2. Kapitel. Der judäische Alexandrinismus. 160-143

[24] Die judäische Kolonie in Ägypten und Kyrene; Auswanderung aus Judäa nach Ägypten. Innere Einrichtung der alexandrinischen Gemeinde. König Philometor, Gönner der Judäer. Die judäischen Feldherren Onias und Dositheos. Oniastempel. Übersetzung des Pentateuchs ins Griechische (Septuaginta). Die synagogale Predigt. Die judäisch-alexandrinische Literatur. Streit der Judäer und Samaritaner in Alexandrien. Der Samaritaner Theodotos und der Judäer Philo der ältere. Der König Ptolemäus VII. Physkon Euergetes II. und die Judäer.


Das Wunderland des Nil, das einst die Wiege und Leidensschule des israelitischen Volkes gewesen war, wurde in diesem Zeitraum für die judäische Nation die Schule der Weisheit. Wie unter den Pharaonen, so ist auch unter den griechischen Beherrschern Ägyptens die Ansiedelung der Judäer in Ägypten gefördert worden. Sei es, daß Alexander, der Eroberer Asiens und Ägyptens, der Erbauer Alexandriens, eine judäische Kolonie nach Ägypten verpflanzt1, sei es, daß der erste Ptolemäer viele judäische Gefangene dorthin versetzt, denen sein Nachfolger die Freiheit gegeben hat2, oder daß sich gar noch ein Rest jener judäischen Auswanderer, welche nach der Zerstörung des Tempels unter Nebuchadnezar Zuflucht in Ägypten gesucht, daselbst erhalten hatte: genug, die judäische Bevölkerung Ägyptens war zahlreich. Sie verbreitete sich über den ganzen Landstrich von der lybischen Wüste im Norden bis an die Grenze Äthiopiens im Süden3. Ähnlich wie während des Aufenthaltes ihrer Stammväter in Ägypten vermehrten sich die ägyptischen Judäer von Tag zu Tage mehr durch Fruchtbarkeit und Zuzüge von Palästina aus, so daß ihre Zahl ein Jahrhundert später schon eine Million betragen haben soll4. Die Landschaft Kyrenaika sowie der bewohnbare Landstrich Lybiens hatten in den Städten eine judäische Bevölkerung, entstanden aus einer von Ptolemäus I. [24] dahin gesandten Kolonie5. In Ägypten und Kyrene genossen die Judäer dieselben Rechte6 wie die griechischen Bewohner, weil beide fast zu gleicher Zeit sich daselbst angesiedelt hatten, und waren sogar vor den ägyptischen Urbewohnern bevorzugt, welche die Herrscher als Besiegte behandelten. Auf diese Gleichstellung (ἰσοπολιτεία, ἰσονομία, ἰσοτιμία) waren die Judäer so stolz, daß sie dieselbe wie ihren Augapfel wahrten. Eine tätige Rolle fing die judäische Bevölkerung Ägyptens erst zu der Zeit zu spielen an, als die Reibungen zwischen dem ägyptischen und syrischen Hofe häufiger und erbitterter wurden und beiden daran gelegen war, da es sich auch um den Besitz Judäas handelte, die Judäer in ihre Interessen zu ziehen. Die ägyptischen Judäer waren stets treue Anhänger des ptolemäischen Königshauses und unterstützten es, soviel sie konnten. Bereitwillig hatte daher der sechste Ptolemäer, Philometor, die Flüchtlinge aus Judäa aufgenommen, welche in großen Scharen vor der syrischen Zwingherrschaft unter Antiochos Epiphanes ihr Vaterland verlassen hatten. Unter den Flüchtlingen befanden sich der Sohn des Hohenpriesters Onias' III. und andere Personen von angesehenen Geschlechtern, welche von dem ägyptischen Herrscher bevorzugt wurden und später Gelegenheit fanden sich auszuzeichnen. Die gesunde Politik des ägyptischen Hofes gebot, die judäischen Unzufriedenen für sich einzunehmen, um mit deren Hilfe das von Ägypten unter Antiochos dem Großen losgerissene Palästina wieder zu gewinnen. Freilich konnte man in Ägypten so wenig wie in Syrien ahnen, daß der Kampf, den die judäischen Patrioten gegen die syrischen Heere eingegangen, einen so unerwarteten Verlauf nehmen und eine gewisse Unabhängigkeit Judäas herbeiführen würde.

Am meisten konzentriert waren die Judäer in Alexandrien, welches, wie es nächst Rom damals die zweite Stadt für Handel und politische Bedeutung, so nächst Athen die zweite für Künste und Wissenschaften war. Unter den fünf Quartieren Alexandriens, wel che mit den fünf ersten Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnet waren, nahmen die Juden zwei beinahe ein; namentlich war das Quartier Delta, das an der Meeresküste lag, ganz allein von Judäern bevölkert7. War diese ihnen eingeräumte Lage an der Küste eine besondere Begünstigung, wie es den Anschein hat, und wie sich die Judäer Alexandriens rühmten, oder sollte sie für dieselben eine Zurücksetzung bedeuten, um sie gewissermaßen an den Strand zu werfen, wie [25] ihre Gegner es später auslegten8? Tatsache ist, daß alexandrinische Judäer später eine gewisse Aufsicht über den Hafen von Alexandrien und über die Meeres- und Flußschiffahrt führten, welche ihnen einer der ägyptischen Herrscher eingeräumt hat9. Von dieser Lage zogen sie den größtmöglichen Nutzen; sie gaben sich der Richtung hin, welche sie ihnen vorschrieb; sie verlegten sich auf Schiffahrt und Ausfuhrhandel10, Die Getreidefülle, welche Rom für seine Bevölkerung und Legionen von Ägyptens reichen Fluren bezog, wurde ohne Zweifel auch auf judäische Schiffe verladen und durch judäische Kaufleute auf den Markt gebracht. Wie einst ihr Vorfahr Joseph, versorgten sie die getreidearmen Länder mit dem Segen der ägytischen Ernte. Wohlstand und verfeinerte Lebensweise waren die Früchte dieser Tätigkeit. Doch war Handel und Schiffahrt weder ausschließlich in den Händen der Judäer noch deren ausschließliche Beschäftigung. Vermöge ihrer Lernbegier und ihrer Anstelligkeit lernten sie bald den Griechen ihre Kunstfertigkeit ab und wußten Rohprodukte schön und sinnreich zu verarbeiten. Es gab unter den alexandrinischen Judäern viele Handwerker und Künstler, die in einer Art Zunftgenossenschaft organisiert waren11. Brauchte man in Palästina Künstler für den Tempel, so berief man sie aus der alexandrinisch-judäischen Gemeinde12, wie man sie in früherer Zeit aus Phönizien verschrieb. Die alexandrinischen Judäer eigneten sich ferner die griechische Kriegs- und Staatskunst und die melodische griechische Sprache an trotz der Schwierigkeit, welche das an die hebräischen Kehllaute gewöhnte Organ in der Aussprache des Griechischen finden mußte. Sie vertieften sich endlich in die griechische Gelehrsamkeit und das Schrifttum so sehr, daß manche unter ihnen Homer und Plato ebenso gut verstanden wie ihren Mose und Salomon. Die Wohlhabenheit, die edlere Beschäftigung und die Bildung flößten den alexandrinischen Judäern Selbstbewußtsein und ein Hochgefühl ein, wie sie etwa in späterer Zeit die spanischen Juden besaßen. Die alexandrinische Gemeinde galt als Mittelpunkt der judäischen Kolonie in Ägypten, und auch die auswärtigen Judäer, selbst Judäa zu Zeiten, lehnten sich gerne an diese starke Säule des Judentums an.

Die alexandrinische Gemeinde besaß in allen Stadtteilen Gebethäuser, welche hier den Namen Proseuchen oder Proseukterien führten13, unter denen sich die Hauptsynagoge durch künstlerischen Bau,[26] Zierlichkeit und glänzende Ausstattung besonders ausgezeichnet hat. Sie war in der Form einer Basilika mit doppeltem Säulengang (διπλῆ στοά) gebaut und hatte einen so weiten Umfang, daß, wie übertreibend erzählt wird, ein eigens dazu bestimmter Beamter mit einer Fahne das Zeichen gegeben habe, so oft die Gemeinde auf einen Segensspruch mit Amen einzufallen hatte. Die Bethäuser waren auch in Alexandrien und vermutlich ebenso in ganz Ägypten zugleich Lehrhäuser, indem an den Sabbaten und Festen derjenige, welcher in der Gesetzeskunde am meisten erfahren war, nach dem Vorlesen des Abschnittes aus dem Pentateuch sich erhob und über das Vorgelesene einen Vortrag hielt14.

Den rechten Glanz erhielt das alexandrinisch-judäische Leben erst durch hervorragende Flüchtlinge, welche während der syrischen Drangsale nach Alexandrien gekommen waren. Der bedeutendste unter ihnen war Onias, der junge Sohn des letzten, rechtmäßigen Hohenpriesters von der Linie Jesua b. Jozadak. Dieses hohepriesterliche Haus hatte in Palästina die ägyptischen Interessen gegen die Söhne des Tobias und die Griechlinge unterstützt, welche auf Seiten der Syrer standen, und darum war Onias III. den Tobia den so sehr verhaßt. Als dieser, weil er mit seinem ganzen Ansehen den Ausschreitungen der Hellenisten entgegengearbeitet und es mit dem ihnen verhaßten Hyrkanos gehalten hatte, durch deren Schuld meuchlings ermordet worden war15, hatte sich sein junger Sohn Onias IV. im Mutterlande nicht sicher gefühlt und in Ägypten Schutz gesucht, sei es unmittelbar nach dem Tode seines Vaters oder mehrere Jahre später. Er wurde von dem milden König Philometor aufs freundlichste aufgenommen, weil er eine große Partei hinter sich hatte, die ihn als den einzig berechtigten Nachfolger in der Hohenpriesterwürde betrachtete, und der sechste Ptolemäer, der noch immer Hoffnung hegte, Cölesyrien mit Judäa zurückzuerobern, sich auf diese Partei und die treuen Judäer in Syrien stützen zu können vermeinte. Als der verruchte sogenannte Hohepriester Menelaos von dem syrischen Hofe aufgegeben und umgebracht worden war und der Prinz Demetrios, aus Rom entflohen, sich Syriens bemächtigt hatte, schmeichelte sich Onias IV., der inzwischen in das männliche Alter getreten war, von dem neuen syrischen König die Hohepriesterwürde, das Erbe seiner Väter, zu erlangen. Der König Philometor, sein Gönner, war in dieser Zeit mit Demetrios II. befreundet16 und mag seinem Schützling bei ihm das Wort geredet haben, ihn als Hohenpriester einzusetzen. Als aber Alkimos zum Hohenpriester ernannt [27] war und von dem syrischen König mit Waffengewalt selbst gegen die Hasmonäer unterstützt wurde, gab Onias die Hoffnung auf, in den Besitz der erblichen Würde zu gelangen und ließ sich dauernd in Ägypten nieder17.

Onias war nicht allein nach Ägypten gekommen, sondern hatte Stammesgenossen aus Judäa im Gefolge, welche während der trostlosen Lage des Vaterlandes unter Antiochos Epiphanes und seinem Nachfolger dort eine Zuflucht gesucht hatten. Ein Mann von besonderer Bedeutung, Namens Dositheos, scheint in derselben Zeit ausgewandert zu sein. Dieser und Onias waren berufen, eine einflußreiche Rolle unter Philometor zu spielen.

Gelegenheit dazu gab die Feindseligkeit der beiden Brüder, der Könige von Ägypten, des milden Philometor und des wilden Euergetes II., eines Scheusals an Körper und Geist, der wegen seines häßlichen Körperumfanges der Schmeerbauch (Physkon) und wegen seiner teuflichen Bosheit der Übeltäter (Kakergetes) genannt wurde. In den Kriegsläuften zu gemeinsamer Regierung mit ihrer Schwester Kleopatra, Gemahlin des älteren, berufen, hatte der jüngere, Physkon, den älteren Bruder vom Throne verdrängt und ihn gezwungen, nach Rom zu gehen und dort im Bettleraufzug den Senat um Wiedereinsetzung anzuflehen. Der nach Ausdehnung der römischen Gewalt lüsterne Senat sprach zwar dem älteren Bruder Philometor das Recht der Regierung zu, ließ sich aber die Gelegenheit nicht entgehen, Ägypten durch den Bruderzwist zu schwächen. Er dekretierte, daß die Landschaft Kyrene im Westen von Ägypten davon losgetrennt und zu einem eigenen Königreich für Physkon eingeräumt werden sollte. So geschah es auch. Aber dieser begnügte sich nicht mit dem kleinen Reiche, sondern brütete immer wieder darüber, Philometor zu verdrängen, und da er in Rom ihm geneigte Senatoren zu finden hoffte, trat er mit Anklagen [28] gegen den Älteren auf und suchte auch die Bevölkerung ihm abwendig zu machen. So kam es zum zweiten Male zu einem Bruche zwischen den Brüdern und zum Kriege. Philometor wagte Rom zu trotzen, das für Physkon Partei nahm; aber es gebrach ihm an Kriegern, da die alexandrinisch-griechische Bevölkerung unter allen Lastern des griechischen Wesens Wankelmut und Unzuverlässigkeit in einem hohen Grade besaß; noch mehr gebrach es Philometor an tüchtigen Kriegsführern. In dieser Notlage betraute er die judäischen Einwanderer Onias und Dositheos, die sich wohl schon früher bewährt hatten, mit der Kriegführung gegen seinen Bruder. Die judäische Bevölkerung Ägyptens stand ohne Zweifel wie ein Mann Philometor bei. Durch die Geschicklichkeit der beiden judäischen Feldherren gelang es Philometor, seinen Bruder so sehr zu schwächen, daß er ihn für immer hätte unschädlich machen können. Aus angeborener Güte und zum Teil aus Rücksicht auf Rom ließ er ihm das Königreich Kyrene und gewährte ihm noch andere Vorteile18. Onias und Dositheos standen seit der Zeit (153) in hoher Gunst bei Philometor und blieben die Anführer seines ganzen Heeres19.

Selbstverständlich sammelten sich die Judäer Alexandriens und wohl auch die Ägyptens unter Onias, sobald er den Entschluß kundgegeben hatte, unter ihnen zu weilen, und in den Dienst des Königs getreten war. Stammte er doch aus der angesehensten Familie, aus dem Hause des Hohenpriesters, und mag auch sonst Verdienste und anziehende Eigenschaften gehabt haben. In Streitfällen haben sie ohne Zweifel ihn zum Schiedsrichter erkoren, bei Unbilden, die einem von ihnen widerfuhren, riefen sie seinen Schutz an, und er war imstande, durch sein Ansehen bei Hofe sie abzuwenden. Bei religiösen und sittlichen Fragen war Onias als hoherpriesterlicher Abkömmling und als Schriftkundiger ohnehin ihr Gewissensrat und Leiter. Durch eigene Gesetze und Lebensweise von den einheimischen und griechischen Mitbewohnern getrennt, mußten es die Judäer als eine Wohltat empfinden, einen Mann an der Spitze zu haben, der Autorität genug besaß, sie zusammenzuhalten und zu Gliedern eines eigenen Gemeinwesens zu vereinigen. Onias wurde solchergestalt als Oberhaupt oder Stammesfürst (Ethnarch, Genarch) der Judäer anerkannt, gleichviel ob seine Stammesgenossen ihn dazu erkoren und der König Philometor ihn aus Erkenntlichkeit bestätigt, oder ob dieser aus freien Stücken ihm diese Würde übertragen hat.

[29] Allmählich erlangte diese Würde eine hohe Bedeutung. Der Ethnarch hatte die Befugnis, die inneren Gemeindeangelegenheiten zu leiten, das Richteramt auszuüben und über die Aufrechterhaltung der Verträge zu wachen. Er vertrat auch seine Stammesgenossen gegenüber der Krone; durch seine Hand gingen wohl die Steuern, welche sie an den Staat zu leisten hatten, und die königlichen Verordnungen für sie wurden ihnen durch den Ethnarchen bekannt gemacht20. Es ist zwar nicht bekannt, ob seine Befugnisse sich auch auf sämtliche in Ägypten vorhandenen Judäer erstreckt haben; aber es ist wahrscheinlich, daß diese, wenn auch nicht gesetzlich gehalten, sich doch freiwillig dem judäischen Volksfürsten ebenso wie die der Hauptstadt untergeordnet haben, zumal sie, in kleine Gemeindegruppen zerstreut, glücklich sein mußten, ein Oberhaupt aus ihrem Stamme zu haben, das imstande war, sie gegen das Übelwollen der Nachbarn und gegen die Willkür der Beamten zu schützen. Waren sie doch durch Anlehnung an denselben gesichert, die Pflichten, welche ihnen das Judentum auflegte, ohne Gewissenszwang erfüllen zu können. Die ethnarchische Würde, welche Onias zuerst bekleidete, bot sämtlichen ägyptischen Judäern zu viel Vorteile, als daß sie Anstand genommen haben sollten, sie auch ihrerseits anzuerkennen.

Solchergestalt waren die ägyptischen Judäer in der glücklichen Lage, durch ein eigenes Oberhaupt mit fürstlicher Würde eine Stärke verleihende Einheit zu bilden. Diese Einheit wurde noch durch eine andere Schöpfung gekräftigt. Bei allem Ansehen, welches Onias am Hofe Philometors und unter seinen Stammesgenossen besaß, konnte er es nicht verschmerzen, daß er durch die Vorgänge in Judäa seiner rechtlich ihm gebührenden Hohenpriesterwürde verlustig geworden war.

Während des unsicheren Zustandes in Judäa, besonders als Alkimos mit Übergehung der berechtigten hohenpriesterlichen Familie zum Hohenpriester eingesetzt wurde, und nach seinem Tode, als diese Würde gewissermaßen erloschen war, kam Onias auf den Gedanken, für den entweihten Tempel in Jerusalem einen solchen in Ägypten zu errichten, dessen berechtigter Hohepriester er selbst sein sollte. War er dabei von einem frommen Gefühle oder von Ehrgeiz geleitet? Die innersten Herzensregungen bleiben der Geschichte verborgen. Um den Beifall der Judäer dafür zu erlangen, berief sich Onias auf eine Prophezeiung des Propheten Jesaia, die hierdurch in Erfüllung gehen sollte (19, 19): »Einst wird ein Altar des Herrn in Ägypten stehen.« [30] Philometor, dem er den Wunsch vortrug, gewährte ihm denselben aus Erkenntlichkeit für die Dienste, die Onias ihm in dem Kriege gegen Physkon geleistet hatte, und räumte ihm dazu einen Landstrich in der Gegend von Heliopolis 180 Stadien (4 1/2 geographische Meilen) nordöstlich von Memphis in dem Lande Gosen ein, wo einst die Nachkommen Jakobs bis zum Auszuge aus Ägypten gewohnt hatten. In einem verfallenen Götzentempel der ägyptischen Gottheit Bubastis, in dem Städtchen Leontopolis, wo einst Tiere abgöttisch verehrt worden waren, baute Onias ein judäisches Heiligtum. Dasselbe hatte äußerlich nicht ganz die Gestalt des jerusalemischen Tempels, sondern war turmähnlich aus gebrannten Steinen erbaut. Im Innern hingegen waren die Tempelgeräte ganz nach dem Muster der jerusalemischen eingerichtet, nur daß statt des siebenarmigen stehenden Leuchters ein goldener Hängeleuchter an einer goldenen Kette angebracht war. Priester und Leviten, welche sich der Verfolgung in Judäa entzogen hatten, fungierten an diesem Onias-Tempel (Bet-Chonjo) mit Opfer und Liturgie. Für die Bedürfnisse des Tempels und der Priester überließ der König das Einkommen der heliopolitanischen Gegend auf großmütige Weise. Diese ganze Gegend, welche einen kleinen Priesterstaat bildete, führte den Namen Onion um 153-15221. Es war noch ein Einigungsband mehr für die ägyptischen Judäer.

[31] Obwohl sie den Oniastempel als ihren religiösen Mittelpunkt ansahen, dorthin zur Festzeit wallfahrteten und daselbst ihren Opferbedürfnissen genügten, so dachten sie doch nicht daran, etwa wie die Samariter, dem jerusalemischen Heiligtum die Verehrung aufzukündigen und ihm das ihrige nebenbuhlerisch gleichzustellen oder gar überzuordnen. Im Gegenteil, sie verehrten Jerusalem als heilige Metropole und den Tempel als eine Gottesstätte, und sobald er wieder in seine Würde eingesetzt war, erfüllten sie gegen denselben ihre religiösen Pflichten, schickten Abgeordnete dahin und opferten hin und wieder daselbst22. Aber durch die wunderbare Erfüllung des Prophetenwortes: »daß in Ägypten einst ein Gottestempel prangen werde«, waren sie auch stolz auf den ihrigen und nannten Heliopolis die »Stadt der Gerechtigkeit« (Ir ha-Zedek), indem sie darauf den Vers desselben Propheten anwandten: »Einst werden fünf ägyptische Städte den Gott Israels anerkennen und eine davon wird die Stadt Heres sein;« sie lasen aber statt dessen: Ir ha-Zedek23. In Judäa würde man unter Umständen in ruhigen, der Empfindlichkeit und Peinlichkeit günstigeren Zeiten den Oniastempel gleich dem Garizimtempel mit dem Banne belegt und dessen Angehörige gleich den Samaritanern aus der judäischen Gemeinschaft ausgeschlossen haben. Aber als die erste Kunde von dem Bau des ägyptisch-judäischen Tempels in Judäa einlief, war die Zerrüttung in Staat und Tempel noch derart, daß man keine Ursache hatte, einen Akt zu verdammen, der doch in der besten Absicht geschehen war. Betrachtete man den Gründer des Onias-Tempels, der ein Abkömmling einer langen Reihe von rechtmäßigen Hohenpriestern war, dessen Geschlecht seinen Anfang aus der Davidischen und Salomonischen Zeit datierte, und dem man die Wiederherstellung des Tempels nach der Rückkehr aus dem Exile verdankte, der Simon den Gerechten zu seinen Ahnen zählte, und dessen Vater der fromme Onias III. war, so konnte man ihm um so weniger grollen. Später, als die hasmonäischen Hohenpriester den Kultus in seiner Lauterkeit wieder hergestellt hatten, sah man allerdings mit Bedauern auf einen im Auslande bestehenden Tempel, welcher die religiöse Einheit und die Heiligkeit des judäischen Bodens gefährdete; aber dann hatte der Oniastempel durch die Reihe von Jahren seines Bestehens und die Dienste, welche Onias durch [32] Einwirkung auf den König Philometor dem judäischen Staate geleistet, in den Gemütern soweit Wurzel gefaßt, daß es nicht mehr an der Zeit war, ihn zu verdammen. Aber einer gewissen Unbehaglichkeit konnten sich die Frommen dabei doch nicht erwehren, daß das heliopolitanische Heiligtum auf einer Verletzung des Kultusgesetzes beruhe. Und aus diesen widersprechenden Empfindungen gegen den Onias-Tempel, der Achtung vor seinem, aus der Zeitlage hervorgegangenen Ursprunge und dem Mißbehagen gegen sein ungesetzliches Bestehen, entsprang das Verhalten gegen denselben in der Folgezeit. Die Gesetze in betreff desselben tragen diesen schwankenden, zwischen Anerkennung und Verdammung schwebenden Charakter. Ein allerdings späteres Gesetz bestimmte nämlich, daß Priester des Onias-Tempels zwar nicht im jerusalemischen fungieren dürften, daß sie aber dadurch ihrer Priesterwürde nicht verlustig würden, sondern wie die ehemaligen Hohenpriester ihren Anteil an den Priesterrechten behielten24.

An eine solche überraschende Tatsache, wie der Bestand eines judäischen Tempels in Ägypten, brachte die geschäftige Sage später, als die wahre Veranlassung in Vergessenheit geraten war, je nach der Verschiedenheit der Beurteilung, ihre verschönernden oder entstellenden Züge an. In Alexandrien erzählte man sich: der König Philometor und die Königin Kleopatra hätten auf das Gesuch des Onias, einen Tempel bei Heliopolis zu erbauen, ein eigenes Handschreiben an ihn erlassen, worin sie ihre Verwunderung zu erkennen gegeben hätten, ob es Gott wohlgefällig sein könne, wenn ihm ein Heiligtum auf einem Platze erbaut würde, der ehemals dem Tierkultus geweiht war, und sie hätten sich erst dann beruhigt, als sie diese Versündigung von sich abgelehnt und sie auf Onias geschoben, der sich hierbei auf die jesaianische Prophezeiung berufen habe. In Judäa waren zwei verschiedene Sagen über die Veranlassung und Bedeutung des Onias-Tempels in Umlauf, eine anerkennende und eine verdammende. Man brachte diese Tatsache in Verbindung mit dem weltlichen Treiben der Hellenisten und namentlich jenes Onias, der unter dem Namen Menelaos so viele Schmach auf sein Haupt geladen hatte, und den man auch für einen Nachkommen Simons des Gerechten hielt. Die nachsichtige Beurteilung stellte den ägyptischen Onias in ein günstiges Licht; sie machte ihn und seinen Bruder Simon zu Söhnen Simons des Gerechten, der seinem jüngeren Sohne gleichen Namens die Hohepriesterwürde in Rücksicht auf seine [33] Würdigkeit übertragen hätte, der ältere, Onias, habe aber einen inneren Verdruß darüber empfunden und dem Volke zeigen wollen, wes Geistes Kind sein Bruder sei; darum habe er ihn überredet, sich im Tempel in Weiberkleidern zu zeigen; aber wegen dieses Streiches verfolgt, sei Onias nach Alexandrien geflohen und habe einen Tempel zu Ehren Gottes erbaut. Das verdammende Urteil verwechselt gerade Onias IV. mit jenem Onias-Menelaos. Es läßt ihn daher beim ersten Auftreten im Tempel auf den bösen Rat seines älteren, zurückgesetzten Bruders in Weiberkleidern erscheinen, und vom Volke wegen dieses unwürdigen Benehmens aus Jerusalem vertrieben, einen Götzentempel in Ägypten erbauen25. Eine so verschiedene Beurteilung mußte ein Akt erfahren, welcher zwischen Frömmigkeit und Abfall in der Mitte schwebte.

In dem Gebiete Onion, in welchem der neue Tempel erbaut war, hatte Philometor zum Schutze desselben gestattet, einen festen Platz anzulegen. Dieses Kastell, sowie die judäischen Krieger, die es zu verteidigen hatten, standen selbstverständlich unter dem Oberbefehle des Onias. Er war zugleich kriegerischer Leiter des Kreises von Heliopolis, in welchem das Gebiet Onion lag, der als arabischer bezeichnet zu werden pflegte. Onias Titel nach dieser Seite seiner Machtbefugnis lautete: Arabarch, Gebieter über den arabischen Kreis, (in veränderter Aussprache: Alabarch26). In Alexandrien war Onias gemeindliches und richterliches Oberhaupt (Ethnarch) der dortigen Judenheit, im Gebiete Onion oder im arabischen Kreise Ägyptens war er militärischer Gebieter der dort angesiedelten kriegerischen judäischen Bevölkerung, mit deren Hilfe er dem König Philometor so nachhaltig Beistand geleistet hatte. So unbedingtes Vertrauen muß dieser König zu Onias und zu den zu ihm stehenden Stammes- und Religionsgenossen gehabt haben, daß er ihm noch einen andern außerordentlich wichtigen Posten anvertraute. Die Hafenplätze am Meere und den Nilmündungen waren für die Einnahmen des königlichen Schatzes von der höchsten Wichtigkeit. Hier wurden die Zölle für die ein- und auslaufenden Rohstoffe und verarbeiteten Waren erhoben, wodurch Ägypten das reichste Land während der Herrschaft der Ptolemäer und später der Römer war. Die Aufsicht über Meer und Nilfluß vertraute Philometor ebenfalls dem Arabarchen an, und von den Judäern Alexandriens, welche an dem Hafenplatze wohnten (o. S. 25), waren sicherlich die Beamten ausgewählt, welche die Eingangs- und Ausgangszölle überwachten27.

[34] Ein anderes, weit wichtigeres, tief in die weltgeschichtlichen Verhältnisse eingreifendes Ereignis fand zu derselben Zeit und auf demselben Schauplatze statt und erfuhr eine eben so entgegengesetzte Beurteilung wie der Onias-Tempel. Die Flüchtlinge aus Judäa, welche aus Anhänglichkeit an das väterliche Gesetz Vaterland und Lebensgewohnheit aufgegeben hatten, mögen in dem gebildeten König Philometor, der ein Freund des Wissens war, den Wunsch erweckt haben, dieses so hochverehrte Gesetz kennen zu lernen; oder Judäer, die bei ihm Zutritt hatten, mögen sein Interesse für das von seinem Gegner Antiochos Epiphanes so geschändete Gesetz in so hohem Grade angeregt haben, daß er es in einer Übersetzung zu lesen gewünscht haben mochte. Einer der nach Alexandrien aus Jerusalem ausgewanderten Priester, Namens Juda Aristobul, soll Lehrer dieses Königs gewesen sein28. Möglich auch, daß die Schmähschrift gegen die Judäer und ihren Ursprung, welche unter dem Namen des ägyptischen Priesters Manetho in griechischer Sprache im Umlauf war, und woran die spottsüchtigen und auf die Judäer neidischen Griechen in Alexandrien ihre hämische Freude hatten, möglich also, daß diese Schrift den Wunsch unterstützt hat, den Ursprung und die Geschichte des judäischen Volkes aus den Quellen kennen zu lernen. Diese Schmähschrift, vielleicht die erste in der langen Reihe der Lügenmären über die Judäer, erzählte einmal, daß Hirten unter dem Namen Hyksos zuerst Ägypten unterjocht, dann besiegt, vermindert und nach Syrien ausgewandert, die Stadt Hierosolyma aus Furcht vor den damals mächtigen Assyrern erbaut hätten. Das andere Mal erzählte sie mehr verunglimpfend, daß Aussätzige aus Ägypten vertrieben worden wären und sich einen heliopolitanischen Priester, Namens Osarsiph, zum Führer genommen hätten, der sie gelehrt und ihnen Gesetze gegeben habe, nicht Götter zu verehren und besonders die von den Ägyptern als göttlich angebeteten Tiere zu töten und zu verzehren und sich nur mit ihresgleichen zu verbinden. Dieser heliopolitanische Priester unter den Aussätzigen habe seinen Namen in Moyses (Mose) umgewandelt. Er habe auch die in Hierosolyma angesiedelten Hyksos aufgerufen, in Ägypten einzudringen und mit den Aussätzigen vereint das Land zu erobern. Es sei den Verbündeten auch gelungen, es zu bezwingen und es mehrere Jahre zu verheeren, besonders die Tempel und die [35] heiligen Tiere zu entweihen, bis der entflohene König Amenophis mit Hilfe der Äthiopier sie besiegt und nach Syrien zurückgeworfen hätte29. Das sei der Ursprung der Judäer gewesen, teils niedrige gefangene Hirten, teils Aussätzige. Ihr Gesetzgeber Mose sei ursprünglich ein ägyptischer Priester gewesen, der, seinem Ursprung untreu geworden, gegen Tempel, Priester und Götter gewütet und das ihm untergebene Volk gelehrt habe, diese zu verachten. Ehe die Judäer an eine solche erlogene, gehässige Schilderung ihrer Vergangenheit gewöhnt waren, mußten sie sich dadurch tief gekränkt gefühlt und gewünscht haben, sie widerlegt zu sehen. Widerlegt konnte sie aber lediglich durch Kenntnisnahme von ihrem Schrifttum, von dem Fünfbuch der Thora, werden, welches in schlichter eindringlicher Weise von dem Einzug, Aufenthalt in Ägypten und Auszug ihrer Vorfahren erzählt. Den bei Hofe verkehrenden Judäern mußte eben so viel daran liegen, daß der ihnen wohlwollende König Philometor das von der einen Seite so geschmähte und von der andern so hochverehrte »Gesetzbuch« in griechischer Verdolmetschung kennen lernen möchte, um die Überzeugung von der Vortrefflichkeit desselben und dem untadelhaften Ursprung des Volkes zu gewinnen.

War die Einwanderung Onias' IV. und vieler Judäer nach Ägypten unter Philometor für die Stellung der ägyptischen Judäer ein hochwichtiges Ereignis, so wurde sie durch die daraus entstandene Übersetzung von weltgeschichtlicher Tragweite für die Entwickelung und Verbreitung des Judentums. Näheres über die Art und Weise, wie [36] diese Übersetzung zustande gebracht wurde, wissen wir nicht mehr. Allem Anschein nach wurde diese Arbeit, um sie zu erleichtern, an fünf Dolmetscher verteilt, sodaß von den fünf Büchern des Pentateuchs je eins einen eigenen Übersetzer hatte. Ein Bericht weiß in der Tat von »fünf Alten« zu erzählen, welche die Thora griechisch verdolmetscht haben30. Die noch vorhandene Übersetzung zeigt ebenfalls, wiewohl sie durch mancherlei Entstellungen ihre ursprüngliche Gestalt verloren hat, daß sie nicht gleichmäßig behandelt worden und also nicht aus der Hand eines einzigen Übersetzers hervorgegangen ist. Auch jener Zug mag geschichtlich sein, daß die fünf Übersetzer, um ungestört eine Arbeit zu vollbringen, welche zugleich eine Gewissenssache und ein Ehrenpunkt für sie war, sich auf die Insel Pharos, die Alexandrien in geringer Entfernung gegenüberliegt, zurückgezogen haben. In der Übersetzung ist das Bestreben ersichtlich, die wörtliche Treue zugunsten einer geläuterten Vorstellung von Gott zu opfern, was sicherlich auf gemeinsame Verabredung der Dolmetscher geschehen ist, weil sie zunächst mit Hinblick auf den gebildeten König gearbeitet haben; diese Rücksicht leitete die Dolmetscher auch augenscheinlich bei der Wahl eines Wortes, das dem Könige hätte anstößig sein können. Das Wort Arnébet (Hase) unter den unreinen, zum Genusse verbotenen Tieren ist durch eine Umschreibung übersetzt, um nicht das griechische Wort Lagos (Hase) zu gebrauchen, weil der Stammvater des Königshauses Lagos hieß. – Die Begebenheit der Übersetzung mag etwas später vorgefallen sein als der Bau des Onias-Tempels (etwa 150); möglich auch, daß zwischen beiden Begebenheiten ein innerer Zusammenhang herrscht. Die Übersetzer waren wahrscheinlich gleich Onias palästinensische Auswanderer, welche die Kunde der hebräischen Sprache aus dem Vaterlande mitgebracht hatten; denn die früher eingewanderten, bereits hellenisierten Judäer in Ägypten hatten wohl schwerlich so viel Kenntnis des Hebräischen bewahrt, um sich an einem so schwierigen Unternehmen zu beteiligen. – Die griechische Übersetzung der Thora war gewissermaßen auch ein Tempel, ein Schriftheiligtum, zu Ehren Gottes auf fremdem Boden errichtet.

Die Vollendung dieses Werkes verbreitete unter den Judäern Alexandriens und Ägyptens hohe Freude. Sie waren stolz darauf, daß die auf ihre Weisheit eingebildeten Griechen doch endlich einsehen lernen müßten, um wie viel älter und erhabener die Weisheit des [37] Judentums sei als die griechische Philosophie. Es schmeichelte ihnen, sagen zu können: »Seht da, Moses ist größer denn Pythagoras und Plato.« Nicht wenig mag der Umstand die freudige Stimmung erhöht haben, daß die Übersetzung durch eifrige Teilnahme des judenfreundlichen Königs zustande gekommen war, indem dadurch ein Weg zur Anerkennung des Judentums unter den Griechen angebahnt schien. Kein Wunder also, wenn der Tag, an welchem die Übersetzung dem Könige überreicht wurde, von den ägyptischen Judäern festlich begangen und die alljährliche Wiederkehr desselben gefeiert wurde. Sie pflegten an diesem Tage nach der Insel Pharos zu wallfahrten, daselbst zuerst Freuden- und Dankgebete anzustimmen und dann in Zelten oder unter freiem Himmel, je nach ihrem Stande, mit ihren Angehörigen ein Freudenmahl zu halten. Daraus wurde später ein allgemeines Volksfest, woran sich sogar die heidnischen Alexandriner beteiligt haben sollen31.

Einen ganz anderen Eindruck mußte die Übersetzung der Thora ins Griechische auf die Frommen in Judäa hervorbringen. War ihnen schon das griechische Wesen wegen der vielen Leiden, die es über die Nation und die Heiligtümer gebracht hatte, verhaßt, so mußte man dort der Sorge Raum geben, daß der richtige Sinn der judäischen Lehre durch die Übertragung in die griechische Sprache entstellt und verkannt werden würde. Nur die hebräische Sprache, in welcher sich Gott auf Sinai geoffenbart, schien ein würdiges Gefäß für den göttlichen Inhalt der Thora; in eine fremde Form gegossen, dünkte den Frommen das Judentum sich selbst entfremdet und entgöttlicht. Darum betrachteten diese in Judäa den Tag der Übersetzung, der den ägyptischen Judäern ein Freudentag war, als einen nationalen Unglückstag, gleich jenem, an welchem das goldene Kalb in der Wüste dem Volke als Gott hingestellt worden war; ja man soll sogar denselben (achten Tebet), an welchem die Übersetzung vollendet war, als einen Fasttag eingesetzt haben. Eine solche entgegengesetzte Beurteilung hat dieses Ereignis erfahren. Überblickt man die Folgen, welche aus der griechischen Übersetzung hervorgingen, so waren allerdings beide Gefühle, die Freude der Alexandriner und die Trauer der Palästinenser, so ziemlich gerechtfertigt. Durch das griechische Gewand wurde das Judentum allerdings den Griechen, den Trägern der Weltbildung, zugänglich und verständlich; sie lernten es allmählich kennen; und wie sehr sie sich auch gegen dessen Aufnahme sträubten, ehe ein halbes Jahrtausend abgelaufen war, war der Inhalt des Judentums den herrschenden Völkern geläufig. Die griechische Übersetzung war der erste Apostel, den das Judentum an die Heidenwelt ausgesandt hat, um sie von ihrer Verkehrtheit und [38] Gottvergessenheit zu heilen; sie war der Mittler, welcher die zwei einander gegenüberstehenden Weltanschauungen, die judäische und die hellenische, näher brachte. Durch die Verbreitung, welche die Übersetzung später durch den zweiten Apostel des Judentums an die Heiden, das Christentum, erhielt, hat sie sich tief in die Denkweise und Sprache der Völker eingeprägt, und es gibt jetzt keine ausgebildete Sprache, welche nicht Vorstellungen und Wörter vermittels dieser Übersetzung aus dem judäischen Schrifttum aufgenommen hätte. Die alexandrinische Übersetzung hat also das Judentum in die Weltliteratur eingeführt und es volkstümlich gemacht. – Andererseits trug sie aber auch zur Verkennung und Verkümmerung der judäischen Lehre unwillkürlich bei und war gewissermaßen ein falscher Prophet, der im Namen Gottes seine Irrtümer verkündete. War es schon an sich schwer, aus der hebräischen Sprache in die griechische, die so grundverschieden davon ist, zu übertragen, so kam noch der Umstand hinzu, daß zu jener Zeit weder die hebräische Sprache, noch der Inhalt und die wahre Bedeutung der Thora so vollständig erkannt waren, daß die Übersetzung den richtigen Sinn jedes Ausdrucks hätte wiedergeben können. Endlich noch war der griechische Text nicht so sehr überwacht, daß nicht der eine oder der andere seine vermeintliche Verbesserung hätte hineinbringen können. Denn diese Übersetzung kam bei den Vorlesungen an Sabbaten und Feiertagen in Gebrauch, und es blieb dem Geschmacke, dem Verständnis oder auch der Willkür des Dolmetschers überlassen, Abänderungen zu treffen. Wie leicht konnte nicht ein Dolmetscher, der im Besitze eines Exemplars war, seine Übersetzungsweise in den Text hineintragen! In der Tat wimmelt der griechische Text von solchen angebrachten Zusätzen und Verbesserungen, die später in der Zeit der Reibungen zwischen Judentum und Christentum noch häufiger wurden, so daß die ursprüngliche Gestalt der Übersetzung aus der gegenwärtigen Beschaffenheit des Textes nicht überall erkennbar ist. Nichts desto weniger glaubten die alexandrinischen Judäer einige Menschenalter später so sehr an die Vollkommenheit dieser Übersetzung, daß sie allmählich das hebräische Original für entbehrlich hielten und sich auf ihren Text ganz allein verließen. Alle Mißverständnisse, welche in die griechische Bibel durch Unkenntnis, Übersetzungsfehler und willkürliche Zusätze hineingekommen waren, hielten sie für das Wort Gottes, und so lehrten sie später manches im Namen des Judentums, was ihm durchaus fremd oder entgegen ist. Mit einem Worte: alle Siege, welche das Judentum im Laufe der Zeiten über das gebildete Heidentum gefeiert und alle Verkennung, die es dadurch erfahren hat, verdankt es wesentlich dieser Übersetzung.

[39] Das Ansehen, welches diese Verdolmetschung in den Augen der Judäer und allmählich auch der Heiden erlangte, forderte gewissermaßen dazu heraus, ihr eine höhere Weihe und unbestreitbare Autorität zu geben, vielleicht gerade deswegen, weil man sie in Judäa geringschätzte oder gar verdammte. Es bildeten sich Sagen über die Zeit und die Art ihrer Entstehung aus, die im Verlaufe immer mehr anwuchsen und sehr lange für geschichtliche Wahrheit gehalten wurden. Vor allem ließ sichs die Sage angelegen sein, die Übersetzung älter zu machen als sie war, und sie in jene Zeit zu versetzen, wo noch innerhalb des Judentums keine Spaltung herrschte; ferner bemühte sie sich, sie durch Autoritäten von Judäa sanktionieren und endlich ein Wunder dabei mitwirken zu lassen, damit sie durch ein göttliches Zeichen bestätigt erscheine und einen geheiligten Charakter an sich trage. Man erzählte sich, schon der zweite Ptolemäer, der König Philadelphos, begierig, so viele Schriften als möglich in seine Büchersammlung aufzunehmen, sei von dem Aufseher derselben, Demetrios Phalereus, auf die Bücher Moses' aufmerksam gemacht worden, daß sie würdig seien, einen Platz in der königlichen Büchersammlung einzunehmen; nur müßten sie ins Griechische übersetzt werden. Darauf habe der König zwei Gesandte, Aristeas und Andreas, an den damaligen Hohenpriester Eleasar mit reichen Geschenken abgeordnet, ihn um würdige Männer zu bitten, die zugleich des Hebräischen und Griechischen kundig seien. Um sich den Judäern gefällig zu zeigen, habe er auf seine Kosten sämtlichen judäischen Sklaven in Ägypten, welche sein Vater, der erste Ptolemäer, als Gefangene dahin geschleppt haben soll, die Freiheit geben lassen. Der Hohepriester Eleasar, gerührt durch die Beweise der königlichen Huld, habe zwei und siebenzig der kundigsten Männer und zwar aus allen zwölf Stämmen ausgewählt, je sechs aus einem Stamme, und sie nach Alexandrien geschickt. Vom Könige auf das huldvollste empfangen, hätten diese zwei und siebenzig Männer in zwei und siebenzig Tagen die Übersetzung der Thora vollendet und sie dem Könige und allen anwesenden Judäern vorgelesen. Der König habe darauf ein Exemplar in seine Büchersammlung aufgenommen, und Demetrios Phalereus habe einen Fluch über diejenigen aussprechen lassen, welche etwas daran, sei es vermindernd oder erweiternd, verändern würden32. Von dieser Sage, die bis vor noch nicht langer Zeit allgemein für eine geschichtliche Tatsache gehalten wurde, hat die Übersetzung den Namen »der Zwei und Siebenzig« oder kurzweg »der Siebenzig« (Septuaginta) erhalten. Diese Sage erhielt später, ungewiß [40] ob von Judäern oder Christen, einen neuen Zusatz von Wunderhaftigkeit. Man fügte hinzu, der König habe jeden der zwei und siebenzig Übersetzer in ein besonderes Gemach einschließen und jede Verabredung untereinander verhindern lassen; dennoch seinen die Übersetzungen derselben bis auf Wort und Silbe so einstimmig ausgefallen, daß der König und alle Anwesenden nicht umhin gekonnt hätten, das Werk als ein von der Gottheit begünstigtes anzuerkennen33. Alle diese Züge gehören aber durchaus der Sage an.

War einmal der Anfang gemacht, so konnte es nicht fehlen, daß der Eifer, die Schriftdenkmäler des Judentums für griechische Leser zugänglich zu machen, sich regte, und so wurden nach und nach auch die Geschichtsbücher in griechisches Sprachgewand gehüllt. Die poetischen und prophetischen Schriften sind wohl keineswegs zugleich mit dem Pentateuch und den Geschichtsbüchern übersetzt worden, weil sie eine doppelte Schwierigkeit darboten. Das hebräische Original war nicht leicht verständlich, und die griechische Sprache, die einen ganz andern Geist und Satzbau hat als die hebräische, war nicht geeignet, den Gedankengang und die dichterischen Redewendungen jener Schriften wiederzugeben. Es gehörten dazu außerordentliche Sprachkenntnisse und Gewandtheit, welche die Judäer in Ägypten damals noch nicht besessen haben können. Diese Bücher sind gewiß erst ein Jahrhundert später verdolmetscht worden.

Die Verdolmetschung des pentateuchischen Gesetzbuches in die griechische Sprache schuf in der Mitte der ägyptischen Gemeinden eine neue Kunstgattung, die Kanzelberedsamkeit. War es vielleicht in Judäa Sitte, bei den Vorlesungen aus der Thora die Abschnitte in die dort übliche Volkssprache (die chaldäische oder aramäische) für Unkundige nicht bloß zu übersetzen, sondern auch zu erklären, und ist dieser Brauch auch in die Bethäuser der ägyptischen Judäer eingeführt worden? Oder ist er lediglich bei diesen aufgekommen, weil die hebräische Sprache ihnen am meisten fremd geworden war? Gleichviel, ob Nachahmung oder selbständige Einrichtung, diese Sitte, dunkle oder minder faßliche Verse aus dem Verlesenen für die Zuhörer zu übersetzen und zu erläutern, bildete eine neue Form aus. Die Übersetzer, unterstützt von dem, dem griechischen Wesen entlehnten Rededrang, blieben nicht beim Gegebenen, sondern spannen es weiter aus, pflegten Betrachtungen daran zu knüpfen, Nutzanwendungen für Lagen in der Gegenwart davon zu machen, Ermahnungen anzubringen. So entstand aus der [41] Schrifterklärung die Predigt34, welche allmählich nach der griechischen Art, allem und jedem eine gefällige, schöne Form aufzudrücken, kunstvoll ausgebaut wurde. Die Kanzelberedsamkeit ist eine Tochter der alexandrinisch-judäischen Gemeinde. Hier wurde sie geboren, großgezogen und vervollkommnet und diente später größern Kreisen als Muster.

Der Reiz, welchen die griechisch redenden Judäer an dem ihnen zugänglich gemachten biblischen Stoff fanden, weckte die Lust der Gebildeteren unter ihnen, diesen Stoff selbständig zu bearbeiten, ihn volkstümlich zu machen, die Lehren, welche darin liegen, hervorzuheben oder auch das scheinbar Auffällige und Widersprechende zu erklären und auszugleichen. So entstand ein eigenes judäisch-griechisches Schrifttum, das mit der Zeit einen großen Umfang erlangte und befruchtend auf große Kreise wirkte. Aus der Jugend dieser eigenartigen Literatur, in welcher die beiden Volksgeister, die sich im Leben abstießen, sich gewissermaßen brüderlich umarmten, ist nur wenig bekannt. Es scheint, daß auch an ihr sich der Erfahrungssatz bewährte, daß die gebundene und gehobene Rede der schlichten Prosa voranzugehen pflegt. Es sind noch Bruchstücke von Schriften vorhanden, welche die althebräische Geschichte in Versen erzählen. Veranlassung zu diesen [42] poetischen Schriften scheint die Feindseligkeit der Judäer und Samaritaner gegeben zu haben.

Die beiden in der Anerkennung des Gesetzbuches der Thora und des einigen Gottes und in der Verwerfung des Götzentums einigen, sonst aber gegeneinander erbitterten Nachbarvölker hatten ihren gegenseitigen Haß von alters her noch nicht fahren lassen. Der Religionszwang unter Antiochos Epiphanes, die Mäkkabäerkämpfe und die Veränderung, welche infolge derselben eingetreten war, hatten diese Abneigung nicht gemildert, vielleicht noch eher geschürt. Wenn auch die Samaritaner, die wohl ebenfalls von Antiochos' Schergen gezwungen worden waren, die Verehrung des Gottes Israels aufzugeben, diesem Zwange sich nur ungern fügten, so machten sie doch nicht gemeinsame Sache mit den Judäern, den gemeinschaftlichen Feind zu bekämpfen, standen vielmehr auf der Seite desselben gegen ihre halben Bekenntnisgenossen. Judäischerseits erhob man gegen sie die Anschuldigung, sie hätten zur Zeit des Zwanges ihr altes Bekenntnis abgeschworen, hätten freiwillig ihren Tempel auf dem Berge Garizim dem hellenischen Zeus geweiht und hätten angegeben, sie seinen keineswegs den Judäern stammverwandt, sondern ursprünglich Sidonier, und seien nur infolge einer Notlage gezwungen gewesen, den Sabbat zu feiern und andere judäische Gewohnheiten zu beobachten35. Es war aber eine falsche Anklage. Denn die Samaritaner fuhren fort, ihren dem Gotte Israels geweihten Tempel auf Garizim heilig zu halten und nach der Vorschrift der Thora zu leben. Während des Religionszwanges scheinen Samaritaner ebenfalls nach Ägypten ausgewandert zu sein und sich ihren Stammesgenossen, welche von Alexanders Zeit her dort angesiedelt waren, angeschlossen zu haben. Die ägyptischen Samaritaner eigneten sich gleich den Judäern die herrschende griechische Sprache und das griechische Wesen an.

[43] Die gegenseitige Abneigung zwischen den Anhängern Jerusalems und Garizims folgte beiden auch ins Ausland nach, und sie befehdeten sich gegenseitig mit demjenigen Eifer, welchen Religionsgenossen in der Fremde für ihre heimischen Traditionen zu haben pflegen. Die Übersetzung der Thora ins Griechische, vom König Philometor begünstigt, scheint neuen Zündstoff zwischen beide geworfen zu haben. Wie sehr mußte es die Samaritaner kränken, daß durch die Septuaginta die Heiligkeit ihres Tempels an Beweiskraft eingebüßt hatte, indem im Griechischen der von ihnen geltend gemachte Vers »und du sollst einen Altar bauen auf Garizim«. nicht vorhanden war. Die Samaritaner in Alexandrien scheinen daher einen Protest gegen diese Übersetzung oder vielmehr gegen diese angebliche Fälschung des Textes beabsichtigt zu haben, und da von ihnen wohl auch einige bei Hofe in Gunst standen, wußten sie es dahin zu bringen, daß der milde Philometor ein Religionsgespräch zwischen beiden streitenden Religionsparteien veranstalten ließ, wodurch die Frage über die höhere Heiligkeit des samaritanischen oder jerusalemischen Tempels erledigt werden sollte36 – das erste Religionsgespräch dieser Art vor einem weltlichen Herrscher, das sich von den im Verlaufe der judäischen Geschichte vorgekommenen öfteren Fällen dadurch unterscheidet, daß der Schiedsrichter sich ganz unparteiisch zu der Frage verhielt und also den Streitenden die volle Freiheit vergönnte, ihre Gründe ohne Rückhalt und Rücksicht geltend zu machen.

Die beiden Parteien wählten aus ihrer Mitte die gelehrtesten Männer zu ihren Sprechern, deren Namen auf uns gekommen sind. Auf Seiten der Judäer sprach ein gewisser Andronikos, Sohn Messalams. Die Samaritaner hatten zwei Vertreter, Sabbai und Theodosios, zwei in der samaritanischen Geschichte nicht unbekannte Namen; sie galten bei ihnen als angesehene Weise, und Theodosios, dessen Name in Dositai, Dostai und Dostan37 umgewandelt wurde, galt als Gründer einer samaritanischen Sekte, deren Ansichten dem Judentume näher standen. Auf welche Weise das Religionsgespräch geführt wurde, und welchen Ausgang es hatte, läßt sich kaum mehr ermitteln, da die Berichte darüber einen durchweg sagenhaften Charakter angenommen haben. Jede Partei suchte sich den Sieg zuzuschreiben, und beide haben ihre Erfolge übertrieben. Religionsgespräche haben noch nie einen wesentlichen Erfolg erzielt. Die judäischen Quellenstellen die Sache so dar, als wenn die Bedingung gewesen wäre, der König sollte das Recht und die Pflicht haben, die Besiegten [44] umbringen zu lassen – eine gewiß unwahre Wendung – und als Andronikos auf die lange Reihe der Hohenpriester hingewiesen habe, die von Ahron bis auf die Gegenwart herab ununterbrochen im jerusalemischen Tempel fungiert haben, und ferner die Tatsache angeführt habe, daß die Könige von Asien denselben Tempel durch Weihegeschenke bereichert hätten, Vorzüge, deren sich der Tempel auf Garizim nicht rühmen konnte, seien die Samaritaner öffentlich für überwunden erklärt und der Verabredung gemäß getötet worden38. Die samaritanischen Berichte, welche viel jünger und trüber sind, schreiben ihrer Partei den Sieg zu durch die Beweisführung, daß der Gesetzgeber Mose wohl nicht einen so wichtigen Punkt, wie die Stätte für die Gottesverehrung (Kiblah) unbestimmt gelassen haben könne, vielmehr sei anzunehmen, er habe in dem Schlußsegen vor seinem Tode einen Berg im Stamme Joseph als Berg des Segens bezeichnet, nämlich den Garizim. Die Nachrichten der übrigen judäischen Schriften bewiesen nichts dagegen, da ihnen keine Heiligkeit innewohne, und deren Verfasser von ihnen, den Samaritanern, nicht als Propheten angesehen werden. Durch diese Beweise sei der König von der Heiligkeit des samaritanischen Tempels überzeugt worden und habe auf den Wunsch der Samaritaner befohlen, daß die Judäer bei Todesstrafe den Berg des Segens (Garizim) nicht betreten dürften39.

Diese Streitfrage über die Heiligkeit Jerusalems oder Sichems wurde, wie es scheint, von beiden Parteien in griechischen Versen fortgeführt. Ein samaritanischer Dichter Theodotos, vielleicht derselbe Theodosios, welcher als Anwalt aufgetreten war, rühmte die Fruchtbarkeit der Gegend von Sichem.


»Zwischen zwei hohen gras- und waldreichen Höhen

Erscheint das hehre Sichem,

Die heilige Stadt, unten am Fuße erbaut,

Mit Mauern von glattem Gestein umgeben.«


Um die Wichtigkeit dieser Stadt hervorzuheben, erzählte Theodotos die Geschichte Jakobs, wie er sich bei Sichem niedergelassen, wie dessen Tochter Dinah von dem jungen Fürsten Sichem geschändet und von deren Brüdern Simon und Levi gerächt worden war40. Ohne Zweifel waren auch in Theodotos' Gedicht die Erbauung des Tempels auf Garizim und die Heiligkeit desselben geschildert.

[45] Dem entgegen rühmte ein judäischer Dichter, Philo der ältere, die Wichtigkeit Jerusalems in einem Gedichte »über Jerusalem«, pries darin die Fruchtbarkeit der judäischen Hauptstadt und das unterirdische Wasser, welches durch Kanäle geleitet werde von der »Quelle des Hohenpriesters«. Dieser Dichter hob seinerseits die Bedeutung des jerusalemischen Tempels auf Morija hervor, hinweisend auf die geschichtliche Erzählung, daß Abraham auf dieser Höhe seinen Sohn habe opfern wollen, und dieses sei für seine Nachkommen ein ewiger Ruhm. Auch von Jakob und Joseph erzählen seine Verse, wahrscheinlich um die Urgeschichte Israels im judäischen Sinne zu verherrlichen41.

Ein anderer samaritanischer Schriftsteller, der Eupolemos genannt wird, schrieb die Urgeschichte des israelitischen Volkes und hob darin, wie Theodotos, die große Bedeutung des Tempels auf dem heiligen Berge Garizim hervor. Der Name Argarizim bedeute »Berg des Höchsten«. In der Stadt bei diesem Berge habe Melchisedek als König und Priester geherrscht, und dort sei Abraham nach dem Siege über den aramäischen König gastlich aufgenommen worden. Dieser samaritanische Eupolemos, oder wie er sonst geheißen haben mag, war der erste oder einer der ersten, welcher wunderliche Sagen mit der israelitischen Urgeschichte verflochten hat, in der Absicht, griechischen Lesern einen hohen Begriff von den biblischen Personen beizubringen. Nicht die Ägypter hätten die Sternkunde erfunden, auch nicht die Babylonier die astrologische Kunst, sondern der erste Erfinder derselben sei Enoch gewesen, von den Griechen Atlas genannt. Sein langlebiger Sohn Methusalem, vom Engel belehrt, habe diese Belehrung [46] seinen Nachkommen überliefert. Dadurch sei Abraham in den Besitz derselben gelangt, habe durch Adel und Weisheit alle Menschen übertroffen. Er sei es nun gewesen, der in Chaldäa die Babylonier, die Phönikier und, bei seinem Aufenthalte in Ägypten, die Ägypter in die Wissenschaft von der Bewegung der Gestirne eingeweiht habe42. Der an den griechischen Mythen verdorbene Geschmack fand kein Genüge an der Einfachheit und Tugendhoheit der Erzväter und an ihrer Duldergröße. Sie sollten durchaus gleich den Gestalten der griechischen Sagenwelt himmelanragende Helden oder mindestens Erfinder der zu der Zeit geschätzten Kenntnisse gewesen sein. Unter den aus Mischlingen verschiedener Völkerschaften bestehenden Samaritanern, deren Köpfe noch voll von wirren Vorstellungen von ihrem Ursprunge und zugänglich für ähnliche aus anderen Kreisen waren, konnte sich eine solche Mischung von Zügen aus der israelitischen Urgeschichte und aus der griechischen Sagenwelt leichter bilden. Bald folgten ihnen auch Judäer auf diesem Wege. Die Zeit des sinkenden Geschmacks und der abnehmenden Bildung in Alexandrien bei dem Zusammenfluß von Abkömmlingen verschiedener Völker war für eine solche Mischung verschiedenartigen Stoffes außerordentlich günstig, weil damals und in dieser Umgebung der Sinn für Wahrheit und Eigenartigkeit abgestumpft war.

Für die Judäer Alexandriens trübte sich indessen einige Zeit der Himmel, der ihnen während Philometors Regierung so heiter lächelte. Als wenn die Tochtergemeinde mit der Muttergemeinde in Judäa in seelischem Verkehr stünde, folgten für beide fast zu gleicher Zeit auf eine Reihe glücklicher Tage unglückliche. Judäa war durch Jonathans Mißgeschick in Trauer geraten, und in Ägypten führte ein Thronwechsel ein ähnliches herbei. Ptolemäus VII., mit dem Beinamen Euergetes II. Physkon, der mehrere Jahre mit Philometor zugleich regierte, dann auf dessen Sturz hingearbeitet, ihm viele Verlegenheiten bereitet und die Landschaft Kyrene ihm entrissen hatte (o. S. 28),[47] trachtete nach dem Tode desselben nach dessen Krone, obwohl ein Thronerbe vorhanden war. Die neuerungssüchtige, wankelmütige und gesinnungslose Bevölkerung Alexandriens war sofort geneigt, den mißgestalteten und boshaften Physkon als König anzuerkennen. Indessen hatte die verwitwete Königin Kleopatra, welche während der Minderjährigkeit ihres Sohnes die Regierung leitete, ebenfalls Anhänger. Ganz besonders stand ihr Onias bei, welcher schon früher ihr und ihrem königlichen Gemahl eine kräftige Stütze war. Es scheint infolgedessen zu einem Kriege zwischen ihr und ihrem feindlichen Bruder gekommen zu sein, wobei Onias mit der judäischen Schar aus dem Gebiete Onion beteiligt war. Zuletzt kam ein Vergleich zustande, vermöge dessen Physkon seine Schwester heiraten und beide zusammen regieren sollten (145). Diese Ehe war sehr unglücklich. Sobald der grausame Physkon in Alexandrien eingezogen war, tötete er nicht bloß die Freunde des rechtmäßigen Thronerben, sondern auch diesen in der Jugend, am Hochzeitstage mit dessen Mutter. Es entstand ein Zerwürfnis zwischen König und Königin, zwischen Bruder und Schwester. Der geile und blutdürstige Dickbauch erwies nicht nur einer Buhlerin öffentlich Gunst und Auszeichnung, sondern schändete auch die Tochter seiner Frau, füllte Alexandrien mit Blut und Schrecken, so daß die Bewohner meistens die Stadt verließen und er über leere Straßen und Häuser herrschte. Selbst diejenigen, welche ihm die Krone errungen hatten, verschonte er nicht43. Wie sollte er die Judäer schonen, von denen er wußte, daß sie zu seiner von ihm gehaßten Schwester-Gemahlin hielten? Als er erfahren hatte, daß Onias, der treue Freund Kleopatras, ein Heer sammelte, um ihr gegen die Schandtaten des Ungeheuers Hilfe zu bringen, erteilte er seinen Soldaten Befehl, sämtliche Judäer in Alexandrien mit Weibern und Kindern zu verhaften, nackt und gebunden auf einen Platz zu legen, um von Elephanten zertreten zu werden. Die Elephanten, welche dazu gebraucht werden sollten, ließ er vorher durch Wein berauschen, um sie zur Wut gegen die hilflosen Schlachtopfer zu reizen. Indessen trat etwas ein, was den unglücklichen Judäern wie ein Wunder erschien. Die berauschten Tiere nahmen nämlich einen Anlauf nach der entgegengesetzten Seite, wo die Leute des Königs saßen, um sich an dem erwarteten blutigen Schauspiel zu weiden, und töteten viele derselben. So wurden die Judäer gerettet. Physkons Buhlerin Irene, welche dem Wüterich das Ungeheuerliche seiner Grausamkeit zu Herzen führte, brachte ihn dahin, Reue darüber zu empfinden und zu versprechen, daß er dergleichen in Zukunft nicht [48] wiederholen werde. Die alexandrinischen Judäer, von ihrem Untergange gerettet, setzten den Tag ihrer Rettung zum ewigen Andenken der ihnen vom Himmel gewordenen Hilfe als Feiertag ein44. Physkon scheint in der Tat seit dieser Zeit die Judäer in Ruhe gelassen zu haben. Denn gerade während seiner Regierung nahm ihr Eifer für Kenntnisse und Denktätigkeit noch mehr zu45, und Schriftsteller konnten ungestört judäische Stoffe bearbeiten.


Fußnoten

1 S. B. II b, S. 231.


2 Aristeasbrief, ed. M. Schmidt S. 15 fg. [Ed. Wendland, Leipzig, 1900, § 12.] Vgl. Note 2, II.


3 Philo gegen Flaccus 6, edit. Mangey, II, 523.


4 Das.


5 Strabo bei Josephus Altert. XIV, 7, 2. Josephus gegen Apion II, 4.


6 Josephus, jüd. Kr. II, 18, 7. Altert. XII, 1, 1. s.B. II b, S. 231.


7 Philo gegen Flaccus II, 8., M. 525.


8 Josephus gegen Apion II, 4.


9 Das. II. 5. Vergl. Note 4.


10 Philo das.


11 Philo das. Tosefta Sukka, c. 4, 6.


12 Joma 38a. Erachin 10b.


13 Philo gegen Flaccus 6, M. II, 528. Legatio ad Cajum 20. Vita Mosis II, 27.


14 Vergl. weiter unten.

15 S. B. II b, S. 303.


16 Vergl. Diodor Excerpta zu 31, 7, auch Valerius Maximus, nach Valesius' Emendation.


17 Josephus setzt im jüd. Kr. (I, 1, 1; VII, 10, 2) Onias' Flucht nach Ägypten noch während des ersten Stadiums der Wirren in Judäa unter Antiochos Epiphanes. Er identifiziert sogar diesen Flüchtling Onias mit Onias III. dem Hohenpriester. Diesen Irrtum berichtigte er aber – entweder von einer besseren Quelle geleitet oder von Zeitgenossen aufmerksam gemacht – in den Altertümern. Hier (XII, 9, 7 und XIII, 3, 1) macht er den Flüchtling zum Sohne Onias' III., setzt aber dessen Flucht erst nach dem Tode Menelaos' (163 bis 162). Das Richtige wird wohl sein, daß Onias der Sohn gleich nach dem Tode seines Vaters, weil wahrscheinlich auch sein Leben bedroht war, nach Ägypten entfloh und erst nach Menelaos' Tod und Alkimos' Einsetzung sich in Ägypten dauernd niederließ, weil er die Hoffnung aufgeben mußte, das Hohepriestertum zu erlangen. Auf diese Weise können die Widersprüche gelöst werden. [Vgl. auch Schürer I3, S. 215, Anm. 16.]


18 Diodor Excerpta 31, 18. Dieser Krieg kann nur stattgefunden haben, nachdem Physkon unter dem Konsulat des Opimius und Albinus = 154 Anklagen gegen seinen Bruder erhoben und beim Senat Gehör gefunden hatte. S. Clinton, Fasti Hellenici, III, 94 und 387.


19 Josephus gegen Apion II, 5.


20 Folgt aus Strabo bei Josephus Altert. XIV, 7, 2. Dieses Zeugnis gehört zwar der Augusteïschen Zeit an; aber die Ethnarchie stammt ohne Zweifel aus der Zeit des Ptolemäus Philometor; vergl. Note 4.


21 Josephus jüd. Kr. VII, 10, 2-3. Altert. XIII, 3, 1. Die an letzterer Stelle mitgeteilte Korrespondenz zwischen Onias und Philometor bezüglich des Onias-Tempels kann unmöglich echt sein. Der heidnische König sollte Bedenken gehabt haben, daß ein judäischer Tempel auf einem durch den Tierkultus entweihten Platze erbaut werden sollte? Ein solches Gewissensbedenken können nur Judäer gehabt haben, und die Korrespondenz hat offenbar die Tendenz, dieses Bedenken durch Hinweis auf Jesaia aus den Gemütern zu bannen. – Das Datum der Erbauung dieses Tempels deutet Josephus durch die Angabe an, daß er 343 Jahre bestanden habe (jüd. Kr. das.). Diese Zahl ist gewiß falsch, da sie in das dritte Jahrh. hinaufführt, ein Jahrh. vor Onias. Statt 300 muß man 200 lesen. Da Josephus in jüd. Kr. Onias' Flucht und Erbauung des Tempels in die Zeit des Antiochos Epiphanes setzt (o. S. 28 N.), so dachte er unstreitig für diese Begebenheit an das Jahr 170. Der Onias-Tem pel wurde von Lupus einige Jahre nach dem Untergang Jerusalems gesperrt. Nehmen wir 3 Jahre an, so erfolgte die Schließung 73 post + 170 ante = 243. So kommen die 243 Jahre richtig heraus. Indessen kann der Onias-Tempel nicht in Antiochos Zeit erbaut sein, da Onias damals noch jung war und also Philometor noch keine Dienste geleistet hatte. Die Erbauung kann erst nach dem zweiten Bruderkriege, nach 154 stattgefunden haben (o. S. 29 N.); denn erst in diesem Kriege war Onias Philometor's Feldherr. Damals fungierte in Jerusalem kein Hoherpriester. Dieser Umstand mag Onias bewogen haben, diese Würde wenigstens in Ägypten zu erhalten. Die Erbauung hat also wahrscheinlich zwischen 154 und dem Beginne von Jonathans Hoherpriesterherrschaft, d.h. 152, stattgefunden. [Kohout, Ph., Jos. Jüd. Krieg, aus dem Griechischen übers. (Linz 1901), S. 796., setzt die Erbauung in das Jahr 150.]


22 Vergl. über die hohe Verehrung seitens der ägyptischen Judäer für diesen Tempel: Gesandtschaft an Cajus § 29, M. 573, fg. Die Arabarchen haben den Jerusalemischen Tempel reich verziert (Vgl. Note 4.).


23 Septuaginta zu Jesaia 19, 18.


24 Menachot 109a; Tosefta das. XIII, 12-14. Der letzte Passus stammt jedenfalls aus der Zeit vor dem Tempeluntergang; er hatte eine praktische Bedeutung. Die beiden ersten dagegen scheinen lediglich theoretisch aufgestellt zu sein.


25 Das. und Jerus. Joma VI, p. 43 d.


26 Vergl. über Alabarch und Arabarch Note 4 [S. jedoch Schürer III3, 88 ff.].


27 Josephus contra Apionem II, 5 Ende. Maximam vero eis fidem olim a regibus datam conservaverunt (imperatores romani) i.e. fluminis custodiam, totiusque custodiae. Statt des letzten unverständlichen Wortes emendiert Schürer (in Hilgenfelds Zeitschrift, s.N. 4) richtig, daß im griechischen Original πάσƞς ϑαλάσσƞς gestanden haben müsse. Vergl. über diese die Hafenaufsicht betreffende Seite des Arabarchen dieselbe Note [und die Bemerkungen dazu].


28 II. Makkab. 1, 10. Vgl. Note 10.


29 Josephus contra Apionem I, 14-15; 26-27. Wann diese Schmähschrift verfaßt wurde, läßt sich nicht bestimmen. Selbst wenn der unter Ptolemäus I. und II. lebende Manetho Verfasser der ägyptischen Dynastienfolge gewesen sein soll, so ist es nicht wahrscheinlich, daß auch die nur bei Josephus erhaltenen Fragmente über die Hyksos und die Aussätzigen von ihm herrühren. Denn Manethos Aufzählung der Dynastien (Αἰγυπτιακά) enthält nur Namen und Zahlen, während diese Fragmente eine detaillierte Geschichte geben. Daß unter Manethos Namen Pseudepigraphien zirkuliert haben, geben sämtliche Forscher zu, besonders das Sendschreiben an Philadelphus (ἐπιστολἠ.. πρὸς Πτολεμαῖον) und das Sothos-Buch (βὶβλος Σώϑεος) gelten entschieden als pseudepigraphisch. Ohnehin bestehen Widersprüche bezüglich der Könige und ihrer Regierungszeit in den Fragmenten mit den Angaben in den Aegyptiaca, welche die Ägyptologen schwer auszugleichen vermögen. Aus allem diesen scheint zu folgen, daß die Fragmente von einem griechischen Judenfeinde herrühren, [Auch Boeckh, Carl Müller und Kellner halten die Erzählungen für einen späteren Einschub, doch scheinen die von Schürer III3, 399 f. für die Echtheit geltend gemachten Gründe ausschlaggebend zu sein. So auch Th. Reinach, Textes d'auteurs grecs et romains relatifs au judaïsme, S. 29, N. 1.] der sie unter Manethos Namen verbreitete, vielleicht erst in der Zeit des Antiochos Epiphanes, als die Judäer Gegenstand der Antipathie und Schmähung wurden (s.B. II b S. 305). Die Lügen von der Ausweisung der Judäer wegen Aussatzes und ihrer menschenfeindlichen Gesetze wurden von Antiochos Sidetes' Freunden wieder aufgefrischt (Diodor Ecloge 34, 1).


30 Vergl. über die Entstehung der Septuaginta Note 2.


31 Vergl. dieselbe Note.


32 Aristeasbrief vgl. Note 2, II.


33 Justinus Martyr, Cohortatio ad Graecos, c. 13. Megilla 9 a.


34 Daß schon im 2. Jahrh. in Alexandrien über biblische Texte gesprochen, d.h. gepredigt wurde, ist durch das Vorwort des jüngeren Sirach belegt: ὡς οὐ μόνον αὐτοὺς τοὺς ἀναγινώοκοντας δέον ἐστὶν ἐπιστἠμονας γίνεσϑαι ἀλλὰ καὶ τοῖς ἐκτὸς δύνασϑαι τοὺς φιλομαϑοῠντας χρƞσὶμους εἶναι καὶ λέγοντας καὶ γράφοντας κ. τ. λ. Es ist mit dem ersten Satze verbunden: »Da uns Vieles und Bedeutendes in Gesetz, Propheten und den ihnen folgenden Schriften gegeben ist, wofür Israel notwendigerweise wegen Zucht und Weisheit zu loben ist, so daß nicht bloß die Lesenden dadurch einsichtsvoll werden müssen, sondern auch die Weisheitbeflissenen, wenn sie sprechen oder schreiben, den außen Stehenden nützlich werden können« usw., (das schwierige ὡς leitet wie ὤστε den Folgesatz ein). Dieser Sirach kam 132 nach Alexandrien und fand dort bereits λέγοντας, d.h. Prediger und γράφοντας, Schriftsteller. Daß die Vorträge aus den Vorlesungen aus dem Gesetze und aus Erklärung dunkler Stellen hervorgegangen sind oder richtiger damit verbunden waren, ist aus der klassischen Stelle belegt, welche Philo einem judenfeindlichen Präfekten in den Mund legt (de Somniis II, 18 [ed. M. p. 675, ed. Cohn-Wendl. III. § 127]): καὶ καϑεδεῖσϑε ἐν τοῖς συναγωγίοις ἱμῶν, τὸν εἰωϑότα ϑὶασον ἀγείροντες. καὶ ἀσφαλῶς τὰς ἱερὰς βὶβλους ἀναγινώσκοντες. κἄν εἴ τι μὴ τρανὲς εἴƞ διαπτύσσοντες, καὶ τῇ πατρίῳ φιλοσοφίᾳ διὰ μακρƞγορίας ἐνευκαιροῠντές τε καὶ ἐνσχολάζοντες. Hier haben wir das Vorlesen aus der heiligen Schrift, die Auslegung und die langen Reden. Die Stelle in quod omnis probus liber 12 beweist weniger, da sie schwerlich von Judäern handelt (vergl. die Note über Philo und seine Schriften). Über die griechisch-judäische Kanzelberedsamkeit vergl. Freudenthal, die Flavius Josephus beigelegte Schrift über die Herrschaft der Vernunft, S. 6 fg.


35 Die beiden Sendschreiben (Josephus Altert. XII, 5, 6) der Samaritaner an Ant. Epiphanes und dessen Befehl an Nikanor bezüglich derselben können unmöglich echt sein, wie bereits von anderen geltend gemacht wurde. Das Datum in dem zweiten Schreiben: im 140. Jahre Sel. im Monat Ἑκατομβαίων verrät die Unechtheit. Das Datum entspricht Juli – August 172; aber damals bestand der Religionszwang noch nicht. Will man etwa der Zahl 40 noch eine Einzahl anflicken, so verdächtigt der Monatsname Hekatombaion, den der syrische König gebraucht haben soll, statt des syrischen Panemos. Verdächtig ist auch die angebliche Abstammung der Samaritaner von den Sidoniern; warum blieben sie nicht bei der Wahrheit, daß sie von den Babyloniern abstammen? Endlich ist auch der Ζεἰς Ἑλλἠνιος nicht naturgetreu. Kurz, die Sendschreiben sind gemacht, um die Samaritaner als Götzendiener zu verunglimpfen und ihre Zusammengehörigkeit mit Israel, deren sie sich rühmten, zu negieren. In Hyrkans I. Zeit, als dieser die Samaritaner bekämpfte und ihren Tempel zerstörte, mögen diese Schreiben fabriziert worden sein.


36 Vergl. Note 5.


37 Vergl. dieselbe Note.


38 Vergl. Note 5.


39 Note 3.


40 Die Fragmente des Theodotus bei Eusebius Praeparatio evangelica IX. c. 22. Daß sie von einem Samaritaner stammen, dafür spricht die Bezeichnung ἱερὴ Σικίμων, ἱερὸν ἄστυ, die heilige Stadt. Nach dieser Schilderung war Sichem damals noch mit Mauern umgeben. Sie muß demnach der Zeit angehören, ehe Hyrkan I. Sichem zerstört hat.


41 Die Fragmente, ausgezogen aus mehreren Büchern des Philo περὶ Ιεροσόλυμα bei Eusebius das. c. 20, 24, 37. Das Erste, so dunkel es wegen des korrumpierten Textes auch ist, handelt von der Opferung Isaaks. V. 8: Ἀρτι χερὸς ϑƞκτοῖο ξιφƞφόρον ἐντύνοντος, zuletzt auch von dem Widder zum Ersatz für Isaak. Ganz ohne Zweifel war in den Versen »über Jerusalem« der Berg Morija, der Tempelberg, verherrlicht, welcher zur Opferstätte geworden war. Dadurch sollte eben die Heiligkeit Jerusalems bewiesen werden. In welchem Zusammenhange der Inhalt des zweiten Fragments, die Geschichte Josephs, mit Jerusalem stand, ist wegen dessen Kürze nicht ersichtlich. Das dritte Fr., welches von der Quelle handelt, die im Winter austrocknet und im Sommer reichlich fließt, ferner von der unterirdischen κρἠνƞ ἀρχιερέως. Αἰ$ὺ δ᾽ἄρ ἐκπτύουσι διὰ χϑονὸς ὑδροχόοισι σωλῆνες, will offenbar den Wasserreichtum Jerusalems hervorheben, als Seitenstück zur vielgerühmten Fruchtbarkeit Sichems. Ob unter der »Quelle des Hohenpriesters« die Wasserbehälter unter dem Tempel zu verstehen sind, welche Simon der Gerechte angelegt hat? (Sirach 50, 3; s.B. II b., S. 238.) Aus dem Wenigen geht hervor, daß Philos Verse eine polemische Tendenz gegen Theodotos' Verherrlichung Sichems waren. Diesen Philo meint Josephus (c. Apionem I, 23) mit der Bezeichnung: Φίλων ὁ πρεσβύτερος.


42 Das Fragment des Eupolemos über Abraham bei Eusebius Praeparatio evang. IX, 17. Freudenthal hat unwiderleglich festgestellt (Hellenistische Studien, S. 92 fg.), daß der Verf. dieses Stückes ein Samaritaner gewesen ist, weil er von ἱερὸν Ἀργαριζίν, ὃ εἶναι μεϑερμƞνευόμενον ὄρος ὑψίστου spricht. Die Samaritaner nennen den Berg Garizim nicht anders als Argarizim in einem Worte. Ferner hat Freudenthal festgestellt, daß der Verfasser dieses Fragments, das Alexander Polyhistor zusammengeworfen mit Bruchstücken eines Eupolemos, welche von Mose und den judäischen Königen handeln, verschieden sei von diesem. Entweder haben beide Schriftsteller, der samaritanische und judäische, Eupolemos geheißen, und daher habe der Epitomator Alexander beide Fragmente zusammengeworfen, oder er hat aus Gedankenlosigkeit Verschiedenes unter eine Rubrik gebracht.


43 Physkons Schandtaten erzählen Diodor Excerpta 33, ed. Wesseling, p. 593, 595 fg. und andere Stellen, Justinus 38,8.


44 Josephus c. Apionem II, 5, nach Ruffinus' Übersetzung. Vergl. Note 3 über das dritte Makkabäerbuch. An der Tatsache ist nicht zu zweifeln, da sie auch Apion in seiner Schmähschrift gegen die Judäer zugegeben hat (das.). Die Buhlerin Irene, welche in dieser Erzählung vorkommt, nennt auch Diodor (II. p. 395): παλλακὴ Εἰρἠνƞ. Die Zeit dieses Ereignisses läßt sich aber nicht mit Sicherheit bestimmen. Vgl. Note 4, S. 637, Anm. 2, wonach es um 145 zu setzen wäre.

45 Prolog zu Sirach: ἐν γὰρ τῷ λƞ ἔτει ἐπὶ του Εὐεργέτου.. παραγενƞϑεὶς εἰς Αἴγυπτον.. εὗρον οὐ μικρᾶς παιδείας ἀφορμἠν So haben zwei Codices. Die L.-A. ἀφόμοιον oder ἐφόδιον gibt gar keinen Sinn. Die alte lateinische Übersetzung bestätigt eher die emendierte L.-A., inveni libros relictos non parvae nec contemnendae doctrinae.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1905, Band 3.1, S. 50.
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