13. Kapitel. Ausbreitung des judäischen Stammes und der judäischen Lehre. 40-49.

[369] Verbreitung der Judäer im römischen Reiche und in Partien. Der judäische Raubstaat in Naarda. Vorurteile der Heiden gegen das Judentum. Angriffe judäischer Schriftsteller auf das Heidentum. Die judäischen Sibyllinen. Die antiheidnische Literatur. Der Aristeasbrief. Das Buch der Weisheit. Die Allegoristen. Philo's Bestrebung und philosophisches System. Proselyten. Das adiabenische Königshaus. Die königliche Proselytin Helene. Der Apostel Paulus.


Keinem Volke der Erde ist an der Wiege schon das Lied von endloser Wanderung und Zerstreuung vorgesungen worden wie dem judäischen, und dieses schaurige Wiegenlied ist in erschrecklicher Buchstäblichkeit in Erfüllung gegangen. Es gab kaum einen Winkel in den beiden damals herrschenden Reichen, dem römischen und dem parthischen, worin nicht Judäer wohnten1, und wo sie nicht zu einer religiösen Gemeinschaft zusammen gewachsen wären. Der Rand des großen Mittelmeerbeckens und die Mündung aller Hauptströme der alten Welt: des Nil, des Euphrat, des Tigris, der Donau, waren von Judäern bevölkert. Ein unerbittliches Verhängnis trieb die Söhne Israels immer weiter von ihrem Mittelpunkte fort. Diese Zerstreuung war aber auch ein Segen und ein Werk der Vorsehung. Die Unvertilgbarkeit und Unsterblichkeit des judäischen Stammes ward dadurch gesichert. In dem einen Lande verfolgt, gehetzt, zertreten, sammelte er sich in einem andern und gründete Stätten für die immer teurer gewordene Lehre. Es waren ausgestreute Samenkörner, die bestimmt waren, überallhin lautere Gotteserkenntnis und reinere Gesittung zu tragen. Wie die Kolonisierung der Griechen dazu beigetragen hat, den Sinn für Kunst und Wissenschaft unter den verschiedenen Nationen zu wecken, wie die Ansiedelungen der Römer dazu dienten, ein durch Gesetz geordnetes Gemeinwesen in vielen Ländern zu fördern, so hat die noch viel ausgebreitetere [369] Zerstreuung des ältesten Kulturvolkes, der Judäer, den nicht zu übersehenden Zweck, den Wahngebilden und den tierischen Lastern des Heidentums entgegen zu wirken. Wie zersprengt aber auch der judäische Stamm war, so waren seine Glieder doch nicht von einander losgelöst; sie hatten einen Einigungspunkt im Tempel zu Jerusalem und in dem Synhedrion in der Quaderhalle, an denen die Zerstreuten mit ganzem Herzen hingen. Dorthin waren aller Blicke gerichtet, dorthin sandten alle ihre Spenden, um sich an dem Opferkultus wenigstens durch Beiträge zu beteiligen2. Vom Synhedrion erhielten sie ihre Norm für das gesetzliche Leben, die um so bereitwilliger befolgt wurde, als sie nicht durch Zwang aufgelegt war. Das Synhedrion sandte von Zeit zu Zeit Abgeordnete zu den Gemeinden nah und fern, um sie mit den wichtigsten Beschlüssen bekannt zu machen3.

Der Besuch des Tempels durch die außerpalästinensischen Judäer befestigte das Band der Einheit, und diese Besuche müssen so häufig gewesen sein, daß die auswärtigen Judäer eigene Gotteshäuser in Jerusalem hatten, wo sie sich zum Gebete versammelten. Es gab in der Hauptstadt Synagogen der Alexandriner, Kyrenaïker, Libertiner, Elimäer und Asiaten4. Die Zahl von 480 Synagogen, welche sich in Jerusalem befunden haben sollen5, dürfte nicht allzusehr übertrieben scheinen. Von der großen Zahl der Judäer in dieser Zeit kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß in Ägypten allein vom Mittelmeere bis zu den Grenzen Äthiopiens beinahe eine Million wohnte6. In dem benachbarten Lande Kyrenaika wohnten zahlreiche Judäer, die teils von Ägypten aus dahin verpflanzt und teils freiwillig dahin ausgewandert waren (o. S. 229). In Syrien und namentlich in der Hauptstadt Antiochien bildeten Judäer einen ansehnlichen Teil der Bevölkerung. Die auf Antiochos Epiphanes folgenden Könige von Syrien, besonders Alexander Balas und Demetrios Nikator, hatten ihnen alle Rechte und besonders die Gleichstellung, deren sie der halbwahnsinnige Epiphanes beraubt hatte, wieder eingeräumt. Einer dieser Könige hatte ihnen sogar die aus dem Tempel geraubten Weihegeschenke [370] zugestellt, und diese wurden in ihrer Synagoge aufbewahrt7. In Damaskus wohnten an zehntausend Judäer, und der nabatäische König Aretas hatte da einen vornehmen aus ihrer Mitte zum Ethnarchen, wie in Alexandrien, als Oberhaupt der Gemeinde eingesetzt8. In der Welthauptstadt Rom, dem Anziehungspunkte für Ehrgeizige, Gewinnsüchtige, Schwärmer und Unzufriedene, sammelte sich die judäische Bevölkerung nach ihrer Ausweisung unter Tiberius (o. S. 266) wieder so massenhaft an, daß, als der Kaiser Claudius sie wegen einer unbekannten Veranlassung auszuweisen beschlossen hatte, er wegen ihrer großen Menge nicht wagte, den Beschluß auszuführen. Er verbot ihnen indes religiöse Versammlungen9. Erst gegen Ende seiner Regierung hat Claudius wegen Unruhestiftung eines christlichen Apostels, Namens Chrestus, sie, gewiß nur teilweise, aus Rom vertrieben10. Eine judäische Gemeinde behauptete sich trotzdem in Rom. Sie hatte eine anerkannte Verfassung mit Oberen an ihrer Spitze, welche Archonten und Gerusiarchen betitelt waren. Sie besaß mehrere Synagogen mit einem religiösen Oberhaupte, welches Archisynagogos hieß, auch eigene Begräbnisplätze. Auf den Grabdenkmälern waren zumeist griechische Inschriften angebracht, weil die Gemeindeglieder ursprünglich aus griechisch redenden Ländern stammten, aus Alexandrien und Kleinasien, mit dem Namen der Verstorbenen und dem Schlußworte »Friede« oder »in Frieden sei der Schlaf«. Die Grabsäulen trugen öfter als Symbol einen siebenarmigen Leuchter11. Von Rom aus verbreiteten sich judäische Gemeinden nach Norditalien (Bologna) und nach dem Süden (Capua) bis in die Nähe von Neapel, und diese behielten ihre Gemeindeordnung und Gebräuche von der Urgemeinde bei12.

Größer noch als in Europa, Syrien und Afrika war die Zahl der Judäer in den parthischen Ländern. Sie setzte sich aus Überresten der ehemaligen Exulanten zusammen, die in Mesopotamien und Babylonien ganze Striche inne hatten. Zwei Jünglinge aus Naarda (Nahardea am Euphrat) mit Namen Asinaï (Chasinaï) und Anilaï (Chanilaï) gründeten sogar in der Nähe dieser Stadt einen Raubstaat, welcher den Nachbarländern [371] Schrecken einflößte (um 30). Asinaï und Anilaï waren Weber von Handwerk, und sammelten, als sie einst von ihrem Lehrmeister bestraft wurden und entflohen waren, eine Schar Unzufriedener um sich und brandschatzten die Hirten. Täglich wuchs die Zahl der naardesischen Raubritter, und sie konnten waffengeübt und tollkühn große Streifzüge und kriegerische Überfälle ausführen. So lose waren die Zügel des parthischen Regiments, daß der König Artaban II. mit ihnen ein Bündnis einging und sie förmlich als Herrscher eines unabhängigen Gemeinwesens anerkannte. Fünfzehn Jahre hat dieser sonderbare judäische Staat bestanden, bis er durch Übermut und innere Zwietracht unterging. Anilaï hatte sich in eine schöne heidnische Gefangene verliebt, sie zur Frau genommen und aus Schwäche geduldet, daß sie die Götter ihrer Heimat in ihrem Hause verehren durfte. Darüber war die fromme Schar und auch der ältere Bruder entrüstet, und sie hielten mit ihrer Unzufriedenheit dem Führer gegenüber nicht zurück. Das Zerwürfnis führte dahin, daß Asinaï von der heidnischen Schwägerin vergiftet wurde. Mit Asinaïs Tod wich der Geist aus diesem Staate. Als Anilaï und seine Scharen von Mithridates, dem Schwiegersohne des Königs von Parthien, der die Schmach rächen wollte, die er in der Gefangenschaft der Judäer früher erduldet, angegriffen wurden, wurden sie zersprengt und konnten sich nur durch Raubzüge gegen die heidnischen Babylonier erhalten. Die gegen die Judäer erbitterten Babylonier überfielen aber einst Anilaï plötzlich und machten ihn und seine Schar nieder. Darauf wendeten sie sich gegen die babylonischen Judäer in den offenen Städten, um sie die von Anilaï erduldeten Beraubungen entgelten zu lassen. Viele babylonische Judäer suchten daher in Seleucia, an der Westseite des Tigris, eine Zufluchtsstätte; aber auch hierher hatte sich der Judenhaß verpflanzt. Die Bevölkerung Seleucias bestand nämlich aus Judäern, Griechen und Syrern. Die letzteren lebten vor der Ankunft der Judäer in steter Fehde miteinander. Nach deren Ankunft vereinigten sie sich aber, überfielen plötzlich die Judäer und töteten fünftausend derselben (um 41); die übrigen suchten Schutz in der parthischen Hauptstadt Ktesiphon. Die zwischen Judäern und Heiden ausgebrochene Feindseligkeit hörte damit nicht auf und zwang die Judäer, in den zwei befestigten, von ihren Stammesgenossen bevölkerten Städten Naarda und Nisibis Sicherheit zu suchen13.

[372] Auch in den Ländern jenseits des Tigris, in Persien und Medien, bestanden judäische Gemeinden, und der Synhedrialpräsident Gamaliel erließ auch an sie ein Sendschreiben (o. S. 348). Von den Euphratund Tigris-Gegenden sind wohl viele nach Armenien ausgewandert, ehe noch Tigranes Gefangene aus Judäa mitgebracht hatte. – Wie Naarda und Nisibis die Mittelorte für die Euphratländer waren, so bildeten sich in jedem Landstriche Mittelpunkte, von wo aus sich die judäische Bevölkerung in die Nachbarländer verbreitete, von Kleinasien aus einerseits nach der Gegend des schwarzen Meeres, andererseits nach Griechenland und den Inseln. Die Städte Athen, Korinth, Thessalonica, Philippi hatten judäische Gemeinden14. Rom sandte sicherlich judäische Kolonien westwärts nach Südfrankreich und Südspanien, obwohl sich keine sicheren Spuren von ihrem Vorhandensein in diesen Gegenden vor der Tempelzerstörung nachweisen lassen.

Der erste Eindruck, den das judäische Wesen auf die Heiden machte, war ein abstoßender; die Judäer erschienen ihnen in ihrer eigentümlichen Lebensweise und Tracht und in ihrer religiösen Anschauung wie etwas Sonderbares, Rätselhaftes, Geheimnisvolles, das sie sich nicht zu erklären vermochten, und das sie bald mit tiefer Scheu, bald mit Spott erfüllte. Der Gegensatz zwischen Judentum und Heidentum war so durchgreifend, daß er sich in jedem Tun und Lassen äußerte. Alles, was den Heiden als heilig galt, war in den Augen der Judäer ein Gegenstand des Abscheues, und was wiederum jenen gleichgültig war, galt diesen als Sache der Frömmigkeit. Die Absonderung der Judäer von gemeinsamer Tafel, ihre Scheu vor Ehebündnissen mit Heiden, ihre Enthaltsamkeit von Schweinefleisch und warmen Speisen am Sabbat legten ihnen die Heiden als Verkehrtheit und die Beschränkung des innigen Umganges auf die eigenen Glaubensgenossen als Menschenfeindlichkeit aus15.


»Jegliches Land und jegliches Meer ist von Dir erfüllet,

Jeglicher Dir feindlich gesinnt, ob Deiner Gebräuche«16.


[373] Das judäische Bundeszeichen der Beschneidung war den Heiden besonders ein Gegenstand des Staunens und Lachens. Selbst der Ernst der Judäer, der keinen Anteil nahm an den kindischen Belustigungen und Kampfspielen, erschien ihnen als eine Ausgeburt einer düstern Gemütsart, die an dem Schönen keinen Gefallen findet. – Oberflächliche Geister betrachteten daher das Judentum als einen barbarischen Aberglauben, der Lieblosigkeit gegen das Menschengeschlecht lehre17, während Tieferblickende von der reinen, bildlosen Verehrung eines einzigen Gottes, von der Anhänglichkeit und der tiefen Teilnahme der Judäer aneinander, von ihrer Keuschheit, Mäßigkeit und Standhaftigkeit zur Bewunderung hingerissen wurden18.

Mehr Blößen zeigte das Heidentum und das daraus entsprungene unsittliche Leben dem scharfen Blicke der Judäer. Das wüste Götzentum mit seiner fabelhaften Mythologie, welche die Götter noch niedriger als die Menschennatur machte, der Wahnwitz, lasterhaften Kaisern als Göttern zu opfern, die immer mehr einreißende Sinnlichkeit durch den Verfall Griechenlands und die Berührung der Römer mit den entarteten Völkern, die täglichen Erscheinungen des ehebrecherischen Lebens, die Entartungen der Knabenliebe, der bacchantische Taumel von Wahnglauben und Unglauben machten die Judäer auf ihr geistiges Eigentum um so stolzer und forderten sie gewissermaßen heraus, die Vorzüge ihrer Gotteserkenntnis im Gegensatze zu der heidnischen Religion geltend zu machen. Da wo die griechische Sprache den Gedankenaustausch erleichterte, wie in Ägypten, Syrien, Kleinasien und Griechenland, kam es zu geistigen Reibungen zwischen Judäern und Heiden. Das Judentum lud gewissermaßen das Heidentum vor das Tribunal der Wahrheit und stellte seine eigene Erhabenheit der niedrigen heidnischen Denkweise gegenüber.

Die in der Brust lebende Überzeugung der Judäer rang nach einem Mittel, sie auch den Betörten und Verblendeten beizubringen. Weil aber das Judentum bei den Völkern verhaßt war, griffen die Gebildeteren zu einer Art frommen Betruges, indem sie heidnische Dichter und Wahrsager selbst die Größe des Judentums verkünden ließen. Dem in den Nebel der Sage gehüllten Sänger Orpheus und dem die Allgewalt der Götter darstellenden tragischen Dichter Sophokles legten judäisch-griechische nachbildende Künstler Verse in den Mund, die judäische Lehren und deren Gegensatz gegen das Heidentum offenbaren. Der letztere verkündete:


[374] »Einzig in Wahrheit, einzig in Gott,

Der den Himmel erschaffen und der Erde Räume,

Des Meeres schäumende Wellen und der Ströme Gewalt.

Aber wir Sterbliche, im Herzen betört,

Machen zum Troste für Leiden und Elend

Aus Stein oder Erz künstliche Gebilde der Götter,

Wir gestalten sie auch aus Elfenbein und aus Golde.

Diesen bringen wir Opfer und weihen Festesversammlung.

Solches halten wir für fromme Gottesverehrung«19.


Sobald das römische Wesen sich verbreitet hatte und die Sage von der weissagenden Sibylle bekannt geworden war, beeilten sich judäische Dichter das, was sie im eigenen Namen nicht aussprechen durften, oder wofür sie kein Gehör gefunden hätten, dieser in den Mund zu legen. Die Sibylle spricht den tiefen Gehalt des Judentums in Orakelform aus, erschüttert die Gemüter durch Ausmalen der schrecklichen Folgen der Gottvergessenheit, reicht den Völkern, die sich in blutiger Zwietracht aufreiben, den Olivenzweig des Friedens und der Eintracht hin, wenn sie sich zu dem einen unsterblichen Gott des Judentums bekennen, und eröffnet ihnen glanzvolle Aussichten auf glückseligere Zeiten, von denen die Propheten geweissagt haben. Zur Probe mögen folgende sibyllinische Verse dienen. Im Eingange wird den heidnischen Völkern zugerufen:


Sterbliche Menschen, fleischlich gesinnte und nichtige Wesen,

Wie überhebt ihr so bald euch und schaut nicht aufs Ende des Lebens?

Zittert ihr nicht, und fürchtet ihr Gott nicht, euren höchsten

Herrscher, der Alles als Schöpfer ernährt, welcher pflanzte den süßen

Geist in Alle hinein und zum Herrn aller Menschen ihn machte?

Ein Gott ist, ein einiger Gott, unendlich und ewig,

Herrscher des Alls, unsichtbar, selbst jedoch Alles erblickend;

Aber er selbst wird nimmer gesehen von sterblichen Wesen. ....

Ja, ihr werdet gebührenden Lohn für die Torheit empfangen,

Denn den wahren und ewigen Gott nach Gebühr zu verehren,

Ließet ihr nach; statt ihm Hekatomben, hehre, zu opfern,

Habt den Dämonen ihr Opfer gebracht, den Geistern im Hades.

Und im Dunkel und Wahn geht ihr; vom ebenen, geraden

Pfad abweichend, zieht ihr hin auf dornigen Wegen,

Über Gestein irrt ihr. Hört auf denn, Sterbliche, Toren,

Die ihr tappet in Nacht, in lichtlos finsterem Dunkel20!


Dann wendet sich die Sibylle an Griechenland, als Vertreter des Heidentums:


Griechenland aber, warum vertrautest du sterblichen Herrschern,

Welche dem endlichen Tod nicht zu entfliehen vermögen?

[375] Und warum bringst du dar den Toten vergebliche Gaben,

Opferst den Götzen? Wer hat den Irrtum gelegt in die Seele

Dir, um dieses zu tun und den großen Gott zu verlassen?

Allvaters Namen verehr' und nie sei dir er verborgen.

Tausend Jahr aber sind's und fünfhundert andere Jahre,

Seitdem über die Griechen geherrscht übermütige Herrscher,

Welche zuerst das Böse gelehrt die sterblichen Menschen;

Die viel Götzenbilder gemacht für die, welche tot sind,

Wegen welcher man euch unterwies, auf Eitles zu sinnen.

Aber wenn über euch kommt der Zorn des allmächtigen Gottes,

Dann werdet ihr des großen Gottes Antlitz erkennen.

Aber die Seelen der Menschen zumal werden seufzen gewaltig,

Und zum Himmel empor, dem großen, die Hände erheben,

Und man beginnt einen Helfer zu nennen den mächtigen König

Und des gewaltigen Zornes Abwehr, wer sie sei zu erfragen21.


Im Gegensatz zum Heidentume hebt die Sibylle die Vorzüge des Judentums folgendermaßen hervor:


Eine breitstraßige Stadt gibt's im asiatischen Lande;

Aus ihr ist das Geschlecht der gerechtesten Menschen entsprossen,

Die stets trefflichen Sinns und herrlicher Werke gedenken.

Denn um der Sonne kreisförmigen Lauf nicht, noch um des Mondes,

Noch um gewaltige Dinge sind sie auf Erden bekümmert!

Aber sie sind nur bedacht auf Gerechtigkeit und auf die Tugend.

Auch besitzen sie nicht Geldgier, die den sterblichen Menschen

Tausend Übel gebiert, den Krieg und den schrecklichen Hunger.

Auch ein richtiges Maß haben sie in den Dörfern und Städten,

Auch vollführen sie nicht des Nachts Diebstahl an einander,

Treiben die Heerden nicht weg der Ochsen, Schafe und Ziegen,

Nicht nimmt der Nachbar hinweg die Grenzen vom Lande des Nachbarn,

Und der reichere Mann bereitet dem ärmeren nicht Kränkung

Und betrübet die Witwen nicht; vielmehr leistet er Hilfe,

Steuert der Not mit Weizen stets, mit Wein und mit Öle

Und ist freigebig stets bei dem Volke, für die, welche arm sind.

Ja den Armen gewährt er den Teil von der eigenen Ernte,

Gottes, des großen, Befehl erfüllend, den Laut des Gesetzes:

Denn allen gab der Himmlische ja die Erde gemeinsam22.


Israels Vortrefflichkeit rühmt die Sibylle an einer anderen Stelle:


Denn verständigen Rat hat die Gottheit gegeben

Ihnen allein und Treue und trefflichen Sinn in dem Herzen;

Sie, die nicht mit eitlem Trug die Gebilde der Menschen,

Goldene oder von Erz, von Elfenbein oder von Silber,

Und die Bilder von Holz oder Steinen hinfälliger Götzen,

Oder von Ton mit Mennig gefärbt, tierähnliche Bilder

Ehren, wie immer der Mensch in eitlem Sinne es treibet;

Sondern welche zum Himmel die reinen Hände erheben,

[376] Früh vom Lager und stets rein waschen mit Wasser die Hände;

Welche verehren den Herrn, die ewig allmächtige Gottheit,

Die unsterbliche, dann ihre Eltern, und darnach vor allem

Denken an Menschen, die ein keusches Lager besitzen;

Auch sich nicht unkeusch vermischen mit männlichen Kindern,

Wie die Phönizier tun, die Ägypter und auch die Lateiner,

Griechenland auch, das gedehnte, und sehr viele andere Völker,

Perser und Galater und ganz Asien; die überschreiten

Gottes heilig Gesetz, des unsterblichen, das sie verachten23.


Von der glücklichen Zukunft des messianischen Reiches, an welcher alle Völker der Erde teil haben werden, prophezeit die Sibylle:


Elendes Hellas, so höre doch auf, dich stolz zu erheben.

Zu dem Unsterblichen fleh', dem Hochherzigen, und nimm in acht dich.

Sende zur selbigen Stadt das Volk unkundig des Rates,

Das aus dem heiligen Lande des großen Gottes abstammet. ...

Diene dem mächtigen Gott, auf daß dir einstens ein Teil wird,

Wenn auch dies sein Ende erreicht, und der Tag der Bestimmung,

Kommt zu den Menschen heran, den Guten, nach Gottes Befehle.

