6. Kapitel. Die letzten persischen und die ersten mazedonischen Herrscher über Judäa.

[189] Dürftiger Geschichtsstoff aus der letzten Zeit des Perserreiches. Artaxerxes Mnemon und Artaxerxes Ochus führen den Bilderkultus ein. Judäer in Ungnade bei ihnen. Religionsverfolgung und Standhaftigkeit. Verbannung von Juden an den Kaspi-See. Streit um das Hohenpriestertum zwischen Jochanan und Josua. Der letztere im Tempel ermordet. Baogoses, der Eunuch, legt deswegen den Judäern Strafgelder auf. Ihre hilflose Lage in der letzten persischen Zeit. Das Schrifttum. Die Chronik, ihre Anlage und ihr Lehrzweck. Die Griechen und das Griechentum. Alexander der Große von Mazedonien und sein Verhalten zu den Judäern. Unzufriedenheit der Samaritaner. Juda wird zur Provinz Cölesyrien gerechnet. Die zerstörenden Kriege der Nachfolger Alexanders untereinander. Jerusalem von Ptolemäus eingenommen. Judäa wird zu dem lagidisch-ägyptischen Reiche geschlagen. Die judäischen Kolonien in Ägypten und Syrien und die griechischen Kolonien in Palästina.


(420-300.)

In dieser langen Zeitreihe von nahe zwei Jahrhunderten, in welcher das judäische Gemeinwesen durch Gesetze gefestigt und der Bau des Judentums durch Erweiterung des Eigenen und Aufnahme fremder Elemente aufgeführt wurde, erklingt auch nicht ein einziger Name einer Persönlichkeit, welche dieses großartige Werk, das den Stürmen von Jahrtausenden trotzen konnte, geschaffen hätte. Haben die geistigen Führer des Volkes, die Urheber aller neuen Anordnungen, aus allzugroßer Bescheidenheit sich geflissentlich in Namenlosigkeit gehüllt, um von ihrer Schöpfung jeden Schein persönlicher Einwirkung zu vermeiden? Oder war die Nachwelt so undankbar gegen sie, ihre Namen der Erinnerung zu entziehen? Oder waren die Mitglieder der Versammlung nicht begabt oder bedeutend genug, um eine persönliche Auszeichnung zu verdienen, und verdankte das Gemeinwesen seine Kräftigung und das Judentum seine Entwickelung und Erweiterung lediglich ihrem Gesamteifer, in welchem der Einzelwille [189] völlig aufgegangen war? Erstaunlich bleibt es immerhin, daß aus dieser langen Zeitreihe so wenig oder fast gar nichts Tatsächliches bekannt geworden ist. Entweder es sind keine Jahrbücher über die Vorgänge dieser Zeit geführt worden, oder sie sind untergegangen1. Allerdings waren keine denkwürdigen Ereignisse aufzuzeichnen. Die ganze Tätigkeit des judäischen Gemeinwesens war nach innen gekehrt, und diese schien in ihrer Einzelheit den Zeitgenossen nicht bedeutend genug, um ihre Anfänge, ihren Verlauf und ihre Wirkung der Nachwelt zu überliefern. Es war wenig Stoff vorhanden, um daraus Geschichte zu schreiben, und die Zustände, die sich nach und nach entwickelt haben, wären vielleicht einem Fremden aufgefallen; aber was hätte ein Einheimischer, der darin lebte und webte, besonderes daran finden können, um sie durch eine Schilderung zu verewigen? Das judäische Volk befaßte sich lediglich mit friedlichen Beschäftigungen, das Waffenhandwerk verstand es nicht, vielleicht nicht einmal zur Behauptung des eigenen Gebietes gegen Angriffe von Nachbarn. Wie der Prophet Ezechiel die künftige Gestaltung des judäischen Staates nach der Rückkehr verkündet hatte: »als eines Landes abgewendet vom Krieg, gesammelt aus vielen Völkern auf den Bergen Israels«2, so war sie in Wirklichkeit geworden. Ein solches friedliches Stilleben entzieht sich der aufmerksamen Beobachtung.

An den kriegerischen Bewegungen, welche an seiner Grenze vorfielen, hat sich das judäische Volk gewiß gar nicht beteiligt. Unter Artaxerxes II. mit dem Beinamen Mnemon (404-362) und unter Artaxerxes III. mit dem Beinamen Ochus (361-338) versuchten die ägyptischen Unzufriedenen, welche sich Könige nannten, mehreremal, sich von Persien frei zu machen und die ehemalige Selbständigkeit ihres Landes wiederherzustellen. Um den persischen Heeren, die zur Dämpfung der Aufstände zusammengezogen wurden, erfolgreichen Widerstand leisten zu können, verbanden sich die ägyptischen Eintagskönige regelmäßig mit den persischen Satrapen von Phönizien, denen auch Judäa zugeteilt war. Öfter zogen persische Heeresmassen längs der judäischen Küste des Mittelmeeres nach Ägypten oder ägyptische nach Phönizien und griechische Söldnerscharen, die von der einen oder der anderen kriegführenden Macht gemietet waren, hin und zurück, und von ihren Bergen aus konnten die Judäer diese Heereszüge [190] beobachten. Sie blieben aber nicht immer ruhige Zeugen dieser kriegerischen Bewegungen – die mehr durch Verräterei als durch kriegerische Überlegenheit beendet wurden –, denn wenn sie auch nicht gezwungen wurden, Heeresfolge zu leisten, so blieben sie gewiß von anderweitigen Leistungen nicht verschont3. Ihr Verhältnis zu den persischen Königen erlitt ebenfalls eine Störung. Diese, fremden Einflüssen erliegend, fingen ebenfalls an Götzendienst zu treiben. Die Göttin der Lust, der sie auf ihren Zügen überall als Beltis, Mylitta oder Aphrodite begegneten, verlockte die Perser, die ohne hin durch die Eroberungen und erlangten Reichtümer für sinnliche Genüsse empfänglich geworden waren, allzu verführerisch, ihr zu dienen und zu opfern. Sobald sie den Kultus dieser Schandgöttin aufgenommen hatten, gaben sie ihr einen persischen Namen, Anahita, Anaitis, und brachten sie in ihrer Götterlehre unter. Artaxerxes II. verlieh ihm seine königliche Bestätigung, ließ Bildnisse der Göttin überall in seinem großen Reiche, in Babylonien, Susa und Ekbatana, den drei Hauptstädten, ferner in Damaskus, Sardes und in allen Städten Persiens und Baktriens errichten. Dadurch erlitt die eranische Religionsanschauung eine doppelte Verletzung: eine fremde Gottheit wurde eingeführt und Götterbilder wurden zur Verehrung aufgestellt. Dadurch war auch das geistige Band gelöst, welches die Perser mit den Bekennern des Judentums verbunden hatte, die gemeinsame Abneigung gegen Bilderdienst. Nicht mehr wurde unter den Persern dem geistigen Gotte der Judäer reiner Weihrauch gespendet (o. S. 117), die Anaitis hatte ihn aus ihren Herzen verdrängt. Es scheint, daß Artaxerxes Mnemon den Völkern seines Reiches den Kultus dieser Lustgöttin aufgezwungen und diesen Zwang auch den Judäern auferlegt hat4; denn es wird erzählt, daß diese von den persischen Königen und Satrapen öfter schimpflich behandelt worden seien, um ihre Überzeugung aufzugeben, daß sie sich aber lieber der schlimmsten Mißhandlung und selbst dem Tode ausgesetzt haben, um das väterliche Gesetz nicht zu verleugnen5. Eine seltsame Nachricht lautet, [191] Artaxerxes Ochus habe während seines Krieges gegen Ägypten und dessen König Tachos oder nach dem Kriege (361-360) Judäer aus ihrer Heimat gerissen und nach Hyrkanien an die Gestade des Kaspisees verpflanzt. Wenn die Tatsache eine geschichtliche Grundlage hat, so kann diese Verbannung nur eine Verfolgung wegen ihrer Anhänglichkeit an ihre Lehre und Überzeugung gewesen sein; denn schwerlich haben sich die Judäer an dem Aufstand gegen die Perser, welcher sich von Ägypten aus bis Phönizien verbreitete, beteiligt. Artaxerxes Ochus war grausam genug, eine solche Verfolgung zu verhängen.

[192] In Jerusalem erlitten sie damals Schimpfliches von einer jener Kreaturen, welche bei der zunehmenden Verworfenheit des persischen Hofes und der zunehmenden Altersschwäche des Reiches sich aus dem Staube zu Herrschern über Thron und Länder erhoben. Es war der Eunuche Bagoas (Bagoses), welcher unter dem Könige Artaxerxes III. eine solche Macht erlangte, daß er diesen König und seine ganze Nachkommenschaft aus dem Wege räumte und nach seinem Belieben über Besetzung des erledigten Thrones schaltete. Ehe er aber über diese Machtfülle gebot, war er Anführer der Truppen, welche in Syrien und Phönizien standen, und beutete seine Stellung aus, um große Reichtümer zu erwerben, die ihm als Mittel zu seinen Plänen dienen sollten. An diesen wandte sich ein ehrgeiziger Hohenpriestersohn Josua, um sich von ihm um Bestechung mit der Hohenpriesterwürde belehnen zu lassen. Die Inhaber dieser Würde haben sie von Anfang an meistens durch Ehrgeiz, Ränke und niedrige Gesinnung geschändet. Wie der Stammvater Jesua seinen um die Organisierung des Gemeinwesens so hochverdienten Genossen Serubabel verdrängte (o. S. 106), so hat sein Urenkel Ränke geschmiedet, um seinen eigenen Bruder, dem nach dem Erstgeburtsrecht die Hohenpriesterwürde gebührte, zu verdrängen. Beide waren Söhne des Jojada, dessen Sohn oder Verwandter sich mit Sanballat verschwägert und, von Nehemia aus Jerusalem ausgewiesen, den nebenbuhlerischen Gottesdienst auf dem Berge Gerisim eingeführt hatte (o. S. 109). Als Jojada gestorben war, trat der jüngere Sohn, auf Bagoses' Beistand vertrauend, mit dem Anspruch auf, das hohenpriesterliche Diadem auf sein Haupt zu setzen. Sein älterer Bruder Jochanan war über diese Anmaßung so empört, daß es im Tempel zu einem Streit zwischen beiden und zum Blutvergießen kam. Jochanan erschlug Bagoses' Schützling im Heiligtume. Es war ein betrübendes Vorzeichen für die Zukunft. Auf die Kunde von dem Vorgang in Jerusalem begab sich der Eunuche dahin, nicht um seinen Schützling zu rächen, sondern um unter dem Scheine einer wohlverdienten Strafe Geld zu erpressen. Das Volk mußte für jedes Lamm, das im Tempel täglich geopfert werden sollte, fünfzig Drachmen (ungefähr 352 M) Bußgelder zahlen, und diese Buße mußte jeden Morgen vor der Opferhandlung erlegt werden. Bagoses begab sich auch in den Tempel, und als ihn die Priester mit Berufung auf das Gesetz, welches allen Laien das Betreten desselben untersagt, daran hindern wollten, fragte er höhnisch, ob er nicht eben so rein sei, wie der Hohenpriestersohn, der im Tempel ermordet wurde, und drang ein. Das war ein zweites böses Vorzeichen. Die Strafgelder mußte [193] das Volk sieben Jahre leisten6, bis es durch irgendeinen Umstand davon befreit wurde. – Die Samaritaner, die schlimmen Nachbarn des judäischen Gemeinwesens, haben ohne Zweifel die Ungunst, in dem dieses bei den letzten persischen Königen stand, benutzt, um es zu schädigen. Die Landstriche an der Grenze, die sie früher hatten abtreten müssen, Ramathaim, Apherema und Lydda (o. S. 73), scheinen sie mit List oder Gewalt wieder an sich gebracht zu haben7.

