2. Kapitel. Die nahende Erlösung. (555-538.)

[43] Nabonad, Usurpator von Babylonien und Cyrus. Das Gesuch der Judäer um Rückkehr von Nabonad verweigert. Haß der Nationalgesinnten gegen Babylon. Nabonads Verfolgung gegen sie. Die Märtyrer für die judäische Lehre. Die exilischen Propheten. Der babylonische Jesaia. Seine Tiefe und sein Schmelz. Die von ihm aufgestellte Heilslehre. Seine Tröstungen, Ermahnungen und Hoffnungen. Cyrus' Kriegszug gegen Babylonien. Babels Sturz. Das völlige Schwinden des Götzentums aus der judäischen Gemeinde in Babylonien. Eifer für die Rückkehr. Cyrus erteilt die Erlaubnis dazu. Serubabel, Jeschua und die übrigen zehn Führer. Zahl der Rückkehrenden und ihre Freude.


Indessen fielen in Babylonien und in Vorderasien Vorgänge vor, welche das Geschick der Judäer im Exil bestimmen sollten. Neriglissar, der Nachfolger des ihnen freundlichen Ewil-Merodach (o. S. 4 f.), war gestorben und hatte einen noch unmündigen Thronfolger hinterlassen. Aus irgendeinem Grunde töteten die babylonischen Großen den jungen Königssohn, und einer derselben Nabonad (Nabonned, Nabonnid, Labynet) bemächtigte sich des babylonischen Thrones und Reiches (555). Einige Jahre vorher hatte ein persischer Krieger, der Held Cyrus (Koresch), den medischen König Astyages gestürzt und sich zunächst des medischen Reiches mit der Hauptstadt Ekbatana (Achmatana) bemächtigt und die dazu gehörigen Provinzen unterworfen. Die Frommen und Enthusiasten unter den babylonischen Judäern erblickten in diesen Vorgängen ein Vorzeichen, daß dadurch auch für ihr Geschick eine Wendung eintreten werde, zumal die Propheten Jeremia und Ezechiel auf das allerbestimmteste im voraus verkündet hatten, daß nach einiger Zeit die Exulanten in ihre Heimat wieder eingesetzt werden würden. Sie scheinen sich an Nabonad gewendet zu haben, daß er die Judäer aus der Verbannung entlassen und in ihre Heimat zurückkehren lassen möge1. Sie mögen [43] um so eher auf Erfüllung ihres Wunsches gerechnet haben, als Nabonad gleich nach seiner Thronbesteigung einen phönizischen Großen aus dem königlichen Hause, namens Merbal, auf das Gesuch der Phönizier nach der Heimat zurückkehren ließ und zum Könige derselben einsetzte, und als dieser nach einigen Jahren gestorben war, gestattete er dessen Bruder Hirom (Eiromos) nach Tyrus zurückzukehren und die Herrschaft anzutreten2. Sollte Nabonad nicht auch den Judäern dieselbe Gunst gewähren? Schaltiel, der Sohn des Königs Jojachin, mag dieses Gesuch an den gekrönten Emporkömmling gestellt und die judäischen Eunuchen am babylonischen Hofe es unterstützt haben. Allein Nabonad mochte die Söhne Judas ebenso wenig aus Babylon entlassen3, wie vormals Pharao die Söhne Israels aus Ägypten.

Diese getäuschte Hoffnung oder diese Zurücksetzung entzündete in den Gemütern der nationalgesinnten Judäer einen glühenden Haß gegen Babel und seinen König. Die alten Wunden brachen wieder auf. Sie erinnerten sich lebhafter an die Eroberung, an die Einäscherung Jerusalems und an die Entweihung des Tempels. »Aufgerieben, verzweifelt hat mich Nebukadnezar gemacht, er hat mich als leeres Gefäß zurückgelassen, hat mich wie ein Ungeheuer verschlungen, hat seinen Wanst von meinen Leckerbissen gefüllt und mich verbannt. Mein Leid komme über Babel, spricht Zion, und mein Blut über die Bewohner Chaldäas. – Wir schämen uns, daß wir so viel Schmähung vernommen, Schmach bedeckt unser Antlitz, daß Barbaren über das Heiligtum des Tempels Gottes gekommen waren4. – Zwiefaches hat dich betroffen – wer kann dich bemitleiden? Plünderung und Zerstörung, Hunger und Durst, wer kann dich trösten? Deine Söhne lagen verschmachtet an allen Straßen wie der Auer im Garn5.« – »O grausame Tochter Babel, glücklich, wer dir das vergelten könnte, was du an uns getan, glücklich, wer deine Kinder ergreifen und an den Fels schleudern könnte6.« Babel wurde von dieser Zeit ebenso wie Edom verabscheut. Dieser glühende Haß der nationalgesinnten Judäer mag nicht an sich gehalten, sondern sich in Worten oder Handlungen Luft gemacht haben. Der baldige [44] Untergang dieses sündhaften, von Götzentum und Unzucht strotzenden Landes schien ihnen gewiß. Mit Spannung folgten sie daher den kriegerischen Fortschritten des Helden Cyrus, weil ein Zusammenstoß zwischen dem aufstrebenden medisch-persischen Reiche und Babylonien unvermeidlich schien. Cyrus hatte seine Waffen gegen das lydische Reich des Krösus gerichtet, und dieser hatte ein Schutz- und Trutzbündnis mit Nabonad und mit dem König Amasis von Ägypten geschlossen. Diese sahen voraus, daß die Reihe auch an sie kommen werde und suchten sich durch gegenseitige Bündnisse zu stärken. Aber diese Bündnisse reizten den persischen Eroberer nun noch mehr, die Selbstständigkeit Babyloniens, das seinem Reiche am nächsten lag, zu brechen. Haben vielleicht die judäischen Eunuchen am babylonischen Hofe oder die zur judäischen Lehre übergetretenen Heiden mit Cyrus Unterhandlungen angeknüpft und ihm heimlich Kunde von den Vorgängen in Babel hinterbracht? Das Wohlwollen, das der persische Held später den Judäern zeigte, und die Verfolgung, welche Nabonad über die Judäer verhängte, führen auf die Vermutung, daß ein Einverständnis zwischen Cyrus und einigen Judäern bestanden oder wenigstens, daß der babylonische König sie im Verdacht eines solchen Einverständnisses gehalten hat. Nabonad war mit Ingrimm gegen sie erfüllt7.

Diese Verfolgung war zunächst gegen die Nationalgesinnten und Frommen gerichtet; harte Strafen wurden über sie verhängt und mit Grausamkeit vollstreckt, als sollte der Kern des Volkstums, wie Hiob, durch Leiden geprüft und geläutert werden. Einigen wurde harte Zwangsarbeit aufgelegt, und davon blieben selbst Greise nicht verschont8. Andere wurden noch grausamer in dunkle Kerker gebracht9 oder wurden gerauft, geschlagen und verhöhnt10. Selbst dem Martertod wurden einige ausgesetzt11, wahrscheinlich die eifrigsten, welche sich nicht scheuten, von der nahen Erlösung durch Cyrus öffentlich zu sprechen. Der Enkel des Hohenpriesters Seraja, welcher von Nebukadnezar hingerichtet worden war (II. 1. Hälfte. S. 361), scheint ebenfalls dem Tode und zwar dem Feuertode geweiht worden zu sein12. Da die Verfolgten dem Kreise der Dulder angehörten, so erduldeten[45] sie die vielfachen Leiden mit Standhaftigkeit und bestanden die Prüfung des Märtyrertums.

Ein zeitgenössischer Prophet, welcher diese Verfolgung mit erlebte oder vielleicht selbst davon betroffen wurde, schilderte sie mit wenigen, aber Schmerz erregenden Zügen. Indem er die Dulder für den Kern des Volkes ansah, spricht er von ihren Qualen, als wenn sie das ganze Volk erduldet hätte:


»Verachtet und verlassen unter den Menschen

Ein Dulder der Schmerzen und vertraut mit Leiden

– – – – – – – – – – – –

Wurde es gepeinigt, obwohl unterwürfig,

Und öffnete seinen Mund nicht.

Wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt,

Und wie ein Schaf vor den Scherern verstummt,

Öffnete es seinen Mund nicht.

Durch Kerkerhaft und Gericht wird es hingerafft,

Und sein Umherirren, wer kann es erzählen?

Denn es wurde aus dem Lande der Lebendigen gerissen.

– – – – – – – – – –

Man bestimmte bei Frevlern sein Grab

– – – – – – – – – – –

Obwohl es nicht Unrecht übte,

Und kein Trug in seinem Munde ist13.

Sie sprachen zu dir: ›Bücke dich,

Wir wollen über dich hinwegschreiten!‹

Da machtest du wie die Erde deinen Leib

Und wie eine Straße für die Vorübergehenden14«.


Es war ein Leidensstand für die Judäer in Babylonien eingetreten, der viel Ähnlichkeit mit dem ihrer Vorfahren in Ägypten hatte, nur mit dem Unterschiede, daß, statt der Sklaverei und des Arbeitszwanges auf den Feldern und bei Bauten, Kerker und Tod ihrer harrte, und daß diejenigen, welche ihre Nationalität verleugnet hatten, ungefährdet und unangefochten blieben. Auch in Babylonien stiegen die Wehklagen über die Grausamkeit zum Himmel. Die trübe Stimmung eines solchen leidenden Dulders, untermischt mit Hoffnung auf Erlösung, veranschaulicht ein Psalm, welcher in dieser Zeit der Verfolgung gedichtet wurde:


»Herr, erhöre mein Gebet

Und meine Klage möge vor dir kommen.

