1. Kapitel. Die babylonische Verbannung.

[1] Milde Nebukadnezars gegen die judäischen Exulanten. Ihre Wohnsitze in Babylonien. Fortbestand der Familienverbände. Landbesitz der Exulanten; Ewil-Merodach folgt auf Nebukadnezar. Seine Gunst für Jojachin. Sein Sturz und Tod. Zahl der judäischen Verbannten. Ezechiels Tätigkeit in der ersten Zeit der Verbannung. Beginn einer Sinnesänderung. Zersprengte Überbleibsel der Zehnstämme in Babylonien mit den Judäern in Lebensgemeinschaft. Vertiefung in das Schrifttum. Baruch, Sammler der Jeremianischen Reden und des umfassenden Geschichtsbuchs. Die Bußpsalmen der exilischen Zeit. Die Trauernden um Zion. Die Richtung nach Jerusalem beim Gebete. Die Bethäuser. Proselyten für die judäische Lehre. Judäer in Babylonien verlegen sich auf Handel und erlangen Reichtum. Nachahmung der babylonischen Sitten. Die fromme und die weltliche Partei. Poetische Schöpfungen dieser Zeit. Neue Psalmen und neue Sprüche. Das Buch Hiob und seine Bedeutung.


(586-555.)

War es ein Zufall oder eine eigene Fügung, daß die nach Babylonien verbannten Judäer von dem Sieger Nebukadnezar milde und freundlich behandelt wurden? Gibt es überhaupt in der Geschichte der Völker und in der Verkettung der Begebenheiten einen Zufall? Kann man ernstlich behaupten, daß die Verhältnisse und die Lagen der Menschen ganz anders gestaltet gewesen wären, als sie es geworden sind, wenn dieser oder jener Umstand zufällig anders ausgefallen wäre? Sollte im Reiche der Freiheit allein Willkür herrschen, während im Reiche der Natur feste und unabänderliche Gesetze das Kleinste wie das Größte regeln? Für den Verlauf der Geschichte des judäischen Volkes war Nebukadnezars mildes Verfahren gegen dasselbe jedenfalls von großer Tragweite. Die Fortdauer [1] und die Erhaltung des durch so vielfaches Elend zusammengeschmolzenen Häufleins der Verbannten wurden durch diese Milde wesentlich gefördert. Nebukadnezar glich nicht jenen wilden Eroberern früherer oder späterer Zeiten, welche am Zerstören Freude fanden und ihre Grausamkeit zu befriedigen suchten. Ihm lag Bauen und Schaffen ebensosehr, wie Eroberung am Herzen. Das neu gegründete chaldäische Reich wollte er groß, bevölkert und reich machen. Die von ihm erweiterte Hauptstadt Babel sollte womöglich das zerstörte Ninive noch übertreffen. Er hatte einen neuen Stadtteil an der Ostseite des Euphrats angelegt und eine Mauer um die alte Stadt aufrichten lassen, welche den erstaunlichen Umfang von mindestens neun Meilen betrug1. Eine solche Riesenstadt mußte von einer entsprechend zahlreichen Bevölkerung bewohnt werden, sonst würde sie einer Einöde geglichen haben. Nebukadnezar ließ daher die Stämme und Völkerschaften, welche er besiegt und ihrem Lande entzogen hatte, in seiner Hauptstadt wahrscheinlich in dem neuen Stadtteil ansiedeln. Auch viele judäische Gefangene erhielten Wohnplätze in der Hauptstadt2, ganz besonders wohl diejenigen, welche freiwillig zu ihm übergegangen waren. Diese wurden mit besonderer [2] Zuvorkommenheit behandelt3. So weit ging die Milde, daß ganze Familien und Bewohner der judäischen und benjaminitischen Städte mit ihren Angehörigen und Sklaven in Gemeinschaft bleiben und ihren ehemaligen Verband behalten durften. Sie waren Freie, und ihre Familienrechte und Gewohnheiten blieben unangetastet. So blieben in Gemeinschaft die Bewohner der Städte Gibeon, Bethlehem, Netopha, Anatot, Kirjat-Jearim mit Kephira und Beërot, Rama mit Geba, Michmas Bethel mit Ai, Jericho und noch andere4. Die aus Jerusalem angesiedelten Geschlechter, wie die Prinzen des königlichen Hauses (die Söhne Davids), die Nachkommen Joabs oder die Familie Pachat-Moab, die Familie Parosch, welche als die erste galt, und noch andere, bildeten je einen eigenen Verband und durften sich selbst nach Familientraditionen regieren. Selbst die ehemalige Tempelsklaven (Nethinim) und die Staatssklaven, so viel ihrer mit ihren Herren ins Exil gewandert waren, lebten in eigenen Gruppen untereinander5.

Höchst wahrscheinlich erhielten die Exulanten Grund und Boden6 angewiesen statt dessen, was sie in der Heimat eingebüßt hatten7. Babylonien hatte noch viel unbebaute Plätze, und selbst in dem Umfange der Stadt gab es Felder, deren Pflege dem Staatsganzen nur zum Vorteil gereichen konnte. Die ihnen zugeteilten Ackerparzellen bebauten die Verbannten selbst oder ließen sie von ihren Leuten bearbeiten. Sie besaßen, wie angegeben, nicht bloß Sklaven, sondern auch Rosse, Maultiere, Kamele und Esel8. Wahrscheinlich [3] mußten sie von ihren Äckern und deren Ertrag Abgaben an den Staat zahlen. Insofern sie Grundsteuer und vielleicht noch eine Kopfsteuer entrichteten und sich den Befehlen des Königs unterwarfen, durften sie ihre Selbständigkeit genießen und nach ihren eigenen Gesetzen leben. Sie unterhielten wahrscheinlich untereinander eine um so engere Verbindung und einen nationalen Zusammenhang, als sie, wie Verbannte überhaupt, den Gedanken nicht aufgaben, daß sie bald wieder, durch irgendein unbekanntes Ereignis begünstigt, in ihr Vaterland zurückkehren würden. Noch ein anderer Umstand kam den Exulanten zustatten. Im chaldäischen Reiche war die aramäische Sprache vorherrschend, und da diese Zwillingsschwester der hebräischen war, so konnten sie sie leicht erlernen und sich den Einwohnern verständlich machen. Aneignungsfähigkeit für fremde Sprachen besaßen die Judäer schon damals. Der Prophet Ezechiel bediente sich bereits nach kurzem Aufenthalte in Babylonien aramäischer Bezeichnungen.

Noch günstiger gestaltete sich die Lage der Judäer in Babylonien nach dem Tode Nebukadnezars (561). Dieser König, welcher durch glückliche Kriege und großartige Bauten die Welt in Erstaunen gesetzt hatte, wurde für die erfinderische Sage ein Gegenstand übertreibender Erzählungen. Sie dehnte einerseits seine Eroberungen bis zu den Säulen des Herkules aus, und anderseits ließ sie seinem Hochmute eine sonderbare Züchtigung widerfahren, daß er von seinem Throne gestoßen, die Wildnis mit den Tieren des Feldes geteilt, vom Tau des Himmels sieben Jahre durchnäßt worden sei und wie das Vieh sich vom Grase genährt habe, daß sein Haar wie Nägel geworden, dann sei er wieder auf seinen Thron gelangt und habe den Gott Israels und seine Macht anerkannt9. –

Nebukadnezars Sohn und Nachfolger, Ewil-Merodach (Illorodamos), war seinem Vater durchaus unähnlich. Er hatte weder Kriegsmut, noch Kriegslust, kümmerte sich wenig um die Staatsgeschäfte, sondern brachte sein Leben unter Buhldirnen und Verschnittenen in seinem Palast zu. An seinem Hofe scheinen auch judäische Jünglinge, namentlich aus dem königlich-davidischen Hause herangezogen und als Eunuchen verwendet worden zu sein10. Wie [4] oft haben solche Wärter des Harems und Diener der Launen ihrer Herren sich nicht zu deren Herren emporgeschwungen! Der König Ewil-Merodach scheint unter dem Einflusse eines judäischen Eunuchen gestanden zu haben, der ihn günstig für den noch immer im Kerker gehaltenen König Jojachin stimmte. In demselben Jahre, in welchem Ewil-Merodach zur Herrschaft gelangte, wendete er diesem eine erstaunliche Gunst zu. Er befreite ihn von seiner siebenunddreißig-jährigen Kerkerhaft (561), sprach gnädig und freundlich mit ihm, schenkte ihm königliche Gewänder, zog ihn an seine Tafel und versorgte ihn reichlich mit allen Bedürfnissen. Wenn der babylonische König mit außerordentlichem Prunk Hof hielt und die Großen seines Reiches um sich versammelte, ließ er für Jojachin einen Thron errichten, der höher war als die Throne der besiegten Könige, denen er ebenfalls Gunst zugewendet hatte11. Alle Welt sollte erfahren, daß er dem ehemaligen judäischen Könige einen besonderen Vorzug eingeräumt wissen wollte. Ohne Zweifel fielen einige Gnadenstrahlen auch auf Jojachins Stammesgenossen; der Kreis ihrer Freiheiten wurde wohl noch mehr erweitert, und diejenigen, welche unter Nebukadnezar wegen ihrer feindlichen Haltung in strengen Banden gehalten worden waren, wurden wohl daraus erlöst. Wahrscheinlich erhielt Jojachin über seine Stammesgenossen eine Art Herrschaft und war vielleicht der erste Fürst der Gefangenschaft (Resch Galuta). Wer weiß, ob Ewil-Merodach nicht dahin gebracht worden wäre, die Verbannten wieder in ihre Heimat zu entlassen und Jojachin wieder zum König über Juda einzusetzen, hätte ihn nicht der Tod ereilt. Nach zweijähriger Regierung brachte ihn sein Schwestermann, Neriglissar um (560) und regierte an seiner Stelle drei Jahre und einige Monate (559-556)12. Der Traum, den einige babylonische Judäer von der Rückkehr gehegt haben mögen, war damit zerronnen. Bald sollten sie das herbe Los der Gefangenschaft kennen lernen.

Die eine der vielfachen Prophezeiungen, welche von Jesaia bis Jeremia und Ezechiel so oft wiederholt wurden, daß vom ganzen Volke nur ein kleiner Rest übrig bleiben werde, war in Erfüllung gegangen. Klein genug war das Überbleibsel. Von den vier Millionen Seelen, welche die Bevölkerung der Stämme zur Zeit Davids ungefähr zählte, wovon auf die Stämme Juda, Benjamin – die Leviten nicht mit gerechnet – ungefähr eine Million kam, [5] vielfach wohl in den vier Jahrhunderten vermehrt, hatte sich ihre Zahl auf etwa Hunderttausende vermindert13. Millionen waren also durch Schwert, Hunger und Pest umgekommen oder durch Gefangenschaft in fremden Ländern verschollen und verloren. Mehr als ein Jahrhundert vorher hatte Jesaia es verkündet: »Wenn dein Volk auch so zahlreich wie Sand am Meer sein wird, so wird doch nur ein Überrest zurückbleiben.« Auch die Prophezeiung Michas II. hatte sich erfüllt: »Du wirst bis Babel kommen, dort wirst du gerettet werden«14. Aber die andere Seite der Vorausverkündigung der Propheten hatte sich noch nicht bewährt. Der große Teil der judäischen Verbannten, besonders die vornehmen Geschlechter, ungebessert durch die zermalmenden Schläge, welche die Nation und das Vaterland getroffen hatten, verharrte in seiner Halsstarrigkeit, in seiner Herzenshärtigkeit, Verkehrtheit und in seinem Wahn. Den Götzendienst, an den sie in der Heimat gewöhnt waren, setzten sie in Babylonien fort. Wie schwer war es, den götzendienerischen Wahn aus dem Herzen des Volkes zu bannen! Die Familienhäupter oder Ältesten, welche eine Art Herrschaft über die Glieder beanspruchten, fuhren fort in der Fremde, wie in der Heimat diese auszusaugen und zu mißhandeln oder, was auf dasselbe hinauslief, sich um ihre Untergebenen nicht zu kümmern, sie in der fremden Umgebung dem Zufall zu überlassen, wie sie ihre Existenz führen sollten. Von dem Ackerlande, das ihnen zugewiesen war, wählten sie für sich die besten und fruchtbarsten Teile aus und überließen ihren Untergebenen das Schlechtere15. Ezechiel hatte allen prophetischen Eifer angewendet, um diese Torheit und Gemütsverhärtung aus den Herzen der ersten Verbannten zu überwinden. Während der Kampf um und in Jerusalem wütete und die Ältesten ihn bestürmten, ihnen den Ausgang zu verkünden, hatte er geschwiegen16. Wozu sollte er zum hundertsten Male wiederholen, was er so oft verkündet hatte, daß Stadt, Nation und Tempel unrettbar dem Untergang geweiht seien? Erst als ein Flüchtling ihm angekündigt hatte, daß das angedrohte Elend Wirklichkeit geworden war, brach er sein Schweigen. Er täuschte sich zwar[6] nicht, daß die Zuhörer, die sich um ihn sammelten, nicht um der Belehrung willen zu ihm kamen, sondern um einen Ohrenschmaus zu haben. Sie hörten seine angenehme Stimme gern, und sie klang ihnen wie ein Liebeslied; seinen Ermahnungen Folge zu leisten, dachten sie gar nicht17. Allein diese traurige Wahrnehmung hielt ihn nicht zurück, immer wieder zu sprechen; wenn von den Hunderten, die ihn hörten, auch nur ein einziger gebessert davonginge, hätte er Lohnes genug. Jedenfalls sollten sie wissen, daß ein Prophet unter ihnen war18. Zunächst wandte sich Ezechiel gegen die gewissens- und herzlosen Familienhäupter, die Großen, welche sich im Exil eine behagliche Existenz geschaffen und ihre Stammesgenossen mit Härte behandelten. »O, ihr Hirten Israels, die sich selbst weiden! Die Milch verzehrt ihr, kleidet euch in die Wolle, schlachtet das Gesunde ... Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt, das Verwundete nicht verbunden, das Verirrte nicht zurückgebracht, das Verlorene nicht aufgesucht und mit Härte sie behandelt und mit Quälerei ... Ist es zu wenig, daß ihr die beste Weide euch aneignet, so tretet ihr noch die übrige Weide mit euren Füßen, zu wenig, daß ihr das klarste Wasser trinket, so verschlemmt ihr noch den Rest mit euren Füßen? Soll meine Herde das von euren Füßen Zertretene weiden und das von euren Füßen Verschlemmte trinken? Aber ich werde richten zwischen den feisten und den magern Schafen, weil ihr mit der Seite und mit der Schulter die Schwachen verdrängt und mit euren Hörnern sie stoßet, bis ihr sie nach außen hin zerstreut habt19