Denn den Sterblichen wird in Menge die nährende Erde

Geben die trefflichste Frucht an Weizen, an Wein und Oliven,

Auch das süße Getränk des lieblichen Honigs vom Himmel,

Bäume und Früchte vom Baum und auch gemästete Schafe;

Ochsen und Lämmer von Schafen und auch von Ziegen die Böcke.

Quellen fließen sie läßt von Milch, der weißen und süßen.

Auch werden sich wiederum mit Gütern die Städte anfüllen;

Und der Boden ist fett, weder Krieg ist auf Erden, noch Schlachtlärm.

Auch wird nicht mehr tief aufstöhnend die Erde erschüttert

Nicht wird Krieg mehr sein, nicht Trockenheit für der auf Erden:

Nicht mehr Hunger und nicht der Früchte zerstörender Hagel;

Sondern ein großer Friede herrscht auf der sämtlichen Erde

Und bis ans Ende der Zeit wird Freund sein ein König dem andern:

Und nach einem Gesetz wird die Menschen auf sämmtlicher Erde

Der unsterbliche Gott im gestirnten Himmel regieren;

Ein Gesetz, für was immer getan die elenden Menschen.

Denn er selbst ist ein einiger Gott, es gibt keinen andern;

Und mit Feuer wird er die schrecklichen Männer verbrennen24.


Dieser begeisterte judäische Sänger, der den heidnischen Völkern die Wahrheit des Judentums in Orakelform näher bringen wollte, war derselbe, welcher zur Zeit der letzten ägyptischen Königin Kleopatra und des zweiten römischen Triumvirats die Ankunft des Messias in Herrlichkeit verkündete (o. S. 273).

Unter der Maske des griechischen Spruchdichters Phokylides hat ein anderer judäischer Verskünstler den Griechen und Römern die sittlichen Wahrheiten des Judentums nahe gelegt. Diese Wahrheiten [377] hat er gleich dem Sibyllinendichter in das bequeme griechische sechsfüßige Versmaß gebracht, wodurch sie sich leichter dem Gedächtnis einprägen konnten. Dieser Pseudo-Phokylides, welcher wohl in der Zeit der ersten Kaiser gelebt hat, durchschaute das Siechtum, woran die beiden Kulturvölker damaliger Zeit kränkelten: unnatürliche geschlechtliche Laster und Herzensverhärtung, an denen sie untergehen müßten, wenn sie sich nicht zur Besserung aufrafften. Zu ihrer Besserung reichte er ihnen den Balsam der höheren Sittlichkeit, wie sie in Moses Lehre und sonst noch niedergelegt ist. »Das sind die Geheimmittel der Gerechtigkeit. Wer nach diesen lebt, wird ein glückliches Leben bis zu des Alters Schwelle erreichen«, sagte er ihnen. Um diesen Lehren der Sittlichkeit und sanftmütigen Menschenliebe wirksamen Eingang zu eröffnen, versteckte er geflissentlich ihren judäischen Ursprung und seine judäische Abstammung, und dieses ist ihm so sehr gelungen, daß er nicht erkannt wurde, und daß seine Sittensprüche in den Schulen gelehrt wurden, als stammten sie von einem griechischen Dichter.

Vor allem warnte Pseudo-Phokylides vor der unkeuschen Liebe und der Unnatur der Knabenliebe, wodurch Griechen und Römer sich schwächten und dem Untergang zueilten.


»Eros ist keine Gottheit, nur Unheil erzeuget er allen«.


Wie sehr stach die Lehre der Feindesliebe gegen eine Welt ab, welche auf Krieg und Menschenmord gebaut war!


»Gegen den Feind umgürte das Schwert nicht, sondern zur Abwehr.

Besser Du brauchst es nicht, seis rechtlich, seis zum Unrecht.

Denn erlegst Du den Feind, so sind Deine Hände befleckt«.


Noch mehr Verse sind der Feindesliebe gewidmet, welche das Judentum von Anbeginn angepredigt hat. Die Gleichheit aller Menschen, die Ebenbürtigkeit des Fremden mit dem Einheimischen, das Mitleid mit dem Armen und Unglücklichen legt dieser judäische Spruchdichter seinen Lesern ans Herz. Der Unsitte der Griechen und Römer, die Frucht im Mutterschoße zu vernichten und neugeborene Kinder, wenn sie schwächlich zur Welt kamen, ungerührt auszusetzen – eine Freveltat, welche selbst die Blüte der griechischen Weisheit in Plato empfohlen hat – hält der Dichter entgegen:


»Töten soll nicht die Mutter ihr Kind im eigenen Schoße

Noch Neugeborene werfen Hunden und Geiern zur Speise.«


Auch die Grausamkeit rügt er, mit der die Römer ihre Sklaven behandelten und ihnen sogar mit glühenden Eisen ein Zeichen ins Fleisch brannten. Wenn auch Pseudo-Phokylides die Heimstätte dieser Lehre geflissentlich verleugnet hat, wie die Königin Esther ihre Abkunft, [378] weil Römer und Griechen von einem Vorurteile gegen Judäer und Judentum befangen waren, so deutet er doch die Wurzeln an, aus welchen die edle Frucht der Menschlichkeit und lauteren Gesinnung entsprießen konnte, und diese Wurzel ist die Erkenntnis von dem einigeinzigen Gotte. Aus dem Munde des Propheten Jeremia sagt er in zwei griechischen Versen:


»Sei auf Weisheit nicht stolz, auch auf Stärke nicht, oder auf Reichtum,

Gott nur allein ist weise, voll Macht und glückselig vollauf«25.


Die Griechen aber waren stolz auf ihre Weisheit und die Römer auf ihre Macht und ihren Reichtum. Darum sahen sie verächtlich auf Judäa und das Judentum herab, verkannten ihre hohe Bedeutung und gingen in der Irre. Dabei entsprang eine ganze Reihe prosaischer Schriften aus der judäisch-griechischen oder hellenistischen Schule, die keinen andern Zweck hatte, als einerseits die Haltlosigkeit des Heidentums aufzudecken und andererseits das Judentum in ein günstiges Licht zu stellen. Ihre Verfasser gingen geradezu darauf aus, die Heiden zur Erkenntnis des Judentums zu bewegen. Sie stellten ihnen heidnische Könige als Muster auf, die zu der Einsicht gelangt waren, daß das Heidentum hohl und nichtig sei, das Judentum aber heilvolle Wahrheiten enthalte. Nebenher hielten sie ihrem Volke eine warme Schutzrede und widerlegten die Beschuldigungen, welche die heidnischen Schriftsteller gegen das Judentum oder die Judäer erhoben haben. Die persischen Könige Darius und Artaxerxes, den griechischen König Ptolemäus Philadelphus und selbst den verruchten Antiochus Epiphanes ließen sie Zeugnis für die Vortrefflichkeit des Judentums oder die Harmlosigkeit des judäischen Volkes ablegen26. Solche zugleich Verteidigungs-und Angriffsschriften wurden unter erdichteten Namen in Umlauf gesetzt, um den Eindruck zu erhöhen.

Eine eigene Schutzschrift für das Judentum ist der sogenannte Aristeasbrief oder das Sendschreiben Aristeas an seinen Bruder Philokrates über die Entstehung der griechischen Übersetzung zum Pentateuch, deren Erdichtung eine geraume Zeit für historisch wahr gehalten wurde. Der Verfasser desselben lebte allerdings in Alexandrien, aber nicht unter dem Könige Ptolemäus Philadelphus als Grieche, sondern höchstwahrscheinlich zur Zeit des Kaisers Tiberius27. Ihm fehlte noch die Gewandtheit und Feinheit der griechischen Darstellungsweise, [379] und er glaubte diese durch Geziertheit und Geschraubtheit des Stiles ersetzen zu können. Ihn quälte nämlich in tiefer Brust die Verkennung des Judentums und besonders des Gesetzbuches Moses, das ihm als Höchstes galt; darum unternahm er es, dasselbe griechischen Lesern von der günstigsten Seite zu zeigen.

Die merkwürdige Entstehung der Septuaginta gab ihm Stoff zur Ausschmückung. Der zweite Ptolemäer Philadelphus selbst, der die erste große Büchersammlung angelegt hat, hätte – was dieser Darstellung das Wichtigste war – dem Judentume seine Bewunderung nicht versagen können. Der Hauptinhalt dieser sagenhaften Schrift ist folgender: Aristeas, ein hoher Beamter des ägyptischen Königs, beschreibt seinem philosophisch gebildeten Bruder Philokrates die Vorgänge bei der Übersetzung des Pentateuchs ins Griechische und mischt in die Erzählung Betrachtungen über die Vortrefflichkeit der judäischen Lehre ein. Unter dieser Einkleidung widerlegt der Verfasser auch die gegen das Judentum erhobenen Anschuldigungen. Der König Philadelphus, begierig, seine Büchersammlung zu vergrößern, erfährt von Demetrius Phalereus, dem angeblichen Aufseher derselben, daß die Judäer ein Gesetzbuch besitzen, das würdig sei, aufgenommen zu werden, weil es »göttlichen Ursprungs und philosophischen Gehaltes« sei. Darauf läßt sich der König angelegen sein, zwei Gesandte, Aristeas und Andreas, mit reichen Geschenken für den Tempel an den frommen Hohenpriester Eleasar zu senden und sich von ihm zweiundsiebzig Übersetzer auszubitten. Um sich ihm gefällig zu zeigen, schenkt er den judäischen Gefangenen, die sein Vater nach Ägypten verpflanzt und als Sklaven behandelt haben soll, die Freiheit und zahlt für sie das Lösegeld an deren Besitzer. Der Hohepriester nimmt die Gesandten freundlich auf, zeigt ihnen die Merkwürdigkeiten der Hauptstadt und des Tempels und wählt zweiundsiebzig Dolmetscher aus, und zwar aus je einem der zwölf Stämme sechs, die er der Huld des Königs empfiehlt. Eleasar gibt den Gesandten auch Aufschlüsse über manche auffallende Gesetze des Judentums, namentlich über das Genußverbot gewisser Speisen und unreiner Tiere. Von dem Grundsatze ausgehend, daß, wie der Umgang mit edlen Menschen zur Tugend, ebenso die Gesellschaft von entarteten Menschen zum Laster führe, beabsichtige das Gesetz mit solchen Bestimmungen, die der lauteren Gotteserkenntnis und der reinen Gesittung ergebenen Judäer von dem Umgange mit Götzendienern und Lasterhaften fernzuhalten. Verehrten doch die Griechen Bilder von Stein und Holz und die Ägypter gar Tiere und Reptilien! Darum habe der judäische Gesetzgeber den Verehrern des wahren Gottes die Absonderung empfohlen und sie [380] wie mit »unzerstörbaren Mauern und eisernen Wällen« von dem verführerischen Umgange ferngehalten. Doch habe das Genußverbot mancher Tiere auch einen tiefen sittlichen Grund. Die zum Genuß gestatteten Vögel sind zahmer Natur und nähren sich von Pflanzen; die vom Gesetze verbotenen hingegen sind wilder Natur, leben von Fleisch und fallen sogar Menschen an. Die göttliche Gesetzgebung habe daher mit diesem Verbote die Menschen Gerechtigkeit und Mäßigkeit lehren wollen. Ebenso habe das Gestatten des Genusses von Tieren mit gespaltenen Klauen und wiederkäuendem Magen eine symbolische Bedeutung; die Gespaltenheit der Klauen bedeute Unterscheidung und Auswahl im Genusse und lehre die Judäer, von den geschlechtlichen Vergehungen der Heiden fern zu bleiben, weil diese sich in fleischlichem Umgange mit Knaben und mit den eigenen Töchtern besudeln. Das Wiederkäuen bedeute symbolisch die Erinnerung, die den Judäern eingeschärft werde, damit sie nicht die wunderbare Leitung Gottes vergessen mögen. Denselben Zweck hätten auch die Pfosteninschriften (τὰ λόγια, Mesusa) an Haustüren und Stadtpforten, und das Anlegen der Zeichen (σƞμεῖον) an die Hand; sie bedeuten, daß jede Tätigkeit mit Hinblick auf Gott geschehen solle. Dieses Alles habe der Hohepriester Eleasar den Gesandten des Königs auseinandergesetzt.

Als die Dolmetscher in Ägypten angekommen waren, seien sie vom König huldvoll empfangen und bewirtet worden; dieser habe seinem Diener aufgetragen, den judäischen Weisen nur »solche Speisen vorzusetzen, die ihnen ihr Gesetz gestatte«. Während der Tafel habe der König an jeden der Dolmetscher eine philosophische Frage gerichtet, die sie so treffend und schnell beantwortet hätten, daß sich selbst die anwesenden griechischen Philosophen darüber verwunderten.

Der König seinerseits habe den tiefen Sinn der judäischen Gesetzgebung so sehr angestaunt, daß er nicht begreifen konnte, warum kein griechischer Geschichtsschreiber oder Dichter die judäische Gesetzgebung erwähne. Darauf habe ihn Demetrios belehrt: diese Gesetzgebung sei so heilig und göttlich, daß diejenigen, welche sie zu unheiligen Zwecken gebrauchen wollten, durch göttliche Fügung bestraft worden seien. Theopemptos, der den judäischen Gesetzgeber Mose in sein Geschichtswerk habe einflechten wollen, sei in Wahnsinn verfallen. Ähnliches sei dem Tragödiendichter Theodektes (Ezekielos o. S. 355) zugestoßen, weil er etwas aus diesem Buche in ein Drama verwebt habe. Er sei seiner Sehkraft beraubt gewesen, bis er den Himmel wieder versöhnt habe. – In den Augen des Verfassers des Aristeasbriefes hatte der Pentateuch einen so hehren Charakter, daß dessen Mißbrauch die Strafe des Himmels nach sich ziehe. Nicht [381] bloß der Urtext, sondern auch die Übersetzung habe einen geheiligten Charakter. Darum läßt der Verfasser den Heiden Demetrius Phalereus einen Fluch aussprechen über jeden, der etwa die Übersetzung durch Zusätze oder Weglassungen irgendwie zu ändern sich erkühnen sollte. Und der König Ptolemäus Philadelphus selbst habe die Übersetzung als etwas Heiliges aufs Sorgfältigste aufbewahrt wissen wollen. Neben manchem Albernen enthält daher die Schrift manches Beherzigenswerte.

Noch viel entschiedener, als die Sibyllinen, Pseudo-Phokylides und der Aristeasbrief fordert »das Buch der Weisheit« das Heidentum heraus. In poetischem Gewande hebt der unbekannte Verfasser mit philosophischer Schärfe die Verkehrtheit des Götzentums hervor und betrachtet es als Ursprung aller Entsittlichung und Lasterhaftigkeit. Aus diesem dunkeln Schatten läßt er den Glanz des Judentums in um so hellerem Lichte hervortreten. Die judäische Weisheit selbst, verkörpert in dem weisen Könige Salomo, stellt diese Betrachtung an, und in seinem Namen wendet sie sich an die Könige der Erde (an die römischen Machthaber) und geißelt ihre unverschämte Selbstvergötterung. »Liebet die Gerechtigkeit, ihr Richter der Erde«, ruft Salomos Weisheit ihnen zu, »erkennet den Herrn in Güte, und in der Einfalt des Herzens suchet ihn«28. – Die Erfindung der Götzen ist nach der Ansicht des Verfassers der Ursprung der Unzucht und führt zum Untergang des Lebens. Der Götzendienst sei nicht von Anfang an gewesen und werde auch nicht auf ewig bestehen. Nur durch die Eitelkeit der Menschen sei er in die Welt gekommen, und in ihr werde seine Dauer kurz sein. Ein Vater, von herbem Schmerze über den plötzlichen Tod seines Kindes verzehrt, habe sich ein Bildnis desselben gemacht, das tote Bild dann als einen Gott verehrt und seinen Untergebenen Mysterien und Zeremonien aufgezwungen. Mit der Zeit sei diese gottlose Sitte als Gesetz beobachtet und seien die Bildnisse auf Befehl der Tyrannen verehrt worden. Konnten dann die Men schen wegen der Entfernung den König nicht verehren, so machten sie sich ein Bild von ihm, um dem Abwesenden, als wäre er gegenwärtig, eifrig zu schmeicheln. Des Künstlers Ehrgeiz verleitete noch dazu die unwissende Menge zur Verbreitung der Götzenverehrung. Denn um den Mächtigen zu gefallen, strengte er seine Kunst an, die Nachbildung aufs schönste auszuarbeiten, und die Menge, von der Schönheit des Werkes geblendet, zollte demjenigen göttliche Huldigung, den sie früher bloß als einen Menschen geehrt hatte. Und dieses wurde ein Fallstrick, indem die durch Unglück oder Tyrannei geknechteten Menschen den unmitteilbaren [382] Namen Gottes Holz und Stein beilegten. Nicht genug, daß sie in der Gotteserkenntnis irren, leben sie auch aus Unwissenheit im Kriege mit einander und nennen doch diese Übel tiefen Frieden. Sie begehen kindesmörderische Bräuche, feiern dunkle Mysterien, halten rasende Gelage und achten kein züchtiges Eheverhältnis. Einer lauert dem Andern auf oder kränkt den Freund durch Schändung des Ehebettes. Denn Alle ohne Unterschied sind sie besessen von Blut, Mord, Diebesgelüste, List, Verderbnis, Falschheit, Auflehnung und Meineid, Undankbarkeit, Verunreinigung der Seele, Verwechselung der Geburten, wildem Ehebruch und Schamlosigkeit. Denn die Verehrung wesenloser Götzen ist Anfang und Ursache und Ziel jedes Übels29. Sie flehen das Schwache um Gesundheit, das Tote um Leben, das Hilflose um Beistand an30.

Gegen die Vergötterung der Kaiser, welche den Wahnwitz des Heidentums auf die Spitze trieb, eifert die Weisheit Salomos in folgender Wendung. »Auch ich (Salomo), obwohl König, bin ein sterblicher Mensch, allen Andern gleich, ein Sohn des erdgeborenen ersten Menschen. Und im Mutterschoße bin ich in zehn Monaten aus Fleisch gebildet worden, aus Blut geknetet. Auf die Welt gekommen, sog ich die gemeinsame Luft ein und weinte mit einer Allen ganz gleichen Stimme. Auch ein König hat keinen andern Anfang der Geburt. Alle haben denselben Eingang ins Leben und denselben Ausgang«31. Der dichterisch und philosophisch gebildete Verfasser lebte unter dem Kaiser Caligula und spielt offenbar auf dessen wahnwitzigen Befehl an, ihn als Gott anzubeten.

Nachdem er das Heidentum solchergestalt abgefertigt hat, stellt der Verfasser die Grundanschauungen des Judentums zusammen. Es gibt keinen Gott, außer dem Einen, den die Judäer verehren, der die Welt aus ungestalteter Formlosigkeit (ἐξ ἀμόρφου ὕλƞς) erschaffen, sie mit Gerechtigkeit regiert, Alles mit Maß und Zahl und Gewicht ordnet und Maß mit Maß vergilt32. Von ihm stammt die wahre Weisheit, sie ist der Hauch seiner Allmacht, der fleckenlose Spiegel seiner Majestät, der Ausfluß seiner lautern Herrlichkeit, die Ausstrahlung des ewigen Lichts, das Bild der göttlichen Güte. Obwohl die Weisheit nur einzig ist, vermag sie Alles, geht in jedem Geschlechte in heilige Seelen ein und beschattet die Freunde Gottes und die Propheten33. Den Menschen schuf Gott zur Unsterblichkeit und nach dem Bilde seines Wesens gestaltete er ihn34. Den Tod hat Gott nicht [383] erschaffen, er hat keinen Gefallen an dem Untergange des Lebendigen; denn er bildete Alles, damit es fortbestehe. Heilbringend sind die Geburten der Welt, kein Gift des Todes ist in ihnen und es gibt kein Reich des Satans auf Erden35. Die Weisheit hütete den erstgeborenen Menschen, rettete den Gerechten (Noah) aus Wasserflut, erhielt den Gerechten (Abraham) tadellos vor Gott, erlöste den heiligen Samen (das jüdische Volk) aus den Drangsalen der Völker, ging ein in die Seele des Gottesdieners (Mose), und er stand vor Königen mit fürchterlichen Zeichen und Wundern. Sie gab den Heiligen den Lohn ihrer Mühseligkeit, führte sie auf wunderbare Wege und wurde ihnen zum Wegweiser des Tages und zum Lichte in der Nacht, führte sie durch das rote Meer und leitete sie durch die Flut. Israel ist der Gerechte, den Gott auserwählt hat, er hat die Erkenntnis Gottes und darf sich den »Sohn Gottes« nennen, da dieser sich ihm in Gnaden zuwendet36. Diese Gerechten leben ewiglich; in Gott ist ihr Lohn und ihre Fürsorge beim Höchsten. Daher empfangen sie das Reich des Glanzes und das Diadem der Schönheit aus der Hand des Herrn; denn mit seiner Rechten schützt er sie, und mit seinem Arm verteidigt er sie37. Wenn die Herrscher der Erde den Gerechten (Israel) verfolgen, weil sein Weg verschieden ist von ihren Wegen, und weil er ihren gottlosen Wandel tadelt, sie wie Unreine verwirft und Gott seinen Vater nennt38, wenn die Völker der Erde dem Gerechten auflauern, ihn foltern und mit unrühmlichem Tode verfolgen, so sind dies nur Prüfungen, die Gott seinem Auserwählten auflegt, um ihn seiner würdig zu finden. Wie Gold im Schmelztiegel prüft er ihn und nimmt ihn wie reine Opfer an. Er wird einst die Völker richten und die Nationen beherrschen und über ihn wird Gott in Ewigkeit regieren39. Dann wird der Gerechte mit vieler Standhaftigkeit vor dem Angesichte seiner Dränger stehen, sie werden von Schrecken ergriffen sein, über sein glanzvolles Heil werden sie staunen und reuig werden sie sagen: »Der ist's also, der uns zum Gelächter gedient und zum Spottlied der Verachtung! In Unkenntnis haben wir sein Leben für Wahnsinn gehalten und sein Ende für ehrlos. Wie wird er nun unter die Gottessöhne gezählt und bei den Heiligen ist sein Los! Wir irrten von dem Wege der Wahrheit ab, das Licht der Gerechtigkeit leuchtete uns nicht«40. Vermittelst Israel gab Gott der Welt das [384] unvergängliche Licht des Gesetzes41. In Allem hat Gott sein Volk erhoben und verherrlicht; er verwarf es nicht, sondern stand ihm zu jeder Zeit und an jedem Orte treu bei42. Wie der babylonische Jesaia43 stellte der alexandrinisch-judäische Weise Israel als Ideal dar, das eine hohe Sendung zu vollbringen habe und künftig in Herrlichkeit prangen werde.

