16. Kapitel. Untergang des judäischen Staates. 67-70

[504] Die galiläischen Flüchtlinge in Jerusalem. Die Hauptstadt, ihre Bevölkerung und Befestigung. Gährung. Schreckensherrschaft. Die Idumäer. Die Führer Eleasar ben Simon, Johannes von Gischala und Simon bar Giora. Zwietracht unter den Führern. Unterwerfung Judäas nach drei Feldzügen. Die Kaisermorde im römischen Reiche. Vespasian wird durch judäische Helfershelfer zum Kaiser ernannt. Titus belagert Jerusalem. Hartnäckiger Widerstand. Hungersnot, Fall der Burg Antonia. Brand des Tempels. Zerstörung der Stadtteile. Anzahl der Gefallenen.


Jerusalem war der Sammelplatz aller galiläischen Flüchtlinge. Johannes von Gischala hatte mehrere tausend Galiläer nach Jerusalem gebracht und aus Tiberias waren 2000 Flüchtlinge eingetroffen1. Der Freiheitsdrang, die Vaterlandsliebe, der Ehrgeiz, die Rache, die Verzweiflung sandten ihre Vertreter dorthin, wo die letzte Entscheidung erfolgen sollte. Die Schilderungen, welche die galiläischen Zeloten von dem Heldenkampfe der galiläischen Städte, trotz aller Hindernisse, und von dem Gemetzel der Römer an Wehrlosen und Schwachen entwarfen, setzten das Blut der einheimischen Kämpfer in stürmische Wallung und steigerten die fieberhafte Spannung. In diesem von Fanatismus glühenden Kreise der Zeloten schöpfte der Verzagte neuen Mut, der Mutige wurde tollkühn. Die Schar der Vaterlandsverteidiger, die mit jedem Tage anwuchs, und von denen die meisten schon Proben des Heldenmuts und der Todesverachtung abgelegt hatten, hielt sich für unüberwindlich. Sahen die Zeloten auf die Festungswerke der Hauptstadt, so schwand bei ihnen auch der letzte Schatten von Besorgnis. Die Römer müßten Flügel haben, sagten sie sich, wenn sie diese Bollwerke, diese Mauern, diese Türme, die von Männern mit Stahlherzen verteidigt werden, in ihre Gewalt bekommen sollten. Wenn die Einnahme der unbedeutenden Festungen Galiläas den Römern so viel Schweiß und Anstrengungen gekostet hatte, was hatte da die starkbefestigte Hauptstadt zu fürchten!2 Die krampfhafte Stimmung wurde von der zuversichtlichen [504] Hoffnung genährt, daß die große Erlösungszeit, welche die Propheten verkündet hatten, nahe sei, daß der so lange erwartete Messias bald eintreffen und dem Volke Israel die Herrschaft über alle Völker der Erde verschaffen werde3. Unbekümmert um den Verlust Galiläas und so vieler tapferer Streiter prägte man in Jerusalem Münzen »im ersten und im zweiten Jahr der Erlösung oder der Befreiung Israels«4. Die Zeloten fühlten sich zu sicher, und diese Zuversicht brachte nicht geringeren Schaden, als Josephus Verrat und der Verlust Galiläas. Die gerechte Sache, für die sie sich so sehr erhoben hatten, die große Zahl der Verteidiger, die dafür zu sterben entschlossen waren, die Verteidigungsmittel der Hauptstadt verblendeten sie so sehr, daß sie den übermächtigen Feind gar zu sehr verachteten und nicht mit der nötigen Umsicht zu Werke gingen. Sie griffen, um das zelotische Prinzip siegreich zu machen, zu verkehrten Mitteln und wurden durch die eigene Verkehrtheit mehr geschwächt, als durch die Kriegskunst des Feindes.

Jerusalem war nie so volkreich, so schön und so fest, als zur Zeit, da es dem Untergange geweiht war, gleich als ob sich an der judäischen Hauptstadt bewähren sollte, daß äußerliche Stärke und äußerlicher Glanz zu nichts frommt. Der Umfang Jerusalems innerhalb der Ringmauern5 mit den Vorstädten Ober-und Nieder-Bezetha betrug beinahe sieben Kilometer (33 Stadien), dazu gehörten die Dörfer Bethanien (Bet-Hine) und Bethphage, die den Festgästen Herberge gewährten. Die damalige Bevölkerung Jerusalems läßt sich nicht genau ermitteln. Eine Quelle schätzt sie auf 600 0006. Aber man muß die Volksmenge mit hinzuzählen, welche von auswärts zuströmte. Jerusalem war in mehrere Quartiere geteilt7; die Oberstadt oder der Zion war das vornehme Viertel, hier prangten die Paläste des Herodes und des Agrippa, die aber schon beim Beginn der Revolution ein Raub der Flammen geworden waren. Nördlich von einem Zwischentale breitete sich die Unterstadt aus (Akra), die halbmondförmig [505] gebaut war. Hier standen der Palast der Hasmonäer, ein anderer Palast des Herodes, ein Theater, der Palast der Königin Helene, das Rathaus (βουλευτἠριον) und das Archiv (ὀρχεῖον), das ebenfalls beim ersten Revolutionssturme verwüstet worden war. Nördlich von der Unterstadt waren die Vorstädte Ober- und Nieder-Bezetha, die Agrippa I. zu befestigen angefangen hatte. Darin war er damals durch die Eifersucht der Römer gestört worden, und die Zeloten benutzten jetzt dieliegen gebliebenen Baumaterialien zur Vollendung der Befestigungen8. Hier wohnten die Kleinbürger und Handwerker und befanden sich Marktplätze für Wollenwaren, Metallgefäße und Kleider, für Holzverkauf und wahrscheinlich auch für Vieh9. Der Tempel mit der im Nordwest angrenzenden Burg Antonia machte einen eigenen Stadtteil aus; die Antonia war im Norden durch einen tiefen Graben von Bezetha getrennt. Südlich vom Tempel lag der Stadtteil Ophla, auf dem der Palast der adiabenischen Fürstin Grapte lag. Die meisten Straßen und Plätze Jerusalems waren in letzter Zeit mit Marmor gepflastert worden10.

So schön aber auch Jerusalem an Gebäuden war, so entbehrte es doch der erquickenden Zier der Gärten. Außer einem Rosengarten gab es nichts Grünes, die Frucht- und Ziergärten lagen außerhalb der Stadt11. Die Festungswerke machten Jerusalem düster, aber auch fast unüberwindlich. Von drei Seiten, Süden, Osten und Westen war der Hügel, auf dem die Hauptstadt gebaut war, durch Schluchten und steile Felswände unzugänglich und noch dazu durch einen Wall geschützt. Die Nordseite, die dem Angriffe weniger Hindernisse entgegensetzte, war durch eine dreifache Umwallung befestigt. Der Wall der Vorstädte Bezetha war 25 Ellen hoch und 10 Ellen dick und hatte 90 hohe starke Türme, unter denen der höchste und festeste der Turm Psephinos war; seine Höhe betrug siebzig Ellen. Bei Sonnenaufgang konnte man ihn von weiter Ferne erblicken, von jenseits des Jordans und dem Meere. Der Psephinosturm war in dem nordwestlichen Winkel der Mauer erbaut. Ein anderer Turm in der Mitte dieser Mauer führte den Namen Weiberturm. Diese äußerste Mauer war nicht in gerader Linie, sondern im Zickzack angelegt, um von jedem Punkte aus den Feind im Auge behalten zu können. Die zweite Mauer, welche die Unterstadt einschloß, war mit 14 Türmen versehen, und die innerste Mauer, welche die älteste, festeste und höchste [506] war, hatte 60 Türme, darunter die drei berühmten von Herodes I. erbauten Hippikos im Norden, Mariamne in der Mitte und Phasael in der Richtung des Tempels. Der Turm Hippikos maß mit den Brustwehren und Zinnen an achtzig Ellen, und der Phasael war hundert Ellen hoch. In den Türmen waren Wohnungen nebst Cisternen zum Ansammeln des Regenwassers eingerichtet12. Der Tempel selbst war eine starke Festung für sich, deren Stärke Pompejus und Sosius einen schweren Kampf gekostet hatte. Das solchergestalt befestigte Jerusalem widerstand auch den römischen Legionen mit ihren kolossalen Belagerungsmaschinen nahe an fünf Monate13, und wenn die Spaltung im Innern und der Hunger nicht die Zahl der Kämpfer vermindert hätten, wer weiß wie lange die Römer die Belagerung hätten fortsetzen müssen, oder ob sie nicht vorgezogen hätten, günstige Unterhandlungen anzuknüpfen. Ungeachtet des Verlustes des galiläischen Bollwerkes war die Bevölkerung Jerusalems unverzagt und hoffte, den Aufstand zu einem glücklichen Ausgang zu führen. Man prägte wiederholt Münzen mii dem Namen »Simon« und der Inschrift: »Das zweite Jahr der Freiheit Israels.« Zur Zeit des Hüttenfestes wurden auf diesen Münzen ebenfalls die Abbildungen des Feststraußes und der Festhütte angebracht14.

In Jerusalem konzentrierte sich, nachdem Galiläa entwaffnet war, ganz Judäa, wie sich die Lebensäußerungen eines absterbenden Körpers in einem Punkte sammeln. Die Landesteile Judäas zu behaupten, war den Zeloten während des galiläischen Kriegszuges nicht gelungen. Drei tapfere Führer, Johannes, der Essäer, Silas aus Peräa und der Babylonier Niger, hatten eine Schar von 10 000 Mann gegen Askalon geführt, dabei aber Unfälle erlitten. Der römische Befehlshaber von Askalon, Antonius, hatte sie zweimal in einen Hinterhalt gelockt und mit seiner Reiterei aufgerieben. Die ganze Mannschaft fand den Tod, darunter auch Johannes und Silas, nur Niger entkam wie durch ein Wunder. Er sprang von einem hohen Turme, den die Römer belagerten, verbarg sich in einer Höhle und kehrte mit Wunden bedeckt nach Jerusalem zurück15. Das römische Heer unter Vespasian konnte daher längs der Küste sich Jerusalem nähern, ohne Widerstand zu finden. Jamnia und Azotus fielen nach kurzem Kampfe in die [507] Hände der Römer16. Die Landesteile Judäa und Peräa waren zwar noch unangetastet. Der erstere bestand aus elf Bezirken, von denen nur Jamnia und Joppe unterworfen waren. Die übrigen: Jerusalem mit der Umgebung, Gophnika und Akrabatene (an der Grenze Samarias) im Norden, im Westen Thamna, Lydda, Emmaus (Gimso), im Osten Jericho und im Süden die Bezirke Bethlehem, Herodium und Engadi (am toten Meere) und die Landschaft Idumäa17, alle diese Bezirke hatten den Feind noch nicht gesehen. Peräa, das ebenfalls noch verschont war, hatte seinen Stützpunkt in Jaser (Jazer)18. Die Bewohner aller dieser Kreise glühten von dem patriotischen Eifer, die Freiheit und die heiligen Güter gegen die frechen römischen Eindringlinge zu verteidigen. Aber die Leiter der Revolution scheinen sich um die Landstädte, an denen sie eine Vormauer gegen den Zug der Römer hätten haben können, nicht viel gekümmert zu haben. Was aus den dafür ausgewählten Statthaltern geworden ist (o. S. 474), ist nicht bekannt; der Essäer Johannes, dem die Verteidigung der Westbezirke anvertraut war, hatte sein Leben auf einem andern Schauplatze, vor Askalon, gelassen. Die allzusichern Zeloten in Jerusalem scheinen nicht einmal so viel für die Landstädte getan zu haben, um mit ihrer Begeisterung die Friedensfreunde zu entflammen oder sie unschädlich zu machen. Die Wohlhabenden und Klugen, die sich von der Fortsetzung des Kampfes kein Heil versprachen, waren nämlich zur Unterwerfung geneigt; nur die Jugend und die Besitzlosen unterhielten fortwährend das Revolutionsfeuer. In jedem Familienkreise, in jeder Gemeinde gab es Reibungen zwischen den Friedensfreunden und den Kriegslustigen, und da die letztern in den offenen [508] Städten keinen Stützpunkt hatten, wanderten sie nach Jerusalem und vergrößerten die Zahl der Zeloten19. Nur die Festung Masada von Eleasar ben Jaïr befehligt, war ein Herd für die entschiedene Revolution; es war das Jerusalem der Sicarier. Die Si carierbande erhielt Verstärkung durch Simon bar Giora. Dieser Mann, der eine Hauptrolle in diesem Kriege spielen sollte, stammte aus der Stadt Gerasa. Er zeichnete sich durch Körperkraft und Tollkühnheit aus, die er bis zum letzten Hauch nicht verlor. Bei der Flucht des römischen Heeres unter Cestius war er in der ersten Reihe, um sich an die Fersen der Fliehenden zu heften. Dann sammelte er eine Schar um sich und führte ein Freibeuterleben in der Gegend des toten Meeres, welche Akrabatene20 genannt wurde. Als die Bewohner dieser Gegend sich in Jerusalem über ihn wegen ihrer Sicherheit beklagten, sandte die gemäßigte zelotische Partei Truppen gegen ihn und zwang ihn, in Masada Zuflucht zu suchen. Von hier aus unternahm er mit den Sicariern Streifzüge in Idumäa, um Nahrungsmittel für die Besatzung herbeizuschaffen21. Ihre Räubereien stachelten indes die Idumäer zur Gegenwehr auf und bald bildete sich eine idumäische Freischar von 20 000 Mann unter eigenen Anführern, den Brüdern Johannes und Jakob ben Sosa, Simon ben Kathla und Pinehas ben Klusoth22. Die idumäischen Banden glichen den Sicarieren an Patriotismus, Wildheit und Schonungslosigkeit.

Der Strom der Freiheitskämpfer, der sich täglich über Jerusalem ergoß, erzeugte bald aufgeregte Stimmungen und gewaltsame Bewegungen. Josephus' verräterisches Spiel und Übergang zu den Römern gab gewissermaßen die Veranlassung dazu. So lange man in Jerusalem glaubte, Josephus sei unter den Trümmern Jotapatas begraben, weihte man seinem Andenken aufrichtige Trauer. Als aber die Kunde sich verbreitete, daß er sich im römischen Lager befände und von dem Feldherrn mit Rücksicht behandelt werde, verwandelte sich das Gefühl des Bedauerns in bittern Haß gegen ihn. Die Mildesten beurteilten sein Benehmen als Feigheit, die Strengen nannten es geradezu Verrat23. Mißtrauen und Argwohn schlichen [509] sich in die Gemüter der Ultrazeloten ein, sie betrachteten alle diejenigen, die nicht für die äußersten Maßregeln waren, als Verräter. Sie erinnerten sich, wie sie bei der Wahl der Führer für die verschiedenen Landesteile übergangen, wie die wichtigsten Posten mit Männern besetzt worden waren, deren zweideutige Haltung jetzt durch den Erfolg nur allzusehr an den Tag kam. Besonders Eleasar ben Simon, ein Mann von Scharfblick und Tatkraft, jetzt Führer der Zeloten24, der noch dazu den Staatsschatz in Händen hatte, hegte einen tiefen Groll gegen das Synhedrion, das ihn, den mutigen rastlosen Patrioten, zur Untätigkeit verdammt hatte. Wer saß im Synhedrion? Josephus' Gesinnungsgenosse und Freund, Josua ben Gamala, der nichts getan hatte, um den Abgeordneten für Galiläa, als dessen Winkelzüge nicht mehr zweifelhaft waren, zu entsetzen25. Wer war der Schatzmeister? Antipas, ein Herodianer, ein naher Verwandter des Königs Agrippa. Antipas und seine Verwandten, Levia und Sophas, verhehlten nur mit Mühe ihre römerfreundliche Gesinnung26. Werden das Synhedrion und die Herodianer nicht bei der Annäherung der Römer ihnen die Tore der Stadt öffnen, im Staube um Verzeihung flehen und die Urheber des Krieges der Rache der Römer ausliefern? Das war die herrschende Stimmung der Zeloten, und sie glaubten sich stark genug, den Gemäßigten oder heimlichen Römlingen die Regierung aus den Händen zu winden und den Krieg mit krampfhafter Anstrengung ungehindert fortführen zu können. Man darf nicht vergessen, daß diese Zeloten nicht Räuber und Mordbrenner waren, sondern in ihren Reihen angesehene Bürger und Glieder des priesterlichen Adels zählten. Der Führer Eleasar ben Simon hatte einen Kollegen an Zacharias ben Amphikalos (oder Abkalos), ebenfalls aus einem angesehenen priesterlichen Hause von der strengen Schammaitischen Schule27. Zu ihnen hielten Juda ben Chelkia, Simon ben Ezron und Ezekia ben Chabron aus adligen Geschlechtern28.