Ezechiel hatte aber auch nach einer anderen Seite hin den verkehrten Anschauungen entgegenzutreten. Er, wie die übrigen Propheten, hatte mit aller Bestimmtheit verkündet, daß das judäische Volk in seine Heimat zurückkehren, aber auch eine Sinnesänderung an sich vollziehen werde. »Ich werde euch sammeln aus allen Ländern, euch in euer Vaterland zurückführen, ich werde reines Wasser über euch sprengen und euch von aller eurer Unreinheit und euren (götzendienerischen) Gräueln reinigen, werde ein reines Herz und einen reinen Geist in euer Inneres geben, euer Herz von Stein entfernen und euch ein Herz von Fleisch geben. Meinen Geist werde ich in eure Mitte geben und werde veranstalten, daß ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Vorschriften beobachtet ... Und das verödete Land wird wie ein Garten Eden werden und die zerstörten [7] Städte werden befestigt und bevölkert sein«20. Es gab aber nicht wenige unter den Verbannten, welche durch die gehäuften Unglücksschläge an der Wiedergeburt des Volkes verzweifelten, sich selbst aufgaben und die Hoffnung auf dereinstige Rückkehr für einen Traum hielten. Sie sprachen: »Vertrocknet sind unsere Gebeine und geschwunden unsere Hoffnung, wir sind vernichtet21.« Das Schlimmste aller Übel ist, wenn ein Volk an sich selbst verzweifelt und jede Hoffnung fahren läßt. Diese trübsinnige Anschauung aus dem Herzen zu bannen, betrachtet Ezechiel als eine höchst wichtige Aufgabe. In einem schönen Gleichnis führte er die erhoffte Wiedergeburt vor Augen. In einem Tale, verkündete er, habe er viele, viele Gebeine gesehen, die sehr trocken waren. Eine Stimme habe ihn gefragt: ›Können diese Gebeine wieder aufleben?‹ Darauf habe er geantwortet: ›Du, Gott, weißt es.‹ Und als er den Gebeinen zugerufen, daß sie aufstehen mögen, habe er eine geräuschvolle Bewegung vernommen. Gebein rückte an Gebein, Fleisch bedeckte sie, Haut spannte sich über sie, aber noch fehlte der Lebensodem. Da habe er den Winden zugerufen: »Von allen vier Seiten hauchet diese Leichen an.« Da kam der Geist, sie standen auf ihren Füßen, eine große, große Menge. Das ist das Vorbild für das Haus Israel: »Ich werde eure Gräber öffnen, euch daraus erlösen und euch zum Boden Israels hinbringen, ich werde euch meinen Geist einhauchen und euch in eurem Lande Ruhe gewähren22

Es gab aber eine andere Gruppe, welche aus einem anderen Grunde an dem Aufkommen des vernichteten Volkstums verzagte. Sie fühlte sich von der Sündenlast erdrückt. Jahrhunderte lang hatte das Volk seinem Gotte durch Götzendienst und andere Missetaten Ärgernis bereitet. Das alles könne ja nicht wieder ungeschehen gemacht werden, sondern die Sünden müßten doch wohl ihre unvermeidliche Folge haben, den Tod des Sünders. Diese Gruppe sprach: »Unsere Vergehen und unsere Sünden liegen auf uns, und durch sie müssen wir vermodern, wie könnten wir leben«?23 Auch diese verzweifelnde Anschauung bekämpfte der Prophet Ezechiel. Er erschütterte die alte tiefgewurzelte Anschauung von dem unzertrennlichen Zusammenhang von Sünde und Strafe, daß eine Freveltat unvermeidlich den Tod oder das Unheil des Frevlers herbeiführen müsse. Er stellte, wenn auch nicht zuerst, doch am eindringlichsten die trostreiche [8] Lehre von der Reue auf. Wer seine Sünden aufrichtig bereut und festen Vorsatz zur Besserung faßt, könne die Folgen seiner Sünde abwenden. Gott wünsche nicht den Tod des Sünders, sondern, insofern er seinen bösen Wandel fahren läßt, so werde er leben. »Kehret zurück von euerm bösen Wandel, Haus Israel, damit ihr nicht untergeht«24. Öfter und in verschiedenen Wendungen sprach Ezechiel von der zukünftigen Erlösung und malte sie mit idealen Farben aus. An dieser Heilszukunft würden nicht bloß die verbannten Stämme Juda, Benjamin, sondern auch diejenigen, welche in die assyrischen Länder verpflanzt und zerstreut worden waren, Teil haben. Die Stämme würden nach der Erlösung und Heimkehr nicht mehr in zwei gespalten sein, sondern eine brüderliche Einheit bilden. Symbolisch deutete Ezechiel diese Vereinigung an durch das Zusammenlegen zweier Stäbe, auf deren einem die Namen Juda und seine Mitstämme, und auf deren anderm die Namen Ephraim und des ganzen Hauses Israel eingezeichnet waren. Über die geeinigten Stämme oder über die vereinigten Häuser Israel und Jakob werde ein König aus dem Hause David und diesem gleich an Tugenden herrschen25.

So selbstgewiß war für diesen Propheten des Exils die Wiederherstellung der alten Ordnung in der Heimat, daß er einen Plan für den Bau des zukünftigen Tempels und eine Ordnung des Kultus und der Priester verkündete26. Diejenigen Ahroniden, welche sich an dem Götzendienst befleckt hatten, sollten in der neuen Ordnung vom heiligen Dienst ausgeschlossen und nur zur Bewachung des Tempels und zur Hilfeleistung für die treugebliebenen Ahroniden von den Söhnen Zadoks verwendet werden27. Zwei Mißstände, welche die Verirrung und den Untergang des judäisch-israelitischen Staates herbeigeführt hatten, sollten in Zukunft bei der Neugestaltung vermieden werden. Das Königtum soll zwar im Hause Davids verbleiben, aber die Träger desselben sollen nicht mehr unbedingte Gewalt über alles und alle haben, sondern sie sollen durchs Gesetz beschränkt werden. Der Herrscher soll nicht mehr König, sondern der Höchstgestellte (Nassi) genannt, und ihm soll ein Gebiet innerhalb des Landes zugewiesen werden; davon dürfte er allerdings an seine [9] Söhne Geschenke machen, aber nicht an seine Diener; auch dürfte er nicht dem Volke Landbesitz entziehen28. – Der zweite Übelstand, die ungleiche Verteilung des Landes unter die Stämme, wodurch Eifersucht, Neid, gegenseitige Feindschaft und die Spaltung in das Haus Juda und Israel eingezogen waren, soll sich im neugestalteten Staate nicht wiederholen, sondern sämtliche zwölf Stämme sollten einen gleichen Anteil, einen Landesgürtel, von Ost nach West reichend, erhalten. Zwischen den Stämmen Juda und Benjamin soll für den zukünftigen Tempel und die diensttuenden Priester und Leviten ein Landesviereck ausgesondert werden. Die Hauptstadt, welche allen Stämmen gemeinsam sein soll, werde zwölf Tore haben, welche die Namen der zwölf Stämme führen sollen. Die heilige Stadt soll nicht mehr Jerusalem, sondern Ihwh-Schamah (Gott-ist-dort) benannt sein. Sie soll an einer anderen Stelle erbaut werden, zwischen Juda im Norden und Benjamin im Süden29.

Ezechiel war wohl weit entfernt, diese glanzvolle und geläuterte Zukunft nah zu denken. Die Stimmungen, Vorstellungen und Handlungen der Exulanten, die er täglich wahrgenommen hatte, waren nicht der Art, um eine so kühne Hoffnung darauf zu bauen. Wie seine prophetischen Vorgänger verlegte wohl auch er diese ideale Zukunft in das »Ende der Tage«. Er und die übrigen Gottesmänner haben indes dazu beigetragen, daß ein kleiner Anfang damit gemacht wurde. Unversehens trat wohl nicht lange nach Ezechiels und Jeremias Hinscheiden eine Wendung zum Bessern ein. Das Exil mit seinen, trotz der freundlichen Behandlung von Seiten Nebukadnezars und seines Sohnes, unangenehmen Folgen trug zwar auch zur Gesinnungsänderung bei, mehr aber noch das eigenartige Schrifttum. Inmitten des götzendienerischen Unrates im Reiche Ephraim und Juda war die Kulturblüte einer höheren Sittlichkeit aufgegangen. »Der Geist Gottes hatte inmitten der Unreinheit des Volkes geweilt.« Die hohen Gedanken, welche die Propheten und die Sänger im Laufe der Jahrhunderte erweckt hatten, waren nicht mit der Rede und dem Gesang in die Lüfte verflogen, sondern hatten in einigen Herzen Wurzel geschlagen und waren schriftlich festgehalten worden. Die Priester von den Söhnen Zadoks, welche sich vom Götzentum freigehalten, hatten ins Exilland die Thora, das Fünfbuch (Pentateuch), die Prophetenjünger die schwungvollen prophetischen Reden, die Leviten die erhabenen Psalmen, die Weisen den Schatz von Weisheitssprüchen, die Kenner der Zeiten die vorhandenen Geschichtsbücher [10] mitgebracht. Die Schätze waren verloren, ein Schatz war geblieben, der nicht geraubt werden konnte und diesen hatten die Verbannten in die Fremde mitgenommen. So war mit ihnen ein reiches, glänzendes, mannigfaltiges Schrifttum ins Exil gewandert, und dieses wirkte belehrend, veredelnd und verjüngend. Aus diesem Schrifttum strahlten lauter Wunder heraus. Hatte sich nicht buchstäblich die Vorausverkündigung bewährt, daß das Land Israel das Volk wegen seiner Torheit und Lasterhaftigkeit ausspeien werde, wie es die kanaanitischen Völkerschaften ausgespien hatte? Hatten sich nicht die Strafandrohungen der Propheten in erschreckender Weise erfüllt? Jeremia hatte den Untergang des Volkstums, des Staats, der Hauptstadt und des Tempels tagtäglich in unzweideutigen Worten verkündet. Ebenso hatte Ezechiel die grauenvolle Zeit des Krieges und des Elends im voraus geschildert, und die Schilderung war eingetroffen, und so immer höher hinauf Jesaia, Hosea, Amos und selbst Mose hatte den Untergang und das Exil auf Übertretung der Lehre in sichere Aussicht gestellt. Waren nicht die Brüder, Schwestern, Kinder, Verwandte und Freunde der Verbannten auf Schiffen weit und breit zerstreut und als Sklaven verkauft worden? Und doch war trotz dieses grauenvollen Elends das Volk nicht völlig untergegangen. Ein Rest war übrig geblieben, winzig zwar und ohne Heimat, aber doch noch immer vorhanden. Das Überbleibsel hatte gerade Gunst in den Augen seiner Sieger gefunden. Es zeigte sich also, daß selbst im Lande ihrer Feinde Gott sie nicht verworfen, nicht ganz und gar verabscheut hatte, um sie aufzureiben, und sein Bündnis mit ihnen zu lösen30.

Noch ein anderes Wunder vollzog sich vor den Augen der Verbannten. Ein Teil der Nachkommen der Zehnstämme, welche seit mehr als einem Jahrhundert in den assyrischen Provinzen zerstreut, für verschollen galten, hatte sich in seiner Eigenart behauptet und sich den leidensgenössischen Brüdern, von denen Eifersucht und künstlich geschärfter Haß ihn so lange getrennt hatten, in herzlicher Eintracht genähert. Diejenigen Israeliten, welche in der Hauptstadt Ninive gelebt, hatten ohne Zweifel beim Untergang Assyriens die fluchbeladene Stadt verlassen und sich in das nahegelegene Babylonien geflüchtet. In der von Nebukadnezar bekriegten und wahrscheinlich auch unterworfenen Landschaft Elam (Elymais, Susiana), in welcher später die Stadt Susa zur Residenz erhoben wurde, hatten sich, wie es scheint, Israeliten von den Zehenstämmen, besonders von Ephraim [11] und Manasse, angesiedelt, und diese waren dadurch den Judäern im babylonischen Exile bedeutend näher gerückt31. Also auch nach dieser Seite hatten sich die Worte der Propheten, daß Israel mit Juda wieder in Brudergemeinschaft treten werde, erfüllt. Diese Erfüllung flößte denen, welche nicht abgestumpft und verblendet waren, Vertrauen auf die Unvergänglichkeit der Nachkommen Abrahams ein. Diejenigen, welche lesekundig waren, nahmen daher das gerettete Schrifttum zur Hand und vertieften sich darin, um sich daraus zu belehren und Trost zu schöpfen32. Ganz besonders wurden Jeremias Reden und Verkündigungen vielfach gelesen; der weiche, elegische Ton, der daraus herausklingt, paßte zu der Stimmung der in der Verbannung Lebenden. Jeremias Blätter, welche wahrscheinlich sein Jünger Baruch aus Ägypten nach Babylonien gebracht hatte, wurden ein Volksbuch für dieselben33. Was das frisch sprudelnde Wort von den Lippen der Propheten nicht vermocht hatte, das bewirkte der tote, auf Schreibmaterial erhaltene Buchstabe. Der Geist der Propheten [12] ging in die Seele der Leser über, erfüllte sie mit Hoffnungen und Idealen und machte sie für eine Sinnesänderung empfänglich.

Um diese beginnende Besserung zu kräftigen, wendeten die geistigen Führer des Volkes neue Mittel der Belehrung an. Einer derselben, wahrscheinlich Baruch34 stellte (um 555) ein umfassendes Geschichtsbuch für Leser zusammen, die lange Reihe der Begebenheiten von der Weltschöpfung und den ersten Anfängen des israelitischen Volkstums bis auf die unmittelbare Gegenwart, bis zur Zeit, als Jojachin aus dem Kerker befreit, von Ewil-Merodach mit Gunstbezeugungen überhäuft wurde, (o. S. 4 f.). Dieser Sammler reihte aneinander die Thora, das Buch Josua, die Geschichte der Richter, Samuels, Sauls und Davids, welche früher zusammengestellt worden waren. An diese fügte er die Geschichte der Könige von Salomo bis auf Jojachin, dessen Geschickeswendung er wohl mit eigenen Augen gesehen hatte. Den Stoff der Königsgeschichte entlehnte der Sammler und Verfasser aus den Jahrbüchern der Könige von Israel und Juda und aus anderen Quellen, welche aus dem Zusammensturze gerettet worden waren. Den Verlauf der Königsgeschichte stellte er indes unter eigener Beleuchtung dar, um zum Bewußtsein zu bringen, daß die rückläufige Bewegung seit Salomos Tod und die Unglücksschläge, [13] welche beide Reiche betroffen hatten, durch den Abfall der Könige und des Volkes von Gott, durch Götzendienst und allerlei Verkehrtheiten herbeigeführt worden waren. Er flocht auch die Erzählungen von den Propheten, besonders von Eliahu und Elisa ein, welche ihre Jünger in farbige Hülle gekleidet hatten. Aus allem diesen machte dieser Sammler, wahrscheinlich, wie schon gesagt, Jeremias Jünger Baruch, ein einheitliches Ganze. Kurz, der Sammler stellte ein Geschichtsbuch zusammen, wofür es kein Seitenstück gibt, so kurz, und doch so reich an Inhalt und Belehrung, so schlicht und doch so kunstvoll, und ganz besonders so lebendig und eindringlich. Es war das zweite Volksbuch für die babylonischen Exulanten, und sie haben es nicht bloß mit Spannung gelesen, sondern auch beherzigt und befolgt. Schreibkundige Leviten haben davon Exemplare angefertigt. Dieses Schrifttum begann das Herz von Stein in ein Herz von Fleisch zu verwandeln und dem Volke einen neuen Geist einzuhauchen. Was Ezechiel angebahnt hatte, setzte Jeremias Jünger Baruch fort.