– – – – – – – – – –

Denn es schwinden wie Rauch meine Tage

[46] – – – – – – – – –

Ich gleiche einem Pelikan der Wüste,

Ich wurde wie eine Eule der Trümmer.

– – – – – – – – –

Den ganzen Tag lästern mich meine Feinde,

Meine Spötter sättigen sich an mir.

Denn Staub wie Brot esse ich,

Und meinen Trank mische ich mit Tränen.

– – – – – – – – – –

Du aber, Herr, weilst auf immer,

Dein Name ist für und für.

Du mögest dich erheben, dich Zions erbarmen.

Denn es ist Zeit sie zu begnadigen,

Denn die Frist ist eingetroffen,

Und es herzen deine Diener ihren Staub

Und schätzen hoch ihre Steine

Dann werden Völker den Namen Gottes verherrlichen

Und alle Erdenkönige deinen Ruhm.

Weil geschaut hat der Herr von seiner heiligen Höhe,

Hat vom Himmel zur Erde geblickt,

Zu hören das Seufzen der Gefesselten,

Zu lösen die dem Tode Geweihten,

Zu rühmen in Zion Gottes Namen

Und sein Lob in Jerusalem.

Wenn sich die Völker zusammensammeln,

Und Königreiche, den Herrn anzubeten15«.


Die von Kerker und Marter bedrohten Frommen verfolgten mit um so größerer Seelenspannung Cyrus Siege. Jeder Fortschritt in seinen Eroberungen schien ihre Erlösung zu beschleunigen. Als endlich Lydien unterworfen und Krösus besiegt war (zwischen 548 und 546), steigerte sich ihre Hoffnung, daß bald die Reihe an Babylonien kommen und der Sieger auch ihr schweres Joch brechen werde. Indessen vergingen noch mehrere Jahre, ehe Cyrus den Krieg gegen Babylonien unternahm. In dieser Zeit traten mehrere Propheten auf, deren Namen der Vergessenheit verfielen, welche zum Trost der Dulder den unvermeidlichen Untergang Babels und die baldige Erlösung der Verbannten mit erstaunlicher Gewißheit verkündeten. Zwei derselben haben Reden hinterlassen, welche denen der besten der älteren Propheten nicht nachstehen. Einer derselben hat eine solche Kraft der Beredsamkeit und Poesie entwickelt, daß seine Reden zu den schönsten nicht bloß des hebräischen Schrifttums gehören. Der eine dieser exilischen Propheten hat mehr Gewicht auf das Strafgericht gelegt, das Babel zugedacht sei, und hat seine Verkündigung in eine [47] Art Spottlied gekleidet. Er begann indes mit einer erhabenen Einleitung.


»Auf kahlen Bergen erhebet das Banner,

Ruft ihnen laut zu, schwenket mit der Hand,

Daß sie in der Vornehmen Pforten einziehen!

›Ich habe meine Geweihten entboten,

Aufgerufen Helden für meinen Zorn,

Triumphierende durch meine Hoheit.‹

Horch, ein Toben auf den Bergen gleich vielen Volkes

Horch das Rauschen!

Die Reiche der Völker sammeln sich,

Der Herr Zebaoth führt das Kriegsheer an!

Sie kommen vom fernen Lande, vom Himmels Ende,

Ihwh mit den Werkzeugen seines Ingrimmes,

Das Land zu zerstören.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich errege gegen sie die Meder,

Die Silber nicht achten und an Gold kein Gefallen haben;

Die Bogen werden Jünglinge zerschmettern,

Und die Leibesfrucht nicht schonen.

Dann wird Babel, die Pracht der Reiche,

Der Stolz der Chaldäer, wie die Zerstörung von Sodom und Gomorrha sein.«


Der Prophet schildert darauf die Verödung, welche Babel treffen wird, daß Tiere in den Prachtpalästen hausen werden, und daß die Zeit nahe sei. Er fährt dann fort:


»Denn Ihwh wird wieder Jakob sich erküren

Und Israel wieder erwählen,

Wird sie heimführen in ihr Land,

Und Fremde werden sich ihnen anschließen

Und sich anschmiegen an Jakobs Haus.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und dann, am Tage, wenn der Herr dich beruhigt hat

Von deiner Mühsal, deiner Unruhe

Und dem schweren Dienst, der dir auferlegt ward,

Dann wirst du dieses Spottlied gegen den König von Babel anstimmen:

›O, wie feiert der Zwingherr,

Feiert die Schmerzensbringerin!‹

Ihwh hat den Stab der Frevler,

Die Geißel der Tyrannen zerbrochen;

Der die Völker geschlagen,

Wird geschlagen ohne Unterlaß,

Der die Völker verfolgt,

Wird verfolgt ohne Aufhören.

– – – – – – – – – – – – – – – – – –

Es sind still und ruhig die Bewohner der ganzen Erde

Und brechen in Triumph aus.

Auch die Zypressen haben Schadenfreude an dir,

[48] Die Zedern des Libanon:

›Seitdem du liegst, kommt der Zerstörer nicht über uns.‹

– – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Wie bist du vom Himmel gefallen,

Lichtstern, o Sohn der Morgenröte!

Und du sprachest in deinem Herzen:

›Den Himmel will ich besteigen,

Über die Gottessterne meinen Thron erheben,

Sitzen auf dem Berge der (Götter) Versammlung,

Am äußersten Ende des Nordens.

In die Unterwelt wirst du gestürzt werden,

In die äußerste Tiefe des Grabes16.‹«


Zur selben Zeit, immer noch ehe Cyrus seinen Kriegszug gegen Babel unternahm, verkündete ein zweiter Prophet dasselbe17: den Sturz des sündenbelasteten und frech übermütigen Landes und die Erlösung der gebannten und mißhandelten Judäer in einer zwar weniger dichterischen Form, aber mit einer hinreißenden Fülle der Beredsamkeit. Dieser zweite namenlose Prophet, dessen lange Rede Jeremia beigelegt wurde, sah Babels Untergang so sicher voraus, daß er den Verbannten zurief, sich aus dem Lande der Verbannung zu entfernen, es zu verlassen und heimwärts in das verödete Vaterland zurückzukehren, damit sie nicht das Mißgeschick, welches über Babel unfehlbar eintreffen werde, teilen sollten. Auch er begann mit einem feierlichen Eingang:


»Verkündet es unter die Völker und ruft es aus,

Erhebt das Banner, rufet aus und verschweigt es nicht,

Sprechet: ›Erobert ist Babel, beschämt Bel,

Gebrochen Merodach, beschämt ihre Kunstgötzen,

Gebrochen ihre Scheusalgötter!

Denn es zieht gegen sie ein Volk aus dem Norden,

Dieses wird ihr Land zur Einöde machen,

Und kein Bewohner wird in ihm bleiben,

Von Menschen bis Vieh ausgewandert, entwichen

In denselben Tagen und in dieser Zeit‹

(spricht Gott)

Werden die Söhne Israels kommen,

Sie und die Söhne Judas zusammen,

Weinend werden sie wandern,

Und den Herrn, ihren Gott, werden sie aufsuchen,

[49] Zion werden sie erfragen

Zum Wege dorthin ihr Gesicht richten:

›Kommet, lasset uns Ihwh anschließen,

In ewigem Bündnis, unvergeßlich18‹«.


Babels Geschick verkündete er im voraus ganz so, wie es sich erfüllt hat:


»Läufer wird gegen Läufer rennen,

Und Boten gegen Boten,

Dem König von Babel zu verkünden,

Daß seine Stadt von allen Enden erobert ist.

Die Furten sind besetzt,

Die Burgen in Feuer verbrannt,

Und die Männer des Krieges entsetzt.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich werde ihr Meer austrocknen lassen

Und ihre Quelle versiegen machen19«.


Effektvoll sind manche Wendungen auch dieses Propheten: Von Babels Macht und Eroberung sprechend, redete er es im Namen Gottes an, in dessen Hand es ein Werkzeug war:


»Ein Hammer warst du mir, ein Kriegsgerät.

Ich schlug mit dir Völker

Und zerstörte mit dir Reiche,

Schlug mit dir Roß und Reiter,

Schlug mit dir Kriegswagen und Kämpfer,

Schlug mit dir Mann und Weib,

Schlug mit dir alt und jung,

Schlug mit dir Jüngling und Jungfrau,

Schlug mit dir Ackersmann und sein Gespann,

Schlug mit dir Statthalter und Fürsten.

So werde ich Babel und allen Bewohnern Chaldäas heimzahlen

Alles Böse, das sie an Zion vor meinem Auge getan.

Ich komme über dich, du Berg des Verderbens,

Welcher die ganze Erde verderbte,

Strecke meine Hand über dich aus,

Stürze dich von den Felsen

Und mache dich zu einem feuerspeienden Berge,

Man wird von dir nicht einen Stein zur Zinne

Und nicht einen Stein zur Grundfeste machen,

Denn ewige Trümmer wirst du sein20«.


Die judäischen Verbannten in Babylonien forderte der Prophet auf, den Untergang Babels nicht abzuwarten, sondern die Angst, in der es schwebt, zu benutzen, es zu verlassen, um nicht mit ihm unterzugehen.


[50] »Weichet aus Babel und ziehet aus dem Lande der Chaldäer,

Und seid wie Leitböcke vor der Herde.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Fliehet aus Babel und rette ein jeder sich selbst,

Daß ihr nicht in ihrer Schuld untergeht!