In diesem Gedankenkreise bewegt sich das Buch der Weisheit, um die Lichtseiten des Judentums und die Schattenseiten des Heidentums hervorzukehren. Es enthält keine philosophische Auffassung des Judentums, aber es nimmt einen Anlauf dazu und ersetzt die strenge Gedankengliederung durch eine reiche Bilderpracht. Es beschließt seine Auseinandersetzung mit den Worten: »In allem hast du, o Herr, dein Volk groß und herrlich gemacht und in keiner Zeit und an keinem Orte es verachtet«44.

Während die griechisch redenden Judäer sich in das griechische Schrifttum und in die griechisch-philosophische Anschauungsweise vertieften und den Wohllaut der hellenischen Zunge als Waffe gegen den heidnischen Kultus und heidnische Unsitten gebrauchten, wurden sie über das Ziel hinausgetrieben, das sie sich gesteckt hatten. Sie waren von dem Punkte ausgegangen, das Judentum, sein Alter und sein Wesen gebildeten Griechen annehmlich zu machen; aber unter der Hand ging es ihnen selbst verloren. Ihre Denkweise war von griechischen Vorstellungen so sehr angefüllt, daß sie zuletzt in den Lehren des Judentums nichts anderes als die gangbaren Gedanken der griechischen Weltanschauung erblickten. Aber die ererbte Lehre war ihrem Herzen so teuer, daß sie sich in eine Selbsttäuschung hineinklügelten. Wenn sie von Bewunderung für die philosophischen Gedanken der griechischen Denker hingerissen waren, so bildeten sie sich ein, dieselben seien nicht griechisches Ureigentum, sondern dem Judentum entlehnt, da dieses viel älter sei45. In dieser Befangenheit schwärmten sie jedoch nur äußerlich [385] für das Judentum, als enthielte es die erhabensten Lehren aller Philosophen, und merkten nicht, daß sie damit eigentlich dem griechischen Geiste huldigten. Aber mit dieser Auskunft beschwichtigten sie ihr Gewissen und hatten zugleich einen weiten Spielraum, die philosophischen Gedanken im heiligen Schrifttum wiederzufinden. Das biblische Schrifttum bot zwar nicht so viele Anlehnungspunkte, um für jeden philosophischen Satz einen entsprechenden daraus heranbringen zu können. Aber auch über diese Verlegenheit halfen sich die judäisch-hellenistischen Denker hinweg.

Nach dem Vorgange griechischer Denker, die ihre eigene Weltanschauung in Homers Versen wiederfanden oder aus ihnen herausdeuteten, und dazu eine eigene spielende Kunst der Auslegung anwendeten, die Allegorie46, indem sie dem schlichten Wortsinne eine andere, scheinbar höhere unterlegten, verfuhren auch die judäischen Denker mit ihrem Grundbuche, mit der heiligen Schrift. Von der Voraussetzung ausgehend, daß nicht alles darin wörtlich genommen werden könne, ja nicht genommen werden dürfe, weil sonst die Erhabenheit Gottes geschmälert und die Größe der Gottesmänner in der Bibel verkleinert und entwürdigt erscheine, verlegten sie sich auch ihrerseits auf die Künstelei allegorischer oder tropologischer Auslegung und Umdeutung. Nicht bloß hinter jedem dunkeln Ausdrucke suchten sie eine versteckte höhere Bedeutung, sondern sie erklärten auch die einfachsten geschichtlichen Tatsachen und die einleuchtendsten Gesetze für Allegorieen, um aus ihnen philosophische Gemeinplätze herauszuschrauben47. So taten sie der Schrift den größten Zwang an und deuteten [386] an den einfachsten Worten so lange herum, bis sie einen philosophischen Sinn herausbrachten. Die griechische Übersetzung der heiligen Schrift, deren sie sich bedienten, leistete ihren Verzerrungen Vorschub, da in derselben öfter der ursprüngliche Sinn verwischt ist und etwas ganz anderes als der Urtext aussagt. Reichen Stoff zu Allegorieen boten ihnen besonders die hebräischen biblischen Eigennamen. Indem sie dieselben gut oder schlecht auf ihre Wurzeln zurückführten, deutelten sie und zwängten sie so lange, bis ein brauchbarer Sinn daraus gewonnen war. Abraham bedeutete den Allegoristen nicht die kräftige, geschichtliche Erscheinung, welche zuerst der Welt die wahre Gotteserkenntnis gebracht hat, sondern galt ihnen als Symbol. Sie lösten ihn in die fade Allegorie des »eifrigen Sinnes« (νοῠς σπουδαῖος48) auf. Dem entsprechend war ihnen Sara, in der Bedeutung »Herrscherin«, das Symbol der Tugend, und daraus spannen sie einen künstlichen Faden philosophisch scheinender Lehrsätze. Die schlichte biblische Erzählung von Jakob, daß er an einem Orte ankam, als die Sonne unterging, deutelten die Allegoristen folgendermaßen: »Die Sonne bedeutete »Wahrnehmung«, der Ort das göttliche Wesen (ϑεῖος λόγος) und Jakob die durch äußerliche Übung erlangte Weisheit (ἀσκƞτικὴ σοφία). Vermöge dieser Spielerei mit den Wortbedeutungen brachten sie den Satz heraus: der Mensch könne nur das Göttliche erkennen, wenn sein natürlicher Verstand untergegangen, wenn er an seiner beschränkten Erkenntnis verzweifle49.

So ansteckend war diese allegorisierende Manier und so sehr hatte sie sich der Köpfe bemächtigt, daß selbst die Menge an den schlichten Erzählungen der heiligen Schrift, an den einfach erhabenen Lehren und Gesetzen keinen Geschmack mehr fand und sich nur an gekünstelten Ausdeutungen ergötzte. Die frommen Männer, die an den Sabbaten die Schrift auszulegen pflegten50, mußten dem Geschmacke der Zeit huldigen und sich herbeilassen, Geschichte und Lehre zu allegorisieren. Von einem dieser frommen Prediger ist eine allegorische Deutung eines ganz verständlichen und einleuchtenden Gesetzes aufbewahrt worden, welche die krankhafte Manier der Allegoristen aufs treffendste kennzeichnet. Das Gesetz, daß eine unverschämte Frau bestraft werden soll, wenn sie, [387] um ihrem Gatten im Streite beizustehen, nach den Schamteilen des Gegners greift, soll symbolisch bedeuten: die Seele habe eine männliche und eine weibliche Seite; jene sei auf das Göttliche, diese auf das Irdische gerichtet, und das Gesetz wolle hierdurch lehren, daß die dem Vergänglichen zugewendete Richtung der Seele ausgemerzt werden müsse51. Eine Folge dieser allegorischen Auslegung war jene oben (S. 333) berührte Erscheinung, daß die gebildeten Judäer Alexandriens lau gegen ihre väterliche Religion wurden. Die Allegorie erschütterte die festen Wälle des Gesetzes. »Wenn die Gesetze nichts anderes sind als Einkleidungen philosophischer Ideen, wenn der Sabbat nur die »Macht des unerschaffenen Göttlichen« bedeute, die Beschneidung »die Beschränkung der Leidenschaften«, so genüge es ja, sich diese Gedanken anzueignen, sie theoretisch zu wissen, wozu dann noch die Übung52?« Von der Lauheit gegen die Gesetze bis zum Abfalle vom Judentum war nur ein Schritt, und so ist die Erscheinung erklärlich, daß manche die Prüfung gehäufter Drangsale nicht bestanden haben und zum Heidentum übergetreten sind. In Alexandrien trat zuerst der Gegensatz von Wissen und Glauben im Judentum hervor, ohne jedoch ausgetragen und zur Versöhnung gebracht zu werden.

Dieser Lauheit gegen das gesetzliche Judentum arbeiteten allerdings manche entgegen, die sich nicht in der griechischen Bildung verloren hatten.

Zu ihnen gehörte besonders Philo, der größte Geist, den die alexandrinische Judenheit erzeugt hat. Mit seiner hoheitsvollen, begeisterten Sprache redete er der fortdauernden Verbindlichkeit des Gesetzes das Wort und flößte seinen Zeitgenossen wieder Liebe dafür ein. Philo, von dessen persönlichen Verhältnissen und eifriger Tätigkeit für das Wohl seiner Stammesgenossen bereits (S. 336) die Rede war, teilte zwar die Irrtümer und die Befangenheit seiner Zeitgenossen, überragte aber mit seinem hellen Kopfe ihre Unklarheit und Verschwommenheit.

Er machte zwar ebenfalls den ausschweifendsten Gebrauch von der allegorischen Auslegungsweise seiner Vorgänger und stimmte ihnen bei, daß alle Teile des Pentateuchs oder mindestens doch der größte Teil desselben, die geschichtlichen wie die gesetzlichen Bestandteile, allegorisch gedeutet werden müßten53. Er verfiel ebenfalls, um diese Methode [388] durchzuführen, in Spielereien der Zahlensymbolik, erklärte hebräische Wörter mit griechischen, und deutete aus einer und derselben Stelle Verschiedenes und Entgegengesetztes. Die allegorische Auslegung war für ihn sozusagen ein gebieterisches Bedürfnis, und er hätte sie wohl erfunden, wenn er sie nicht vorgefunden hätte. Er wollte nämlich die reiche Gedankenfülle, die er teils selbst erzeugt, teils aus den Philosophenschulen der Akademie, der Stoa und der Neupytagoräer sich angeeignet hatte, durch die heilige Schrift bezeugt und bewahrheitet wissen. Die überkommenen und gefundenen Ideen hatten in seinen Augen erst dann den Stempel der Wahrheit, wenn sie von dem göttlichen Gesetzgeber entweder deutlich oder doch andeutungsweise besiegelt waren. Das im Pentateuch niedergelegte Gotteswort galt ihm als der echte Prüfstein für die Wahrheit eines philosophischen Gedankens, dem er mehr zutrauen zu müssen vermeinte, als der Logik und Dialektik. Die allgemeinen Wissenschaften, Grammatik, Musik, Geometrie, Redekunst samt der Dialektik, die er sich angeeignet hatte, standen in seinen Augen nur in einem dienenden Verhältnis zur göttlichen Weisheit und verhielten sich zu ihr wie Hagar (die Fremde) zu Sara, der wahren Fürstin54.

Die metaphysische Spekulation Heraklits, Platos, Zenos durfte ihm im Gesetzbuche nicht fehlen, sie mußte sich also irgendwie nachweisen lassen, und die Allegorie bot ihm den Weg dazu. Philo legte um so größeren Wert auf seine allegorische Auslegungsweise, als sie ihm nicht als eine Künstelei, sondern als eine göttliche Eingebung, gewissermaßen als eine Offenbarung im Zustande gesammelter Stimmung und Verzückung der Seele kundgegeben schien. Ohne Ruhmredigkeit, ja mit einer gewissen Feierlichkeit erzählt er, seine Seele sei öfter von Gott begeistert worden (ϑεολƞπτεῖσϑαι) und habe Deutungen biblischer Stellen prophetisch gelernt, von denen sie früher im nüchternen Zustande nichts gewußt55. Außerdem schien ihm durch zwei Betrachtungen die Schrift selbst eine höhere Auslegung zu fordern. Viele Ausdrücke in der heiligen Schrift, wo von Gott in menschlicher Weise die Rede ist, als wenn ihm eine örtliche Bewegung zugeschrieben oder Gliedmaßen und menschliche Affekte beigelegt werden, könnten doch unmöglich buchstäblich genommen werden, da ja die Schrift selbst spreche: Gott ist nicht Menschen gleich. Solche Ausdrücke seien daher eine Anbequemung an die Schwäche der Menschen und fordern von selbst die Eingeweihten [389] heraus, den versteckten höheren Sinn zu suchen56. Die andere Betrachtung ging von der Vollkommenheit der heiligen Schrift aus. Da sie göttlicher Abstammung sei und die Wortfügung genau abwäge, dürfe kein Satz, kein Wort, keine Redewendung überflüssig sein; jedes überflüssig scheinende deute vielmehr einen tieferen Sinn an57. Also gerade die hohe überschwengliche Verehrung, die Philo für die Schriftquellen des Judentums hatte, schien ihm die Auslegungsweise zu empfehlen, die unserer heutigen Auffassungsweise der Schrift so geschraubt und unhaltbar vorkommt.

So sehr Philo aber auch die Verkehrtheit der Allegoristen teilte und sie noch überbot, so himmelweit wich er von ihr gerade in dem wesentlichen Punkte über die fortdauernde Gültigkeit der gesetzlichen Übung ab, und darin besteht eben seine Bedeutung. Entschieden und scharf sprach er sich gegen diejenigen aus, welche sich mit dem in dem Gesetze gefundenen höheren Sinne begnügten und das Gesetz selbst gleichgültig behandelten; er nannte sie leichtsinnig und oberflächlich. »Als wenn sie, auf sich selbst beschränkt, in der Wüste lebten oder unkörperliche Wesen wären und weder Stadt, noch Dorf, noch Haus, noch überhaupt Umgang mit Menschen kennten, verachten diese das bei der Menge Beliebte und suchen die Wahrheit unverhüllt. Das heilige Wort aber lehre, sich wohl einer höheren Denkweise zu befleißigen, aber auch nichts von den Gebräuchen fahren zu lassen, welche gottbegeisterte und größere Männer als wir eingeführt haben. Sollen wir, weil wir den geistigen Sinn des Sabbats kennen, die gesetzlichen Vorschriften für denselben hintansetzen?« »Sollen, wir also«, ruft er aus, »am Sabbat mit Feuer umgehen, den Boden bebauen, Lasten tragen, vor Gericht laden und Recht sprechen, Schulden eintreiben und überhaupt alles Werktägige verrichten? Sollen wir, weil die Festeszeiten ein Sinnbild des Seelenfriedens und des Dankgefühles gegen Gott bedeuten, die festliche Weihe verwerfen? Oder weil wir die symbolische Bedeutung der Beschneidung kennen, sollen wir dieses Gesetz aufgeben? So müßten wir auch die Heiligkeit des Tempels und andere Religionsgebräuche aufgeben, wenn wir nur die geistige Bedeutung derselben gelten lassen wollten. Man muß vielmehr beides, die höhere Wahrheit eines Gesetzes und das Gesetz selbst gleich schätzen, jene als die Seele, dieses als den Leib. So wie wir den Leib als Sitz der Seele pflegen, so müssen wir auch den Buchstaben der Gesetze (ῥƞτοὶ νόμοι) beachten. Gerade durch die Beobachtung [390] können wir der Gesetze tieferen Sinn besser begreifen und entgehen zugleich den Vorwürfen und Beschuldigungen der Menge«58.

Die Göttlichkeit, Heiligkeit und Unverbrüchlichkeit des judäischen Gesetzes betont Philo also mit besonderem Nachdrucke, und wenn er auch hin und wieder aufstellt, nur die zehn Gebote, als die Hauptprinzipien des Judentums, seien unmittelbar von Gott gegeben, die übrigen Gesetzesbestimmungen hingegen stammten von Mose, so verfehlt er doch nicht, hinzuzufügen, daß Gott selbst Mose als Dolmetsch der Gesetze auserwählt habe, und daß das von ihm Mitgeteilte mithin ebenfalls als göttlich beurkundet angesehen werden müsse59. »Daher bleiben, bei dem Wechsel der Gesetze bei andern Völkern, die Gesetze des Judentums stets fest, unberührt, unerschüttert, wie mit dem Siegel der Natur gezeichnet, von dem Tage an, da sie geoffenbart worden, bis auf den heutigen Tag, und gewiß werden sie in aller Ewigkeit fortdauern, so lange Sonne und Mond und die Welt bestehen werden«. So viel das judäische Volk an Glück und Unglück erfahren, hat es auch nicht das Geringste von dem Gesetze aufgegeben, weil es dasselbe als heilig und göttlich verehrt. Weder Hungersnot, noch Seuchen, noch Krieg, noch des Tyrannen Drohen hat das Gesetz aufzulösen vermocht, wie sollte es nicht geschätzt und Allem vorgezogen werden?60. Philo war der Überzeugung, daß die Zehnworte, von der Gottheit offenbart, vom ganzen Volke, Männern und Frauen, vernommen worden seien. »Also hat Gott sich einer Stimme bedient? Fern sei es, daß so etwas in den Sinn käme! Gott bedarf nicht wie der Mensch des Mundes und der Sprache. Aber es scheint mir, daß damals etwas Wunderbares und Gottwürdiges vorgegangen ist, indem Gott in der Luft einen unsichtbaren Klang, angenehmer als jede Harmonie, gebildet hat«61. So dachte sich Philo die sinaïtische Offenbarung.

In den Schriftdenkmälern des Judentums ist, nach Philos Ansicht, die tiefste Weisheit enthalten. Was die bündigste Philosophie ihren Jüngern gelehrt, das schöpfen die Judäer aus ihren Gesetzen und Sitten, namentlich die Erkenntnis des ewigen Gottes, die Verwerfung der eitlen Götter und Milde und Menschlichkeit gegen alle Geschöpfe. »Sind die Gesetze nicht würdig, hochverehrt zu werden,« ruft er aus, »welche die Reichen lehren von ihren Gütern den Dürftigen [391] mitzuteilen und die Armen trösten, daß eine Zeit für sie kommt, wo sie nicht an den Türen der Reichen zu betteln brauchen, sondern ihr veräußertes Besitztum wieder erlangen? Mit dem Eintritt des siebenten Jahres werden die Witwen, Waisen und alle Enterbten mit einem Male wieder begütert«62. Gegen die feindseligen Schmähungen des Judentums von seiten eines Lysimachos, Apion und ihrer Genossen hebt Philo hervor, wie die judäischen Gesetze von Menschlichkeit durchweht sind, die sie sogar gegen Tiere und Pflanzen einschärfen. »Und da verschreien die elenden Sykophanten das Judentum als menschenfeindlich, während es doch gerade auf Liebe beruht«63.

Wie groß Philos Verehrung für jeden Buchstaben der heiligen Schrift war, erhellt aus einer Nachricht, die er mitteilt, und die zugleich Licht auf die Stimmung der alexandrinischen Judäer wirft. Ein Spötter hatte sich über die Namensveränderung, welche, nach der Schrift, Abraham und Sara erfahren haben, lustig gemacht und die Worte gebraucht: »Welche glänzende Geschenke hat doch der Herr dem Patriarchen und seiner Frau gemacht! Dem einen schenkte er ein Alpha, dem Andern ein Rho (nach griechischer Aussprache (Sarrha)!« Als später dieser Spötter sich erwürgt hatte, erblickte Philo darin die strafende Hand des Himmels für seine ironische Äußerung gegen die Erhabenheit der heiligen Schrift64. Die hohe Verehrung für das Gesetz beurkundete er auch dadurch, daß er mit schüchterner Demut an die Erklärung desselben ging und dem Schöpfer dafür dankte, daß er gewürdigt worden, Dolmetsch desselben zu sein, um das der Menge Unverständliche zum Verständnis zu bringen65.

Um den Spöttern und Gesetzesverächtern unter seinen Stammesgenossen und den Griechen, welche nur eine falsche Vorstellung vom Judentume hatten, eine bessere Meinung für die Schriftdenkmäler des Judentums beizubringen, arbeitete Philo seine Schriften aus, die eine Art philosophischen Kommentars zum Pentateuch bilden. Es war der erste Versuch dieser Art, die Wahrheiten des Judentums in gedankenmäßige Form zu bringen. Er teilte seine Schriften in zwei Teile ein, in das Buch »über die Weltschöpfung« (κοσμοποΐκ) – das aber zugleich alles Geschichtliche in der Genesis bis zu Abrahams Geburt umfaßt – und in das Buch »über die Gesetze« (νόμοι), wozu er auch die Geschichte der drei Patriarchen, sowie Josephs und Moses zählte, deren Leben er als ungeschriebene, gewissermaßen persönlich [392] gewordene Gesetze betrachtete66. Wenn er in dem ersten Teil über die Weltschöpfung sich der Maßlosigkeit der allegorischen Auslegung ganz und gar überläßt, so bleibt er dagegen in dem zweiten über die Gesetze nüchtern und besonnen. Er suchte das Vernünftige, Sittliche, ewig Wahre in der pentateuchischen Gesetzgebung hervorzukehren, stellte dieser Lichtseite die Schattenseite anderer Gesetzgebungen entgegen, wozu seine Belesenheit ihm reichen Stoff bot, und konnte dadurch die Vorzüge des Judentums noch schärfer hervortreten lassen. Nur selten mäkelt er an den Buchstaben einer Gesetzesvorschrift, um sie in allegorischer Bedeutung zu fassen67. Meistens läßt er die Gültigkeit der Gesetze in ihrer buchstäblichen Auffassung unangefochten, nur legt er den Zeremonialgesetzen einen symbolischen Sinn unter, deren Zweck eben sein soll, eine höhere Wahrheit zur Anschauung zu bringen. Als Beweis für die Vortrefflichkeit der judäischen Gesetze führt Philo an, daß einige derselben, wie namentlich die Ruhe am siebenten Tage, von allen Völkern der Erde angenommen worden seien68; andere, wie das Fasten am Versöhnungstage, die Enthaltung von allen irdischen Genüssen, welche die Erhebung zum Geistigen bedinge, von allen Völkern bewundert worden seien69.