Die nächste Wirkung der Beschäftigung mit dem Schrifttum war Betrachtung über sich selbst, Reue, tiefe Reue über die so lange fortgesetzte Unbotmäßigkeit und den götzendienerischen Abfall von Gott. Die häßliche Vergangenheit des hartnäckigen Götzendienstes und des Undankes gegen Gott wollten diejenigen, welche zur Erkenntnis ihrer tiefen Schuld gelangt waren, durch Tränen der Zerknirschung auslöschen. Sie erkannten, daß die Unglücksschläge, die sie getroffen hatten, wohl verdient waren: »nach ihren Wegen und Untaten ist Gott mit ihnen verfahren«35. Mit ganzem Herzen bereuten viele ihre häßliche Vergangenheit36. Die vier Unglückstage aus der letzten Zeit – den Tag, an dem Nebukadnezar Jerusalem zu belagern anfing (im zehnten Monat), den Tag der Eroberung (im vierten Monat), den Tag der Zerstörung (im fünften Monat) und den Tag der Ermordung Gedaljas (im zehnten Monat) – diese vier Tage, am meisten aber den Tag der Erinnerung an die Zerstörung der heiligen Stadt, beging zuerst ein Teil der Exulanten und dann ein immer größerer Kreis als Trauertage. Sie pflegten an demselben zu fasten und zu klagen37, Trauergewänder anzulegen, sich auf Asche zu setzen[14] und ihr Haupt in tiefer Zerknirschung zu beugen38. Diese Trauertage bekunden die Erhebung des Volkes aus der Dumpfheit und seine Neigung zur Sinnesänderung; es gab damit zugleich Zeichen der Reue und beging nationale Gedenktage, die ersten in der nachexilischen Zeit.

Die tiefe Empfindung der Reue über die Vergangenheit erzeugte eine eigene Art Psalmen, die man »Buß- oder Sündenbekenntnispsalmen« nennen kann. Einige Leviten oder Priester, welche sich der Sünder des Götzendienstes schuldig gemacht haben mochten und zur Einsicht gelangt waren, wie groß ihr Vergehen war, baten mit zerknirschtem Gemüt um Sündenvergebung und um Zeichen der Gnade und gossen ihre Empfindungen und Gebete in Psalmform.


»Begnadige mich, o Gott, nach deiner Liebe,

Nach deiner Gnadenfülle lösche meine Schuld aus.

Mehr noch wasche mich von meiner Missetat,

Und von meiner Sünde reinige mich;

Denn meine Schuld erkenne ich,

Und meine Sünde ist mir stets gegenwärtig.

Dir allein habe ich ja nur gesündigt

Und das, was dir mißfällt, begangen, –

Damit du gerecht seiest mit deinem Worte,

Lauter mit deinem Richten.

Sieh, in Sünde bin ich geboren,

In Schuld hat mich meine Mutter gewärmt.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Entsühne mich mit Ysop, daß ich rein sei,

Wasche mich, daß ich weißer werde denn Schnee.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Birg dein Antlitz vor meiner Schuld,

Und alle meine Missetaten lösche aus,

Ein reines Herz schaffe mir, o Gott,

Und meinen festen Geist erneure in meinem Innern.

Verwirf mich nicht vor deiner Gegenwart

Und deinen heiligen Geist entzieh' mir nicht.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

So will ich Abtrünnige deine Wege lehren,

Daß Sünder zu dir zurückkehren.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Herr, öffne meine Lippen,

Daß mein Mund dein Lob verkünde,

Denn verlangtest du Opfer,

So würde ich sie geben

An Brandopfern hast du keinen Gefallen,

Opfer für Gott ist ein zerknirschtes Gemüt,

Ein zerknirschtes und gebeugtes Herz verachtest du, o Gott, nicht«39.


[15] Ähnlich flehte ein anderer Psalmist, der in der Jugend seinem Gott abtrünnig war und nun seine ganze Seligkeit in ihm fand.


»Zu dir, Ihwh, erhebe ich meine Seele,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Tue mir deine Wege kund,

Lehre mich deine Pfade.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Gedenke deiner Barmherzigkeit und deiner Gnade,

Die von Ewigkeit her sind,

Der Sünden meiner Jugend und meiner Schuld gedenke nicht,

Nach deiner Gnade gedenke meiner

Um deines Namens willen.

Gut und gerecht ist der Herr,

Darum weist er den Sündern den Weg.

Er leitet die Dulder mit Gerechtigkeit.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Alle Wege des Herrn sind Gnade und Treue

Für die, die da bewahren seinen Bund und seine Warnung.

Um deines Namens willen wirst du meine Sünde verzeihen,

Wenn sie auch groß ist«40.


Ein anderer Sänger, dessen Vergangenheit rein war, und der die Hoffnung hegte, der Gnade Gottes und der Freude seines Volkes bei dessen Erlösung teilhaftig zu werden, führte in einem Psalm dem Volke dessen Sünden und Halsstarrigkeit einerseits und Gottes Gnadenwaltung anderseits in epischer Erzählung vom Urbeginn des Volkes bis zur Verbannung in übersichtlicher Kürze vor. Der Psalm vergegenwärtigt die Verblendung des Volkes in Ägypten, seinen Unglauben am Schilfmeer, seinen Rückfall in der Wüste und hebt besonders seinen Ungehorsam hervor, wie es beim Einzug in Kanaan sich mit fremden Völkern vermischt, dadurch Götzendienst getrieben und sogar Menschenopfer gebracht und darum von Gott verworfen worden. Er schöpfte aus der Tatsache, daß Gott ungeachtet der Unwürdigkeit des Volkes seines Bundes nicht vergessen, es mit seiner Gnade geleitet und für dasselbe das Erbarmen seiner Herren in der Verbannung rege gemacht, die Zuversicht für die Zukunft des Volkes. Der Sänger bittet zum Schluß:


[16] »Hilf uns, Ihwh, unser Gott,

Und sammle uns von den Völkern,

Damit wir deinen heiligen Namen preisen

Und uns deines Lobes rühmen können«41.


Wie nach dem Auszuge aus Ägypten, während der Wüstenwanderung das jüngere Geschlecht zum Gottvertrauen und zum Eifer für das ausgesteckte Ziel herangebildet wurde, so wurde auch während des babylonischen Exils die Jugend für die Sinnesänderung erweckt42. Damals hatte die großartige Persönlichkeit Moses das Erziehungswerk vollzogen, in Babylonien hat es das Schrifttum vollbracht, es hat die Begeisterung für die ureigene Lehre entzündet. Die Zahl der Treuen oder der »Eifrigen für Gottes Wort« oder der »Gottsuchenden«43 mehrte sich. Den Kern derselben bildeten selbstverständlich die Dulder44. Sie trauerten um den Untergang Jerusalems und der ehemaligen Herrlichkeit, deren glänzendes Bild ihnen aus dem Schrifttum herausstrahlte. Sie gingen gebrochenen Herzens und demütigen Geistes, wahrscheinlich auch mit äußerlichen Trauerzeichen umher und nannten sich die »Trauernden um Zion«45. Zu diesen gesellten sich auch Personen aus vornehmen Geschlechtern, welche an dem babylonischen Hof ein Amt oder eine Würde hatten46. Ihr Gemüt war von Jerusalem erfüllt. Sie liebten die Steine der heiligen Stadt und sehnten sich nach ihren in Staub liegenden Trümmern47. Jener Levite, welcher im Namen seiner Genossen die Erinnerung an Jerusalem so poetisch verklärt hat, gibt die Stimmung dieser Trauernden um Zion volltönend wieder:


»An den Kanälen Babels, da saßen wir und weinten,

Als wir Zions gedachten,

An die Weiden in ihrer Mitte hängten wir unsere Harfen auf,

Denn dort verlangten von uns unsere Sieger Gesangsweisen

Und unsere Plünderer Lieder der Freude.

Singet uns doch von den Liedern Zions!«

[17] Wie sollten wir Gottes Lieder im fremden Lande singen?

Wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so welke meine Rechte ab,

Es klebe meine Zunge am Gaumen,

Wenn ich dein nicht gedenke,

Wenn ich Jerusalem nicht erhebe auf den Gipfel meiner Freuden«48.


Die Trauernden um Zion richteten ihr Angesicht beim Gebet um Erlösung oder bei ihrem Sündenbekenntnis nach Jerusalem zu, als wenn die Stätte, wo einst der Tempel stand, noch Heiligkeit hätte und von dort aus gnadenreiches Erhören zu erwarten wäre49. Da diese »Eifrigen auf das Wort Gottes« in der Fremde kein Opfer darbringen mochten, so gewöhnten sie sich daran, das Gebet als Ersatz dafür anzusehen. Dreimal des Tages versammelte sich dazu eine größere oder geringere Zahl, welche eine Gemeinde bildete50. Das Bethaus ersetzte ihnen den Tempel51. Wahrscheinlich sind die Buß- und Trauerpsalmen aus den Betstätten in Babylonien erklungen und für sie gedichtet worden.

Was die begeisterte Schwärmerei für Jerusalem, die Erlösung und die Lehre noch mehr steigerte, war die erstaunliche Wahrnehmung, daß sich auch Heiden zu dieser Lehre bekannt oder sich dem Bunde angeschlossen hatten52. Durch welche Anregung sind Heiden, seien es viel oder wenig gewesen, aus den bunten Völkerschaften, die in der Riesenstadt Babylon lebten, für die judäische Bundeslehre so eingenommen worden, um ihre götzendienerischen Gewohnheiten aufzugeben? Auch in dem geistigen Bewegungsraum pflegen größere Massen auf kleinere eine Anziehungskraft auszuüben, aber nicht umgekehrt. Ein winziges Völkchen inmitten eines großen, organisierten und gebietenden Volkskörpers nimmt in der Regel unwillkürlich von diesem Sitten, Gewohnheiten und Anschauungen an. So haben die Judäer im Lande des Exils von ihrer Umgebung Fremdes angenommen. Wie ist es aber zu erklären, daß das winzige judäische [18] Überbleibsel auf Babylonier oder Glieder anderer Völkerschaften Einfluß üben konnte? Das anziehende Schrifttum kann unmöglich diese Belehrung und Bekehrung bewirkt haben; denn weder Chaldäer, noch die Glieder anderer Völker konnten die Sprache verstehen, in der es geschrieben war. Begeisterte Judäer müssen also diese wunderähnliche Erscheinung zustande gebracht haben. Hingebende, selbstlose Begeisterung entzündet Begeisterung und übt einen Zauber aus. Die Bekehrten scheinen eifrige Bekehrer geworden zu sein; die ehemaligen Sünder, zum Bewußtsein ihrer Schuld gelangt, haben wohl »den Sündern die Wege ihres Gottes gezeigt«. Die judäische Bundeslehre besaß auch Überlegenheit genug über das götzendienerische Wesen aller damaligen Völker, um Anziehung auf solche auszuüben, welche sich aus der stumpfen Gewohnheit aufraffen konnten. Wie leicht war es, der kindischen Albernheit der Bilderverehrung der Chaldäer die Lehre von einem hoch erhabenen, geistigen Gott gegenüberzustellen und jene lächerlich zu machen! Wenn die babylonischen Künstler aus Holz ein Götzenbild schnitzten, es in der Not um Hilfe anflehten, mit dem Spanabfall Feuer machten, dabei Brot buken oder kochten und sich wärmten53, konnte da der dabei anwesende Judäer, der von seinem Gott erfüllt war, den Spott oder wenigstens ein spöttisches Lächeln zurückhalten? Dieser unwillkürliche Spott, der nicht von vereinzelten Gottesmännern, sondern von den Tausenden geäußert wurde, die auf ihre Erblehre stolz geworden waren, machte Proselyten. Ließen sich Judäer mit Heiden in Religionsgespräche ein, so bot ihnen das judäische Schrifttum Stoff genug, die Vortrefflichkeit ihrer Lehre hervorzuheben. So ließen manche, welche von dem großen Namen des Gottes Israel, von seiner starken Hand und seiner Leitung des Volkes Israel mit Begeisterung sprechen hörten54, ihren Wahn fahren und gesellten sich dem Volke, das eine ganz andere Gotteserkenntnis hatte, zu. In der Regel ist das niedrige Volk geneigter, eine neue Lehre anzunehmen, als die vornehmen Klassen; die Tempel- und Staatssklaven aus Judäa, welche mit dem niedrigen Stande der babylonischen Bevölkerung in nahe Berührung kamen, mögen auch unbewußt das Werk der Bekehrung vollbracht haben. Die gewonnenen Proselyten beobachteten nach ihrer Bekehrung den Sabbat, befolgten die Gesetze und scheinen sich auch der Beschneidung unterworfen zu haben55. Das war die erste [19] Errungenschaft, welche die Exulanten in der Fremde erlangt haben. Diese Errungenschaft übte auf die Judäer eine Rückwirkung. Sie begannen ihren Gott und ihre Lehre um so mehr zu lieben, als sie wahrnahmen, daß Heiden dafür gewonnen worden waren. Kaum zwei Jahrzehnte nach dem Tode der Propheten Jeremia und Ezechiel, die sich so oft über das Kieselherz des Volkes beklagt hatten, war die Wiedergeburt desselben vollzogen. Das zugänglich gemachte Schrifttum, die Thora und die Propheten, war eine Verjüngungsquelle, welche den Geist erfrischte und das Herz sänftigte. Es zeigte dem judäischen Volke sein eigenstes, inneres Wesen, lehrte es, sich darin zu vertiefen oder sich darin wiederzufinden. Indessen mußte sich der neue Geist, der in das Innere des Volkes eingezogen war, erst bewähren, durch Kämpfe und Leiden erprobt und gefestigt werden. Die Gelegenheit zur Prüfung fehlte nicht.

