I. Hillel.

[713] Es unterliegt keinem Zweifel, daß Hillel eine genealogische Überlieferung aus Babylonien mitgebracht hat, welche in Judäa unbekannt war. Von der histerischen Mischna über die zehn verschiedenen Klassen, die aus dem babylonischen Exil heimgekehrt sind, wird ausdrücklich bezeugt, Hillel habe sie mitgebracht, und sie ist noch an der chaldäischen Fassung kenntlich: ירג ילארשיו ייול ינהכ לבבמ ולע ןיסחוי הרשע הנש ללה 'וכו ירזממ ירורח (Jebamot 37 a, Kidduschiu 75 a). An einer andern Stelle haben diese Wörter die hebräische Endung angenommen (Jebamot 85 a): םירג םינהכ םירורח. Mein verewigter Freund [Salomon] Nissen [starb 6. April 1872 in Breslau] hat mich auf diesen Unterschied aufmerksam gemacht.

Allerdings konnte Hillel aus Babylonien, wo man auf Familienreinheit außerordentlich skrupulös war, eine dahin zielende Tradition mitgebracht haben. Sonst werden von ihm mehr Interpretationen als Traditionen mitgeteilt. Die Nachrichten darüber haben sich indessen nicht rein erhalten. An einer Stelle werden drei Schriftausgleichungen auf ihn zurückgeführt (Jerusch. Pessachim VI, p. 33 a): ללה הלע םירבד 'ג לע הכלה לבקו םיכסהו שרדו ... לבבמ. 108 Die eine betrifft den Ausspruch des Priesters bei Aussätzigen: םא לוכי ללה הלע הז לע ... ל"ת רוהט אהי רוהט אמט לע ןהכה רמא לבבמ. Der zweite Punkt betrifft die Ausgleichung des Widerspruches bezüglich der Tierart zum Passaopfer[713] und der dritte die Ausgleichung des Widerspruches über die Dauer des Mazzotfestes. Der erste Punkt wird in derselben Fassung auch Siphra (zu Tasria Perek 9 Ende) und Tossefta Negaim I Ende, aber mit einem anderen Schluß referiert: םירבדה ןמ דחא הזו לבבמ ללה הלע םהילעש. Die Ausgleichung des letzten Punktes wird übrigens in Siphra (zu Emor 12) nicht Hillel, sondern einem im zweiten nachchr. Jahrh. lebenden Autor vindiziert אה .. רמוא רזעלא ןב ןועמש 'ר וללה םיבותכ ינש ומייקתי דציכ (vergl. Mechilta zu Bo 8, 8 und 17). Stammte diese Ausgleichung tatsächlich von Hillel, so wäre sein Name dabei nicht vergessen worden. Auch das Eigentumsrecht Hillels am zweiten Punkte wird zweifelhaft, wenn man damit Babli Pessachim p. 70 b vergleicht. So bleibt nur der erste Punkt als sicher von Hillel stammend bestehen.

Sonst werden keine Halachas von Hillel tradiert. Diejenige über Zinsnahme in Baba mezia [V, 9]: ללה 'וכו ינב אביש דע ינולה רמול רסוא stammt nicht von ihm, sonst dürfte nicht das Epitheton ןקזה ללה fehlen; sie stammt vielmehr von Hillel, dem Bruder des Patriarchen Jehuda II. aus dem 3. Jahrh. Weiß' Aufzählung der Hillelschen Halachas (a.a.O. p. 171, Note) ist nicht ganz richtig.

Die sieben Interpretationsregeln, die Hillel mit ihrer Terminologie eingeführt hat, und die an 3 Stellen nicht völlig übereinstimmend aufgezählt werden (Prooemium zu Siphra Schluß; Tosefta Synh. VII. Schluß und Abot de R'Nathan c. 37), hat Abraham b. David in der Erklärung zur ersten St. richtig aufgeführt; 1) רמוחו לק; 2) הוש הריזג; 3) בא ןינב (auch sonst als בא הנב aufgeführt); 4) םיבותכ ינש (d.h. הז םישיחכמה הז תא); 5) טרפו ללכ; 6) רחא םוקממ וב אצויכ; 7) דמלה רבד ונינעמ. Merkwürdigerweise fehlt שקיה, mit welcher Formel Hillel gerade bei Gelegenheit der Anwendung auf das Passaopfern am Sabbat operiert hat (Tossefta Pessachim IV, und Jerusch. das. 33 a). Allein diese Regel ist identisch mit רחא םוקממ וב אצויכ, was doch sprachlich dasselbe sagt wie Analogie, nämlich: dasselbe oder das Ähnliche an einer andern Stelle. Vergl. Siphre No. 118; Sebachim 49 b fg. Weil diese Formel aber zu schleppend ist, ist dafür das kürzere שקיה in Gebrauch gekommen. R. Ismael hat weder die eine noch die andere unter den von ihm aufgezählten 13 Regeln, weil שקיה sich sehr nahe mit הוש הריזג berührt (Rosch ha-Schana f. 34 a, Menachot 82 a und besonders Raschi zur ersteren Stelle). Es scheint, daß וב אצויכ auch unter der Formel וניצמ המ gebraucht wird.

Hillel scheint übrigens aus Babylonien eine genaue Berechnung des synodischen Monats zu 29 Tagen, 12 Stunden, 40 Minuten und einem Bruchteil, mitgebracht zu haben. Im Talmud (Rosch ha-Schana 25 a) tradiert R. Gamaliel II. diese Berechnung: ינלבוקמ ךכ םוי העשתו םירשעמ תוחפ הנבל לש השודח ןיא אבא יבא תיבמ םיקלח ג"עו העש ישילש ינשו הצחמו. Nimmt man diese Tradition wörtlich, so würde sie von R' Gamaliel I. stammen. Allein woher sollte dieser allein zu einer so genauen Berechnung gekommen sein, von welcher seine Zeitgenossen nichts gewußt haben? Der Ausdruck אבא יבא תיבמ scheint sich vielmehr auf Hillel zu beziehen und zu bedeuten: »von meinem Urahnen«. Hillel kann diese Berechnung aus Babylonien mitgebracht haben, wo zuerst die Sonnenuhr nach der Polhöhe und die Einteilung des Tages in Stunden eingeführt wurden (Herodot 2, 109) und astronomische Berechnungen heimisch waren.

Infolge der Kenntnis der astronomischen Dauer des Monats wurde sie im Patriarchenhause angewendet, ohne Rücksicht auf die optische Beobachtung des ersten Streifens des jungen Monats. Diese wurde nur noch pro forma angewendet. [714] wie aus mehreren Stellen im Talmud hervorgeht. Es ist nicht zu übersehen, daß Mar-Samuel, welcher sich rühmte, die astronomischen Himmelsbahnen so gut zu kennen wie die Straßen seiner Geburtsstadt, und sich anheischig machte, auf viele Jahre hinaus einen festen Kalender für Monatsdauer und Schaltjahre zu berechnen, ebenfalls wie Hillel aus Babylonien stammte. Hillel II., welcher den festen Kalender eingeführt hat, hat wahrscheinlich astronomische Traditionen aus dem Patriarchenhause gehabt, die er wohl der Berechnung zugrunde gelegt hat.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 713-715.
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