Die Judäer mußten also in dieser Zeit um die Erhaltung des Daseins kämpfen. Überhaupt hatten sie in den zwei Jahrhunderten nur wenige Lichtblicke: in der ersten Zeit nach der Rückkehr, die von Begeisterung erfüllt war, in der Zeit unter Darius I., der ihnen volle Huld zugewendet hatte, und endlich während Nehemias Anwesenheit und eifervoller Tätigkeit in Jerusalem. Sonst aber waren Gedrücktheit, Armseligkeit und der mitleiderregende Zustand der Hilflosigkeit ihr Los. Sie machen den Eindruck, als wenn sie stets mit feuchtem Blicke zu den Höhen hinaufgeschaut hätten – mit der beklemmenden Frage: »Woher soll mir Hilfe kommen?« Die Spuren der Armseligkeit und Kraftlosigkeit zeigt auch das Schrifttum, das aus diesen zwei Jahrhunderten sich erhalten hat. Während des Exils hatten der stechende Schmerz und die erregte Sehnsucht, welche die Gemüter in fast atemloser Spannung erhielten, reiche, schöne Blüten der Prophetie und Poesie erzeugt. Sobald diese Erregung aufgehört hatte, die Hoffnung Wirklichkeit geworden war, erlahmte auch der geistige und poetische Schwung. Die prophetische Beredsamkeit der [194] nachexilischen Zeit, hält, von der Seite der Form betrachtet, keinen Vergleich mit der aus der exilischen Zeit aus. Die Psalmendichtung wurde matt und gefiel sich in Wiederholungen oder entlehnte den Schmelz aus älteren Erzeugnissen. Die liebliche Idylle des Buches Ruth (o. S. 125 f.) bildet eine Ausnahme in dem Schrifttum dieser Zeit. Die Darstellung geschichtlicher Erinnerungen war, allerdings erklärlich, ganz und gar vernachlässigt. Esra und Nehemia hatten lediglich eine Denkschrift über ihre Erlebnisse in gedrängter Kürze und mit Vernachlässigung der schriftstellerischen Form aufgezeichnet. Ganz zum Schlusse dieser Zeitepoche, gegen das Ende der Perserherrschaft hat, wie es scheint, ein Levite ein Geschichtswerk von Beginn der Schöpfung bis auf seine Zeit zusammengestellt, Tagesgeschichte (Dibré Ha-Jamim) genannt. Es enthält wertvolle Erinnerungen aus der älteren Zeit, aber nur sehr dürftige aus der jüngsten Vergangenheit und seiner eigenen Gegenwart. Seine Darstellungsweise charakterisiert die Geistesmattigkeit und Armut. Von künstlerischer Anlage ist keine Spur in dieser »Tagesgeschichte«, aber nicht einmal sachgemäße Gruppierung wird darin angetroffen. Erinnerungen aus der ältesten Zeit sind untermischt mit Nachrichten aus dem spätesten Zeitalter. Die »Tagesgeschichte«, welche von Adam bis Nehemia reicht, vernachlässigt die chronologische Reihenfolge vollständig, macht unmittelbare Sprünge von einer Zeitreihe in die andere nach einem eigens angelegten Leitfaden. Ihre Sprache ist ungelenk und weicht von der bis dahin üblichen augenfällig ab; sie hat schon eine neuhebräische Färbung. Der Hauptzweck des Verfassers mit der ordnungslosen Zusammenstellung der geschichtlichen Erinnerungen war Belehrung8. Das lebende Geschlecht sollte sich an der Vergangenheit ein Beispiel nehmen, das Vortreffliche und Mustergültige befolgen und das Schlechte und Irrtümliche vermeiden.

Welche Lehre wollte der Verfasser zur Erkenntnis und Beherzigung bringen? Zunächst lag ihm daran, nachzuweisen, daß die lebenden Geschlechter von den Stämmen Juda, Benjamin und Levi sich eines herrlichen, alten Ursprungs rühmen könnten. Aus alten Stammverzeichnissen, die er – nicht immer gut erhalten – vorgefunden hat, wollte er nachweisen, daß sie von den Familien abstammen, welche aus Babylon nach Judäa zurückgekehrt waren, diese höher hinauf von den Nachkommen der Söhne Jakobs und diese von Abraham und von Adam. Auf diese Abkunft der Geschlechter in gerader Linie von den ersten Menschen und den Erzvätern legte er einen hohen Wert, als wollte er den ältesten Adel der lebenden Geschlechter [195] beurkunden. Zugleich deutet die Tagesgeschichte an, welche Familien sich rein von Vermischung mit fremden Völkerschaften gehalten haben. Das davidische Haus wollte er ganz besonders verherrlichen. Zu diesem Zwecke führte er das Stammesregister desselben bis auf seine Zeit herab und nannte die Namen der damals lebenden sieben Nachkommen Serubabels. Davids Persönlichkeit, Regierung, Taten, Anordnungen und besonders seine Frömmigkeit schilderte er am ausführlichsten und verfehlte nicht hervorzuheben, daß das ganze Volk, sämtliche Stämme, ihm aus freien Stücken gehuldigt und ihn als König anerkannt haben, er sei durchaus nicht Thronräuber gewesen. Seine Wahl habe Gott bestätigt und ihm noch dazu verheißen, daß seine Nachkommen bis ewig das Königtum fortsetzen würden. Zu diesem Zwecke erzählte er die Geschichte des judäischen Königtums ausführlich, während er die Geschichte des Zehnstämmereiches nur gelegentlich erwähnte. Bei Salomos Glanzregierung und der Geschichte der frommen davidischen Könige verweilte er am längsten. Die Geschichte der schlechten und götzendienerischen Könige dieses Hauses begleitete er stets mit der Bemerkung, daß sie wegen ihres Wandels und Abfalls durch Strafen und Unglück heimgesucht worden wären. Dann verherrlichte er die heilige Stadt Jerusalem und den Tempel, beschrieb ausführlich die Gesamtordnung im Heiligtume und bemerkte, daß sie von David und dem Propheten Samuel eingesetzt und daher ehrwürdig und unabänderlich sei. Ganz besonders hebt die »Tagesgeschichte« die Rangordnung der Tempelbeamten hervor, der Ahroniden, der Leviten nach ihren Abstufungen und Familien oder Vaterhäusern. Während sie aber das Priestertum hochstellt, behandelt sie das hohepriesterliche Haus mit Gleichgültigkeit, und hat kein Wort des Lobes für die sechs letzten Hohenpriester der nachexilischen Zeit, verfehlt auch nicht zu erwähnen, daß sich einige Glieder derselben der Mischehen schuldig gemacht haben. Sie deutet an, daß die Herrschaft und die höchste Würde nicht dem hohenpriesterlichen Hause, sondern den Nachkommen Davids gebührten. Für die nachexilische Zeit benutzte der Verfasser der »Chronik« die Denkschrift Esras und Nehemias, zog Erzählungen daraus wörtlich aus oder erzählte selbständig nach deren Angaben. Seine eigenen Ansichten bekundete er in den Gebeten und Reden, die er den von ihm für würdig befundenen geschichtlichen Persönlichkeiten in den Mund legte, sonst hielt er sich an seine Quellen. Als hätte er geahnt, daß die alte Zeit im Absterben und eine neue im Anzuge sei, stellte er in Umrissen das Ergebnis des Geschichtsverlaufes bis zu seiner Zeit zusammen und wollte das Denkwürdige aus dem [196] Altertum der Vergessenheit entreißen. Es weht gewissermaßen im Buche der Tagesgeschichte selbst die Luft einer neuen Zeit. Nicht bloß fremdländische Sprachelemente, sondern auch fremde Anschauungen sind bereits in demselben eingebürgert und heimisch. Propheten und Gottesmänner treten nicht mehr auf. Der Geschichtsverlauf der nachexilischen Zeit wird ganz natürlich durch Verkettung der Umstände ohne Dazwischenkunft von Propheten oder göttlicher Veranstaltung erzählt.

