7. Kapitel. Simon der Gerechte und seine Nachkommen.

[215] Armut der Zeit, Getrenntheit der Glieder des judäischen Volkes durch die Entstehung des seleuzidischen oder ptolemäischen Reiches. Simon I., der Gerechte, befestigt Jerusalem und den Tempel und legt eine Wasserleitung an. Er wurde von der Poesie verherrlicht. Sein Lehrspruch. Sein Jünger Antigonos aus Socho und sein Denkspruch. Die Nasiräer und Chaßidäer. Simon der Gerechte gegen die Nasiräergelübde. Seine Kinder. Fehden zwischen Syrien und Ägypten. Ptolemäus III. Euergetes erobert Syrien. Onias' II. Verwicklung mit dem ägyptischen Hofe. Joseph, Sohn Tobijas, beginnt eine Rolle zu spielen. Wird Vorsteher des Volkes, reist nach Alexandrien und wird eine beliebte Persönlichkeit bei Hofe. Er wird Steuerpächter für ganz Palästina. Seine Strenge im Eintreiben der Schatzung. Krieg zwischen Antiochos dem Großen und Philopator. Schlacht bei Raphia. Wirkung von Josephs Stellung und Reichtum auf die bevölkerung Jerusalems. Griechische Sitten im Schwang. Die Unzüchtigkeit an Philopators Hof und in Alexandrien. Joseph nimmt Teil daran. Seine Lüsternheit nach einer Tänzerin. Geburt seines Sohnes Hyrkanos. Das Dionysosfest der Faßöffnung und des Weinrausches in Judäa eingeführt und damit unzüchtiges Leben und Überhebung über Lehre und Gesetz. Zwietracht unter Josephs Söhnen. Hyrkanos, Liebling des alexandrinischen Hofes. Die Entstehung des Hohenliedes und sein Lehrzweck. Antiochos des Großen Angriff auf Ägypten. Eine syrische und ägyptische Partei in Judäa. Skopas erobert Jerusalem, richtet Zerstörungen an und besetzt die Akra. Schlacht bei Panion. Besiegung Skopas'. Antiochos' Freibrief für die Judäer. Seine Niederlage gegen die Römer und sein Tod.


(300-187).

Seit einem Jahrhundert und noch darüber, seit dem Tode Nehemias bot das judäische Volk nach innen das Bild einer Raupe, die sich einspinnt, um aus ihrem Safte Fäden zu einem Gewebe zu spinnen, und nach außen das Bild eines Dulders, der Schmach und Demütigungen erträgt und den Mund nicht öffnet. Es hatte bisher keine Persönlichkeit geboren und erzogen, die imstande gewesen wäre, dessen innerstes Wesen zur Erscheinung zu bringen und zugleich ihre Eigentümlichkeit und ihr Gedankengebilde als Triebkraft [215] und Anregung zur Umwandlung geltend zu machen. Es hatte überhaupt in der ganzen Zeit aus seiner eigenen Mitte keine Persönlichkeit von Bedeutung erzeugt, die ihm Anstoß und Schwung hätte geben können. Die Anregung zur Entfaltung und Weiterbildung seines Wesens kam stets von außen, von den hervorragenden Männern in der Fremde, in Babylonien oder Persien. Aber von den Brüdern in diesen Ländern war es durch die neue politische Ordnung getrennt. Judäer am Euphrat, Tigris oder Euläus konnten nicht mehr den regen Verkehr mit denen im Mutterlande unterhalten. Denn die regierenden Dynastieen oder Häuser, die Seleuziden und Ptolemäer, waren stets argwöhnisch gegeneinander. Häufige Besuche der Judäer des seleuzidischen Reiches in Jerusalem wären in Alexandrien mit schelen Augen angesehen worden. Hätte sich das Volk in der Heimat nicht ohne Beihilfe von auswärts aufraffen können, so wäre es verloren gewesen, oder, was dasselbe für ein Volk ist, es wäre verkommen. Denn ein Volk, das sich nicht selbst erhalten oder ausweiten kann und Anregung von außen bedarf, gerät in Verkümmerung und Bedeutungslosigkeit. Aber das judäische Volk sollte nicht verkommen, und so trat zur rechten Zeit der rechte Mann auf, der mit Einsicht und Tatkraft das judäische Gemeinwesen aus dem drohenden Verfalle erhob. Dieser Mann war Simon der Gerechte, Sohn Onias' (ha-Zadik, blühte um 300-2701. Aus der erinnerungsarmen [216] Zeit ragt sein Name wie ein gipfelhoher und laubreicher Baum aus einer öden Gegend heraus. Die Sage hat sich seiner bemächtigt und hat ihm Wunderdinge angedichtet und vieles beigelegt, was vielleicht durch seine Anregung von Späteren ins Leben gerufen wurde. Das ist jedenfalls ein günstiges Zeugnis für eine geschichtliche Persönlichkeit und ihr tiefes Eingreifen in einen großen Kreis, wenn die Sage deren Lob verkündet. Weiß die beglaubigte Geschichte auch nicht viel von Simon I. zu erzählen, so lassen doch die wenigen Züge, die sie erhalten hat, ihn als einen Mann von hoher Bedeutung erkennen. Er war überhaupt der einzige Hohepriester aus dem Hause Jesua oder Jozadak, von dem sie Rühmliches zu erzählen weiß. Von seinen acht Vorgängern ist keinerlei Verdienst verzeichnet, und einige derselben, selbst ihr Stammvater, waren nicht frei von Makel, haben mehr selbstsüchtig als zum Wohl des Gemeinwesens gehandelt.

So war Simon der Gerechte oder der Fromme der einzige Hohepriester, der das Priestertum wieder zu Ehren brachte. »Er sorgte für sein Volk.« So allgemein gehalten dieses Lob aus dem Munde eines Dichters, der sein Andenken verherrlichen wollte, auch klingt, so hat es doch eine vielsagende Bedeutung, wenn man seine Vorgänger mit ihm vergleicht, die gar wenig für ihr Volk gesorgt haben. »Er sorgte für sein Volk, daß es nicht zu Falle komme«2. [217] Er ließ die Mauern Jerusalems, welche Ptolemäus I. hatte schleifen lassen, um seinem Feinde Antigonos und dessen Sohne keinen Stützpunkt zu lassen, wieder aufbauen und befestigen3. Ohne Zweifel hat er von dem König die Erlaubnis dazu erwirkt, und diesem konnte unter veränderter Zeitlage die Befestigung der judäischen Hauptstadt nur erwünscht sein, nachdem seine Hauptgegner die Einfälle in das ägyptische Vorland eingestellt hatten. Den Tempel, welcher seit seinem zweihundertjährigen Bestande bereits schadhaft geworden war, ließ Simon ausbessern und die Ringmauer desselben, welche wohl auch durch die Eroberung gelitten hatte, befestigte er und gab ihr einen festen und hohen Unterbau4. Simon traf aber auch noch eine andere Fürsorge für die Zukunft. Jerusalem besitzt zwar einige Quellen in der Nähe, die Quelle Siloa und Rogel im Südosten und besaß früher die Quelle Gichon im Südwesten der Stadt. Aber in einem trockenen Jahre reichten diese Quellen für das Trinkbedürfnis nicht aus. Außerdem brauchte der Kultus im Tempel sehr viel Wasser. Seitdem die levitischen Reinheitsgesetze verschärft worden waren (o. S. 185), mußten die Priester öfter Waschungen und Bäder gebrauchen. Jeder, auch der Laie, der den inneren Tempelhof betreten wollte, mußte vorher ein vollständiges Bad nehmen5. Es mußte also für Quellwasser im Tempel gesorgt werden. Simon ließ, um diesem Bedürfnis zu genügen, unterhalb des Tempelgrundes ein tiefes Wasserbehältnis ausgraben, welches aus der Quelle Etam, wenige Stunden von Jerusalem, vermittelst eines unterirdisch angelegten Kanals stets mit frischem Wasser gespeist wurde6. Durch diese Vorrichtung hatte der Tempel und mittelbar [218] auch Jerusalem stets Wasser, und das Volk hatte seit der Zeit auch während einer längeren Belagerung nicht an Wassermangel zu leiden7. Diese Bauten und die Wasserleitung haben selbstverständlich bedeutende Ausgaben verursacht, die doch wohl von den Wohlhabenden getragen wurden. Was die judäischen Könige Joasch und Josia nur mit großer Anstrengung durchsetzen konnten, Beisteuern für die Ausbesserung des Tempels einzusammeln, das und noch viel mehr führte Onias' Sohn, wie es scheint, mit Leichtigkeit durch. Sein Ansehen im Volke muß demnach bedeutend gewesen sein; auch seine Persönlichkeit muß einen ehrfurchtgebietenden Eindruck gemacht haben. Er war »der Angesehenste unter seinen Brüdern und eine Krone seines Volkes«8. Der später lebende Dichter Jesua Sirach verherrlicht Simons Persönlichkeit mit begeisternden Worten, und wenn man auch den Anteil davon abzieht, den die Phantasie des Dichters an der Schilderung9 hatte, so müssen doch seine Taten und sein Ruhm den nachfolgenden Geschlechtern nicht unbedeutend erschienen sein, sonst hätte die Poesie ihre Ausschmückung nicht anbringen können:


»Wie herrlich war er (Simeon), wenn er das Innere des Heiligtums verließ,

Wenn er aus dem Allerheiligsten trat!

Wie der Morgenstern inmitten der Wolke,

Wie der Vollmond in den Tagen des Lenzes.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wenn er das Ehrengewand anlegte,

Und sich in die Prachtkleider hüllte.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Rings um ihn ein Kranz von Brüdern,

Sie umgaben ihn wie Säulen von Palmen,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dann stießen die Söhne Ahrons in ihre Drommeten,

Und erhoben einen mächtigen Schall

Zur Erinnerung vor dem Höchsten.

Und die Sänger ließen mit ihren Stimmen süße Lieder erklingen.«


Simon der Gerechte stand als Hoherpriester nicht bloß an der Spitze des Gemeinwesens und des Hohen Rates, sondern auch als [219] Lehrer an der Spitze des Lehrhauses. Seinen Jüngern schärfte er einen Denkspruch ein, welcher ebenso sehr von seiner Denkschärfe, wie von seinem nach Läuterung der religiösen Anschauung strebenden Geiste zeugt. Dieser kurzgefaßte Denkspruch lautet: »Auf drei Dingen besteht die Welt, (das judäische Gemeinwesen) auf der Lehre, dem Gottesdienste im Tempel und auf Liebestätigkeit«10. Vertiefung in die Lehre und Betätigung derselben durch Verbindung und Versöhnung mit Gott vermittelst der Opfer und durch die Tugend der Menschenliebe waren für ihn der zusammengedrängte Inbegriff der den Bekennern des Judentums obliegenden Pflichten. Man darf vielleicht auch diesem würdigen Hohenpriester einen Anteil an dem Kernspruche seines bedeutendsten Schülers zuschreiben. Dieser, namens Antigonos aus Socho (einer judäischen Stadt), pflegte nämlich seinen Jüngern zu wiederholen: »Seid nicht gleich den Sklaven, welche dem Herrn dienen, um die Monat für Monat zugemessenen Lebensmittel zu empfangen, sondern wie die Diener, welche ohne Erwartung von Lohn dem Herrn treu dienen«11.

Die Gottesverehrung gestaltete sich immer reiner, der Irrtum, welcher durch den Buchstaben aus Äußerungen der Thora und Prophetenreden entstehen könnte, als wenn das leibliche Wohlergehen des einzelnen Endzweck der Lehre wäre, dieser Irrtum wurde in Simons des Gerechten Schule beseitigt. Die Zeit, in welcher die Propheten mit beredten, zündenden Worten auf einem freien Platze zum Volke sprachen, waren vorüber; jetzt sprachen die Vorsteher des Lehrhauses zu Jüngern im engen Raume, und sie äußerten den Inbegriff ihrer Überzeugung in knappen Lehrsprüchen, die sie dem Gedächtnisse unverlöschlich einprägten, damit ein Geschlecht sie dem anderen überliefern und einschärfen könnte.