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ihr vom Schwert Geretteten, gehet, weilet nicht,

Denket aus der Ferne an Zion,

Und Jerusalem möge euch eingedenk sein21


Als Cyrus endlich den längst gehegten Eroberungszug gegen Babylonien antrat, und die Spannung unter den judäischen Exulanten beklemmend wurde, zumal die Verfolgung gegen die Nationalgesinnten sich noch immer mehr steigerte, trat ein Prophet auf mit einer Glut von Beredsamkeit, welche in dieser Form ihresgleichen sucht. Wenn ein Kunstwerk darin seine Vollendung hat, daß Inneres und Äußeres, Gedanke und Form in Einklang sind, daß diese die Tiefe der Ideen anschaulich und allgemein verständlich macht, so ist die lange prophetische Rede oder die Reihe der Reden dieses Propheten – den man aus Unkenntnis seines Namens notbehilflich den »zweiten Jesaia« oder den »babylonischen Jesaia« nennt, – ein rednerisches Kunstwerk ohne Seitenstück. Vereint findet sich in diesen Reden Gedankenfülle mit Formvollendung, hinreißende Kraft mit schmelzender Weichheit, Ebenmaß von Einheit und Mannigfaltigkeit, dichterischer Schwung mit Einfachheit, und dieses alles in einer so edlen Sprache und in so warmen Tönen gehalten, daß sie, obwohl nur für die damalige Zeitlage berechnet, zu allen Zeiten verstanden werden und ergreifend wirken. Der babylonische Jesaia hat seine leidenden judäischen Zeitgenossen tröstend erheben und auf ein hohes Ziel hinweisen wollen und hat damit dem leidenden israelitischen Stamm vor den Augen aller mit Sinn und Herz Begabten, welchem Stamme und welcher Zunge sie auch angehören, die Lösung eines Rätsels nahegelegt, deren Richtigkeit die nachfolgenden Jahrtausende bewährt haben: wie ein Volksstamm zugleich klein und groß, zugleich elend und zum Tode gehetzt und doch unsterblich, zugleich verachteter Knecht und erhabenes Musterbild sein kann. An Gedankenhoheit und Glanz übertrifft der zweite Jesaia bei weitem den ersten, obwohl jener nur innerhalb des engen Kreises einer zählbaren Gemeinde ein beschränktes Gebiet für seine Beredsamkeit hatte, die leicht in Eintönigkeit und Wiederholungen hätte verfallen können, während dieser in einer volkreichen Hauptstadt im Anblick des Heiligtums mit Abwechslung über die sich darbietenden Stoffe sprechen konnte. Nur [51] in einem Punkte steht der zweite Jesaia dem ersten nach, in der glücklichen Wahl dichterischer Bilder und Gleichnisse, oder richtiger jener scheint von der Höhe seiner lichtvollen und zugleich poetischen Darstellung diesen Schmuck verschmäht zu haben. Wer war dieser Prophet, zugleich tiefer Denker und Dichter? Nichts, gar nichts hat er von sich verlauten lassen, noch haben andere etwas über seine Lebensumstände überliefert. Die Sammler prophetischer Schriften haben, weil sie in der Fülle und Hoheit seiner Sprache Ähnlichkeit mit der des älteren Jesaia fanden, diese Reden an die des letzteren angereiht und sie zusammen zu einem Buche verbunden. Nur ein einziges Mal scheint der Prophet des Exils von sich zu sprechen:


»Der Geist des Herrn Ihwh kam über mich,

Weil Ihwh mich auserkor, den Duldern frohe Botschaft zu bringen,

Er sandte mich die Herzensgebrochenen zu heilen,

Den Gefangenen Freiheit zu verkünden

Und den Gefesselten Erlösung,

Zu verkünden ein Jahr der Gnade für den Herrn,

Und einen Tag des Eifers für unsern Gott,

Alle Trauernden zu trösten,

Den Trauernden um Zion Ehre zu gewähren,

Ihnen Kopfschmuck statt Asche zu geben,

Öl der Freude, statt Trauergewand,

Prachthülle statt des gedrückten Gemütes22


Keiner verstand es in der Tat so gut, wie dieser Prophet, die schmerzensreiche Gemeinde Judas so gemütvoll zu trösten und so ermutigend zu erheben. Seine Worte lindern, wie Balsam auf eine Wunde oder wie ein fächelnder Luftzug auf eine glühende Stirne. »Tröstet, tröstet, mein Volk« so begann er:


»Tröstet, tröstet, mein Volk, spricht euer Gott,

Redet Jerusalem zu Herzen und rufet ihr zu,

Daß ihre Dienstzeit vollendet ist,

Daß gesühnt ihre Schuld,

Daß sie aus der Hand Gottes doppelt empfangen für alle ihre Strafen:

Eine Stimme ruft:

›In der Wüste räumet einen Weg für Ihwh,

Ebnet in der Einöde eine Straße für unsern Gott!

Jedes Thal erhöhe sich,

Und jeder Berg und Hügelkegel senke sich,

Die Krümmung werde zur Gradheit,

Und die Unebenheiten zum Tale,

[52] Ihwhs Herrlichkeit wird sich offenbaren,

Dann wird alle Kreatur schauen,

Daß Gottes Mund gesprochen23.‹«


Die bis zur Erschöpfung leidende und trostesbedürftige Gemeinde stellt dieser Prophet als eine wegen ihrer Schuld verstoßene und ihrer Kinder beraubte Mutter dar, die aber ihrem Gatten noch immer als Jugendgeliebte teuer geblieben ist24. Diese Verlassene nennt er Jerusalem, und dieser Name war für ihn der Inbegriff aller Zärtlichkeit und Herzensregung. Er ruft dieser verlassenen Mutter zu:


»Ermuntere dich, ermuntere dich, auf, Jerusalem!

Die du aus der Hand Gottes den Taumelkelch getrunken!

Keinen Führer hat sie von allen Kindern,

Die sie geboren,

Keiner faßt ihre Hand von allen Söhnen,

Die sie groß gezogen!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In Wahrheit, höre das, Unglückliche und Berauschte ohne Wein!

So spricht dein Herr, Ihwh:

›Ich nehme den Taumelkelch aus deiner Hand

Du sollst ihn nicht mehr trinken.

Ich gebe ihn in die Hand deiner Unterdrücker,

Die da zu dir sprachen:

Lege dich nieder, wir wollen über dich schreiten!‹

Und du machtest wie die Erde deinen Leib,

Und wie eine Straße für die Vorübergehenden.

Erwache, erwache, kleide dich in Macht Zion,

Ziehe deine Prachtkleider an, Jerusalem, heilige Stadt!

Denn nicht mehr soll in dich einziehen ein Unbeschnittener und Ureiner.

Schüttele dich ab vom Staube, stehe auf, Gefangene Jerusalems,

Löse von dir deines Halses Joch, gefangene Tochter Zion25!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Unglückliche, Durchstürmte, Ungetröstete!

Ich lege deine Schwellen mit Glanzsteinen,

Und mache deinen Grund aus Saphiren ...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Und alle deine Söhne zu Gottesjüngern,

Und groß wird das Heil deiner Söhne sein26

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet,

So werdet ihr getröstet werden,

Und in Jerusalem getröstet werden«27.


[53] Worin dieser Trost besteht? Nicht in Hoffnung auf eitlen, weltlichen Glanz, nicht auf Macht und Herrschaft, sondern auf ein weltumfassendes Heil. Dieser Prophet des Exils hat zuerst den Gedanken von dem an Abraham verheißenen Segen für alle Geschlechter der Erde28 als Heilslehre (Jescha, Jeschuah, Zedakah)29 aufgefaßt und ihre ganze Tiefe zum klaren Verständnis gebracht. Eine ganz neue sittliche Ordnung soll in die Welt einziehen, gewissermaßen ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden, und das Alte soll vergessen und vergeben sein30. An diesem Heile werden alle Völker, alle Enden der Erde teilnehmen; vor dem Gotte, den Israel verehrt und verkündet, wird jedes Knie sich beugen, zu ihm jede Zunge schwören:


»Lauschet mir Völker und Nationen vernehmet,

Denn eine Lehre wird von mir ausgehen,

Und mein Recht zum Lichte der Völker beschleunige ich.

Nahe ist meine Gerechtigkeit, aufgegangen mein Heil.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Auf mich werden die Küstenländer hoffen,

Und auf meinen Arm (Kraft) harren«31.


Für dieses Heil ist Abraham aus weiten Erdenräumen berufen und seine Nachkommen von Mutterleibe an auserwählt worden32. Israel, das Volk Gottes, ist von Ihwh als sein Knecht und Sendbote an die Völker auserkoren worden, um diesen als Licht und als Bündnis zu dienen, um blinde Augen zu öffnen33. Das sei eben der Zweck Gottes, der seine Vorsehung von Anbeginn im Auge gehabt. Als er den Himmel gespannt und die Erde gegründet, hat er zugleich Israel oder Jeschurun zu seinem Volke, seinem Knechte und seinem Apostel in Aussicht genommen34.

Dieses auserkorene Apostelvolk, der Träger des Heils für alle Völker und alle Zungen, verherrlicht die poetische Beredsamkeit dieses Propheten so überschwenglich, daß es als ein Ideal erscheint. Gibt es denn etwas Höheres als Führer der Völker auf dem Wege des Rechtes, der Wahrheit und des Heils zu sein? Sollte Israel nicht stolz darauf sein, sollte sein Herz nicht höher schlagen im Bewußtsein, zu so hohem Beruf auserkoren zu sein? Der Prophet gab [54] zugleich an, wie dieses Ideal-Volk sein Apostelamt verwirklichen sollte:


»Sieh'! Auf meinen Knecht, auf den ich mich stütze,

Auf meinen Auserwählten, den meine Seele liebt,

Habe ich meinen Geist gegeben,

Daß er das Recht den Völkern offenbare.