Die Spannung zwischen den jerusalemischen Zeloten und der gemäßigten Synhedrialpartei steigerte sich von Tag zu Tage und erzeugte eine Schreckensherrschaft, wie sie in einem Kriege auf Tod und Leben, wo der politische und religiöse Fanatismus durch Argwohn genährt wird, nicht ausbleiben kann. Die Zeloten wagten einen Streich, der eine blutige Spaltung zum Ausbruche brachte. Sie überfielen diejenigen Personen, welche vermöge ihrer Verwandtschaft mit dem [510] Königshause und ihrer zweifelhaften Gesinnung ihnen als heimliche Verschwörer gegen die Freiheit galten. Antipas, Levia und Sophas ben Raguel wurden eingezogen, in den Kerker geworfen und bald darauf hingerichtet. Die Zeloten machten dann bekannt, daß sie nur Verräter und Feinde der Freiheit aus dem Wege geräumt hätten, weil diese im Schilde geführt, Jerusalem den Feinden zu übergeben29. Wie viel an der Beschuldigung wahr gewesen, läßt sich nicht ermitteln. Die Zeloten blieben bei diesem Schritte nicht stehen. Ihr Haß gegen die hohenpriesterlichen Geschlechter, die sich früher von den Römern als Werkzeuge gegen die Freiheit hatten gebrauchen lassen, trieb sie, ihnen die geschändete Hohepriesterwürde und die Ämter im Tempel zu entreißen. Bis dahin waren diese allein im Besitze derselben. Sie waren die Aufseher über den Tempelschatz, über Einnahmen und Ausgaben, über die heiligen Gefäße, über die Kleinodien, über die pracht- und wertvollen Vorhänge, über die Priesterkleider, über die Bedürfnisse für die Opfer: Wein, Öl, Salz und Holz. Einer aus ihrer Mitte leitete den Opfer- und Gottesdienst im Tempel und nach seinem Befehle mußten sich die niedrigen Priester und die Leviten richten (Memunneh30). Dieses den demokratischen Gesinnungen der Zeloten zuwiderlaufende Regiment wagten diese endlich zu stürzen, setzten die Tempelbeamten aus den aristokratisch-priesterlichen Familien ab und ernannten an ihrer Stelle Männer aus dem niederen Priesterstande. Waren die Aristokraten über diesen Schritt empört, so gerieten sie in eine förmliche Wut, als die Zeloten den zweiten Schritt taten. Sie entsetzten den von Agrippa zuletzt erwählten Hohenpriester, Matthia ben Theophil, der es heimlich mit den Römern hielt, ließen die Priesterabteilung Jachin (oder Eljachin), welche zur Zeit den Dienst im Tempel hatte, zusammentreten und nach dem Lose einen Hohenpriester wählen. Das Los fiel auf einen bis dahin unbekannten Priester, Pinehas ben Samuel aus dem Städtchen Aphta. Die Einen erzählten zu seiner Schmähung, er sei bis dahin ein Steinmetz, andere, er sei ein Landmann gewesen. Pinehas wurde von den Tempelbeamten feierlich vom Lande hereingeholt, mit dem Priesterornate geschmückt31, und weil er arm war, schossen die Reichen Geld [511] für ihn zusammen, damit er seinen Stand würdig vertreten könne. Dieser Schritt brachte die Synhedrialpartei, deren Führer zum Teil aus hohenpriesterlichen Männern bestanden, außer sich; sie betrachteten diese Wahl als eine Schändung der heiligen Würde, als eine Entweihung des Heiligtums. Nicht bloß Anan und Josua ben Gamala, ehemalige Hohepriester, sondern auch der Synhedrialvorsitzende Simon ben Gamaliel, sprachen ihren Unwillen laut darüber aus. Anan, der vermöge seiner Keckheit und seines Reichtums das Übergewicht in der Ratsversammlung hatte und seine Gegner durch seine Beredsamkeit auf seine Seite zu ziehen oder unschädlich zu machen wußte32, regte geradezu die gemäßigten Bürger Jerusalems auf, die dem Hohenpriestertum angetane Schmach nicht zu dulden und die Zeloten mit den Waffen in der Hand zu bekämpfen33. Sein aufrichtiger oder erheuchelter Revolutionseifer hatte einen Umschlag erfahren; aus Vorsicht oder Berechnung arbeitete er darauf hin, mit den Römern Frieden zu machen. Tatkräftig und gewalthaberisch wie er war, hetzte er gegen die kriegslustigen Zeloten und fachte den Bürgerkrieg an.

Von Anan geführt, unternahmen viele Jerusalemer einen Kampf gegen die Zeloten, welcher der Anfang der blutigen Spaltung im Innern war. Die Gemäßigten, an Zahl überlegen, drängten die Gegenpartei Schritt für Schritt aus allen Stadtteilen nach dem Tempelberge und zwangen sie, sich in dem Tempelraume hinter der zweiten Mauer (Chel) zu verschanzen. Blut war an der Schwelle des Tempels geflossen. Im Heiligtume selbst ein Treffen zu liefern, schien den Siegern doch gar zu bedenklich. Sie belagerten aber ihre Gegner Tag und Nacht und wollten sie zur Niederlegung der Waffen und zur Übergabe des Tempels zwingen. Indessen verbreitete sich in Jerusalem das Gerücht, Anan und seine Parteigenossen gingen damit um, die Römer herbeizurufen, und dieses Gerücht, mag es nun wahr oder unwahr gewesen sein, bewog auch Johannes von Gischala, welcher von der Aristokratenpartei ins Vertrauen gezogen war, den im Tempel belagerten Gesinnungsgenossen zu schneller Hilfe zu raten. Er verabredete mit ihnen, die Idumäer durch Briefe einzuladen, der von Gefahren umringten und den Händen der Verräter überlieferten Hauptstadt beizustehen. 20,000 Idumäer, froh, eine Gelegenheit für ihre [512] wilde Kampflust zu haben, waren sogleich bereit und rückten unter ihren vier Führern Johannes, Simon, Pinehas und Jacob vor Jerusalem. Anan hatte aber Wind davon bekommen und ließ die Tore verschließen und stark bewachen. Von den Mauern herab redete Josua ben Gamala sie an und beschwor sie, abzuziehen und die innere Verwirrung durch ihr Erscheinen nicht noch zu vergrößern. Simon ben Kathla, ein Führer der Idumäer, erwiderte darauf, daß die siegende Partei kein Recht habe, Judäer von dem Betreten der allen angehörigen Hauptstadt auszuschließen, daß sie sich tyrannisch gegen die Besiegten benähme, daß sie dadurch nur den Verdacht bestärkte, die Römer in bekränzten Toren empfangen zu wollen, da sie denen, welche die Freiheit und die heilige Stadt mit ihrem Leben zu verteidigen kämen, zumutete, die Waffen niederzulegen. Er schloß seine Rede damit, daß die Idumäer gesonnen seien, vor den Toren zu liegen, um die im Anzug begriffenen Römer zurückzuschrecken und die Gemäßigten zur Änderung ihrer Gesinnung zu zwingen. Sie hielten Wort und lagerten vor dem Eingang der Hauptstadt.

Eine Nacht brachte Entsetzen über Anans Partei. Die Elemente des Himmels rasten mit entfesselter Wut, Sturm und Donnergekrach wechselten mit einander ab, die Menschen zu betäuben und mit Grausen zu erfüllen. Blendende Blitze zuckten unaufhörlich und ein wolkenbruchähnlicher Regen strömte herab. Die Idumäer, gegen Schrecken gestählt, rührten sich nicht. Wohl aber schlichen viele Wachen in der Stadt von ihren Posten und suchten in den Häusern Schutz. Anan selbst vernachlässigte diesmal seine sonst unermüdliche Wachsamkeit. Da näherten sich einige Zeloten im Dunkeln und sägten die eisernen Riegel eines unbewachten Tores durch; das Geräusch der Sägen wurde vom Donner und dem Windesgeheul übertönt. Den Idumäern war der Eingang geöffnet. Sie machten einen Angriff von der einen Seite, und die Zeloten, welche die Wachen überraschten und in die Flucht jagten, von der andern Seite. Die Bürger wurden unter die Waffen gerufen, und es entspann sich ein gräßlicher Kampf, der mit dem Schrecken der Elemente wetteiferte. Bald streckten die Gemäßigten mutlos die Waffen, und die Idumäer ergossen sich wutschnaubend in alle Stadtteile und töteten alle diejenigen, von denen sie wußten, daß sie nicht zu ihren Gesinnungsgenossen gehörten. Die aufgehende Sonne beleuchtete ein blutiges Leichenfeld. Über 8000 Tote sollen in der Stadt gefunden worden sein (Adar = Febr. – März 6834). Die Zeloten [513] blieben Sieger. Tages darauf begann das Blutgericht der Schreckensherrschaft. Alle diejenigen, die einer Verschwörung verdächtig waren und alle, die sich an dem Kampfe beteiligt hatten, wurden hervorgesucht und gewiß nicht ohne Verhör hingerichtet. Die Reihe eröffneten Anan und Josua ben Gamala. Gegen den erstern waren die Zeloten mit Recht am meisten erbittert, weil er einen Teil der Jerusalemer zu den Waffen gerufen und den Bürgerkrieg entzündet hatte. Josua ben Gamala war längst verdächtig, da er mit Josephus in geheimer Verbindung gestanden und zuletzt den Idumäern die Tore Jerusalems verschlossen hatte. Die Erbitterung gegen diese beiden nicht allzuwürdigen Hohenpriester war so gewaltig, daß ihre Leichname unbeerdigt blieben, als Speise für die Hunde. Der sadduzäische Hohepriester Anan, welcher mehrere Jahre vorher erbarmungslos verfolgte (o. S. 443), fand seinerseits schonungslose Richter35.

Mit dem Tode dieser beiden Ratsmitglieder und wohl auch einiger ihrer Gesinnungsgenossen war das beim Ausbruch der Revolution eingesetzte Synhedrion gesprengt. Es scheint, daß die Zeloten damals ein neues zusammengesetzt haben, nicht mehr aus hohenpriesterlichen und aristokratischen, sondern aus demokratischen Elementen; es zählte ebenfalls siebzig Mitglieder36. Was aus dem Vorsitzenden und Leiter[514] Simon ben Gamaliel geworden ist, bleibt dunkel. Er wurde wahrscheinlich seines Amtes entsetzt, weil er zur aristokratischen Partei gerechnet wurde, und weil er sich mißbilligend über die Wahl des demokratischen Hohenpriesters ausgesprochen hatte (o. S. 511). Er wurde sicherlich nicht von den Zeloten zum Tode verurteilt; sonst hätte der Anklagen gegen sie häufende Geschichtsschreiber Josephus diese Blutschuld nicht verschwiegen. Eine unverbürgte Sage läßt ihn von Vespasian hinrichten. Simon ben Gamaliel scheint noch vor Vespasians Eintreffen vor Jerusalem den Tod gefunden zu haben. Zwölftausend Jerusalemer sollen durch die Hand der Zeloten und der Idumäer umgekommen sein. Allein die Zahl ist wohl, da sie von dem Zelotenfeinde Josephus berichtet wird, geflissentlich übertrieben. Es liegt ein Beweis vor, daß die Zeloten nicht ohne formelle Anklage vor einem Tribunal gegen die Verdächtigen verfuhren. Ein angesehener Bürger, Zacharia ben Baruch, war im Verdacht, eine Verschwörung angezettelt und Boten an Vespasian mit dem Versprechen, ihm die Stadt zu überliefern, abgesandt zu haben. Darauf ließen ihn die Zeloten von dem Synhedrion von siebzig Mitgliedern im Tempel zum Verhör vorladen. Der Angeklagte leugnete die Tatsache und machte den Revolutionsmännern bei dieser Gelegenheit bittere Vorwürfe. Das Tribunal sprach ihn aus Mangel an Beweisen von der Anklage frei. Zwei fanatische Zeloten verfolgten ihn aber und machten ihn im Tempel nieder. Und die Glieder des Gerichtshofes sollen darauf mit Spott auseinander gejagt worden sein37.

Den Zeloten waren aber die Idumäer eben so unangenehm wie die Gemäßigten; jene gaben sich daher Mühe, sie durch freundliche Worte zu überreden, die Stadt zu verlassen. Viele von ihnen zogen darauf ab. Die zurückgebliebenen Idumäer schlossen sich aber mehr an die Bürger als an die Zeloten an38. Die Letztern fuhren fort mit Schrecken zu regieren. Alle diejenigen, welche die Waffen gegen [515] sie ergriffen hatten, wurden dem Tode geweiht, unter diesen ein angesehener Mann Gorion (vermutlich Joseph ben Gorion, der Stadthauptmann) und der peräische Held Niger, wohl weil er die aristokratische Synhedrialpartei unterstützt hatte. Auch hier bewährte sich die traurige Erfahrung, daß jede Revolution ihre Urheber verschlingt. Niger gehörte zu denen, die von Anfang an ihre ganze Kraft dem Aufstande geweiht hatten. Sein Tod bleibt daher ein Schandfleck auf den Zeloten. Um der Anarchie zu steuern, die nach dem Sturze des Synhedrion herrschte, warf sich Johannes von Gischala als Oberhaupt auf und wurde von den zahlreichen galiläischen Flüchtlingen unterstützt39. Vermöge seines heldenhaften Wesens, das aus einem kränklichen Leibe herausstrahlte, zog er feurige Jünglinge und Männer an, und diese hingen ihm so treu an, wie die Galiläer. An Kühnheit und Todesverachtung den übrigen Führern gleich, übertraf sie Johannes an Scharfblick und Erfindungsgabe; er war zum Herrscher geboren. Diese Überlegenheit erregte selbstverständlich die Eifersucht der zelotischen Führer; sie fürchteten, daß er sich zum Alleinherrscher aufwerfen, daß der Fremde den Einheimischen Gesetze vorschreiben würde. Indessen gingen anfangs die galiläischen Zeloten oder die Johannisten mit den jerusalemischen Hand in Hand und verfuhren mit Strenge gegen die Verräter und Lauen. Daß auch viele Unschuldige Opfer des zelotischen Fanatismus geworden sind, ist nicht unwahrscheinlich, obgleich die Übertreibungen über die Gräuelszenen von Raub, Mord und Weiberschändung zum Teil auf Rechnung des gegen die Zeloten erbitterten Geschichtsschreibers Josephus zu setzen sind. Viele Wohlhabende und Friedliebende verließen die Stadt und nötigten die zelotischen Führer zu strenger Wachsamkeit, um das Entweichen und die Fahnenflucht zu verhindern. Indessen gelang es doch nicht Wenigen in Vespasians Lager zu flüchten, und diese schilderten die Zustände in Jerusalem mit düstern Farben, sei es um ihre Flucht zu beschönigen oder um den Römern die Überzeugung beizubringen, daß, mit Ausnahme einiger Bösewichter und Ehrgeizigen, das Volk sich nach dem Einzug der Römer sehnte. Diese unwahre oder doch jedenfalls übertriebene Schilderung von der Schreckensherrschaft hat der verlogene Geschichtsschreiber Josephus aus Haß gegen die Zeloten und besonders [516] gegen Johannes von Gischala verewigt und die heldenhaften Vaterlandsverteidiger als eine schamlose Räuberbande gebrandmarkt40.