Bei dem hohen Werte, den Simon der Gerechte noch auf das Opferwesen legte, waren ihm doch Übertreibungen desselben, zu welchen die Zeitströmung allzusehr zuneigte, widerwärtig, und er machte kein Hehl aus seiner Abneigung dagegen. Es gab nämlich bereits zu seiner Zeit Überfromme, welche sich ein Nasiräer-Gelübde12 [220] auflegten, um eine Zeitlang sich des Weines zu enthalten; man nannte sie oder sie nannten sich selbst Strengfromme, Chaßidim, Chaßidäer. Sobald die Zeit ihres Gelübdes vorüber war, brachten sie die vom Gesetze dafür vorgeschriebenen Opfer, schoren sich das Haar ab und erfüllten die dazu erforderlichen Vorschriften. Hat sie vielleicht die durch den Weinrausch bei Gelagen und Festen gesteigerte Sinnlichkeit der Griechen und Griechlinge bewogen, sich des Weines zu enthalten und sich den Weihen zu unterwerfen? Sicher ist es, daß mit der Zunahme der Zahl der Genußsüchtigen in Judäa, welche den Griechen an Ausgelassenheit nacheiferten, auch die Zahl der sich kasteienden Chaßidäer sich vermehrte13. Simon der Gerechte war aber mit dieser Überfrömmigkeit unzufrieden und zeigte seine Unzufriedenheit darin, daß er an Opfern der Nasiräer keinen Anteil nahm. Nur ein einziges Mal billigte er ein Nasiräergelübde, und er erzählte den Fall selbst. Einst kam ein schöner Jüngling aus dem Süden mit schönen Augen, schöner Gestalt und gekräuseltem Lockenhaar zu ihm und gab sich als Nasiräer aus. »Warum willst du, mein Sohn, dieses schöne Haar zerstören?« fragte er ihn, und der Jüngling erwiderte: »Ich bin ein Hirte und ging einst Wasser aus dem Quelle zu schöpfen, erblickte meine Gestalt im Wasserspiegel, und sofort stürmte die Leidenschaft auf mich ein und wollte mich zur Sünde verleiten. Da sprach ich zu mir selbst: ›Willst Du schön tun mit etwas, was nicht dir gehört?‹ Und ich weihte mein Haar dem Himmel.« Zu diesem Jüngling sprach Simon: »Deinesgleichen möge es viel Nasiräer in Israel geben«14.

So hoch schlug die Nachwelt die Bedeutung Simons des Gerechten an, daß sie mit seinem Tode einen entscheidenden Abschnitt annahm: Die sichtbaren Gnadenzeichen, welche sich bis dahin innerhalb des Tempels gezeigt hätten, seien mit seinem Ableben völlig verschwunden15. In der Tat traten nach seinem Tode und durch [221] seine eigenen Nachkommen16 schlimme, betrübende Zeiten ein, welche dem judäischen Volk neue Prüfungen auflegten. Es sollte gewissermaßen erprobt werden, ob es imstande sein werde, beim Andrang feindlicher Mächte und Widerwärtigkeiten seine Eigenart zu bewahren und seinen Beruf zu erfüllen. – Simon der Gerechte hatte, so viel bekannt ist, zwei Kinder hinterlassen, einen jungen Sohn und eine Tochter. Diese war an einen wohl nicht unangesehenen Mann aus priesterlichem Geschlechte, namens Tobia, aus einem Städtchen Phichola verheiratet17. Der Sohn namens Onia war noch zu jung, um als Hoherpiester fungieren zu können, so vertrat ihn während seiner Unmündigkeit ein älterer Verwandter namens Manasse18. Die Zeit des Hohenpriestertums dieses Onias II. bildet einen Wendepunkt in dem Geschichtsverlauf des judäischen Volkes. Das Kriegsspiel, welches der zweite und dritte Seleuzide, Antiochos I., Soter und Antiochos II. mit dem zweiten Ptolemäer Philadelphus beinahe vier Jahrzehnte miteinander trieben, jene um Cölesyrien zu gewinnen und dieser um es zu behalten, dieses Spiel verwandelte sich in einen erbitterten Kampf um Sein und Nichtsein, als ein tragischer Mord das kurz vorher geknüpfte Band des Friedens zerriß. Philadelphus hatte seine Schwester Berenike dem syrischen König Antiochos II., den milesische Schmeichler Gott (Theos) nannten, zur Frau gegeben. »Und die Tochter des Königs des Südens kam zum König des Nordens, um Frieden zu stiften19.« Die Bedingung aber war, daß der Gott-König seine erste Gemahlin Laodike verstoßen sollte, was ihm nicht schwer fiel. Aus Rache brachte die Verstoßene ihren Gatten Antiochos, die junge ptolemäische Gattin und deren jungen Sohn um (Januar 246). Ihr [222] Sohn Seleukos II. Kallinikos, welcher bei der Ermordung seines Vaters tätig war, bestieg den Thron von Syrien. Viele Länder und Städte seines Reiches, über diese tragische Untat empört, fielen von ihm ab20 und der Bruder der ermordeten Berenike, der dritte Ptolemäer, Euergetes, der gegen ihn zu Felde zog, errang leichte Siege über ihn, eroberte einen großen Teil des syrisch-asiatischen Reiches und hätte es vollständig bezwungen und mit Ägypten vereinigt, wäre nicht in seiner eigenen Hauptstadt ein gewaltiger Aufstand ausgebrochen. Dadurch konnte der flüchtige Seleukos Kallinikos wieder in seinem Lande festen Fuß fassen, und Ptolemäus Euergetes mußte mit ihm einen zehnjährigen Frieden schließen (240). Cölesyrien mit Judäa verblieb bei Ägypten; aber der Seleuzide wühlte und schürte in diesen Landesteilen, um sie zum Abfall von Ägypten zu bewegen21. Auch Onias II., der Hohepriester und Vorsteher des Volkes Juda scheint von Seleukos umworben worden zu sein, sich an ihn zu halten. Daraufhin stellte er den Steuerbetrag von zwanzig Talenten, welchen Judäa alljährlich an die Ptolemäer zu leisten pflegte, mit einem Male ein. Diese Zahlungseinstellung wurde selbstverständlich am ägyptischen Hofe übel bemerkt. Auf die Steuer, so gering auch die Summe war, wurde, als auf ein Zeichen der Untertänigkeit, Wert gelegt. Nachdem Euergetes vergebens zur Leistung aufgefordert hatte, drohte er im Falle hartnäckiger Verweigerung, das judäische Land an fremde Kolonisten zu verteilen. Er schickte einen eigenen Gesandten nach Jerusalem, einen seiner Günstlinge, namens Athenion. Die Jerusalemer, welche Kunde von der Drohung erhielten, wurden darüber verzweifelt und drängten Onias, seinen Widerstand aufzugeben; aber dieser blieb fest oder halsstarrig22. In dieser peinlichen Lage trat ein Mann mit solcher Entschiedenheit und Festigkeit auf, daß es fast den Anschein hat, daß er die Verlegenheit heraufbeschworen habe, um Gelegenheit zu finden, sich in eine hohe Stellung hinaufzuschnellen. Dieser Mann, namens Joseph, welcher [223] für eine neue Strömung die Richtung anbahnte, war Vetter des Hohenpriesters Onias, Sohn jenes Tobia, welcher die Tochter Simons des Gerechten geheiratet hatte (o. S. 222). Von einnehmendem Wesen, gewandt, schlau, erfinderisch und ohne Gewissensbedenken, wenn es galt einen Plan durchzusetzen, war der Tobiassohn zur Herrschaft geboren. Aber nach der hergebrachten Ordnung stand ihm der Hohepriester, weil er zugleich politisches Oberhaupt des Volkes war, im Wege. Jetzt war die Gelegenheit günstig, ihn beiseite zu schieben. Sobald Joseph Nachricht von dem Eintreffen des ptolemäischen Gesandten in Jerusalem und von dessen drohender Sprache erhalten hatte, eilte er aus seinem Geburtsort nach Jerusalem, überhäufte seinen Oheim Onias mit Vorwürfen, daß er das Volk durch die Steuerverweigerung in die größte Gefahr versetzt habe, drängte ihn an den ptolemäischen Hof zu reisen, um wegen derselben zu unterhandeln, und da er den Hohenpriester unnachgiebig fand, erbot er sich als Gesandter nach Alexandrien zu reisen und Unterhandlungen anzuknüpfen. Kaum hatte ihn Onias dazu ermächtigt, als Joseph das Volk in dem Tempelvorhof versammelte, es wegen der vorhandenen Gefahr beschwichtigte und zu verstehen gab, daß es zu ihm allein volles Vertrauen fassen möge, daß er die Bedrängnis abzuwenden imstande sein würde. Die anwesende Versammlung rief ihm Dank und Beifall zu und ernannte ihn zum offiziellen Volksführer (230)23.

[224] Von diesem Augenblick an trat Joseph mit solcher Entschiedenheit auf, als wenn sein Plan schon lange vorher in seinem Kopfe gereift gewesen wäre. Er kannte recht gut die Schwächen der Griechen, daß sie für Schmeicheleien und Schmausereien nicht unempfindlich waren. Er veranstaltete daher leckere Gastmähler für den Gesandten Athenion, bezauberte ihn durch seine Liebenswürdigkeit, machte ihm reiche Geschenke und wußte ihn zu überreden, getrost an den ägyptischen Hof zurückzukehren und den König zu versichern, daß er bald nachkommen und die Rückstände der Steuer erledigen werde. Sobald der Gesandte Jerusalem verlassen hatte, knüpfte Joseph mit samaritanischen Freunden oder Wucherern Unterhandlungen an, um eine Anleihe für die Ausgaben, die ihm nötig schienen, zu erlangen. Um würdig bei Hofe auftreten zu können, brauchte er nämlich Prachtgewänder, Gespann und Mittel für Gastgebereien. Joseph besaß aber selbst keine Mittel, und in ganz Judäa fand er keinen, der ihm hätte Geldvorschüsse machen können. Die Bevölkerung lebte nur von Ackerbau und Gartenzucht, trieb keinen Handel und hatte bis dahin keine Gelegenheit, Reichtümer zu sammeln24. So mußte Joseph zu den samaritanischen Geldmännern Zuflucht nehmen, die schon Handel trieben und Wohlstand erworben hatten. Obgleich zwischen Samaritanern und Judäern die alte Feindschaft noch fortdauerte, und jene während Onias' Priestertum wiederum einen Landstrich an der Grenze von Juda losgerissen und Personen in Gefangenschaft weggeführt hatten25, so machte dieser Umstand doch Joseph keine Bedenken, mit den Feinden seines Vaterlandes26 in Verbindung zu treten, und von ihnen eine Anleihe aufzunehmen.

Mit Mitteln zum Erscheinen bei Hofe versehen, eilte er nach Alexandrien, und als er erfuhr, daß der König Euergetes sich nach Memphis begeben hatte, reiste er ihm nach. Der Gesandte Athenion [225] hatte ihm bereits einen gnädigen Empfang vorbereitet. Er hatte so viel von dessen Liebenswürdigkeit und Gewandtheit erzählt, daß Euergetes Neugierde erweckt wurde, ihn kennen zu lernen. Sobald Joseph in die Nähe des Wagens kam, in dem der König mit Athenion fuhr, und dieser auf ihn aufmerksam gemacht hatte, lud ihn Euergetes ein, in den Wagen zu steigen und wurde von dessen Reden so bezaubert, daß er ihn auch zu den Gastmählern bei Hofe einlud. Die Gesandten der palästinensischen und phönizischen Städte, die früher über seinen nicht allzuglänzenden Aufzug spöttische Bemerkungen gemacht hatten, sahen jetzt mit Neid, wie er in den engsten Hofkreis gezogen wurde. Bald gab er ihnen Gelegenheit, ihn nicht nur zu beneiden, sondern auch zu hassen und zu verwünschen.

