5. Die Religionsstreitigkeit zwischen Judäern und Samaritanern in Alexandrien.

[651] Josephus' Erzählung von der Polemik zwischen Judäern und Samaritanern vor Philometor über die Heiligkeit des Tempels in Jerusalem oder auf dem Berge Garizim (Altert. XIII, 3, 4) halte ich ihrem Grundkern nach für historisch. [651] Dafür sprechen die sicherlich geschichtlichen Namen der zwei samaritanischen Weisen Sabbaios und Theodosios, welche die Ansicht ihrer Sekte vertreten haben. Diese Namen sind auch in der Haggadaliteratur bekannt, welche sie anachronistisch für Stifter des Samaritanismus ausgibt. Sabbai ist in diesen Quellen noch vollständig erhalten. Theodosius hingegen, den das orientalische Organ in Dositheos verwandelt hat, erscheint als Dostai. Vollständig erhalten sind die Namen in Tanchuma (zu Wajescheb 40 b): (םיתוכה) םתוא ודמלו הייבס תאו יאתסוד תא בתכב. (Der Titel יבר und der Vatername von Dostai: יאני רב sind als schlechte Reminiszenzen unwissender Kopisten zu streichen. Vgl. Jalkut zu II. Könige 234; in Pirke di R. Elieser c. 38 ist aus Dostai הירכז geworden.) Auf diesen Dostai oder Dositheos oder Theodosios ist vielleicht der Ursprung der Dosithäer des Epiphanius und der Dostani bei arabischen Schriftstellern zurückzuführen (vgl. darüber de Sacy, Chrestomathie Arabe II, 210 und Kirchheim: Introductio in librum talmudicum de Samaritanis 25 ff.) Die Sabbäer bei Epiphanius, als samaritanische Sekte, mögen sich nach Sabbai genannt haben. Der Kern von Josephus' Erzählung über den Religionsstreit hat sich ferner in Abulfatachs Tarich erhalten, und wird mit der Übersetzung der Septuaginta in Zusammenhang gebracht (vgl. Paulus, Repertorium, I, 124). Allerdings mochte die von Philometor protegierte griechische Übersetzung den Streit der Samaritaner und Judäer heftiger entzündet und ihre Leidenschaft erregt haben. Es galt für die Samaritaner, die Ehre ihres Tempels auf Garizim zu retten. Die Kiblah bildet daher bei Josephus wie bei Abulfatach den Vordergrund des Streites, und bei dem letzteren reiht sich nur deswegen der Punkt über die Kanonizität der historischen und prophetischen Schriften an, damit die Beweise der Judäer aus diesen Schriften niedergeschlagen werden können. Es versteht sich von selbst, daß die Züge in Josephus von dem feierlichen Eide, daß die Überwundenen getötet werden sollen, und daß am Ende die Anhänger des Sabbai und Theodosios getötet worden seien, nur die ruhmredige Ausschmückung der alexandrinischen Judäer widerspiegeln. Noch sagenhafter erscheinen die Einzelheiten dieses Streites bei Abulfatach, wo der mythische Eleasar, aus der Aristeassage entlehnt, zum Vorkämpfer der Judäer gemacht wird. Nur der eine Punkt ist in Abulfatachs Erzählung historisch, daß auch unter den Samaritanern die Tradition von einer öffentlichen Polemik zwischen Judäern und Samaritanern am Hofe eines המטלפ (Ptolemäus) sich erhalten hat. Alles Übrige, die Namen der handelnden Personen, die Beweisführung und der Ausgang des Streites zugunsten der Samaritaner ist Parteidarstellung, teils um die Lücken der Tradition auszufüllen, teils auch um die andern Differenzpunkte zwischen Samaritanern und Judäern auf diese Polemik zurückzuführen. Aus dieser Polemik vor Philometor entstanden wohl die samaritanischen Schriften des Theodot und Eupolemos, des Samaritaners (o. S. 607).


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 651-652.
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