In der Tat brach entweder noch beim Leben des Verfassers oder kurz nach dem Abschluß seines Geschichtswerkes eine ganz neue Zeit an, welche die Judäer und das Judentum zu neuer Kraftanstrengung aufstachelte, und in der diese ihren gediegenen Gehalt bewähren sollten. Diese neue Zeit wurde von dem Griechentum herbeigeführt. Dieses hat eine durchgreifende Umgestaltung in Denkweise, Sitten und Lebensweise der Menschen hervorgebracht und die anregungsfähigen Völker der damals bekannten Erdteile in der Gesittung um einige Stufen höher gehoben. Aber die Verbreitung dieser Gesittung infolge errungener politischer Machtfülle und weitausgedehnter Herrschaft ging nicht von den Griechen, sondern von dem aus Griechen und Barbaren gemischten Volke der Mazedonier aus. Das griechische Volk wäre nicht imstande gewesen, die Weltherrschaft zu erobern, oder, wenn erobert, sie zu behaupten. So hochbegabt einige griechische Stämme waren, und so wunderbar Großes und Unvergängliches sie auch geschaffen haben, so war doch in ihrem Grundwesen etwas, – man weiß nicht recht, soll man es einen Fehler oder einen Vorzug nennen, weil es erst die großartigen hellenischen Schöpfungen möglich machte – das sie hinderte, eine geeinte politische Macht zu bilden und sie anderen Stämmen und Völkerschaften für die Dauer aufzuzwingen. Eine Fülle von hochbegabten Persönlichkeiten und Charakteren ging aus dem Schoße des griechischen Volkes aus, Helden, Feldherren, Staatsmänner, Gesetzgeber, Bild- und Baukünstler, Denker und Dichter, wozu das winzige Gebiet Attika mit der Hauptstadt Athen viel mehr gestellt hat, als sämtliche griechische Landschaften und Kolonien zusammengenommen. Athen war der geistige Mittelpunkt des ganzen Landes und der über weite Räume zerstreuten hellenischen Ansiedelungen. Hier wurde der feinfühligste Geschmack und der klarschauende, die Dinge tief erfassende Geist ausgebildet. Die Baukunst, wozu die Phönizier und Assyrier den Grund gelegt hatten, wurde in Athen zur höchsten Vollendung gebracht. Die Schiffahrt, mit welcher Tyrier, Sidonier und Karthager die Meere, die Inseln und Küsten beherrschten, wurde hier so vervollkommnet, [197] daß Fahrten auf der Meeresfläche, den Launen des Windes trotzend, wie leichte Spaziergänge angesehen wurden. Die Bildhauerkunst, in welcher es die Assyrer bereits zur Meisterschaft gebracht hatten, wurde in Athen noch mehr veredelt und zur höchsten Blüte gebracht. Die griechischen Künstler haben Marmorblöcken Leben und Geist eingehaucht und darin die mannigfaltigen Empfindungen, welche das menschliche Herz bewegen und sich in der äußeren Körperhaltung ausprägen, mit beredten Zügen ausgedrückt. Mit dieser Kunst versinnbildlichten sie die Anmut, die Holdseligkeit und Schönheit, und mit ihr wußten sie auch die Verehrung gebietende Hoheit ihrer Götter und Halbgötter so überwältigend darzustellen, daß nicht bloß das naive Volk, sondern auch die gebildeten Kreise vor den schöngeformten Bildsäulen das Knie beugten.

Und wie mit dem Meißel, so wußten die griechischen Künstler mit Farben und zarten Linienzeichnungen Naturwesen und Menschen mit ihren Leidenschaften nicht bloß täuschend nachzuahmen, sondern ihnen auch verklärende Züge zu leihen. Und nun gar in ihren Dichtungen, welche Vollendung durch den Zauber der Sprache, den Wohllaut und das Ebenmaß der Glieder und durch den Gleichklang des Inhaltes und der Form! Die zwei Heldengedichte Homers oder der Homeriden, im jonischen Kleinasien entstanden, sind, obwohl in anderen Zungen und in verschiedenen Zeiten nachgeahmt, unübertroffen geblieben und wurden eine Goldfundgrube für noch andere Dichtungsarten und ein Bildungsmittel zur Verfeinerung des Geschmackes für viele griechische Stämme. Die höchste Blüte der Dichtkunst, die dramatische Poesie, ist ihre Erfindung, und sie hat, einmal angeregt, in ihrer Mitte einen hohen Grad erreicht. Ihre Trauerspieldichter wußten die Herzen der Zuschauer mit Schauer und ihre Lustspieldichter sie mit Heiterkeit zu erfüllen. Die Wissenschaft, das tiefere Eindringen in die Gesetze, welche den Bau des Weltalls und der mannigfaltigen Wesen erhalten und wandeln, die feine Beobachtung der Völker und ihrer Sitten, der Seele und ihrer Kräfte, und als höchste Blüte derselben, die Weltweisheit (Philosophie) hat der griechische Geist angebahnt und sie bis zu einer erstaunlichen Höhe gebracht. Staatskünstler und Gesetzgeber erzeugte das griechische Volk in Hülle und Fülle ebenso wie gewandte Redner; aber diese Fülle verriet die schwache Seite seines Wesens.

Dieses Volk in seiner ausgeprägten Gestalt litt nämlich auch an den Schwächen der Künstlernaturen. Stolz auf seine Begabung und seine unverwüstliche Kraftfülle war es leichtlebig, eitel, hochfahrend, ungebärdig, rechthaberisch, unverträglich, launenhaft, unbeständig, [198] argwöhnisch und reizbar. Heute überhäufte es einen seiner Bürger wegen eines zweifelhaften Verdienstes mit der höchsten Ehre und errichtete ihm eine Standsäule, und morgen konnte es ihm den Giftbecher reichen. Trotz gemeinsamer Abstammung, gemeinsamer Sprache und Sitten und künstlicher Verbände, wie Gottesverehrung, gemeinsame Spiele und andere Institutionen, konnten die Griechen es nie zu einer geschlossenen Einheit bringen. Das Gefühl der Freiheit artete in Selbstüberschätzung und Geltendmachung der Einzelpersönlichkeit aus. In Überschätzung der eigenen Einsicht wollte jedermann befehlen und niemand gehorchen. Nur die gemeinsame Gefahr, von den Persern geknechtet zu werden, hat die griechischen Stämme – doch nicht alle – zur einheitlichen Abwehr verbunden. Aber sobald diese Gefahr vorüber war, so kehrte ein Land gegen das andere, eine Stadt gegen die andere die mörderischen Waffen und sie zerfleischten einander bis zur Vernichtung. Die griechischen Freiheitskriege dauerten nur einige Jahrzehnte, die Bürgerkriege dagegen mehr als ein Jahrhundert. Fast in jeder Stadt auf dem Festlande und den Inseln gab es zwei Parteien, die mit Hintansetzung aller Stammverwandtschaft und Menschlichkeit einander bekämpften. Die unterliegende Partei oder der in seiner Eitelkeit verletzte Führer machte sich kein Gewissen daraus, mit dem Erbfeinde Griechenlands, den Persern, Unterhandlungen zum Schaden des Vaterlandes anzuknüpfen und Landesverrat zu üben. Die drei Hauptstaaten, die abwechselnd auf einige Zeit die Führerschaft hatten, Sparta, Athen und Theben, haßten einander viel ingrimmiger als die Fremden, gegen die sie zur Behauptung der Freiheit gemeinsam gekämpft hatten. Gewissenhaftigkeit war überhaupt nicht Sache der Griechen. Gesetze wurden nur gegeben, um übertreten zu werden. Abergläubisch wie sie waren, scheuten sie sich doch nicht, die Tempel der von ihnen verehrten Götter zu berauben und zu entweihen, und diejenigen Stämme oder Parteien, welche mit Entrüstung die Tempelschänder mit Krieg überzogen, taten es bloß zum Scheine, um für sich Vorteil daraus zu ziehen. Zu dieser Verworfenheit kam noch Genußsucht und Geldgier. Die eine führte zu Ausschweifungen und zum unnatürlichen Laster der Knabenliebe und die andere zur Ehrlosigkeit. Liebe und Zärtlichkeit des Gatten zur Gattin waren in Griechenland nicht anzutreffen, diese wurden an die buhlerischen Freundinnen verschwendet, und Untreue des Ehemanns gegen die Ehefrau war weder vom Gesetze, noch von der Sitte gebrandmarkt. Für Züchtigkeit und Keuschheit, die Grundbedingung zur Veredlung der Sitten, hatten die Griechen kein Verständnis. Ein [199] Joseph, welcher der Verlockung einer Sünderin entflieht, wäre in der griechischen Poesie nicht einmal als Phantasiebild denkbar. Die verkörperte griechische Weltweisheit, Sokrates oder Plato, welche einen Idealstaat aufstellte, fand es empfehlenswert, daß junge Frauen und Mädchen mit den Männern gemeinsam unverhüllt Leibesübungen auf den Ringplätzen, den Lieblingsstätten der Hellenen, zur Vorbereitung für den Krieg halten sollten9. In diesem Idealstaate sollte die Vermischung der Geschlechter so eingerichtet werden, daß kein Kind seinen Vater erkennen, sondern sämtliche kriegstüchtige und tapfere Männer als seine möglichen Väter ansehen sollte10. Diese Weltweisheit erkannte so wenig den Adel einer züchtigen Ehe, daß sie den jungen Männern, die sich im Kriege oder sonst tüchtig erwiesen, als Preis und Auszeichnung mehrere Weiber gewährt wissen wollte, damit recht viele Kinder von ihnen erzeugt werden könnten11. Aus dem Idealstaate sollte die Gleichheit ausgeschlossen werden; alle diejenigen, welche nicht kriegstüchtig oder philosophierend wären, sollten keine Gleichberechtigung haben. Bis zum Menschenmord verstieg sich diese griechische Weltweisheit. Schwächlich geborene Kinder oder solche, welche ohne obrigkeitliche Erlaubnis in die Welt gesetzt wurden, sollten bei der Geburt getötet oder ausgesetzt werden12. Zu solchen Verirrungen verstieg sich der griechische Geist. Die Gewinnsucht führte dazu, daß Griechen sich als Söldnerscharen anwerben ließen und sich dazu drängten, um für oder gegen die Perser gleichviel zu kämpfen. In allen Schlachten auf dem Boden des persischen Reiches, die im vierten Jahrhunderte unter den beiden letzten Artaxerxes (Mnemon und Ochus) vorfielen, standen Griechen gegen Griechen und schleuderten einander mit der von ihnen verfeinerten Kriegskunst Verderben und Tod zu. Geld- und Beutesucht und Lust zu Abenteuern waren die Triebfedern ihrer ritterlichen Kämpfe, kein höherer Gedanke beseelte sie. Die Zerfahrenheit sämtlicher griechischer Stämme trübte in ihrem Innern die Begriffe oder das Taktgefühl für Recht oder Unrecht und selbst für das, was in ihren Augen mehr als Tugend galt, für das Schöne oder Anständige und das Unschöne oder Schimpfliche. Ihre Schönredner und Klügler (Sophisten), die ihr klangreiches Wort in Volksversammlungen, in den Gerichtshöfen und in politischen Unterhandlungen ertönen ließen, verwirrten sie nur noch mehr und führten sie von Verirrung zu Verirrung, weil [200] es ihnen niemals um die Wahrheit, sondern lediglich um Schein und um schnöden Gewinn zu tun war. Ihre Weisheit wurde an ihnen zur Torheit und gereichte ihnen nur zum Verderben. Die Menschen verziehen den Griechen ihre großen Fehler, weil sie liebenswürdige Sünder waren; aber der Lenker der Völker verzieh ihnen nicht, die Sünde rächte sich grausam an ihnen. Sobald ein Mann auf den Schauplatz trat, der ihre Zerfahrenheit, ihre gegenseitigen Eifersüchteleien und Schwächen kannte, sie zu benutzen verstand, mit berauschender Schmeichelei und glänzendem Golde nicht sparsam war und sich auf kriegerische Mittel stützen konnte, so mußte ihm ganz Griechenland als Beute zufallen und seinen Plänen, wenn auch mit Zähneknirschen Gefolgschaft leisten. Das vollbrachte der mazedonische König Philipp mit der Geeintheit seines Wesens und seines Heeres, mit seiner Schlauheit und seinem Gelde. Ganz Griechenland lag ihm zu Füßen. Aber selbst, als er in einer großen Versammlung in Korinth den Griechen einen Plan zur Befriedigung ihres Nationalstolzes auseinandersetzte, einen Kriegszug gegen das persische Reich eröffnete, um es für die öfteren Angriffe auf Griechenland zu züchtigen und zugleich Kriegsruhm zu erwerben und Beute zu machen, konnten sie ihre kleinlichen Eifersüchteleien nicht beherrschen. Einige Staaten beschickten die Versammlung gar nicht, und die anderen oder deren Vertreter mußten erst durch Geld bestochen werden, um sich dem Plane geneigt zu zeigen. Philipp gelang dieser Rachezug nicht: er wurde inmitten der Rüstung dazu ermordet. Da trat ihn sein großer Sohn Alexander an, der berufen war, eine Umgestaltung der Völkerverhältnisse herbeizuführen und auch das stille Judäa in den Strudel der Riesenkämpfe hineinzuziehen. Neue Leiden und Prüfungen kamen über das judäische Volk durch die geschichtliche Erschütterung, welche die damals bekannte Welt von einem Ende bis zum anderen erlitten hatte.