Er wird nicht schreien, noch lärmen,

Wird nicht auf der Straße seine Stimme hören lassen.

Nicht ein geknicktes Rohr wird er zerbrechen,

Nicht einen verglimmenden Docht wird er auslöschen.

Zur Wahrheit wird er das Recht offenbaren,

Er wird weder ermatten noch eilen,

Bis er festgestellt auf Erden das Recht,

Und auf seine Lehre werden die Küstenbewohner harren«35.


Nicht durch Gewalt soll der Sendbote Gottes die Wahrheit zum Siege bringen und die Lehre verbreiten, nicht einmal dem bereits sinkenden Götzentum soll er den letzten Stoß geben. Wie soll er aber die Lehre zur allgemeinen Anerkennung bringen? Durch das eigene Beispiel, indem er sich zum Märtyrer und zum Opfer für seine eigene Lehre freiwillig hingibt, standhaft allen Verfolgungen gegenüber bleibt, Schmähung und Verachtung geduldig erträgt. Unnachahmlich setzt dieser Prophet des Exils diese von Israel erkannte Lebensaufgabe mit kurzen Worten auseinander, und diese Worte legte er dem Volke selbst in den Mund:


»Mein Herr Ihwh gab mir die Sprache gelehrter Jünger,

Zu wissen den Ermatteten ein Wort zu erwidern36,

Er erweckt mir jeden Morgen,

Erweckt mir das Ohr zu hören, gleich gelehrten Jüngern.

Mein Herr Ihwh hat mir das Ohr geöffnet,

Und ich widerstrebte nicht und wich nicht zurück.

Meinen Leib gab ich den Schlägen preis,

Und meine Wangen den Raufenden hin.

Mein Antlitz habe ich nicht verhüllt vor Schmach und Anspucken.

Mein Herr Ihwh wird mir beistehen,

Darum machte ich mein Gesicht wie Kiesel.

Ich wußte, daß ich nicht beschämt werden werde.«


Dieses mit Bewußtsein getragene Märtyrertum, die Standhaftigkeit auf der einen Seite und die sanftmütige Erduldung auf der andern Seite müssen, so verkündete der babylonische Jesaia, die Lehre der Gerechtigkeit, welche das Ideal-Israel vertritt, siegreich machen und [55] ihm den gebührenden Lohn eintragen. Auch diesen Gedanken läßt er durch den Mund des Volkes verkünden:


»Höret ihr Küstenvölker mir zu,

Und lauschet Nationen in der Ferne.

Ihwh hat mich von Mutterschoß berufen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert,

Barg mich im Schatten seiner Hand.

Machte mich zu seinem auserwählten Pfeil,

Barg mich in seinem Köcher

Und sprach zu mir: ›Mein Knecht bist du,

Israel, dessen ich mich rühme.‹

Und ich meinte, vergeblich habe ich mich gequält,

Um nichts und Hauch meine Kraft erschöpft.

Indes ist mein Recht bei Ihwh

Und mein Lohn bei meinem Gotte.

Und jetzt sprach Ihwh, der mich von Mutterschoß sich zum Knecht gebildet,

Daß er Jakob zu sich zurückführen will,

Und Israel soll nicht untergehen,

Ich werde in Ihwhs Augen geehrt sein

Und mein Gott ist meine Macht geworden.

Er sprach:

›Ein Geringes ist's mir, mir Knecht zu sein,

Aufzurichten die Stämme Jakobs

Und Israels Schößlinge zurückzuführen,

So mache ich dich zum Lichte der Völker,

Daß mein Heil bis an der Erde Grenze sei37.‹«


Die Völker selbst werden zur Einsicht gelangen, daß dieses Volk in Knechtsgestalt gerade wegen seines Leidensstandes, seiner Ausdauer und seiner Opferfreudigkeit eine große Aufgabe gelöst, den Völkern Heil und Frieden gebracht habe. Einst werden sie vom Knechte Gottes sprechen:


»Sieh', mein Volk wird glücklich sein,

Erhöht, hoch und erhaben gar sehr.

Wie viele über ihn erstaunten:

›Ist doch sein Aussehen so entstellt von Menschen,

Und seine Gestalt von Menschensöhnen‹,

So wird er viele Völker auffahren machen,

Könige werden ihren Mund verschließen.

Denn was ihnen nicht erzählt worden,

Werden sie gesehen,

Und was sie nicht vernommen,

Werden sie eingesehen haben.

›Wer hätte unserer Kunde geglaubt,

Und wem war Ihwhs Arm (Macht) geoffenbart?

Er stieg vor ihm wie ein Reis auf,

[56] Und wie eine Wurzel aus einem Lande der Wüste,

Hatte kein Ansehen, keinen Reiz, daß wir sein begehrten,

Verachtet und verlassen unter den Menschen,

Ein Mann der Schmerzen, vertraut mit Leiden.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In Wahrheit ertrug er unsere Krankheit,

Und unsere Schmerzen erduldete er.

Wir aber glaubten ihn von Gott getroffen, geschlagen, gepeinigt,

Indes wurde er von unseren Sünden verwundet,

Gedemütigt von unserer Schuld.

Die Zucht unseres Heils liegt auf ihm,

Und durch seine Wunde werden wir selbst geheilt.

Wir alle irrten wie eine Herde umher,

Ein jeder ging seines Weges,

Und Gott hat durch ihn unser aller Schuld gezüchtigt.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ihwh beabsichtigte ihn bis zur Schwäche zu demütigen;

Wenn er sich selbst zum Opfer macht,

Wird er Nachkommen sehen, lange leben,

Und der Zweck Ihwhs wird durch ihn gelingen38.‹«


Den Grundgedanken, den der Prophet des Exils in einen dichterisch gestalteten Monolog der Völker einkleidete, drückte er in einer anderen Wendung kurz und eindringlich aus: »Der Tempel für den Gott Israels wird einst ein Bethaus für alle Völker werden39

So hat der babylonische Jesaia das dunkle Rätsel im Lebensgange des israelitischen Volkes gelöst. Es hat den schweren Beruf des Apostelamtes für die Völker überkommen, und dieses Amt soll es durch Leiden und Standhaftigkeit lösen. Als Märtyrer-Volk ist es ein Apostel-Volk und bleibt unsterblich. Zu diesem Zwecke hat Gott das Exil über sein Volk verhängt, zu seinem eignen Besten, damit es in dem Schmelztiegel des Leidens geläutert werde40.

Das Eintreffen des Heils für die Völker vermittelst des seit Anbeginn dazu erwählten Knechtes Gottes hielt der Prophet für nahe bevorstehend41. Der Sturz des babylonischen Reiches mit seinem zugleich albernen und unzüchtigen Götzentum und die Erlösung der judäischen Gemeinde aus der Verbannung sollten dieses Heil fördern. Der Untergang des sündhaften Babel stand auch diesem Propheten als unabwendbare Aussicht so fest, daß er davon nicht in prophetischer Vorschau, sondern wie von einer Tatsache sprach. Er widmete Babel ein höchst gelungenes Spottlied:


[57] »Steig' hinab und sitz' im Staube, Tochter Babel,

Sitz auf der Erde, du hast keinen Thron mehr, Tochter Chaldäa,

Man wird dich nicht mehr Zarte und Verzärtelte nennen!

Nimm die Mühle und mahle Mehl, nimm die Kopfbinde ab,

Entblöße den Fuß, entblöße das Bein, durchschreite Flüsse.

Möge deine Scham entblößt, deine Schmach sichtbar werden!

Rache will ich nehmen und keinen Menschen schonen.

Sitze schweigend und geh' ins Dunkel, Tochter Chaldäa,

Man wird dich nicht mehr nennen die Herrin der Reiche42


Er verspottete auch die astrologische Kunst, deren sich die babylonischen Weisen rühmten, daß sie dadurch den Schleier der Zukunft zu lüften vermöchten:


»Tritt doch auf mit deinen Himmelsteilen, mit der Fülle deiner Zauberei,

Um welche du dich seit deiner Jugend abgemüht,

Vielleicht kann es dir nützen, vielleicht kannst du Schrecken einflößen!

Du bist erschöpft bei der Menge deiner Ratschlüsse;

Mögen sie doch auftreten und dir helfen, die Himmelsteiler,

Die Sternseher, die allmonatlich kund tun,

Was über dich kommen wird43


Das plumpe Götztentum der Chaldäer verspottete er mit so beißender Ironie, wie keiner seiner Vorgänger44. Den Sieg des Helden Cyrus (Koresch) verkündete er mehr als gewisse Tatsache, denn als Gegenstand der Prophezeihung; was er in prophetischer Vorschau voraussagte, das war, daß Cyrus den judäischen und israelitischen Verbannten die Freiheit geben werde, in ihre Heimat zurückzukehren und Jerusalem und den Tempel zu erbauen45. Der Prophet bemerkte dabei ausdrücklich, daß er es im voraus prophezeihe, damit, wenn es eingetroffen sein würde, das prophetische Wort und die göttliche Vorsehung dadurch beurkundet erscheinen mögen. Dieses weittragende Ereignis werde eben so unfehlbar eintreffen, wie sich frühere Verkündigungen bewährt haben46. Der persische Sieger über Medien und Baktrien, über Lydien, Kleinasien und über so viele Völker sei nur ein ausgewähltes Rüstzeug für den Zweck, daß durch ihn die Erlösung eintrete und das Heil gefördert werde.


»Wer hat von Osten ihn erweckt,

Daß man das Heil bei seinem Schritt verkünde?