Der Lichtseite gegenüber, welche das jüngere Geschlecht der Exulanten durch die Vertiefung in das Schrifttum, durch Begeisterung für die glanzvolle Vergangenheit und endlich durch die Vergegenwärtigung seiner Ideale darbot, trat eine Schattenseite um so greller hervor. Ein Teil des Volkes, ganz besonders die vornehmen Familien, verharrte nicht nur in seiner alten Verkehrtheit, sondern nahm auch neue aus seiner Umgebung an. Die riesige Hauptstadt Babel und das ausgedehnte chaldäische Weltreich übten einen Zauber auf die Höherstehenden aus, verlockten sie zur Nachahmung des chaldäischen Wesens, eröffneten einen weiten Gesichtskreis und boten ihnen Gelegenheit, ihre Kräfte zu entfalten. In Babylonien blühte der Handel mit den Erzeugnissen des Bodens und kunstvoll angefertigten Stoffen des Landes, welche auswärts gesucht und weithin ausgeführt wurden. Babylon war eine bedeutende Handelsstadt56. Nebukadnezar hatte dem Handel durch die Erweiterung der Schiffahrt noch mehr Aufschwung gegeben. An dem Meerbusen, in den sich die Zwillingsflüsse Euphrat und Tigris ergießen, hatte er eine bedeutende Stadt Teredon erbaut, welche Stapelplatz für die Handelsverbindung mit Arabien und Indien war57. Die Unzucht der babylonischen Frauen, sich den Fremden preiszugeben, die unbegreifliche Nachsicht der Ehemänner gegen dieselben und der Väter gegen das schamlose Benehmen ihrer Töchter bei den Gelagen den Fremden gegenüber, alles hatte nur den einen Zweck, recht viele Kaufleute ins Land zu locken. Die judäischen Familien, welche schon früher Handel getrieben hatten, [20] fanden in Babylonien Gelegenheit, ihn nicht nur fortzusetzen, sondern noch schwunghafter zu betreiben. Sie machten öfter Reisen auf längere Zeit und nahmen den Geldbeutel mit, um Handelsartikel dafür einzukaufen und umzusetzen58. Die judäischen Kaufleute erlangten dadurch großen Reichtum59. In einem üppigen Lande macht Reichtum üppig. Die Judäer, welche Mittel hatten, ahmten das weichliche Leben der Babylonier nach. Ihre Betten waren mit weichem Pfühl und mit Decken von feinen ägyptischen Linnen belegt und von Wohlgerüchen durchduftet60. Die reichen Familien nahmen auch den babylonischen Götzendienst an, bereiteten dem Glücksgott (Gad) einen Tisch mit Speisen und füllten den Weinkrug für die Schicksalsgöttin (Menî), damit sie ihnen in ihren Unternehmungen günstig seien, schnitzten sich Götterbilder oder verfertigten solche aus Metall, ahmten die Weise der Chaldäer nach und aßen dabei das Fleisch von Schweinen, von Mäusen61.

So vollständig lebten sich die wohlhabenden Judäer in das babylonische Wesen ein, daß sie ihrer Heimat und Jerusalems, das noch vor kurzem Endziel ihrer Wünsche gewesen war, völlig vergaßen, nichts davon wissen und von der Rückkehr dahin nichts hören mochten62. Sie wollten Babylonier sein und bleiben und verspotteten diejenigen, welche von Jerusalem schwärmten. Indessen solche weltlich Gesinnte, welche ferngerückte Aussichten als Träume zu verlachen pflegen, gab es zu jeder Zeit. Die reich gewordenen Judäer streiften aber mit dem angeborenen Volkstum auch die Keuschheit ab; das unzüchtige Treiben der Babylonier fand bei ihnen Eingang. Die [21] Männer, welche von der schamlosen Haltung der babylonischen Frauen und Töchter Gebrauch machten, steckten damit ihre Familien an. Das Auge des Ehebrechers wartete die Dämmerung ab und machte sich durch eine Larve unkenntlich, um unerkannt eine Ehefrau zu verführen63, und geile Frauen lauerten in verführerischer Kleidung, während der Abwesenheit ihrer Männer auf schöne Jünglinge und flüsterten ihnen schmeichlerische Liebesworte ins Ohr, um sie zur Sünde zu verlocken64. Die Entartung der Reichen wirkte selbstverständlich auch verderblich auf die unteren Volksschichten. Da der Reichtum Lebensbehaglichkeit und Genüsse verschaffte, so trachteten auch diese, reich zu werden, und wenn sie nicht auf redlichem Wege Gewinn erlangen konnten, so schlugen sie verbrecherische Wege ein. Diejenigen, welche von den adligen Geschlechtern mißhandelt oder ausgestoßen wurden, schlossen sich, um rasch reich und ihren Unterdrückern ebenbürtig zu werden, Räuberbanden an und schreckten auch vor Mord nicht zurück. Allmählich gewöhnten sie sich an die Freveltaten und wurden deren Sklaven, von deren Fesseln sie sich nicht losmachen konnten. Die Sittenrichter dieser Zeit schilderten diese Klassen mit grellen Farben: »Sie können nicht schlafen, wenn sie nichts Böses getan, und ihre Ruhe ist geraubt, wenn sie nicht Fallstricke legen. – Ihre Füße laufen zum Bösen, und sie eilen, Blut zu vergießen. Ihre Pläne sind auf Gewalttat gerichtet, Unheil und Unglück auf ihren Pfaden. – Es weicht zurück die Treue, und die Gerechtigkeit steht von Ferne; denn die Treue wird auf der Landstraße zu Fall gebracht und die Gradheit kann nicht näher kommen«65.

Das war die Schattenseite gegenüber der Lichtseite in der Wandlung, welche innerhalb der judäischen Gemeinde im Exile zum Vorschein kam. Der Gegensatz, welcher überwunden werden sollte, verschärfte sich vor seinem Verschwinden noch schroffer. Auf der einen Seite glühende Frömmigkeit, Feuereifer für die Bundeslehre und Schwärmerei für das idealgedachte Jerusalem, und auf der anderen Seite weltlicher Sinn, Genußsucht und Abgestorbenheit für die alten Erinnerungen. Der Gegensatz war von zwei Parteien vertreten, die einander haßten66. Um so mehr dachten die Eifrigen und Begabten daran – und deren gab es einige inmitten der Verbannung [22] – ihn auf geistigem Wege zu überwinden. Sie suchten zuerst sich zu stärken und die zu ihrer Partei gehörenden Glieder in ihrer Überzeugung zu befestigen; aber sie wollten auch durch ihren Eifer Einfluß auf ihre andersgesinnten, ihnen feindlichen Stammesgenossen üben. Durch diese Kraftanstrengung entstand ein neuer Kranz schöner dichterischer Blüten, welcher die alten fast noch übertraf. Die letzten zwei Jahrzehnte des Exils waren fast noch schöpferischer, als die Zeit Chiskijas. Die Männer des Geistes, die Jünger Jeremias und Ezechiels, die sich in das unbekannte Schrifttum vertieft und ihr Inneres damit in Einklang gebracht hatten, erzeugten befruchtende Gedanken und umhüllten sie mit einer schönen Form. Die Quelle der Poesie sprudelte frisch in der Fremde inmitten der Leiden des Exils, sie schien unerschöpflich. Die hebräische Sprache, welche von den Exulanten in der aramäischen Umgebung gehegt, vielleicht aus Vaterlandsliebe noch mehr gehegt wurde, diente noch immer als Organ für die dichterischen Erzeugnisse. Es entstanden in den letzten Jahrzehnten des Exils nicht bloß neue Psalmen und Weisheitssprüche, sondern auch eine ganz neue Art prophetischer Beredsamkeit und eine ganz neue Kunstform.

Ein Sänger dichtete einen Lehrpsalm in Form von Sprüchen, um den Irrtum derer zu zerstreuen, welche, von den äußeren Vorgängen geblendet, im Wahn waren, daß das Glück gewissermaßen mit der Freveltat eng gepaart und das Elend dagegen das Los der Dulder sei. Überhaupt suchten die Treuen und Eifrigen in verschiedenen Wendungen den Gedanken auszuprägen, daß der Frevler keinen Bestand habe, der Dulder dagegen durch die Rückkehr in das Vaterland und das Einwurzeln in dasselbe des Glücks in Fülle genießen werde67. Sie dichteten Lehrpsalmen, welche für die damalige Lage berechnet waren.


»Erhitze dich nicht ob der Missetäter,

Sei nicht eifersüchtig auf die Frevler.

Denn wie Gras werden sie schnell geknickt,

Und wie grünes Kraut verwelken sie.

Vertraue auf Ihwh und tue Gutes,

So wirst du das Land (wieder) bewohnen.

Wenn du dich in Gott erfreuest,

So wird er dir deines Herzens Wünsche gewähren.

– – – – – – – – – – – – –

Die Dulder werden das Land in Besitz nehmen

Und ewig darin weilen.

Der Mund des Gerechten äußert Weisheit,

[23] Seine Zunge redet Recht,

Gottes Lehre ist in seinem Herzen;

Darum wanken seine Schritte nicht.

Es lauert der Frevler dem Gerechten auf

Und sucht ihn zu töten.

Gott wird ihn aber nicht überlassen seiner Hand

Und nicht verdammen, wenn er zu Gericht geht.

– – – – – – – – – – – – – –

Bewahre Einfalt und hüte Redlichkeit:

Denn Nachkommenschaft bleibt dem Manne des Friedens68«.


Dieser Psalmist und andere hatten ihre Denksprüche an die eigenen Gesinnungsgenossen gerichtet, um sie von der Nachahmung des bösen Beispiels fernzuhalten. Ein anderer Dichter wendete sich aber an diejenigen Kreise, welche den Weltlichen nahestanden, besonders an die verführbare Jugend, die sich vom Reize der Sünde locken ließ. Er sprach nicht eigene Gedanken aus, sondern ließ die Weisheit reden und auseinandersetzen, daß die Freveltat sich in die eigenen Schlingen verwickele und zu Fall komme, daß sie geradezu eine Torheit und Verblendung sei, weil sie denen, welche sie üben, Schaden bringe. Der namenlose Dichter sammelte die Weisheitssprüche aus alter Zeit, die bereits in Chiskijas Zeit zusammengestellt waren (II. 1. Hälfte. S. 243), und fügte ein Vorwort hinzu, welches die Zustände seinerzeit deutlich abspiegelt69. Nicht aus der israelitischen Vorzeit entlehnte er seine Belehrungen, sondern aus den vernünftigen Betrachtungen der menschlichen Taten und ihrer Folgen. Diese aus der Erfahrung entnommene Einsicht oder Weisheit (Chochmah), obwohl menschlichen Ursprunges, führe zu demselben Ergebnisse, wie die israelitische Lehre, welche göttlichen Ursprunges sei. Wenn die weltlich Gesinnten auch nur der Stimme der Weisheit Gehör schenken wollten, würden sie auch von ihren bösen Wegen lassen. Diese Weisheit führt der Dichter redend ein, belebt sie und läßt sie ihr eigenes Lob verkünden, damit ihre Lehren mehr Gewicht erhalten sollten.


»Fürwahr die Weisheit ruft,

Und die Einsicht erhebt ihre Stimme,

Auf dem Gipfel der Höhe, am Wege,

Zwischen den Straßen steht sie.

An der Seite der Tore dicht an der Stadt,

Im Eingang der Pforten ruft sie laut:

›Euch Männern rufe ich zu,

Und meine Stimme gilt den Menschensöhnen.

Begreift ihr Einfältigen die Klugheit,

Ihr Narren richtet euer Herz,

[24] Denn besser ist Weisheit, denn Perlen.

Und alle Kostbarkeiten kommen ihr nicht gleich,

– – – – – – – – – – – –

Ich, die Weisheit, meine Nachbarin ist die Klugheit

Erkenntnis von Gedanken finde ich.

– – – – – – – – – –

Durch mich regieren Könige,

Und geben die Herrscher Gesetze der Gerechtigkeit,

Durch mich herrschen Fürsten,

Die Vornehmen, alle Richter der Erde.

– – – – – – – – – –

Gott hat mich als Erstling seines Tuns geschaffen,

Vor allen seinen Werken von jeher.

– – – – – – – – – –

Ehe noch Meerestiefen waren, wurde ich geboren,

Ehe noch Quellen, die wasserreichen,

Ehe noch Berge eingesenkt wurden,

Vor den Hügeln wurde ich geboren,

Ehe er noch Erde und Straßen gebildet,

Die Summe des Staubes der Welt.

Als er die Himmel gründete war ich da,

Als er einen Kreis um das Wasser zog,

Als er die Regenwolken von oben stärkte,

Als er die Quellen der Meerestiefen kräftigte,

Als er dem Meere seine Schranken setzte,

Daß die Gewässer nicht seinen Befehl übertreten,

Als er die Grundfeste der Erde gründete,

War ich bei ihm sein Liebling,

Ich war sein Gespiele Tag für Tag,

Spielend vor ihm zu jeder Zeit,

Spielend auf seiner Erdenwelt,

Und meine Ergötzlichkeit bei den Menschensöhnen70‹«.


Die Weisheit, ein Kind Gottes, welche die Ordnung in der Natur geschaffen, bewirkte auch die Ordnung in der sittlichen Welt, unter den Menschensöhnen. Sie ist eine Feindin der Unordnung und des Frevels. Sie haßt Hochmut, bösen Wandel und die Sprache der Verkehrtheit. Gegen zwei Laster läßt der Dichter die Weisheit ganz besonders heftig sprechen, gegen Gewalttat und Unzucht.


»Höre mein Sohn, die Zucht deines Vaters,

Und weise nicht ab die Lehre deiner Mutter.

Denn ein Schmuck der Anmut ist sie für dein Haupt

Und eine Kette für deinen Hals.

Mein Sohn, wann dich Sünder betören,

So stimme nicht zu.

Wenn sie zu dir sprechen:

[25] ›Komm mit uns, wir wollen auf Blut lauern,

Wollen dem Unschuldigen unverdient nachstellen

– – – – – – – – – – –

Wir werden reiches Vermögen finden,

Unsere Häuser mit Gütern füllen,

Dein Los wirf in unsere Mitte,

Ein Beutel sei für uns alle‹.

Mein Sohn geh' nicht mit ihnen;

Denn ihre Füße laufen zum Bösen.

Und sie eilen Blut zu vergießen,

Denn absichtslos ist das Netz ausgelegt in den Augen der Vögel,

Während man auf ihr Blut lauert, ihrem Leben nachstellt,

So ist die Weise des nach Gewinn Trachtenden,

Das eigene Leben nimmt er«71.


Mehr noch eifert der Dichter gegen die Unkeuschheit.


»Mein Sohn lausche auf meine Weisheit,

Zu meiner Einsicht neige dein Ohr.

Denn Honig träufeln die Lippen der Fremden (Buhlerin),

Und glatter denn Öl ist ihr Mund,

Zuletzt aber ist sie bitter wie Wermut,

Schneidend wie ein zweischneidiges Schwert.

Entferne von ihr deine Wege,

Und nähere dich nicht der Tür ihres Hauses,

Daß du anderen dein Vermögen gebest

Und deine Jahre einem Grausamen,

Damit nicht Fremde sich von deinem Vermögen sättigen

Und an deinem Reichtume im Hause eines Ausländers.

Du würdest am Ende seufzen,

Wenn geschwunden dein Fleisch und dein Leib

Und sprechen: ›Ach, wie konnte ich Zucht hassen,

Und mein Herz Belehrung verachten!‹

– – – – – – – – –

Trinke Wasser aus deiner Zisterne

Und Flüssiges aus deinem Brunnen,

Verbreiten würden sich deine Quellen nach außen,

Auf weiten Straßen Wasserkanäle.