Ein judäischer Seher verglich Alexander und seine Eroberungen mit einem Leoparden, der mit Adlerflügeln begabt wäre13. In zwei Schlachten versetzte er dem morsch gewordenen persischen Reiche den Todesstoß. Kleinasien, Syrien und Phönizien lagen ihm zu Füßen, viele Könige und Fürsten gingen ihm in ihrem Schmucke entgegen und huldigten ihm. Nur Tyrus und Gaza oder vielmehr die in sie gelegten persischen Besatzungen und Feldherren wagten es, dem mazedonischen Eroberer Widerstand entgegenzusetzen und sich einer hartnäckigen Belagerung auszusetzen. Tyrus wurde nach siebenmonatlicher und Gaza nach zweimonatlicher Einschließung erobert [201] (August und November 332), und beide erfuhren ein hartes Los. – Wie erging es dem winzigen Judäa unter diesem gewaltigen Eroberer, dem sich gleich darauf ganz Ägypten, das stolze Land der Pharaonen, in Demut unterwarf? Die geschichtlichen Erinnerungen aus dieser Zeit haben sich nur in sagenhafter Gestalt erhalten, und sie geben daher kein treues Bild der Vorgänge. Schwerlich haben sich die Judäer geweigert, Alexander zu huldigen, weil sie den Eid der Treue gegen die persischen Herrscher zu brechen, für eine Sünde gehalten hätten. Weder haben sie je einen solchen Eid geleistet, noch hätten sie Gewissensbedenken haben können; da die vorletzten persischen Könige nicht sehr gewissenhaft an ihnen gehandelt haben. Auch waren sie durch die tatsächliche Besitzergreifung der Länderstrecken von seiten Alexanders, welche der letzte persische König in schmählicher Flucht aufgegeben hatte, nicht mehr an Persien gebunden. Sagenhaft ist entschieden die Nachricht, daß Alexander auch Jerusalem berührt und, durch eine Erscheinung betroffen, die Judäer mit Gunstbezeugungen überhäuft habe. Der Hohepriester in seinen heiligen Gewändern sei ihm, so wird erzählt, mit einer Schar von Priestern und Leviten entgegengezogen und habe durch seinen Aufzug auf den jungen Sieger einen so überwältigen den Eindruck gemacht, daß dieser ihn zuvorkommend begrüßt und seinen Zorn in Wohlwollen umgewandelt, weil ihm, wie er zu seiner Umgebung geäußert, die Gestalt des Hohenpriesters gerade in diesem Aufzug im Traume in Mazedonien erschienen sei und ihm Siege verheißen habe14. Eine Sage läßt [202] den Hohenpriester Jaddua, und eine andere seinen Enkel Simon diesen imposanten Eindruck auf den mazedonischen Sieger hervorbringen.

Das Zusammentreffen Alexanders mit den Vertretern des judäischen Gemeinwesens ist ohne Zweifel einfach vor sich gegangen. Der Hohepriester – vielleicht gar Onias I.15, Jadduas Sohn und Simons Vater – zog wohl, wie die meisten Könige und Fürsten dieser Gegend, mit einem Gefolge von Ältesten dem Sieger entgegen, huldigte ihm und versprach ihm Untertänigkeit. Alexander war ein edler, hochherziger Eroberer, der nur den Widerstand gegen seinen Willen und Plan blutig züchtigte. Sonst ließ er sämtliche unterworfene Völker bei ihrer Eigenheit, ihrer religiösen Anschauung [203] und ihren Sitten. Er zwang keinem Volke das griechische Wesen auf. Was er allen Völkern gewährte, versagte er wohl den Judäern auch nicht, sondern gestattete ihnen nach ihrem Gesetze zu leben. Sie hatten nur die Abgaben von den Äckern den mazedonischen Statthaltern zu leisten, die sie bis dahin den persischen Satrapen zugeführt hatten16. Auch die Abgabenfreiheit vor jedem siebenten Jahre, an dem es in Judäa keine Ernte gab, gewährte er ihnen, nach dem Vorgang der persischen Herrscher, weil dieser Ausfall in den Augen des Eroberers so weiter Länderstrecken geringfügig scheinen mochte. Das erste Zusammentreffen des Vertreters des Griechentums mit dem des Judentums, welche beide den Völkern die, wenn auch verschiedene Gesittung bringen sollten, war freundlicher Art. Das eine trat äußerlich in seinem Vollglanze und in seiner Machtfülle auf, und das andere erschien in seiner Schwäche und flehentlichen Haltung. – Judäa wurde Teil eines Ländergebietes, welches zwischen dem Taurus- und Libanongebirge im Norden und Ägypten im Süden lag und Cölesyrien (κοίλƞ Συρία, das hohle Syrien), zum Unterschied von dem oberen Syrien, das zur Euphratgegend führte, genannt wurde17. Der Statthalter dieses umfangreichen Gebietes, das in früheren Zeiten in so viele selbständige Staaten geteilt war, hatte seinen Sitz in Samaria, das also eine befestigte und bevölkerte Stadt gewesen sein muß. Sie verdankte aber diesen Vorzug oder diese gefährliche Stellung ihrer Lage in der Mitte des Landes und in einer fruchtbaren Gegend. Andromachos18 war der Name des Statthalters, den Alexander über Cölesyrien gesetzt hatte.

Warum waren die Samaritaner unzufrieden mit dieser scheinbaren Auszeichnung? Fühlten sie sich von dem Statthalter in ihren [204] Bewegungen eingeengt? Oder waren sie ungehalten auf Alexander, daß er die ihnen verhaßten Judäer mehr begünstigt hatte? Ihr Ingrimm ging so weit, daß sie oder ihre Führer, unbekümmert um die Folgen, gegen Andromachos einen Aufstand machten, ihn ergriffen und ins Feuer warfen (Frühjahr 331). Alexanders Zorn bei der Nachricht von der Untat an einem seiner Diener, war eben so gerecht wie heftig. Ganz Ägypten lag ihm zu Füßen, die stolzen Priester beugten sich vor ihm und verkündeten seine Größe nach seines Herzens Wünschen. Und dieses unbedeutende Völkchen hatte gewagt ihm zu trotzen? Auf seinem Rückzuge von Ägypten, um ganz Persien zu unterwerfen, eilte er nach Samaria, um Rache an den Urhebern der Untat zu nehmen. Er ließ sie unter grausamen Martern hinrichten, setzte einen anderen Statthalter, namens Memnon ein und bevölkerte Samaria mit mazedonischen Bewohnern19. Auch sonst scheint Alexander die Samaritaner gedemütigt zu haben. Da ihm nicht unbekannt geblieben sein konnte, daß sie Feinde der Judäer waren, so begünstigte er diese, um jenen dadurch seine Ungnade zu erkennen zu geben.

Einige Grenzgebiete zwischen Judäa und Samaria, welche öfter Gegenstand der Reibungen zwischen der Bevölkerung beider Länder waren, teilte er jenem zu und, wahrscheinlich auf Gesuch der Judäer, befreite sie auch von den Abgaben am Sabbatjahre20. Diese für den [205] Geber geringfügige, für den Empfänger dagegen wichtige Gunst erregte noch mehr den Haß der Samaritaner gegen ihre judäischen Feinde; jeder Windstoß führte neuen Zündstoff hinzu.