Der große Teil des zu Ägypten gehörenden Gebietes von Cölesyrien und Phönikien zerfiel in lauter kleine Stadtgruppen, von denen jede ihre eigenen Interessen verfolgte und mit den anderen keinerlei Verbindung unterhielt. Von Gaza im Süden bis Tyrus und Sidon im Norden bildeten sämtliche größere Städte im Binnenlande lauter kleine städtische Republiken, die zwar dem ptolemäischen Zepter unterworfen waren, im Innern aber eine selbständige Verwaltung hatten. Im städtischen Regimente hatten selbstverständlich die Reichsten die Oberhand, da in der mazedonischen Zeit das Geld die einzige Schutzwehr gegen Vergewaltigung gewährte. Die Bevölkerung der cölesyrischen und phönizischen oder unter dem Gesamtnamen palästinensischen Städte war meistens gemischt aus Eingeborenen und eingewanderten Griechen. Diese, welche nur des Gewinnes halber sich in dem für sie nicht sehr erfreulichen Barbarenland – wie sie es nannten – angesiedelt hatten, und außerdem von den Stammverwandten auf dem Throne und bei Hofe vielfach gefördert wurden, wurden dadurch die Reichsten und Angesehensten. Hätten sich die in Palästina angesiedelten Griechen oder Halbgriechen (Mazedonier) geeinigt, so hätten sie das ganze Gebiet beherrscht und den Ausschlag zu gunsten des einen oder des anderen der miteinander rivalisierenden beiden Reiche geben können. Allein sie hatten die Zwiespältigkeit und Unverträglichkeit miteinander aus der Heimat in die Ansiedlungskolonien verpflanzt. Daher kam es, daß nicht zwei städtische Republiken in Palästina Hand in Hand miteinander gingen, sondern jede ihren eigenen Weg verfolgte. Gegen diese Zersplitterung und Vereinzelung war Judäa im Vorteil; es bildete ein größeres Gemeinwesen, wenn nicht von Millionen, so doch von Hunderttausenden gleichartiger Bürger, welche dem Oberhaupte Folge leisteten und gemeinsames [226] Handeln nicht erschwerten. Ähnlich wie Judäa bildete vielleicht das ihm feindselige Samaria ein größeres und einheitliches Gemeinwesen. Der mazedonisch-ägyptische Hof hatte nun die Einrichtung getroffen, die Steuern von allen diesen städtischen Republiken alljährlich zu verpachten. Selbstverständlich bewarben sich die Reichen um die Pacht und suchten den Preis möglichst herabzudrücken, um einen um so größeren Gewinn von den einzelnen Steuerleistenden für ihre Säckel zu erzielen. Allzuschroff durften die ägyptischen Könige nicht verfahren, weil sie die ohnehin nicht sehr zuverlässige palästinensische Bevölkerung nicht erbittern durften, um sie nicht in die Arme des nebenbuhlerischen Reiches der Seleuziden zu treiben.

Während der Anwesenheit des Tobiassohnes in Alexandrien waren die Steuerpachtlustigen aller Städte dahin gekommen, um ihr Angebot in Gegenwart des Königs und Hofes zu machen. Sie hatten sämtlich dasselbe Interesse, so wenig als möglich zu bieten. Mit einem Male fuhr Joseph dazwischen, da er rasch berechnet hatte, daß, da die Gesamtsumme der Steuer von den Landesteilen sich nur auf achthundert Talente belaufen sollte, die Bietenden wie auf Verabredung den König zu übervorteilen gedächten, und er machte sich anheischig, das doppelte dieser Summe zu leisten und außerdem noch mehr versprechen zu können. Verblüfft blickten die Anwesenden auf den herausfordernden Judäer, der im Vergleich zu ihnen ein Bettler war. Dem König Euergetes gefiel aber dieses unerwartet gesteigerte Angebot; aber er verlangte sichere Bürgschaft für die Erfüllung der Verpflichtung. Höfisch fein erwiderte Joseph, er wolle zwei Bürgen stellen, welche als die besten anerkannt sind, den König und die Königin. Diese schmeichelhafte Wendung gefiel Euergetes, und er erblickte in der Gewandtheit, Entschlossenheit und Keckheit dieses Judäers die sicherste Bürgschaft für das Zustandekommen der gesteigerten Steuererträgnis. So wurde der Tobiassohn Hauptpächter sämtlicher Abgaben von den Städten und Landesteilen Cölesyriens und Phöniziens. Der König aber überließ ihm auch auf dessen Wunsch zweitausend Mann Soldtruppen, die ihm bei der rücksichtslosen Eintreibung der Steuern behilflich sein sollten. Denn auf Widerstand mußte er sich gefaßt machen. Durch diese Kriegerschar wurde Joseph in Wirklichkeit Herrscher über ganz Palästina. Bei alledem gebrach es ihm an Mitteln, um die Ausbeutung der Steuerkraft in großem Maßstabe durchführen zu können; er mußte abermals eine Anleihe machen, und er erhielt sie von den reichen Hofleuten, da sie sich nicht verhehlen konnten, daß Joseph ein Günstling des Königs geworden war und gute Zinsen zu zahlen imstande sein würde.

[227] So kehrte er, mit Mitteln für den Anfang versehen und von der Kriegerschar begleitet, nach Judäa zurück, das er als ein um Nachsicht Bittender unbemittelt verlassen hatte, und begann sofort seine Tätigkeit. Selbstverständlich hatten sich sämtliche bisherige Steuerpächter, welche zugleich Tonangeber in ihren Städten waren, wie auf gemeinsame Verabredung vor genommen, ihm die Steuerzahlung zu verweigern und ihm hartnäckigen Widerstand entgegenzusetzen. Den Reigen eröffnete Askalon, die ehemalige Philisterstadt, die eine zahlreiche und begüterte Bevölkerung hatte. Doppelt verhaßt war ihr der Judäer, welcher Gebieter über ihr Hab und Gut geworden war, und sie verwehrte ihm den Einzug in ihre Stadt. Er aber erzwang ihn und verfuhr streng. Zwanzig der Angesehensten der Stadt ließ er als Rädelsführer hinrichten, zog ihr Vermögen ein, das sich auf Tausende belief, sandte es dem Könige zu und erstattete Bericht darüber. Und sein strenges Verfahren, das Geld einbrachte, wurde vom Hofe gebilligt. Der Vorgang in Askalon flößte den übrigen palästinensischen Städten einen solchen Schrecken ein, daß sie fortan dem judäischen Steuerpächter willig die Tore öffneten und die ihnen auferlegte Schatzung leisteten. Nur die Stadt Bet-Schean – Skythopolis, von vielen Griechen bewohnt, wagte noch Widerstand zu leisten und überhäufte ihn mit Schmähungen. Bald war aber auch ihr Mut gebrochen, als er auch hier die vornehmsten und reichsten Bürger enthaupten ließ und ihren reichen Besitz für den König konfiszierte27. – Mit den Samaritanern scheint sich Joseph vertragen zu haben. Wenigstens wird von keiner feindseligen Handlung gegen sie aus dieser Zeit berichtet. Und es war klug, ein freundliches Verhältnis mit ihnen zu unterhalten. Umgeben von giftig feindlichen Nachbarn, mußte er eine Annäherung an das Volk suchen, das mit seinem Volksstamme doch etwas Gemeinsames hatte, die Gottesverehrung und die Thora.

Zweiundzwanzig Jahre28 hatte Joseph die Hauptsteuerverwaltung oder eine Art Satrapie über die Länder Cölesyrien und Phönizien inne, und er benutzte sie, um erstaunliche Reichtümer zu sammeln und Macht zu erwerben. Nach dem Tode Euergetes' (223) überließ sein Nachfolger Ptolemäus IV. Philopator (222-206) ihm ohne weiteres die Verwaltung. Er schonte die steuerfähigen städtischen Republiken auch unter diesem Könige so wenig, daß in Gegenwart Philopators die hämische Bemerkung geäußert wurde, Joseph habe von ganz Syrien das Fleisch geschunden und nur die Knochen übriggelassen29. [228] Den ptolemäischen Herrschern und besonders Philopator war diese Aussaugung der zweifelhaften Länder nicht zuwider; denn er brauchte Unsummen für seine alles Maß überschreitenden Verschwendungen. Von den stets wachsenden Einnahmen sandte Joseph reiche Geschenke an den König, die Königin und die Günstlinge des Hofes, um sich in seiner Stellung behaupten zu können30. – Nur eine kurze Zeit schien sich sein Glücksstern zu verdunkeln. Der seleuzidische König Antiochos, den die Schmeichler den »Großen« nannten (223-187), von gewaltiger Kriegeslust und weite Pläne brütend, aber ohne Ausdauer und Stetigkeit, benutzte die durch Genußsucht und Üppigkeit des Königs Ptolemäus Philopator herbeigeführte Schwäche Ägyptens, um ihm Cölesyrien zu entreißen. Der Beginn des Angriffs schien Sieg zu verheißen. Ägyptische Feldherren übten Verrat, gingen zum Feinde über und lieferten ihm die Besatzung in die Hände. Tyrus und Ptolemais (Akko) fielen ihm zu. Da indessen die übrigen Küstenstädte am Mittelmeer treu zu Ägypten hielten, so verlegte Antiochos den Krieg ins Binnenland. Philoteria am Harfensee und Skythopolis (Bet-Schean) unterwarfen sich ihm, die Bergfeste Thabor (Atabyrion) wurde zur Übergabe gezwungen, und dadurch beherrschte er die große Ebene Jesreël (Esdrelon). Dann eroberte Antiochos die Festungen Pella, Kamus (Kamon), die Stadt – in welcher der Richter Jaïr begraben wurde – ferner Gephron (Ephron), Abila, Gadara, da auch hier ägyptische Scharenführer zu ihm übergingen. Nur Rabbaatammon, nach dem zweiten Ptolemäer Philadelphia genannt, leistete hartnäckigen Widerstand, wurde aber endlich mit Sturm genommen. Auch Samaria31 fiel ihm zu, und er sandte während der Winterrast (218-17) zwei Feldherren mit Truppen dahin, das eroberte Binnenland zu überwachen, da der Beginn des Frühjahres die Entscheidung herbeiführen sollte. Judäa und Jerusalem, von dem Tabiassohn beherrscht, blieben aber Ägypten treu. Aber wie lange werden sie sich gegen den Andrang der seleukidischen Heere halten können? Und wenn der Syrier angreifen sollte, welche Partei sollte Joseph ergreifen? [229] Gewiß verlebte er die Zeit in bangem Zagen. Endlich schlug die Stunde der Entscheidung. Im Frühjahr (217) zog Antiochos mit einem zahlreichen aus europäischen und asiatischen Ländern bunt gemischten Heere und Elefanten längs der Meeresküste nach Gaza und weiter südlich über Raphia hinaus, um in Ägypten einzudringen. Philopator hatte sich aber aus seinem Lotterleben aufgerafft, ebenfalls ein zahlreiches Heer, meistens griechische Soldtruppen, zusammengebracht und zog seinem Feinde bis in die Nähe von Raphia entgegen. Nachdem beide Könige und beide Heere mehrere Tage einander beobachtet hatten, kam es zum Kampfe. Antiochos, des Sieges gewiß, erlitt eine so entscheidende Niederlage, daß er sich nach Antiochien zurückzog und den Besitz von Cölesyrien aufgab. Alle die ihm zugefallenen Städte und Gemeinwesen überboten sich an Schmeicheleien und Huldigungen für den Sieger Philopator, sandten ihm Kronen, brachten Opfer für ihn und bauten ihm Altäre32. Joseph blieb in seiner Stellung und in Gunst bei Philopator.

Durch ihn und seine Verbindung mit dem Hofleben Philopators trat eine durchgreifende Veränderung in der judäischen Bevölkerung zutage, wenn auch weniger merklich auf dem Lande, so doch auffallend in der Hauptstadt. Durch die großen Reichtümer, die er durch den Zinspacht erworben, kam ein förmlicher Goldregen über das Land: »er hat das Volk aus Armut und dürftigen Verhältnissen zum Wohlstand erhoben33.« Zur Eintreibung der Steuern von so vielen Städten brauchte er zuverlässige Beamte, und er wählte sie selbstverständlich lieber aus seinem Volke, weil er durch sie vor Betrügerei und Verrat geschützter war, als wenn er Fremde dazu verwendet hätte. Diese Beamten bereicherten sich auf ihre Weise und trugen durch den Reichtum den Kopf höher.