Während dieser Zeit verhielten sich die Römer ruhig. Der vorsichtige Vespasian wagte nicht, die Löwen in ihrem Verstecke anzugreifen, so sehr auch die Überläufer ihn drängten, einen Angriff auf Jerusalem zu machen, und ihn zu überreden suchten, er werde leichte Arbeit haben. Er zog es vor, die Zeit abzuwarten, bis der Bürgerkrieg die Kämpfer geschwächt haben würde41. Den Winter (67-68) ließ er sein Heer in den Winterquartieren ruhig liegen; erst mit dem Beginne des Frühjahres führte er es zum Kampfe, aber nicht gegen Jerusalem, sondern gegen Peräa, dessen judäische Bewohner erst jetzt zu den Waffen griffen42. Das Verhängnis wollte, daß hier die Aufständischen vereinzelt auftraten und einen kriegstüchtigen Feldherrn, der verstanden hätte, die Hingebung und den Todesmut so Vieler auf ein einziges Ziel zu lenken und die Römer von allen Seiten mit Ungestüm anzugreifen, nicht gefunden hatten. Die Zersplitterung hatte aber keinen andern Erfolg, als die Zahl der Opfer ins Unglaubliche zu steigern. Der Feldzug gegen Peräa begann mit der Festung Jaser (Jazer), die damals den Mittelpunkt des peräischen Gebietes bildete. Hier hatten sich die Mutigen und Kriegslustigen angesammelt, um einen Zug gegen die Römer zu unternehmen. Es gab unter ihnen aber auch eine römischgesinnte Friedenspartei aus den Reichen und Angesehenen, an deren Spitze das Haupt der Judenschaft, Namens [517] Dolesos, stand. Diese Partei schickte heimlich eine Gesandtschaft an Vespasian und flehte ihn um baldiges Einrücken in die aufrührerische Stadt an. Ehe es die jaserensischen Zeloten gewahrten, standen die Römer vor den Toren. Es blieb ihnen nur noch so viel Zeit übrig, um Rache an den Römlingen zu nehmen und zu fliehen. Vespasian zog ohne Kampf in Jaser ein (4. Adar, März 68). Die römischgesinnten Judäer zerstörten selbst die Festungswerke, um damit den Beweis ihrer Friedensliebe zu geben. Die flüchtigen Zeloten wurden darauf von Placidus verfolgt und retteten sich nach dem etwa drei Meilen westlich von Jaser gelegenen befestigten Städtchen Beth-Nimrin. Die Bewohner desselben machten mit ihnen gemeinschaftliche Sache, warfen sich den anrückenden Römern entgegen, konnten aber nicht standhalten. Beth-Nimrin wurde genommen und verbrannt, die wehrlosen Bewohner erschlagen und der Rest der Kämpfer zu neuer Flucht gezwungen. Die meisten von ihnen kamen im Treffen gegen die Römer oder im Jordan um, in dessen angeschwollene Strömung der Feind sie getrieben hatte. Über 2000 gerieten in Gefangenschaft, 15,000 fielen durch das Schwert, und unzählige Leichen führte der Jordan ins rote Meer. Placidus besiegte auch die Zeloten in Abila43, Livias und Besimoth (Bet-Jeschimot), welche ebenfalls eine kriegerische Haltung angenommen hatten. Er verfolgte dann mit seinen Truppen, die er zu rascherer Bewegung in Kähnen auf dem toten Meere übersetzen ließ, die Flüchtlinge, welche in dem steilen und zerrissenen Ufer dieses Sees eine Zuflucht gesucht hatten. Nur die feste Bergstadt Machärus konnten die Römer nicht nehmen.

Inzwischen hatte Vespasian selbst andere Gebietsteile Judäas unterworfen. Die Nachricht, daß die gallischen und spanischen Legionen den schandbaren Kaiser Nero verleugnet und Galba zum Nachfolger ausgerufen hatten (April 68), stachelte Vespasians zaudernde Kriegsführung zu rascher Tat, weil er mit Judäa fertig sein wollte, um in der voraussichtlich sturmbewegten neuen Lage der Dinge eine Rolle spielen zu können44. Aber noch immer wagte er sich nicht an Jerusalem heran, sondern umzog es von Ferne westlich und südlich. Leicht war die Arbeit, mit so vielen Legionen und Hilfstruppen die kleinen Städte von Antipatris bis Betlehem zu unterwerfen und die Widerstehenden [518] mit Feuer und Schwert zu vertilgen. Nur Emmaus konnte Vespasian nicht zu völliger Unterwerfung bringen und ließ darum die fünfte Legion zur Überwachung der Zugänge zurück45. Auch in Idumäa muß er tatkräftigen Widerstand gefunden haben; denn bei der Einnahme der beiden befestigten Orte Beth-Gubrin (Betaris) und Kaphertaba haben seine Truppen mehr als 10 000 Mann erschlagen, mehr als 1000 Gefangene gemacht und sämtliche Bewohner verjagt46. Die Mitte und den Osten der Landschaft Idumäa, die gebirgig und wegen der Guerillabanden gefährlich waren, wagte Vespasian nicht anzugreifen, sondern kehrte auf halbem Wege um, umging die Toparchie Akrabatene, die ihm auch nicht leicht bezwingbar schien, und ging über Samaria bei Sichem (Neapolis) vorbei, um im Osten zur Jordanaue hinabzusteigen und von da Jericho anzugreifen (3. Siwan, Mai 68). Diese wichtige Stadt, zu deren Eroberung Vespasian einen weiten Umweg gemacht hatte, fand er leer. Denn die kriegerische Mannschaft hatte sich in das westlich davon gelegene Gebirge zurückgezogen, und die wehrlose Menge war kurz vorher von den römischen Würgern, die in Peräa und am toten Meere Blut und Leichen zurückgelassen hatten, hingeschlachtet worden47. Zur Sicherung dieser Gegend ließ der römische Feldherr ein Lager bei Jericho und ein anderes bei Adida im Westen errichten und durch eine Besatzung überwachen48. Er unterwarf dann die beiden noch übrigen Landstriche, die gebirgigen Bezirke von Gophna und Akrabatene, wobei viele Judäer getötet wurden und viele in Gefangenschaft gerieten. In den Städten Bethel und Ephraim ließ er eine Besatzung zurück49. [519] So war fast die ganze Gegend rings um Jerusalem unterworfen und der Zugang zu der Hauptstadt von drei Seiten für die Römer frei.

Nach diesen Waffentaten zog sich Vespasian nach Cäsarea zurück und ließ Jerusalem fast zwei Jahre in Ruhe. Warum dieser Stillstand nach der vorangegangenen stürmischen Eile? Zwei Nachrichten haben ihn dazu bestimmt: der von neuem ausgebrochene Bürgerkrieg in Jerusalem und die Kunde von Neros Tode und dem Einzuge eines neuen von den spanischen und gallischen Legionen ausgerufenen Kaisers. Den Bürgerkrieg in der judäischen Hauptstadt hatte der wilde Simon bar Giora angefacht. In Masada, wo er von den Sicariern aufgenommen worden war, ließ es ihn nicht ruhen; er war ehrgeizig und tatendurstig. Er verließ diese Festung nach dem Untergange des ihm feindlichen Anan (o. S. 513) und nach der Sprengung des aristokratischen Synhedrions50. Um eine Schar um sich zu sammeln, lockte er Sklaven an sich, denen er die Freiheit verhieß, und Heruntergekommene aller Art. Mit jedem Tage wuchs sein Anhang, da er die Beute redlich mit seinen Leuten teilte, und auch Bürger sich ihm anschlossen. Seine Schar soll sich bis auf 20 000 Bewaffnete belaufen haben51. Mit diesen gelang es ihm, nicht bloß den Landstrich Akrabatene (im Westen des toten Meeres), woraus er früher verdrängt worden war (o. S. 508), zu durchstreifen, sondern auch weiter nördlich bis in die Gegend, welche Groß-Idumäa genannt wurde, vorzudringen. In dieser Gegend legte bar Giora bei einem Städtchen Aïn52 südlich von [520] Hebron, eine Festung an. Da seine Leute in dieser Festung nicht Platz hatten, so brachte er sie in Höhlen nicht weit entfernt davon bei einer Schlucht Pharan unter, wo er auch seine erbeuteten Schätze verbarg.

Bar Gioras Sinnen und Trachten war indes darauf gerichtet, in Jerusalem einzudringen, dort den Herrn zu spielen und zugleich die Römer durch seine Tollkühnheit und durch die Manneszucht der ihm gehorchenden Streiter zu schrecken. Um aber von seiner Feste Aïn über Hebron dahin zu gelangen, waren ihm die judäischen Idumäer im Wege, die in dieser Gegend ihre Wohnsitze hatten. Diese zu überwinden fiel ihm schwer, weil sie eben so tollkühn und wild kämpften wie seine eigenen Leute. Indessen gelang es ihm doch, durch Verrat eines idumäischen Häuptlings, die Schar der Idumäer zu werfen und sich ihrer und ihrer Wohnsitze zu bemächtigen. Auch Hebron fiel in seine Gewalt, und er streifte mit seinen Scharen bis in die Nähe Jerusalems. Die Zeloten in der Hauptstadt fürchteten jetzt seine Nähe und suchten ihn unschädlich zu machen. Aber ihm ein Treffen zu liefern wagten sie nicht, weil sie gegen seine Scharen einmal den kürzern gezogen hatten. So lauerten sie ihm auf und machten seine Frau und einen Teil seiner Trabanten zu Gefangenen in der Hoffnung, er werde sich nun vor ihnen demütigen. Simon bar Giora war aber harten Sinnes; anstatt demütig um Rückgabe seiner Frau zu flehen, soll er mit Achilleszorn gegen die Jerusalemer, die aus den Toren gezogen waren, um Lebensmittel oder Holz hineinzuschaffen, gewütet haben. Dieses grausame Verfahren gegen Unbewaffnete bewog die Jerusalemer, bar Gioras Frau aus der Gefangenschaft zu entlassen53, was ihn zwar einigermaßen besänftigte, aber keineswegs von dem Plan abbrachte, in Jerusalem eine Rolle zu spielen. Tag und Nacht lauerte er vor den Toren der Hauptstadt, um Eingang zu finden. Die Gelegenheit dazu gab ihm die Adelspartei.

[521] Diese war mit dem Untergang ihrer Anführer nicht verschwunden, sondern stellte sich nur eine Zeit lang tot, während sie im geheimen wühlte, um den Zelotenführern, das Heft zu entwinden. An ihrer Spitze stand der Hohepriester Matthia, Sohn Theophils aus dem Hause Boëthos, und andere Männer aus hohenpriesterlichen Geschlechtern54 Sie wußte einen Teil des Volkes, die Wohlhabenden, die durch das Heranrücken des Krieges immer ängstlicher geworden waren und nicht entfliehen konnten, auf ihre Seite zu bringen, und verband sich mit den Idumäern in Jerusalem, die eine gute Klinge führten und unerschrocken waren. Auf Verabredung überfielen plötzlich die gegenzelotische Partei und die Idumäer die Zeloten und Johannisten, welche keines Überfalles gewärtig waren und töteten viele derselben. Die Übrigen retteten sich zuerst in den Palast der adiabenischen Prinzessin Grapte, wo Johannes seinen Aufenthalt hatte, und von da in den Tempelvorhof. Die beutesüchtigen Idumäer stürzten sich sogleich auf den Palast, um nach den Schätzen zu suchen, die der galiläische Zelotenführer angeblich dort angehäuft haben sollte. Indessen erholten sich die in allen Teilen der Stadt zerstreuten Zeloten vom ersten Schrecken, griffen zu den Waffen, sammelten sich auf dem Tempelberge und rüsteten sich, ihren Gegnern den blutigen Überfall heimzuzahlen. Dadurch gerieten diese in Bestürzung, traten zur Beratung zusammen und beschlossen, Simon bar Giora herbeizurufen und ihn mit seinen Leuten gegen die Zeloten zu hetzen. Der abgesetzte Hohepriester Matthia begab sich zu ihm, lud ihn ein und führte damit die Zwietracht in die Mauern Jerusalems ein. Bar Giora soll ihm hochmütig begegnet sein und ihm zu verstehen gegeben haben, daß, wenn er als Erretter der Jerusalemer einziehe, er auch ihr Herr sein wolle.

Mit seinem Einzuge (Nisan – April 68)55 begann der Bürgerkrieg in seiner entsetzlichsten Gestalt. Bar Giora eilte mit seiner [522] Schar und den zu ihm übergetretenen Idumäern zum Tempelplatz, wohin sich die Zeloten zurückgezogen hatten. Von diesem hochgelegenen Punkte aus konnten diese die Angreifer von den Gallerien und Mauerzinnen mit Geschossen und Schleudern nicht bloß abwehren, sondern auch zum Weichen bringen. Trotz seines Ungestüms mußte sich bar Giora mit seiner Mannschaft zurückziehen, um in gedeckten Punkten der Stadt eine sicherere Stellung zu suchen56.

Diese Spaltung in der Hauptstadt, von der Vespasian durch Überläufer, welche die Vorgänge übertreibend schilderten, Kenntnis erhalten hatte, veranlaßte ihn wiederum, sich fern von ihr zu halten, in der Hoffnung, daß die unterliegende Partei ihn herbeirufen, ihm die Tore öffnen und einen leichten Sieg verschaffen werde. Er hatte lediglich die Landstriche im Norden und Westen von Jerusalem eingenommen und verwüstet, und sein Unterfeldherr Cerealis hatte den Rest von Idumäa unterworfen und verheert und die Stadt Hebron mit Gewalt bezwungen, sie verbrannt und Männer und Jünglinge, die in Gefangenschaft geraten waren, über die Klinge springen lassen57. Ohne Zweifel hatten ihm die judäischen Streiter in dieser allerältesten Stadt, die wohl aus Parteigängern bar Gioras und Idumäern bestanden, einen so verzweifelten Widerstand entgegengesetzt, und den Römern so viel Schaden zugefügt, daß er den vom Erlöse der Gefangenen zu erzielenden Gewinn dem Rachegefühl hintansetzte. Aber weder Cerealis, noch Vespasian ließ sich weiter auf die Eroberung der festen Plätze Jerusalem, Herodium, Masada diesseits und Machärus jenseits des Jordans ein. Denn die gewaltigen Ereignisse in Rom, Italien und den Provinzen, welche Schauplätze blutiger Fehden geworden waren, bestimmten Vespasian, die voraussichtlich schwierigen und langwierigen Belagerungen nicht zu unternehmen, um freie Hand zu haben, in die Umwälzung einzugreifen. Nero war ebenso schimpflich gestorben (9. Juni 68), wie er gelebt hatte; Galba war zum [523] Kaiser ausgerufen und hatte in Rom die Zügel der Regierung mit greisenhaft zitternder Hand ergriffen. Er war alt und kinderlos und mußte daran denken, einen Nachfolger zu erwählen. In dieser kritischen Zeit, in der jeder Tag eine ereignisreiche Neuigkeit bringen konnte, hielt es Vespasian nicht für geraten, sich auf die Belagerung Jerusalems einzulassen; er nahm vielmehr eine abwartende Stellung ein und sandte seinen Sohn Titus mit dem Könige Agrippa nach Rom, um den neuen Kaiser zu begrüßen, und von diesem, wie man sich sagte, vielleicht adoptiert zu werden. Als aber Titus in Korinth erfuhr, daß Galba getötet (5. Jan. 69) sei und an seiner Stelle zwei Kaiser gewählt seien, Otho in Rom und Vitellius in Niederdeutschland von den Legionen, kehrte er, neuer Hoffnung voll, um. Noch ein anderer Magnet zog ihn nach Judäa, die Reize der judäischen Prinzessin Berenice, die, wie fromm sie auch nach den Gebräuchen des Judentums lebte, doch ein sträfliches Liebesverhältnis mit dem Heiden Titus unterhielt58. Er erlag ihrem Zauber und war so innig mit dem judäischen Königshause verbunden, daß er Agrippa von Griechenland aus allein nach Rom reisen ließ, um durch ihn Gewißheit über die Vorgänge59 in Rom zu erlangen. Agrippa hatte bald Gelegenheit hochwichtige Nachrichten mitzuteilen. Otho blieb kaum hundert Tage Kaiser; denn er hatte bald gegen den neuen Gegenkaiser zu kämpfen, den die deutschen Legionen auf ihren Schild gehoben hatten, um den spanischen Legionen zu zeigen, daß sie besser verstünden, einen Kaiser zu wählen und zu unterstützen. Die verwundbare Stelle des römischen Riesenleibes war offenkundig geworden. Man sah, daß der Cäsar Augustus nicht bloß in Rom und von der prätorianischen Leibwache sondern auch in den Provinzen von den Legionen gewählt werden könne. Vitellius' Heer besiegte dasjenige Othos; dieser starb heldenmütig durch eigene Hand (16. April 69), und der sklavisch feige Senat, der Neros Torheiten und Verbrechen Beifall gezollt hatte, beeilte sich, den Wüstling Vitellius als Kaiser zu begrüßen, wie er seine beiden Vorgänger begrüßt hatte. Wäre damals nicht schon die Kraft der judäischen Nation gebrochen gewesen, hätten die todesmutigen judäischen Krieger, die schon im Staube lagen, wie ein Mann gegen das anarchische Rom auftreten können, hätte sich Agrippa an die Spitze der Bewegung gestellt und, gleich seinem Vater, ein Bündnis mit den asiatischen Völkern gegen Rom geschlossen, wer weiß, ob nicht damals schon der römische Koloß zusammengestürzt wäre. Allein es war von der Vorsehung bestimmt, daß Judäa seinen staatlichen [524] Charakter verlieren, und daß Rom noch vier Jahrhunderte die Völker knechten sollte.