Indessen so lange Alexanders Macht bestand, mußten die Samaritaner ihren Ingrimm an sich halten; er duldete nicht, daß irgendein Völkchen in dem ihm unterworfenen Länderumfang ohne seinen unmittelbaren oder mittelbaren Befehl sich etwas erlauben durfte. Seine raschen und glücklichen Eroberungen bis an den Indus und Kaukasus hielten die Gemüter wie im Bann und lähmten jede selbständige Regung. Da, wo er nicht Krieg führte, herrschte von Griechenland bis Indien und von Äthiopien bis zum Rande des Kaspi-Sees der tiefste Friede. Alexander hegte einen Riesenplan für die Zukunft. Er wollte eine Weltmacht vom Aufgange der Sonne bis zum Niedergange gründen, in welcher die Grenzen der Länder und die Unterschiede der Völker vollständig verschwinden sollten. Griechen und Barbaren sollten miteinander verschmolzen werden. Ehe diese Verschmelzung sich vollzogen hatte, sollten die verschiedenen Völker unter seinem Zepter – und dem seiner Nachkommen – einander gleichberechtigt sein. Alexander war der erste Herrscher, der die Duldung der Eigentümlichkeiten anderer Kreise als weise Staatskunst erkannte. Auch die Verschiedenheiten in den Religions- oder Kultusformen wollte er gleich geachtet wissen, in der Erwartung, daß es die Priester nicht wagen würden, sich seinen Plänen und Befehlen zu widersetzen. In Ägypten verehrte er den Apis und Ammon, in Babylonien die chaldäischen Götter. Den Tempel des babylonischen Götzen Bel, den Artaxerxes zerstört hatte, wollte er wieder herstellen. Zu diesem Zwecke befahl er den Soldaten, den angehäuften Schutt von dem Grundbau wegzuräumen. Das taten auch alle mit Ausnahme der judäischen Krieger, die freiwillig oder gezwungen in seinen Heeren dienten. Sie weigerten sich Hand an den Bau eines Heiligtums für einen Götzen, einen Ungott, zu legen. Selbstverständlich wurden sie wegen Ungehorsams von ihren Vorgesetzten hart gezüchtigt; aber sie erduldeten die Strafen standhaft, um nicht ein Hauptgesetz ihrer Religion zu übertreten. Als endlich Alexander selbst Nachricht von dem Gewissensbedenken und der Standhaftigkeit der judäischen Krieger erhielt, war er hochherzig genug, ihnen Verzeihung [206] zu gewähren21. Es war das Vorzeichen eines blutigen Kampfes für die Zukunft zwischen Judentum und Griechentum.

Inmitten seiner Pläne für eine geeinte Weltmonarchie starb der jugendliche Held (Juni 323), ohne einen berechtigten Erben seines Thrones oder seines Geistes zu hinterlassen. Ratlosigkeit und Verwirrung entstanden dadurch unter den Völkern in allen Erdteilen wie in Alexanders Heeresmassen, als wenn ein Bruch in den Naturgesetzen erfolgt wäre, welcher die regelmäßige Folge des Morgen auf Heute ungewiß machte. Und daraus entspannen sich blutige Kriege, welche Titanenkämpfen glichen. Alexander hat eine so große Zahl Feldherren hinterlassen, deren Kriegskunst auf tausend Schlachtfeldern erprobt war, daß sie imstande gewesen wären, den Fugenbau des mazedonischen Reiches zusammenzuhalten, wenn sie einig gewesen wären. Allein, obwohl sie nicht zu den echten Griechen zählten, die Griechen vielmehr hintansetzen, so hatten sie doch von ihnen den Geist der Unbotmäßigkeit und Ungefügigkeit, die Sucht, die eigene Person höher als das Wohl des Staates anzuschlagen, die Macht als Mittel zu Genußsucht und Schwelgerei anzusehen, kurz die ganze sittliche Verworfenheit gelernt. Beinahe wäre es in Gegenwart der Leiche des Helden zu einem blutigen Kampfe unter ihnen gekommen. Die Besonnenen brachten indes einen Waffenstillstand zustande, daß derjenige, dem der sterbende Alexander seinen Siegelring übergeben hatte, Perdikkas, das Reichsverweseramt bis zur Geburt eines leiblichen Thronerben, die in Aussicht war, versehen sollte. Perdikkas ernannte die Statthalter für die verschiedenen Länder. Cölesyrien kam unter einen, wie es scheint, unbedeutenden Mann, namens Laomedon, und dazu gehörte auch Judäa. Aber der Waffenstillstand dauerte nicht lange. Perdikkas stieß seine Lagergenossen durch sein rasches, befehlshaberisches Wesen ab. Immer offener trat er mit der Absicht hervor, Alleinherrscher des großen Reiches zu werden. Im Wege stand ihm aber Ptolemäus I., Sohn des Lagos, dem Ägypten als Statthalterschaft zugeteilt war, und der, schlau, besonnen, [207] wie kriegerisch, den Plan hegte, die ihm zugewiesene Provinz als selbständiges Reich zu beherrschen. Gegen ihn eröffnete Perdikkas den Krieg mit einem Heereszug nach der ägyptischen Grenze. Er war auch darauf bedacht, für den Fall, daß das Kriegsglück ihm nicht beistehen sollte, in Cölesyrien, und besonders in Palästina feste Punkte anzulegen, wohin er sich zurückziehen und von wo er den Kampf fortsetzen könnte. Palästina war durch seine Hügelzüge geeignet für Bergfestungen. So befestigt Perdikkas Samaria22. Die Judäer in Jerusalem scheint er für sich gewonnen zu haben23. Allein sein Feldzug gegen Ptolemäus hatte einen schmählichen Ausgang. Perdikkas verlor Schlacht und Leben (Frühjahr 321) nicht durch die Kriegsüberlegenheit seines Gegners, sondern durch Verrat seines Unterfeldherrn und Abfall eines Teiles des Heeres. Lug und Trug, Falschheit und Verrat waren tägliche Vorkommnisse in den Reihen der Nachfolger Alexanders. Sämtliche Blutsverwandte des großen Helden sind von seinen Feldherren tückisch umgebracht worden. – Ptolemäus wies klugerweise, um nicht täglich von dem giftigen Neid seiner Genossen bedroht zu sein, die Reichsverweserschaft, die ihm das mazedonische Hauptheer angetragen hatte, ab; aber er wollte sich nicht auf Ägypten und die Nebenländer beschränken, sondern mit dem großen Ganzen in Verbindung bleiben. Der Besitz von Cölesyrien mit Phönizien und der Meeresküste schien ihm von höchster Wichtigkeit zu sein; sie konnten für ihn zwei Arme sein, die er einerseits nach der Euphratgegend und Persien und anderseits nach Kleinasien, den Inseln Griechenlands und Mazedonien ausstrecken könnte. Gedacht, ausgeführt! Da kein Gegner in Cölesyrien war, als der schwache Laomedon, und dieser keine Truppen zur Verfügung hatte, so wurde er leicht als Gefangener nach Ägypten gebracht und das ganze Gebiet zu Ägypten geschlagen (320). Ehe Laomedon in Ptolemäus' Gewalt geraten war, forderte dieser Jerusalem auf, sich ihm zu unterwerfen, die Bewohner weigerten sich aber, ihm die Tore zu öffnen. Aber am Sabbat überrumpelte er die Stadt, weil die Judäer an diesem Tage nicht zu den Waffen greifen mochten, machte viele Gefangene und führte sie nach Ägypten24. Auch Samaritaner brachte er zur [208] selben Zeit als Gefangene dahin25, wahrscheinlich weil auch sie sich nicht freiwillig ergeben hatten.

Judäer wie Samaritaner hätten glücklich leben können, so weit die Menschen es in damaligen harten, brutalen Zeiten sein konnten, wenn sie für die Dauer Untertanen des Lagiden Ptolemäus geblieben wären. Denn er war der mildeste unter den damals kriegführenden Nachfolgern Alexanders, wußte den Wert der Menschen zu schätzen und fügte ihnen nicht mehr Schaden zu als sein Nutzen erforderte. Allein Ptolemäus hatte noch nicht die Berechtigung zum Besitze von Cölesyrien. Die auf einander folgenden Reichsverweser, die noch immer den Schein einer einheitlichen Gesamtregierung darstellten, hatten ihm den Erwerb der Länder nicht bestätigt, oder vielmehr seine Freunde, die bundesgenössischen Feldherrn, gönnten ihm den Besitz nicht. Ganz besonders sann einer seiner bisherigen Bundesgenossen und Mitverschworenen, Antigonos, eine feurige Natur, ein ebenso erfinderischer, wie heldenmütiger Krieger, der selbst ein großes Reich hätte erobern und begründen können, auf die Demütigung seiner Freunde und auf die Vereinigung aller Länder des großen mazedonischen Reiches in seiner starken Hand. Als dieser seinen ehrgeizigen Plan so offen trieb, daß seine ehemaligen Freunde, auf ihre Sicherheit bedacht, sich sämtlich gegen ihn verbanden, entbrannten von neuem mörderische Kämpfe, und Cölesyrien ging für Ptolemäus verloren. Mehrere Jahre (315-312) durchstreifte Antigonos von Zeit zu Zeit die dazu gehörigen Länder, fällte Zedern und Zypressen vom Libanon, um eine Flotte zu bauen, und verteilte die von Ptolemäus in die Festungen am Mittelmeere gelegten Besatzungen unter sein Heer. Er scheint in Judäa beliebt gewesen zu sein; denn einem zu seiner Zeit geborenen judäischen Kinde, aus dem später ein berühmter Gesetzeslehrer sich entfaltete, gaben seine Eltern den Namen Antigonos26. Der Mazedonier Antigonos war hochherzig und freigebig und mag den Judäern Gunst erwiesen haben. Zur Besetzung [209] des Landes berief er seinen noch jungen Sohn Demetrios, welcher von seiner Erfindung neuer Belagerungsmaschinen später den Beinamen »der Städtebelagerer« (Poliorketes) erhielt; er war ebenso heldenhaft und abenteuerlich wie sein Vater. Demetrios stellte ein vollendetes Musterbild des griechischen Wesens dar, wie Alcibiades; denn er war auf der einen Seite liebreizend, geistvoll und erfinderisch und auf der anderen Seite von unersättlicher Fleischeslust und schamloser Ausschweifung. Er mag während seiner mehrjährigen Anwesenheit in der Nähe Jerusalems und wahrscheinlich auch einmal in der Hauptstadt selbst der judäischen Keuschheit manche Wunde geschlagen haben. Nach mehrjährigen Rüstungen kam es endlich zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Demetrios und Ptolomäus, welche für jenen unglücklich ausfiel. Die Schlacht bei Gaza (Frühjahr 312) ist in Andenken geblieben; denn der als Flüchtling bei Ptolomäus mit kämpfende Feldherr Seleukos datierte von dieser Zeit an den Beginn seiner Macht und führte eine neue Zeitrechnung ein, die seleuzidische oder griechische genannt, welche auch bei den Judäern in Gebrauch kam27 und sich bei ihnen am längsten erhalten hat. – Demetrios mußte sich infolge der Niederlage bei Gaza nach Norden zurückziehen und das ganze Land dem Sieger überlassen. Aber nicht lange darauf, als Antigonos und sein Sohn ihre Heere vereinigten und zu einem neuen Kriege auszogen, rieten die Freunde des Ptolomäus ihm, der ganz Cölesyrien und Phönizien wieder eingenommen hatte, sie wieder aufzugeben und sich auf Ägypten zurückzuziehen. Diesen Rückzug führte er auch aus und ließ die Festungen der Städte an der Küste und im Binnenlande, Akko, Joppe, Gaza, Samaria und auch Jerusalem schleifen28, um sie nicht seinem Feinde als [210] Schutzorte zu lassen. Noch mehrere Jahre dauerte dieser unsichere Zustand Judäas und der Länder, die zu Cölesyrien gehörten, bis Antigonos, bis dahin noch unbesiegt, in einer Schlacht bei Ipsos in Kleinasien (Sommer 301) durch die Verbindung der vier Feldherren, Ptolemäus, Lysimachos, Cassander und Seleukos, Kriegsruhm und Leben einbüßte. Diese vier, welche schon früher nach Antigonos Vorgang sich völlig unabhängig vom Gesamtreiche gemacht und den Königstitel angenommen hatten, teilten dieses untereinander. Ptolemäus erhielt Ägypten und die Nebenländer und Seleukos fast ganz Asien, ein ausgedehntes Reich, aber eben deswegen schwieriger zu beherrschen und zu behaupten, als das Ptolomäische, das abgerundet war und ein weites Küstengebiet einschloß. Deswegen hatte Seleukos stets ein Auge auf Cölesyrien und Phönizien, sie seinem Reiche einzuverleiben, um auch seinerseits mit dem Meere und mit Europa in Verbindung zu bleiben. Allein Ptolemäus bestand darauf, daß diese Länder ihm zugeteilt werden möchten, weil er eine Zeitlang im tatsächlichen Besitze derselben war, und, um nicht das Bündnis der vier Könige zu sprengen, das nach Antigonos Tod nicht überflüssig geworden war, gab Seleukos für den Augenblick nach, behielt sich aber vor, seine Ansprüche darauf geltend zu machen. So wurde Judäa zum ptolemäischen oder lagidischen Reiche geschlagen, und sein Geschick war eine Zeitlang an dasselbe geknüpft.