Philos philosophische Auslegung der Gesetze hing eng zusammen mit seiner Ansicht von der idealen Bedeutung der judäischen Nation. Obwohl Himmel und Erde Gottes sind, habe er doch aus dem ganzen Menschengeschlechte das Volk Israel, die Menschen im wahren Sinne, auserwählt, es seiner besondern Vorsehung gewürdigt und es zu seinem Dienste, der ewigen Quelle aller Tugenden, berufen70. Die Israeliten haben nach seiner Ansicht die Aufgabe erhalten, dem ganzen Menschengeschlechte als Priester und Propheten zu dienen, ihm die Wahrheit und namentlich die reine Gotteserkenntnis zu vermitteln. Darum habe sich auch das judäische Volk der besondern Gnade Gottes zu erfreuen, von der es niemals verlassen und aufgegeben werde. Mit andern Völkern verglichen, erscheine die judäische Nation als eine Waise. Andere Nationen stehen einander bei, sie hingegen, durch eigene Gesetze abgesondert, könne niemals auf andere Hilfe rechnen. Denn gerade die äußerste Strenge der judäischen Gesetze, welche zur Erreichung des höchsten Grades der Tugendhaftigkeit so notwendig [393] sei, stoße die andern Völker ab, welche meistens dem Leben des Genusses ergeben sind. Aber gerade wegen der Verwaistheit des judäischen Volkes könne es auf die Barmherzigkeit Gottes um so eher rechnen71. Philo war von dem Glauben durchdrungen, daß die zerstreuten und leidenden Israeliten einst wieder durch eine messianische Veranstaltung gesammelt und heimgeführt werden würden, und daß sich ihnen die Gnade Gottes wieder leuchtend zuwenden und sie für ihre unsäglichen Leiden und ihre ausdauernde Standhaftigkeit belohnen werde (o. S. 275). Das Sinnbild des Priestervolkes sei der blühende Mandelstab Ahrons, welcher andeute, daß es immer in Blütenfrische bleiben und den ewigen Frühling genießen werde72.

Wenn so Philo auf der einen Seite ganz auf judäischem Boden stand, die Schriftdenkmäler des Judentums für verehrungswürdig, seine Gesetze für heilig, vernünftig und unverbrüchlich hielt und die Hoffnungen auf die messianische Zukunft in vollem Maße teilte, so war er andererseits von den, dem Judentume zuwiderlaufenden Lehrsätzen der griechischen Philosophen-Schulen nicht minder erfüllt. Der judäische und der hellenische Geist beherrschten ihn gleich stark und machten sich den Besitz seiner Gedankenwelt streitig. Vergeblich mühte er sich ab, die Gegensätze in Einklang zu bringen; das von Hause aus Feindliche ließ sich nicht versöhnen. Daher die Widersprüche, in die sein Denken geriet; daher die Erscheinung, daß er sich einmal mehr den judäischen Lehren, das andere Mal mehr den philosophischen Anschauungen zuneigte. Das Gedankensystem, das in seinen Schriften zerstreut angetroffen wird, verrät dieses Schwanken in auffallender Weise; aber er selbst hatte kein Bewußtsein von diesem Widerspruche. Er war fest überzeugt, daß die philosophischen Lehren der Griechen in dem judäischen Schrifttum enthalten seien. Das ist seine schwache Seite. Wie sehr er auch die Befangenheit seiner Zeitgenossen überflügelte, so blieb er doch hinter der rechten Würdigung des Judentums zurück oder vielmehr nur an dessen Oberfläche stehen; das wahre Wesen desselben hat sich ihm nicht erschlossen. Der Gedankenbau, der sich aus den zerstreuten Aussprüchen der philonischen Schriften zusammenstellen läßt, trägt dieses Gepräge des halb-judäischen und halb-hellenischen Geistes unverkennbar an sich.

Philos System73 hat vor Allem einen durchgängig religiösen [394] Charakter, und hierin zeigt sich der Einfluß des Judentums auf seine Gedankenwelt am mächtigsten. Gott allein ist ihm das Gute, Vollkommene und Wirkliche; der Stoff, aus welchem die Welt besteht, ist endlich, hat nur ein scheinbares Sein und ist die Quelle des Bösen. Gott als der Unendliche und Unerschaffene ist mit nichts Gewordenem zu vergleichen. Er hat keine Ähnlichkeit mit den Geschöpfen, ist erhaben über Zeit, Raum und menschliche Affekte; er ist selbstgenügsam. Er ist besser als die Tugend und das Wissen, besser als das Schöne und Gute (das Ideal der griechischen Weisheit), einfacher als das Eins, seliger als die Seligkeit. Daher könne eigentlich Gott keinerlei Eigenschaft beigelegt werden, oder nur verneinende; man müsse daher sagen, Gott sei eigenschaftslos (ἄποιος). Daher können auch keine Namen Gottes Wesen bezeichnen; man könne nur von ihm aussagen, er ist der Seiende (ὁ ὤν) oder das Sein im Allgemeinen (τὸ ὄν). Diesen philosophischen Begriff bezeichne das Judentum durch den vierbuchstabigen Namen Gottes (Tetragrammaton), der nur in dem Heiligtum ausgesprochen und nur von Solchen, deren Sinn und Sprache durch die Weisheit geläutert sind, vernommen werden dürfe74. Gott könne daher vom endlichen Verstande gar nicht begriffen werden, der Mensch könne nur wissen, daß Gott ist; was er aber ist, bleibt dem Sterblichen verborgen. Um aber die Persönlichkeit. Gottes zu retten, mußte das philonische System zum Teil von dieser Eigenschaftslosigkeit abgehen und Gott auch die höchste Wirksamkeit zuschreiben. Ihm gebühre ebenso die unendliche Tätigkeit, wie das wahre Sein. Das Wirken ist Gott ebenso eigentümlich wie dem Feuer das Brennen und dem Schnee die Kälte, und dieses um so mehr, als er ja der Grund ist alles dessen, was wirksam ist. Gott wirkt unaufhörlich, und sein Tun ist der Inbegriff seiner Vollkommenheit und Wahrheit. In dieser Wirksamkeit Gottes lassen sich nach Philo zwei Seiten unterscheiden; die Macht und die Güte, welche in der Bibel durch zwei Gottesnamen Adonai-Elohim (κύριος-ϑεὸς) bezeichnet sein sollen. Die Macht ist die königliche, die gesetzgebende, die strafende, die Güte die wohltätige, die gnadenreiche, die erbarmende Eigenschaft Gottes.

Vermöge seiner unendlichen Wirksamkeit und seiner Allmacht müsse Gott schöpferisch gedacht werden, aber vermöge seiner Erhabenheit und Vollkommenheit könne er mit dem das Böse enthaltenden Urstoff nicht in Berührung kommen. Daher nimmt das philonische [395] System Mittelwesen zwischen Gott und der Welt an. Gott schuf zuerst die geistige Welt der Ideen, die nicht bloß Urbilder der zu schaffenden Dinge werden sollten, sondern zugleich wirkende Kräfte und Ursachen wurden, die Gott, wie ein Gefolge diensttuender Wesen, umgeben. Durch diese geistigen Kräfte wirkte Gott mittelbar in der Welt. Sie sind seine Statthalter und Boten, die Ordner der Welt, die unzerreißbaren Bänder, die Gott durch das Weltall gespannt, die Säulen, auf welche er sie gestützt hat. Sie sind die reinen Seelen, welche die Griechen als gute Dämonen bezeichnen, Mose aber Engel nennt. Philo schwankte bei der Beschreibung dieser Kräfte; bald läßt er sie als unzertrennliche Teile Gottes, bald als selbständige, persönliche Wesen wirken, je nach dem der philosophische oder der judäische Einfluß in seinem Denken überwiegt. Wie Gott diese Kräfte hervorgebracht hat, darüber gibt das philonische System nur ungenaue Auskunft. Bald erklärt es diese geistige Schöpfung durch Erweiterung und Spannung des göttlichen Wesens (ἐκτείνειν), bald durch ein Ausströmen Gottes in die Welt (ἀπόῤῥοια).

Der Inbegriff dieser geistigen Kräfte als Vermittler zwischen Gott und der Welt ist nach Philo der Logos oder die wirksame göttliche Vernunft, die göttliche Weisheit, der Geist Gottes, die Kraft aller Kräfte. Der Logos ist, nach Philos mehr schwärmerischer als philosophischer Schilderung, der erstgeborene Sohn Gottes, der an der Grenze zwischen dem Unendlichen und Endlichen steht und beide zugleich verbindet und scheidet. Er ist weder unerschaffen wie Gott, noch geschaffen wie die endlichen Dinge. Der Logos ist das Urbild der Welt, der Stellvertreter Gottes, der dessen Befehle der Welt überbringt, der Dolmetsch, der ihr seinen Willen verkündet, der Vollstrecker, der ihn sogleich vollzieht, der Erzengel, der die Wirkungen und Offenbarungen Gottes an die Menschen vermittelt, der Hohepriester, der Fürbitte für die Welt bei Gott einlegt. Den Begriff der Weltvernunft, der unabänderlichen Gesetze, wodurch die Ordnung in der Welt erhalten wird, hat die griechische Philosophie aufgestellt, und den Namen Logos hat die stoische Schule dafür eingeführt. Aber dieser Begriff hatte für Philo nicht den Charakter der Wahrheit, solange er ihn nicht in der heiligen Schrift bestätigt fand. Diese Bestätigung ist ihm in einer tiefen Verzückung zugekommen, und mit einem Wonnegefühle erinnerte er sich später dieser ihm zuteil gewordenen inneren Offenbarung. Er fand den Logos, seine Bedeutung und Wirksamkeit in der Schrift durch das feurige Schwert bezeichnet, welches neben den beiden Cherubim, als Symbol der beiden Grundkräfte Gottes, [396] Wache vor dem Eden hält75. Philo ging aber keineswegs soweit, den Logos in einem gewissen Sinne den zweiten Gott zu nennen76. Wenn es nun heißt: Gott habe die Welt erschaffen, so ist das nach der philonischen Auffassung so zu verstehen: Gott habe den Logos, als Urbild der Welt, erschaffen, die eigentliche Weltschöpfung habe Gott nicht unmittelbar, sondern durch den Logos vollbracht. Die Welt ist ein Abbild des Logos, der sie in geziemende Form gebracht hat und sie in Ordnung erhält; er ist die Seele des Weltalls, die sie bewegende Kraft, das sie beherrschende Gesetz. Er ist auch die geschichtliche Vorsehung, welche die gewöhnliche Sprache Glück nennt; er bewirkt den Auf- und Niedergang der Völker und Staaten77.

Die Welt dachte sich Philo allerdings als erschaffen, und er betont diesen Gedanken ausdrücklich als die Lehre des Judentums gegen diejenige Behauptung, die der Welt Anfangslosigkeit zuschreibt; aber diese Weltschöpfung war nach seiner Ansicht doch mehr eine Weltbildung, indem die göttliche Weisheit, der Logos, den toten Stoff belebt, geschieden und geordnet hat. Der Mensch ist nach seiner geistigen Seite gleich den höheren Wesen oder Engeln ein Erzeugnis des Logos, und durch ihn hat er Teil an der Gottheit oder ist, im biblischen Sinne, im Ebenbilde Gottes erschaffen. Daher besitzt der Mensch das göttliche Geschenk des Denkvermögens und der Willensfreiheit. Vermöge der Verbindung der von Gott stammenden Seele mit dem Leibe steht der Mensch an der Grenzscheide des Ewigen und Vergänglichen. Er ist eine Welt im Kleinen, das edelste unter den Geschöpfen, aber niedriger als die unkörperlichen Wesen. Die Unsterblichkeit der Seele bedurfte für Philo keines besondern Beweises; da die Seele göttlichen Ursprungs ist, muß sie eben dadurch unvergänglich gedacht [397] werden. Im Tode löst sich die Seele vom Leibe ab, um zu ihrem Ursprunge, in ihre Heimat zurückzukehren, vom Kerkerleben des Irdischen befreit, aus dem sie sich, wie die Israeliten aus Ägypten, schon im Leben weggesehnt hat. Solange die Seele aber mit dem Leibe in Verbindung ist, wird sie zu Boden gedrückt und ist nicht frei von Sünde: der Leib reizt die Seele zur Sinnlichkeit.

Der Lebenszweck der Seele des vollkommenen Menschen, des Weisen, und das höchste Gut ist daher Unterdrückung der Sinnlichkeit und aller irdischen Affekte und Erstreben der reinen Sittlichkeit oder Heiligkeit. In diesem Punkte konnte Philo die Lehren der stoischen Schule mit dem Judentum in Einklang bringen. Die Sittlichkeit läßt sich nach Philo in zwei Verpflichtungen zusammenfassen: in Verehrung gegen Gott und in Liebe und Gerechtigkeit gegen alle Menschen. Aber der Mensch vermag, auf seine eigene Kraft beschränkt, sich nicht von der Sinnlichkeit loszumachen und dem Höchsten zuzustreben; er bedarf dazu der gnadenvollen Mitwirkung Gottes. Er muß daher, wenn er ein tugendhaftes Leben führen will, stets in Verbindung mit Gott bleiben: die wahre Weisheit ist die Furcht Gottes. Der Weise soll sich daher ausschließlich der Betrachtung Gottes widmen. Selbst die Philosophie, die ein Geschenk Gottes ist, hat nur den einen Zweck, den Zug der Seele zu Gott zu befördern. Aber sie genügt nicht, um ein höheres Leben zu erzeugen. So wie der Mensch Erkenntnis seiner selbst erlangt, gewahrt er die Unzulänglichkeit seines Verstandes. Er soll daher, wenn er das Hauptziel, das dem Menschen gesteckt ist, erreichen will, seine Verstandeserkenntnis aufgeben und sich ganz in Gott versenken. Das menschliche Licht muß in dem Göttlichen erlöschen. Der Mensch muß sich in den Zustand der Verzückung, in eine Art göttlichen Wahnsinns (ἔκστασις ἔνϑεος) versetzen; denn sobald das göttliche Licht aufleuchtet, geht das menschliche unter und ebenso umgekehrt. Dieser hochgestimmte verzückte Seelenzustand ist die Eigentümlichkeit der Propheten gewesen, bei denen das menschliche Denken ganz vor dem göttlichen Geiste verschwand. Über den verzückten, ganz in Gott aufgegangenen Menschen kommt nämlich der prophetische Geist, und er ist dann imstande, das wahre Wesen der Gottheit zu erkennen und in Gemeinschaft mit ihr zu treten. Die Propheten sind als die Organe der Gottheit zu betrachten, durch welche sie ihren Willen kundgibt. Denn der wahre Prophet verkündet nicht eigene Gedanken aus sich heraus, ja begreift selbst nicht einmal das von ihm Verkündete, sondern fühlt sich wie von einem andern außer und über ihm befindlichen Wesen unsichtbar getrieben, dessen Eingebungen wiederzutönen. Daher [398] kann kein Lasterhafter Prophet werden; nur der wahre Weise ist würdig als göttliches Organ zu dienen78. Da nun Mose, der größte aller Propheten, Freund und Liebling der Gottheit war, so ist er am vorzüglichsten gewürdigt worden, die Offenbarung und den Willen Gottes zu vernehmen. Diese Offenbarung ist in den von Mose niedergeschriebenen Büchern über die Weltschöpfung, die Geschichte und die Gesetze niedergelegt, die eben dadurch den Stempel des Göttlichen an sich tragen79.

Durch diese Gedankenreihe glaubte Philo Judentum und griechische Weltanschauung zur Versöhnung gebracht zu haben. Indessen war diese Versöhnung keineswegs so innig, um den Widerstreit auszugleichen; die Unverträglichkeit beider war durch diese Auffassungsweise nur verdeckt, nicht aufgehoben. Es war der philonischen Zeit noch nicht möglich, das Grundwesen des Judentums und ebensowenig das des Griechentums in aller Schärfe zu erkennen; darum kamen in derselben nur die springenden Punkte beider in Betracht, die übrigen, nicht minder wesentlichen Seiten wurden gar nicht mit hineingezogen. Das philonische System ist daher mangelhaft und schwankend. Allein bei aller Mangelhaftigkeit und Schwäche entwickelt es doch eine so sprudelnde und tiefe Gedankenfülle, daß es nachfolgenden Denkern reichen Stoff für ihren Geist darbot. Einige Vorstellungen des philonischen Systems fanden besonders, eben weil sie neu und eigentümlich waren, eine günstige Aufnahme und wirkten in größern Kreisen, besonders die Lehre von dem zwischen Gott und der Welt vermittelnden Urbild alles Erschaffenen (Logos), von der Überweltlichkeit Gottes und von seiner Erkenntnisweise durch Seelenverzückung. Die Logoslehre benutzte das junge Christentum, um seinem Wesen ein philosophisches Gepräge zu geben. Der letzte Sproß, den die griechische Philosophie unter der Form des Neuplatonismus trieb, baute ein neues System auf einigen dem philonischen Gedankenkreise entlehnten Ideen. Philo wurde solchergestalt auch, ohne es zu wollen, der Stammvater einer mystischen Weltanschauung, die auf vielfachen Umwegen und Krümmungen zum Judentume zurückkehrte und unter mannigfacher Wandlung die Kabbala erzeugte.

Als wollte Philo selbst gegen die mystischen Wahngebilde, die man aus seinen hingeworfenen Äußerungen ziehen könnte, mit aller Kraft protestieren, stellte er gleich im Eingange zu seiner philosophischen Schriftauslegung die Grundlehren des Judentums unzweideutig und [399] gewissermaßen nüchtern zusammen. In der Darstellung der Weltschöpfung habe Mose fünf vortreffliche Punkte gelehrt: Zunächst daß es einen Gott gebe gegenüber den Zweiflern und Gottesleugnern; sodann die Einzigkeit dieses Gottes gegenüber denen, welche die Zwietracht auf Erden auch in den Himmel verlegen; ferner: daß die Welt von diesem Gotte erschaffen sei, und daß es nur eine einzige Welt gebe, und endlich, daß die göttliche Vorsehung die Welt leite und regiere80. Nichtsdestoweniger verschmähte die Nachwelt und besonders das Christentum die gesunde Geistesnahrung, die Philo gereicht hatte, und griff gerade die unverdaulichen Zutaten auf, die er ihr, der verdorbenen Geschmacksrichtung der Zeit zu Liebe, beigegeben hatte.

Ungleich kraftvoller als alle seine Vorgänger hat der fürstliche Philosoph von Alexandrien aus dem Arabarchenhause das in Laster und Vertierung versunkene griechische und römische Heidentum herausgefordert und bekämpft. Seine ganze Auseinandersetzung über die Gesetze des Judentums zielt im Grunde darauf hin, in der Lichtseite derselben die Schattenseite des Heidentums, die geschlechtlichen Verirrungen, die Gemütsleere und Fäulnis in der griechisch-römischen Welt zu zeigen. Nichtsdestoweniger hielt Philo es für nötig, weil verlogene Anklagen gegen das Judentum zu seiner Zeit allzuhäufig vorkamen, dieses in Schutz zu nehmen und seine Hoheit in einfacher Auseinandersetzung zu beurkunden. Seine Hauptschriften waren zunächst für Stammes- und Glaubensgenossen ausgearbeitet; er wollte aber auch mit den draußen Stehenden ein ernstes Wort reden.

Leichtsinnige und boshafte Schwätzer, Sykophanten, wie sie Philo nennt – Lysimachos aus Alexandrien oder Kyrene und der Lügenschmied Apion (o. S. 325, 328) – hatten den Gesetzgeber Mose einen Gaukler und Betrüger genannt und die von ihm stammenden Gesetze als menschenfeindlich und verwerflich bezeichnet. Gegen diese Verleumder verfaßte Philo eine eigene Schrift81, um ihre von Bosheit gegen die Judäer eingegebenen Anklagen zu widerlegen. Es konnte ihm nicht schwer werden gegenüber den geringzähligen Spuren der Menschlichkeit, deren sich die Griechen aus alter Zeit rühmten, wie z.B. Keinem Feuer zu versagen, einem Verirrten den rechten Weg zu zeigen, eine lange Reihe von Gesetzen der Barmherzigkeit aufzuzählen, die teils im Gesetzbuch ausdrücklich befohlen sind oder ungeschrieben sich mündlich fortgepflanzt haben. An die Spitze der ungeschriebenen Gesetze stellte Philo Hillels goldenen Spruch auf: »Was dir verhaßt ist, das tue einem andern nicht« (o. S. 207, 283). Das [400] Judentum verbietet nicht bloß, Jemandem Feuer zu versagen und Jemandem vom Wasser auszuschließen, sondern es befiehlt auch, den Armen und Schwachen, was sie zum Leben brauchen, zu verabreichen. Es verbietet ferner, falsches Gewicht und Maß und falsches Geld zu halten. Es verbietet, die Kinder von den Eltern und die Frau vom Manne zu trennen, wenn sie auch rechtmäßig als Sklaven erworben sind. Auch gegen Tiere gebietet das Gesetz Mitleid. »Was sind eure wenigen Gesetze dagegen«, ruft er den Griechen zu, »die ihr, als aus uralter Zeit stammend, so sehr hervorhebt?« Zum Schlusse hob Philo den Segen der Sabbatruhe und des siebenten Brachjahres hervor. Durch das erstere sind die Judäer in der Lage, je einen Tag unter sieben ihre Gesetze durch Vorlesung und Auslegung kennen zu lernen, um vor Unwissenheit gewahrt zu sein; der Gatte kann die Frau, der Vater die Kinder, der Herr die Sklaven belehren, so daß alle imstande sind, über die Gesetze Auskunft zu geben. Das Sabbatjahr dient nicht bloß dazu, den Acker durch periodische Ruhe zu kräftigen, sondern auch dem Besitzlosen Lebensmittel zu gewähren, da es jedem freisteht, die Feldfrüchte zu sammeln, und das Eigentumsrecht in diesem Jahre aufgehoben ist. – Den boshaften Anklägern gegen den Gesetzgeber antwortete Philo in neckischem Tone: Ja, Mose müsse sich der Zauberei bedient haben, da er ein ganzes Volk in Durst und Hunger bei Unkunde der Wege und Mangel an allem und jedem nicht bloß in Überfluß inmitten der Völker erhalten, sondern es auch trotz der Zwietracht in dessen Mitte und der Auflehnung gegen ihn selbst außerordentlich gefügig gemacht habe.

Von den drei sittlichen Größen, welche innerhalb eines Jahrhunderts aufeinander gefolgt sind: Hillel, dem Babylonier, Jesus, dem Nazarener und Philo, dem Alexandriner, hat dieser am nachdrücklichsten das Judentum im großen und einzelnen verherrlicht und es gegen Verunglimpfung in Schutz genommen, wie er überhaupt beide nicht bloß an Formgewandtheit, sondern auch an Gedankenfülle weit überragte und an Glut der Überzeugung ihnen nicht nachstand. Die beiden ersteren haben lediglich eine Anregung gegeben, und erst ihre Jünger haben den von ihnen ausgegangenen Grundgedanken nicht ohne vielfache Entstellung in größere Kreise gebracht. Philo hatte wahrscheinlich auch einen Jüngerkreis, aber dieser scheint sich nur an die Schale seines Systems angeklammert zu haben, an die allegorische Auslegung der heiligen Schrift, die in Form von Fragen und Antworten vorgetragen wurde82. Nachhaltiger hat Philo durch seine[401] künstlerisch ausgearbeiteten Schriften gewirkt, die von gebildeten Heiden vielleicht noch mehr als von Judäern gelesen wurden und den Lesern die Wärme, mit der er von Gott, dem Gesetzgeber Mose und dem Geiste der Gesetze schrieb, mitgeteilt haben. Philos Todesjahr ist ebenso unbekannt geblieben, wie das Hillels und Jesu; ihre Anhänger und Zeitgenossen haben ihren Lebensgang nicht der Nachwelt überliefert.