Der über Nacht erworbene Reichtum, das Ansehen, das der Tobiassohn am Hofe Philopators genoß, die Kriegerschar, die ihm zur Verfügung stand, wodurch er die verschiedenen Völkerschaften in Palästina, den Rest der Philister, Phönizier, Idumäer und selbst die griechisch-mazedonischen Kolonisten in Furcht erhielt, gaben ihm und seinem Kreise ein gewisses Selbstgefühl und erhoben auch das Volk im allgemeinen aus der gedrückten demütigen Haltung den Nachbarn [230] gegenüber. Der Gesichtskreis der Judäer, wenigstens derer in Jerusalem, erweiterte sich durch die Berührung und den Verkehr mit Griechen, und sie sahen die Dinge und Lebenslagen mit anderen Augen an, als früher aus ihrem engen Gehäuse. Sie unterlagen zunächst dem feinen Geschmack der Griechen. Ihre Wohnungen wurden schöner gebaut, und auch die Malerei kam bei ihnen in Aufnahme34. Die in Alexandrien wohnenden Judäer, die bereits seit einem Jahrhundert in griechischer Umgebung weilten und sich äußerlich hellenisiert hatten, wirkten auf die Judäer, welche Josephs Verkehr am Hofe mit ihnen in Verbindung brachte. Aber die Sitteneinfalt litt durch diesen plötzlichen Umschwung eine unerfreuliche Einbuße.

Ein Goldregen wirkt nicht befruchtend, sondern verwüstend und entsittlichend. Die reichen Emporkömmlinge verloren das Gleichgewicht; das schlimmste war noch nicht, daß sie den Mammon hochschätzten und Geldgeschäfte anderem Erwerb vorzogen, sondern daß sie Bewunderer und Affen der Griechen wurden und Anstrengung machten, sich auch deren Untugenden und leichtfertige Sitten anzugewöhnen und die einheimischen Tugenden hintansetzten. Die Griechen liebten vor allem Geselligkeit, gemeinschaftliche Mahle und ausgelassene Heiterkeit bei den Gastmählern. Es war eine unschuldige Nachahmung, daß auch Judäer diese Sitte annahmen, gemeinschaftlich speisten, beim Speisen je drei auf Ruhebetten lagen35, statt an der Tafel zu sitzen, und Wein, Musik, Lieder und Heiterkeit dabei einführten36. Allein, es blieb nicht dabei, das Leben auf harmlose Weise zu erheitern. Der griechische Leichtsinn und die Ausgelassenheit zogen sie immer tiefer in den Strudel hinein. Der Tobiassohn verkehrte öfter an dem Hofe des Königs Ptolemäus Philopator, wenn ihn Geschäfte nach Alexandrien führten. Dieser Hof war aber ein Pfuhl der Zuchtlosigkeit. Keiner von Philopators Vorgängern hat sich zwar durch Keuschheit und geregelte Lebensweise ausgezeichnet; aber der vierte Ptolemäer hat sie sämtlich in den Schatten gestellt. Die Buhlerin Agathoklea, ihre Mutter, ihr Bruder Agathokles und ein anderer Wollüstling Sosibios, welche den König und das Land beherrschten, Ämter austeilten, Gunst und Ungunst nach Laune gewährten, sie machten Alexandrien zu einer Lotterstätte. Unzucht, tägliche Trinkgelage, Musikaufführungen, in denen der König selbst [231] auftrat, wechselten in berauschender Aufeinanderfolge ab. Die Tage vergingen in festlichen Gelagen und die Nächte in schamloser Ausschweifung. Die Zuchtlosigkeit ging ohne Hülle umher und verführte Volk und Heer37. Philopator hatte den drolligen Einfall, daß seine Ahnen von dem Weingott Dionysos (Bacchus) abstammten38, und infolgedessen fühlte er sich verpflichtet, dem Weinrausche und der damit verbundenen bacchischen Ausgelassenheit mit Andacht obzuliegen. Wer Gunst beim König und seinen Buhlgenossen finden wollte, mußte sich in die dionysische Zunft für das Lotterleben aufnehmen lassen.

So oft Geschäfte den Tobiassohn nach Alexandrien führten, genoß er die zweideutige Ehre, zu des Königs Schmauserei geladen39 und in die Dionysoszunft aufgenommen zu werden. Bei einem Gelage verliebte er sich in eine der unzüchtigen Tänzerinnen, die bei solchen Gelegenheiten nicht fehlten. Die Fleischeslust übermannte den Enkel des Hohenpriesters Simon des Gerechten so sehr, daß er sich seinem Bruder Solymios eröffnete und ihn dringend bat, ihm die Buhlerin heimlich zuzuführen, da das Gesetz des Judentums ihm verbiete, sich einer Fremden zu nähern. Soweit hatte ihn der vertraute Verkehr mit den der Sinnlichkeit fröhnenden Griechen gebracht, und er war damals schon Vater von sieben Söhnen. Und der Bruder war nur zu gefällig gegen ihn, aber er gedachte dessen Ehre zu retten. Solymios war auch nach Alexandrien gekommen und hatte seine Tochter mitgenommen, um sie an einen reichen und vornehmen Stammesgenossen zu verheiraten. Um aber seinem Bruder vor einem Schritt zu bewahren, der ihm Schande hätte bringen können, soll er seine eigene Tochter in dem Aufzug der begehrten Tänzerin seinem lüsternen Bruder zugeführt, und dieser in der Trunkenheit geglaubt haben, die Buhlerin zu umarmen. Als Joseph endlich – nicht zum Bewußtsein seiner Sünde gekommen, aber von dem Umgang mit der vermeintlichen Tänzerin von seiten des Königs [232] Gefahr fürchtete, soll ihm der Bruder die von ihm angewandte List entdeckt, und Joseph die Untergeschobene zur Frau genommen haben. Die Frucht dieses nicht sehr keuschen Verhältnisses soll sein jüngster Sohn, namens Hyrkanos40, gewesen sein, der die Zwietracht ins Haus Judas bringen sollte.

Von dieser sittlichen Fäulnis blieb Jerusalem nicht verschont, Joseph und seine Genossen schleppten sie aus Alexandrien ein. Da der König, sein Gönner, so viel Wert auf den Weingott Dionysos legte, so führte, wie es scheint, der Tobiassohn aus Liebedienerei ein dionysisches Fest, das er in Ägypten mitzumachen pflegte, in Judäa ein. In der Zeit des Überganges des Winters zum Frühjahr, wenn der Weinstock in Blüte schießt, und der Wein in den Fässern zum zweiten Male und entscheidend in Gärung gerät, pflegten die Griechen ein großes Fest, die großen Dionysien, »das Faßöffnungs- oder Kannenfest«, mit ausgelassener Freude zu begehen. Zwei Tage wurden dem Weinrausche gewidmet, zu dem auch die Sklaven zugelassen wurden. Freunde schenkten einander Krüge mit Wein gefüllt. Wer am meisten trinken konnte, wurde als Sieger gefeiert. Dieses »Faßöffnungsfest« fand auch in Judäa Eingang, wahrscheinlich von dem Höfling Joseph angeregt. Auch hier wurde in derselben Zeit allmählich erst in kleineren und dann in immer größeren Kreisen an zwei Tagen dem Weine mehr als gebührlich zugesprochen und Geschenke an Freunde ge schickt. Um jedoch diesem fremden Feste einen judäischen Anstrich zu geben, pflegten die Reichen an diesen Tagen den Armen Almosengaben zuzuwenden41. Die Ausgelassenheit ist die stete Begleiterin des übermäßigen Weingenusses. Der judäische Geldadel setzte sich bald über Ehre, Scham und väterliches Gesetz hinweg und ahmte die griechische Zuchtlosigkeit nach, Sängerinnen, Tänzerinnen und Buhldirnen bei den Schmausereien einzuführen. Wie zur Zeit des babylonischen Exils ein Weiser vor der Nachahmung der babylonischen Buhlerkünste warnte, so mußte auch in dieser Zeit ein Spruchdichter gegen die überhandnehmende Unkeuschheit seine warnende Stimme erheben:


»Komme einem buhlerischen Weibe nicht entgegen,

Damit du nicht in ihre Schlinge fallest.

Verweile nicht bei einer Sängerin (Tänzerin),

[233] Damit du nicht in ihren Künsten gefangen werdest.

Gib der Buhlerin nicht dein Leben hin,

Auf daß du dein Erbe nicht verlierst«42.


Das Schöngute, das der Tobiassohn von den Griechen für Judäa entlehnt hat, die Künste und der feine Geschmack, wogen nicht die Einbuße an Sittenstrenge und Keuschheit auf, die er dem Volke verursacht hat. Auch ernste Männer begannen, unter dem Drucke des griechischen Einflusses an ihren überkommenen Überzeugungen zu zweifeln, ob das alles, was das Judentum lehrt und vorschreibt, auch richtig und wahr sei, ob die Gottheit vom Menschen die Entsagung von Genüssen und Freuden verlange, und ob sie sich überhaupt um die große Welt des All und die kleine Welt des Menschen kümmere. Epikurs Lehre, wofür dieser in der Zeit nach Alexander in Athen eine philosophische Schule gegründet, welche die Schattenhaftigkeit der Götter behauptete und den Genuß empfahl, fand in der entarteten griechisch-mazedonischen Welt und besonders in den höheren Kreisen Alexandriens am meisten Anklang. Sie wurde hier als eine Aufforderung an den Menschen ausgelegt, sich der Sinnenlust rückhaltlos hinzugeben. Von Alexandrien drang ihr verderblicher Einfluß auch nach Jerusalem43. Man fing auch hier an zu grübeln und sich über die Lehre des Judentums hinwegzusetzen.

[234] Diese Grübelei hätte vielleicht zur Denktätigkeit geführt, wenn nicht die häßliche Zwietracht in den Kreisen der Emporkömmlinge sich zu den angenommenen Untugenden gesellt hätte. Zwischen den sieben Söhnen Josephs, aus erster Ehe – und dem jüngsten Hyrkanos, dem Kinde der sündhaften Begierde und der Täuschung, entstanden Eifersucht und Haß, die mit den Jahren immer mehr zunahmen. Der Jüngste zeichnete sich von Jugend an durch Gewandtheit, Geistesgegenwart und Schlauheit aus und wurde dadurch der Liebling des Vaters, der sich in ihm verjüngt und übertroffen sah. Als dem verbuhlten König Philopator ein Sohn geboren wurde (um 210), der nachmalige Schwächling Ptolemäus V. Epiphanes, waren die Vertreter der Städte und Gemeinwesen von Cölesyrien voller Wetteifer, dem Königspaare als Zeichen der Untertanenliebe Glückwünsche und Geschenke darzubringen. Joseph durfte nicht zurückbleiben. Da er selbst wegen Alters (?) die Reise nicht unternehmen konnte, so forderte er einen der Söhne auf, ihn zu vertreten. Aber keiner getraute sich die dazu erforderliche Anstelligkeit und den Mut dazu, außer Hyrkanos, den diese selbst dem Vater einstimmig als geeignet bezeichneten. Nichtsdestoweniger44 gaben sie ihren Freunden in Alexandrien einen Wink, ihn aus dem Wege zu räumen. Aber der junge Tobiade eroberte sich rasch die Gunst des Hofes. Durch seine verschwenderischen Geschenke – hundert schöne Sklaven für den König und ebensoviel schöne Sklavinnen für die Königin – die zugleich je ein Talent zu überreichen in der Hand hatten, stellte er alle, die an dem Tage mit Gaben die Aufwartung machten, in den Schatten. Durch seine Geistesgegenwart und seinen Witz bei Unterredungen mit dem König und bei der Tafel, wozu er auch zugezogen wurde und an der er gleich seinem Vater schwelgte, wurde er der Liebling Philopators. Dieser überhäufte ihn mit Lobeserhebungen in Schreiben an dessen Vater, Brüder und Beamten. Stolz kehrte Hyrkanos nach Jerusalem zurück; da lauerten ihm seine Brüder unterwegs mit ihren Leuten auf, um ihn umzubringen. Er aber und seine Begleiter setzten sich zur Wehr und töteten zwei der Brüder. Finster empfing ihn der Vater in Jerusalem wegen der Verschwendung der Gelder, die er bei Hofe angewendet, und vielleicht auch aus Eifersucht, daß er in der Gunst des Königs in so kurzer Zeit so hoch gestiegen war, daß [235] er ihn selbst verdunkelte. Hyrkanos konnte daher nicht in Jerusalem bleiben45 und kehrte wahrscheinlich nach Alexandrien zurück.