Wer unterwarf ihm Völker und ließ ihn Könige beherrschen?

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich habe die Erde gebildet

[58] Und Menschen darauf erschaffen,

Meine Hände haben die Himmel ausgespannt

Und alle die Himmelsheere entboten,

Ich habe ihn erweckt zum Heile,

Habe alle seine Wege gebahnt.

Er wird meine Stadt erbauen

Und meine Verbannten entlassen,

Nicht um Tausch und nicht um Geschenke.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

So sprach Gott zu seinem auserwählten Koresch,

Dessen Hand ich erfaßt, um Völker vor ihm zu unterwerfen!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

›Ich ging vor dir her und ebnete die Wege,

Zerbrach ehrne Pforten und durchschnitt eiserne Riegel,

Gab dir Reichtümer des Dunkels und tiefverborgene Schätze,

Damit du erkennest, daß ich Ihwh bin,

Der dich berufen hat, der Gott Israels,

Um meines Knechtes Jakob willen47.‹«


Nebenher deutete der Prophet an, daß Cyrus, sowie die Perser und ihre stammgenössischen Völker, obwohl dem babylonischen Götzentum und Bilderdienst abgeneigt, auch nicht den reinen Gottesbegriff der Bundeslehre Israels hegten. Sie erkennen einen Gott des Lichtes (Ormuzd, Ahura-Mazda) und einen Gott der Finsternis (Ahriman, Angro-Mainyus), einen Gott des Guten und einen Gott des Bösen, an:


›Ich berief dich, aber du kennst mich nicht,

Ich gürtete dich, aber du erkennst mich nicht an.

Damit sie von Sonnenaufgang bis Sonnenniedergang erkennen,

Daß es außer mir keinen Gott gibt,

Der das Licht und die Finsternis geschaffen,

Glück und Unglück hervorgebracht,

Ich habe beides gemacht48.‹


Dieser Prophet des Exils hat zuerst mit unzweideutigen Worten den Gedanken voll ausgesprochen, daß die göttliche Einheit die Einheit der Welt bedinge, daß die Zwiespältigkeit in der Gottheit und der Widerstreit in der Schöpfung einer und derselben Quelle entspringe, und daß der Weltschöpfer auch Weltleiter sei durch den Auf- und Niedergang in der geschichtlichen Aufeinanderfolge49. Cyrus' Siege bedeuteten nach diesem Propheten die Morgenröte des Heils, und die Erlösung der Verbannten soll dessen Vollendung anbahnen. Diese Erlösung [59] und Rückkehr schilderte der Prophet im voraus mit den lebhaftesten Farben in dichterischem Schwunge:


»Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir,

Von Osten werde ich deine Nachkommen heimbringen

Und von Westen dich sammeln,

Werde zum Nord sprechen: ›Gib heraus‹

Und zum Süden: ›Halte nicht zurück,

Bring heim meine Söhne aus der Ferne

Und meine Töchter von den Enden der Erde,

Alle, die sich nach meinem Namen nennen,

Und die ich zu meinem Ruhme geschaffen, gebildet und gemacht50.‹«


Für die Heimkehrenden werden die Wunder des Auszuges aus Ägypten sich wiederholen; die Wege werden sich vor ihnen ebnen, in der Wüste werden Quellen zu ihrer Erquickung hervorsprudeln, und die Einöde werde sich in einen blühenden Garten verwandeln51. In der Heimat werden die Zurückgekehrten die Trümmer aufbauen, die verödeten Städte aufrichten, die Wüsteneien in einen Garten Gottes umwandeln und ungestört ihrem Berufe in Freuden leben können52. Der Geist, den Gott auf seinen Volksknecht gelegt, und die Lehre, die er ihm in den Mund gelegt, werden nimmer von ihm in allen folgenden Geschlechtern weichen53.

Einem großen, die religiöse Anschauung in der Zukunft umgestaltenden Gedanken lieh dieser zukunftkündende Prophet des Exils sein beredtes Wort, daß die Gottheit zu erhaben sei, um in einem noch so ausgedehnt angelegten Tempelraume weilend vorgestellt zu werden, und daß das Innere des Menschen ein Tempel Gottes sein soll!


»Der Himmel ist mein Thron und die Erde mein Fußschemel.

Was für einen Tempel wollet ihr mir bauen,

Und welcher Ort kann mein Ruhplatz sein?

Dieses alles hat meine Hand erschaffen,

Sprach's und dieses alles ist entstanden.

Nur auf einen solchen blicke ich.

Auf einen Demütigen und Gemütsgebeugten,

Der auf mein Wort eifrig ist54


Die geläuterte Frömmigkeit einiger Judäer im Exile machte diesen Gedanken zu ihrem Eigentum: »Die Himmelshöhen können dich (Gott) nicht fassen, um wie viel weniger ein Tempel«55.

[60] So weit die Lichtseite, welche der Prophet des Exils geschildert und verkündet hat. Aber die Schattenseite war noch stärker, sie zeigte sich in dem ganzen Zustande der damaligen Gegenwart. Der als Gottesknecht Berufene versagte den Dienst, der Apostel, welcher die Wahrheit verkünden sollte, war blind und taub. Statt die ihm überlieferte Lehre zu verherrlichen, hat das Volk sie nur verächtlich gemacht und ist dadurch selbst zur Verachtung geworden.


»Ihr Tauben höret, und ihr Blinden sehet zu schauen!

Wer ist so blind, wie mein Knecht, wer so taub wie mein gesandter Bote?

Vieles hast du gesehen und nichts beachtet,

Ohren sind ihm geöffnet, und er höret nicht.

Gott bezweckte, um seines Heiles Willen,

Daß er die Lehre erhebe und verherrliche,

Und es ist ein verachtetes und geplündertes Volk,

In Höhlen hineingestoßen und in Kerkerhäusern verkrochen56


Eben deswegen, weil die Wirklichkeit des Volkes dem Ideale so wenig entsprach, wurde dem Propheten die Aufgabe zu predigen, zu ermahnen, zu rügen und aufzurütteln. Die judäische Gemeinde im Exil bestand aus zwei einander feindlichen Klassen oder Parteien, aus den Frommen und Nationalgesinnten, den Trauernden um Zion auf der einen und den Weltlichen auf der andern Seite, die von Zion, von der Rückkehr, von der Heilslehre nichts wissen mochten. Jene, durch Verfolgung und Leiden kleinmütig und verzagt geworden, wagten nicht in der spannungsvollen Zeit aufzutreten und sich zu einer Tat aufzuraffen57, und diese haßten, verachteten, ja verfolgten diejenigen, welche von Erlösung, Heimkehr und Veränderung sprachen. Jene rangen verzweifelt mit dem beklemmenden Gedanken, daß Gott sein Volk aufgegeben und vergessen habe58, und diese riefen ihnen höhnisch zu: »Möge sich doch Gott groß zeigen, wir wollen eure Freude sehen«59. Der Hauptzweck der Rede dieses großen unbekannten Propheten war, die eine Klasse zu ermutigen und die andere durch sanfte und harte Worte zur Gesinnungsänderung zu bewegen. Diesen rief er zu, sie mögen aus den Zeichen der Zeit erkennen, daß Gottes Gnade nahe sei, und sie benutzen, um ihre bösen Wege und Pläne aufzugeben:

[61] »Denn meine Pläne sind nicht eure Pläne, und meine Wege nicht eure Wege. Denn wie Regen und Schnee vom Himmel niederfahren und nicht dahin zurückkehren, sie hätten denn die Erde erquickt und befruchtet, so wird mein Wort, das aus meinem Munde fährt, nicht leer zurückkehren, es hätte denn bewirkt, was ich bezweckt, und gelingen lassen, wozu ich es gesendet«60. Denen, welche an äußerlicher Frömmigkeit, an Fasten und Beugungen Genüge fanden, sagte der Prophet an einem feierlich begangenen Fasttage, worin die Frömmigkeit bestehen soll:


»Zu lösen die Knoten der Bosheit,

Zu sprengen die Bande des Joches,

Die gewaltsam Geknechteten freizulassen,

Und jedes Joch sollt ihr zerbrechen.

Wahrlich, wenn du den Hungrigen dein Brot brichst,

Und irrende Arme ins Haus bringest,

Wenn du einen Nackten siehst und ihn bedeckest,

Und von deinen Blutsverwandten dich nicht abwendest,

Dann wird ausbrechen wie die Morgenröte dein Licht,

Und dein Heilmittel wird bald aufblühen61

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Den groben Verbrechern hielt er ihre Schandtaten ungescheut vor und sagte ihnen, daß ihre Sünden bisher eine Scheidewand zwischen Gott und ihnen gebildet62. Er legte ihnen ein Gebet und ein Sündenbekenntnis in den Mund, um ihnen die zermalmende Antwort darauf im Namen Gottes zu erteilen:


»Ich habe mich suchen lassen für die, so nicht nach mir gefragt,

Habe mich finden lassen für die, so mich nicht gesucht,

Habe, ›da bin ich, da bin ich‹ geantwortet,

Einem Volke das meinen Namen nicht anrief.

Habe die Hand alltäglich gereicht

Einem unbändigen Volke, das einen nicht guten Weg geht,

Seinem Plane nach«63.


Je mehr sich der Prophet dem Schlusse seiner Rede näherte, desto herber sprach er gegen die Weltlichen, Gleichgültigen, Selbstischen, die sich vom Götzentum und seinen unsinnigen Bräuchen und von dem daraus entsprungenen unsittlichen Wandel nicht losmachen konnten. Er verhieß diesen harte Strafe und den Frommen als Belohnung eine ungetrübte Freude64. Zuletzt schilderte der Prophet die Erlösung und Heimkehr und prophezeite, wie sämtliche Zerstreute von [62] Juda und Israel zum heiligen Berge Jerusalems gesammelt werden würden.