So hat das Judentum in seiner alexandrinischen Gestalt das gebildete, verfeinerte Heidentum gedanklich aufgehoben und vernichtet. Die alexandrinischen Weisen haben das Werk der großen Propheten Jesaia, Habakuk, Jeremia nach dieser Seite hin glücklich fortgesetzt und die Unvernunft, Haltlosigkeit, Verkehrtheit und Unsittlichkeit der heidnischen Religionsform dem blödesten Auge bloßgelegt. Den durchsichtig schimmernden Äther, welcher in den Augen der Griechen und Römer den Olymp umstrahlte, lösten sie in Dunst und Nebel auf. Tief fühlende sittliche Gemüter unter Griechen und Römern kamen zur Einsicht und wandten sich mit Verachtung von einer Religion ab, welche, neben einer so unwürdigen Vorstellung von der Gottheit, das lasterhafte Leben durch das aufgestellte Muster der Götter zu heiligen schien. Religionsbedürftig, wie die Völker der alten Welt überhaupt waren, schlossen sich solche nach Wahrheit und Sittlichkeit ringende Heiden dem Judentume an, dessen Wesen ihnen durch den Umgang mit gebildeten Juden, durch die griechische Übersetzung der judäischen Religionsquellen und durch die griechisch-alexandrinische Literatur immer mehr erschlossen wurde. In den letzten Jahrzehnten vor dem Untergange des judäischen Staates gab es, wie in keiner frühern Zeit, viele Proselyten83. Nicht bloß um äußerer Vorteile willen, um eine Heirat mit judäischen Frauen eingehen zu können oder um die Gunst der judäischen Fürsten zu erlangen – solche nannte man spottweise Proselyten der königlichen Tafel (Gere Schulchan Melachim)84 – sondern aus reiner Überzeugung bekannten sich nicht wenige zum Judentum. Sie fanden darin Beruhigung für ihre Zweifel und Nahrung für Geist und Gemüt. Philo berichtet als eine erlebte Erfahrung, daß die in seinem Vaterlande zum Judentum übergetretenen Heiden auch ihren Lebenswandel änderten und ein mit den Tugenden [402] der Mäßigkeit, der Milde und Menschenliebe geziertes Leben führten85. »Diese, welche die natürlichen Sitten, in denen sie er zogen waren, aufgaben, weil sie von lügenhaften Erdichtungen und Eitelkeit voll sind, wurden echte Verehrer der Wahrheit und wendeten sich der lauteren Frömmigkeit zu«86. Namentlich fühlten sich Frauen, deren zartes Gemüt von der Schamlosigkeit der mythologischen Erzählungen verletzt wurde, von der zugleich kindlichen und erhabenen biblischen Darstellung angezogen. Auch war es für Frauen leichter, in den judäischen Bund zu treten, da sie nicht nötig hatten, sich einer schmerzhaften Operation zu unterwerfen. In Damaskus waren die meisten heidnischen Frauen zum Judentum übergetreten87. Manche, welche einen Ekel an dem künstlerisch-anziehenden, aber sittlich verletzenden heidnischen Kultus empfanden, gingen nicht gerade in die judäische Lebensgemeinschaft ein, sondern behielten ihre Lebensweise bei, verehrten aber nur den einig-einzigen Gott Israels, sandten Gaben an den Tempel in Jerusalem, der eine und andere feierte auch den Sabbat. Diese wurden als »Gottesverehrer« bezeichnet; es waren Halbproselyten. Solche soll es auch in Athen gegeben haben88. Hillels mildere Ansicht, Heiden nicht herb und finster abzuweisen, welche sich vom Judentum angezogen fühlten, war maßgebend geworden. In Jerusalem selbst wurden Proselyten mit zarter Rücksicht behandelt. Einer Proselyten-Familie Agathobulos, welche sich daselbst niedergelassen hatte, und wegen Verarmung wieder auswandern wollte, wurde aus dem Tempelschatze eine nicht unbedeutende Summe zur Lebensfristung verabreicht89. Einige für die Ausbreitung des Judentums allzu eifrige Judäer mögen geradezu auf Bekehrung der Heiden ausgegangen sein, wie die Geschichte jener römischen Patrizierin Fulvia beweist (o. S. 266).

Durch einen solchen Bekehrungseifer fand die judäische Lehre Eingang in einen asiatischen Hof, dessen Glieder während einiger Menschenalter treue Anhänger des Judentums blieben. Adiabene, das Hauptland des ehemaligen Assyrien, ein Vasallenstaat von Parthien, an den Ufern des Tigris, wurde von einem Königspaare Monobaz und Helene beherrscht. Diese Fürsten scheinen griechisch-macedonischen Ursprungs gewesen zu sein; dafür spricht nicht nur der griechische Name Helene, sondern ganz besonders der Umstand, daß das königliche [403] Ehepaar nach macedonischer Unsitte zugleich Geschwister waren90. Dieser kleine aber nicht unmächtige Staat, obgleich von den großen Reichen Rom und Parthien berührt, wußte seine Selbständigkeit zu behaupten und hat sich mehrere Jahrhunderte erhalten. Unter den Kindern, die Monabaz mit dem Beinamen Bazaios, teils von Helenen, teils von anderen Frauen hatte, war Izates (geb. um 1, st. um 55), obwohl jünger als seine Brüder, der Lieblingssohn der Eltern. Um nicht wegen dieser Bevorzugung dem Neide der älteren Brüder von andern Müttern zum Opfer zu fallen, schickte ihn Monabaz an den Hof eines befreundeten Königs, der die Gegend inne hatte, wo die beiden Arme des Tigris (Pasitigris) zusammenfließen bis zu ihrer Mündung in den persischen Meerbusen. Dieses Gebiet führte den Namen Mesene (Mittelland) oder auch Charakene91 von der Hauptstadt Charax-Spasinu, welche der erste König derselben Hyaspasinos zuerst erbaut hatte, und die mit der Zeit Mittelpunkt des Welthandels geworden war. Einer der Nachfolger desselben, mit Namen Abinerglos (Abennerig), fand soviel Wohlgefallen an dem ihm anvertrauten jungen Prinzen Izates, daß er ihm seine Tochter zur Frau gab. An dem Hofe dieses Königs pflegte ein judäischer Kaufmann mit Namen Anania zu verkehren, der den Prinzessinnen nächst seiner Ware auch das Judentum empfahl und sie dafür gewann. Izates, dessen Frau Samach ebenfalls zu den Bekehrten gehörte, wurde auf Anania aufmerksam gemacht, ließ sich mit ihm in Unterredungen ein und faßte eine solche Anhänglichkeit an das Judentum, daß er sich dazu bekannte (um 18), und an den Mann, der es ihm gepredigt, daß er ihn an sich zu fesseln beschloß. Auch noch andere Heiden in Mesene teils eingeborene und teils aus der Stadt Palmyra, welche der schwunghafte Handelsverkehr in diesem Lande herangezogen hatte, bekannten sich zum Judentum. Auch Izates' Mutter, die Königin Helene, war, ohne daß der Sohn es wußte, von einem andern judäischen Heidenbekehrer für das Judentum gewonnen worden. Welchen tiefsittlichen Eindruck das Judentum auf die königlichen Neubekehrten gemacht hatte, zeigte sich bei dem nächsten Thronwechsel. Der sterbende Monobaz hatte seinen Lieblingssohn Izates mit Übergehung der älteren Söhne zum Nachfolger bestimmt. Als Helene den letzten Willen ihres Gatten den adiabenischen Großen verkündete, rieten diese zu einer Untat, die an den parthischen und asiatischen Höfen oft genug vorgekommen ist. Zur Sicherheit des Staates, damit die Brüder des Izates [404] nicht aus Neid und Haß einen Bruderkrieg gegen ihn anfachen könnten, sollte sie dieselben durch den Tod unschädlich machen. Aber Helene, die durch die Annahme des Judentums gesänftigt und über eine so barbarische Politik entrüstet war, wies den Blutrat zurück und ging nur insofern darauf ein, als sie die Königsbrüder in Gewahrsam hielt; nur ihr älterer Sohn Monobaz II. blieb verschont und mit der Regentschaft betraut. Als Izates in der adiabenischen Hauptstadt angekommen war und nach des Vaters letztwilliger Verfügung aus Monobaz' Hand die Krone empfangen hatte (um 22), hielt er es sogar für grausam, seine Brüder der Sicherheit wegen ihr lebelang im Kerker schmachten zu lassen. Er soll sie als Geißeln, d.h. zu einer Art ehrenvoller Verbannung, teils nach Rom teils nach der parthischen Hauptstadt gesandt haben.

Auf den Thron gelangt, wollte Izates mit dem Judentum Ernst machen und sogar die Beschneidung an sich vollziehen lassen. Allein seine Mutter und selbst sein Lehrer Anania widerrieten aufs nachdrücklichste einen so gewagten Schritt, der seine heidnischen Untertanen zur Empörung gegen ihn treiben könnte. Anania, vermutlich ein hellenischer Judäer, suchte ihn vielmehr zu überzeugen, daß die Beschneidung für ihn nicht wesentlich sei. Izates beruhigte sich anfangs dabei, bis später ein gesetzesstrenger Judäer aus Galiläa, mit Namen Eleasar, an seinen Hof kam und ihm eine andere Ansicht beibrachte. Eleasar fand den König einst beim Lesen des Pentateuch – ohne Zweifel in griechischer Übersetzung – und konnte sich nicht enthalten zu bemerken, daß es um dem judäischen Bekenntnisse ganz anzugehören nicht genüge, die Gesetze zu lesen, sondern daß man sie auch üben müsse. Darauf ließ sich Izates, nach einer andern Nachricht auch sein älterer Bruder Monobaz, heimlich beschneiden92. Die sorgenvolle Ahnung, welche die Königin-Mutter für den Fall hegte, daß der vollständige Übertritt des adiabenischen Königs seinen Untertanen kund werden würde, traf nicht sobald ein. Izates' Regierung wurde nicht angefochten, war vielmehr so geachtet, daß er als Vermittler zwischen dem parthischen König Artaban und dessen aufständischen Großen auftreten konnte, wofür er als Belohnung die Landschaft und die Stadt Nisibis erhielt, die eine zahlreiche judäische Gemeinde hatte. Später aber, als sämtliche Verwandte des Königs sich öffentlich zum Judentum bekannten, zettelten einige adiabenische Große eine Verschwörung gegen ihn an und forderten den Araberkönig Abia, welcher in dem Gebiete Edessa herrschte, heimlich auf, Izates mit Krieg zu überziehen [405] Dieser folgte der Einladung und machte einen Einfall in Adiabene. Viele adiabenische Krieger gingen im entscheidenden Augenblicke zu ihm über. Dennoch wurde sein Heer von Izates besiegt, und Abia nahm sich aus Verzweiflung darüber das Leben. Später stachelten die adiabenischen Großen den Partherkönig Vologäses zum Kriege gegen ihren der Religion der Väter abtrünnigen König auf. Dieser Krieg hätte für Izates verderblich werden können, wenn nicht Vologäses vor der Schlacht plötzlich die Nachricht erhalten hätte, daß einige wilde Horden, Daher und Saker (Skythen), sein Land verheerten, und er dadurch gezwungen worden wäre, den Krieg aufzugeben. Seit dieser Zeit blieb Izates' Regierung, die einige dreißig Jahre dauerte, bis ans Ende ungetrübt93. Ob auch einige seiner Untertanen, dem Beispiele des Königs folgend, sich zum Judentume bekannten, wird nicht berichtet.

Wie groß die Anhänglichkeit des adiabenischen Königshauses an das Judentum war, bezeugt der Umstand, daß Helene eine Sehnsucht hatte, Jerusalem zu sehen; von ihrem Sohne unterstützt, trat sie die weite Reise an (um 43). Izates schickte auch fünf von seinen vielen Söhnen nach Jerusalem, um sie in der judäischen Religion und der hebräischen Sprache unterrichten zu lassen94. Welch ein Hochgefühl müssen nicht die Jerusalemer empfunden haben, als sie eine Königin einziehen sahen, die aus dem fernen Osten kam, um ihrem Gotte und ihrem Gesetze mit aufrichtigem Gemüt zu huldigen! Hatte sich jetzt nicht vor ihren Augen das prophetische Wort erfüllt, daß der zweite Tempel größer sein werde, als der erste, indem die Heiden in demselben den einen-einzigen Gott anbeten werden! Bald hatte auch Helene Gelegenheit, sich als Wohltäterin des Volkes zu zeigen. Eine Hungersnot hatte während ihrer Anwesenheit auf dem Lande schwer gelastet und besonders die ärmeren Klassen hart betroffen. Ein Assaron Mehl (ungef. 4 Liter) kam auf vier Drachmen (mehr als 3 Mark) zu stehen. Im Tempel war nicht hinlänglich Mehl für die Speiseopfer vorhanden, und doch mochten die hungernden Priester von dem Teil, der für das Feuer des Altars bestimmt war, auch nicht einen Krumen für sich gebrauchen. Von der ärmeren Klasse wurden viele durch die Not hingerafft. Die Königin Helene ließ ganze Schiffsladungen Getreide aus Alexandrien und Feigen aus Cypern aufkaufen und verteilte Alles unter die Bedürftigen (um 48). Izates gewährte ihr reichliche Mittel, ihre Neigung zur Freigebigkeit zu befriedigen95. Den Tempel beschenkte [406] sie königlich mit einer goldenen muschelartigen Scheibe für die Pforte des innern Heiligtums, die den ersten darauf fallenden Strahl der Morgensonne vielfach zurückwerfend, erglänzte und den diensttuenden Priestern den Anbruch des Tages verkündete96. Auch mit einer goldenen Tafel beschenkte sie den Tempel, auf welcher der Gesetzesabschnitt eingegraben war, der beim Verfahren gegen eine des Ehebruchs verdächtige Frau gebraucht wurde97. Dieses Geschenk war kein günstiges Zeichen; es beweist, daß durch den Einfluß der Römer und des herodianischen Hauses Ehebruch oder Verdächtigung der Treue judäischer Frauen häufig vorgekommen sein müssen. Einige Jahrzehnte später mußte sogar das Verfahren bei des Ehebruchs verdächtigen Frauen wegen Überhandnahme des Verdachtes ganz eingestellt werden. Die Nation bewahrte der Proselytin Helene wegen ihrer Frömmigkeit und Wohltätigkeit ein dankbares Andenken98. Sie überlebte noch ihren Sohn Izates, der im Alter von fünfundfünfzig Jahren starb (um 55) und nächst vierundzwanzig Söhnen ebenso viele Töchter hinterlassen haben soll. Ihm folgte auf den adiabenischen Thron sein älterer Bruder Monobaz II., der eine nicht minder innige Anhänglichkeit an das Judentum an den Tag legte. Als auch Helene gestorben war, ließ Monobaz ihre Gebeine sowie die seines Bruders nach Jerusalem führen und in dem großartigen Grabmal beisetzen, welches sie während ihrer Anwesenheit dort hatte bauen lassen. Dieses Mausoleum Helenes, etwa drei Stadien (570 Meter) nördlich von Jerusalem, galt als ein Kunstwerk und war durch drei Pyramiden oder Säulen von weißem durchsichtigem Marmor99 kenntlich.

Das eigentliche Grabgewölbe war unterirdisch aus Steinen gehauen, ebenso die Eingangstür, die durch einen künstlicheu Mechanismus sich einmal im Jahre zu einer bestimmten Stunde von selbst geöffnet und dann wieder geschlossen haben soll100. Als wenn diese kluge Königin geahnt hätte, daß Jerusalem in die Hände eines schonungslosen [407] Feindes fallen werde, wollte sie die Gebeine ihrer Familie durch die Erschwerung des Zuganges schützen. Noch jetzt sind die Trümmer des Grabmals vorhanden, aber unter dem falschen Namen »Königsgräber«. Man sieht noch eine Felsenvertiefung mit mehrern unterirdischen Räumen, Hallen und Nischen und mit Spuren von Sarkophagen, Säulen und zierlichen Bildhauerwerken von Weintrauben, Blumen und Kränzen, die der zerstörenden Zeit getrotzt haben. Diese Grabtrümmer sind die beinahe zweitausendjährigen Zeugen von der Anziehungskraft, welche das Judentum auf hochgestellte Heiden ausgeübt hat. Das adiabenische Königsgeschlecht bewährte seine Anhänglichkeit an Jerusalem durch Bauten und Geschenke. Helene hatte einen Palast in der Unterstadt und ihre Enkelin, die Prinzessin Grapte, einen andern in dem Stadtteile Ophla bauen lassen101. Monobaz, der ebenfalls einen Palast in Jerusalem hatte102, ließ die Tempelgefäße, die am Versöhnungstage gebraucht wurden, aus Gold anfertigen103. Die Adiabener hielten treu zur judäischen Nation und standen ihr in der Not kräftig bei.

Dieser Zug religiösgesinnter heidnischer Gemüter nach dem Judentume, der sich in der Sage abspiegelt, daß ein äthiopischer Schatzmeister einer Königin Kandake (vielleicht die Königin Helene?) auf einem Wagen sitzend den Propheten Jesaia vorgelesen habe104, kam dem jungen Nazaräertum am meisten zu statten. Indem es sich dieser Stimmung bemächtigte und sie noch mehr steigerte, legte es den ersten Grundstein zu seiner Weltherrschaft. Zwei Judäer aus griechisch redenden Ländern, Saulus aus Tarsus (bekannt unter dem Namen Paulus) und Jose Barnabas aus Cypern, ein Levite, haben der kleinen christlichen Gemeinde dadurch, daß sie geradezu darauf ausgingen, Heiden zu Proselyten zu machen, eine Ausbreitung gegeben, welche das Nazaräertum aus der Beschränktheit einer judäischen Sekte zu einer eigenen Religionsform erhob, aber eben dadurch auch seinen ursprünglichen Charakter veränderte. In dem kurzen Jahrzehnt seit dem Tode des Stifters hatte die geringzählige Gemeinde einen Zuwachs von Anhängern aus zwei Kreisen erhalten, von Essäern und Judäern aus griechischen Ländern. Die ersteren, die bis dahin ins Blaue hinein geschwärmt und durch ein Wunder das Himmelreich erwartet hatten, mögen in Jesus die Verwirklichung ihrer Träume erblickt haben. Sobald diese Mystiker sich mit dem Gedanken eines leidenden Messias vertraut gemacht hatten und glaubten, daß dieser, anstatt als [408] Befreier und Erlöser aufzutreten, den Kreuzestod erlitten haben könne, wurden sie warme Anhänger des Kreises, der aus unmittelbaren Jüngern Jesu bestand, und wandten ihm ihren ganzen Eifer zu. Die Essäer, die, ohne Familie, sich nicht aus sich selbst ergänzen konnten und neue Mitglieder durch ihre mystische Überredung suchen und anwerben mußten, setzten als gläubig-gewordene Jesu-Jünger ihr Werbewerk (Propaganda) fort und zogen neue Mitglieder aus den untersten Volksschichten an, welche von den Führern der Pharisäer vernachlässigt oder gar gemieden wurden. Sie steckten mit ihrer Rührigkeit und ihrem Werbeeifer auch die urchristliche Gemeinde an, die in ihrer Einfalt keineswegs einen Zuwachs von Gläubigen, sondern die baldige Wiederkehr Jesu in aller Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels erwartete. Bald streiften auch aus ihrer Mitte, die ihren Hauptsitz in Jerusalem hatte, Sendboten (Apostel) zur Verbreitung der Überzeugung umher, daß noch mehrere oder recht viele glauben sollten, Jesus sei der wahre Messias gewesen.

Zur Anwerbung von recht vielen Gläubigen gehörte aber vor allem eine Redegewandtheit, wie sie die einfältigen galiläischen Fischer und Handwerker am wenigsten besaßen. Da kam der nazaräischen Gemeinde der Zutritt von griechisch-redenden Judäern zu statten. Aus Syrien, Kleinasien, Ägypten, Kyrene und den Inseln Kreta und Cypern strömten alljährlich Judäer nach Jerusalem zu den Festen herbei und weilten auch längere Zeit daselbst, neben Gemütsmenschen und Schwärmern auch Abenteurer, Neuerungssüchtige, Bettlergesindel. Von diesen ergriffen nicht wenige das ihnen zugetragene Neue um so begieriger als sie im allgemeinen im Schrifttum und in den Satzungen unwissend waren so daß ihnen die grundverkehrte Anwendung der Schriftverse aus den Propheten auf Jesus (o. S. 308) keineswegs durch Mark und Bein fuhr, vielmehr als das einzig Richtige erschien. Die Gütergemeinschaft und die gemeinsamen Mahle, welche die ebionitisch-christliche Gemeinde von ihrem essäischen Ursprunge beibehalten hatte, sagte diesen judäisch-griechischen Heimatlosen und Abenteurern besonders zu. Wer etwas Hab und Gut besaß, verkaufte es und legte den Erlös in die Ordenskasse, und wer nichts besaß, lebte sorglos in der Gemeinschaft105. Diese griechischen Judäer, welche von ihren heidnischen Nachbarn die Kunst erlernt hatten, über alles und jedes zu sprechen und auch einem leeren Inhalt eine ansprechende Form und Klang zu geben, verliehen der neuen Religionsform die erforderliche Sprache: sie redeten in Zungen106. Sie wurden die Prediger der jungen Gemeinde [409] und eigneten sich am besten zu Sendboten. Kaum bekehrt, warfen sie sich auf die Bekehrung Anderer. Freilich vertrugen sich die Fremden nicht immer mit den Einheimischen, beklagten sich öfter über Zurücksetzung und setzten es durch, daß auch aus ihrer Mitte sieben Verwalter für die gemeinsamen Mahlzeiten gewählt wurden107, damit sie nicht zu kurz kämen. Es dauerte nicht lange, so waren die galiläischen, ebionitischen und essäischen Elemente in dieser Mischung von dem griechischen überwuchert.