Sie würden dir allein gehören

Und keinem Fremden mit dir.

Deine Quelle wird gesegnet sein,

Und erfreue dich des Weibes deiner Jugend72.

– – – – – – – – – – – –

Kann jemand Feuer in seinem Schoß schüren,

Ohne daß seine Kleider verbrannt werden?

Oder kann jemand auf Kohlen gehn,

Ohne daß seine Füße verbrannt werden?

So wer da geht zu einer verehelichten Frau,

Nicht ungestraft bleibt, wer ihr nahkommt.

[26] Verachtet man nicht den Dieb,

Wenn er stiehlt, sich zu sättigen, so er hungert?

Wenn er betroffen wird, muß er siebenfach zahlen,

Das ganze Vermögen seines Hauses muß er hergeben.

Wer Ehebruch treibt, ist sinnlos,

Wer sich selbst verderben will, mag's tun.

Schlag und Schmähung wird er finden,

Seine Schmach wird nicht ausgelöscht werden.

Denn Eifersucht ist Zornesglut des Mannes,

Er wird nicht schonen am Tage der Rache,

Er wird nicht auf Sühnegeld Rücksicht nehmen,

Er wird nicht zustimmen, wenn du viel Schenkung anbietest«73.


Künstlerisch und drastisch schildert der Dichter des Sprucheinganges die Verführungskunst der Ehebrecherin.


»Durch die Fensteröffnung meines Hauses

Durch das Luftloch blickte ich hinaus

Und sieh da! unter den Einfältigen bemerkte ich,

Unter den Jünglingen einen Unverständigen

Schreitend auf dem Marktplatz neben ihrem Erker

Und den Weg zu ihrem Hause gehend.

In der Dämmerung beim Sinken des Tages

In einer schwarzen, dunkeln Nacht,

Sieh da! ein Weib kam ihm entgegen,

Im Anzug der Buhlerin und Herzensräuberin.

Stürmisch ist sie und unbändig,

In ihrem Hause weilen ihre Füße nicht,

Bald auf der Landstraße, bald auf weiten Plätzen,

Und an jeder Ecke lauert sie.

Da erfaßte sie ihn und küßte ihn,

Und frechen Antlitzes sprach sie:

›Opfer lag mir ob,

Heute habe ich mein Gelübde gelöst,

Darum ging ich dir entgegen,

Dein Angesicht zu suchen und habe dich gefunden!

Mit Polstern habe ich überlegt mein Bett,

Mit Teppichen ägyptischen Linnens.

Habe durchduftet mein Lager

Mit Myrrhe, Aloe und Zimmet.

Komm‹, wir wollen der Liebe pflegen,

Bis zum Morgen wollen wir uns am Kosen ergötzen.

Denn der Mann ist nicht zu Hause,

Er ging auf Reisen in die Ferne,

Den Geldbeutel hat er in seine Hand genommen,

Am Tage des Vollmondes wird er in sein Haus zurückkehren.

Sie verführt ihn durch sprudelnde Rede,

Durch die Glätte ihrer Sprache verleitet sie ihn.

Er geht ihr bald nach,

Wie der Stier zur Schlachtbank geht«74.


[27] Dieser Spruchdichter rügt zwar auch andere Laster, die Gleißnerei, die Tücke, den Hochmut, die Lüge75. Doch am meisten lag es ihm am Herzen, vor Unkeuschheit, Ehebruch und schönen Sünden zu warnen. Dichterisch gelungen ist die Wendung, wie er zuletzt die Weisheit der Torheit gegenüberstellt.


»Die Weisheit hat ihr Haus erbaut,

Ihre sieben Säulen gemeißelt,

Ihr Mahl bereitet, ihren Wein eingegossen,

Auch ihren Tisch geordnet.

Sie sandte ihre Dienerinnen aus,

Daß sie auf den Höhen der Stadt rufen:

›Wer unberaten ist, kehre hier ein,

Und wer unverständig ist!‹

Dann spricht sie zu ihm:

›Kommet, genießet meine Speise,

Und trinket den Wein, den ich eingegossen,

Verlasset die Torheit, so werdet ihr leben,

Und wandelt auf dem Pfade der Einsicht‹76.

– – – – – – – – – – – –

Die Torheit stürmt in Einfältigkeit,

Und weiß nicht was,

Sie sitzt an der Tür ihres Hauses,

Auf einem Thron auf der Höhe der Stadt

Einzuladen die Reisenden,

Die da den geraden Weg ziehen.

Wer unerfahren ist, kehre hier ein,

Und wer unverständig ist.

Dann spricht sie zu ihm:

›Gestohlenes Wasser schmeckt süß,

Und heimliches Brot ist angenehm.‹

Aber er merkt nicht,

Daß gestürzte Riesen dort sind,

In des Grabes Tiefe sind ihre Gäste77


Der zusammenfassende Inhalt dieses Spruchdichters ist, daß der Anfang der Weisheit Gottesfurcht ist78 und diese vor Verderben schützt. Die Sünde dagegen ist Torheit und bringt den Frevler zu Falle. Der Wohlstand der Toren tötet sie und ihr Glück vernichtet sie79. [28] Welcher Lohn ist aber den leidenden Frommen oder, was dasselbe ist, den Weisen zugedacht? Auch dieser Dichter wußte, wie die Psalmisten in der Exilsgemeinde, nichts anderes darauf zu antworten, als auf die schöne Zukunft der Rückkehr nach der Heimat zu verweisen:


»Die Redlichen werden das Land wieder bewohnen,

Und die Harmlosen werden darin bleiben80


Aber wenn diese Antwort auch den Frommen, den Gottessuchenden, den Trauernden um Zion genügte, so war sie doch weit entfernt, die Schwankenden zu trösten und zu befriedigen, und noch weniger die Weltlichen, die den heiligen Berg vergessen hatten und sich an Babylon anklammerten, die habsüchtigen und frevelhaften Reichen zur Gesinnesänderung zu bewegen. In dem übersehbaren Beobachtungsfelde ließ sich die Wahrnehmung nicht abweisen, daß die Frevler allerdings im Glück lebten und die Gottesfürchtigen, welche Idealen nachhingen, nicht selten von Unglück heimgesucht wurden. Der Erfahrungssatz jenes Psalmisten, daß ein Gerechter nicht verlassen sei81, wurde tagtäglich Lügen gestraft, oder der Wandel eines solchen mußte verdächtig werden. Dieser grelle Mißklang in der sittlichen Weltordnung, welcher an der Lehre der Väter und an Gottes gerechter Weltregierung zweifeln machte und von den Denkenden innerhalb der babylonisch-jüdischen Gemeinde schmerzlich empfunden wurde, erheischte eine befriedigende Ausgleichung. Ein Dichter unternahm die Lösung dieser beklemmenden Fragen und schuf ein Kunstwerk, das zu den vollendetsten gezählt wird, welche der Menschengeist je zustande gebracht hat. Der unbekannte Dichter schuf das Buch Hiob82, welches Klarheit in die Gedankentrübung der Zeitgenossen bringen sollte. Allerdings bezweckte dieses auch Belehrung, aber nicht in der jetzt weniger anziehenden Weise des Psalmes oder der Spruchweisheit, sondern auf eine andere Art, daß die Zuhörer und Leser davon wie von einer außerordentlichen Erscheinung ergriffen werden sollten. In einer ernsten, aber doch fesselnden Unterredung von Freunden sollte die Frage, welche die Gemüter der babylonischen Gemeinde in Spannung hielt, zur Entscheidung gebracht werden. Dieses Zwiegespräch der Freunde ließ der Dichter sich nicht in trockener, pedantischer Auseinandersetzung abwickeln, sondern machte es durch Einkleidung, Form, dichterischen Schwung und Gleichnisse außerordentlich fesselnd. Er legte dem Zwiegespräche eine Geschichte [29] von dem Dulder Hiob zugrunde und diese machte er von Anfang bis zu Ende spannend.

Die Anlage dieser Dichtung ist durchweg künstlerisch; die Gedanken, welche der Dichter auseinandersetzen wollte, hat er an verschiedene Rollen verteilt. Jede der in dem Dialoge auftretenden Personen hat einen bestimmten Charakter und bleibt ihm treu. Dadurch wird das Zwiegespräch lebendig, und die darin entwickelten Gedanken erregen Aufmerksamkeit.

Wer war der Dichter des Buches Hiob? Er hat sich in Namenlosigkeit gehüllt. Was sollte sein Name zur Sache beitragen? Er wollte belehren, überzeugen, beschwichtigen, die Zweifel niederschlagen. Doch scheint der Dichter ein erfahrener Mann gewesen zu sein; er hatte sich ohne Zweifel in Ägypten aufgehalten, hatte die Pyramiden (Chorbot) gesehen, welche die Könige von Ägypten für ihre Unsterblichkeit bauen ließen, und das Nilpferd beobachtet, wie es unter Lotospflanzen lagert und einen Fluß einzuschlürfen scheint. Er kannte das ägyptische Krokodil, dessen Schuppen so dicht aneinander gereiht sind, daß kein Pfeil eindringen kann83. Er hatte die Metallgrabungen gesehen in dem idumäischen Gebirge oder in den Minengruben der Sinaïhalbinsel84. Er kannte die Tierwelt im einzelnen und hat ihr Leben und Treiben beobachtet85. Der Dichter kannte auch die Sternenwelt, die er wohl erst nach seiner Wanderung von Ägypten nach Babylonien kennen gelernt hat, und wußte ihre Wirkungen dichterisch zu verwerten86. Hier in Babylonien erzeugte er wahrscheinlich sein Kunstwerk zur Belehrung für die Exilsgemeinde. Er war ein Mann, der sich in der Welt umgesehen hatte, und er durfte sich herausnehmen, die für den Menschengeist so peinliche Untersuchung von Gottes Vorsehung, Gerechtigkeit und Vergeltungsgesetzen zu behandeln. Der Dichter des Hiob war wahrscheinlich der erste Religionsphilosoph und gewiß der erste, der diese Untersuchung in das Gewand der Dichtung gehüllt hat. Zu welcher Dichtungsart gehört das Buch Hiob? Man kann es mit keinem anderen dichterischen Erzeugnis vergleichen, es bildet eine eigene Gattung. Es ist keineswegs ein Drama, sondern nur ein dramatisches Zwiegespräch mit einer geschichtlichen Einleitung und einem geschichtlichen Schluß.

Die Einleitung erzählt die Veranlassung zu dem hochwichtigen [30] Zwiegespräche. Im Lande Uz – das in der Nähe des roten Meeres bei Ezion-Geber lag und einen Teil von Edom ausmachte – lebte ein harmloser, aufrichtiger, gottesfürchtiger und das Böse scheuender Mann, Hiob (Ijob), der mit Kindern und Reichtum gesegnet war und in hohem Ansehen unter seinen Stammesgenossen stand.. Der Dichter schildert nicht die Art der Frömmigkeit und Tugend dieses seines Helden, sondern läßt ihn selbst bei passender Gelegenheit davon sprechen.


»Der Segen des Unglücklichen kam mir zu,

Und das Gemüt der Witwe habe ich jauchzen gemacht.

Auge war ich für Blinde

Und Füße für Lahme,

Vater für Leidende,

Und einen Streit, der mich nicht anging, untersuchte ich.

– – – – – – – – – – – –

War mein Herz betört von einem Weibe?

Und habe ich an der Türe eines Hauses gelauert?

– – – – – – – – – – – –

Habe ich das Recht meines Sklaven oder Sklavin verachtet,

Wenn sie mit mir einen Streit hatten?

– – – – – – – – –

Habe ich Geld zu meiner Zuversicht gemacht

Und zu Metall gesprochen: ›Du bist mein Vertrauen?‹

– – – – – – – – – – – –

Habe ich mich beim Unglück meines Feindes gefreut,

Und mich ergötzt, wenn ihn Unheil getroffen?

– – – – – – – – – – – –

Im Freien durfte kein Fremder weilen,

Meine Türe habe ich dem Reisenden geöffnet87


Von solcher Art war die Gottesfurcht Hiobs. Einst versammelte sich das Himmelsheer bei Gott, unter ihnen war auch ein Ankläger (Satan). Diesen fragte Gott: »Hast du dir meinen Knecht Hiob gemerkt? Seinesgleichen gibt es nicht noch auf Erden.« Darauf der Ankläger: »Fürchtet Hiob Gott ohne Grund? Du hast ihn und sein Haus von allen Seiten geschützt und sein Vermögen gesegnet. Entziehe du ihm dieses, wahrlich, so wird er dich ins Angesicht lästern.« Darauf gestattete Gott dem Ankläger, Hiob alles Seinigen zu berauben, ihn selbst aber unverletzt zu lassen. Mit einem Male kamen Hiob Unglücksposten auf Unglücksposten. Die Sabäer hatten sein Großvieh samt Hütern geraubt, der Blitz hatte sein Kleinvieh samt Sklaven erschlagen, Streifscharen der Chaldäer hatten seine Kamele erbeutet, und ein Sturmwind hatte das Haus, worin seine Kinder ihr Mahl hielten, über sie zusammenstürzen gemacht und sie [31] hatten sämtlich den Tod unter den Trümmern gefunden. Diese schwere Prüfung bestand Hiob standhaft. Er trauerte zwar um den Verlust, aber er sprach gottergeben: »Nackt kam ich aus dem Mutterschoß und nackt kehre ich wieder dahin zurück. Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen, sein Name sei gepriesen.« – Als sich das Himmelsheer zum zweiten Male um Gott versammelte, und dieser wieder Hiobs erprobte Gottergebenheit rühmte, machte der Ankläger wieder einen Einwand. Wenn Hiob an seinem Leibe getroffen würde, so würde er die Prüfung nicht bestehen, sondern Gott lästern. Darauf erhielt der anklägerische Satan den Auftrag, Hiob auch dieser Prüfung zu unterwerfen. Der Held wurde mit einem häßlichen Aussatz vom Scheitel bis zum Fußballen behaftet und mußte sich mit einem Scherben die zerborstene Haut schaben. Er hatte kein Haus und saß auf einem Aschenhaufen. Seine Frau fragte ihn höhnisch: »Hältst du noch an deiner Frömmigkeit fest? Lästere Gott, so wirst du sterben und aller Qual los sein!« Der Dulder aber antwortete: »Auch du sprichst gleich einer der Verworfenen. Sollten wir denn nur das Gute von Gott annehmen und nicht auch das Böse?« Hiob bestand auch diese Prüfung. Aber Klagen und Fragen an den Himmel richten, das durfte er doch, warum er denn so ganz unschuldig leide! Diese Klagen und Fragen spricht er seinen Freunden gegenüber aus, die gekommen waren, ihm Beileid zu zeigen und ihn zu trösten. Hiob begann, nachdem er sieben Tage in stillem Schmerze zugebracht, sich durch Reden Luft zu machen; er beklagte sein Geschick und verwünschte seinen Geburtstag:


»Warum bin ich nicht im Mutterschoße gestorben?

Nicht verschieden, als ich den Mutterleib verließ?