»Wer hat solches gehört, wer solches gesehen?

Kann ein Land in einem Tage bevölkert werden,

Oder kann ein Volk auf einmal geboren werden?

Denn es kreist Zion und gebiert ihre Söhne!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

›Die Zeit ist gekommen, alle Völker und Zungen zu sammeln,

Sie werden kommen und meinen Ruhm sehen.

Ich werde an ihnen ein Zeichen geben

Und werde Flüchtlinge von ihnen senden,

Zu den Völkern nach Tarschisch (Spanien),

Nach Put (Südarabien), Lud (Lybien), den bogenspannenden,

Nach Tubal (Tibarene) und nach Jonien,

Den fernen Inseln, die meinen Namen nicht vernommen,

Und meinen Ruhm nicht gehört,

Und sie werden meinen Ruhm unter die Völker verkünden,

Sie werden alle eure Brüder von den Völkern

Als Huldigungsgeschenk bringen

Auf Rossen, Wagen, bedeckten Wagen, auf Maultieren und Rennern

Hinauf zu meinem heiligen Berge Jerusalem.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Und auch von ihnen werde ich zu Priestern und Leviten nehmen‹«65.


Dann wird alle Kreatur an jedem Sabbat und jedem Neumond nach Jerusalem wallfahrten, um den Gott Israels anzubeten; die Frevler aber, deren Strafe sie wahrnehmen wird, werden ihr zum Abscheu dienen66.

Der König Nabonad und das babylonische Volk waren vielleicht nicht in so erregter Spannung über den Ausgang des Krieges zwischen Persien und Babylonien, als die judäische Gemeinde in Babylonien. Hochfliegende Hoffnungen und beklemmende Befürchtungen wechselten in ihrem Innern ab, ja, Fortbestand oder Untergang des judäischen Stammes knüpfte sich daran. Die Babylonier dagegen sahen mit einer gewissen Gleichgültigkeit Cyrus' Kriegsrüstungen entgegen67. Das Land schien nämlich im Norden hinlänglich durch die sogenannte medische Mauer geschützt, welche vom Euphrat bis zum Tigris das Eindringen von Feinden unmöglich machen sollte, und von den übrigen Seiten erschwerten die beiden Flüsse und die Kanäle, welche das Land durchschnitten, den Einfall oder die Bewegung feindlicher Heere.

[63] Indes wußte Cyrus, als er den Krieg unternahm (540), diese Schwierigkeiten zu beseitigen. Er hatte zahlreiche Armeen und keine Eile und ließ von seinen Soldaten durch Teilung und Ableitung der Flüsse sie seicht und durchschreitbar machen. Ehe sich's die Babylonier versahen, stand sein großes und kampflustiges Heer diesseits des Tigris. Die babylonischen Truppen, welche Nabonad ihm entgegenschickte, wurden von den Persern geschlagen, und das ganze Land stand dem Sieger offen. Noch setzte Nabonad seine Hoffnung auf die festen Mauern, Türme und das Wasserwehr des Euphrat seiner Hauptstadt, die sie in der Tat uneinnehmbar machten. Gegen eine noch so langwierige Belagerung schützten sie die Mundvorräte, welche Nabonad für zwanzig Jahre ausreichend hatte anhäufen lassen.

In dieser Zeit der Spannung, als die treuen Judäer zwischen Hoffnung und Furcht schwebten, verkündete ein namenloser Prophet in einer kurzen, rätselhaften, aber bedeutungsvollen Rede den baldigen Sturz Babels:


»Wie Stürme den Süden durchstreifen,

So kommt es aus der Wüste, aus dem schrecklichen Lande.

Ein schweres Gesicht ist mir verkündet worden:

Der Räuber wird beraubt, der Eroberer wird erobert.

›Auf Elam! Medien belagere! Alle ihre Ruhe störe ich!‹

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Auf der Warte stehe ich stets am Tage,

Und auf der Wache stehe ich alle Nächte,

Da kam Reiterei, Ritter paarweise,

Und sprach:

›Gefallen, gefallen ist Babel,

Und alle ihre Götzen hat er zur Erde gestürzt!‹

Mein Zerdroschnes, Sohn meiner Tenne,

Was ich von Ihwh Zebaoth, dem Gotte Israels, vernommen.

Habe ich euch verkündet68«.


Und so traf es auch ein.

Als Cyrus sich überzeugt hatte, daß die Belagerung Babels vergeblich war, ließ er durch Ableitung des Euphratwassers in einen gegrabenen See den Fluß, welcher die Stadt in zwei Hälften teilte, seicht machen, und seine Krieger drangen in der Nacht durch das Flußbette in die Stadt, während die Bewohner an einem Feste sorglos und sinnlos in Schwelgereien und Tänzen taumelten. Ein Teil der Stadt war bereits von dem eindringenden Feinde eingenommen und das Wehklagen der Ermordeten wurde von dem Freudenrausch in dem anderen Teil derselben übertönt. Als der Tag anbrach, [64] war Babel von Feinden erfüllt und jeder Widerstand vergeblich. Nabonad ergab sich dem Sieger und überließ ihm Thron und Reich. So fiel das sündhafte Babel (August 539)69 nach zweijährigem Kriege ganz so, wie die judäischen Propheten vorausverkündet hatten. Nur das grausige Strafgericht traf weder den König noch das Volk. Cyrus war ein milder Sieger. Aber das scheußliche Götzentum sank an demselben Tage. Die Gottesverehrung der siegenden Völker, der Perser und Meder, war im Vergleich zu jener der Babylonier lauter; sie hatten nur zwei oder drei Götter, hatten einen Abscheu vor der Bilderverehrung der Babylonier70 und haben vielleicht deren Götzen zerstört.

Der Fall Babels hat die ganze judäische Gemeinde vom Götzendienst gründlich und für alle Zeiten geheilt. Hat sie doch mit eigenen Augen gesehen, wie die noch Tages vorher hochverehrten Götter in den Staub sanken, wie Bel hinkniete, Nebo sich krümmte und Merodach sank71. Babels Sturz hat die Umwandlung des judäischen Volksstammes vollendet; sein Herz von Stein wurde erweicht. Alle, alle hingen seit der Zeit dem Gotte ihrer ursprünglichen Lehre an, auch die weltlich Gesinnten und die Sünder. Haben sie doch erfahren, wie sein Wort, durch den Mund der Propheten gesprochen, sich treu bewährt hat. Die Dulder, die Trauernden um Zion, waren für diese nicht mehr Gegenstand des Hasses und der Verachtung, wurden vielmehr von ihnen mit Ehrfurcht behandelt und an die Spitze der Gemeinde gestellt.

Die Frommen oder Nationalgesinnten waren sofort nach der Eroberung Babyloniens tätig, auch die Verheißung der Propheten von der Erlösung und Heimkehr zu verwirklichen. Cyrus hatte sich in den Besitz des Thrones und des Palastes gesetzt; er ließ sich als König von Babylonien huldigen und als Nachfolger der früheren Könige betrachten; er begann nach der Einnahme Babels das erste Jahr seiner Regierung (538) zu zählen72. Sämtliche Diener des Palastes, welche vor Nabonad krochen und zitterten, wurden Cyrus' Diener. Unter diesen befanden sich auch Eunuchen aus der judäischen Königsfamilie, welche der Lehre Ihws' treu zugetan waren (o. S. 4 f.). [65] Diese oder die ehemaligen Heiden, welche sich der judäischen Gemeinde angeschlossen hatten, taten sofort Schritte, wahrscheinlich in Gemeinschaft mit dem Enkel des Königs Jojachin, Namens Serubabel (Zerubabel), von Cyrus die Freiheit für ihre Genossen zu erwirken. Zunächst wurden wohl die eingekerkerten und wegen ihrer Anhänglichkeit an ihre Lehre bestraften Judäer in Freiheit gesetzt73. Aber sie erwirkten noch mehr von Cyrus. Er bewilligte auch ihr Gesuch, daß die Judäer in ihre Heimat zurückkehren, Jerusalem wieder aufbauen und den Tempel wiederherstellen dürften. Mit der Besitznahme von Babylonien fielen Cyrus von selbst alle die Länderstrecken zu, welche Nebukadnezar erobert hatte, alle Provinzen westlich vom Euphrat bis zum Mittelmeer und südlich vom Libanon und Phönizien bis zur Grenze Ägyptens. Judäa gehörte also ohne weiteres zum persischen Reiche. Was für Gründe haben die Bittsteller für ein solches, einem mächtigen Sieger gegenüber scheinbar kühnes Gesuch geltend gemacht, den Judäern gewissermaßen stattliche Selbständigkeit zu gewähren? Und was mag Cyrus bewogen haben, es in hochherziger Weise zu bewilligen? War es Eingebung einer augenblicklichen Laune oder Gleichgültigkeit gegen einen Strich Landes, den er wahrscheinlich nicht einmal dem Namen nach kannte, dessen geschichtliche Bedeutung ihm jedenfalls fremd war? Oder hat ihn ein staatsmännischer Gedanke geleitet, sich an der Grenzscheide Ägyptens und der wasserlosen Wüste, die dahin führt, ein dankbares Völkchen zu gewinnen für einen etwaigen Kriegszug gegen den ägyptischen König Amasis, der sich mit Krösus und Nabonad gegen ihn verbunden hatte?74 Oder hat dem persischen Sieger einer der judäischen Eunuchen wirklich, wie später erzählt wurde, die Mitteilung gemacht, daß ein judäischer Prophet von ihm und seinen Siegen im voraus geweissagt und verkündet habe, daß er gestatten werde, das verbannte Volk in dessen Heimat zurückkehren [66] und einen Tempel wieder aufbauen zu lassen?75 Oder endlich haben ihm die judäische Lehre, von der er Kunde erhalten, und die Bekenner derselben, welche ihretwegen Verfolgung und grausige Leiden erduldet hatten, so sehr imponiert, daß er darin etwas Göttliches erkannt hat und sie daher bevorzugen wollte? Später erzählte man sich, Cyrus habe aus Anerkennung der Macht des Gottes Israels sich innerlich angeregt gefühlt, diesem Gotte einen Tempel zu erbauen und seinen Bekennern Rückkehr und Freiheit zu gestatten. Er habe noch dazu in seinem ganzen Reiche durch Herolde verkünden und auch ein schriftliches Edikt ergehen lassen, daß es allen Judäern freistehen sollte, nach Jerusalem zu ziehen und dort ein Heiligtum zu errichten. Cyrus habe ferner gestattet, daß die Zurückbleibenden die Heimkehrenden mit Gold und Silber und mit Lasttieren versehen dürfen. Er habe dann noch das Maß für den Tempelraum angegeben und befohlen, daß die Kosten des Baues vom königlichen Schatze getragen werden sollten. Endlich habe er auch seinem Schatzmeister Mithradat den Befehl erteilt, die heiligen Tempelgeräte, welche Nebukadnezar erbeutet und in den Belus-Tempel als Siegeszeichen niedergelegt hatte, den zur Rückkehr Gerüsteten auszuliefern. Über alle diese Gunstbezeugungen habe Cyrus eine Urkunde zum Andenken ausstellen und in seiner Hauptstadt Ekbatana niederlegen lassen76.