Die griechisch redenden Judäer oder Hellenisten, welche die Entwicklung des Gesetzes in den Schulen Jerusalems nicht kannten und überhaupt in der Gesetzeskunde unwissend waren, mochten sich manches Vergehen gegen die Satzung unwissentlich oder auch geradezu, weil es ihnen vernunftwidrig schien, haben zuschulden kommen lassen. Dabei ertappt und zur Rede gestellt, scheinen sie, rechthaberisch und streitsüchtig wie sie waren, ihre gesetzwidrigen Handlungen gerechtfertigt und mit ihrem Glauben an Jesu Messianität verteidigt zu haben, als wenn auch er sich über Satzungen hinweggesetzt hätte. In Jerusalem aber, das als heilige Stadt galt, wurde es mit jedem Brauche und jeder Satzung höchst ernst genommen. Man begann Argwohn gegen die in Zungen redenden Nazaräer zu schöpfen, daß sie Neuerungen einzuführen und das Gesetz zu verhöhnen trachteten. Nicht bloß die Behörden, sondern auch fromme Männer, welche in dem Bestehenden das Heil erblickten, begannen die Jesu-Anhänger zu beobachten und ihre Äußerungen in den Synagogen, auf Märkten und Plätzen zu behorchen. Am meisten fanatisch eingenommen gegen die neuerungssüchtigen Nazaräer war Saulus aus Tarsus, da er ein eifriger Anhänger der pharisäischen Lehre war und das Gesetz, das mündliche wie das schriftliche, im ganzen Umfange für unantastbar hielt108. Er, der griechisch sprach, war imstande, die Tragweite der Äußerungen der judäisch-christlichen Hellenisten in Jerusalem zu ermessen, und er war empört darüber. Einer dieser Griechen, Namens Stephanos, hatte sich am meisten gehen lassen und rücksichtslos gegen die Heiligkeit des Gesetzes und den Tempel gesprochen. Ihn scheint Saulus als Lästerer angegeben zu haben, und Stephanos wurde – es läßt sich nicht sagen, ob von einem Gerichtshofe oder von der Menge – gesteinigt109. Seit der Zeit wurden die Nazaräer noch mehr beargwöhnt und zur [410] Verantwortung gezogen, und wiederum war es Saulus, welcher in die Häuser der griechisch redenden Gläubigen ging, sie aushorchte, sie anklagte und bewirkte, daß sie vor die Gerichte geladen wurden. Die Angeklagten wurden ins Gefängnis gebracht. Diejenigen, welche beim Verhör schuldig befunden worden waren, mit Berufung auf Jesu Messianität gegen das Gesetz gehandelt oder gesprochen zu haben, wurden keineswegs mit dem Tode bestraft, sondern zu Geißelhieben verurteilt110. Durch diese Strenge erschreckt, entflohen die fremden Nazaräer aus Jerusalem, zerstreuten sich und suchten griechische Städte auf, wo es judäische Gemeinden gab, um unter ihnen das Werbewerk fortzusetzen111. Aber nur die hellenistischen Jesu-Anhänger wurden verfolgt, die einheimischen dagegen, welche ungeachtet ihres neuen Glaubens die fortdauernde Heiligkeit des Gesetzes nicht leugneten, blieben unbehelligt. Ihre drei Vorsteher, Jakobus, Bruder oder Verwandter Jesu, Kephas oder Petrus und der Zebedaïde [411] Johannes, hatten ihren festen Wohnsitz in Jerusalem, ohne verfolgt zu werden112. Selbst gegen die Bestrafung der großsprecherischen und wühlerischen Nazaräer aus griechischen Ländern soll der Patriarch Gamaliel I. sich ausgesprochen haben. Er soll zu denen, welche für strenges Verfahren waren, geäußert haben: »Lasset ab von diesen Menschen. Ist dieser Rat oder dieses Werk von Menschen, so wird es untergehen, ist es aber von Gott, so werdet ihr es nicht zerstören können.« Doch ist diese Nachricht wohl sagenhaft113.

Die flüchtigen Nazaräer setzten indes ihre Wühlereien und ihren Bekehrungseifer an andern Orten fort. Heimatlos, wie sie waren, ging ihr Streben nur dahin, sich einen Kreis von Anhängern zu verschaffen und die Gütergemeinschaft in demselben einzuführen, um eben dadurch sorglos in den Tag hinein leben zu können. Zwei Städte zogen sie besonders an, Antiochien und Damaskus, in denen es eine zahlreiche griechisch redende Gemeinde gab, und auch viele Proselytinnen[412] (o. S. 403), wo sie einen weiten Spielraum für Bekehrungen fanden. Die halb oder ganz unwissende Menge lauschte auf die Worte der Sendboten, welche ihnen die Nähe des Himmelreichs der Seligkeit verkündeten, und vorgaben, daß, um in dasselbe aufgenommen zu werden, es weiter nichts bedürfe, als an Jesus, als an den erschienenen, gekreuzigten und wiedererstandenen Messias zu glauben und die Taufe zu nehmen. Alsbald sahen diese beiden Städte eine nazaräische Gemeinde in ihren Mauern, deren Glieder als Judäer galten, auch eine judäische Lebensweise führten, beteten, Psalmen sangen und zum Schluß auf die Lobgesänge das übliche »Amen« sprachen114, aber doch durch Eigenheiten den Ansatz zu einer neuen Sekte erblicken ließen. Sie kamen zu einem gemeinsamen Mahle zusammen, das sie »Herrenmahl« oder »Liebesmahl« (Agape) nannten, sprachen den Segen über Wein, tranken nacheinander aus demselben Kelche, brachen das Brot zur Erinnerung an Jesu letzte Stunde und gaben einander einen Kuß, Männer und Weiber ohne Unterschied115. Dabei traten Einige auf, welche in Verzückung Weissagungen verkündeten; Andere sprachen in Zungen, wieder Andere nahmen magische Heilung im Namen Jesu vor oder rühmten sich der Wundertätigkeit116. Es herrschte eine so unnatürliche Aufgeregtheit und Schwärmerei in diesem hellenisch-nazaräischen Kreise, daß er mit der Zeit dem Gespötte verfallen wäre und den Untergang in Lächerlichkeit gefunden hätte. Noch weniger hätte sich das judäische Nazaräertum, das in Jerusalem durch die drei Männer Petrus, Jakobus und Johannes vertreten war, behaupten können, weil es sich starr an das Hergebrachte anklammerte und das Neue, welches in Jesu Auftreten lag – von seiner verfehlten messianischen Rolle abgesehen – denn doch nicht zu befruchten vermochte. Kurz, das junge Christentum wäre mit seiner Phantasterei bei seinem ersten Ausfluge an der Wirklichkeit zerschellt und hätte, wie die Anhängerschaft anderer Messiasse, einen klanglosen Tod gefunden, wenn ihm nicht Saulus aus Tarsus eine neue Richtung, eine große Tragweite gegeben und ihm eben dadurch Lebensfähigkeit und Aufschwung verliehen hätte. Ohne Jesus hätte der Tarser allerdings nicht die Gelegenheit gehabt, weitgreifende Seeleneroberungen zu machen; aber noch weniger hätte sich das Jesustum ohne ihn behaupten können.

[413] Saulus (geb. in Tarsus in Cilicien im Anfange der christlichen Zeitrechn. starb um 64?), angeblich vom Stamme Benjamin, war eine eigenartig angelegte Natur. Schwach an Körper und kränklich, war er dennoch von einer Zähigkeit, die vor keinem Hindernisse zurückwich. Reizbar und heftig an Seelenstimmung, war er maßlos einseitig, eckig, beharrlich und verfolgungssüchtig gegen solche, die seine Meinung nicht teilten oder auch nur um ein geringes davon abwichen. Er hatte nur geringe Kenntnis vom judäischen Schrifttume und kannte die heilige Schrift nur aus der griechischen Übersetzung117. Zu den Füßen Gamaliels hatte er wohl nicht gesessen118, sonst hätte er gewiß mehr Gesetzeskunde und Milde von ihm gelernt. Er wird vielmehr wohl von Winkelgelehrten in Tarsus unterrichtet worden sein. So eng wie seine Kenntnisse, war auch sein Gesichtskreis. Dabei war er schwärmerisch und von Vorstellungen besessen, die er für wirkliche Vorgänge hielt, und von denen er sich bestimmen ließ. Kurz, Saulus war zugleich eine krankhafte und eiserne Persönlichkeit, wie geschaffen um Neues zu begründen und das unmöglich Scheinende zu verwirklichen. Mit eigensinnigem Feuereifer hatte er die hellenischen Nazaräer verfolgt, sie aus den Schlupfwinkeln gezogen, um sie der Strafe zu überliefern, weil sie von dem pharisäischen Judentume, das er für das einzig wahre und gerechte hielt, abgewichen waren. Das hatte ihm aber nicht genügt. Sobald der tarsische Eiferer erfahren hatte, daß manche von ihnen sich nach Damaskus begeben hatten, zog er ihnen nach, gleichviel ob im Auftrage oder aus eigenem Antriebe, um mit unerbittlicher Verfolgungssucht auch da ihre Gemeinde zu zerstören. Aber plötzlich wurde er andern Sinnes. In Damaskus waren viele Heiden zum Judentume übergetreten, namentlich vom weiblichen Geschlechte (o. S. 403). Großes Aufsehen hatte die Bekehrung des adiabenischen Königshauses zum Judentume erregt. Saulus war wahrscheinlich Zeuge des Ereignisses119, wie die Königin Helene mit den adiabenischen Prinzen und ihrem Gefolge zum Triumphe des Judentumes ihren Einzug nach Jerusalem angetreten hatte (o. S. 406). Sie hatte sicher auf ihrer Reise Damaskus berührt und Huldigungen von der judäischen und proselytischen Bevölkerung dieser Stadt empfangen. Diese Vorgänge haben wohl einen tiefen Eindruck auf [414] Saulus gemacht und ihm die Frage nahe gelegt, ob nicht die Zeit ge kommen sei, von der die Propheten geweissagt hatten, daß alle Völker den in Israel geoffenbarten Gott anerkennen werden, daß vor ihm sich jedes Knie beugen, bei ihm jede Zunge schwören werde. Beschäftigte ihn diese Frage, so mußte er auch den sich daran haftenden Zweifel überwinden. Wird es denn möglich sein, bei aller Geneigtheit vieler Heiden zum Judentume, die ganze Heidenwelt zu bekehren, wenn für sie das Gesetz verbindlich gemacht, wenn ihnen aufgelegt werden sollte, Sabbat und Feiertage zu beobachten, die Speisegesetze zu erfüllen, Reines vom Unreinen zu unterscheiden und gar sich der Beschneidung zu unterziehen? Sollen die Heiden gar zur strengen Erfüllung der pharisäischen Erschwerungen angehalten werden? Dann könnte der Eintritt der Völker in die Lebensgemeinschaft des Judentums unmöglich erfolgen. Auf der andern Seite: soll das Gesetz um der Heiden willen aufgehoben und ihnen nur die Gotteserkenntnis und die höhere Sittlichkeit beigebracht werden? Das ganze Gesetz stammte ja von Gott, der es offenbart und zu deren Erfüllung eindringlich ermahnt hat! Wie sollte es aufgehoben werden? Da mochte sich Saulus eines Ausspruches seiner Lehrer erinnert haben, daß das Gesetz nur bis zur Zeit des Messias eine erziehliche Bedeutung und Geltung habe, daß eben, sobald der Erlöser erschienen sei, dessen Verbindlichkeit von selbst aufhöre120. Erschiene der Messias, oder wäre er erschienen, so wäre das Hindernis für Gewinnung der Heiden beseitigt. Ist er vielleicht erschienen? Ist vielleicht Jesus wirklich der Messias gewesen? Dieser Gedankengang beschäftigte Saulus aufs tiefste. Sein nervös krankhafter Zustand und sein phantastischer Sinn halfen ihm über den Zweifel hinweg. Er glaubte steif und fest, daß Jesus ihm erschienen sei121. Viel später sagte er selbst von dieser ihm gewordenen Erscheinung: »Ob es leiblich gewesen? ich weiß es nicht, ist es außerleiblich gewesen? ich weiß es nicht. Gott weiß es; ich wurde bis in den dritten Himmel entrückt122, – ein nicht sehr glaubwürdiges Zeugnis für einen tatsächlichen Vorgang. Die spätere Zeit wußte diese Erscheinung glaubwürdiger zu gestalten. Die Sage [415] schmückte diese für das Christentum so folgenreich gewordene Bekehrung gebührend aus: Ein Licht habe Saulus auf seiner Reise nach Damaskus umleuchtet, wovon er entsetzt auf die Erde gefallen sei, und er habe eine. Stimme vernommen, die ihm zugerufen habe: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« Von der Erscheinung erblindet, habe er Damaskus erreicht und erst in einer Unterredung mit einem Christen, der ihm geraten, die Taufe zu nehmen, sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen123.

Mit der Gewißheit, daß er Jesus wirklich gesehen, löste sich für Saulus ein anderer Zweifel oder eröffnete sich ihm ein neuer messianischer Gesichtskreis. Ist Jesus zwar gestorben oder gekreuzigt worden und dennoch ihm erschienen, so muß er von den Toten auferstanden sein, ja, er muß der erste Auferstandene sein und hat damit die Auferstehung, welche Gegenstand der Schulstreitigkeit war, bewahrheitet, hat damit die Nähe des Himmelreichs angezeigt, bei dessen Eintreffen nach der Verkündigung des Propheten Daniel124 die Toten auferstehen werden. So standen dem ehemaligen Pharisäer aus Tarsus drei Dinge unerschütterlich fest: Jesus sei auferstanden, sei der wahre verkündete Messias, und das Himmelreich, die zukünftige Zeit mit der Auferstehung, sei nahe, und das lebende Geschlecht oder richtiger die Jesus-Gläubigen werden dessen Eintreffen bald erleben125. Dieser Glaube führte ihn zu weitern Folgerungen: Ist der Messias erschienen, oder war Jesus tatsächlich der Christus, so ist das Gesetz von selbst aufgehoben, so können die Heiden des Segens Abrahams teilhaftig werden, ohne das Gesetz zu beobachten. Das war ein Sporn für seinen Tatendrang. Er fühlte sich berufen, die versunkene Heidenwelt zu bekehren, sie vermittels Christus dem Vater zuzuführen. Saulus glaubte, er sei eben dazu vom Mutterleibe her auserkoren, Apostel der Heiden zu werden. Bei einem solchen Feuergeiste war zwischen Gedanke und Tat kein langer Zwischenraum. Unter dem Namen Paulus schloß er sich in Damaskus den Nazaräern an, die verwundert genug darüber waren, daß ihr Verfolger plötzlich ihr Genosse geworden war und auf Bekehrung ausging.

In Damaskus fand zwar Paulus Gelegenheit genug dazu, da dort die Vorliebe für das Judentum heimisch war, und manche sich nur wegen der Opfer, die es erheischte, davon fern hielten. Der neubekehrte Apostel konnte diesen den Schritt erleichtern, indem er ihnen[416] die Verpflichtung auf das Gesetz vermöge des Glaubens an Jesus erlassen konnte. Allein er scheint mit seinem auf Klügelei beruhenden Glauben keinen Anklang gefunden zu haben, nicht einmal bei seinen landsmannschaftlichen Gläubigen. Seine Theorie von der Außerkraftsetzung des ganzen Gesetzes mochte ihnen, als etwas ganz Neues, nicht geheuer vorkommen. Auch scheinen sie noch immer Mißtrauen gegen ihren ehemaligen Verfolger gehabt zu haben. Kurz, Saulus-Paulus konnte sich in Damaskus nicht halten und entwich nach Arabien, d.h. nach Auranitis126, wo es ebenfalls judäische Gemeinden gab. Als er aber zum zweitenmal nach Damaskus zurückkehrte, und seine Glaubensgenossen mehr Vertrauen zu ihm faßten und mit ihm gemeinschaftliche Sache machten, konnte er sich seinem Bekehrungseifer hingeben. Indessen reizte er mit seinem ungestümen, rücksichtslosen Wesen und mit seiner Behauptung, daß das Gesetz aufgehoben sei, die judäische Gemeinde in Damaskus. Der judäische Ethnarch dieser Stadt, welcher von Aretas Philodemos eingesetzt oder bestätigt worden war (o. S. 371), suchte ihn gefangen zu nehmen. Seine Genossen retteten ihn aber, indem sie ihn in einem Korbe durch ein Fenster in der Mauer ins Freie setzten127. So entkam er den Händen derer, welche mit Recht in ihm den Zerstörer des Judentums erblickten. Wohin sich Paulus von da begab, ist ungewiß. Nach Jerusalem kam er erst drei Jahre nach seiner Bekehrung, anstatt sich dort sofort von den unmittelbaren Jüngern Jesu Gewißheit zu verschaffen, was Jesus getan und gelehrt, und was er beabsichtigt hatte. Er fühlte wohl, daß ein großer Abstand zwischen ihm und den christlichen Galiläern vorhanden war, und daß er sich mit ihnen nicht werde verständigen können. Paulus war von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß der Segen für alle Geschlechter oder die Verheißung (ἐπαγγελία) an Abraham: er werde Vater vieler Völker sein, und daß die Fülle der Heiden zur Kindschaft Abrahams herangezogen werden sollte128, endlich eine Wahrheit werden müßte, und daß er berufen sei, dieses Werk zu vollbringen. Den Unterschied zwischen Judäern und Griechen oder Heiden, zwischen Knechten und Freien wollte er verschwinden machen und alle zu Brüdern in dem Bunde Abrahams, zu Abrahams Samen nach der Verheißung vereinigen129. Das war die frohe Botschaft (εὐαγγέλι ον), die er den Völkern zu bringen gedachte. Es war allerdings ein umfassender Gedanke, für den freilich die Ebioniten in Jerusalem und auch die sogenannten Säulenapostel kein Verständnis hatten.

[417] Nach kurzem Aufenthalte in Jerusalem trat Paulus seine Bekehrungswanderung in Begleitung des Cyprers José Barnabas an. Von Antiochien aus, wo es viele jüdische Proselyten gab130, und wo die beiden Heidenapostel Gelegenheit hatten, diese und auch heidnische Griechen zu bekehren, begaben sie sich nach Cilicien, Paulus' Heimatsland, durchzogen Kleinasien und Macedonien, setzten nach Griechenland (Achaia) über, und Paulus' Streben wurde von überraschenden Erfolgen gekrönt. Er gründete an vielen Orten griechisch-christliche Gemeinden, besonders in Galatien (in Antiochien, Ikonium, Lystra, Derbe), in Ephesus, in Philippi, in Thessalonica und in der Stadt Korinth. Zum Teil konnte sich das Judentum diese Erfolge zuschreiben; denn wenn Paulus die Heiden gewinnen wollte, mußte er einen Teil der so glänzenden Vergangenheit des judäischen Volkes aufrollen, um zu Jesus zu gelangen131. Er mußte ferner den geläuterten Gottesbegriff dem wüsten Heidentume gegenüber hervorkehren. Empfänglichkeit für die reine Lehre des Judentums fand er unter Heiden vor. Nicht wenige derselben empfanden, wie bereits gesagt, Ekel an den mythologischen Göttergeschichten und an der Menschenvergötterung. Noch war in frischem Andenken, wie alle Völker des römischen Reichs in beispielsloser Niedertracht dem Scheusal Caligula Altäre geweiht, ihn als Gott anerkannt und zu ihm gebetet hatten. Verzweifelte und reine Gemüter suchten einen Gott, zu dem sie sich erheben könnten, und fanden ihn nicht. Nun war Paulus gekommen und brachte ihnen diesen, allerdings von Wundergeschichten umgebenen Gott, der aber mit seinem mythologischen Anstriche um so mehr gefiel; »den Sohn Gottes« verstanden die Heiden besser als den »messianischen Erlöser«. Auch die weit verbreitete Krankheit der Unsittlichkeit, die in Griechenland und im ganzen römischen Reiche das Tageslicht nicht zu scheuen brauchte, weil sie in Rom auf dem Throne saß, die Unzüchtigkeit der Weiber, die Geilheit der Männer, die Knabenliebe, alles dieses bot Paulus Handhaben, die judäische Lehre empfehlenswert und annehmbar zu machen. Was der alexandrinisch-judäische Geist in Schriften nachgewiesen hatte, in den sibyllinischen Versen, im Buche der Weisheit, in den Schriften Philos, daß die Wurzel der Vertierung unter den Heiden in der Vielgötterei liege, führte Paulus in hinreißenden Predigten vor die Seele heidnischer Zuhörer: »Sie haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in die Ähnlichkeit des Bildes eines vergänglichen Menschen, der Vögel, der Vierfüßler [418] und der Kriechtiere verwandelt, darum gab sie Gott in ihren Herzensgelüsten hin, ihren Leib an sich selbst zu schänden«132.

Solche Predigten, mit Feuereifer vorgetragen und von einer Persönlichkeit unterstützt, die ihre ganze Seele in die Worte legte, konnte des Eindrucks auf bessergesinnte Heiden von reinerem Gemüte nicht verfehlen. Dazu kamen noch die geheimnisvollen Schrecknisse jener Zeit und die Furcht, daß der Weltuntergang nahe sei, welche Paulus durch seinen festen Glauben an die bevorstehende Auferstehung und an das Wiedererscheinen Jesu in die Hoffnung verwandelte, daß die Toten in einem verklärten Leibe auferstehen würden, wenn die Posaune erschallen werde, und daß die Lebenden in einer Wolke zum Himmel emporgehoben werden würden133. So gewann Paulus die Phantasie vieler Heiden auf seiner Apostelwanderung von Jerusalem bis Illyrien134. Indessen erweckte er anfangs nur Personen aus dem niedrigen Stande, Ungebildete, Sklaven und besonders Weiber für seine frohe Botschaft135. Den gebildeten Griechen erschien das Christentum, das Paulus predigte, und das er einzig und allein mit der angeblich erfahrenen Auferstehung Jesu bewies und stützte, als eine belachenswerte Torheit136. Den Judäern mußte es notwendigerweise Ärgernis bereiten137. Paulus' Ausgangspunkt bei seiner Heidenbekehrung war das judäische Volk, das judäische Schrifttum und die judäische Lehre; ohne diese waren seine Predigten von einem Messias und einer Heilslehre vollständig inhaltslos. Selbst die Griechen, an die er sich gewendet hatte, mußten etwas von Israel und Jerusalem vernommen haben, sonst hätte ertauben Ohren gepredigt. Er konnte daher nur in solchen Städten anknüpfen, wo es judäische Gemeinden gab, von welchen die heidnischen Nachbarn mindestens eine schwache Kunde von dem Ursprung und der Lehre des Judentums erhalten hatten.