Als die Entscheidung zwischen Otho und Vitellius noch zweifelhaft war, hing Vespasian schon dem Gedanken nach, ob nicht er selbst den besudelten Kaisermantel sich umlegen sollte; aber er war unschlüssig, ob er die Idee ins Werk setzen sollte. Er wollte dazu getrieben werden. Zunächst fürchtete er seinen Nebenbuhler Licinius Mucianus, den Statthalter von Syrien, mit dem er in Spannung lebte, und der über mehr Legionen zu gebieten hatte. Falls dieser ihm nämlich entgegen träte, so wäre sein Kaisertraum rasch verflogen und selbst sein Leben gefährdet gewesen. Ihn gewann indessen Vespasians Sohn Titus, der aus seinem Ehrgeiz keinen Hehl machte. Er brachte Mucian dahin, daß er Vespasian vielmehr drängte und stachelte, sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Es war aber unerläßlich, einen zweiten mächtigen Verbündeten zu gewinnen, Tiberius Alexander, den Arabarchensohn, welcher Statthalter der wichtigen Provinz Ägypten war. Diese Masche in dem Netze, welches das Wild Rom einfangen sollte, hat eine Frauenhand geknotet. Die Prinzessin Berenice war mit dem ägyptischen Statthalter befreundet; sie war früher mit seinem Bruder verlobt (o. S. 354) gewesen und betrieb jetzt die Kaiserwahl als eine Herzensangelegenheit. Titus' Liebe zu ihr war so offenkundig, daß die Umgebung nicht daran zweifelte er habe ihr die Ehe versprochen60. Warum sollte sie nicht alle Mittel, die ihr Schönheit und weibliche Schlauheit an die Hand gaben, aufbieten, um dieses Ziel zu erreichen? Welch' eine glänzende Zukunft eröffnete sich ihr! Als Gemahlin des Titus, könnte, müßte sie nach menschlicher Berechnung römische Kaiserin werden. Sie würde auch ihrem Volke und ihrem Bekenntnisse, dem sie im Gemüte anhänglich war, außerordentlich nützlich werden können. Sie vermochte vielleicht eine Versöhnung zwischen Judäa und Rom herbeizuführen und den Untergang des judäischen Gemeinwesens abzuwenden. Titus' grenzenlose Liebe zu ihr werde ihr gewiß nichts versagen. Der wichtigste Schritt dazu war, Tiberius Alexander zu Vespasians Partei hinüberzuziehen, und dieser gelang ihr vollkommen. Der Statthalter von Ägypten beeilte sich, seine Truppen den Eid der Treue für den Kaiser Vespasian schwören zu lassen (1. Juli 69). Das war so entscheidend für das neue Kaiserhaus, daß es seine Regierungszeit von diesem Tage an zu zählen begann. Erst einige [525] Tage später huldigten die in Judäa stehenden Legionen und noch später die syrischen unter Mucian dem erst dadurch ermutigten Vespasian61. Durch Ägypten hatte dieser den Schlüssel zum Hauptsitz des römischen Reiches in der Hand. Falls die Prätorianer und der Senat ihm die Anerkennung verweigern sollten, konnte er Rom aushungern, wenn er das ägyptische Korn zurückhielt. Infolge der erlangten Kaiserwürde trat für Vespasian Judäa, dessen Unterwerfung allerdings notwendig schien, um einen Triumphzug aufführen zu können, dessen Bedeutung aber gegen die Sorge zurücktrat, Vitellius' Legionen zu besiegen und ihn selbst zu entthronen, in den Hintergrund. Vespasian und sein Sohn Titus begaben sich daher nach Ägypten und blieben da, bis die Nachricht von Vitellius' Tode eingetroffen war, der unter Schimpf und Hohn erfolgte (21. oder 22. Dez. 69), nachdem Vespasians Feldherrn und Legionen Roms Straßen mit Blut und Leichen gefüllt hatten.

Was tat indes Jerusalem während der beinah zweijährigen Ruhe, die Vespasian ihm ließ, teils aus Furcht, seinen Ruhm gegenüber den verzweifelten Verteidigern einzubüßen, teils wegen der mannigfachsten Rüstungen und Vorkehrungen, die erlangte Kaiserwürde zu behaupten? Was tat Jerusalem während dieser Zeit? Der Geschichtsschreiber, welcher sich den Römern ergeben hatte, erzählt: die Parteien hätten Tag und Nacht Verderben und Tod gegen einander geschleudert, hätten die scheußlichsten Untaten begangen, hätten das wehrlose Volk wie Schlachtvieh behandelt, wären auf Leichenhaufen herumgetreten und hätten die Opfernden in der Nähe des Altars mit ihren Geschossen hingestreckt62. Aber ihm unwillkürlich entschlüpfte Äußerungen, daß während dieser Zeit viele auswärtige Judäer nach Jerusalem strömten, um ihrem religiösen Bedürfnisse zu genügen und besonders das Passahfest (69) zu begehen63, strafen seine düstern Schilderungen Lügen und stempeln sie zu frevelhaften Verleumdungen. Hätten sich Auswärtige der Gefahr ausgesetzt, wenn eine wilde, blutige Anarchie in Jerusalem geherrscht hätte, oder hätten sie den Tempel aufgesucht, wenn er besudelt und entheiligt worden wäre? Es kamen auch viele Judäer aus römischen Provinzen und aus den Euphratländern, um ihr Leben im [526] Kampfe gegen die Römer zur Verteidigung der heiligen Stadt einzusetzen64. Die Bevölkerung Jerusalems zur Zeit, als es vom Feinde bedrängt wurde, zählte mehr denn eine halbe Million Menschen, von denen alle, welche Waffen tragen konnten, sie auch wirklich trugen und zu handhaben verstanden65. Wenn auch nur der zehnte Teil der Bevölkerung bewaffnet war, so hätten es die Parteiführer und ihre Scharen, wenn sie auch noch so wild und blutdürstig gewesen wären, nicht wagen können, das Volk wie Schlachtvieh zu behandeln. Die Führer ließen es sich angelegen sein, den Tempel, den sie besonders zu schützen gedachten, mit hohen Türmen auf der Außenmauer zu befestigen. Die Cedernbohlen, welche der König Agrippa kurz vor dem Ausbruch des Krieges hatte nach Jerusalem schaffen lassen, um das innere Gebäude des Heiligtums zu erhöhen, und die liegen geblieben waren, benutzte Johannes von Gischala zur Errichtung der Türme66. Ist es denkbar, daß unter fortwährenden Parteikämpfen und bei gegenseitiger Zerfleischung zwei Jahre hindurch ein solcher Bau hätte unternommen und ausgeführt werden können? Wie er Zeit erforderte, so erforderte er auch Ruhe und Gefahrlosigkeit für die Arbeiter.

Es gab ursprünglich vier Parteien in der Stadt, wenn man die Gemäßigten nicht mitzählt. Die jerusalemischen Zeloten, unter Eleasar ben Simon und Simon ben Ezron sollen nicht mehr als 2400 Glieder gezählt haben. Sie hielten sich anfangs auf dem Tempelberg. Die galiläischen Zeloten unter Johannes beliefen sich auf 6000 Bewaffnete. Sie hatten zuerst ihr Hauptquartier auf der Ophla, südlich vom Tempel, wohl im Palaste der adiabenischen Prinzessin Grapte; später nahmen sie auch vom Tempelberge Besitz, sei es daß die Eleasaristen denselben mit ihnen geteilt, oder er ihnen durch List entrissen worden war. Die Simonisten mit den Sicariern waren durch die Zahl 10,000 den Übrigen überlegen. Sie hatten den größten Teil der Stadt inne, die Oberstadt (Zion). einen Teil der Unterstadt (Akra) und den ganzen nordwestlichen Stadtteil. [527] Bar Giora, ihr Führer, hatte sein Quartier in dem geräumigen Turm Phasael. Die Idumäer unter Jakob ben Sosa und Simon ben Kathla bestanden aus 5000 Mann67. 24,000 tollkühne Helden, welche Wunder der Tapferkeit hätten sie nicht in offener Feldschlacht ausführen können, wenn sie einmütig gehandelt hätten! Allein jede Partei beanspruchte den Oberbefehl über die andere, nicht bloß aus Ehrgeiz, sondern aus Überschätzung des eigenen Wertes. Keiner der Hauptführer hatte die Tugend der sich selbstverläugnenden Unterordnung. Die Eleasaristen pochten auf den Vorrang, weil sie die Einheimischen waren und der Bewegung den ersten Anstoß gegeben hatten. Johannes fühlte sich durch Erfindungsgabe und Gewandtheit den andern Führern überlegen. Simon brütete Rache gegen die Zeloten, weil sie seinem Unwesen zu steuern sich vermessen hatten. Doch hielten sich die jerusalemischen Zeloten mehr zu Johannes, die Idumäer mehr zu Simon68. Anfangs nach bar Gioras Eindringen in Jerusalem mögen die Parteien in den eingenommenen Stadtteilen sich verschanzt und Ausfälle gegen einander gemacht haben. Schlimm mögen besonders seine Anhänger gehaust haben, weil sie, aus zusammengelaufenem Gesindel zusammengesetzt, an ein freibeuterisches Leben gewöhnt und von Rachegefühlen erfüllt waren. Diese Fehden ließen dem Feinde Zeit, alle Teile Judäas und den Umkreis der Hauptstadt in eine Einöde zu verwandeln, weil keine Partei einen Ausfall gegen die Römer zu machen wagte, nicht etwa aus Zaghaftigkeit, sondern vielmehr um nicht ihre Gegner im Alleinbesitz der Hauptstadt zu lassen und von den Zurückgebliebenen ausgeschlossen zu werden. Bei diesen Fehden erlitten Gebäude und Stadtteile Verwüstungen und, was das Schlimmste war, Speicher, die reichlichen Vorrat für mehrere Jahre enthielten, gingen in Flammen auf69. Man erzählte sich, drei reiche Männer, Ratsmitglieder, ben Zizit ha-Khesset, ferner ben Khalba-sabua und Nikodemos (oder Nikomedes) ben Gorion, hätten Weizen, Gerste, Salz, Öl und Holz auf viele Jahre hinaus aufgespeichert gehabt, aber ihre Magazine seien infolge der Kämpfe ein Raub der Flammen geworden. Waren diese drei Reichen Friedensfreunde, wie eine Quelle ausdrücklich angibt70, so [528] ließe sich diese Zerstörung der Vorräte erklären. Diese Friedensfreunde mögen bar Giora zur Wut gegen die Zeloten und Johannes gehetzt haben, wie ihre Gesinnungsgenossen ihn nach Jerusalem berufen hatten, um durch einen verzweifelten Bürgerkrieg und durch die Vertilgung der Kriegseifrigen den Römern die Einnahme Jerusalems zu erleichtern. Und die Zeloten, gegen die Hetzer erbittert, mögen deren Gebäude und Vorräte, die sie wohl nicht zur Erhaltung der Kämpfer aufgespeichert hatten, in Brand gesteckt haben. Der Parteihader, der Verwüstungen im Innern und Untätigkeit nach Außen zur Folge hatte, war jedenfalls das Werk der Adelspartei und der Reichen, welche, wie öfter in Revolutionszeiten, zum Zwecke der Reaktion alle Mittel anwandten, die Umwälzung zu steigern und zu übertreiben und die Anarchie durch den Bürgerkrieg zu fördern. Sie bedienten sich des wilden bar Giora, um die Zeloten zu vertilgen, und dieser bediente sich ihrer, um seinen ungemessenen Ehrgeiz zu befriedigen. Beide aber haben grauenhaftes Unglück über die heilige Stadt herbeigeführt.

Wie kurz auch immer die innere Zerrissenheit angehalten haben mag71, so war sie doch ein eindringlicheres Vorzeichen des Unterganges, [529] als jene, welche die aufgeregte Phantasie zu sehen glaubte. Ein schwertähnlicher Stern stand über Jerusalem; helles Licht beleuchtete zur Nachtzeit den Tempel und Altar; ein feuriger Wagen und Reiter bewegten sich in der Luft. Dieses alles sahen die Furchtsamen und erblickten darin Zeichen des herannahenden Unterganges. Auch wollten einige Priester, die nachts in das Tempelinnere gekommen waren, ein ungewöhnliches Geräusch, wie das einer großen Volksmenge vernommen und den Ruf unterschieden haben: »Wandern wir fort von hier!« Das größte und schwerste Tor des innern Tempels, dessen Verschluß sehr mühsam gewesen, soll in einer Nacht sich von selbst geöffnet haben. Am meisten inneres Grauen rief ein Unheilsverkünder, Josua ben Anan, hervor, der mehrere Jahre hindurch stets zur Hüttenfestzeit bei Tag und Nacht in den Straßen mit rauhem und düsterm Tone laut rief: »Stimme von Morgen, Stimme von allen vier Winden, Stimme über Jerusalem und den Tempel, Stimme über Bräutigam und Braut, Stimme über das ganze Volk!« Drohungen und Strafen fochten den Unheilsverkünder nicht an, er fuhr fort zu rufen: »Wehe, wehe über Jerusalem«. Vergebens suchten die Machthaber ihn durch Geißelhiebe stumm zu machen. Es war vielleicht derselbe, der »Wehe, wehe« über die pflichtvergessenen, hohenpriesterlichen Familien gerufen hat, die alle Ämter an sich und die Ihrigen gerissen hatten und die Zehnten durch ihre mit Knütteln bewaffneten Sklaven für sich erzwangen. Bei der Belagerung traf den Unheilsverkünder ein Wurfgeschoß72.

Die Verteidiger Jerusalems und die gläubige Bevölkerung waren aber von der unerschütterlichen Überzeugung beseelt, Jerusalem könne nicht in Feindeshand fallen, der Tempel könne nicht untergehen, gerade wie zur Zeit Nebukadnezars es unmöglich schien, daß der Feind in Jerusalems Tore eindringen werde. Schlichte begeisterte Männer verkündeten: der Tempel könne nicht fallen, der Himmel werde für seine bedrohte Stadt und sein Heiligtum ein Wunder geschehen lassen, welches alle Anstrengung der Feinde zu Schanden machen werde73. Schienen [530] sich die Verkündigungen nicht wunderbar zu erfüllen, da Vespasian sich so lange von Jerusalem fern hielt? Und nun hatte er und auch sein Sohn Titus den Kriegsschauplatz verlassen. Konnte die wundergläubige, exaltierte Menge dieses nicht für ein bedeutsames Werk des Himmels ansehen und sich dem Wahne hingeben, daß kein Römer je die heilige Stadt betreten werde?

Endlich kam der zum Thronfolger ernannte Titus als Feldherr nach Judäa (Febr./März 70). Jerusalem mußte mit allen Mitteln zur Unterwerfung gebracht werden. Dies schien dem Feldherrn eine gebieterische Notwendigkeit. Es war eine Schmach für die Römer, daß diese rebellische Stadt vier Jahre hindurch sich behaupten konnte. Auch hing das Ansehen des neuen Kaiserhauses von dem Falle Jerusalems ab. Widerstand Jerusalem noch länger, so war damit die militärische Tüchtigkeit Vespasians und seines Sohnes in Frage gestellt74.

