, Philosophen und Kanzelredner, dessen Lehren auf die bedeutendsten meiner Keilhauer Erzieher, wie ich erst viel später wahrnehmen sollte, den mächtigsten Einfluß geübt. Sie kannte auch die schönsten seiner Rätsel, und das folgende, das von keinem andern an sinnvoller Knappheit übertroffen wird:


»Getrennt mir heilig,

Vereint abscheulich«


hatte sie ihn selbst aufgeben hören. Die Lösung: »Mein Eid« und »Meineid« ist ja jedermann bekannt.

Nichts lag der Mutter ferner, als aus diesen Friedhofsbesuchen Veranstaltungen oder besondere Gedenktage zu machen; sie woben sich vielmehr wie etwas Selbstverständliches in unser Leben und wurden keineswegs in bestimmten Zwischenräumen oder an feststehenden Daten unternommen, sondern wenn das Herz sie dazu drängte und das Wetter ins Freie lud. Sie haben nur in meiner Vorstellung und in der der Geschwister infolge der Gemütserhebung, die sich mit ihnen verband, etwas Festtägliches, Weihevolles gewonnen.

Quelle:
Ebers, Georg: Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. In: Gesammelte Werke, 25. Band, Stuttgart, Leipzig, Berlin [um 1895]., S. 26-34.
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Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne
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