Paulus ging aber geradezu darauf aus, die Fäden zu zerreißen, welche die Christuslehre mit dem Judentume verknüpfte. Weil ihm das Gesetz zur Aufnahme heidnischer Proselyten im Wege war, setzte er es tief herab. Es sei geradezu der Erlangung einer höhern Lebensheiligkeit und des Tugendwandels hinderlich und schädlich. Nicht bloß [419] die sogenannten Zeremonialgesetze des Judentums, sondern auch die Sittengesetze hielt Paulus als Hemmnisse für die Heilsordnung. Ohne das Gesetz hätten die Menschen die Begierde nicht gekannt, erst durch das Verbot: »Du sollst nicht gelüsten«, sei das Gelüste geweckt worden; durch das Gesetz sei erst die Erkenntnis der Sünde gekommen138; der Mensch sei fleischlich und zur Sünde geneigt; denn das Fleisch sei schwach und wirke dem Gesetze entgegen139. Dagegen stellte Paulus eine. neue Lehre auf. Der Mensch sei erst fleischlich, schwach und sündhaft geworden, weil der erste Mensch gesündigt habe; Adams Übertretung habe eine unvertilgbare Erbsünde erzeugt und dadurch auch den Tod über die Menschen gebracht. Das Gesetz sei nicht im stande, die den Menschen angeborene Sünde zu überwinden. Um die Sünde und den Tod zu vernichten, habe Gott eine eigene Veranstaltung treffen müssen140: er habe den Messias, seinen Sohn, dem Tode übergeben und ihn darauf wieder lebendig gemacht, und dieser sei der zweite Adam geworden, welcher die Erbsünde getilgt, den Tod überwunden und ewiges Leben gebracht habe. Wer an Jesus glaube, habe Anteil an diesem Leben und sei gegen die Sünde, die Versuchung und das Gelüste gewissermaßen gefeit. Jesus oder Christus sei des Gesetzes Ende, wer an ihn glaube, sei an sich schon gerecht. Er habe, statt der Erlösung vom Joche der Völker, die Erlösung von der Sünde gebracht141.

Paulus faßte daher das Christentum als völligen Gegensatz gegen das Judentum auf. Dieses sei auf Gesetz und Zwang begründet, jenes hingegen beruhe auf Freiheit und Gnade. Nach dem Judentume könne der Mensch nur Gerechtigkeit oder Verdienst (δικαιοσύν$, Sechût) durch des Gesetzes Werke finden, nach dem Christentume genüge der Glaube an den auferstandenen Messias, um diese Gerechtigkeit oder Rechtfertigung zu erlangen142. Jesus oder das Christentum habe die von den Propheten verheißene neue Heilsordnung gebracht. Das Alte ist hin, und ein Neues ist geworden143; das alte Bündnis (Testament) müsse dem neuen weichen. Abraham selbst sei nicht durch Gesetzeswerke gerecht befunden worden, sondern durch den Glauben144, so deutelte Paulus in klügelnder Weise die Schriftverse. Er ging aber noch weiter in seinem Deuteln. Er folgerte aus der Schrift, daß jeder, der unter dem Gesetze stehe und es nicht ganz und voll erfülle, [420] unter dem Fluche stehe. Die Judäer, welche das Gesetz vom Sinaï beobachteten, stünden demnach unter dem Fluche. Jesu Verdienst sei eben gewesen, daß er alle von diesem Fluche erlöst habe, indem durch ihn das Gesetz aufgehoben sei145.

Interessant ist es, wie Paulus dabei die haggadische (homiletische) Auslegungsweise handhabte, – was eben beweist, wie verbreitet diese Manier war. Wollte er dartun, daß die Verheißungen an Abraham auf Jesus hinweisen, so konnte er es nur haggadisch herausklügeln: es heiße nicht, »alle Völker der Erde werden durch Deine Samen, als die vielen, sondern durch Deinen Samen, als den einen, nämlich Jesus, gesegnet werden«146. Wollte Paulus die Ungültigkeit des Judentums in Folge des aufgetretenen Christentums beweisen, so bediente er sich dazu wiederum der haggadischen Deutelei. Er sagte: Von den zwei Söhnen Abrahams sei der eine (Ismael) von der Sklavin (Hagar) nach dem Fleische, der andere (Isaak) von der Freien (Sara) nach der Verheißung geboren. Beide seien Vorbilder der zwei Bündnisse; der alte Bund, der vom Sinaï stammt, gleiche der Hagar, indem der Berg Sinaï in Arabien (Nabatäa) Hagar (Chagra) heiße; das bedeute das gegenwärtige Jerusalem mit seiner Knechtschaft des Gesetzes. Der neue Bund hingegen und das höhere Jerusalem seien durch die Freie repräsentiert, und bedeutsam füge die Schrift hinzu: »Vertreibe die Sklavin mit ihrem Sohne, denn nicht soll erben der Sohn der Sklavin mit dem Sohne der Freien.« Von der Freien heiße es aber im Jesaia: »Freue dich, du Unfruchtbare, denn mehr werden sein die Söhne der Verödeten als die Söhne der Verheirateten«147.

Hätten die Judäer dieses Ärgernis, diese offen ausgesprochene Verachtung ihres Gesetzes, für welches ihre Vorfahren vielfache Todesarten erlitten und sie erst jüngsthin unter Caligula ihr Leben hinzugeben entschlossen waren, geduldig mit anhören und ertragen sollen? Es ist nicht zu verwundern, wenn sie überall gegen den Gesetzesverächter ereifert waren und ihn, wo sie mächtig waren, verfolgten. Indessen haben sie Paulus, sobald er in ihre Hände gefallen war, nur mit Geißelhieben bestraft, aber ihm nicht sein Leben bedroht; fünfmal, erzählt er selbst, sei er mit vierzig Hieben weniger einem gezüchtigt worden148. Mit eindrucksvollen Worten indes trat seiner sophistischen Lehre von der Nutzlosigkeit des heiligen Gesetzes ein gewandter Prediger von der Kanzel entgegen. In einer hellenistischen Gemeinde einer Großstadt (etwa Antiochien), wo unter den Judäern[421] griechische Bildung und griechischer Geschmack heimisch waren, suchte dieser Prediger seine Zuhörer vom Gegenteile zu überzeugen, daß der durch die Religion des Judentums erzogene und gefestigte Vernunftwille (εὐσεβῂς λογισμός) wohl imstande sei, die Triebe und Leidenschaften zu beherrschen. Ausgerüstet mit der feinen Kunst griechischer Beredsamkeit und durchglüht von dem Feuer tiefer Überzeugung von der Heilskraft des »Gesetzes« setzte dieser Prediger sie auseinander bald mit trockenen Beweisen des nüchternen Verstandes, bald mit schwungvollen Redewendungen und kam immer auf seinen Ausgangspunkt von der Allmacht des Vernunftwillens zurück. Er benutzte dazu, wie es scheint, das Fest der Tempelweihe (Chanukka), und knüpfte an den heldenhaften Tod des Greises Eleasar und der Mutter mit ihren sieben Söhnen (II. B., S. 317) in der Makkabäerzeit seine Beweisführung, daß der Vernunftwille stark genug sei, um Todesqualen zu überwinden, und um so eher die fleischlichen Triebe mit dem Hinblicke auf das göttliche Gesetz zu bemeistern. Als Gott den Menschen schuf und ihn mit der Sprache und Willensfreiheit schmückte, pflanzte er ihm auch Triebe und Seelenstimmungen ein, setzte aber auf den Thron die Vernunft, welche die Sinneswahrnehmung leitet.« Ihm gab er auch das Gesetz, und wenn er sich von diesem bestimmen läßt, vermag er eine besonnene, gerechte, gute und kräftige Herrschaft auszuüben149. Schnurstracks entgegen der paulinischen Lehre, daß das Verbot des Gelüstes erst diesen Trieb geweckt habe, stellte die Predigt auf150: Unser Gesetz sagt: »Du sollst nicht begehren das Weib des Nächsten, noch Alles, was Deinem Nächsten gehört, so gibt es die Überzeugung, daß der Vernunftwille imstande sei, die Begierden zu beherrschen, so wie alle Triebe, welche die Gerechtigkeit hemmen«. – »Da wir glauben, daß Gott das Gesetz gegeben hat, so wissen wir auch, daß der Gesetzgeber es uns unserer Natur angemessen gemacht hat151. Aus der Erzählung von dem Märtyrertode der sieben Söhne und ihrer Mutter für das Gesetz folgert die Predigt: »Wenn nun ein Weib und zwar ein bejahrtes, Mutter von sieben Kindern, beim Anblicke der Folterqual ihrer Lieblinge standhaft geblieben ist, so muß man zugestehen, daß der von der Religion durchdrungene Vernunftwille Herr der Triebe werden kann«152. Zum Schlusse rief der Prediger seiner Gemeinde zu, in welcher sich wohl manche befanden, welche von Paulus' zur Abtrünnigkeit vom Gesetze verlockenden Lehre schwankend geworden waren: »O Ihr Nachkommen [422] Abrahams, befolget dieses Gesetz und verehret es auf jede Weise in der Erkenntnis, daß der Vernunftwille Herrscher ist der Triebe153.« Diese Predigt, welche unter dem Titel: »Das vierte Makkabäerbuch« in Aufnahme kam, sollte geradezu eine Widerlegung der allzu verfänglichen Lehre bilden: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach154.

Aber nicht bloß die Judäer, sondern auch die Nazaräer waren gegen Paulus wegen seiner Gesetzesstürmerei erbittert, und es entstand dadurch eine Spaltung innerhalb des jungen Christentums. Petrus oder Kephas, welcher als Sendbote sich bloß an die Judäer wandte, lehrte ein anderes Christentum als Paulus, und andere Apostel, die auch auf Heidenbekehrung ausgegangen waren, Apollos aus Alexandrien und ein gewisser Chrestos, predigten wieder anders155. Paulus gab nicht viel auf die Taufe, weil es doch auch ein Gesetzeswerk ist156, während Apollos großes Gewicht darauf legte und die Seligkeit daran knüpfte157. Die Judenchristen sahen mit Schrecken, welche Früchte die von Paulus gelehrte evangelische Freiheit trug. In den von diesem gegründeten Gemeinden in Ephesus und Korinth hatten mehrere mit dem Gesetze jede Scham aufgegeben, trieben Unzucht, waren Trunkenbolde, auch Knabenschändung kam unter ihnen vor; einer lebte mit seines Vaters Weib158. Judenchristliche Apostel reisten daher Paulus nach, erklärten dessen Lehre als Irrtum und Fälschung und bestanden darauf, daß das Gesetz des Judentumes auch für die Christen verbindlich sei, indem nur durchs Gesetz die tierischen Leidenschaften gebändigt werden könnten. Ganz besonders gab die Frage über die Verbindlichkeit der Beschneidung für die Heidenchristen Veranlassung zu heftigen Reibungen zwischen den judenchristlichen Aposteln und Paulus. Dieser hatte selbst eine Zeit lang auch heidnische Proselyten in den Abrahambund eingeführt. Als er aber durch Entstehung vieler heidnisch-christlichen Gemeinden sich unabhängig von der Urgemeinde in Jerusalem fühlte, gab er die Beschneidung auf und [423] brachte einmal einen unbeschnittenen Jünger Titus nach Jerusalem, wohin er infolge einer ihm gewordenen Offenbarung zum zweitenmale gereist war, wahrscheinlich um die gänzliche Aufhebung des Gesetzes durchzusetzen. Da er für die in Armut darbende jerusalemische Gemeinde Gelder mitbrachte, die er gesammelt hatte, so schwiegen die Oberen dazu, obwohl es ihnen als eine Übertretung galt. Nach seiner Abreise nach Antiochien ermannten sie sich aber und schickten ihm Leute nach, welche seine Lehre verdammen sollten. In Antiochien kam es zu einem heftigen Streite zwischen Paulus und den judenchristlichen Aposteln. Petrus, welcher bis dahin sich über die Speisegesetze hinweggesetzt und mit den Heidenchristen an einer Tafel gespeist hatte, mußte, von den Vertretern der strengen Partei des Jakobus gewarnt, welche zur Überwachung nach Antiochien gekommen waren, sein Vorgehen einstellen und sich gegen Paulus' Gesetzesverachtung aussprechen. Natürlich warf ihm dieser offen in großer Versammlung Heuchelei vor. Indessen war der Einfluß der strengen, gesetzestreuen judenchristlichen Apostel so gewaltig, daß sich nicht bloß sämtliche Judenchristen in Antiochien vom Tische der Heidenchristen trennten, sondern selbst Barnabas, Paulus' Begleiter und Mitarbeiter bis dahin159. Dadurch war eine weitgreifende Spaltung im Schoße des Christentums ausgebrochen. Judenchristen und Heidenchristen standen einander gegenüber als feindliche Parteien. Die Rassenabneigung trug dazu bei, die Spaltung zu vergrößern. Die christlichen Griechen verachteten die Judenchristen und sahen mit einer gewissen Überlegenheit auf sie herab160, wie die Hellenen auf die Judäer. Paulus, der nun allein stand, wurde vermöge der Leidenschaftlichkeit seines Gemütes und seiner eigensinnigen Art um so erbitterter gegen die judenchristliche Partei, sprach mit Verachtung von den sogenannten Säulen der Muttergemeinde in Jerusalem, nannte die Apostel, welche die Heiligkeit des Gesetzes betonten, falsche Brüder, welche das Evangelium aus Neid und Streit fälschten, und beschuldigte sie, daß sie alle nur ihren eigenen Vorteil suchten, nicht den Jesu161. Er richtete heftige Sendschreiben gegen die Gesetzesanhänger, eiferte gegen das Gesetz und sprach einen Fluch über diejenigen aus, welche die Heilsverkündigung anders lehrten denn er162. Die gesetzestreuen Christen schonten ihn auch nicht, nannten [424] ihn einen Abtrünnigen vom Gesetze, einen Irrlehrer und erzählten von ihm, er sei ursprünglich ein Heide gewesen, habe sich nur aus Liebe zur Tochter eines Hohenpriesters zum Judentume bekehrt, und weil er abgewiesen worden, habe er aus Unwillen gegen Beschneidung, Sabbat und das Gesetz überhaupt geeifert163. Sie beriefen sich auf den Stifter selbst für die fortdauernde Verbindlichkeit des Gesetzes und wandten auf den gesetzesstürmenden Apostel Jesu die Worte an: »Wer eins der geringsten Gesetze auflöst und die Menschen also lehret, wird der Geringste im Himmelreiche sein«164. Ein anderer Ausspruch unter den Sprüchen und Gleichnissen, welche Jesu judenchristliche Anhänger ihm in den Mund legten und überlieferten, lautet: »Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf den Acker säet. Da kam sein Feind und säete Unkraut zwischen den Weizen, da nun das Kraut wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch Unkraut. Die Knechte sprachen: »Woher hat denn der Acker das Unkraut?« Da sprach der Hausherr: »Das hat der Feind getan«. Der Feind bedeutet Paulus, welcher dem Christentum Unwürdige zugeführt habe. Die Heidenchristen blieben den Nazarenen nichts schuldig und legten Jesus einen Spruch in den Mund, welcher die Verbindung des Christlichen mit dem Judäischen verurteilte. »Niemand flickt ein Kleid mit einem neuen Lappen. Man faßt auch nicht Most in alte Schläuche«165. So spaltete sich das Christentum in kaum dreißig Jahren nach dem Tode des Stifters in zwei Sekten, in eine judenchristliche und heidenchristliche. Die Judenchristen blieben auf dem Boden des Judentumes stehen verpflichteten auch die übergetretenen Heiden auf das Gesetz und verehrten Jerusalem, wo sie die Wiederkunft des Messias erwarteten. Die Heidenchristen hingegen entfernten sich immer mehr vom Judentume und nahmen eine feindselige Haltung gegen dasselbe an.


Fußnoten

1 Strabo bei Josephus Altert. XIV. 7, 3.


2 Philo de Monarchia § 1; in Flaccum 7; legatio ad Cajum 7, 29; 36, 7 fg.


3 Vergl. Apostelgeschichte 28, 21. o. S. 348.


4 Das. 6, 9. Tosephta Megilla II, 5. Jerus. Megilla III, p. 73 d. In Babli Megilla 26 a würde die Lesart Tarsiim (םייסרט) auf eine Synagoge der Judäer von Tarsus schließen lassen.


5 Jerus. Megilla III, 1, p. 73 d; Ketubbot XIII, 35 c, vergl. Midrasch zu Threni Peth. XII. und zu 2, 2.


6 Philo in Flaccum 6.


7 Josephus jüd. Kr. VII, 3, 3.


8 Das. II, 20, 2. II. Korinterbrief 11, 32. [Vergl. Schürer I3, 737. II3, 119.]


9 Dio Cassius 60, 6. Orosius 7, 6, 15.


10 Sueton Claudius 25. Judaeos impulsore Chresto assidue tumultuantes Roma expulit. Vergl. Monatsschr., Jahrg. 1877, S. 296 fg., wo nachgewiesen ist, daß auch in Korintherbrief 1, 12 die Rede von einem Apostel Chrestos sein muß [Vergl. Schürer III3, 33].


11 Vergl. Schürer, Die Gemeindeverfassung der Juden in Rom in der Kaiserzeit [Leipzig, 1879 und Gesch. des jüd. Volkes A. III3, 44 ff.].


12 Vergl. das. und die unten S. 373 angeführte Schrift von Ascoli. [Weitere Literatur s. bei Schürer III3, 357.]


13 Josephus Altert. XVIII, 9, 1-9. Die Zeit dieser Vorgänge läßt sich nicht genau bestimmen. Da der parthische König dabei eine Rolle spielte und dieser 41 starb, so muß diese Geschichte vorher angesetzt werden. Josephus reiht sie chronologisch nach Caligulas Tod ein = 41, und zwar die Schlußkatastrophe, die Verfolgung der Judäer in Seleucia. In § 5 bestimmt er den glücklichen Bestand des Naardensischen Raubstaates auf 15 Jahre.


14 Folgt aus der Apostelgeschichte. Im allgemeinen sprechen von der Verbreitung der Judäer in Europa, Philo in Flacc. § 7; legatio ad Cajum § 36, ed. M. II, 587. Josephus Altert. XIV, 7, 2; jüd. Kr. VII, 3, 3. Judäische Inschriften fand man aus Athen Corp. Inscrr. Graec. IV. No. 9900; aus Paträ das. 9896; aus Pantikapaion (am schwarzen Meere) das. II. p. 1005, wo auch von προσευχαί die Rede ist. Aus Süditalien G. J. Ascoli, Iscrizioni inedite etc. Roma 1880. [Vergl. jetzt Schürer III3, 17 ff. 26 f. und die das. angegebene Literatur].


15 Josephus gegen Apion II. 13-14 f. Tacitus historiae 5, 4-5. Philo de circumcisione § 1, M. II, 210. Sueton, Augustus 76.


16 Sibyllinen III, 271-72.


17 Cicero pro Flacco 28.


18 Tacitus das. Dio Cassius 37, 17.


19 Clemens Alexandrinus, Strom. V, 14. 114 aus Pseudo-Hekataios.


20 Sibyllinen nach Friedliebs Übersetzung, erstes Fragment S. 3, V. 1-7. 19-26.


21 Sibyllinen Buch 3, V. 546-561.


22 Das. V. 218-224. 234-247.


23 Sibyllinen V. 584-600.


24 Das. V. 732-735. 740-761.


25 Über Pseudo-Phokylides s. Note 3 [und die Bemerkung dazu].


26 Vergl. die Zusätze in Esra Apokryphus c. 3-4, die zu Esther, namentlich das zweite Rundschreiben des Artaxerxes c. 8 und Antiochus Epiphanes freundlichen Brief in II. Makkabb. 9, 18 fg.


27 Über Pseudo-Aristeas s. Note 2 [und die Bemerkungen dazu].


28 Buch der Weisheit 1, 1. Vergl. darüber Note 3.


29 Buch der Weisheit 14, 12-27.


30 Das. 13, 18.


31 Das. 7, 1-6.


32 Das. 11, 16-17; 20.


33 Das. 7, 22 ff.


34 Das. 2, 23.


35 Buch der Weisheit 1, 13-14; 2, 23.


36 Das. 2, 18; 4, 9; 10, 1-20.


37 Das. 5, 15 ff.


38 Das. 2, 16 f.


39 Das. 3, 1-9 ff.


40 Das. 5, 1-6.


41 Buch der Weisheit 18, 4.


42 Das. 19, c 2.


43 B. II b, S. 61 fg.

44 Das. 19, 22.


45 Philo sagt eigentlich nirgends direkt, wie Aristobul oder Pseudo-Aristobul, daß die griechischen Philosophen ein Plagiat an Mose begangen hätten. Nur einmal bemerkt er, daß sich zwar Heraklit gerühmt habe, den Gedanken von den Gegensätzen in der Erscheinungswelt gefunden zu haben, es sei aber eine alte Entdeckung Moses (quis rerum divv. her., § 43, M. I, 503): αὐχεῖν (Ηράκλειτον) ώς ἐφ᾽ εὑρέσει καινῇ; Παλαιὸν γὰρ εἵρεμα Μωϋσέως ἐστί. An einer andern Stelle (de judice § 2, M. II. 345) bemerkt er, daß einige griechische Gesetzgeber von Moses heiligen Tafeln das Gesetz entlehnt hätten, nicht vom Hörensagen Zeugnis abzulegen: διὸ καὶ τῶν παρ᾽ Ἔλλƞσιν ἔνιοι νομοϑετῶν μεταγράψαντες ἐκ.. Μωϋσέως στƞλῶν ... μƞ μαρτυρεῖν ἀκοἠν. Nur in den Quaestiones wird nachdrücklich hervorgehoben, daß Heraklit von Mose die »Gegensätze« entlehnt habe (in Gen. III, 5, ed. Richter Vol. VII, p. 11): Hinc Heraclitus.. a theologo nostro mutuatus sententias de contrariis. Das. IV, 152, Richt., p. 157, Heraklit habe von Mose gestohlen: qua de re Heraclitus ... furtim a Moyse dempta lege et sententia. In Quaestiones in Gen. II, 6, Vol. VI, p. 311 kommt der Satz vor: ut Socrates ait, sive a Moyse edoctus sive ex rebus ipsis motus. Allein die Quaestiones sind schwerlich aus Philos Feder geflossen, vergl. Note 24. [Sie werden jetzt allgemein für echt gehalten, vergl. Schürer III3, 497-501.] In der Schrift de incorruptabilit. mundi, § 5 (M. II, 490) kommt vor, daß lange vor Hesiod der judäische Gesetzgeber etwas Philosophisches ausgesprochen habe. Aber diese Schrift ist entschieden unecht. Vergl. dieselbe Note.