Obwohl Titus Eile hatte, mit der Unterwerfung Judäas fertig zu werden, um seinen nach Genüssen hangenden Sinn zu befriedigen, so konnte er doch vor dem Beginn des Frühjahrs die Vorbereitungen zu der Belagerung Jerusalems nicht vollenden. Ein Heer von mindestens 80,000 Mann aus verschiedenen Truppenteilen wurde zusammengezogen und eine solche Anzahl von Belagerungswerkzeugen herbeigeschafft, wie sie bis dahin kein Krieg nötig gemacht hatte. Drei judäische Verräter waren Titus bei der schweren Arbeit behilflich. Der König Agrippa, der Truppen stellte und die Bewohner Jerusalems durch Überredung schwankend machte; Tiberius Alexander, der seinem Abfalle vom Judentum durch die Bekämpfung seiner Nation das Siegel aufdrückte; und Josephus, der überall Titus begleitete, nachdem er aus einem Gefangenen ein Wegweiser auf dem ihm bekannten Boden geworden war.

Unbekümmert um die schmerzlichen Zuckungen seines Volkes, ging er nach seinem Übertritt zu den Römern zweimal eine Ehe ein; er suchte Lebensbehaglichkeit und Ehefreuden. Zuerst heiratete er eine Jungfrau aus den Gefangenen, welche in Cäsarea eingepfercht waren – selbstverständlich mit Vespasians Erlaubnis. Als ihm dieser dann, nach seiner Wahl zum Kaiser, die Fesseln lösen ließ, angeblich weil er dem Feldherrn den Imperatorenrang voraus verkündet habe, nahm er ihn nach Alexandrien mit. Was sollte Josephus in dieser zweiten judäischen Großstadt machen? Gewiß sollte er auch da unter seinen Stammesgenossen im Interesse der Römer wirken. Während dieser Zeit verließ ihn seine aus den Gefangenen ausgewählte Frau – wohl [531] aus Verachtung wegen seiner Gefühllosigkeit gegen sein Vaterland. Da suchte sich Josephus eine andere Fran in Alexandrien aus und begleitete Titus, als er zur Belagerung Jerusalems sich nach Judäa begab75. Tiberius Julius Alexander, welcher schon einmal ein Gemetzel unter seinen Stammesgenossen angerichtet hatte (o. S. 465), sollte das Werk in Judäa fortsetzen. Titus war im Kriege noch nicht erfahren genug. Darum sollte der judäische Apostat als Feldherr ihm zur Seite stehen. Er wurde zu einem höheren Range, zum Obergeneral der Leibwache (Praefectus praetorio) befördert76.

Unter den streitenden Parteien in Jerusalem hatte bei dem Herannahen der Gefahr eine Annäherung stattgefunden. Die jerusalemischen Zeloten und Johannisten versöhnten sich mit bar Giora77. Wieder strömten viele Mannschaften aus Judäa und dem Auslande nach Jerusalem kurz vor dem Passahfeste, so lange Jerusalem noch offen war, um die heilige Stadt zu verteidigen78. Die Anführer hatten zu ihren Stammesgenossen in der Euphratgegend Boten geschickt und sie gebeten, ihnen Mannschaften zu senden, und ihre Bitte war nicht vergeblich gewesen79. Die Mauern Jerusalems wurden noch [532] mehr befestigt und gegen die Stöße der Belagerungsmaschinen widerstandsfähig gemacht.

Endlich zog Titus das römische Heer von allen Seiten zusammen und lagerte bei Skopos (Zophim, 7 Stadien, 1300 Meter, nördlich von Jerusalem). Ehe er zur Belagerung Jerusalems schritt, ließ er die Einwohner auffordern, ihm in Frieden die Tore zu öffnen; er verlangte nur Unterwürfigkeit, Anerkennung der Römerherrschaft und Leistung der Abgaben, wie vor dem Aufstande80. Zwei Umstände bewogen ihn, gelinde mit den Judäern zu verfahren und ihnen noch Zugeständnisse zu machen. Er hatte Eile nach Rom zurückzukehren, das er als Privatmann verlassen hatte, und das er als zukünftiger Cäsar wiedersehen sollte. Dort winkten ihm Genüsse und Machtfülle, die er rasch erhaschen wollte81. Sodann wollte er aus Liebe zu der judäischen Prinzessin, deren Herz trotz ihres Sündenwandels an der heiligen Stadt hing, Jerusalem nicht der Zerstörung preisgeben. Aber die mutigen Kämpfer schlugen alle durch Gesandte verheißenen Versprechungen aus. Sie hatten geschworen, die Stadt mit ihrem Leben zu verteidigen und mochten nichts von Ergebung hören82. Da die Aufforderung zur Ausgleichung erfolglos geblieben war, so wurde mit dem Angriff auf die Stadt Ernst gemacht. Alle Gärten und Baumpflanzungen im Norden und Westen Jerusalems, von wo der Angriff gemacht werden sollte, wurden schonungslos verheert83. Titus näherte sich mit einigen Begleitern dem nördlichen Walle, um das Terrain zu rekognoszieren, und da er keinen Krieger, nicht einmal eine Wache auf der Mauer bemerkte, glaubte er schon, die Kämpfer Jerusalems seien eingeschüchtert und würden sich leicht unterwerfen. Plötzlich stürzten die Judäer aus einem Tore heraus, trennten Titus von seinem Gefolge und hätten ihn beinahe zum Gefangenen gemacht, wenn das Schamgefühl, zum Gespötte der Judäer zu werden, nicht seine Kräfte verdoppelt, und wenn nicht seine Begleiter alle Anstrengungen gemacht hätten, ihn zu decken84. Die erste Waffentat der Jerusalemer gegen die Römer stellte ihnen ein günstiges Vorzeichen. Tages darauf, als die zehnte Legion auf dem Ölberge mit dem Lagerabstechen beschäftigt war, wurde sie von judäischen Kriegern überrumpelt und in solchen Schrecken versetzt, daß sie die Arbeit im Stiche ließ und zurückwich85. Indessen blieben diese Scharmützel, weil vereinzelt, ohne Erfolg. Die Judäer mußten sich stets wieder in die Festung zurückziehen; aber diese kühnen Ausfälle zeigten den Römern, welchen schweren Kampf sie zu [533] bestehen haben würden. Es gelang ihnen jedoch, auf drei Seiten Lager aufzuschlagen und die Maschinen gegen die äußerste Mauer zu richten. Die Arbeiten zur Belagerung begannen gerade am Passahtage (März oder April 7086), weil Titus glauben mochte, die Judäer würden sie aus religiösen Rücksichten nicht stören. Die Belagerungsmaschinen wurden auf hohen Erdwällen und Plattformen errichtet, die bis zur Höhe der Mauer aufgeworfen wurden. Von hier warfen die Feinde Pfeile, Schleudern, schwere Holzstücke und Steine auf die Verteidiger der Mauer und in die Stadt; Sturmböcke und eiserne Widder arbeiteten an drei Stellen gegen die Mauer, um sie zu erschüttern. Sobald aber die Römer die Maschinen aufgestellt hatten, stürzten sich die Judäer wie Dämonen aus der Stadt und zerstörten sie, vertrieben die Arbeiter und zogen sich, nachdem sie Schrecken und Verwirrung unter den Feinden verbreitet hatten, wieder hinter die Mauer zurück87. Nicht bloß die Zeloten, sondern Alle, die nur Waffen tragen konnten, beteiligten sich an den Kämpfen; selbst Frauen zeigten den Männern gleich eine beispiellose Todesverachtung88. Die Belagerten warfen Felsblöcke auf die Feinde oder gossen siedendes Öl auf ihre Köpfe; nach und nach lernten sie mit schwerem Geschütz umgehen und kehrten die erbeuteten Geschosse gegen deren ehemalige Eigentümer. Indessen besserten die Römer die Schäden stets wieder aus und zwangen die Belagerten nach fünfzehntägiger Arbeit die äußerste Mauer zu verlassen (7. Ijar, Mai)89. Dann begann ein hitziger Kampf um die Zwischenmauer, welche die Verteidiger hinter der ersten aufgerichtet hatten. Als die Römer sie schon eingenommen glaubten, vertrieben sie die Judäer wieder. Erst nach mehreren Tagen gelang es den Römern, Meister derselben, und damit auch der Vorstadt Bezetha, zu werden90.

Die Kämpfe hatten damit noch lange kein Ende und wiederholten sich täglich mit neuer Erbitterung. Nach siebzehntägigen Anstrengungen hatten die Römer vier Dämme gegen die Antonia und die zweite Mauer errichtet und gedachten mit der Erschütterung derselben vorzugehen. Da stürzte Johannes mit seiner Schar durch einen unterirdischen Gang herbei und zündete die Werke gegen die Antonia an. Zwei Tage später steckten drei mutige Männer von bar Gioras Partei, Tephtai, Megassar und der Adiabener Chagira, Sohn des Nabatai, die andern [534] Werke in Brand, ungeachtet der Geschosse, die auf sie niederhagelten91. Mit der nahen Gefahr stieg auch der Mut der Belagerten. Alle Überredungskünste, die namentlich Josephus, von Titus dazu benutzt, anwandte, fruchteten nichts. Es blieb ihnen auch kein anderer Ausweg als Sieg oder Tod. Denn was sie von den Römern zu erwarten hatten, zeigte sich sogleich beim Beginn der Belagerung. Die Gefangenen, auch diejenigen, welche sich geflissentlich fangen ließen, um der eingetretenen Hungersnot zu entfliehen, ließ Titus, »die Wonne des Menschengeschlechtes«, zuweilen 500 an einem Tage, ans Kreuz schlagen, um den hartnäckigen Verteidigern die Aussicht zu eröffnen auf das, was ihnen bevorstand. Es mangelte an Platz für die Kreuze und an Kreuzen für die Schlachtopfer. Zuweilen schickte er sie mit abgehauenen Händen in die Stadt zurück92.

Titus mußte auf die Hoffnung verzichten, den Krieg schnell zu beendigen und richtete sich daher auf eine langwierige Belagerung ein. Die Hungersnot sollte seine Bundesgenossin werden. Um den Belagerten die heimlichen Ausgänge aus der Stadt zu verrammeln, ließ er um die ganze Stadt einen Wall ziehen, der fast 7 Kilometer im Umfange hatte93. Alle Gärten und Felder um Jerusalem wurden zerstört und die ganze Umgegend, mehr als 15 Kilometer in der Runde, einer Einöde gleich gemacht. Die Lebensmittel schwanden bei der Überfüllung an Menschen mit jedem Tage mehr, und da die Schleichwege, die benutzt wurden, um von außen Nahrung, wenn auch mit Lebensgefahr, herbeizuschaffen, abgeschnitten waren, so stellte sich der wütendste Hunger ein und raffte seine Opfer massenhaft hin. Er ergriff zuerst die ärmern Klassen, deren geringe Vorräte bald aufgezehrt waren. Der Hunger machte das Mitleid verstummen und erstickte das Vater- und Muttergefühl. Die Häuser und Straßen füllten sich mit Leichen, die nicht einmal von ihren Verwandten zu Grabe gebracht wurden, sie mußten auf öffentliche Kosten weggeschafft werden. Die Lebenden schlichen mit aufgedunsenen Leibern wie Gespenster umher. Empörend ist Josephus' heuchlerisch-fromme Entrüstung darüber, daß Johannes von Gischala die im Tempel für die Opfer aufbewahrten Wein- und Ölvorräte unter seine Leute verteilte94, als wenn es nicht selbst nach dem Gesetze gestattet wäre, sich auf diese Weise vor Hungersnot zu schützen.

[535] Der hohläugige Tod trieb endlich viele dazu, zu den Römern überzugehen, wo sie aber eine neue Todesart erwartete. Die Römer hatten bald bemerkt, daß die Überläufer Goldstücke verschlungen hatten, zur Fristung ihres kärglichen Lebens in der Gefangenschaft. Da schlitzten sie ihnen kannibalisch den Leib auf und suchten nach den verborgenen Goldstücken95. Infolgedessen wurde ein Gesetz erlassen, Goldmünzen nicht zu verschlingen96. Bei der Zunahme der Überläufer waren die Zeloten um so strenger gegen die Verdächtigen; sie verlangten, daß jedermann auf der Höhe der Vaterlandsliebe stehen und dem Tode mutig ins Auge schauen sollte. Eine Verschwörung einiger Hauptleute aus bar Gioras Heere, die zum Feinde übergehen wollten, entdeckte der Führer und bestrafte die Schuldigen ohne Schonung97. Auch Matthia ben Theophilos, der abgesetzte Hohepriester, der mit andern aus dem priesterlichen Adel Simon bar Giora nach Jerusalem berufen hatte, erlitt die Strafe für sein verräterisches Spiel. Er wurde mit dreien seiner Söhne auf bar Gioras Befehl im Anblick der Römer enthauptet und mit ihnen zugleich zwei andere Adlige und fünfzehn aus dem Volke98. Nicht aus Lust am Morden sind diese hingerichtet worden, sondern wegen erwiesenen oder mit guten Gründen vermuteten Verrates. Denn weder die Zeloten noch Johannes noch bar Giora vergriffen sich an Josephus' Eltern, obwohl sie Grund genug hatten, gegen diese offenen Parteigänger der Römer erbittert zu sein. Die Mutter blieb ganz und gar unbehelligt, der Vater, Matthia, wurde nur in Gewahrsam gehalten, und es durfte niemand mit ihm verkehren, aus Furcht vor Verräterei99. Wären die Führer in Jerusalem so blutdürstig gewesen, wie sie Josephus nicht müde wird zu schildern, so hätten sie dessen Eltern am wenigsten verschont.

So streng aber auch die Wachsamkeit der Zeloten war, so konnten sie doch nicht jeder List, deren sich die Verräter bedienten, begegnen. Die verkappten Römerfreunde in der Stadt steckten beschriebene Zettel in die Pfeile, die sie in das römische Lager abschossen, und gaben durch dieses Mittel dem Feinde von allem Kunde, was in Jerusalem vorging100.

Die Zeloten aller Parteien ermüdeten indessen nicht, trotz Hungersnot und Verrat, den Römern die Arbeit zu erschweren, so daß es ihnen erst nach 21 Tagen gelang, unter hartnäckigen Kämpfen einen neuen Damm gegen die Antonia aufzuwerfen. Ein Ausfall des Johannes [536] um das Werk anzuzünden, mißlang, und so stürzte die Mauer der Antonia unter den heftigen Stößen von außen zusammen (1. Tammus, Juni). Wie erschraken aber die Römer, als sie hinter dieser Mauer eine neue erblickten! Vergebens strengten sie sich an, diese mit Sturm zu nehmen. Einen Überfall in der Nacht schlugen die Judäer zurück, und der Kampf dauerte bis zum andern Morgen101. Aber die Antonia blieb in der Gewalt der Römer, und Titus ließ sie zerstören. In dieser Zeit (17. Tammus) hörten die täglichen Opfer aus Mangel an Tieren auf102. Von neuem ließ Titus das Volk zur Übergabe der Stadt auffordern und beteuerte, den Tempel verschonen zu wollen; aber er wählte stets einen Dolmetscher, dessen Erscheinen die Kämpfenden nur noch mehr erbitterte. Johannes erwiderte auf die Aufforderung: die Gottesstadt könne nicht untergehen, und das Ende gehöre Gott an103. Doch ließen sich von neuem einige Mutlose zum Überlaufen überreden, Söhne und Verwandte von hohenpriesterlichen Geschlechtern, darunter auch drei Söhne des Hohenpriesters Ismael ben Phiabi. Titus ließ diese Überläufer unter Bewachung nach der Stadt Gophna bringen104.