[67] Sobald die Erlaubnis zur Rückkehr bewilligt war, traten Männer zusammen, um diese zu organisieren und die voraussichtlichen Schwierigkeiten und Hindernisse zu beseitigen. An die Spitze stellten sich zwei gleichaltrige Männer, denen vermöge ihrer Abstammung die Führerschaft gebührte, der eine war Serubabel, auf babylonisch Scheschbazar genannt77, Sohn Schaltiels und Enkel des Königs Jojachin, also ein Sproß Davids, und der andere Jeschua, Sohn Jehozadaks und Enkel des letzten Hohenpriesters Seraja (o. S. 45). Ihnen schlossen sich zehn Männer an, so daß sie zusammen eine Zwölf-Zahl bildeten, um gewissermaßen die zwölf Stämme zu vertreten78. Serubabel bekleidete Cyrus mit einer hohen Würde; er ernannte ihn zum Statthalter (Pechah)79 des Gebietes, welches die Heimkehrenden wieder besetzen sollten, gewissermaßen zum Regenten; im Grunde war es eine Vorstufe zur Königswürde. Bei diesen Führern meldeten sich diejenigen, welche geneigt waren, in die Heimat zurückzukehren. Die Zahl derselben war zwar im Vergleich zu denen, welche einst aus Ägypten auszogen, sehr gering, doch bedeutender als erwartet werden konnte, 42 360 Männer, Frauen und Kinder vom zwölften Jahr an gerechnet80. Die größte Zahl bestand aus den beiden Stämmen Juda und Benjamin, dann Ahroniden in vier Gruppen, zusammen mehr als viertausend, aber wenig Leviten, Sänger nur etwa hundert, nicht viel mehr Pfortenwärter, aber diensttuende, den Priestern hilfeleistende Leviten am wenigsten. Auch aus anderen Stämmen und aus anderen Völkerschaften, welche sich zu dem Gott Israels bekannten (Gerim, Proselyten) schlossen sich, wenn auch nicht viel, dem Zuge an81.

[68] Die Freude derer, welche sich zum Auszug und zur Heimkehr rüsteten, war überwältigend. Es kam ihnen wie ein süßer Traum vor, daß sie gewürdigt werden sollten, das Heimatland wieder zu betreten, es wieder anzubauen und das Heiligtum wieder aufzurichten. Das Ereignis machte auch unter den Völkern Aufsehen, man sprach davon und sah darin ein Wunder, das der Gott Israels seinem Volke erwiesen. Ein Lied gibt die Stimmung voll wieder, welche die Heimkehrenden beseelte:


»Als Ihwh die Gefangenen Zions zurückführte,

Waren wir, als träumten wir.

Damals füllte sich unser Mund mit Fröhlichkeit,

Und unsere Zunge mit Jubel.

Damals sprachen sie unter den Völkern:

›Großes hat Ihwh mit diesen getan!‹

Ja, Großes hat Ihwh mit uns getan,

Wir waren freudig«82.


Als sich die Nationalgesinnten anschickten, von der Freiheit Gebrauch zu machen und nach Jerusalem zurückzukehren, rief ihnen ein Sänger in einem Psalm zu, sie mögen sich prüfen, ob sie auch dieser Gnade würdig seien:


»Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle,

Der Erdkreis und seine Vewohner.

Denn er hat sie auf Meere gegründet,

Und an Strömen gefestigt.

Wer darf zu Ihwhs Berg hinaufziehen,

Wer weilen an seiner heiligen Stätte?

Wer rein an Händen, lauter im Herzen,

Der nicht dem Eitlen dessen Wesen übertragen.

Nicht bei dem Truge geschworen.

Ein solcher wird von Ihwh Segen empfangen,

Und Heil vom Gott seiner Hilfe.

Das ist das Geschlecht seiner Eifrigen,

Die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs«83.


[69] Das war das Programm der frommen Sanftmütigen für die Neugestaltung des Gemeinwesens, welche mit der Rückkehr nach der Heimat ihren Anfang nehmen sollte. Nur die Würdigen und die Gottsuchenden sollten sich an Gottes Stätte wieder sammeln. Wer wollte aber die Scheidung vornehmen?


Fußnoten

1 Folgt aus Jeremia 50, 33: ונאמ םב וקיזחה םהיבוש לכו םחלש, es liegt nämlich darin, daß das Gesuch gestellt worden war, sie zu entlassen.


2 Josephus contra Apionem I. 21, aus einer phöniz. Quelle. Die Zeit ergibt sich daraus, daß das 14. Jahr des Eiromos mit dem ersten Jahre des Cyrus (538) zusammenfällt, daß also dieser um 551 zurückgekehrt ist und sein älterer Bruder Merbal 4 Jahre vorher, 555 in Nabonads erstem Regierungsjahr.


3 Jeremia a.a.O. folgt auch aus Jes. 14, 17b.


4 Jeremia 51, 34. 51.


5 Jesaia 51, 19 f.


6 Ps. 137, 8-9.


7 Jesaia 41, 11-12; 51, 13b.


8 Jesaia 47, 6.


9 Das. 42, 7. 22; 49, 9; Ps. 107, 10-16.


10 Das. 50, 6; 21, 10.


11 Folgt aus Jes. 53, 7 f. und Ps. 102, 21: - ריסא תקנא התומת ינב, vgl. darüber weiter unten.

12 Folgt aus Zacharia 3, 1-2. Jesua wird שאמ לצמ דוא genannt.


13 Jesaia 53, 3 fg. V. 8 muß statt des unverständlichen ורוד תאו gelesen werden ודור תאו von דור oder דיר »umherirren«.


14 Das. 51, 23b.


15 Ps. 102. Die meisten Ausleger setzen mit Recht diesen Ps. in die exilische Zeit, und der ganze Inhalt spricht dafür, nichts dagegen.


16 Jesaia Kap. 13-14. 23. Es braucht nicht auseinandergesetzt zu werden, daß diese beiden Kapitel nicht Jesaia, sondern der Exilszeit angehören.


17 Jeremia Kap. 50-51. Auch dieses gehört der Exilszeit an, wie sämtliche besonnene Kritiker einstimmig annehmen. Um das Zeitverhältnis beider zu bestimmen, muß man davon ausgehen, daß beide noch vor Cyrus' Expedition gegen Babel gesprochen wurden, was aus Jesaia 13, 17. 22b, Jeremia 50, 2 f. 9. 10. hervorgeht.


18 Jeremia 50, 2 f.


19 Das. 51, 31 f. Vers 32 muß man statt םימגא lesen םינומרא; denn die Seen können doch nicht verbrannt werden!


20 Das. 51, 20 f.


21 Jeremia 51, 6. 10. 45. 50.


22 Jesaia 61, 1 f. In Vers 3 muß hinter ןויצ ילבאל םושל notwendig ergänzt werden דובכ. Die Annahme eines exilischen Propheten, den man Deutero-Jesaia nennt, kann gegenwärtig als unanfechtbare Tatsache ohne Beweisführung aufgestellt werden. Ihm gehören sämtliche Kapitel Jes. 40-66 mit Ausnahme von 56, 9-12 und 57, 1-13a an.


23 Jesaia 40, 11. In Vers 1 muß statt רמאי gelesen werden רמא perfect; das י dittographiert vom vorhergehenden ימע. Vers 4 םקעה statt בקעה.