46 Vergl. die Zusammenstellung der allegoristischen Interpretation bei den Griechen, C. Siegfried, Philo von Alexandrien 1875, S. 9 fg.


47 Eine Spur bewußter tropologischer Auslegung vor Philo findet sich nur im Aristeasbriefe (bei Josephus ed. Haverc. II, p. 117 ed. Schmidt, S. 40, [ed. Wendland § 150]) τροπολογῶν ἐκτέϑαιται, nämlich die Deutung der gespaltenen Klauen. Das Buch der Weisheit und das IV. Makkabb. enthalten keine allegorische Auslegung, auch sind diese Schriften nicht älter als Philo; Pseudo-Aristobul ist noch jünger. Philo selbst nennt aber teils ältere, teils zeitgenössische Allegoriker (de Somniis II, § 20) παρ᾽ ἡμῖν τοῖς ἀλλƞγορικοῖς; de Abrahamo § 20 [M. II, 15] ἤκοι σα.. καὶ φυσικῶν ἀνδρῶν ... τὰ περὶ τὸν τόπον ἀλλƞγορούντων; de Josepho § 26, M. II 63: ἤκουσα μέντοι καὶ καϑ᾽ ἑτέραν ἰδέαν τροπικώτερον ... ἀκριβούντων. Von rationalisierenden Auslegern der heiligen Schrift de Decalogo § 4, M. II, 182: φασ$ δέ τινες. Über verschiedene Deutungen der Beschneidung de circumcisione § 1 und zum Schlusse § 2, M. II 211 ταῠτα ... εἰς ἀκοὰς ἦλϑε τὰς ἡμετέρας ἀρχαιολογούμενα παρὰ ϑεσπεσίοις ἀνδράσιν ... Ἐγὼ δὲ κ. τ. λ.


48 Philo de Abrahamo § 20, M. II 15.


49 de somniis I, 19, M. I, 638.


50 Das. de Mose III, 28, M. II, 168.


51 Philo de specialibus legibus III, 32., M. II, 329. Vergl. de circumcisione § 2, M. II, 211; de sacrificantt. § 3, M. II, 253.


52 Das. de migratione Abrahami § 16, M. I, 450.


53 Das. legum allegoriae I, § 1 M I, 44; II, § 6 M I, 69 u.a. St. Über Philos Allegoristik vergl. Siegfried, a.a.O.


54 Philo de cogressu quaerendae eruditionis gratia § 3 fg., M. I 521.


55 Ἤκουσα δέ ποτε καὶ σπουδαιοτέρου λόγου παρὰ ψυχῆς ἐμῆς εἰω ϑυίας τὰ πολλὰ ϑεολƞπτεῖσϑαι, καὶ περὶ ὧν οὐκ οἶδε μαντεύεσϑαι (de Cherubim § 9, M. I, 143).


56 Philo de mundi opificio, § 23, M. I 16 u.a. St.


57 Das. de migratione Abrahami § 16, M. I, 450.

58 Philo, de profugis § 10, M. I 554.


59 Das. de decalogo § 4, M. II 182 u.a. St.


60 Das. de Mose II, 3; II 137 M.


61 Das. de decalogo, § 9 auch das. 11, M. II 185, 188 u. de praemiis § 1, M. I 408 Philos ἠχὴ ἀόρατος entspricht dem ארבנ לוק der mittelalterlichen Philosophen.


62 Philo de septenario § 12. M. II, 289.


63 Das. de humanitate § 19, M. II, 399.


64 Das. de nominum mutatione § 8. M. I, 587.


65 Das. de specialibus legibus. Anfang. M. II, 299.


66 Philo de Abrahamo. Anfang. M. II, 2.


67 Das. de Somniis I, § 16; M. I, 635 vergl. noch de sacrificantibus § 13, M. II, 261.


68 Das. de Mose II, 4; M. II, 137; vergl. Josephus c. Apionem II, 39; Dio Cassius 37, 18.


69 Philo, de Septenario § 13, M. II, 290.


70 Das. de sacrificantibus § 13, M. II, 261.


71 Philo de creatione principum § 6, M. II, 365 fg.


72 Das. de Mose III, 22. M. II, 163.

73 Das philonische System hat Zeller in seiner Geschichte der griechischen Philosophie III, 2 lichtvoll behandelt. Die Zitate sind daselbst zu finden. Die Logosidee hat genetisch behandelt Heinze, die Lehre vom Logos in der griechischen Philosophie 1872. Vergl. dazu Frankel-Graetz, Monatsschr. Jahrgang 1872, S. 289 fg. [Weitere Literatur bei Schürer III3, 543 f.]


74 Philo vita Mosis III, 11, 14. M. II, 152, 155.


75 Philo, de Cherubim, § 9. M. I, 144.


76 De Somniis I, § 39. M. I, p. 655. Die Stelle ist instruktiv. Philo verwahrt sich dagegen, als ob er mit der Annahme des Logos einen Dualismus in der Gottheit statuierte. »Ἐγώ εἰμι ὁ ϑεὸς ὁ ὀφϑείς σοι ἐν τόπῳ ϑεοῠ ...« Μὴ παρέλϑῃς δὲ τὸ εἰρƞμένον, ἀλλ᾽ ἀκριβῶς ἐξέτασον εἰ τῷ ὄντι δύο εἰσὶ ϑεοί ... τὶ ο$ν χρὴ λέγειν; Ο μὲν ἀλƞϑείᾳ ϑεὸς εἷς ἐστιν. Hier spricht Philo durchaus nicht von einem zweiten Gotte. Wenn es nun in den bei Eusebius angeführten Quaestiones (Praepar. evang. III, 83) lautet: διὰ τί ὡς περὶ ἑτέρου ϑεοῠ φƞσι τὸ: ἐν εἰκόνι ϑεοῠ κ. τ. λ. und dann weiter: πρὸς τὸν δεύτερον ϑεὸν, ὅς ἐστιν ἐκείνου λόγος, so kann diese Auslegung schwerlich Philo angehören, sonst hätte er an andern Stellen, wo er den Vers: Genesis 1, 27 anführt – und er legt ihn öfter aus – vom Logos, als dem zweiten Gotte, sprechen müssen. Es ergibt sich also auch daraus, daß die Quaestiones nicht echt philonisch sind. Man ist daher nicht berechtigt aufzustellen: Philo habe den Logos als den zweiten Gott bezeichnet. [Die Quaestiones gelten jetzt allgemein für echt, vergl. Schürer III3, 497 ff.]


77 Das. quod Deus immutabilis § 36.


78 Philo quis rerum divinarum heres § 53, M. I, 511; de Monarchia I, 1, M. II, 222 f. de specialibus legibus § 8, M. II, 307.


79 Das. de decalogo § 5, M. II. 183.


80 Philo de opificio mundi § 61, M. I, 41.


81 Eusebius, praepar. evangel. VIII, 358 fg. Vergl. Note 25.


82 Die sogenannten Quaestiones, dieselbe Note.


83 Josephus gegen Apion II, 10; jüd. Krieg II, 18, 2; VII, 3, 3. Vergl. Seneca bei Augustinus, de civitate Dei VI, 11: Cum interim usque eo sceleratissimae gentis (Judaeorum) consuetudo convaluit, ut per omnes jam terras recepta sit, victi victoribus leges dederunt.


84 Jerus. Kidduschin c. 4, S. 65 b.


85 Philo de poenitentia § 2, M. II 406.

86 Das. de sacrificantibus 10, M. II 258.


87 Josephus jüd. Krieg II, 20, 2.


88 Josephus jüd. Altert. XIV, 7, 2; jüd. Kr. II, 18, 2. Vgl. Graetz, jüd. Proselyten im Römerreiche, S. 13 f.


89 Monatsschrift 1881, S. 289 f.


90 Josephus Altert. XX, 2, 1. Über das Chronologische vergl. Note 23.


91 Über Charakene oder Mesene, ihre Könige und ihre Bedeutung vergl. Graetz, das Königreich Mesene.


92 Josephus, Altert. XX, 2, 2-4; Genesis Rabba c. 46.


93 Josephus Altert. XX, 2, 3-4; 4, 1-2. Vergl. Note 23.


94 Jos. das. 3, 5; 3, 4. Über die Chronologie Note 23.


95 Das. 2, 5; 5, 2. Vergl. das. III, 15, 3 und Note 23.


96 Mischna Joma III, 10. Eine Erklärung für das Wort אתשרבנ lautet in Jerus. z. St. (p. 41 a) אתיבניק. Es muß aber dafür gelesen werden אתיכנוק = κόγχƞ, etwas Muschelartiges (so richtig emendiert von N. Brüll, Jahrb. für jüd. Gesch. I, S. 76 N). Dazu gehört die Erklärung in Jerus. (das.) תחרוז המחה התיהש העשבש המחה החרזש ןיעדוי ויהו הנממ ןיזתנמ תוצוצינה ויה.


97 Joma das. und a.a. St.


98 Das.


99 Josephus Altert. XX, 4, 3. Eusebius Kirchengeschichte II, 12 bemerkt, daß man noch zu seiner Zeit das Grabmal gezeigt habe.


100 Pausanias VIII, 16. Vgl. Beschreibung und Abbildung der sogenannten Königsgräber in Robinson und Smith, Palästina II, 183 ff., wo die Identität der sogenannten Königsgräber mit dem Grabmal der Helene nachgewiesen ist.


101 Josephus jüd. Krieg V, 9, 11; IV, 6, 1; VI, 6, 3.


102 Das. V, 6, 1.


103 Joma III, 10.


104 Apostelgeschichte 8, 27-30.


105 Apostelgeschichte 2, 44 fg., 4, 34 fg.


106 Das. 2, 4 fg. Der Mystik entkleidet, kann das γλώσσαις λαλεῖν nur diesen Sinn haben.


107 Apostelgesch. 6, 1 fg.


108 1. Galaterbrief 1, 14. Zu beachten ist da der Ausdruck: ζƞλωτὴς ὑπάρχων τῶν πατρικῶν μου παραδόσεων, d.h. הפ לעבש הרות mit allem Zubehör. Vergl. Philipperbrief 3, 5.


109 Aus Apostelgeschichte 7, 57; 8, 1; 22, 20 geht hervor, daß Saulus-Paulus beim Tode Stephanos' beteiligt war. Da Stephanos ein Grieche war, so konnte ihn nur ein Grieche wegen seiner Reden denunzieren. Worin Stephanos' Vergehen bestand, ist aus der Apostelgeschichte nicht zu erkennen. Das. 6, 14 lautet die Anklage, daß er im Namen Jesu von der Zerstörung des Tempels und von der Abschaffung der Gesetze Moses gesprochen. καὶ ἀλλάξει τα ἔϑƞ ἅ παρέδωκεν ἡμῖν Μωϋσῆς. Aus 7, 56-58 scheint hervorzugehen, daß eine Volksjustiz an Stephanos wegen Blasphemie geübt wurde. – Die für das Verständnis der apostolischen Zeit so fruchtbare Idee, daß die Bekehrung hellenistischer Judäer eine Gährung hervorgebracht hat, hat Herr Hippolyte Rodrigues lichtvoll auseinandergesetzt (St. Pierre, p. 181 fg.)


110 Die Apostelgeschichte, deren Abfassungszeit in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts fällt, und die voller Sagenhaftigkeit ist, gibt kein zuverlässiges Bild von der Verfolgung der Nazaräer. Das eine Mal läßt si-Paulus sprechen (22, 19): »ich war es, der ich die Gläubigen einsperrte und stäupte« (ὅτι ἐγὼ ἤμƞν φυλακίζων καὶ δέρων), dagegen an einer anderen Stelle (26, 10) läßt sie ihn aussagen, daß er das Urteil für ihre Todesstrafe veranlaßt habe (ἀναιρουμένων αὐτῶν κατἠνεγκα ψῆφον). Da aber Paulus selbst erzählt, daß er fünfmal von den Judäern vierzig Hiebe weniger einen empfangen (d.h. םיעברא תוקלמ) und dreimal gestäupt worden sei (d h. תודרמ תוכמ, II. Korintherbrief 11, 24-25), so geht daraus hervor, daß selbst gegen ihn, den fanatischen gesetzesverachtenden Nazaräer, nur Geißelstrafe in zweierlei Formen angewendet wurde. Wenn Paulus das. noch hinzufügt, er sei einmal gesteinigt worden, άπαξ ἐλιϑάσϑƞν, so ist das auf seine übertreibende Sprache zurückzuführen. Denn wer einmal gesteinigt wurde, kanns nimmermehr erzählen. Es war also keineswegs eine blutige Verfolgung und auch nicht gegen sämtliche Nazaräer, sondern lediglich gegen die herausfordernden und gesetzesverachtenden griechischen Gläubigen, vergl. Apostelgeschichte 5, 40 und weiter unten.


111 Apostelgesch. 8, 4; 11, 19-20. Philippus, ein hellenistischer Nazaräer, entfloh nach Samarien, Azotus und Cäsarea (das. 8, 5; 40), Agabos, gewiß auch ein solcher, kam mit anderen nach Antiochien (das. 11, 27-28).


112 Paulus erzählt, er habe nicht bloß 3 Jahre nach seiner Bekehrung, sondern auch noch 11 Jahre später die drei Säulenapostel in Jerusalem angetroffen, und zwar ohne Behelligung (Galaterbr. 1, 18-19; 2, 2; 9). Das Schreiben deutet auch nicht an, daß dieser Zustand eine Änderung erlitten hätte. Es ist frühestens in den fünfziger Jahren geschrieben, also mehr als 14 Jahre nach Pauli Bekehrung haben die drei galiläischen Apostel in Jerusalem unbehelligt leben können. Paulus konnte sie ungehindert in Jerusalem aufsuchen. Was ist nun von der Erzählung der Apostelgesch. (12, 1 fg.) zu halten, daß der König Hand an einige der Gemeinden gelegt, Jakobus, Johannes' Bruder, hinrichten und Petrus ins Gefängnis habe bringen lassen? Historisch kann sie keineswegs sein. Ohnehin zeigt die Apostelgesch. gerade bei dieser Erzählung ihre chronologische Konfusion. Sie läßt Herodes die Christen verfolgen um dieselbe Zeit, als eine große Teuerung, noch dazu über den ganzen Erdkreis eingetreten war (11, 28 fg., 12, 1 fg), d.h. zur Zeit der Hungersnot in Judäa. Diese wütete nach Josephus zur Zeit der Prokuratur des Tiberius Alexander 48 [S. auch Schürer I3, 567]. Aber damals lebte dieser Herodes, den die Apostelgesch. vielleicht im Sinne hatte, nämlich Agrippa (das. 12, 21 fg.), nicht mehr, er starb 44. Die Apostelgeschichte verwechselte ihn mit seinem Bruder Herodes; aber auch dieser starb 48 (o. S. 361 f.). Die Verfolgung der Christen durch diesen König beruht auf einer plumpen Sage. Eine blutige Verfolgung derselben ist überhaupt nicht vorgekommen. Nur Stephanos wurde – vielleicht – gelyncht.

113 Apostelgesch. 5, 34 fg. Sagenhaft erscheint diese Relation, weil Gamaliel auf das Beispiel des Theudas und Juda des Galiläers, d.h. des Zelotenstifters, hingewiesen haben soll. Aber sie setzt den letzten, welcher beinah ein halbes Jahrhundert vor Theudas aufgetreten war, später: μετὰ τοῠτον ἀνέστƞ Ἰούδας, setzt ferner diese ganze Geschichte kurz nach Jesu Tod, lange vor Herodes (Agrippa), aber Theudas trat erst nach dem Tode dieses Königs auf, unter Cuspius Fadus. Dieser krasse Anachronismus macht auch Gamaliels Ausspruch verdächtig [Vgl. auch Schürer I3, 566, gegen II3, 364 f].


114 I. Korinthbr. 14, 15 fg. Was bei der heidnischen Gemeinde üblich war, ist um so mehr bei der judäischen vorauszusetzen.


115 Das. 10, 16 fg., 11, 20. Römerbr. 16, 16. [II. Kor. 13, 12. I. Tess. 5, 26. I. Petr. 5, 14.]


116 Korinthbr. das. 12, 8 fg., 20 fg. Römerbr. 12, 6. Epheserbr. 4, 11.


117 Es genügt, um Paulus Bibelkunde zu beurteilen, die Tatsache, daß er einen Vers aus Jesaia als im Pentateuch geschrieben zitiert (I. Korinthbr. 14, 21): ἐν τῷ νόμῳ γέγραπται


118 Wie sagenhaft angegeben ist Apostelgesch. 22, 3.

119 Vergl. Note 23, wo nachgewiesen ist, daß Paulus erst in den vierziger Jahren, etwa gleichzeitig mit der Reise der Königin Helene sich zum Christentum bekehrt haben kann.


120 Vergl. Nidda p 61 b: אבל דיתעל תולטב תוצמ; Midrasch zu Mischle c. 9: םלועל) ןילטב ויהי םידעומה לכש לטב וניא םירופכה םוי ףא רמוא 'ר .ורבעי אל םירופה ימיו (אבה םלועל (So die L.-A. Respp. Ben-Aderet No. 93). Auch in einem anderen Midrasch heißt es: לכ אבל דיתעל תולטכ תוצמה; das will doch nichts anderes sagen, als daß in der zukünftigen Zeit, d.h. in der Messiaszeit, sämtliche Gesetze von selbst aufhören. Das meinte Paulus unbedingt mit den Worten (Galaterbr. 3, 24): ὤστε ὁ νόμος παιδαγωγὸς ἡμῶν γέγονεν εἰς Χριστόν.


121 I. Korinthbr. 9, 1; 15, 8.


122 II. Korinthbr. 12, 2.


123 Apostelgesch. 9, 3 fg.; 22, 6 ff; 26, 12 ff.


124 S. B. II b, S. 339.


125 Römerbr. 6, 5; 8, 11; I. Korinthbr. 6, 14; 15, 4, 12 fg.; II. Korintherbrief 4, 14.


126 Galatbr. 1, 17.


127 II. Korinthbr. 11, 33. Apostelgesch. 9, 23-25.

128 Römerbr. 4, 17. 11, 25 f. Galatbr. 3, 14. 16. 18. 20.


129 Galatbr. 3, 28.


130 Josephus jüd. Kr. VII, 3, 3.


131 Vergl. darüber die angebliche Rede Paulus' an die Athener (Apostelgeschichte 17, 22-33), die, wenn auch unecht, charakteristisch dafür ist, wie der Anfang der Heidenbekehrung vor sich ging.


132 Römerbr. 1, 23 f. Vergl. o. S. 383 f., woraus hervorgeht, daß Paulus diesen Gedanken direkt oder indirekt aus dem Buche der Weisheit entlehnt hat.


133 Römerbr. 13, 11; I. Korinthbr. 7, 29; 15, 35 fg. I. Thessalonicherbr. 4, 16-17.


134 Römerbr. 15, 19.


135 I. Korinthbr. 1, 26 f. 7, 22; s. auch das. 6, 4.


136 Das. 1, 22-23.


137 Das.


138 Römerbr. 3, 20 ff; 7, 7 f.


139 Das. 7, 14 ff.


140 Das. 5, 12 ff; I. Korinthbr. 15, 21 ff.


141 Römerbr. 10, 4 ff; 3, 23-24.

142 Das. 3, 25; 6, 18; 9, 30 ff; 10, 3; 11, 6 ff; Galatbr. 5, 1.


143 II. Korinthbr. 5, 17.


144 Römerbr. 4, 1 ff; Galatbr. 3, 6 ff.


145 Galatbr. 3, 10 ff; vergl. noch das. 3, 13.


146 Das. 3, 16.


147 Das. 4, 22. 31.


148 II. Korinthbr. 11, 24 vergl. o. S. 417.


149 Viertes Makkabäerbuch c. 3. Vergl. darüber Freudenthal, die Josephus beigelegte Schrift über Herrschaft der Vernunft und unten Note 3, Nr. 16.


150 Das.


151 Das. c. 5.


152 Das. c. 16.


153 Viertes Makkabäerbuch c. 17 Ende.


154 Matthäus-Evangelium 26, 41 [Mrc. 14, 38].


155 I. Korinthbr. 1, 12; 3, 4. 22; 4. 6. Statt Χριστοῠ muß man wohl lesen Χρἠστου, und es ist hier wohl von jenem Chrestus die Rede, von dem Sueton im Leben Claudius' erzählt (c. 25): Judaeos impulsore Chresto assidue tumultantes Roma expulit o. S. 371. Unmöglich kann Christus den andern daselbst genannten Aposteln Paulus und Apollos entgegengesetzt sein. [An der Identität von Chrestos bei Sueton mit Christus ist wohl nicht zu zweifeln, Vergl. Schürer III3, S. 33.]


156 Das. 1, 14-17.


157 Apostelgesch. 18, 24 fg.


158 I. Korinthbr. 5, 1. 9. 11; 6, 9; 7, 2; 10, 8; Epheserbr. 5, 3 ff.


159 Galatbr. 2, 1-4; 11-14. Auf Barnabas' Trennung von Paulus in Antiochien wegen der Differenz bezieht sich entschieden auch die Nachricht in Apostelgesch. 15, 36-39.


160 Vergl. Römerbr. 11, 13 ff.


161 Galatbr. 2, 4. 6. Philippbr. 1, 17; 2, 20.


162 Galatbr. 1, 8-9.


163 Irenaeus contra Haereses 1, 26; Eusebius Kirchengeschichte 3, 27; Epiphanius Haeresea 30, 10.


164 Matthäus-Evangelium 5, 19.


165 Note 20.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 426.
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