Die Belagerten verteidigten nach dem Fall der Antonia den Tempel. Eine römische Truppe, welche in der Nacht den Kampf wieder aufnahm, wurde von den Tapfersten der Tapfern, Juda ben Merton, Simon ben Josias, Jakob und Simon ben Kathla, Jakob ben Sosa, dem Idumäer, Gyphtai, Alexas und Simon ben Jaïr zurückgeschlagen. Da richteten die Römer ihre Angriffswerke gegen die Tempelmauer, und die Judäer wurden gezwungen, die Säulengänge, welche die Antonia mit dem Tempel verbunden hatten, abzubrechen. Sie wendeten jede List an, um die Römer zu ermüden; sie zündeten einige Säulengänge des Tempels an und stellten sich, als wenn sie die Flucht ergriffen. Darauf erkletterten viele Römer dieselben und kamen teils durch das Schwert der Judäer, teils durch das Feuer um. Der Brand erstreckte sich aber längs der ganzen Westseite, und die schönen Säulengänge wurden ein Raub desselben (21-28. Tammus). Tags darauf verbrannten die Römer die nördlichen und einen Teil der westlichen Säulengänge105.

[537] Indessen schritt der Würgengel der Hungersnot durch die Bevölkerung Jerusalems, sog mit Gier alle Lebenssäfte aus, hob die Schranken zwischen Armut und Reichtum auf und entfesselte die niedrigsten Leidenschaften. Das Geld hatte seinen Wert verloren, denn man konnte kein Brot dafür kaufen. Um ein wenig Stroh, um Lederstücke und noch häßlichere Dinge stritten sich die Ausgehungerten, um sie einander zu entreißen. Die reiche Martha, Gemahlin des Hohenpriesters Josua ben Gamala, die einst auf Teppichen von ihrem Hause bis zum Tempel gewandelt sein soll, suchte gleich den Ärmsten in den Straßen nach ekelhaften Speisen, um den nagenden Hunger auf einen Augenblick zu stillen. Als sollte kein Zug in dem Schauergemälde der Strafandrohung des großen Propheten unerfüllt bleiben, fiel eine Entsetzen erregende Szene vor, die selbst den Feind mit Schauder erfüllte. Eine Frau Mirjam, welche sich aus Peräa nach der Hauptstadt geflüchtet hatte, schlachtete ihr junges Kind und verzehrte sein Fleisch106. Die aufgehäuften Leichen, die in der heißen Jahreszeit schnell in Fäulnis übergingen, verbreiteten einen üblen Geruch und erzeugten Seuchen, die mit dem Kriege und dem Hunger um die Wette die Bevölkerung hinrafften. Die Krieger aber ertrugen alle diese Beschwerden mit ungebrochenem Mute, sie stürmten zum Kampfplatze mit leerem Magen, umgeben von den düstersten Bildern des Todes, mit demselben Ungestüm, wie am ersten Tage der Belagerung. Von diesem todesverachtenden, unerschütterlichen Heldenmut der Zeloten und ihrer Hingebung an das Heiligtum und die Sache ihres Volkes waren selbst die Römer betroffen. Da sie täglich wahrnahmen, daß die judäischen Krieger trotz des nagenden Hungers immer mit frischem Mute in den Kampf gingen, so hielten sie sie für unüberwindlich und ihre Seelenstärke im Unglück für unverwüstlich. Einzelne Römer verließen ihre Fahnen und ihren Glauben und gingen zum Judentume über. Auch sie waren fest überzeugt, daß die heilige Stadt nicht in die Gewalt ihrer Feinde geraten könne. Die Bewohner Jerusalems waren auf diese aufrichtige Bekehrung einiger Römer in der Stunde der höchsten Gefahr so stolz, daß sie für sie auch in der Hungersnot sorgten, damit sie nicht zu darben brauchten107.

[538] Die Römer hatten indessen die Belagerungsmaschinen gegen die Außenwerke des Tempels aufgestellt und sechs Tage lang (2-8. Ab) unaufhörlich gearbeitet, ohne die Mauern erschüttern zu können. Einen Sturm, bei dem sie versuchten, auf Leitern die Mauer zu erklettern, schlugen die Judäer zurück und stürzten die Kletternden von der Mauer in die Abgründe. Da gab Titus den Plan auf, den Tempel zu schonen, und ließ an die Tore der äußern Ringmauer des Tempels Feuer legen, das einen ganzen Tag und die folgende Nacht wütete. Dann befahl er wieder, den Brand zu löschen und einen bequemen Zugang für die Legionen zum Angriff zu bahnen. Zugleich rief er einen Kriegsrat zusammen, in welchem beschlossen werden sollte, was mit dem Heiligtume geschehen solle. Der Rat bestand aus sechs der höchsten Anführer: Tiberius Alexander, der den Oberbefehl hatte, Sextus Cerealis, der wegen seiner Kriegstaten zum Führer der fünften Legion (Macedonica) befördert worden war, Larcius Lepidus, dem Führer der zehnten Legion (Fretensis), Tittius Frugi, dem Führer der fünfzehnten Legion (Apollinaris), Haternus Fronto, dem Führer eines Teils der zwölften Legion (Fulminata) und endlich Marcus Antonius Julianus, der zum Landpfleger über Judäa ernannt war, und dazu noch aus einigen Tribunen und Obersten. Einige hielten es für richtig, den Tempel zu zerstören, weil er immer ein Herd der Aufstände bleiben werde; Titus dagegen sprach sich entschieden für dessen Erhaltung aus. Aus ihm sprach die Prinzessin Berenice, der er sich gefällig zeigen wollte. Da sich auch Alexander, Cerealis und Fronto für Schonung erklärten, so wurde beschlossen, den Tempel zu erobern, aber ihn nicht zu zerstören. Gewiß hatte auch Agrippa Einfluß auf diesen Beschluß; denn durch die Erhaltung des Tempels hatte er die Aussicht, vermöge seiner Verbindung mit dem neuen Kaiser, König des neu restaurierten Gemeinwesens von Judäa zu werden. Tags darauf (9. Ab) machten die Judäer wieder einen kühnen Ausfall, wurden aber von der Überzahl der Feinde zum Rückzuge genötigt. Endlich schlug die Stunde des Unterganges, die in dem Andenken der Nation eine düstere Trauer auf Jahrtausende hinaus hinterließ. Die Belagerten machten am 10. Ab (August) einen neuen Ausfall gegen die Römer, wurden aber zurückgeworfen und verfolgt. In dieser Verwirrung ergriff ein Römer ein brennendes Holzscheit, ließ sich von einem Gefährten in die Höhe heben und warf es durch das sogenannte goldene Fenster in den Tempel. Das Holz der Tempelhallen fing Feuer und wälzte den Brand mit Windeseile in die benachbarten Räume, aus denen bald Flammen in die Höhe schlugen. Bei diesem Anblicke wichen auch die Mutigsten zurück. Titus eilte mit den Truppen [539] herbei. Der Widerstand hatte aufgehört. Er befahl den Brand zu löschen. Seine Stimme wurde nicht gehört108. Die wütenden Soldaten [540] zerstreuten sich in den Tempelräumen, um zu plündern, zündeten sie an vielen Stellen an und würgten alle, die in der allgemeinen Bestürzung nicht geflohen waren. Titus drang selbst, von Neugierde getrieben, in das Allerheiligste und weidete sich an dessen Anblick, bis ihn erstickender Qualm daraus vertrieb. Die ihm gehässige Sage erzählt, er habe da, im Allerheiligsten, mit einer Buhlerin (Berenice) Unzucht auf einer heiligen Thorarolle getrieben109. Bald drangen die judäischen Krieger wieder vor; auf der Brandstätte entbrannte ein neuer Kampf. Das Siegesgeschrei der Römer, das Wehklagen der Judäer beim Anblick der Verwüstung, das Geprassel der Flammen erschütterten den Erdboden, erschütterten die Luft; das Echo trug die Trauerbotschaft von dem Falle des Tempels bis zu den Bergen, und das Feuermeer gab den Bewohnern ringsumher das Zeichen, daß jede Hoffnung geschwunden sei110. Viele Judäer stürzten sich aus Verzweiflung in die Flammen, sie wollten den Tempel nicht überleben. Andere, viele tausend Männer, Weiber und Kinder, waren trotz der andringenden Feinde und der züngelnden Flammen in den südlichen Säulenhallen geblieben. Schwärmerische Propheten ließen sie ein Wunder erwarten: gerade im Augenblicke des Tempelbrandes werde Gott unerwartete Hilfe senden. Aber die Römer stürzten sich auf die Leichtgläubigen und machten sie alle, an 6000, nieder111. Der Tempel brannte vollständig ab, und nur die Grundfesten und einige Mauertrümmer an der Westseite ragten wie riesige Gespenster aus der Brandstätte hervor. Mehrere Priester, die sich auf die Mauer gerettet und dort einige Tage, trotz Hunger und Durst, ausgehalten hatten und endlich gezwungen waren, um Erbarmen zu flehen, ließ Titus hinrichten. »Priester müssen«, sprach der Unmensch, »mit dem Tempel untergehen«112. Dabei gab er sich den Anschein, als handle er nur als Rächer des von den Zeloten vergossenen Blutes. Die siegenden Legionen opferten ihren Göttern auf der Tempelstätte, pflanzten ihre Fahnen auf und riefen Titus zum Imperator aus113. Der zweite Tempel wurde, verhängnisvoll, an demselben Tage eingeäschert wie der erste (10. Ab – August 70)114. Infolge des Tempelbrandes der Rücksichten gegen Berenice entbunden, legte sich Titus keinen Zwang mehr auf und erteilte den Befehl, die Stadtteile, welche die Römer beherrschten, zu verbrennen, die Akra und Ophla115.

[541] Noch immer war der Kampf nicht zu Ende. Die Häupter der Revolution hatten sich mit ihren noch übriggebliebenen Scharen in die Oberstadt zurückgezogen. Dort hatten sie eine Unterredung mit Titus. Johannes und Simon verlangten, da sie geschworen hatten, eher zu sterben, als die Waffen zu strecken, daß ihnen freier Abzug mit den Waffen zugestanden werde; unter dieser Bedingung wollten sie die Oberstadt überliefern. Titus bestand aber darauf, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben sollten, und so entbrannte der Kampf von neuem. Am 20. Ab (August) begannen die Römer die Arbeit, neue Dämme gegen die Mauer der Oberstadt aufzurichten, und waren erst nach 18 Tagen (am 7. Elul, September) damit fertig. Die Standhaftigkeit verließ die Zeloten auch da nicht. Die Idumäer, welche heimlich mit Titus unterhandelten, wurden teils getötet, teils in den Kerker geworfen116. Aber die judäischen Kämpfer waren denn doch von den Anstrengungen und vom Hunger erschöpft und konnten den Sturm nicht mehr zurückschlagen. Die Römer überstiegen endlich die Mauer, besetzten die Türme und drangen mordend in die Oberstadt ein. Tags darauf (8. Elul) verbrannten sie auch den letzten Stadtteil, die Oberstadt (Zion). Die Mauern wurden völlig zerstört; nur die drei Türme Hippicos, Mariamne und Phasael ließ Titus unversehrt, damit sie als Zeugen seines erstaunlichen Sieges dastehen sollten. Sonst wurde die ganze Stadt dem Erdboden gleich gemacht117. Unter den Trümmern Jerusalems und des Tempels wurde der letzte Rest staatlicher Selbständigkeit Judäas begraben. Mehr als eine Million Menschen soll während der Belagerung umgekommen sein118. Rechnet man die Gefallenen von Galiläa, Peräa und den judäischen Städten hinzu, so kann man wohl annehmen, daß der judäische Stamm auf heimischem Boden zum großen Teile vernichtet war. Wiederum saß Zion auf der Brandstätte und weinte, ihre Söhne waren gefallen, ihre Töchter in schmähliche Sklaverei geführt oder den Soldaten zur Befriedigung ihrer Brunst zugeteilt119. Sie war noch viel unglücklicher als nach der ersten Zerstörung, da ihr jetzt kein Seher das Ende ihrer Witwenschaft und ihrer Trauer verkündet hat.


Fußnoten

1 Jos. j. Kr. IV, 9, 10; Vita 65.


2 Das. jüd. Krieg IV, 3, 1.


3 Jüd. Krieg VI, 5, 4. Diese Stelle: ἦν χρƞσμὸς ἀμφίβολος ὁμοίως ἐν τοῖς ἱεροῖς εὑρƞμένος γράμμασιν, ὡς κατὰ τὸν καιρὸν ἐκεῖνον ἀπὸ τῆς χώρας τις αὐτῶν ἄρξειν τῆς οἰκουμένƞς hat Tacitus aus Josephus entlehnt (Hist. V. 13): antiquis sacerdotum libris contineri, eo ipso tempore fore, ut valesceret oriens, profectique Judaea rerum potirentur. Auch Sueton, obwohl in anderer Fassung, hat sie entlehnt (Vespasian 4): Percrebuerat oriente toto vetus et constans opinio: esse in fatis, ut eo tempore Judaea profecti rerum potirentur.


4 Vergl. Note 30 [und die Bemerkungen dazu].


5 Jos. jüd. Krieg V, 4, 3.


6 Tacitus Historiae V, 13.


7 Vergl. Note 22.


8 Jüd. Krieg V, 4, 2.


9 Das 8, 1, s. Note 22.


10 Altert. XX, 9, 7.

11 Das. jüd. Krieg VI, 1, 1. Tosephta Negaïm VI, 2; Talm. Babakamma 82 b.


12 Jüd. Krieg V, 4, 1-4; vergl. Tacitus histor. V, 11.


13 Wenn es in den talmudischen Quellen heißt, die Belagerung Jerusalems habe drei Jahre oder drei und ein halbes Jahr gedauert (Gittin 56 a, Midrasch Threni zu Vers 1, 5, fol. 64 a), so ist dieses nicht auf die eigentliche Belagerung Jerusalems sondern auf den ganzen Krieg zu beziehen.


14 Note 30.


15 Jüd. Krieg III, 2, 1-3.


16 Jüd. Krieg IV, 3, 2.


17 Das. III, 3, 5 gibt Josephus die Einteilung Judäas. Die meisten Namen sind auch anderweitig bekannt. Aber zwischen Emmaus und Idumäa wird Πέλλƞ genannt, was gewiß ein Fehler ist. Das. IV, 8, 1 referiert Josephus, daß Vespasian Emmaus zum Mittelpunkte der Expedition im Süden und Westen gemacht, von hier das Heer ἐπὶ τὴν Βεϑλεπτƞφῶν τοπαρχίαν geführt und von da rings um Idumäa Kastelle angelegt habe. Die verschiedenen L.-A., welche bei Havercamp dabei aufgeführt sind, weisen auf keine sonst bekannte Örtlichkeit, welche zwischen Emmaus und Idumäa den Vorort einer Toparchie hätte bilden können. Man muß also dafür Βεϑλεέμων = םחל תיב lesen. Von Bethlehem südwärts hieß die Gegend Idumäa; vergl. w.u. Pelle an der ersten Stelle ist gewiß auch korrumpiert aus Bethlehem – Βεϑλεπτƞφῶν. Das. II, 20, 4; IV, 9, 9 u.a. St. bezeichnet Josephus Gophnitika und Akrabatene als Toparchien. Daraus folgt, daß sämtliche in der ersten Stelle aufgezählten Ortschaften Toparchien bildeten [Vergl. jedoch Buhl a.a.O. S. 82 und Kohout a.a.O. S. 622.].


18 Das. IV, 7, 3 fg.; vergl. über die hier genannte Ortschaft Gadara weiter unten.


19 Jüd. Krieg III, 3, 2.


20 Das. II, 22, 2; IV, 9, 3. Das hier genannte Ἀκραβατƞνἠ ist durchaus verschieden von der Toparchie Akrabatene an der Grenze Samarias. Es bildete vielmehr einen Teil von Idumäa und hieß eigentlich Akrabattine (I. Makkabäerbuch 5, 3): πρὸς τοὺς υἱοὺς Ἠσαῠ ἐν τῇ Ἰδουμαίᾳ [Swete hat nichtsdestoweniger »Ἰουδαίᾳ « in den Text aufgenommen] τὴν Ἀκραβαττίνƞν. So erzählt Josephus selbst jud. Kr. IV, 9, 4: Simon bar Giora habe Akrabatene bis zu Groß-Idumäa durchstreift [So auch Buhl a.a.O. S. 88.].