Noch war die Zwietracht auf das Haus des Tobiassohnes beschränkt und hatte noch nicht das Volk oder richtiger die Einwohner Jerusalems ergriffen. Man hatte hier noch keine Ahnung davon, daß aus der einreißenden Zwiespältigkeit dieses Hauses und aus dessen Hinneigung zum griechischen Wesen und zu griechischen Verirrungen unsägliches Leid über das Volk hereinbrechen würde. Die Gegenwart erschien noch auf freundlicher Bildfläche. Judäa genoß für den Augenblick Ruhe und Lebensbehaglichkeit. Wohlstand war im Lande verbreitet und gab Mittel an die Hand, das Leben zu verschönern. Die Nacharvölker beugten ihr Haupt vor dem politischen Führer des Volkes und wagten nicht, es wie früher anzugreifen oder mit Verachtung zu behandeln. Seit Nehemia war ein solcher befriedigender Zustand nicht in Judäa. Es konnte daher in dieser Zeit ein dichterisches Kunstwerk entstehen, welches einen rosigen Schimmer über die Oberfläche der damaligen Gegenwart verbreitet und friedliche, glückliche und heitere Tage voraussetzt. Es ist ein Liebesgedicht, in dem sich ein wolkenloser Himmel, grüne Matten, duftende Blüten und besonders eine sorgenfreie Heiterkeit des Gemütes abspiegeln, als gäbe es nichts Ernsteres, als auf Myrtenbergen zu wandeln, unter Lilien zu weiden, einander Liebesworte zuzuflüstern und in Seligkeit des Augenblickes zu schwelgen. Das hohe Lied (Schir ha-Schirim)46, ein Kind sorgenentfesselter Tage und Lebensfreudigkeit, in welchem die hebräische Sprache gezeigt hat, daß sie auch Weichheit und Tiefe der Empfindungen, den Schmelz feinfühliger Rede und Gegenrede und malerische Naturpoesie wiederzugeben imstande ist, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit in dieser windstillen Zeit, welche einem Sturm vorausging, gedichtet. Es ist schon von griechischen Säften durchzogen. Der sinnige Dichter hatte sich in der griechischen Welt umgesehen, sich an dem Zauber ihrer Sprache gelabt und ihr manchen Kunstgriff abgesehen, besonders die Form, einen Hirten und eine Hirtin auftreten zu lassen und ihnen Liebesgespräche in den Mund zu legen. Aber mit der Harmlosigkeit dieser ätherischen Poesie hat [236] der Dichter auf die Schäden der Zeit aufmerksam machen wollen. Im Gegensatz zur unsauberen, unkeuschen Liebe der griechischen Welt schuf er ein Idealwesen, eine schöne Hirtin, Sulamit, die schöne Tochter Aminadabs, welche eine tiefe, innige, unverlöschliche Liebe zu einem Hirten, der unter »Lilien weidet«, im Herzen trägt, aber dennoch und eben dadurch keusch und züchtig bleibt. Ihre Schönheit wird durch vortreffliche Eigenschaften erhöht; sie hat eine bezaubernde Singstimme, süße fesselnde Beredsamkeit, und beim Tanzen entwickelt sie bei jeder Bewegung Anmut und Lieblichkeit. Sie liebt ihren Hirten mit der ganzen Glut eines jugendlichen Herzens und ist sich der ganzen Kraft der Liebe so voll bewußt, daß sie Betrachtungen darüber anstellt:


»Denn schmerzlich wie der Tod ist die Liebe,

Hart wie das Grab ist die Eifersucht.

Ihre Pfeile sind Feuerpfeile, eine Gottesflamme,

Mächtige Fluten können die Liebe nicht löschen,

Und Ströme sie nicht wegspülen.

Gäbe einer sein ganzes Vermögen um Liebe,

Verachten würde man ihn.«


Und gerade diese glühende Liebe schützt sie vor jeder unkeuschen Handlung, jedem unanständigen Worte, jedem unreinen Gedanken. Wie ihre Augen Taubenaugen gleichen, so ist ihr Herz voll Taubenunschuld:


»Sechzig Könige gibt es,

Und achtzig Kebsen,

Und Dirnen ohne Zahl,

Einzig ist meine Taube, meine Unschuld,

Einzig ist sie ihrer Mutter,

Lauter ist sie ihrer Gebärerin,

Jungfrauen sahen sie und lobten sie,

Königinnen und Kebsen priesen sie:

›Wer ists, die herunterblickt gleich der Morgenröte,

Schön wie der Mond, lauter wie die Sonne,

Furchtgebietend wie Türme?‹«


Ihr Freund – und so nennt sie ihn stets – stellt ihr selbst das Zeugnis der Unnahbarkeit aus:


»Süßigkeit träufeln deine Lippen,

Meine Schwester-Braut,

Honig und Milch auf deiner Zunge,

Und der Duft deines Gewandes wie der Duft des Libanon.

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester-Braut,

Ein verschlossener Garten,

Ein versiegelter Quell.«


In so strenger Züchtigkeit läßt der Dichter seine Idealhirtin, Sulamit, erscheinen, daß sie vor fremden Ohren nicht einmal ihre [237] bezaubernde Singstimme hören lassen mag. Ihrem Freunde zu Liebe singt sie gerne; das erzählt sie ihren Freundinnen, den Töchtern Jerusalems, mit denen sie ein Zwiegespräch führt:


»Es erwiderte mir mein Freund und sprach zu mir:

›Auf, auf! meine Freundin, meine Schöne, komme doch!

Denn sieh der Winter ist vorüber,

Die Regenzeit entschwunden, vorübergegangen,

Die Blumen zeigen sich am Boden,

Die Gesangeszeit ist eingetroffen,

Der Wandertaube Stimme hört man schon in unserm Lande,

Der Feigenbaum hat seine jungen Früchte gewürzt,

Und die Weinstöcke in Blüte verbreiten Duft.

Auf, auf! meine Freundin, meine Schöne, komme doch!

Mein Täubchen auf des Felsens Kamm,

In des Stufenganges Geheimnis,

Zeige mir deine Gestalt,

Laß mich deine Stimme vernehmen!

Denn deine Stimme ist angenehm,

Und deine Gestalt ist schön.‹«


Infolge dieser dringenden Aufforderung singt ihm Sulamit ein kleines Liedchen aus dem Hirtenleben. Als er aber sie überreden will, auch vor Fremden zu singen:


»Die du in Gärten weilest,

Genossen lauschen auf deine Stimme,

Laß sie uns doch vernehmen!«


da weist sie ihn zart ab.


»Eile mein Freund hinweg –

Und gleiche einem Hirsche

Oder der jungen Gazelle –

Zu den würzigen Bergen!«


Und so oft der Freund etwas Ungebührliches von ihr verlangt, weist sie ihn sinnig ab:


»Ehe der Tag sich abkühlt,

Ehe die Schatten sich neigen,

Begib dich hinweg,

Gleich dem Hirsche

Oder der jungen Gazelle!«


Als nun gar von ihr verlangt wird, ihren lieblichen Tanz sehen zu lassen, gerät sie in Entrüstung:


›O, kehr' um, Sulamit, kehre um,

Daß wir dir zusehen!

Wie schön sind deine Füße in Schuhen, Tochter Aminadabs!

Die Schwingungen deiner Hüften wie Ketten,

Das Werk eines Künstlers!‹

›Was wollt ihr an Sulamit sehen,

Wie an einer Tänzerin der Chöre?‹


[238] So erwidert ihnen die streng züchtige Sulamit. Zu ihrem Freunde, den ihre Seele liebt, spricht sie:


»Ich wollte, du wärst mir ein Bruder,

Der an der Brust meiner Mutter gesogen.

Fände ich dich auf der Straße,

Und küßte dich,

So würden sie mich nicht verachten.

Ich leitete dich und führte dich

Ins Haus meiner Mutter,

Ins Gemach meiner Gebärerin,

Labte dich mit Würzwein,

Von dem Safte der Granaten.«


Diese unnahbar keusche Jungfrau stellt der sinnige Dichter seinen Stammesgenossen als Muster auf, aus ihrem süßen und lieblichen Munde läßt er den Töchtern Judas zurufen:


»Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,

Bei den Rehen oder den Gazellen des Feldes,

Warum wecket ihr, warum erreget ihr die Liebe,

Ehe sie verlangt?«


Mit der Blumensprache der zartesten Poesie weist der Dichter des Hohenliedes auf die Schäden der Zeit, auf die oberflächliche sinnliche Liebe, welche für Geld gekauft wird und für Geld feil ist, auf die Unzüchtigkeit der öffentlichen Tänzerinnen und Sängerinnen, auf die Dirnen ohne Zahl, auf das verweichlichende städtische Leben, auf die entmutigenden und entmannenden Tafelfreuden und Trinkgelage. Es hat also nicht ganz und gar an einer warnenden Stimme gefehlt gegen die beginnende oder bereits eingerissene Sittenverderbnis, von der auch die Töchter Jerusalems angefressen waren. Aber diese Stimme war wohl viel zu schwach, sie glich dem Nachtigallengeflöte. Die Zeit brauchte die Löwenstimme der Propheten. Denn die Zeit der Isebel und Athalia, oder richtiger die Zeit des Achas und Manasse sollten sich wiederholen, allerdings in ganz anderer Gestaltung, aber mit derselben Absicht, die ureigene Lehre, das Judentum, aus dem Herzen der Bekenner zu reißen und dafür fremden Tand und Unheiliges zu setzen. Die Gefahr war jetzt noch bedrohlicher, da die Entfremdung und der Verrat an der eigenen Sache aus dem Hause des Hohenpriesters ausgingen.

Die Zerrüttung im Innern machte mit dem Tode Josephs (um 208), des Enkels Simons des Gerechten, Fortschritte, von äußeren politischen Vorgängen gefördert. Wahrscheinlich ging die Steuerpacht und die damit verbundene Stellung auf seine Söhne über, und da der jüngste derselben, Hyrkanos, ganz allein dem ptolemäischen Hof bekannt und beim König Philopator beliebt war, [239] so erhielt er ohne Zweifel den Vorzug. Dadurch steigerte sich der Haß seiner Brüder nur noch mehr gegen ihn. Als Hyrkanos nach Jerusalem kam, um die Verwaltung zu übernehmen, nahmen seine Brüder eine offene feindselige Haltung gegen ihn an und warben um Anhänger, um ihn mit Waffengewalt zu bekämpfen und aus der Stadt zu verbannen. Indessen gewann auch er Parteigänger für sich, und dadurch brach die Zwietracht in Jerusalem aus, welche nahe daran war, in einen Bürgerkrieg auszuarten oder vielleicht bereits Blutvergießen herbeigeführt hatte. Den Ausschlag gab der Hohepriester Simon II., Sohn jenes Onias II., welcher zur Machtstellung des Tobiassohnes beigetragen hatte (o. S. 223). Er nahm für die älteren Brüder Partei, und dadurch wuchs ihr Anhang so sehr, daß Hyrkanos sich nicht in Jerusalem behaupten konnte47. Es läßt sich denken, daß er infolge seiner Verbannung nach Alexandrien eilte, um dort bei Hofe Klage gegen seine Brüder zu führen. Allein hier fand er keine Hilfe, da gleich darauf sein Gönner Philopator starb (206), und infolgedessen in Ägypten selbst Zerrüttung und Umwälzung überhand nahmen. Philopator hinterließ nämlich nur ein fünfjähriges Kind als Thronfolger, Ptolemäus V. Epiphanes (205-181)48, dessen sich die verlotterten Günstlinge bemächtigten, um die Zügel der Regierung zu behalten. Agathokles, seine schamlose Schwester Agathoklea, ihre Mutter und Geschwister zeigten ein Vermächtnis des verstorbenen Königs vor, als wenn er sie zu Vormündern und Erziehern des königlichen Kindes eingesetzt hätte. Da aber diese Familie in Ägypten bei der Bevölkerung und beim Heer äußerst verhaßt war, so entstand ein Aufruhr gegen sie, wobei sämtliche Glieder der Günstlingsfamilie umgebracht wurden. Dieser Aufstand führte zur Anarchie, da kein Mann vorhanden war, welcher Kraft, Mut, Klugheit und Vertrauen beim Volke und Heere besessen hätte, um die durch das Lotterleben Philopators gestörte Staatsordnung wiederherzustellen. Die Schwäche des ptolemäischen Königshauses und der Regierung benutzten zwei ehrgeizige Könige, um Ägypten und die dazu gehörigen Inseln und Besitzungen zu zerstückeln und die Teile ihrem Reiche einzuverleiben, Antiochus der Große von Syrien und Philipp von Makedonien. Der Erstere besetzte sogleich einzelne Städte und [240] Landstriche von Cölesyrien und machte Rüstungen, um sich auch Ägyptens zu bemächtigen. Mit ihm trat wieder eine Wendung in der Geschichte Judäas ein.