24 Das. 54, 6 f.; 50, 1.


25 Das. 51, 17-23; 52, 1 f.


26 Das. 54, 11 f.


27 Das. 66, 13.


28 S. Bd. I. S. 7 u. II. 1. Hälfte. S. 159.


29 Jesaia 46, 13; 49, 6; 51, 5-6. 8; 52, 7; 56, 1 u.a. St.


30 Das. 43, 18-19; 65, 17; 66, 22.


31 Das. 51, 4 f. 45, 22-23.


32 Das. 41, 8-9; 44, 24; 46, 3; 49, 5.


33 Das. 42, 6-7. 19; 44, 26.


34 Das. 51, 16. Das nennt der Prophet 53, 10b: ץפח 'ה; von diesem »Endzweck Gottes« ist auch die Rede 44, 28; 48, 14.


35 Jesaia 42, 1 f. V. 2 ist אשי אל [...jisa] unverständlich; es muß גאשי אל gelesen werden.


36 Das. 50, 4 f. Statt תיעל, das ohne Analogie ist, muß man lesen תונעל; das Verb. הנע regiert den doppelten Akkusativ, also hier: ףעי תא רבד תונעל.


37 Jesaia 49, 1 f.


38 Jesaia 52, 13 f. 53, 1 f. Statt ךילע 52, 14 muß man lesen וילע.


39 Das. 56, 7 f.


40 Das. 43, 14; 48, 10.


41 Das. 46, 13; 51, 6, wo statt תחת אל gelesen werden muß רחאת אל.


42 Jesaia 47, 1 f.


43 Das. V. 12 f. Statt ךירבח [hovraikh] muß gelesen werden ךירבה.


44 Das. 44, 9 f.; 45, 20; 46, 1 f. 5-6.

45 Das. 44, 28 und andere Stellen.


46 Das. 42, 9; 45, 21; 46, 10-11; 48, 3 f.


47 Jesaia 41, 2 f.; 45, 11 f.; das. V. 1 f.


48 Das. 45, 4 f.


49 Der letzte Gedanke liegt in der Aneinanderreihung der beiden Verse 45, 12-13.


50 Jesaia 43, 5 f.


51 Das. 40, 3 f.; 41, 18f.; 49, 9 f.


52 Das. 51, 3, 11 und a. St.


53 Das. 59, 21.


54 Das. 66, 1 f.; vor ויהיו ist יתרמא zu ergänzen.


55 Könige II, 8, 27.


56 Jesaia 42, 18 f.


57 Das ist der Sinn der so oft wiederholten Klage: Daß kein Mann da ist, 50, 2; 63, 4 f. Die Deutero-jesaianischen Reden, die aus einem Gusse sind, sind so angelegt, daß die Rügen zuerst nur leise angedeutet, und erst gegen Ende, vom Kapitel 57 an herber ausgesprochen werden. Vergl. 48, 22 mit 57, 20 f.


58 Das. 40, 27; 49, 14.


59 Das. 51, 7; 66, 5.


60 Jesaia 55, 6 f.


61 Das. 58, 1 f.


62 Das. 59, 1 f.


63 Das. 63, 7 f.; – 65, 1 f.


64 Das. 65, 11 f.; 66, 3 f.


65 Jesaia 66, 18 f. Hinter םהיתיבשחמו םהישעמ יכנאו muß ergänzt werden יתיאר und dann zu האב das Komplement תעה הנה יכ. Vers 19 muß statt לופ gelesen werden טופ, wie schon von einigen emendiert wurde.


66 Das. 66, 23-24.


67 Herodot 1, 190.


68 Jesaia 21, 1-10.


69 Über das Datum s.M. v. Niebuhr, Assur und Babel. S. 229.


70 Herodot 1, 131.


71 Jesaia 46, 1; Jeremia 50, 2.


72 Nicht bloß in Chronik II. 36, 22 und Esra 1, 1 wird nach der Einnahme Babels das 1. Jahr des Cyrus gezählt, sondern auch im Ptolemäischen Regenten-Kanon wird er nach Nabonad als König von Babylonien aufgezählt und angegeben, daß er im ganzen nur 9 Jahre regiert habe, während er über Persien und Medien bereits 20 Jahre regiert hatte.


73 Folgt aus Ps. 107, 10 f., der unstreitig sich auf den Exodus aus dem babylonischen Exil bezieht, wie viele Ausl. annehmen. Vergl. Frankel-Graetz Monatsschrift. Jahrg. 1869 S. 242 f.


74 Der Überläufer Phanes riet Kambyses, wie Herodot erzählt (III, 4), als dieser die Expedition gegen Ägypten unternahm, sich mit dem König der Araber in gutes Einvernehmen zu setzen, um seinen Truppen einen sicheren Durchzug durch das Land bis Ägypten zu gestatten. Das Grenzland Ägyptens war also für Persien wichtig. Was sich Kambyses erst raten lassen mußte, das war ohne Zweifel dem strategischen Blicke Cyrus' von selbst einleuchtend, daß er in dieser Gegend für einen Feldzug nach Ägypten, den er gehegt hatte, eine befreundete Bevölkerung nötig haben würde. Daher mag er den Judäern gestattet haben, ihre alten Wohnsitze einzunehmen und sie zu bevölkern.


75 Josephus erzählt Alterthümer XI, 1, 2: Cyrus habe die Deuterojesaianische Prophezeihung gelesen und sich dadurch zur Gunstbezeugung bewogen gefühlt. Nun, gelesen kann er Jesaia oder Deutero-Jesaia unmöglich haben. Aber kann nicht einer von den םיסירס ihn darauf aufmerksam gemacht und vielleicht gar die Prophezeihung für älter ausgegeben haben? Josephus hat die Nachricht wahrscheinlich aus dem apokryphischen Esra (Ezra Apocryphus oder Ezra Graecus genannt) geschöpft, der ihm vorgelegen hat, und aus dem er das entlehnt haben muß, was sich in dem kanonischen Esra-Nehemia nicht findet. Dieser apokryphische Esra war ohne Zweifel eine selbständige Schrift, welche die Geschichte über die Zeit nach Esra – Nehemia weiter geführt hat, wie einige Kritiker richtig bemerkt haben. Das Buch war ursprünglich hebräisch und enthielt manches Historische, das anderweitig sich nicht findet, vgl. weiter unten. Allerdings sind auch Sagen mit aufgenommen. Diese apokryphische Schrift ist nicht bloß zum Schluß defekt, wie der Augenschein lehrt, da sie in der Mitte einer Erzählung (9, 55 entsprechend Nehemia 8, 12) abbricht, sondern läßt auch in der Mitte Lücken wahrnehmen. So fehlt entschieden zwischen Kap. 2-3 die Erzählung, wie Zerubabel an Darius' Hof gekommen ist, was Josephus erzählt. Ezra Apocryphus kann also verhältnismäßig als gute Quelle angesehen werden. Hier soll sie unter diesem Titel Ezra Apocryphus zitiert werden.


76 Zwei Quellen erzählen dieses, Esra 1, 1 f., und 6, 3. Das letztere aus einer angeblichen Urkunde, die sich in אתמחא, d.h. Ekbatana (persisch Ekmatana) befunden haben soll. Der weitere Verlauf der Geschichte widerspricht aber zum Teil den Angaben beider Quellen.


77 Die Identität von לבבורז und רצבשש braucht wohl jetzt kaum mehr erwiesen zu werden. Zum Überflusse sei auf Ez. Apocr. 6, 17 verwiesen: παρεδόϑƞ Σαραβανασσάρῳ Ζοροβάβελ. – Serubabel wird in den meisten Stellen לאיתלאש ןב genannt; nur Chronik I. 3, 19 scheint es, als wenn er Sohn Pedajas genannt wäre. Der Text ist aber das. schadhaft.


78 In dem doppelt mitgeteilten Verzeichnis der Heimgekehrten fehlt in dem ersten der Name ינמחנ. Manche Namen variieren, entstellt sind sie meistens in Ez. Apocr. 5, 8.


79 Haggaï nennt Serubabel stets הדוהי תחפ, 1, 1 u.a. St. Esra 5, 14 heißt es, Cyrus habe Scheschbazar zum Pechah gemacht: המש החפ יד, das. 1, 8 wird er אישנה הדוהיל genannt.


80 Im Verzeichnis. Ez. Apocr. hat wohl das Richtige erhalten, daß auch Söhne und Töchter von 12 Jahren an darunter gerechnet waren, 5, 41: ἀπο δώδεκα ἐτῶν καὶ ἐπάνω. Frauen sind jedenfalls dabei mitgezählt, da doch unter die Zahl der Sklaven auch Sklavinnen subsumiert sind. In dem zweiten Verzeichnis der Rückkehrenden sind ausdrücklich nur Männer erwähnt: םירכזל Esra 8, 3 f.

81 Vergl. o. S. 18.


82 Ps. 126.


83 Daß Ps. 24 nachexilisch ist, hat Olshausen geahnt. Er gehört aber wohl der Zeit an, als das Exil eben zu Ende gehen und die Rückkehr beginnen sollte. Dafür spricht הלעי ימ, nämlich לבבמ הלע. Richtig ist wohl, daß die ersten 6 Verse mit den folgenden nicht zusammenhängen, wie mehrere Ausl. annehmen, vergl. I. S. 287, Anm. 2. Sie sind wohl erst bei der feierlichen Einweihung des zweiten Tempels kombiniert worden. Vers 4 ישפנ אושל אשנ אל nach Khetib oder ושפנ nach Keri ist unstreitig gleich אושל 'ה םש תא אשת אל, und dieses bedeutet, den falschen Göttern nicht Gottes Namen, Wesen und Bedeutung beilegen; vergl. das. S. 38 Note. Der Sinn ist: wer nicht rein an Handlung und Gesinnung und nicht frei von götzendienerischem Hange ist, soll nicht zum Berge Gottes hinaufziehen, nur וישרד רוד sei dazu würdig. Vor בקעי Vers 6 muß man nach LXX und Peschito יהלא ergänzen.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1902], Band 2.2, S. 71.
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