21 Das. jüd. Kr. IV, 9, 3.


22 Das. IV, 4, 2.

23 Das. III, 9, 5-6.


24 Jüd. Krieg II, 20, 3; IV, 4, 1.


25 Vergl. das. vita 38, 41.


26 j. Kr. IV, 3, 4.


27 Vergl. Note 29.


28 Josephus jüd. Krieg V, 1, 2.


29 Jos. Jüd. Krieg IV, 3, 4-5.


30 Vergl. Monatsschrift 1885, S. 194 f.


31 Das. 3, 7. Altert. XX, 10, 1. Tos. Joma I, 6 Sifra zu Levit. 21, 10. Josephus stempelt diesen Hohenpriester zum Idioten; das war von Parteigehässigkeit diktiert. Auch in der angeführten talm. Stelle wird er geringschätzig beurteilt, er sei ein Steinhauer gewesen בצוח והיאצמו ... התבח שיא סחנפ לע וילע ורמא.. Dagegen legt ein angesehener Gesetzeslehrer eine Apologie für ihn ein: אלא והואצמ אל ?היה ונינתח אלהו ?היה תתס יכו שרוח אוהו רמאנש ןינעכ שרוח. Das Beispiel vom Propheten Elisa wird angeführt, um zu belegen, daß es durchaus nicht entwürdigend sei, sein Feld selbst zu pflügen, was dieser Hohepriester getan habe.


32 Jüd. Krieg IV, 5, 2; vergl. die Anmerkung weiter unten.


33 Das. IV, 3, 9-11.


34 Jüd. Kr. 3, 12-14; 4, 1-7; 5, 1. Die Zeit folgt aus dem Faktum des Gewitterregens, der nur im Spätherbst und Vorfrühling im Monat Adar vorkommt. Da Johannes von Gischala bereits lange in Jerusalem weilte, so kann dieses Ereignis nur im Adar stattgefunden haben. Damit stimmt, daß Josephus darauf die Bewegung der Sicarier erzählt, und zwar zur Passah-Zeit (das. IV. 7, 2). Im Monat Adar = Δύστρος ließ Vespasian den peräischen Feldzug eröffnen (das. 7, 3.)


35 Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß der Ananos, Sohn Ananos', welcher mit Simon ben Gamaliel in den ersten zwei Jahren der Revolution eine Rolle gespielt hat und beim Eindringen der Idumäer seinen Tod fand, identisch ist mit dem, welchen Josephus (Altert. XX, 9, 1) schildert: ϑρασὺς ἦν τὸν τρόπον καὶ τολμƞτὴς διαφερόντως. In j. Kr. IV, 3, 9 nennt er den, welcher das Volk gegen die Zeloten aufstachelte, Ananos, Sohn Ananos', also gerade so wie den Hohenpriester zur Zeit Albinus'. Freilich im jüd. Kr. schildert er ihn ganz anders, um recht grelle Farben für die Verworfenheit der Zeloten auftragen zu können: Ananos sei der ehrwürdigste, gerechteste Mann und ein Freund der Gleichheit auch für die Niedrigen gewesen. Aber, als wollte Josephus selbst seine Wahrheitsverdrehung dokumentieren, sagt er hier von Anan aus: er habe stets seinen Vorteil dem allgemeinen Besten hintangesetzt, während er in der etwa zwanzig Jahre später verfaßten Vita erzählt, Ananos habe sich durch Bestechung bestimmen lassen, seine Meinung aufzugeben (vita 39). Das Richtige über Anans Charakter wird wohl dasjenige sein, was Josephus in der Vita und in den Altert. berichtet, wo er ihn als keck, gewalttätig und grausam schildert. Die Anfachung des Bürgerkrieges in Jerusalem ist nur ihm zur Last zu legen.


36 Folgt aus jüd. Kr. IV, 5, 4: συγκαλοῠσιν ἐξ ἐπιτάγματος ἑβδομ$κοντα τῶν ἐν τέλει δƞμοτῶν. Josephus will zwar damit sagen, daß ein Gerichtshof für den einzigen Fall, den Prozeß des Zacharia b. Baruch zusammenberufen worden sei. Allein dazu brauchte man nicht die große Zahl von 70. Es scheint vielmehr, daß dieser Prozeß dem bereits früher erwählten demokratischen Synhedrion zur Beurteilung vorgelegt wurde.


37 Das. 5, 2-4. Matthäus 23, 35 wird [vielleicht?] darauf angespielt.


38 Das. 5, 5; 6, 1. Daß nicht sämtliche Idumäer Jerusalem verlassen haben, folgt aus IV, 9, 11. Josephus berichtet die inneren Vorfälle mit so viel Verworrenheit, daß man daraus erkennt, daß er keine richtige Kunde davon gehabt hat. Nicht ein einziges Datum weiß er anzugeben, während er doch die Züge der Römer nach Monat und Tag genau bestimmt. Nur Gräuelszenen zu schildern, ist er unerschöpflich, wie sie teils die Überläufer übertreibend dargestellt haben, teils sein Haß gegen seine Gegner ausgemalt hat Vergl. w.u.


39 So ist die schwierige Stelle Josephus jüd. Krieg IV, 9, 10, zu verstehen, nur muß man statt der sinnlosen Konstruktion καὶ ἐν τούτοις ἐπίνοια κακῶν καὶ τόλμƞ τὸ σύνταγμα τῶν Γαλιλαίων διέφϑειρε lesen: καὶ ἐν τούτοις ἐπινοίᾳ κακῶν καὶ τόλμς τὸ σύνταγμα τῶν Γαλιλαίων διέφερε. Grade die von Havercamp verworfene L.-A. des Leidener Kodex διέφερε gibt hier einen guten Sinn: Die galiläische Schaar übertraf an Grausamkeit die Römer und Zeloten. [So hat auch Niese den Text festgestellt.] Vergl. noch das. 7, 1.


40 Josephus contra Apionem I, 9: καὶ τὰ παρὰ τῶν αὐτομόλων ἀπαγγελλόμενα μόνος αὐτὸς συνίειν. Er allein will also beim Verhör der Überläufer zugegen gewesen sein. Er war wohl der Dolmetscher der Überläufer, da Vespasian ihre Sprache nicht verstand.


41 Das. jüd. Kr. IV, 7, 3.


42 Das. 7, 3-5. Im Texte lautet die L.-A. τὰ Γάδαρα, μƞτρόπολις τῆς Περαίας, aber sie kann unmöglich richtig sein. Gadara war eine hellenische Stadt (Altert. XVII, 11, 4) und gehörte zur Dekapolis, kann also unmöglich Hauptstadt des judäischen Peräa gewesen sein. Ferner erzählt Josephus, daß sich die Flüchtlinge dieser Stadt nach Βƞϑενναβρίν gerettet hätten. Es ist unstreitig mit de Saulcy dafür zu lesen: Βƞϑεναμρίν = ןירמנ-תיב. Aber dieses Städtchen war mehr als 12 geogr. Meilen von Gadara entfernt. Wie konnten die Flüchtlinge daran denken, auf so weitem Wege Schutz zu suchen? Man muß wohl statt Γάδαρα lesen Ἰάζαρα Das II. Makkabb. hat ebenfalls die Corruptel Γάζαρα (10, 32) statt Ἰάζƞρ (I. Makkabb. 5, 8). Jaser kann Hauptstadt von Peräa gewesen sein und eine durchweg judäische Bevölkerung gehabt haben. Jaser (jetzt Sar) ist nur 3 geographische Meilen von Beth-Nimrin (jetzt Nimrin) entfernt. [Vgl. jedoch Buhl a.a.O. S. 263, Kohout a.a. O S. 652 und Schürer II3, S. 125, Anm. 231.].


43 Jüd. Kr. IV, 7, 6. Dieses Abila ist verschieden von dem nördlichen, westlich von Edreï gelegenen, das auch einer Landschaft den Namen Abilene gegeben hat. Es lag vielmehr im Süden unweit Livias (jüd. Kr. II. 13, 2, wo Josephus ebenfalls den Lapsus Ἰουλίας statt Livias hat) und ist vielleicht identisch mit לבא םיטשה [Vgl. hierzu Buhl a.a.O. S. 264 f].


44 Das. 8, 1.

45 Das. Über Bethleptepha s.o. S. 507 Anmerkung. Emmaus scheint Vespasian nicht genommen zu haben, wenn die L.-A. richtig ist: εἰς Ἀμμαοῠντα ἀφικνεῖται. Καταλαβόμενος δὲ τὰς ἐπὶ τὴν μƞτρόπολιν αὐτῶν είσβολὰς, στρατόπεδόν τε τειχίζει καὶ τὸ πέμπτον ἐν αὐτῇ τάγμα καταλιπών. Die L.-A. das. ἐπὶ Αύδδƞς κ. Ἰαμνίας ἐχώρει kann nicht richtig sein, da Jamnia schon früher in römischer Gewalt war (das. IV, 3, 2). Vielleicht ist zu lesen Ἀδίδα; vergl. das. 9, 1.


46 Das. IV, 8, 1; über Betaris, nach Rufinus L.-A. Begabris, gleich Bet-Gubrin vergl. Monatsschr. Jahrg. 1876, S. 8 fg. [Vgl. Buhl S. 192 und Kohout S. 654].


47 Das. jüd. Kr. 8, 1-2.


48 Das. 9, 1.


49 Das. 9, 9. Hier ist angegeben, daß Vespasian von Cäsarea am 5. Daisios aufgebrochen sei, um die nördlichen Toparchien zu unterwerfen. Das muß noch im Jahre 68 gewesen sein, denn im folgenden Jahre war Stillstand. Tacitus histor. 5, 11 intra duas aestates cuncta camporum omnesque ... urbes.. tenebat (scil. Vesp.) Proximus annus civili bello intentus ... per otium transiit, d.h. also 67-66. Chronologisch verworren reiht Jos. der Erzählung vom Tode Galbas und Othos (69) Vespasians Eroberung von Gophnitica und Akrabatene an, als wenn diese in demselben Jahre erfolgt wäre: ἐν τούτῳ. – Die Monatszeit dieser Eroberung, 5. Daisios, kann auch nicht richtig sein. Denn wenn Vespasian am 2. dieses Monats in Korea eingetroffen und dann nach Jericho gezogen sein soll (das. 8, 1), so kann er nicht drei Tage später wieder in Cäsarea eingetroffen und von da zu neuen Kämpfen ausgezogen sein.


50 Das. Jüd. Kr. IV, 9, 3.


51 Das. 9, 5.


52 In der topographischen Bestimmung der Züge bar Gioras das. 9, 4 fg. ist Vieles dunkel. Welche Gegend wurde μεγάλƞ Ἰδουμαία genannt? Welche Städte gehörten damals zu Idumäa? Einige Angaben das. dürften zur Orientierung beitragen. Josephus erzählt, bar Giora habe eine Festung Nain angelegt, die er als Stützpunkt betrachtet habe. Seine Schätze habe er in einer Schlucht Pharan in Höhlen verborgen, und in diesen Höhlen hätten auch viele seiner Schar gehaust. Von Nain aus habe er Herodium zur Übergabe aufgefordert und endlich Hebron genommen. Nun hat Havercamp (in Annott. das.) richtig bemerkt, daß man statt Ναΐν lesen muß Ἀίν; denn Rufinus hat in der Übersetzung Aiam und Aim. Das N ist von dem vorausgehenden Worte herübergezogen worden. Zu der Ortschaft ןיע (Josua 15, 32; 19, 7) bemerkt Eusebius' Onomastikon nach Hieronymus' Übersetzung: Ain in Daroma contra australem plagam Chebronis novem ab ea millibus separata. Mit Recht identifiziert Robinson (Paläst. III. 189) das 2 3/4 geographische Meilen südlich von Hebron liegende Ghuwein mit Aïn, indem ןיוע nur eine arab. Diminutivform von ןיע ist. [Vgl. Buhl S. 163 f.] 7/8 Meilen südlich von Ghuwein bei Makhul finden sich in einem Hügel Höhlen (Robinson das. 187 fg.). In diesen Höhlen bei Makhul kann bar Giora seine Schätze und seine Mannschaft, welche in der Festung Aïn keinen Platz hatten, untergebracht haben, da sie in der Nähe lagen. Diese Lokalität bezeichnet Josephus als φάραγξ Φαράν [Vgl. jedoch Buhl S. 99]. Folglich bildete die Gegend südlich von Hebron, welche später Daroma genannt wurde, Groß-Idumäa. Herodium lag ebenfalls in Idumäa (Josephus Altert. XIV, 13, 9). Ob auch Hebron dazu gehörte, läßt sich aus Josephus nicht mit Sicherheit entnehmen. Der Passus (jüd. Kr. 9, 7) Ἔνϑεν (ἀπὸ Χεβρὼν) ... διὰ πάσƞς ἐχώρει τῆς Ἰδουμαίας scheint dafür zu sprechen [vgl. auch Kohout a.a.O. S. 662].


53 Das. jüd. Kr. IV, 9, 8. 10.


54 Josephus hat in seiner parteiischen Darstellung die Veranlassung zum zweiten Bürgerkriege, der bar Gi oras Einladung nach Jerusalem zur Folge hatte, geflissentlich verwischt. Seine Schilderung von den Mordtaten, Räubereien und Ausschweifungen der Johannisten das. 9, 10 ist mindestens übertrieben, wenn nicht ganz unwahr. Johannes, der stahlharte Patriot, wird schwerlich seine Leute haben verweichlichen lassen. An einer Stelle verrät er die Veranlassung zum Bürgerkriege. Die ἀρχιερεῖς, d.h. Personen aus dem Geschlechtsadel, kamen darauf, bar Giora einzuladen, und Matthia hat ihn eingeladen (9, 11). An einer andern Stelle (V. 13, 1) verrät Josephus geradezu, Matthia (hier nennt er ihn ben Boëthos) habe das Volk überredet, Simon bar Giora herbeizurufen. Die Hetze gegen die Zeloten und Johannes ging also von ihm und den Hohenpriestern aus. Die Adelspartei wollte damit einen coup d'état für die Reaktion vollführen.


55 Josephus das. 9, 3 fg. erzählt bar Gioras Streifzüge und Einzug in Jerusalem nach Titus' Rückkehr von Korinth nach Cäsarea, also im Jahre 69. Allein diese Vorgänge müssen sich bereits im Jahre 68 abgespielt haben. Denn bar Giora nahm vor dem Einzuge in Jerusalem die Stadt Hebron ein (das. 9, 7); diese Stadt aber wurde von Cerealis schon im Jahre 68 erobert (das. 9, 9), und Simon kann sie doch nicht den Römern entrissen haben. Folglich muß er sie vor Nisan 68 erobert haben. Josephus gibt auch an (das. 9, 12), bar Giora sei im Nisan im dritten Jahre in Jerusalem eingezogen, d.h. eben im Jahre 68.


56 Das. jüd. Kr. IV, 9, 12.


57 Das. 9, 9. Bei der Unterwerfung dieser Landschaft, welche Josephus als Ober-Idumäa: τὴν ἄνω καλουμένƞν Ἰδουμαίαν bezeichnet, nennt er einen Ort Καφεϑρά als ψευδοπολίχνιον und Καφαραβίν. Beide sind unbekannt. Das erstere ist vielleicht verschrieben statt Καφαρϑαμερά, nämlich אתרמת רפכ הדוהיב im Midr. Lev. c. 1. 24, und das letztere vielleicht ןיגא רפכ im jer. Schabb. 5b.


58 Tacitus hist. 2, 1-2.


59 Das. 2, 81. Joseph. das. IV, 9, 2.


60 Sueton Titus 7: propter insignem reginae Berenices amorem, cui etiam nuptias pollicitus (Titus) ferebatur. Dazu Tacitus' Bericht (hist. 2, 81): Nec minus animo regina Berenice partes (Vespasiani) juvabat, florens aetate formaque.


61 Tacitus das. 2, 79; Sueton, Vespasian 6. Joseph. jüd. Kr. IV, 10, 5-6.


62 Josephus jüd. Kr. V, 2-5; 4, 1; 9, 4.


63 Das. 1, 3; καὶ πολλοὶ σπεύσαντες ἀπὸ γῆς περάτων περὶ τὸν ... χῶρον ἅγιον. Das. 3, 1: καὶ τῆς τῶν ἀζύμων ἐνστάσƞς ἡμέρας.. οἱ περὶ τὸν Ἐλεάζαρον, παρανοίγοντες τὰς πύλας ἐδέχοντο ἐκ τοῠ δἠμου τοὺς προσκυνεῖν ἐϑέλοντας εἴσω. Das kann nur im Jahre 69 gewesen sein, da im darauffolgenden Jahre zur Passahzeit die römischen Heere schon vor Jerusalem standen. Vergl. das. VI, 9, 3.


64 Dio Cassius 66, 4: καὶ οἱ Ἰουδαῖοι, πολλοὶ μὲν αὐτόϑεν, πολλοὶ δὲ καὶ παρὰ ὁμοἠϑων, οὐχ ὅτι ἐκ τῆς αὐτῆς τῶν Ρωμαίων ἀρχῆς, ἀλλὰ καὶ ἐκ τῶν πέραν Εὐφράτου προσβεβοƞϑƞκότες βέλƞ. ... ἔπεμπον.


65 Tacitus histor. 5, 13. Multitudinem obsessorum, omnis aetatis virile ac muliebre, sexcenta milia fuisse accepimus. Josephus jüd. Kr. VI. 9, 3 schätzt die Zahl der während der Belagerung Umgekommenen auf mehr als 1 Million: μυρίαδες ἑκατὸν καὶ δέκα. Gewiß sehr übertrieben.


66 Josephus, jüd. Kr. IV, 9, 12; V, 1,5. Gewiß [?] sprechen beide Stellen von der Errichtung derselben Türme. Josephus' Angabe, daß sie zum Kampfe der Parteien gegen einander errichtet worden seien, ist gewiß erlogen.


67 Jüd. Kr. V, 1, 2-3; 6, 1. Statt Σίμωνι τῷ Ἀρίνου an der zweiten Stelle muß man τῷ Ἐζρῶνος lesen, wie an der ersten Stelle. [vgl. hierzu Kohout, S. 711]. – Auf der Ophla stand wohl der Palast der Grapte, da Johannes darin seine Schätze niedergelegt hatte (das. IV, 9, 11). Über bar Giora V, 1, 3.


68 Das. V, 3, 1; 6, 1.


69 Das. V, 1, 4. Tacitus hist. 5, 22.


70 Gittin 56a; Midrasch Threni zu 1, 5 und Midrasch Kohelet zu 7, 11. Abot di R. Nathan, ed. Schechter, p. 31 f. Ihrem Kern nach scheint die Notiz historisch zu sein. Ein Gorion, S. d. Nikomedes (wohl versetzt statt: Nikodemos, S. Gorions = ןוירוג ןב ןומידקנ) gehörte zu den Dreien, durch welche die Zeloten der Kohorte unter Metilius Frieden anbieten ließen (Jos. das. II, 17, 10; vergl. o. S. 462). Dieser und seine Genossen müssen also den Römern Vertrauen eingeflößt und demgemäß nicht zu den offenen Zeloten, sondern zu den ganzen oder halben Friedensfreunden gehört haben. Ben Gorion wird auch anderweitig als reich und in Verbindung mit dem römischen Prokurator geschildert (Taanit 19a fg.). Ben Khalbasabua wird ebenfalls als reich angegeben (Nedarim 50a und Parall.). Er soll R. Akibas Schwiegervater geworden sein, muß demnach die Zerstörung Jerusalems überlebt haben, d.h. von den Römern verschont worden sein. Eine Namendeutung des Dritten stempelt auch diesen als Römerfreund (Gittin das.): ןב ירמאד אכיא תסכה תיציצ (oder) ימור ילודג ןיב תלטימ ותסכ היהש ףסכה . Diese Quelle stempelt überhaupt diese drei Reichen und Buleuten (ןיטוילב = βουλευταί) zu Römerfreunden: ( (יאמור ידהב) והיידהב אמלש דיבענו קופינ ורמא. Und aus diesem Grunde sollen die Zeloten (םיאנק, ינויריב) deren Vorräte verbrannt haben: והנהל והנלק (ינויריב) ומק ירעשדו אטיחד ירבמא. In Abot II. das. ןירקסה דמעשכו םלשוריבש תורצואה תא ופרש. Die andere Quelle stellt aber den Sachverhalt anders dar, als wenn ein Führer der Sikarier םילשוריבש [ןירקס] ןירסק שאר ... חיטב ןב die Vorräte ohne Veranlassung verbrannt hätte, um die Bewohner durch Hungersnot zum verzweifelten Kriege aufzustacheln. Diese Version hat aber die Wahrscheinlichkeit gegen sich und steht im Widerspruch nicht bloß mit der Angabe der ersten Quelle, sondern auch mit Josephus und Tacitus, welche ausdrücklich bemerken, daß die Magazine infolge der Parteikämpfe in Flammen aufgegangen seien.


71 Josephus jüd. Kr. V, 3, 4 legt Titus die Äußerung seinen Soldaten gegenüber in den Mund, den Judäern folge bei ihren Hinterhalten das Glück wegen ihres Gehorsams und ihres Wohlwollens und ihrer Treue gegen einander: διὰ τὸ πειϑἠριον καὶ τὴν πρὸς ἀλλἠλους εὔνοιάν τε καί πίστιν Daraus geht hervor, daß die judäischen Kämpfer aller Parteien Friede gehalten. und nicht mit Mißtrauen gegen einander erfüllt waren. Diese Äußerung, mag sie Titus ausgesprochen haben oder nicht, widerlegt Josephus' düstere Schilderung von der mörderischen Zwietracht der Parteien unter einander, selbst während der Belagerung, aufs bündigste.


72 Josephus jüd. Kr. VI, 5, 3. Vergl. Note 19.


73 Das. 5, 2.


74 Tacitus hist. 5, 10.


75 Jos. jüd. Kr. IV, 10, 7. Vita 75.


76 Das. jüd. K. V, 1, 6; 12, 2; VI. 4, 3. Vergl. über Tib. Alexander und sein Avancement Léon Renier's Abhandlung in den Mémoires de l'Académie des inscriptions et belles lettres T. XXVI, 1 (Jahrg. 1867) p. 294 ff, wo nachgewiesen ist, daß Tib. Alexander unter Titus in Judäa die hohe Charge des Praefectus praetorio bekleidet hat [und weitere Literatur bei Schürer I3, S. 568, Anm. 9 und S. 624, Anm. 85].


77 Jos. j. Kr. V, 2, 4. Hier erzählt I. unzweideutig, daß der Krieg von außen der Zwietracht der Parteien ein Ende gemacht habe: τότε $ρῶτον ὰνέπαυσεν τὴν ἐπ᾽ ἀλλἠλοις ἔριν ὁ ἔξωϑεν πόλεμος. Damit steht im Widerspruche die Gräuelschilderung, wie Johannes am 14. Nisan, gerade beim Beginn der Belagerung, durch heimlich Bewaffnete die Zeloten unter Eleasar habe angreifen und selbst viele von den zum Opfern im Tempel Anwesenden habe erschlagen lassen, dadurch habe die Zwietracht nicht mehr unter drei Parteien, sondern nur unter zweien fortbestanden (V, 3, 1): Η μὲν οὖν στάσις, οὕτω τριμερƞς οὖσα πρότερον, εἰς δύο μοίρας περιίσταται. Aber es soll doch gar keine Zwietracht mehr bestanden haben! Undenkbar ist auch, daß die Opferer im Tempel zum Passahfeste sich von einigen heimlich Bewaffneten hätten erschlagen lassen. Josephus gibt selbst an (VI, 9, 3), daß mehr als 1,000000 Menschen beim Beginn der Belagerung in Jerusalem zum Passahfeste anwesend gewesen sein sollen, wovon die meisten auswärtige Judäer, also erwachsene Männer waren. Und diese Million soll sich von der geringen Zahl der Johannisten haben abschlachten lassen! Josephus hat seine Feder gegen Johannes geführt, um diesem solche Untaten anzudichten. Mit dem Beginn der Belagerung hat die Parteiung unter den Führern aufgehört. Eleasar b. Simon hat sich wohl von selbst Johannes untergeordnet.


78 Das. VI, 9, 3.


79 Das. VI, 6, 2.


80 Jos. j. Kr. V, 2, 3; 9, 4. Dio Cassius 66, 4.


81 Tacitus hist. 5, 10.


82 Jos. jüd. Kr. VI, 6, 3 und 7, 2.


83 Das. V, 3, 2.

84 Das. V, 2, 2.


85 Das. 2, 4-5.


86 Jos. jüd. Kr. V, 13, 7.


87 Das. V, 6, 2 ff.


88 Tacitus historiae 5, 13. Davon erzählt Josephus nichts, denn es lag in seinem Plane, die Bevölkerung Jerusalems als friedlich gesinnt darzustellen, und den hartnäckigen Widerstand auf die Zeloten und »Räuber« zu schieben.


89 Jos. jüd. Kr. V, 7, 2.


90 Jos. das. V, 7, 3-4; 8, 1 f.


91 Jos. jüd. Kr. V, 11, 4-5. Von der Tollkühnheit des letztern hat sich in der Pesikta Rabbati (No. 29-30, ed. Friedm. p. 139 b fg.) eine Sage erhalten. Er wird יתייבג ןב הקובא, lies: יתייבנ, genannt, von der Fackel, womit er die Maschine angezündet; vergl. Güdemann in der Monatsschr. 1880, 132 ff.


92 Jos. das. 11, 1.


93 Das. 12, 2.


94 Das. 13, 6.


95 Jos. jüd. Kr. V, 13, 4-5.


96 Tosephta Gittin IV, 4: תעשב בהז ירנד ןיעילבמ ןיא תושפנ תנכס ינפמ המחלמ.


97 Jos. das. 13, 2.


98 Das. 13, 1. Vergl. o. S. 522 Note.


99 Das. 13, 1 und 3.


100 Vergl. Note 27.


101 Jos. jüd. Kr. VI, 1, 1-6.


102 Das. 2, 1. Taanit IV, 6. Josephus verdreht die Tatsache, als wenn der Mangel an Priestern das Einstellen der Opfer herbeigeführt hätte. Menschen gab es noch genug, aber Tiere fehlten.


103 Josephus das. 2, 1.


104 Das. 2, 2-3.


105 Das. 2, 5-9; 3, 1.


106 Jüd. Kr. VI, 3, 3-4. Vergl. Gittin 56 a. Midrasch Threni 67 c, 68 b.


107 Dio Cassius 66, 5: Κᾀν τούτῳ καὶ τῶν Ρωμαίων τινὲς ἀδƞμονἠσαντες, οἷα ἐν χρονίῳ πολιορκίᾳ, καὶ προσυποτοπἠσαντες. ὅπερ ἐϑρυλλεῖτο, ἀπόρϑƞτον ὄντως τὴν πόλιν εἶναι, μετέστƞσαν. καὶ αὐτοὺς ἐκεῖνοι, καίπερ σπανίζοντες τῆς τροφῆς. περιεῖπον, εἰς ἐπίδειξιν τοῠ καὶ αὐτοὐ αὐτομόλους ἔχειν. Josephus das. VI, 1, 2 erwähnt ebenfalls etwas von der Bewunderung der Römer für den Mut und die Seelenstärke der judäischen Krieger, erzählt aber nichts von dem Überlaufen der Römer zu den judäischen Fahnen.


108 Ich kann Jakob Bernays' Annahme durchaus nicht zustimmen, daß, abweichend von Josephus' Darstellung (jüd. Krieg VI, 4, 3), und in allzugroßem Vertrauen auf die Darstellung des Mönches Sulpicius Severus, Titus selbst die Zerstörung des Tempels beschlossen habe (wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Breslauer jüd. theol. Seminars 1861, S. 48 ff.). Der Grund, den Sulpicius dafür angibt, klingt durchaus mönchisch und keineswegs taciteisch: »damit durch die Zerstörung des Tempels der Judäer und auch der Christen Glaube ausgerottet werde. Denn diese Religionen, obwohl einander entgegengesetzt und feindlich, sind von denselben Urhebern ausgegangen. Die Christen sind aus den Judäern entstanden. Sei erst die Wurzel (die Judäer) weggeschafft, so werde auch der Stamm (Christen) untergehen. At contra alii et Titus ipse evertendum imprimis templum censebant, quo plenius Judaeorum et Christianorum religio tolleretur. Quippe has religiones, licet contrarias sibi, iisdem tamen ab auctoribus profectas; Christianos ex Judaeis exstitisse, radice sublata, stirpem facile perituram«. Das alles soll Titus geltend gemacht haben, er, dem die winzige Christengemeinde kaum dem Namen nach bekannt war! Man braucht sich bloß die Worte anzusehen, um sogleich darin die Expektoration eines Mönches zu finden. So etwas kann Titus unmöglich gesprochen, und Tacitus kaum geschrieben haben. Schon ein älterer Editor des S. Severus machte die Bemerkung dazu: Hoc cum vero non convenit ... auctor ex ingenio finxit. Wenn Titus die Zerstörung des Tempels beschlossen hätte, so brauchte er sich dessen in den Augen der Römer, die im allgemeinen den Judäern nicht freundlich gesinnt waren, nicht zu schämen. Er hatte aber im Gegenteil Interesse, ihn zu schonen, weil er seiner Geliebten, der frommen judäischen Prinzessin Berenice damit gefällig sein wollte. Dazu kommt noch, daß Léon Renier (a.a.O., oben S. 532) durch scharfsinnige Kombinationen nachgewiesen hat, daß die Aufzählung der Mitglieder des Kriegsrates unter Titus nach der Abstufung ihrer Chargen von Josephus das. (4, 3) äußerst genau und authentisch ist. Josephus kann also diesen Vorgang nicht erdichtet haben. Ferner haben Vespasian selbst und Titus »Erinnerungen« an den judäischen Krieg geschrieben (ὑπομνἠματα Vita 65 bis; contra Apionem I, 10). In diesen muß doch auch etwas über den Tempelbrand vorgekommen sein. Es ist doch aber undenkbar, daß, falls Titus darin erzählt haben sollte, er habe die Zerstörung des Tempels gewünscht, Josephus ihm den entgegengesetzten Wunsch in den Mund gelegt haben sollte und zwar in einer Schrift, die er Titus zu lesen gegeben (das.). – Auch de Saulcy (les derniers jours de Jérusalem, p. 374) hält Sulpicius Severus' Angabe für unhistorisch. Er macht mit Recht dagegen geltend, daß, selbst wenn die Stelle aus Tacitus geflossen sein sollte, diese Zeugenschaft von einem, der beinahe 30 Jahre später schrieb, zurücktreten muß gegen Josephus' Augenzeugenschaft, der darüber in Rom schrieb, als noch alle die Generale lebten, deren Votum bezüglich des Tempels er mitteilt, und die ihn hätten dementieren können. Auch diesen hat er sein Buch übergeben. Kurz, wenn Josephus auch an anderen Stellen aus Liebedienerei manche Tatsachen falsch dargestellt hat, muß dieser Bericht doch als historisch angenommen werden. [Dennoch scheint Bernays, dem u.a. auch v. Gutschmid, Harnack, Niese, Peter und Schiller zustimmen, im Rechte zu sein. Vgl. die Literatur über die Streitfrage bei Schürer I3, S. 631, Anm. 115].


109 Gittin 56 b.


110 Josephus jüd. Krieg VI, 4, 7-8; 5, 1.


111 Das. 5, 1-2.


112 Das. 6, 1.


113 Das.


114 Das. VI, 4, 8. Taanit 29 a und Parall.


115 Jos. das. 6, 3; 7, 2.


116 Jos. jüd. Kr. VI, 8, 1. 2.


117 Das. VII, 1, 1. Aus Mechilta und Midrasch zu Cant. 1, 9 u.a. St. geht bestimmt hervor, daß ein Teil der Westmauer des Tempels in II. und III. Jahrh. noch vorhanden war: שדקמה תיב לש יברעמ לתוכ.


118 Jos., das. VI, 9, 3.


119 Das. VII, 8, 7, ed. Havercamp II, p. 430-431.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 543.
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