Josephs ältere Söhne, oder wie sie genannt werden, die Söhne Tobias, waren nämlich sofort entschlossen, aus Haß gegen ihren jüngeren Bruder Hyrkanos und gegen den ptolemäischen Hof, der ihn bevorzugt hatte und ihn vielleicht zu dem bevorstehenden Kampf gegen den Seleuziden nicht fallen ließ, für Antiochos Partei zu ergreifen und von der ägyptischen Herrschaft abzufallen. Sie bildeten eine seleuzidische Partei49. Sie werden als Verächter und Entartete geschildert, und sie zeigten sich in dem ferneren Verlaufe der Ereignisse als Gesinnungslose, welche das Wohl ihres Vaterlandes ihrem Durst nach Rache und der Befriedigung ihrer Gelüste opferten. Ohne zu bedenken, daß diese offene Parteinahme für den Feind der Ptolemäer nachteilige Folgen für ihr Volk und Land haben könnte, öffneten sie ihm die Tore der Städte und huldigten ihm. Die Gegenpartei, die Anhänger Hyrkanos' oder der Ptolemäer, beugte sich der Übermacht oder wurde unterdrückt. Ein Jahrhundert nach der Besitzergreifung des lagidischen Königshauses von Juda, als einem Teil von Cölesyrien, kam es unter die Gewalt des seleuzidischen Hauses (203-202).

Indessen, so zerfahren auch die Regierung in Alexandrien war, so machte sie doch Anstrengung, das Verlorene wieder zu erobern. Der scham- und kopflose Vormund Agathokles hatte durch verschwenderische Anerbietungen einen Heerführer Skopas gewonnen, welcher [241] aus seinem Vaterlande Ätolien, das damals für Löhnung allen kriegführenden Mächten Mietlinge für den Krieg lieferte, eine Truppe solcher Söldlinge zusammenbrachte und nach Cölesyrien warf. In kurzer Zeit besetzte er wieder die Landstriche dies- und jenseits des Jordans. Jerusalem oder richtiger die seleuzidische Partei, die Tobiaden und ihr Anhang, setzten alles in Bewegung, um nicht den Ptolemäern untertänig zu sein. Als der ätolische Heerführer Skopas und seine verwilderte Schar siegten, übten sie selbstverständlich keine Schonung. Sie nahmen Jerusalem mit Sturm, richteten Zerstörung an der Stadt und am Tempel an und ließen wohl die ihnen als Feinde Ägyptens Bezeichneten über die Klinge springen (um 201). Viele Bewohner Jerusalems suchten ihr Heil in der Flucht. Um den Rest der Bewohner in Zaum zu halten und einen für den weiteren Verlauf des Krieges wichtigen Punkt zu sichern, ließ Skopas eine ätolische Besatzung in der Festung Baris oder Akra, nordwestlich vom Tempel (o. S. 145) zurück. Die ptolemäische Partei in Jerusalem kam dadurch wieder oben auf. Vielleicht fand sich auch Hyrkanos in dieser Zeit in Jerusalem ein und befriedigte sein Rachegefühl an seinen ihm verhaßten Brüdern und ihren Anhängern.

Diese Zurückeroberung Judäas und Cölesyriens für den königlichen Knaben Epiphanes durch Skopas konnte aber nicht lange behauptet werden. Antiochos sammelte ein gewaltiges Heer und Elefanten und zog gegen den ätolischen Heerführer. In dem schönen Tale am Fuß des Hermons bei der Bergstadt Pannion an der Jordanquelle, das für ein idyllisches Stilleben wie geschaffen scheint, kam es zu einer mörderischen Schlacht, in welcher Skopas und sein ätolisches Heer völlig geschlagen wurden. Anstatt das Vorland Ägyptens vor Weitereroberung zu schützen, warf sich der ätolische Söldnerführer auf Sidon und schloß sich darin ein. Während der Zeit ließ Antiochos durch eine Heeresabteilung die Städte dies- und jenseits des Jordans in seinen Besitz nehmen. Über Judäa kamen wieder die Leiden des Krieges und der inneren Zwietracht. Es glich in dieser Zeit einem sturmbewegten Schiffe, das bald von der einen, bald von der anderen Seite geschleudert wird. Beide kriegführenden Parteien schlugen ihm schwere Wunden. Viele Einwohner wurden in Gefangenschaft geschleppt. Nachdem Antiochos jenseits des Jordans Batanäa (Baschan), Abila und Gadara und diesseits Samaria wieder erobert hatte, rückte er mit seinem Heere auf Jerusalem. Hier hatten sich ohne Zweifel die flüchtig gewordenen Führer der seleucidischen Partei wieder eingefunden und die Bewohner bewogen, ihm entgegen zu kommen. So zog ihm das Volk und [242] an der Spitze der hohe Rat der Alten und die Priester entgegen50, nahmen ihn in die Stadt auf und lieferten Lebensmittel für Heer und Elefanten. Noch lag aber die ätolische Besatzung in der Akra; diese mußte aus ihrer festen Stellung verdrängt werden. Antiochos oder einer seiner Feldherren unternahm die Belagerung, und die Bewohner Jerusalems leisteten dabei Beistand.

Antiochos muß viel Wert auf diesen Beistand und die Anhänglichkeit der Judäer gelegt haben. Denn er erließ einen Befehl an seinen Feldherrn Ptolemäus, Sohn Äropos', ihnen seine Gunstbezeugungen zu verkünden. Die Trümmer Jerusalems sollten wieder erbaut und die schadhaften Stellen im Tempel wieder ausgebessert werden. Dazu sollte ihnen Holz nicht bloß von den Bergen Judäas, sondern auch vom Libanon geliefert werden, und alle Flüchtlinge sollten wieder zurückkehren und Jerusalem bevölkern. Alle zu Sklaven Gemachten und ihre Kinder sollten wieder in Freiheit gesetzt und in den Besitz ihrer Güter gesetzt werden. Die Einwohner und die bis zum Monat Hy perberetaios (Tischri 200) Zurückkehrenden sollten drei Jahre von Abgaben frei sein. Antiochos verminderte überhaupt ihre Steuern um ein Drittel und befreite die Mitglieder des hohen Rates, die Priester, die Tempelbeamten und die Sänger [243] von Kopf-, Kronen-, und anderen persönlichen Abgaben. Für den Opferbedarf bewilligte er aus dem Staatsschatze für Opfertiere, Wein, Öl, Weihrauch 20 000 Drachmen, außerdem noch Mehl, Weizen und Salz. Endlich gestattete er ihnen sich nach den eigenen Gesetzen zu regieren51. Ein sonst unbekannter Jochanan soll diese Freiheiten von Antiochos erlangt haben52. Außerdem soll er ein Verbot erlassen haben, daß keiner, der nicht zum judäischen Stamm gehört, bei Geldstrafe sich unterfangen dürfte, in den Tempel zu dringen, oder Aas oder Häute von toten Tieren, welche verunreinigend wirkten, in Jerusalem einzuführen oder die Zucht verbotener Tiere zu unterhalten53.

Sobald Antiochos die zwei befestigten Städte, Sidon, wohin sich Skopas geworfen hatte, und Gaza, welches heldenhaften Widerstand leistete, genommen hatte, blieb ihm der Besitz von Cölesyrien und damit auch von Judäa gesichert54. Er richtete aber sein Augenmerk auf Ägypten und seine Nebenländer, dessen Eroberung bei der Zerfahrenheit der Regierung unter einem unmündigen König leicht schien. Allein die Römer, welche damals, durch die Besiegung Karthagos und des Kriegshelden Hannibal von Sorgen befreit, auf weitere Eroberungen ausgingen, geboten ihm Halt. Der römische Senat warf sich zum Vormunde des jungen Königs Epiphanes auf. Infolge dessen sah sich Antiochos genötigt, Zugeständnisse zu machen; er verlobte seine Tochter Cleopatra mit dem jungen Epiphanes und konnte dadurch den Römern erwidern, daß er der verwandtschaftliche Beschützer des zwölfjährigen königlichen Knaben sei. Von Hannibal aufgestachelt, seine Waffen gegen die immer mehr anschwellende Macht der Römer zu kehren, gab er den Plan auf Eroberung Ägyptens auf und führte seine Tochter dem achtzehnjährigen Epiphanes (193) zu. Die Friedensbedingung war, daß das cölesyrische und phönizische Gebiet zwar dem seleuzidischen Reiche verbleiben, daß aber die Einkünfte von denselben seiner Tochter als Mitgift zufallen sollten55. [244] Sein heimlich in der Brust genährter Plan war, nach erlangtem Siege über die Römer und Einverleibung Kleinasiens und Griechenlands auch Ägypten an sich zu reißen. Aber sein Leichtsinn und seine Unklugheit führten seine Demütigung herbei. Die Römer brachten Antiochos bei Magnesia (Spätherbst 190) eine so niederschmetternde Niederlage bei, daß er die Eroberungen in Griechenland und einen Teil von Kleinasien an die Römer abtreten, seine ganze Flotte ausliefern und jährlich 15 000 Talente Kriegskosten innerhalb zwölf Jahren zahlen mußte. Zur Sicherung des Friedens und der Zahlung der Kriegsentschädigung mußte er seinen zweiten Sohn, Antiochos Epiphanes, welcher ein blutiges Blatt in die Jahrbücher des judäischen Volkes einsetzen sollte, als Geisel nach Rom senden. Verhängnisvoll war Antiochos' Überschätzung der eigenen Kraft für das seleuzidische Reich. Leichte Erfolge nährten in ihm den Dünkel, daß er berufen sei, ein zweiter Alexander zu werden, und ermutigten ihn zu dem Wagnis, sich mit Rom zu messen, gerade in der Zeit, als dieses durch die Kämpfe mit Karthago und Hannibal Feldherren erster Größe und unüberwindliche Heere stellen konnte. Um die Kriegsentschädigungen leisten zu können, welche sie von den ihnen unterworfenen Völkern nicht erpressen konnten, mußten die syrischen Könige sich auf Tempelraub verlegen, und dieser Angriff auf die Heiligtümer machte sie verhaßt und stachelte auch die geduldigsten Völkerschaften zu Aufständen gegen sie auf. Antiochos, der sogenannte Große, fand seinen Tod infolge eines versuchten Tempelraubes (187) Sein Sohn streckte ebenfalls seine Hand gegen Heiligtümer aus und führte dadurch die Erhebung und Kräftigung des judäischen Volkes, sowie die eigene Demütigung und die zunehmende Schwächung des seleuzidischen Reiches herbei.