Wozu sind mir Kniee entgegengekommen,

Wozu Brüste mich zu säugen?

Denn jetzt läge ich und hätte Ruhe,

Ich schliefe, mir wäre wohl,

Mit Königen und Erdenherrschern,

Die sich Pyramiden aufbauen,

Oder mit Fürsten, die Gold besitzen,

Ihre Häuser mit Silber füllen88


Der Dichter gebraucht den feinen Kunstgriff, von Hiobs Klagen über sein persönliches Leid passende Übergänge zu Betrachtungen über die allgemeinen Leiden der Zeit und aller Zeiten zu machen.


»Dort im Grabe hören die Frevler auf zu toben,

Dort ruhen sich die Krafterschöp ten aus.

Allsamt sind die Gefesselten beruhigt,

[32] Sie hören nicht mehr des Schergen Stimme.

Klein und groß ist dort gleich,

Der Sklave frei von seinem Herrn.

Warum gibt er dem Mühseligen Licht,

Und Leben den Verzweifelten,

Denen, die den Tod herbeiwünschen,

Die ihn aus der Verborgenheit ausgraben möchten,

Die sich freuen über einen Steinhaufen,

Frohlocken würden, ein Grab zu finden89


Um aber nicht aus der Rolle zu fallen, lenkt der Dichter stets wieder ein und kehrt von allgemeinen Betrachtungen zu den persönlichen Klagen Hiobs zurück. Dadurch sind die Gespräche so fesselnd.

Die drei Freunde können diese Klagen, die doch wie Anklagen gegen Gott aussehen, nicht ruhig mit anhören. Sie bemühen sich daher, Gottes Gerechtigkeit zu rechtfertigen. Es sind Männer der alten Zeit; ihre Gottesrechtfertigung dreht sich um zwei Gedanken: Leiden seien lediglich Folgen der Sünden, und wenn ein Mensch von Unglück heimgesucht wird, so müsse er eben ein Sünder sein, wenn er auch äußerlich als ein Gerechter und Frommer erscheine. Sie entwickeln sämtlich die alte Lehre, welche die Psalmisten und die jüngsten Spruchdichter geltend gemacht haben, daß dem Frevler Untergang beschieden sei. Mit diesem Gedanken verbinden sie einen anderen, daß kein Mensch ganz lauter sein könne; denn selbst die Himmel sind nicht rein vor Gottes Augen und selbst an seinen Boten findet er Tadel90. Für die Leiden der Frommen haben sie nur den einen Trost, die Auferstehung. Sie würden einst zu einem besseren Leben erwachen. Diese zwei Grundgedanken läßt der Dichter von den Freunden in verschiedenen Wendungen mit mehr oder weniger Nachdruck auseinandersetzen: Eine andere Weisheit kennen die Freunde, die Vertreter der alten Anschauung, nicht. Jeder von ihnen ergreift dreimal das Wort, um diese Gedanken zu wiederholen, und Hiob macht gegen jeden von ihnen und gegen ihre veralteten Anschauungen Gegenbemerkungen: Geflissentlich läßt der Dichter die Freunde, die Vertreter der alten Lehre, sich in Wiederholungen ergehen; es ist sein Zweck, diese Lehre abgeschmackt erscheinen zu lassen. Er hat aber auch darin seine künstlerische Begabung gezeigt, daß er diese drei Freunde, wenn sie auch immer dasselbe und fast mit denselben Worten vorbringen, durch feine Schattierungen zu unterscheiden und jedem einen eignen Charakterzug zu geben wußte.

Eliphas (Eliphaz), der älteste derselben, aus der idumäischen [33] Stadt Taiman, der sich rühmt, noch älter als Hiobs Vater zu sein91, spricht von oben herab und wägt jedes Wort ab, weil er sich für unfehlbar hält: »Dies haben wir ergründet, so ist es, höre es und merke es dir92.« Eliphas deutet nebenbei an, daß er einer Art prophetischer Offenbarung gewürdigt worden sei. In einer nächtlichen Erscheinung, als tiefer Schlaf die Menschen befiel, sei ein Geist vor ihm vorübergezogen, an Gestalt nicht erkennbar, aber eine leise Stimme habe er unter solchen Schrecken vernommen, daß ihm die Haare zu Berge standen93. Eliphas gibt gleich im Anfang Hiob zu verstehen, daß er ein Sünder sein müsse, eben weil ihn ein so herbes Mißgeschick betroffen. Durch die Leiden solle seine Schuld gesühnt werden:


»Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt,

Und die Belehrung Schaddaïs solltest du nicht verachten;

Denn er macht Schmerzen und verbindet,

Verwundet und seine Hände heilen«94.


Da aber Hiob sich immer und immer auf seine Gerechtigkeit und seinen frommen Wandel beruft und die Verdächtigung seiner Tugend und Frömmigkeit zurückweist, rückt Eliphas mit der Sprache heraus, daß er ihn im Verhältnis zum Übermaß seiner Leiden für einen argen Frevler halten müsse.


»Deine Schlechtigkeit ist groß und unendlich deine Sünde.

Du mußt deine Brüder unverdient gepfändet

Und den Nackten die Kleider ausgezogen haben,

Dem Müden kein Wasser gereicht, dem Hungrigen Brot versagt,

Im Wahne, daß dem Manne des Armes die Erde gehöre,

Und der Bevorzugte sie allein bewohnte.

Witwen mußt du arm verjagt und Waisen verstoßen haben.

Darum sind Schlingen um dich,

Und plötzlicher Schrecken hat dich entsetzt gemacht«95.


Eliphas wirft dem Dulder die ganze Lieblosigkeit der Reichen jener Zeit vor. Der Leser merkt aber, daß er nur aus Rechthaberei solche Beschuldigungen gegen Hiob vorbringt, und er stellt sich auf die Seite des unschuldig Verdächtigten.

Der zweite Freund und Unterredner, Bildad, aus dem halb arabischen, halb midianitischen Stamm Schuch, tritt nicht so zuversichtlich auf, spricht zarter und rücksichtsvoller gegen Hiob. Auf dessen wiederholte Klage über sein ungerechtes Leiden und über den [34] eitlen Trost, daß Gott die Menschen damit nur prüfen wolle, erwidert Bildad:


»Kann Gott das Recht verdrehen

Und die Gerechtigkeit verabscheuen?«


Er wirft nicht ihm selbst Sündhaftigkeit vor, sondern seinen Kindern:


»Als deine Söhne gesündigt,

Hat er sie den Folgen ihres Vergehens preisgegeben«96.


Für das Mißverhältnis von Tugend und Unglück beruft sich Bildad auf die Vergeltungslehre, welche die uralten Geschlechter überliefert haben; »denn wir sind von gestern, und unser Leben ist wie ein Schatten auf Erden«97. Diese uralte Vergeltungslehre läßt der Dichter durch ein passendes Gleichnis, einerseits von dem hochschüssigen Papyrusschilf und Nilgras und anderseits von dem niedrigen saftigen Immergrün veranschaulichen:


»Kann Papierschilf ohne Sumpf hochaufschießen?

Das Nilgras ohne Wasser wachsen?

Aber während es am Halme ist,

Noch nicht abgeschnitten werden soll,

Vertrocknet es schneller als niedriges Gras.

So der Verlauf der Gottvergessenen,

Des Gewissenlosen Hoffnung schwindet.

Sommerfaden ist sein Vertrauen,

Spinngewebhaus seine Zuversicht.

Er stützt sich auf sein Haus, es bleibt nicht, –

Klammert sich daran, und es besteht nicht.

Feucht ist's (Immergrün) im Anblick der Sonne,

Über den Garten hinausdringen seine Ranken,

Über einen Steinhaufen verknoten sich seine Wurzeln,

Zwischen Steinen lebt es.

Reißt man's aus seiner Stätte,

Und diese verläugnet es:

›Ich kenne dich nicht!‹

Das ist seines Wesens Freude,

Aus anderem Erdreich blüht es wieder auf«98.


Mit dem Gleichnis von dem Immergrün, das aus einem andern Boden wieder aufblüht, deutet Bildad die Auferstehung an; der Gerechte gleicht dieser Pflanze, der Frevler dagegen dem in Feuchtigkeit und Wasserfülle aufschießenden Papyrusrohr, das trotzdem schnell verdorrt. Auch Bildad behauptet fest den unvermeidlichen [35] schrecklichen Untergang des Frevlers und die unvermeidliche Sündenbefleckung des Menschen.


»Wie kann der Mensch bei Gott gerecht sein,

Wie der Weibgeborene lauter sein?

Sieh' er (Gott) tut den Mond ab,

Und er leuchtet nicht,

Die Sterne sind in seinen Augen nicht lauter,

Um wie viel weniger der Menschenwurm,

Der Adamssohn, eine Made«99.


Der dritte Freund Hiobs, Zophar aus dem Lande Naamah (Maon?)100, beruft sich auf eine geheimnisvolle Weisheit Gottes, die der Mensch nicht zu ergründen vermöge. »Wenn Gott nur sprechen, seinen Mund dir gegenüber öffnen wollte, dann würde er dir die Geheimnisse der Weisheit verkünden; denn er hat doppelten Ratschluß«101. Da der Mensch diese Weisheit nicht erforschen kann, so bleibt ihm nur eins zu tun übrig, frommes Denken und sittliches Handeln102.


»Denn es gibt eine Quelle für's Silber

Und einen Ort, für's Gold zu läutern

– – – – – – – – –

Aber wo findet sich die Weisheit,

Und wo ist der Ort der Einsicht?

Der Mensch kennt ihre Lage nicht,

Und sie findet sich nicht im Lande der Lebenden.

Die Tiefe spricht ›sie ist nicht in mir‹

Und das Meer spricht ›sie ist nicht bei mir‹

– – – – – – – – – – –

Und wo findet sich die Weisheit,

Und wo ist der Ort für die Einsicht?

Sie ist allen Lebenden verborgen,

Und den Vögeln des Himmels unbekannt.

Grab und Tod sprechen:

›Wir haben von ihr gehört,

Kennen aber ihren Ort nicht.‹

Gott allein begreift ihren Weg

Er kennt ihren Ort,

– – – – – –

Als er machte dem Winde Gewicht

Und das Wasser maß mit dem Maße,

Als er dem Regen Gesetze vorschrieb,

[36] Und einen Weg dem Donner,

Da sah er sie, rühmte sie,

Begründete und ergründete sie,

Und sprach zum Menschen:

›Sieh' Gottesfurcht ist Weisheit

Und vom Bösen weichen Einsicht‹«103.


So hat der Dichter des Hiob die Rolle unter die Freunde verteilt. Es lag ihm besonders daran, die Hinfälligkeit der von ihnen vertretenen Vergeltungslehre gründlich darzutun. Ihre Behauptung, daß der Grund der Leiden und des Übels in der Sündhaftigkeit der Menschen zu suchen sei, wird durch Hiobs Tugendgröße erschüttert. Der Dichter läßt diesen Dulder maßvoll von einer Unschuld und seinen Verdiensten sprechen und sogar Gott herausfordern, er möge doch einmal aus seiner Schweigsamkeit heraustreten, mit ihm zu Gericht gehen und ihm die Sünden vorhalten.


»Wie viel sind meine Verbrechen und Sünden,

Meine Schuld und Sünden tue kund.

Warum verbirgst du dein Antlitz,

Und betrachtest mich als deinen Feind?

Willst du ein verwehtes Blatt erschrecken

Und trockene Spreu verfolgen?

Daß du meinen Ungehorsam aufzeichnest

Und mich die Vergehungen meiner Kindheit erben lassest?

In einen Block meine Füße einklemmst,

Alle meine Wege bewachst!«104


Die Behauptung der Freunde, daß die Frevler einem schrecklichen Lose verfallen, läßt der Dichter aus Vorgängen seiner Gegenwart in nichts auflösen, er setzt Erfahrung gegen Erfahrung. Den Trost, den die Hoffnung auf die einstige Auferstehung aus dem Grabe den leidenden Frommen gewähren könnte, und auf den Hiobs Freund ihn verwiesen, läßt der Dichter, als wenig überzeugend, mit geflissentlicher Schroffheit abweisen.


»Die Wolke schwindet und vergeht,

So ersteht nicht wieder, wer ins Grab gefahren,

Er kehrt nimmermehr in sein Haus zurück,

Und seine Stätte erkennt ihn nicht wieder.

– – – – – – – – – –

Ein Baum hat Hoffnung,

Wenn umgehauen, so wechselt er,

Und seine Schößlinge hören nicht auf.

Altert seine Wurzel in der Erde,

[37] Stirbt der Stamm ab im Staube,

So blüht er vom Wassergeruch wieder auf

Und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

Stirbt der Mensch aber, so vergeht er,

Schwindet der Mann ihm, wo bleibt er?

Das Wasser schwindet aus dem Meere,

Der Strom vertrocknet und versieget,

So, wenn der Mensch stirbt, steht er nicht mehr auf,

Bis zu des Himmels Untergang erwachen sie nicht,

Und werden nicht aus ihrem Schlafe erweckt.

O, wenn du mich ins Grab bärgest,

Mich entzögest, bis dein Zorn gewichen,

Mir eine Frist setztest,

Dann dich meiner erinnertest!

Aber wenn der Mensch stirbt,

Kann er wieder aufleben?

Dann würde ich alle meine gezählten Tage hoffen,

Bis ein Wechsel einträfe.

Aber ein Berg stürzt zusammen,

Der Fels wankt von seiner Stelle,

Steine zerreibt das Wasser.

– – – – – – –

So hast du des Menschen Hoffnung vernichtet«105.


Der Dichter läßt Hiob, der allen Grund zum Unmut hat, ein düsteres Ergebnis seiner Betrachtungen aufstellen:


»Eins ist's, ich spreche es aus,

Den Unschuldigen, wie den Schuldigen reibt er auf.

Die Erde ist der Gewalt des Frevlers überliefert,

Das Antlitz ihrer Richter hat er verhüllt.

Wenn nicht so, wer will mich Lügen strafen«?106


So ist nun der Knoten geschürzt und er muß gelöst werden; denn es steht nicht weniger auf dem Spiele, als die Gerechtigkeit Gottes und das sittliche Verhalten der Menschen. Ist vor Gott Recht und Unrecht, Tugend und Frevel ganz gleich, so braucht der Mensch jene nicht zu hegen und diese nicht zu meiden. Um diese schwer wiegende Frage der Vergeltungslehre der Lösung näher zu führen, läßt der Dichter noch eine Person auftreten, einen Jüngling, Elihu, aus einer aramäischen Familie, der bisher unbeachtet dem Wechselgespräche zugehört und wegen seiner Jugend nicht gewagt hatte, mitzusprechen. Die Wendung, welche das Ganze genommen, drängte ihn seine Meinung kundzugeben, weil einerseits sich Hiob für gerechter als Gott hält und anderseits seine Freunde ihn zum vollendeten Bösewicht stempeln. Gegenüber der veralteten Vergeltungslehre [38] von der Wechselwirkung von Sünde, Strafe und Leiden macht sich eine neue jugendliche geltend, welche Elihu vertritt. Diese junge Lehre macht sich anheischig, des Lebens Rätsel zu lösen.