Viel verändert wurde die Lage der Judäer dadurch nicht. Das, was sie früher an den persischen Hof leisten mußten – zwanzig Talente jährlich als Grundsteuer – lieferten sie von jetzt an an den ägyptisch-mazedonischen Hof. Freie Bewegung und selbständiges Auftreten waren nicht mehr beschränkt als früher. Eher könnte es als Verbesserung der Lage angesehen werden, daß die Zwischenämter vermindert waren. Die persischen Könige, die ihren Mittelpunkt im Osten hatten, mußten die Westländer Satrapen überlassen, die wiederum über die einzelnen Länder ihres großen Verwaltungsgebietes Unterbeamte einsetzten. Ptolemäus dagegen, weil Cölesyrien seinem Hauptlande nahe lag, brauchte nicht so viel Zwischenbeamte sür diese Länderteile. In Judäa war der Hohepriester, der für die Steuerleistung verantwortlich war, zugleich als politisches Oberhaupt (προστάτƞς) angesehen; er versah nämlich das Landpflegeramt29, und war ein geistlicher Fürst (Maschiach-Nagid)30. Ptolemäus I. [211] mit dem Beinamen der »Retter« (Soter), war, wie bereits angegeben, von milder Gemütsart und dem Nützlichen zugewendet. Die Judäer zu bedrücken, hatte er weder Veranlassung, noch Vorwand. Die von Alexander angelegte Seestadt Alexandrien, welche der erste ägyptisch-mazedonische König zur Hauptstadt erhob, brauchte eine starke Bevölkerung, und es konnte ihm nur angenehm sein, wenn auch Judäer aus dem Nachbarlande sich da ansiedelten. Schon unter Alexander hatten sich, man weiß nicht wie viel, dort niedergelassen, und da dieser weitblickende Held vermöge seines Systems allen Anzüglern gleiches mazedonisches Recht verbürgt hatte, so erhielt auch die erste judäische Kolonie in Alexandien dieselbe Gleichberechtigung (ἰσοτιμία, ἰσοπολιτεία) und fühlte sich in der neuen Heimat wohl. Diese zog zumal während der Kriegsunruhen durch Antigonos und Demetrios eine größere Anzahl aus Judäa nach, welche von Ptolemäus dieselbe Gleichstellung erhielt31. So entstand eine ägyptischjudäische Gemeinde, welche zu einer eigenen Bestimmung berufen war. – Auch an anderen Orten bildeten sich judäische Kolonien. Ptolemäus, von der Anhänglichkeit der Juden überzeugt, verpflanzte sie in andere feste Städte Ägyptens und auch nach Kyrene32. Seleukos, der Gründer des seleuzidischen Reiches, dessen Schwerpunkt in Persien lag, hatte auch den oberen Teil von Syrien nördlich vom Libanon erhalten, und hier baute er eine neue Stadt (um 300) Antiochien, welche Residenzstadt wurde. Um diese und noch viele andere, von ihm neuerbaute Städte zu bevölkern, mußte er ebenfalls Bewohner herbeiziehen, und er ließ auch Judäer aus Babylonien und Persien freiwillig oder halbgezwungen in denselben ansiedeln. Auch er räumte den judäischen Ansiedlern volles mazedonisches Bürgerrecht ein33.

Und so wie judäische Kolonien in den griechisch-mazedonischen Ländern entstanden, so entstanden auch griechische Kolonien auf judäischem Boden. Längs der Küste des Mittelmeeres wurden neue Hafenstädte angelegt oder alte vergrößert und verschönert und mit griechischen Namen belegt. Das alte Akko wurde Ptolemais hellenisiert, weiter südlich am Berge Karmel und am Meere Sykminos, [212] von den vielen Sykomoren so genannt, und nicht weit davon entfernt am Karmel die Krokodilenstadt, wohl später in Gaba oder Chaifa umgewandelt34. Noch weiter südlich am Meere wurde die alte zuerst kanaanitische und später israelitische Stadt Dor als eine große und befestigte Hafenstadt umgebaut und für die griechische Aussprache mundgerecht Dora genannt. Eine neue Hafenstadt wurde unter dem Namen Stratonsturm (Stratonos-Pyrgos) angelegt, welche später eine große Bedeutung erlangte und mit Jerusalem wetteiferte. Eine neugegründete Hafenstadt am Meere südlich von dieser erhielt den Namen Apollonia und ganz im Süden Anthedon. Im Westen des Harfensees (Tiberiassee) entstand eine griechische Stadt Philoteria, und am kleinen Meromsee eine nach Seleukos genannte Stadt Seleucia. Das reizende Tal am südlichen Abhang des Hermon, an einer der Jordanquellen, in der Nähe der ehemaligen Stadt Dan, das früher dem Götzen Baal geweiht war (Baal-Gad, Baal-Chermon), weihten die Griechen ihrem unzüchtigen Waldgott Pan und bauten auf der Südspitze des Berges Hermon einen Tempel Panion35 (jetzt davon Banjas genannt). Westlich vom Jordan wurde die Stadt Beth-Schean in Skythopolis hellenisiert. Jenseits des Jordans, in den ehemaligen Wohnplätzen der dritthalb Stämme, wurden neue Städte begründet, Hippos, weiter südlich Gadara, an einer heißen Quelle, und weiter südlich Pella und Dion. In allen diesen Städten siedelten sich griechische oder mazedonische Kolonisten an. Den großen Plan Alexanders, das Abendland mit dem Morgenlande zu verschmelzen, führten seine Nachfolger, von den Umständen gezwungen, weiter aus. Judäa wurde daher von allen Seiten von einer griechisch redenden Bevölkerung umgeben. Die herrschende Sprache in denselben wurde selbstverständlich auch bei den Eingeborenen griechisch, und auch die Sitten und Unsitten waren griechisch. Judäa selbst aber blieb noch eine Zeitlang frei von der griechischen Einwirkung. Weder das Land, noch die Menschen hatten Reiz für fremde Ansiedler. Das Land war nicht reich genug, und die Menschen für die Griechen nicht besonders einnehmend. Leichtlebiger Leichtsinn auf der einen [213] und düsterer Ernst auf der anderen Seite konnten keine Anziehung aufeinander üben. Doch tönten aus der Nachbarschaft griechische Wörter hinüber, welche allmählich doch Eingang in der Umgangssprache fanden. Auch gegen die Ausgelassenheit der griechischen Lebenslust, welche bei Gelagen und Festen in bacchantischen Taumel ausartete, konnte sich Judäa nicht verschließen; auch sie wirkte verführerisch durch den ihr eigenen Reiz.


Fußnoten

1 Aus Nehemia 12, 23 nach Angabe des Chronisten haben Tagebücher םימיה ירבד mindestens bis zur Zeit des Hohenpriesters Jochanan existiert. Vergl. Note 15.


2 Ezechiel 38, 8.


3 Nehemia 9, 36-37. Diese VV., sowie das ganze Gebet, das den Leviten in den Mund gelegt wird, passen durchaus nicht auf Nehemias Zeitlage, in welcher die Judäer vielmehr glückliche Tage genossen haben. Die Klage: םידבע ונחנא הנה... וניתבאל התתנ רשא ץראה ינתמהבבו םילשמ וניתיוג לעו םיכלמל הברמ התאובתו הילע ונחנא הלודג הרצבו םניצרכ, paßt besser auf die Zeit des Chronisten, d.h. unter den letzten persischen Königen.