Fußnoten

1 Über Simon Justus und seine Lebenszeit, über welche Historiker und Ausleger des Buches Sirach und des III. Makkab. viel geschrieben haben, differieren die Meinungen so sehr, daß eine Erörterung der Argumente unumgänglich wird. 1. Josephus nennt lediglich Simon I., Sohn Onias' I., δίκαιος (Altert. XII, 2, 5; 4, 1), nicht dessen Enkel Simon II. – 2. Der Hohepriester Simon, den Sirach besang oder vielmehr als Ideal = לודג ןהכ aufstellte, kann nur Simon I. gewesen sein. Denn er hebt von ihm hervor, daß er die Mauern Jerusalems wieder aufgerichtet und den Tempel befestigt habe. Das kann nur kurz nach der Zerstörung der Festungswerke durch Ptolemäus I. geschehen sein (o. S. 210). – 3. Von diesem gerühmten Simon hat die syrische Übersetzung zu Sirach (51, 20) eine bessere L.-A. als die griechische: םע םייקתנו ןוהתניב אמלש אוהני אימשד אתמוי ךיא הערז םעו אדסח ןועמש. Das Wort אדסח kann hier nicht »Gnade« bedeuten, denn im Syrischen hat es meistens die Bedeutung »Schmach« und darum hätte es hier vermieden werden sollen. Dann hätte es הדסח mit dem Suffix lauten müssen, und endlich hätte die Konstruktion lauten müssen: םע הדסח םייקתנו ןועמש. Man muß also איסח lesen statt אדסח »der Fromme«. איסח ןועמש Simon Justus, und nur S. I. wird so genannt. Von S. II. hat Josephus keinen einzigen günstigen Zug erhalten, im Gegenteil, er erzählt von ihm, er habe es mit Tobias Söhnen gehalten, was kein günstiges Licht auf seine Frömmigkeit wirft; denn diese waren תירב יעישרמ, die Förderer des das Gesetz verhöhnenden Hellenismus. – Die Erzählung in Makkab. III von einem H. P. Simon zur Zeit Philopators, dessen Gebet gegen die von diesem Könige beabsichtigte Tempelentweihung Erhörung gefunden, ist in allen Teilen zu sagenhaft, als daß man sich darauf berufen könnte, daß auch S. II. als »fromm« gegolten habe. Josephus weiß nichts von Philopators Anwesenheit in Jerusalem und noch weniger von dessen Befehl der Elephantenhetze gegen die Judäer Alexandriens. Dieses Faktum verlegt er (contra Apionem I, 5) unter Ptolem. VII. Physkon. So bleibt nur Simon I., der Justus genannt zu werden verdiente, und ihn hat Sirach aus guten Gründen als Ideal vorgeführt; vergl. weiter unten. – Über seine Lebenszeit gibt es zwar keinen sicheren Anhaltepunkt. Die talmudische Überlieferung macht ihn zum Zeitgenossen Alexanders und gibt ihm 40 Funktionsjahre. Eusebius läßt ihn zwischen Olympiade 120-121, d.h. um 300 v. Chr. Blühen und die Patristik gibt ihm 20 J. Funktionsdauer. Seine Lebenszeit läßt sich daher nur annähernd bestimmen. Sein Enkel von der Tochter, der Tobijassohn Joseph, verwaltete die Steuerpacht 22 Jahre unter Euergetes Philopator. Diese 22 Jahre hat Stark mit gewichtigen Argumenten um 229-207 angesetzt (Gaza, S. 416) gegen Droysen und Mommsen. Mag Joseph auch bei der Übernahme der Pacht noch jung gewesen sein, wie Josephus andeutet, so muß sein Geburtsjahr doch um 250 angesetzt werden und das seiner Mutter um 270. Folglich fällt Simons Blütezeit zwischen 300-270. Vergl. oben S. 209 u. weiter unten über ein subsidiares chronologisches Moment.


2 Sirach 50, 4. ὁ φροντίζων τοῠ λαοῠ αὐτοῠ ἀπὸ πτώσεος, d.h. in hebr. Rückübersetzung ומעל שרד לושכממ, nicht wie Fritzsche es unhebräisch wiedergibt; הפגממ ומעל בשח.


3 Sirach 50, 4. ἐνισχύσας πόλιν ἐμπολιορκῆσαι. Das Verbum ist dunkel, etwa דכלמ ריעה קיזחה[milached]? Die syr. Vers. hat אתרדח תינבתאו.


4 Das. V. 2. Der Satz ist zwar dunkel, aber der Sinn ist doch durchsichtig.


5 Mischnah Joma I, 3, 2-3: ןועט וילגר תא ךיסמה לכ לובטיש דע רוהט וליפא הרזעל סנכנ םדא ןיא... הליבט


6 Sirach 50, 3. Auch dieser Satz ist nicht ganz verständlich. Ἐν ἡμέραις αὐτοῠ ἠλαττώϑƞ ἀποδοχεῖον ὑδάτων, χαλκὸς (Var. λάκκος) ὡς εἰ ϑαλάσσƞς. Fritzsche emendiert mit Recht ἐλατμἠϑƞ statt des unverständlichen ἠλαττώϑƞ, der Syr. hat dafür: רפח אעובמ. Dieses Wasserbehältnis kann nur im Tempel gewesen sein. Im Südwesten des Tempels war eine Halle, welche die Quellhalle genannt wurde (Middot V, 5): םשמו וילע ןותנ לגלגהו עובק ריב היה םש הלוגה תכשל הרזעה לכל םימ ןיקיפסמ. Sie wird noch erwähnt Erubin X, 14: תבשב..הלוגה רובמ ןיאלממ . Diese Halle war in der Nähe des Wassertores, und dieses hatte nach einer authentischen Tradition seinen Namen von der Wasserfülle, die da stets sprudelte (Middot II, 6): רעש םיכפמ םימה ובש.. ?םימה רעש ומש ארקנ המלו ... םימה. Im Talmud ist eine Andeutung gegeben, daß das Wasser von der Quelle Etam durch einen Kanal zum Wassertore geleitet wurde (Joma p. 31a): םטיע ןיע... םימה רעש הובג, vergl. dazu Raschis Komment.


7 Tacitus, bei der Beschreibung Jerusalems (Historiae V, 12), fons perennis aquae, cavati sub terra montes.


8 Mit diesen Worten beginnt der syrische Text den Panegyrikus auf Simon: רב ןועמש המעד אלילכו יהיחא בר אבר אנהכ (ןוינחנ) אינתנ. Der Eingang fehlt im griechischen Texte, und darum erscheint der erste V. unvollständig. Fritzsche hat das übersehen.


9 Der Text der Schilderung das. 50, 5-19 ist im Griechischen sehr verwahrlost. Da Fritzsche aus diesem seine hebräische Rückübersetzung gemacht hat, so ist diese weit entfernt von Richtigkeit.


10 Abot I, 2.


11 Abot I, 3 סרפ לבקל תנמ לע. Das Wort סרפ, das in den Lexicis noch nicht richtig erklärt ist, kommt auch im Syrischen unter der Form אסרפ [parsa] vor und bedeutet das Maß Viktualien, welches der Herr den Sklaven für je einen Monat zur Subsistenz zumißt oder zuteilt. In diesem Sinn ist stets in der talmudischen Literatur die Phrase וינודאמ סרפ לטונש דבע zu nehmen.


12 Tossefta Nedarim I., auch zitiert Jerus. Nedarim I. p. 36b, Nazir I. p. 51c. babli Nedarim p. 10a: תוריזנב ןיבדנתמ ויה םינושארה םידיסח. Das ist der Kern der Relation. Daß sie es getan haben, weil sie, als gewissenhafte Fromme keine Gelegenheit gefunden hätten, ein Sündopfer zu bringen, gehört nicht zur ursprünglichen Fassung, sondern stammt von R'Jehuda, was aus R'Simon b. Jochaïs Entgegnung hervorgeht: Wenn sie es deswegen getan hätten, dann hätten sie erst recht gesündigt. R'Simon dementiert nicht die Tatsache, sondern das Motiv. So muß diese Stelle aufgefaßt werden.


13 Während der Makkabäerkämpfe, in der Blütezeit der Hellenisten, gab es auch viele Nasiräer, Makkab. I, 3, 50.


14 Diese Erzählung wird an verschiedenen Stellen mit geringen Varianten mitgeteilt, Tossefta Nazir IV, Jerus. das. I, p. 54c. Ned. p. 36d. babli das. p. 9. Nazir p. 4. Sifre zu Nasso No. 22.


15 Tossefta-Sota XIII sind bloß drei Gnadenzeichen angeführt, in der Parallele Jerus. Joma VI. p. 43c. und babli p. 39a. sind diese um zwei vermehrt.


16 Die talmudischen Traditions-Nachrichten enthalten noch den Kern der Tatsache, daß Simons Nachkommen leichtsinnig und unwürdig waren, besser erhalten in Jerus. das. הנמנ ימל (קידצה ןועמשל) ול ורמא ןוינוחנ תא ונימו וכלה םכינפל ינב ןוינוחנ ירה ןהל רמא ?ךירחא ויחא ןועמש וב אנקו. Mehr verwischt ist diese Relation babli Menachot 109b. ןוינוהנ abgekürzt: וינוח ist Onias – Menelaos.


17 Josephus Altertüm. XII, 4, 2.


18 Josephus das. 4, 1. Er läßt zwar noch vor Manasse einen H. P. Eleasar fungieren. Aber dieser Eleasar gehört der Dichtung an. Er stammt aus dem Aristeasbriefe bezüglich der Septuaginta-Übersetzung unter Ptolemäus Philadelphus. Da aber dieser Brief eine tendenziöse Pseudepigraphie ist, so sind sämtliche darin auftretende Personen fingiert, folglich auch der H. P. Cleasar. Μανασσὴς ὁ ϑεῖος αὐτοῠ ist ein unbestimmter Ausdruck. Vergl. Josephus das. XII, 2, 5.


19 Daniel 11, 6.

20 Justin XXVII, 1.


21 Aus Daniel 11, 9 scheint hervorzugehen, daß Kallinikos – »der König des Nordens« – einen Einfall in Ägypten gemacht hat, der aber erfolglos blieb.


22 Josephus Altert. XII, 4, 1-2 stellt dies Verhältnis so dar, daß Onias aus Kurzsichtigkeit – βραχὺς διάνοιαν – und Geldgier – χρƞμάτων ἥττων – die Steuer zurückgehalten habe. Allein er müßte geradezu stumpfsinnig gewesen sein, zu glauben, der Ptolemäer werde ihm die Steuerverweigerung nachsehen. Sie ist nur aus der politischen Lage zu erklären. Onias muß auf den syrischen Hof gerechnet haben, daß ihm in der Bedrängnis von dort aus Beistand zukommen würde.


23 Josephus Altert. XII, 4, 2-3. Aus den Worten das. 3, welche der Gesandte dem Könige mitteilte: εἶναι γὰρ αὐτοῠ (τοῠ πλἠϑους) προστάτƞν (Ἰώσƞπον) geht hervor, daß Joseph vom Volke zum Prostaten akklamiert worden war. Seine Blütezeit, die Josephus zweimal mit 22 Jahren ansetzt, hat Stark (Gaza S. 416) ziemlich genau ermittelt gegen Droysen, welcher die ganze Erzählung vom Steuerpächter Joseph als apokryph behandelt. Die Verwicklung in Judäa, wodurch Joseph zu seiner Stellung gelangte, begann noch in Euergetes' Regierungszeit (Jos. das. 4, 1), also noch in dem 30. Jahre des III. Ih. ante. Der Prinz, bei dessen Geburt Joseph und alle Städte von Cölesy rien sich in Gratulationen und Geschenken überboten (das. 4, 7), war kein anderer, als der später Ptolemäus V. Epiphanes genannte. Folglich hatte Joseph die Steuerpacht auch z.Z. Ptolemäus' IV. Philopator. Die Regierungszeit dieses Königs ist nicht zweifelhaft, wie Stark behauptet (a.a.O. S. 399). Nicht bloß Eusebius im Kanon, sondern Ptolemäus und Porphyrius geben ihm 17 Regierungsjahre. Woher die korrumpierte Zahl 23 im Eusebius I. Teil des Kanon stammt, ist gleichgültig. Als Philopator nach 17 jähriger Regierung starb, Oct. 206, war sein Sohn Epiphanes im fünften Jahre (Clinton III p. 384; Müller, frag. histor. Graecae, III, 719 Note). Er wurde also 210 geboren. Damals war Joseph bereits alt und sandte zur Gratulation seinen Sohn Hyrkanos (Josephus das.). Wie aus derselben Stelle hervorgeht, ist Joseph nicht lange nach der Geburt des Prinzen und nach der Rückkehr seines jüngsten Sohnes von der Gratulations-Gesandtschaft gestorben, d.h. nach 210. Nehmen wir für sein Todesjahr 208 an, so beginnt seine 22jährige Steuerpacht um 230, zur Zeit Euergetes'. Diese hat nur eine kurze Unterbrechung während des Kriegsjahrs zwischen Antiochos Magnus und Philopator erlitten. Auffallend ist es, daß Mommsen (Röm. Gesch. I2. S. 724 Note), diese Steuerpacht um 187 ansetzt. Das Störende in den Angaben bei Jos., daß Hyrkanos erst während der Periode der Steuerpacht aus halbsträflicher Umarmung geboren und daher noch sehr jung als Gesandter an den Hof gesandt worden sei, kann sehr gut auf einer Sage oder gar auf einer Verleumdung seitens seiner sauberen Brüder beruhen.


24 Jos. Altert. XII, 4, 10.


25 Das. 4, 1.


26 Das. 4, 3.


27 Josephus Altert. XII, 4, 4-5.


28 Das. 4, 6. 10.


29 Jos. Altert. XII, 4, 9.


30 Das. 4, 5.


31 Polybius V, 70-71 schildert ausführlich die Einnahme der Städte Palästinas, besonders Peräas und schließt mit Samaria: ἐξαποστείλας ἐπὶ τοὺς κατὰ Σαμάρειαν τόπους, ohne ein Wort von Jerusalem zu erwähnen, dessen Eroberung er XVI, 39 mit dem Zusatz erzählt, daß er ein anderes Mal davon ausführlich zu sprechen gedenke. Wäre Jerusalem bereits in Antiochos' erstem Feldzuge eingenommen worden, so hätte Polybius es bei dieser Gelegenheit nicht verschwiegen. Daraus folgt, daß es damals verschont geblieben ist.


32 Polybius V, 86. Auch bei dieser Gelegenheit schweigt Polybius über Philopators Zug nach Jerusalem und ebenso Josephus, der von dem Kampfe bei Raphia überhaupt nicht spricht, als wenn er für Judäa gleichgültig gewesen wäre. Jedenfalls geht daraus zur Gewißheit hervor, daß die Erzählung des III. Makkab.-B. von Philopators Einzug in Jerusalem eine Dichtung ist. Vergl. o. S. 216, Anm. 1.


33 Josephus Altertümer XII, 4, 10.


34 Sirach 38, 27. Der Vers ist lückenhaft und kann zum Teil aus dem Syrischen ergänzt werden.


35 Vergl. Graetz, das Hohelied. S. 61.


36 Sirach 32. – Nach der Rektifikation der verschobenen Kapitel 35, 1-5; 39, 1.


37 Justinus XXX, 1-2; Polybius 15, 25.


38 Satyrus bei Theophilus, ad Autolycum II, p. 94. C. Müller, fragmenta histor. Graecae III, 164. No. 21, angedeutet im III. Makkabäer-Buche 2, 29.


39 Man vergegenwärtige sich die beiden Angaben (Josephus Altert. XII, 4, 6) δειπνῶν παρὰ τῷ βασιλεῖ, daß Joseph beim König speiste und ὑπὸ μέϑƞς ἀγνοἠσας τὸ ἀλƞϑές, daß er in der Trunkenheit nicht wußte, wen er umarmte, und dagegen das Hervorheben in Daniel ויתשמ ןייבו ךלמה גב-תפב לאגתי לא רשא, daß sich Daniel an den Leckerbissen und den Weingelagen des Königs nicht verunreinigen mochte; diese Züge veranschaulichen den schroffen Gegensatz zwischen den Hellenisten und Chaßidäern.


40 Josephus Altert. XII, 4, 6. Doch scheint, was Hyrkanos' Geburt betrifft, auf Verleumdung zu beruhen, welche seine ihm feindlichen Brüder vereinbart haben mögen.


41 Es wird an einem anderen Orte unwiderleglich nachgewiesen werden, daß das griechische Fest πιϑοιγία = vinalia auch bei den Judäern Eingang gefunden hat.


42 Sirach 9, 3f.


43 Das. 3, 21-22f. Die VV. Χαλεπώτερά σου μὴ ζἠτει καὶ ἰσχυρότερά σου μὴ ἐξέταζε, ᾃ προσετάγƞ σοι ταῠτα διανοοῠ, οὐ γάρ ἐστί σου χρεία τῶν κρυπτῶν, diese VV. können sich nur auf Philosophieren beziehen. Darauf bezogen es auch die Talmudisten, oder genauer, R'Eleasar, der sie zu dem Zwecke zitiert, um das Verbot zu belegen, daß man nicht grübeln soll über das, was vor der Weltschöpfung gewesen und was nach dem Untergange der Welt sein werde (Jerus. Chagiga II. p. 77a, Babli 13a, Genesis Rabba c. 8, p. 10a), an der letzten Stelle am treuesten wiedergegeben: לב ךממ לודגב :רמא אריס ןב םשב רזעלא 'ר הסוכמב עדת לב ךממ אלפומב רוקחת לב ךממ קזחב שורדת תורתסנב קסע ךל ןיא לאשת לא ךממ. Auch Sirach das. V. 23 weist auf diesen Grundgedanken, die Ausleger haben ihn aber, von der falschen L.-A. im gr. Text verleitet, mißverstanden: ἐν τοῖς περισσοῖς τῶν ἔργων σου μὴ περιεργάζου. Aber das Pronomen σοῠ kann ja gar nicht richtig sein. Denn das Verbum περιεργάζεσϑαι bedeutet doch unstreitig, »sich müßiger-, neugieriger-, unberechtigterweise mit etwas beschäftigen, sich darum kümmern«. Das kann doch nicht von den eigenen Angelegenheiten gebraucht werden. Und endlich, was soll denn περισσὰ τῶν ἔργων bedeuten? Fritzsche im Komment. ging darüber hinweg und übersetzte es irrtümlich: »Bei deinen vielen (?) Geschäften treibe nichts Überflüssiges.« Die syrische Version gibt aber das Richtige: אכרשבו ןב וזחתא ךנמ יגסד לטמ קסעתת אל יהודבעד, d.h. mit den übrigen Werken Gottes beschäftige dich nicht, kümmere dich nicht neugierigerweise darum – nur über das denke nach, was dir gestattet und befohlen ist. Das Verb. περιεργάζεσϑαι war im Original ohne Zweifel durch קסעתה ausgedrückt. – Das Pron. σοῠ im griech. Texte ist entschieden falsche L.-A.; αὐτοῠ muß wohl emendiert werden. Dazu kommt noch die Angabe in der Mischna (Synhedr. I, 1): unter den drei, die keinen Anteil an der zukünftigen Welt haben, wird auch סורוקיפא, d.h. ein Epikuräer gezählt. Diese Angabe ist unstreitig alt, da Epikuros hier ohne weitere Erklärung genannt wird.


44 Josephus Altert. XII, 4, 7.


45 Josephus Altert. XII, 4, 9. Hier ist zwar angegeben, daß Hyrkanos sich nach Peräa begeben und dort den Völkerschaften Tribut auferlegt habe. Allein dieses Faktum setzte Josephus selbst (das. 4, 11) in spätere Zeit, zur Zeit der Regierung des Seleukos Philopator (187-175). Vor dieser Zeit muß Hyrkanos in Jerusalem gewesen sein. Denn durch ihn entstand in der judäischen Hauptstadt Parteiung. Möglich, daß an der ersten Stelle bei Josephus eine Lücke ist.


46 Vergl. darüber Graetz, Schir ha-Schirim, das Salomonische Hohelied 1871.


47 Josephus Altert. XII, 4, 11. Es geht aus dieser Stelle entschieden hervor, daß Hyrkanos nach dem Tode des Vaters in Jerusalem anwesend war, und es läßt sich nur denken, daß er dahin wegen ὠνὴ τῶν τελῶν, zur Übernahme der Funktion seines Vaters, gekommen war. Vergl. o. S. 236 Anmerk. 1.


48 Vergl. o. S. 224.


49 Man begreift die makkabäische Vorgeschichte viel besser, wenn man annimmt, daß es in Judäa oder wenigstens in Jerusalem zwei politische Parteien gegeben hat, eine seleuzidische und eine ptolemäische. Aus der Zeit Antiochos Epiphanes' ist diese Parteiung bezeugt durch Josephus (jüd. Kr. I, 1, 1): Ὀνίας ἐξέβαλε ... τοὺς υἱοὺς Τωβία. οἱ δὲ καταφυγόντες πρὸς Ἀντίοχον ... ὁ βασιλεὺς.. πολύ τε πλῆϑος τῶν τῷ Πτολεμαίῳ προσεχόντων ἀνεῖλε. Sie kann aber nicht erst in dieser Zeit entstanden sein. Denn nach Antiochos des Großen Sieg über Skopas öffneten ihm die Jerusalemer freiwillig die Tore und halfen ihm die ägyptische Besatzung bekämpfen (Josephus Altert. XII, 3, 2). Ja, schon der Umstand, daß Skopas eine Besatzung in die Akra gelegt hat, beweist, daß Feindseligkeit gegen Ägypten in Jerusalem herrschte. Es gab also schon damals eine syrische Partei. Als an der Spitze dieser Partei stehend nennt Josephus die »Tobiassöhne«, und da diese nicht erst zu Antiochos Epiphanes' Zeit aufgetaucht sind, so müssen sie schon früher syrische Parteigänger gewesen sein. Nun nennt Daniel beim ersten Einfall des Antiochos die יצירפ ינבו ןוזח דימעהל ואשני ךמע, und will offenbar damit dessen Parteigänger bezeichnen. So ist man berechtigt, die Söhne Tobias mit den םיצירפ ינב zu identifizieren. Über ןוזח דימעהל vergl. Monatsschrift, Jahrg. 1871, S. 445.


50 Josephus Altert. XII, 3, 3; nach Polybius' fragmentarisch erhaltenen Notizen 16, 38-39 und der Urkunde, die Josephus das. als ein Schreiben Antiochos' an seinen Feldherrn Ptolemäus auszieht. Dieser Ptolemäus ist wohl identisch mit dem Anführer der seleuzidischen Reiterei, Πτολ. Ἀερόπου, welcher zum Sieg in der Schlacht bei Pannion beigetragen hat, nach Zeno dem Rhodier (bei Müller, fragm. histor. Graecae III, p. 181). Dann kann diese Urkunde echt sein, und daraus ergibt sich mehr geschichtlicher Stoff als aus den kurzen Notizen bei Polybius. Das Datum dieser Kriege läßt sich genau bestimmen. Stark, Gaza (S. 402), setzt in Konsequenz seiner Annahme, daß Epiphanes erst 202 zur Regierung gelangte, angeblich nach Polybius, den Krieg um 200 und 199, Eusebius' Chronik setzt ihn aber schon früher an. Auch Hieronymus berichtet zu Daniel, nach Porphyrius und seinen Quellen, daß Antiochos mit dem ägyptischen Hofe Frieden geschlossen und dem Epiphanes seine Tochter verlobt hat: filiam suam Cleopatram per Euclem Rhodium septimo anno regni adolescentis despondit Ptolemaeo. Da nun Epiphanes 205 zur Regierung gelangte (vergl. o. S. 240), so geschah die Verlobung 199 (so Müller a.a.O. III, S. 726). Folglich muß der Krieg, der diesem Friedensschluß voranging, mindestens ein Jahr vorher stattgefunden haben, d.h. 200. Im Sommer dieses Jahres muß Antiochos schon im Besitz von Jerusalem gewesen sein, denn er bewilligte allen denen, die ἕως τοῠ Ὑπερβερεταίου μƞνός, sich in Jerusalem einfinden würden, Amnestie. Dieser Monat entspricht dem Tischri, folglich muß er im Sommer 200 schon Jerusalem besessen haben. Skopas unterwarf aber Judäa im Winter (Polybius 16, 38. 17): κατεστρέψατο ἐν τῷ χειμῶνι τὸ τῶν Ἰουδαίων ἔϑνος, d.h. im Winter 201, vielleicht noch früher.


51 Josephus Altert. XII, 3, 3 nach der Urkunde: πολιτευέσϑωσαν δὲ πάντες οἱ ἐκ τοῠ ἔϑνους (Ἰουδαικοῠ) κατὰ τοὺς πατρῴους νόμους.


52 Makkab. II, 4, 11: τὰ κείμενα τοῖς Ἰουδαίοις φιλάνϑρωπα βασιλικὰ διὰ Ἰωάννου τοῠ πατρὸς Εὐπολέμου. Mit Recht bezieht H. Grotius dieses auf die von Antiochus dem Großen gewährten Privilegien.


53 Die zweite Urkunde bei Jos. das. 3, 4 ist von zweifelhafter Echtheit.


54 Daniel 12, 15ריע דכלו הללוס ךפשיו ןיפצה ךלמ אביו ודיב הלכו יבצה ץראב דמעיו... ונוצרכ שעיו... תורצבמ. Die Verbindung תורצבמ ריע ist unhebräisch. Man muß dafür lesen תורצבמ ירע, und dies bezieht sich auf die Eroberung von Sidon und Gaza zugleich, damit fällt Starks Zweifel (a.a.O. S. 403) weg.


55 Stark (das. S. 426f.) hat dieses Verhältnis richtig auseinander gesetzt.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1902], Band 2.2, S. 246.
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