Zunächst widerlegt Elihu Hiobs Klage, daß Gott sich verhülle und den von Unmut geplagten Menschen in der Irre ließe. Er behauptet dagegen, daß Gott sich wohl den Menschen eröffne, aber in einer eigenen Sprache, als Warnung im Traum und als Prüfung durch Krankheit107. Leiden treffen den Menschen, so führt Elihu weiter aus, nicht als Folgen der Sünden, sondern als Warnungszeichen, sich der Sünde nicht zu überlassen, durch Fülle und Reichtum nicht dazu verführt zu werden.


»Er erlöst den Dulder durch seine Leiden

Und öffnet durch Drangsal das Ohr.

– – – – – – – – – – – –

Er prüfte dich, daß dich die Fülle nicht verführe,

Und die Menge Sühnegeldes dich nicht verleite.

– – – – – – – – –. – –

Hüte dich, daß du dich nicht dem Unrecht zuwendest.

Denn deswegen bist du durch Elend geprüft worden«108.


Diese Anschauung, daß die Leiden ein Erziehungsmittel bilden, beruhigt jedenfalls besser das zweifelnde Gemüt als die alte Vergeltungslehre. Der Dichter läßt durch Elihu den Beweis führen, daß Hiobs absprechendes Urteil über Gottes Gerechtigkeit unüberlegt sei. Verführe Gott mit Willkür, dann könne die Ordnung der Welt nicht einen Augenblick bestehen, und würde in das Chaos zurückfallen:


»Männer von Einsicht, hört mir zu!

Unwürdig ist Gottes das Unrecht,

Sondern er zahlt dem Menschen nach seinem Tun

Und läßt ihn nach seinem Wandel finden.

Auch in Wahrheit kann Gott nicht ungerecht handeln,

Und der Mächtige nicht das Recht beugen.

Wer hat ihm die Erde anvertraut?

Und wer den ganzen Weltkreis gemacht?

Wenn er seinen Sinn darauf richtete,

Seinen Hauch und seine Seele für sich zurückzöge,

So würde alle Kreatur vergehen,

Und der Mensch in den Staub zurückkehren«109.


[39] Seiner Rolle gewiß, läßt der Dichter den Jüngling Elihu jugendlich übersprudeln. Er kann seine Gedanken nicht ordnen, knüpft bald hier, bald dort an und springt von einem zum andern. Zuletzt läßt er ihn die Wunder in der Natur schildern, worin sich die Allmacht Gottes offenbart; Elihu spricht von den Wolkenschläuchen, von der Wirkung des Regens, des erschütternden Donners, des Sturmes; wie vom Hauch Gottes sich das Eis bildet und Wasserweiten spiegelfest und glatt werden, und wiederum die Kleider zu warm werden, wenn der Wind die Erde vom Süden beschwichtigt. Darum verehren ihn die Menschen, und sollte der Weise ihn nicht auch verehren?110

Indessen vermag der Vertreter der jungen Weisheit auch nicht die peinigenden Rätsel befriedigend zu lösen, wie Gott selbst es vermöchte. Der Dichter läßt daher die Gottheit aus einem Sturme sprechen und eine ihrer würdige Sprache führen. Er läßt sie Fragen auf Fragen mit zermalmendem Spotte an Hiob richten, wodurch sie nicht bloß die göttliche Allmacht, sondern auch die Fürsorge für das Größte und Kleinste auf der Erdenwelt kund gibt.


»Wer ist's, der Gedanken verdunkelt

Mit Worten ohne Erkenntnis?

Gürte wie ein Mann deine Lenden,

Ich will dich fragen, und tue mir kund.

Wo warst du, als ich die Erde gegründet?

Künde, wenn du es weißt, Einsicht:

Wer hat ihre Säulen gesetzt,

(Wenn du es weißt)

Oder wer an ihr das Meßseil gespannt?

Worauf sind ihre Schwellen eingesenkt,

Oder wer hat ihre Stützen gesetzt?

– – – – – – – – –

– – – – – – – – –

Hast du je dem Morgen Befehle erteilt,

Der Morgenröte den Platz angewiesen?

– – – – – – – – – –

– – – – – – – – – –

Hat der Regen einen Vater?

Oder wer hat die Taukügelchen gezeugt?

– – – – – – – – – –

– – – – – – – – – –

Kannst du für die Löwin Beute fangen,

Und der jungen Löwen Gier sättigen,

Wenn sie kauern in Höhlen,

Sitzen im Dickicht auf der Lauer?

Wer bereitet für den Raben Futter,

[40] Wenn seine Jungen zu Gott aufschreien,

Umherirren ohne Fraß?

Kennst du die Geburtszeit der Felsblöcke,

Der Gazelle Wehen beobachten,

Zählen die Monde ihrer Trächtigkeit

Und kennst die Zeit ihres Gebärens?

– – – – – – – – –

Gabst du dem Rosse Mut,

Hast du seinen Hals mit der Mähne bekleidet?

Schwingt sich durch deine Weisheit der Geier auf,

Breitet seine Flügel nach Süden aus?

Oder erhebt sich der Adler nach deinem Befehle

Und legt sein Nest hoch an?

Auf Fels weilt und wohnt er,

Auf einer Felsbank und Spitze!

Von dort erspäht er die Beute,

In die Weite blicken seine Augen.

Seine Jungen lecken Blut,

Und wo Leichen sind, ist auch er«111.


Überwältigt von dieser langen Reihe von Fragen, die sämtlich des Weltordners Fürsorge und Güte bekunden, antwortet Hiob: »Ja, ich bin zu geringe, was soll ich erwidern? Ich verstumme. Einmal habe ich gesprochen und will nicht wiederholen, und zweimal und wills nicht mehr«112. Um den Eindruck noch mehr zu verstärken, läßt der Dichter die Schilderung der beiden Wundertiere Ägyptens, des Nilpferdes (Behemot) und des Krokodils (Leviathan), ihre Kraft und den Bau ihrer Glieder vor die Seele führen. Dadurch wird Hiob vollends zum Bekenntnis seiner Unwissenheit geführt: »Ich weiß, daß du alles vermagst und nichts ist dir verwehrt. Ich gestehe, daß ich nichts begreife. Es ist mir zu wunderbar, und ich weiß es nicht. Ich habe bisher nur von dir gehört, nun habe ich dich selbst gesehen. Darum schweige ich, und bereue in Staub und Asche«113. Die Wunder der Natur, welche der Dichter eben so schön wie erhaben darzustellen wußte, die zugleich eine höhere Ordnung und Leitung bekunden, müssen dem denkenden Menschen das Bekenntnis seiner Ohnmacht, wie seiner Unwissenheit abringen. Der Dulder erkennt selbst, daß Ungerechtigkeit und Willkür nicht auf der Erdenwelt herrschen können. Aber das Haupträtsel des Lebens scheint damit doch noch nicht gelöst. Warum leidet Hiob unverschuldet, und so viele, viele mit ihm?

Die Beantwortung dieser beklemmenden Frage hat der Dichter [41] schon im Eingange nahe gelegt, daß die Leiden nur zur Prüfung auferlegt worden seien, ob der Fromme, arm und verlassen und selbst von körperlichen Schmerzen gepeinigt, in seiner Gerechtigkeit und Frömmigkeit verharren werde. Diese Prüfung hat Hiob bestanden. »Sollen wir denn nur das Gute von Gott hinnehmen und nicht auch das Böse?« hat er seiner Frau erwidert, die ihn zur Lästerung Gottes hinreißen wollte. »Bis ich vergehe, werde ich meine Frömmigkeit nicht aufgeben,« hat Hiob im Verlaufe der Zwiegespräche geäußert114. Hiob hat nur den Grund der Leiden der Gerechten auf der einen Seite und des Wohlergehens der Frevler auf der andern Seite ergründen wollen; aber das Warum zu erforschen, vermochte weder er, noch die ältern Freunde, noch Elihu, das ist Gottes tiefverborgene Weisheit. Und als ihm das klar vor Augen gelegt wurde, hat Hiob in Demut seine in Unmut aufgeworfenen Fragen bereut. Er hatte also die Probe, welche ihm infolge des Zweifels des Anklägers aufgelegt wurde, voll bestanden. Darum hat ihn Gott noch zuletzt belohnt – wie das Nachwort erzählt – er hat ihm den Verlust doppelt ersetzt, und Hiob starb alt und satt an Tagen. So hat der Dichter mit seiner Kunstschöpfung seine Aufgabe gelöst. Er hat die Zweifel beschwichtigt, »er hat viele belehrt, schlaffe Hände gestärkt, Strauchelnde haben seine Worte aufgerichtet und wankende Knie aufrecht erhalten«115. Er hat in einem künstlerisch ausgearbeiteten Schriftwerke die erste Religionsphilosophie aufgestellt, und damit hat er die Zweifel, welche das menschliche Herz zu allen Zeiten beunruhigen und quälen, wenn auch nicht gelöst, so doch als unberechtigt abgewiesen.


Fußnoten

1 Nach einer anderen Quelle gar 12 Meilen. Diodor II, 7 gibt den Umfang der Mauer von Babel auf 360 Stadien, Strabo 385 Stadien, Herodot 480 Stadien an.


2 Es ist ein alter doppelter Irrtum, daß die judäischen Exulanten, wo nicht alle, so doch ein großer Teil derselben am Fluß Chaboras angesiedelt gewesen wären. Es wird durch Ezechiels Angaben belegt, daß die Golah am רבכ רהנ wohnte, und dieser wird ohne weiteres mit dem Chaboras identifiziert. Allein dagegen spricht entschieden, daß die Gegend um den Chaboras, also Nordmesopotamien, gar nicht zu Babylonien, sondern zu Medien gehört hat. Denn die medische Mauer, welche zur Verteidigung Babyloniens gegen die Meder angelegt wurde, sei es von Nebukadnezar selbst oder von Nitokis, seiner Frau oder von einem der Nachfolger (vergl. Dunker, Geschichte d. Alterth. I, S. 470 Anmerk.), also diese Mauer lief nur 10 Meilen oberhalb Babylons, hier war also die Grenze zwischen Medien und Babylonien. Folglich gehörte die Gegend des Chaboras, die über 100 Meilen von Babylon entfernt war, zu Medien. Zu Medien gehörte ganz bestimmt das ehemalige Assyrien und auch noch eine ganze Strecke südlich vom großen Zab, um so mehr das nördliche Mesopotamien. Daß die Exulan ten in Babylon gewohnt, geht doch zu bestimmt aus Ps. 137 hervor: ונבשי םש לבב תורהנ לע d.h. an dem Flusse Euphrat bei Babel und an den von ihm ausgehenden Kanälen, d.h. wohl an dem Königsfluß רהנ אכלמ. Die ersten Exulanten haben entschieden in Babel gewohnt. Jeremia schrieb an sie (29, 7) תא ושרד המש םכתא יתלגה רשא ריעה םולש. Hier kann nur von der Stadt Babel die Rede sein. Ezechiel sagt (17, 4-5), Nebukadnezar habe nicht bloß Jojachin, sondern auch ץראה ערזמ in die Handelsstadt gesetzt, ומש םילכר ריעב d.h. in Babel. Die Lokalität רבכ רהנ לע kann daher nur der große Kanal, אכלמ רהנ, verschrieben Armacale bei Abydenos-Eusebius d.h. Nahar Malka oder βασίλειος ποταμός gewesen sein. ביבא לת bei Ezech. und חלמ לת השרח לת bei Esra sind nicht zu ermitteln, beweisen aber weder für noch gegen die Ansiedelung der Exulanten in der Stadt Babel. Denn da, wie die Nachgrabungen ergeben haben, Borsippa noch zur Stadt gehört hat, so können auch diese Plätze dazu gerechnet worden sein.


3 Folgt aus Ps. 106, 46 לכ ינפל םימחרל םתוא ןתיו םהיבוש. Daß dieser Ps. der exilischen Zeit angehört, ist sonnenklar und folgt ganz besonders aus V. 47 םיוגה ןמ ונצבקו und aus dem Umstande, daß darin die Schuld des Götzentums zum Bewußtsein gebracht wird. Wäre der Psalm jünger, wie einige Ausll. annehmen, so wäre die Erinnerung an die götzendienerische Zeit müßig. Vgl. übrigens Könige II, 8, 50 םתתנו םימחרו םהיבש ינפל םימחרל. In diesem erilischen Zusatze wird die milde Behandlung als Faktum aufgestellt.


4 Verzeichnis in Esra 2 und Parallele Nehemia 7, 26.


5 Verzeichnis der Familiengruppen Esra das. und Nehemia das. Diese Hauptquelle für die nachexilische Geschichte soll hier unter dem Namen Verzeichnis zitiert werden.


6 Verzeichnis.


7 Folgt aus Jes. 36, 17 u. Parall. Könige.


8 Verzeichnis.


9 Sagen über Nebukadnezar bei Strabo, Josephus und Daniel.


10 Das Faktum, daß Nachkommen Davids als Eunuchen am babylonischen Hofe lebten, folgt aus Jesaia 39, 7 u. Parall. Könige. Die Erziehung schöner judäischer Jünglinge und besonders ןמו הכולמה ערזמ םימתרפה am babylonischen Hofe (Daniel 1, 3 f.) beruht in der Hauptsache auf einem Faktum.


11 Jeremia 52, 31 f. und Parall. Könige II, Ende. Der erstere Text ist besser erhalten als der letzte. Über die Chronologie s. Note 9.


12 Nach dem Ptolemäischen Kanon.

13 Über die Zahl der Exulanten s. Note 9.


14 S. B. II. 1. Hälfte. S. 221.


15 Folgt aus Ez. Kap. 34. Hier ist nicht von den Königen in der Heimat, sondern von den Familienhäuptern im Exil die Rede, was aus V. 12 f. folgt. Aus derselben Zeit und derselben Lokalität ist wohl auch Jeremia 23, 1-8 und ist nur an die Rügen gegen die Könige angereiht.


16 Ez. 24, 27; 33, 22.


17 Ez. 33, 30-32.


18 Das. V. 33.


19 Das. Kap. 34, V. 3 muß statt בלחה [hachelev] gelesen werden בלחה [hachalav] LXX γάλα.


20 Ez. 36, 24 f.


21 Das. 37, 11.


22 Das. 37, 1 f.


23 Das. 33, 10.


24 Ez. 33, V. 11 bezieht sich nicht auf einen einzelnen Sünder wie V. 19, sondern auf das sündhafte Volk, das zum Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit kommen sollte.


25 Das. 37, 16 f.


26 Kap. 40 f.


27 Das. 40, 45; 41, 10 f.


28 Ez. 46, 16 f.


29 Das. Kap. 48.


30 Könige I, 8, 46 f. Levitikus 26, 44.


31 Daß sich unter den zurückgekehrten Exulanten auch Israeliten von den Zehnstämmen befunden, die aus den assyrischen Provinzen sich nach Babylonien geflüchtet hatten, dürfte auch ohne Beleg vorausgesetzt werden. Das Faktum läßt sich aber auch belegen. Chronik I, 9, 3 heißt es: הדוהי ינב ןמ ובשי םלשוריבו השנמו םירפא ינב ןמו ןימינב ינב ןמו. Diese Partie gehört der nachexilischen Zeit an und ist parallel erhalten Nehem. 11, 4 f. (vgl. Note 15). In der Parall. fehlt indes dieser Passus; beide sind von einem und demselben Redakteur eingefügt. Daß es in der Exilszeit neben den הדוהי ינב auch לארשי ינב gegeben und ihr Dasein den Propheten bekannt war, folgt unzweideutig aus dem derselben Zeit angehörigen Stücke, Jeremia 50, 4 20; 51, 5. Noch ein anderes Moment kann dafür angeführt werden. Aus Jesaia 10, 11 geht hervor, daß israelitische Exulanten in Elam (Elymais) waren. Höchst wahrscheinlich sind diese unter den ינב םליע und רחא םליע ינב im Verzeichnis zu verstehen. Denn daß sie von dem obskuren Benjaminiten םליע (Chronik I, 8, 23) abstammen sollten, wie Bertheau z. St. vermutet, ist doch gar zu unwahrscheinlich. Hätte dieser Elam eine zahlreiche und notorische Familie gebildet, so hätte der Chronist nicht verfehlt, sie neben den קשש ינב לעפלא יהב, und anderen als םליע ינב aufzuführen. Dazu kommt noch die Aufzählung der רחא םליע ינב, d.h., noch eine andere elamitische Familie. Dieser V. muß durchaus intakt gelassen werden, weil er in Nehemia 7, 34 wiederholt ist. Bertheau bezweifelt ihn mit Unrecht (zu Esra), weil er in Ezra gr. fehlt; das. fehlen überhaupt Verse, die im hebr. Text stehen.


32 Daß in der Exilszeit die prophetischen Schriften viel gelesen wurden, folgt aus Jesaia 34, 16: לעמ ושרד וארקו 'ה רפס .


33 Folgt daraus, daß in der alten Sammlung das Buch Jeremiaden Anfang der Propheten bildete (Talmud Baba Batra 14 b: היעשי לאקזחיו הימרי םיאיבנ לש ןרדס רשע ירתו. Nur seiner Popularität verdankte es diesen Vorzug; sonst hätte Jesaia oder Hosea den Anfang bilden müssen. Daher kommt es, daß kein prophetisches Buch so viele Zusätze aus späterer Zeit hat, wie Jeremia, weil es ein Volksbuch geworden war.


34 Talmud das. 15b ist angegeben: ורפס בתכ הימרי םיכלמ רפסו תוניק רפסו, was insofern richtig ist, als alle diese Bücher im Jeremianischen Geist gehalten sind. Da nun Baruch höchst wahrscheinlich Jeremias Reden zu didaktischem Zwecke redigiert hat, was auch aus dem Schlusse der ersten Sammlung Jerem. Kap. 45 folgt, so ist er wohl auch als Redakteur von םיכלמ und insofern auch als Schlußredakteur der ganzen Sammlung anzusehen. Daher läßt es sich erklären, daß die ausführliche Geschichte Jeremias und Gedaljas nach der Zerstörung nicht in das Buch der Könige aufgenommen ist, weil sie schon früher durch das Buch Jeremia bekannt war, und Baruch der Verfasser beider war; er wollte sie nicht wiederholen. Zu übersehen ist nicht, daß die Thora und sämtliche Bücher bis zum Schlusse der Könige eine fortlaufende Reihe bilden. Sie sind durch das ו conjunctivum aneinandergereiht. Der Tetrateuch an Deuteronomium, dieses an Josua, dieses an Richter, Samuel und Könige. Es ist nicht richtig, was Bleek und andere behaupten, daß zwischen Richter und Samuel eine Lücke zu sein scheine. Die beiden Anhängsel zu םיטפוש beginnen ebenso mit שיא יהיו, wie das erste Kap. in Samuel I. – Aus der Verschiedenheit der Sprache der verschiedenen Bestandteile dieser Sammlung ist indes ersichtlich, daß sie nur einheitlich redigiert, keineswegs von einem und demselben Autor verfaßt sind. – Die meisten Isagogisten nehmen Baruch als Redakteur an; unrichtig behaupten aber einige, daß er diese Sammlung in Ägypten angelegt habe. Woher konnte er da die günstige Wendung von Jojachins Geschick, welche in Babylonien vor sich ging, wissen? Wenn Baruch der Redakteur war, so muß er aus Ägypten nach Babel gekommen sein. Darauf weist auch Jeremia 45, 5 b: םש ךלת רשא תומוקמה לכ לע, was mehrere Wanderungen Baruchs andeutet.


35 Das ist der Sinn von Zacharia 1, 6 ורמאיו ובושיו השע ןכ וניללעמכו וניכרדכ ונל תושעל 'ה םמז רשאכ (םכיתבא) .ונתא


36 Vgl. Könige I, 8, 47-48.


37 Zacharia 7, 1. 5. 19. Aus dem letzten V. geht hervor, daß vier Fasttage eingeführt waren, und aus den beiden ersten Stellen, daß der Fasttag des fünften Monats, d.h. der zehnte Ab, der bedeutendste Trauertag war.


38 Jesaia 58, 5.


39 Ps. 51. Die meisten Ausleger halten mit Recht diesen Ps. als exilisch durch die Anklänge an Deutero-Isaia ךשדק חור V. 13 mit Jesaia 63, 1 und רבשנ בל mit Jesaia 61, 1. Für nachexilische Zustände ist keine Andeutung darin. Unverkennbar ist der Psalm individuell gehalten und hat keine Spur von allgemeinem synagogalen Charakter. Der Psalmist bereut seine eigene Sündhaftigkeit, die aber nur gegen Gott allein gerichtet war, nicht gegen Menschen, V. 6, d.h. nur in götzendienerischer Verkehrtheit bestand. Falsch daher Ewalds Auffassung, daß der Psalmist Mord auf dem Gewissen gehabt habe; dafür würde die Reinigung mit Ysop V. 9 wahrlich nicht genügen.


40 Ps. 25. Daß dieser Psalm exilisch ist, kann keinem Zweifel unterliegen, die Zeitlage ist deutlich durch V. 13 ץרא שריי וערזו. Vgl. Note 10.


41 Ps. 106. Der exilische Charakter dieses Psalms ist unzweifelhaft. Vgl. o. S. 3 Anmerk. 1.


42 Es folgt daraus, daß zwei der Führer, welche beim Auszug aus Babel an der Spitze der Rückkehrenden standen, in diesem Lande geboren wurden, so gewiß Serubabel, der Enkel Jechanjas, ferner der junge Hohepriester Jesua, dessen Vater Jozadak nach Chronik 5, 41 ins Exil geführt wurde. Dem jüngeren Geschlechte gehörten wohl auch die übrigen zehn Führer an.


43 Jesaia 66, 2, 5. Ps. 34, 11; 24, 6. Vgl. Esra 10, 3.


44 Ps. 37, 11, 29. S. Note 10.


45 Jesaia 61, 3; 66, 10. Ps. 69, 11. Dieser Ps. ist unstreitig exilisch, wie V. 36-37 deutlich angeben.


46 Jesaia 56, 4.

47 Ps. 102, 14-15.


48 Ps. 137. Es ist sonderbar, daß die Ausleger sich durchaus darauf kaprizieren, diesen Psalm in die Zeit nach der Rückkehr zu setzen, obwohl der Ton durchweg eine düstere Stimmung verrät. Man vgl. dagegen den nachexilischen Ps. 126; die Verwünschung gegen Babel setzt entschieden den intakten Bestand des babylonischen Reiches voraus. Die Ausdrücke ךחכשא םא םלשורי und ךרכזא אל םא erinnern an Jeremia 51, 50: םכבבל לע הלעת םילשוריו 'ה תא קוחרמ ורכז, das unstreitig der Exilszeit angehört.


49 Könige I, 8, 48 f. Daniel 6, 11.


50 Daniel das. Ps. 55, 18. Auch dieser Ps. ist exilisch.


51 Jesaia 56, 7, wo zuerst הלפת תיב genannt wird.


52 Dieses Faktum folgt aus mehreren exilischen Schriften, Jesaia 56, 6 'וגו 'ה לע םיולנה, das. 8 ץבקא דוע ויצבקנל וילע: ich werde zu denen, die sich von Fremden bereits gesammelt, noch mehrere sammeln, vgl. Könige I, 8, 41.


53 Vgl. Jesaia 44, 10 f. Jeremia 10, 8 f.


54 Könige I, 8, 42.


55 In Jes. 56, 6 יתירבב םיקיזחמ... רכנה ינב scheint die Annahme der Beschneidung zu liegen.


56 Ezechiel 17, 1 םילכר ריע Jesaia 47, 15. Vgl. dazu G. Rawlinson, the five Monarchies III, p. 445 f.


57 Abydenus bei Eusebius.


58 Sprüche 7, 19-20. Über die Abfassungszeit dieses Stückes vgl. Note 10. Der Sinn von 20b אבי אסכה םויל יתיב ist: der Ehemann wird erst zur Vollmondszeit ins Haus zurückkehren. (Über אסכ s. II. 1. Hälfte. S. 332.) Die lüsterne Ehefrau, die das weiß, erwartet aber den Buhlen in dunkler Nacht (V. 9), als der Mond noch nicht schien; sie beruhigt ihn damit, daß er keine Überraschung vom Ehemann zu befürchten habe, indem dieser erst zur Vollmondszeit zurückzukehren gedenke.


59 Folgt aus Esra 1, 4, 6, daß sie viel Gold und Silber für die Rückkehrenden spendeten. Auch später sandten die babylonischen Judäer Gold und Silber nach Jerusalem (Zacharia 6, 10-11. Vgl. Josephus, Altert. XII, 3, 4). τῶν ἀπὸ τῆς Μεσοποταμίας καὶ Βαβυλωνίας Ἰουδαίων οἴκους δισχιλίους ... εἰς Λυδίαν καὶ Φρυγίαν σὺν ἐπισκευῇ μεταγαγεῖν. Diese 2000 judäischen Familien, welche aus Babylonien nach Lydien und Phrygien verpflanzt wurden, waren ohne Zweifel Kaufleute. Die kleinasiatischen Juden, welche in der Römerzeit bedeutenden Handel getrieben und Reichtum erlangt haben, waren gewiß Nachkommen dieser Kolonie der 2000 Eingewanderten.


60 Sprüche 7, 16-17.


61 Jesaia 65, 3. 11; 66, 17.


62 Das. 64, 11 a.


63 Hiob 24, 10. Daß dieses Buch der exilischen Zeit, der Zeit der Herrschaft der םידשכ, angehört, wie mehrere Ausll. annehmen, gedenke ich an einem andern Orte durch neue Beweise zu erhärten.


64 Sprüche 7, 9 f.; vgl. weiter unten.


65 Das. 1, 16; 4, 16. Jesaia 59, 7 f. Vgl. darüber Note 10.


66 Jesaia 66, 5.


67 Ps. 34, 73, wahrscheinlich auch Ps. 77, 112.


68 Ps. 37, vgl. darüber Note 10.


69 Die ersten zehn Kap. der Sprüche. S. Note 10.


70 Sprüche 8, 1 f. V. 12: המרע יתנכש [shakhanti] gibt einen schlechten Sinn und ןכש kann nicht transitiv sein. Man muß dafür lesen יתנכש [shkhenati] »meine Nachbarin«.


71 Sprüche 1, 8-19.


72 Das. 5, 1 f.


73 Sprüche 6, 27 f.


74 Das. 7, 4 f.


75 Sprüche 6, 12 f.


76 Das. 9, 1 f. Auch V. 3b muß gelesen werden vor ול הרמאו, wie in der Parallele V. 16b.


77 Das. 9, 13 f. Das Wort תשא vor תוליסכ ist unverständlich; es ist dittographiert vom vorangehenden אשת. Ferner ist הימוה als Prädikat anzusehen und Subjekt ist תוליסכ, entgegengesetzt der תומכח V. 1 vielleicht hier und 1, 20 תומכח [chokhmut], wie תוליסכ. – תויתפ gleich תויתפב ist eine Art Adverb.


78 Das. 1, 7; 9, 10.


79 Das. 1, 32. תבושמ ist wohl nicht richtig, es paßt nicht zum Parallelismus. Vielleicht תחונמ.


80 Sprüche 2, 21 f. S. Note 10.


81 Ps. 37, 25 fg.


82 Vgl. o. S. 22, Anm. 1.


83 Hiob 3, 4; 40, 15 f.; 41, 1 f.


84 Das. 28, 1 f.

85 Das. 38, 39 f.; 39, 1 f.


86 Das. 9, 9; 38, 31 f.


87 Hiob 29, 13 f.; 31, 9 f.


88 Hiob 3, 3 f.


89 Hiob 3, 20.


90 Das. 4, 17 f.; 25, 4 f.


91 Hiob 15, 10.


92 Das. 5, 27.


93 Das. 4, 12 f.


94 Das. 5, 17 f.


95 Das. 22, 5 f.


96 Hiob 8, 3 f.


97 Das. 8, 9.


98 Das. V. 10-20. Vor Vers 17 muß eine Lücke sein, ein Vers fehlt, welcher im Gegensatz zu אמג und וחא von einer unvergänglichen, niedrigen Pflanze ein Gleichnis enthielt, sonst ist das Stück unverständlich.


99 Hiob Kap. 18 und 25.


100 Die LXX haben für יתמענ Μιναῖος, als wenn er aus der idumäisch-arabischen Stadt Maon gewesen wäre, s.B. II. 1. Hälfte. S. 396.


101 Das. 11, 5-6 הישותל םלפכ ist nach der Peschito zu emendieren in הישות ול םילפכ.


102 Das. 28, 28 f.


103 Hiob 28, 1 f. Diese Partie gehört Zophar an, vgl. Frankel-Graetz, Monatsschrift, Ig. 1872 S. 244 f.


104 Das. 13, 23 f.


105 Hiob 7, 9 f.; 14, 7 f. auch 16, 22; 17, 13-16.


106 Das. 9, 22 f. zu V. 24 b אוה ימ muß ergänzt werden ינביזכי, wie 24, 25.


107 Hiob 33, 14 f. V. 23 f. nach LXX, die hier einen anderen und besseren Text voraussetzen lassen.


108 Dieser Gedanke ist in 36, 9 f. ausgedrückt und nur durch Textkorruption öfter verdunkelt.


109 Das. 34, 10 f.


110 Hiob 36, 26 f. 37, 1 f.


111 Hiob 38, 1 f.


112 Das. 40, 3-4.


113 Das. 42, 3.


114 Hiob 27, 5 f.

115 Das. 4, 3-4.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1902], Band 2.2, S. 43.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon