15. Der Bruderkrieg zwischen Hyrkan und Aristobul.

[710] In den Nachrichten über den Bruderkrieg und dessen Folgen zeigt es sich am augenscheinlichsten, wie Josephus durch die talmudischen Relationen berichtigt werden kann, und daß überhaupt die letzteren zuweilen aus guter Quelle fließen. In den Hauptmomenten stimmen Josephus und der Talmud überein, so namentlich darin, daß Hyrkan der Belagerer, Aristobul der Belagerte gewesen: היה הז לע הז יאנומשח תיב ורצשכ םינפבמ סולובוטסיראו ץוחבמ סונקרוה (Sota Ende, Menachot 64 b), nur an einer Parallelstelle (Baba kamma 82 b) findet sich der Kopistenfehler םינפבמ סונקרוה. Ferner harmonieren sie in dem Umstande, daß die Belagerten nur für schweres Geld Opfertiere für den Tempel geliefert erhielten, und daß die Opfer an der Mauer hinaufgezogen worden seien: ἀποροῠντε$ δὲ ϑυμάτων οἱ περὶ τὸν Ἀριστόβουλον ἠξίωσαν αὐτοῖς τους ὀμοφύλους παραοχεῖν. .... τῶν δὲ, εἰ βούλονται λαβεῖν, χιλίας δραχμὰς ὑπὲρ ἑκάστƞς κεφαλῆς καταβαλεῖν κελευόντων. .... καὶ διὰ τῶν τειχῶν καϑιμἠσαντες ἔδωκαν αὐτοῖς τὰ χρἠματα (Altert. XIV. 2, 2). Kürzer, aber in demselben Sinne der Talmud: ןהל ןילעמו הפוקב ןירניד ןהל ןילשלשמ ויה םויו םוי לכב ןידימת

Aber von hier ab beginnt eine Divergenz, deren Motiv nicht zu verkennen ist. Die talmudische Relation berichtet, daß die Belagerer eines Tags auf [710] Anraten eines Alten, welcher mit der griechischen Weisheit vertraut gewesen, anstatt der Opfertiere für das Geld ein Schwein hätten hinaufziehen lassen: ןקז םש היה ןיקסועש ןמז לכ ... םהל זעל. תינוי תמכחב ריכמ היהש דחא הפוקב ןירניד םהל ולשלש רחמל םכדיב ןירסמנ ןיא הדובעב ריזח םהל ולעהו.

Josephus nimmt einen gewaltigen Anlauf, die Größe des Verrats von seiten der Belagerer, der Hyrkanisten, zu schildern; es scheint aber, er habe aus Scheu vor heidnischen Lesern, das Wort gewissermaßen auf der Zunge zurückgehalten. Er erwähnt nichts von dem Schweine, sondern berichtet bloß, die Belagerer hätten das Geld genommen, ohne dafür Opfertiere zu liefern: Κἀκεῖνοι λαβόντες οὐκ ἀπέδωκαν τὰ ϑύματα, ἀλλ᾽ εἰς τοῠτο πονƞρίας ἦλϑον, ὤστε παραβῆναι τὰς πίστεις καὶ ἀοεβῆοαι τὸν ϑεὸν τὰ πρὸς τ$ς ϑυσίας μὴ παρασχόντες τοῖς δεομένοις. Allein dies wäre höchstens eine Spitzbüberei, aber kein Verrat am Heiligen gewesen. Josephus vermied es offenbar, den Römern, die sich über die Enthaltsamkeit der Judäer vom Schweinefleisch oft genug lustig machten, Stoff zum Lachen zu geben. Der Talmud aber hatte keine Rücksicht, die Sache beim rechten Namen zu nennen. Der Fluch über die Schweinezüchter (das.), der an diese Tatsache angelehnt wird, gehört also mit Recht in diese Zeit; hingegen der Fluch über das Erlernen der rätselhaften תינוי תמכח, der damit in Zusammenhang gebracht wird, gehört offenbar nicht hierher und wird nur ad, vocem תינוי herangezogen. Die griechische Klugheit, deren sich der schlaue Alte zur Überredung des frommen Hyrkan bediente, bedeutet gewiß nichts anderes, als die den Hellenen entlehnte Überredungskunst, welche gegebene Versprechen und Eide hinwegklügelte, jene griechische Gewissenlosigkeit, von welcher Cicero sagt: Testimoniorum religionem et fidem nunquam ista natio (Graecorum) coluit. Der »Alte« ist hier wohl kein anderer als Antipater und ist durch den einen Zug treffend gezeichnet. An griechische Sprache oder Weisheit ist hier gewiß nicht zu denken; denn diese heißt einfach תינוי (Ende Sota) und ist wahrscheinlich erst zur Zeit des Polemos des Hadrian verboten worden. Das Griechische überhaupt zu erlernen, könnte wohl aus irgend einer Veranlassung verboten worden sein, aber griechische Klugheit, die eine Begabung voraussetzt, ist so wenig jedermann zugänglich, daß sie gar nicht einem Verbote unterliegen kann. Der babylonische Talmud spricht auch von einem Erdbeben, das in demselben Jahre vorgefallen sei, und verknüpft es mit jener sakrilegen Perfidie: המוחה יצחל ריזחה עיגהש ןויכ עברא לע הסרפ תואמ עברא לארשי ץרא העזעדזנו וינרפצ ץענ הסרפ תואמ. Dasselbe erzählt auch eine andere Quelle, daß im 690. Jahre Roms (64), also in dem Jahre der Belagerung Jerusalems durch Hyrkan und Aretas, in Asien ein furchtbares Erdbeben stattgefunden hat, das viele Städte zerstörte, wodurch Mithridates' Krieger entmutigt wurden, den großartigen Plänen ihres Feldherrn zu folgen (Dio Cassius 37, 11): τὰ γὰρ ἄλλα καὶ ὸ σεισμὸς μέγιστος δὴ τῶν πώποτε ουνεχϑεις αὐτοῖς πολλὰς τῶν πὸλεων ἔφϑειρεν.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 710-711.
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