4 S. Note 14.


5 Josephus teilt eine Relation aus Hekatäus Abderitas Historie mit, (contra Apionem I, 22), die, wenn sie auch noch nicht von diesem Historiker, sondern von einem judäischen Interpolator stammt, doch ihrem ganzen Tenor nach historisch klingt, daß die Judäer von den Satrapen und persischen Königen mißhandelt worden, aber in ihrer Überzeugung standhaft geblieben seien. Καὶ προπƞλακιζόμενοι (Ἰουδαῖοι) πολλάκις ὑπὸ τῶν Περσικῶν βασιλέων καὶ σατραπῶν οὐ δύνανται μεταπεισϑῆναι τῇ διανοίᾳ, ἀλλὰ γεγυμνωμένως περὶ τούτων καὶ αἰκίαις καὶ ϑανάτοις δεινοτάτοις μάλιστα πάντων ἀπαντῶσι, μὴ ἀρνούμενοι τὰ πατρῷα. Bestätigt wird dieses Faktum durch die in Eusebius' Chronik erhaltene Nachricht, daß Artaxerxes Ochus Judäer nach Hyrkanien am Kaspi-See deportiert habe. Nur ist die Tragweite dieser Nachricht nicht bestimmbar. Da der Originaltext der Eusebianischen Chronik nicht erhalten ist, wir also auf die Übersetzungen angewiesen sind, und diese voneinander differieren, so folgt eben daraus eine Unbestimmtheit. Die älteste Übersetzung, die Hieronymianische, lautet: Ochus Apodasmo (?) Judaeorum capita in Hyrcaniam accolas translatos juxta mare Caspium conlocavit. Die armenische Übersetzung klingt anders (zur 103. Olympiade): Ochus partem aliquam de Romanis Judaeisque cepit et habitare fecit in Hyrcania juxta mare cazbium. Während in der Hieronymianischen Version der Stadtname Apodasmum stutzig macht, fällt in der armenischen das Wort de Romanis auf. Syncellus hat die Nachricht selbstverständlich in seine Chronographie aufgenommen. Hier lautet sie einfacher, hat aber wieder einen Zusatz: Ὄχος Ἀρταξέρξου παῖς εἰς Αἴγυπτον στρατεύων μερικὴν αἰχμαλωσίαν εἷλεν Ἰουδαίων, ὧν τοὺς μὲν ἐν Ὑρκανίᾳ κατῴκισε πρὸς τῇ Κασπίᾳ ϑαλάσσς, τοὺς δὲ ἐν Βαβυλῶνι οἳ καὶ μέχρι νῦν εἰσὶν αὐτόϑι, ὡς πολλοὶ τῶν Ἑλλἠνων ἱστοροῦσιν (Sync. 486, 10). Dieselbe Nachricht in derselben Form hat auch Paul Orosius (Historia III, 7): Tunc etiam Oxus qui et Artaxerxes post transactum in Aegypto maximum ... bellum, plurimos Judaeorum in transmigrationem egit atque in Hyrcaniam ad Caspium mare habitare praecepit. Orosius' und Syncellus' Angabe stammt aus einer Quelle, der Zusatz bei dem letzteren von der Transportation nach Babylon ist also zu streichen. Könnte man annehmen, daß diese beiden Sekundärquellen den ursprünglichen Eusebianischen Text am besten erhalten haben, dann wäre man der Verlegenheit überhoben, was die Zusätze »de Apodasmo« bei Hieronym. und »de Romanis« in der arm. Übersetzung bedeuten sollen. Sie wären einfach als Korruptelen anzusehen. Eine abrupte und dunkle Nachricht bei dem Kompilator Solynus (de memorabilibus cap. 44) von Artaxerxes in bezug auf Jericho und wahrscheinlich auch in bezug auf Judäer läßt es ungewiß, ob sie mit der von Eusebius erhaltenen Notiz zusammenhängt. Judaeae caput Hierosolyma, sed excisa est. Successit Hiericus, et haec desinit Artaxerxes bello subacta.


6 Josephus Altert. XI, 7, 1. Zu welcher Zeit dieses Ereignis vorgefallen ist, geht aus dem Texte nicht mit Bestimmtheit hervor. Er lautet nämlich Βαγώσƞς στρατƞγὸς τοῦ λαοῦ Ἀρταξέρξου. Skaliger emendiert dafür τοῠ Ἄχου oder Ὄχου und identifiziert damit diesen Bagoses mit dem Eunuchen Bagoas, welcher in der Geschichte des Artaxerxes III. Ochus eine so unheilvolle Rolle gespielt hat (Emendatio temporum, p. 389). Indessen ist diese Emendation nicht stichhaltig, da Rufinus' lat. Übersetzung die Stelle: alterius Artaxerxis wiedergibt. Man ist also berechtigt zu lesen: ἄλλου Ἀρτα. und man könnte ebenso gut darunter Artaxerxes II. Mnemon, wie Artaxerxes III. Ochus verstehen. Allein aus der Bezeichnung, daß Bagoses Feldherr (στρατƞγός) des Artaxerxes gewesen, geht jedenfalls die Identität dieses Bagoses mit jenem Feldherrn Bagoas unter Ochus hervor. Statt Βαγώσƞς lesen auch einige Βαγώƞς. Dieser Name bedeutet eigentlich auf persisch einen Eunuchen. Die Geschichte von der Ermordung des Josua durch seinen Bruder Jochanan kann demnach unter den letzten. Artaxerxes zwischen 361 und 338 gesetzt werden. Wenn, wie Josephus erzählt, der Sohn des Hohenpriesters Jochanan, nämlich Jaddua mit Alexander zusammengekommen sein soll, dann kann sein Vater nur unter Ochus gelebt haben. Indessen ist diese Relation bei Josephus außerordentlich verdächtig.


7 Josephus, contra Apionem II, 4; vergl. weiter unten.


8 Vergl. darüber Note 15.


9 Plato, Politica V, p. 452.


10 Das. p. 457.


11 Das. p. 160.


12 Das. p. 161.


13 Daniel 7, 6.


14 Josephus' Bericht von Alexanders Verhältnis zu Judäa, Altert. XI, 8, 3 bis 6 ist mit Recht als sagenhaft erklärt worden, schon aus dem Grunde, weil er Sanballat, den Tempelbau auf Gerisim und Manasse anachronistisch damit in Verbindung bringt. Er scheint durch Mißverständnis einer ihm vorgelegenen Quelle auf diese Verwirrung der historischen Vorgänge geführt worden zu sein. Michelson suchte zwar Josephus' Angabe zum Teil zu retten (Studien und Kritiken, Jahrg. 1871, S. 460). Er beruft sich auf die ähnliche Erzählung von Alexanders Zusammentreffen mit dem Hohenpriester im Talmud (Joma p. 69a und daraus Megillat Taanit) und meint, die Erzählung sei in hebräisch geschriebenen Erinnerungen erhalten gewesen. Allein die talmudische Relation leidet ebenfalls an Anachronismen; denn sie bringt damit die Zerstörung des Gerisim-Tempels unter Hyrkan I., 200 Jahre später, in Verbindung. Sie läßt Alexander zusammen treffen mit Simon Justus, auf den überhaupt manches unberechtigt zurückgeführt wird, während Josephus, allerdings nach seiner chronologischen Gruppierung, Jaddua dabei auftreten läßt. Sie hat also nur den Wert einer verbreiteten Sage. Michelson beweist noch aus Alexanders Art, die Majestät fremder Kulte zu seiner Verherrlichung zu benutzen, wie das Orakel Ammons, die Wahrsager der Chaldäer, daß er auch die Erscheinung des Hohenpriesters als glückliches Omen ausgegeben habe. Allein damit ist nur die psychologische Möglichkeit, nicht die historische Tatsächlichkeit gerettet. Denn es bleibt immer noch schwierig anzunehmen, daß Alexander selbst nach der Eroberung Gazas den Zug nach Jerusalem unternommen haben soll. Wozu auch? Den etwaigen Widerstand hätte auch einer seiner Feldherrn brechen können. Dann fehlte auch die Zeit dazu, da Gaza erst im Nov. 332 fiel. In diesem Monat war aber Alexander schon in Memphis, und zur Reise von Gaza nach Memphis brauchte er 2 bis 3 Wochen. (Vergl. Droysen Hellenismus II, S. 192, 197; Stark, Gaza 243). Ebensowenig wird Alexander in Samaria gewesen sein. Ohnehin leidet Josephus' Bericht an Unwahrscheinlichkeit bezüglich des Ortes. Alexander soll, von Gaza aus nach Jerusalem eilend, vom Hohenpriester bei Σαφά, d.h. Σκοπός angetroffen worden sei. Allein Σκοπός, d.h. םיפוצ, lag nordöstlich vom Tempel (jüd. Kr. II, 18). Das ist ja ein Umweg von Gaza aus! Die Talmud-Relation läßt richtiger Simon Justus mit Alexander gar nicht bei Jerusalem, sondern bei סרטפיטנא zusammenkommen, d.h. auf dem Wege von Tyrus nach Gaza. Das läßt sich eher denken. Eine Verwechselung von Ortsnamen muß übrigens vorgegangen sein. Denn Antipatris hieß früher Kephar-Saba (אבס-רפכ). Schon Reland vermutete, daß hier eine Verwechselung der Namen Σαφά und Σαβά vorliegen könnte.


15 Wenn sich nur eine Spur von historischer Tatsächlichkeit für die vom I. Makkab. (12, 5; Josephus, Altert. XII, 4, 10 und selbstverständlich auch im II. Makkab.) mitgeteilten und beurkundeten Relationen belegen ließe 1. von der Verwandtschaft der Juden mit den Spartanern oder Lakedämoniern und 2. von der Korrespondenz zwischen dem spartanischen König Areios und dem Hohenpriester Onias und zwischen Jonathan und den Spartanern, dann ließe sich die Gleichzeitigkeit Onias' I. mit Alexander chronologisch fixieren. Denn ein König Ἄρειος von Sparta regierte 309-265; Areios II. starb als achtjähriger Knabe 257, von dem also keine Rede sein kann. Die L.-A. Areios statt Δαρεῖος und Ὀνιάρƞς ist durch Josephus und Vulgata gesichert. Josephus hat jedenfalls einen Anachronismus begangen, daß er diesen Areios mit Onias III. korrespondieren läßt. Wäre also an dieser Relation etwas Faktisches, dann hätte Onias I. gleichzeitig mit Areios I., auch gleichzeitig mit Alexander gelebt. Indes klingt die ganze Relation so fabelhaft, daß die meisten Kritiker sie verwerfen (vergl. Wiener bibl. Reallex. Sparta, und Fritzsche zu St. Makkab.). Jedenfalls hat der Verf. des I. Makkab. sich Onias I. in der Zeit Alexanders oder der ersten Diadochen gedacht.


16 Josephus Altert. XI, 8, 5. Das ist der historische Kern der ganzen Erzählung, folgt aber auch aus einer anderen Quelle, s. unten S. 205.


17 Über Cölesyrien vergl. Wiener bibl. Reallex. s.v. und Stark, Gaza S. 364, wo nicht das Zutreffende angegeben ist. In der seleucidischen Zeit umfaßte es das ganze Gebiet zwischen Libanon und Mons Casius, einschließlich Samaria und Judäa, vielleicht auch Idumäa, zum Unterschied von ἡ ἄνω Συρία (Diodor XVIII, 6; XIX, 79), d.h. das Land des Taurus. Cölesyrien führte daher auch den Namen ἡ κάτω Συρία (Josephus Altert. XII, 3, 1). Über Cölesyrien setzte Alexander wegen der Wichtigkeit für das Küstenland und Ägypten Parmenio, den Eroberer von Damaskus, ein (Curtius I, 1, 4-5), der dann diesen Posten Andromachus übergab (das. 5, 9). Dagegen war über Syrien gesetzt Ἀρίμμας, σατράπƞς Συρίας (Arrian II, 6, 8), den Alexander später wegen Lässigkeit abgesetzt hat. Wenn Arrian an einer anderen Stelle (II, 13, 7) Μένων Satrapen von Κοίλƞ Συρία nennt, so hat er die beiden Syrien miteinander verwechselt, und der Name ist verschrieben.


18 S. folgende Note.


19 Die Stelle bei Curtius (IV, 8, 9-11) ist sehr wichtig für die folgende Geschichte. Oneravit hunc dolorem (Alexandri) nuntius mortis Andromachi, quem praefecerat Syriae; (vergl. das. V. 9-10) vivum Samaritae cremaverant. Ad cujus interitum vindicandum, quanta maxima celeritate potuit, contendit, advenientique sunt traditi tanti sceleris auctores. Andromacho deinde Memnona substituit etc. Dazu kommt noch die kurze Nachricht in Eusebius' Chronicum, wahrscheinlich aus einer älteren griechischen Quelle erhalten, die bei Syncellus, Chronographia (261 B. ed. Dindorf 496) lautet: τὴν Σαμάρειαν πόλιν ἑλὼν Ἀλέξανδρος Μακεδόνας ἐν αὐτῇ κατῴκισεν, und dann weiter τοὺς ἐν Σαμαρείᾳ διὰ τὸν Ἀνδρομάχου φόνον ἐπανιὼν Ἀλέξανδρος ἐκ Αἰγύπτου ἐτιμωρἠσατο, Μακεδόνας ἐγκατοικίσας τῇ πόλει αὐτῶν.


20 Die Nachricht bei Josephus contra Apionem II, 4 und Hekatäus von Abdera von Alexanders Gunstbezeugung gegen die Judäer hat einen historischen Charakter, nur muß sie emendiert werden. Selbst wenn Hekatäus' Schrift eine Pseudepigraphie und von einem alexandrinischen Judäer gemacht sein sollte, so kann die Relation doch echt sein, und der Verf. mag sie in einer griechischen Quelle gefunden haben. Sie lautet: Ἐτίμα γὰρ ἡμῶν τὸ ἔϑνος (Ἀλέξανδρος), ὅτι διὰ τὴν ἐπιείκειαν καὶ πίστιν, ἣν αὐτῷ παρέσχον Ἰουδαῖοι, τὴν Σαμαρεῖτιν χώραν προσέϑƞκεν ἔχειν αὐτοῖς ἀφορολόγƞτον. In dieser Gestalt hat die Stelle allerdings keinen Sinn. Denn Alexander hat nicht ganz Samaria den Juden zugeteilt und es noch weniger steuerfrei gemacht. Es handelt sich bloß um ein Grenzgebiet (vergl. o. S. 73), und dazu muß noch ergänzt werden: καὶ ἀφῆκεν ἔχειν αὐτοῖς ἀφορολόγƞτον ἐν τῷ ἑβδόμῳ ἔτει. Wie das ganze Judäa im siebenten Jahre abgabenfrei sein sollte, so auch das von Samaria dazugeschlagene Gebiet.


21 Josephus contra Apionem I. 22 nach Hekatäus von Abdera. Die Tatsache, daß Alexander die Wiederherstellung des Belustempels durch seine Soldaten vollziehen ließ, weil die chaldäischen Priester aus Habsucht lässig gewesen waren, erzählt auch Arrian (VII, 17, 3), wodurch die geschichtliche Grundlage der Relation gesichert ist. Es ist, wie gesagt, gleichgültig, ob die unter Hekatäus' Namen zitierte Schrift περὶ Ἰουδαίων echt oder pseudepigraphisch ist. Der Verf. hat echt historische Nachrichten, vielleicht aus verlorenen Quellen über Alexanders Kriege. Der Passus contra Apionem das. hinter der Erzählung vom Belus-Tempel: τῶν γε μὴν κ. τ. λ. der unverständlich ist, setzt eine Lücke voraus.


22 Eusebius Chronicon zur 121. Olympiade, nach Hieronymus' Übersetzung: Demetrius ... Poliorcetes Samaritanorum urbem vastat, quam Perdiccas ante construxerat.


23 Folgt daraus, daß die Jerusalemer seinem Gegner den Einzug in Jerusalem verwehrten, vergl. weiter unten.


24 Das Faktum von der Einnahme Jerusalems durch Ptolem. I., das Josephus (Altert. XII, 1, 1 und contra Apionem I, 22) dem Agatharchides nacherzählt, setzten Wesseling und Scaliger mit Recht in das Jahr 320 z.Z. als Ptol. zuerst Cölesyrien einnahm. Auch Eusebius' Chronicon reiht das Faktum in dieses Jahr ein, Olymp. 115, 4. Da Agatharchides die Einnahme Jerusalems der Sabbatstrenge zur Last legt, so müssen die Jerusalemer vorher Ptolem. den Einzug verweigert haben, wahrscheinlich weil Laomedon damals noch Statthalter von Cölesyrien war.


25 Josephus Altert. a.a.O.


26 Abot I, 3. וכוס שיא סונגיטנא, von dem sonst nichts bekannt ist, kann nur nach dem Diadochen Antigonos benannt sein. Er wird als Jünger Simons Justus angegeben und obgleich dessen Blütezeit in den Beginn des dritten Jahrh. fällt (s. weiter unten), so kann doch sein Jünger Antigonos aus Socho während der Anwesenheit des Mazedoniers Antigonos in Cölesyrien geboren sein.


27 Die seleuzidische Ära, welche bei den Judäern ןינמ םינוי oder תורטש ןינמ genannt wird (bei den Syrern אינויל), wird gewöhnlich vom Herbst 312 an gerechnet, vergl. Ideler, Handb. der Chronol. I, 446f. und Clinton, fasti Hellenici 2, III, 372f. Doch haben die Babylonier und Syrer die Ära erst mit dem darauffolgenden Jahre begonnen, 311, wie Stark, Gaza S. 355, richtig bemerkt, auch die Judäer zählten von 311 an. Über diese Ära in den Büchern der Makkabäer vergl. weiter unten Note 16.


28 Diodorus, XIX, 93 zählt auch Ἀκἠ, Ἰόππƞ, Σαμάρεια καὶ Γάζα auf, welche Ptolemäus schleifen ließ, Jerusalem aber nicht. Aber warum sollte er nicht auch die Mauern Jerusalems zerstört haben? Man erwidert darauf: Weil er sie schon früher nach der Überrumpelung am Sabbat zerstört hatte. Allein von der Zerstörung der Mauern Jerusalems im Jahre 320 durch Ptolem. berichtet weder Agatharchides, noch Josephus. Die Schleifung der Mauern hatte auch für ihn keinen Zweck. Eine befestigte Stadt mehr war für jeden der kriegführenden Diadochen ein Gewinn. Man muß also die Nachricht Appians (Syriaca 50) darauf beziehen: ἣν δὲ (Ἱεροσόλυμα) καὶ Πτολεμαῖος ὁ πρῶτος ... καϑῃρἠκει. Er zerstörte die Mauern Jerusalems zur selben Zeit, als er die der übrigen Städte Cölesyriens niederreißen ließ.


29 Folgt aus Josephus, Altertümer XII, 4, 2.


30 Öfter in Daniel דיגנ חישמ vom Hohenpriester gebraucht, vergl. Monatsschrift, Jahrg. 1871, S. 395 f.


31 Josephus, contra Apionem I, 22; II, 4; jüd. Krieg II, 18, 7. Altert. XII, 1, 1. In der Stelle c.A. II, 4 ist angegeben, es seien nicht wenige Judäer nach Ägypten und Phönizien gezogen διὰ τὴν ἐν Συρίᾳ στάσιν. Das kann nur bedeuten: wegen der Unruhen infolge der Diadochenkriege, nicht, wie Stark es erklärt, wegen der Feindschaft zwischen Judäern und Samaritanern.


32 Josephus Altertümer XII, 1, 1; XIV, 7, 2, nach Strabo.


33 Josephus Altertümer XII, 3, 1; contra Apionem II, 4.


34 Josephus jüd. Krieg III, 3, 1; Γαβά das. ist unstreitig identisch mit dem in der talmudischen Literatur vorkommenden הפיח, jetzt Chaifa.


35 Polybius 16, 1 erwähnt zuerst τὸ Πάνιον; vergl. über die griech. Ansiedelungen in Palästina Stark, Gaza S. 449f. Wenn es richtig ist, was Madden vermutet (history of the coinage p. 23 f.), daß die Münze mit der Legende: »König Seleukos« und ΔΙ Seleukos I. angehört und Diospolis bedeutet, dann wäre Lydda, welche Diospolis genannt wurde, schon früh hellenisiert worden.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1902], Band 2.2, S. 215.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon