4. Aufstieg und Absturz.

[19] Der Abschied aus dem Hirschschen Hause erfolgte unter rührender Herzlichkeit, und nach mehr als dreijähriger Abwesenheit wendet sich Graetz wieder der Heimat zu, nach Kosten, wo er um die Mitte August 1840 eintrifft. Von der jüngeren Generation wird er allenthalben als Schüler von Hirsch freudig begrüßt und veranlaßt, in Wollstein, Kosten und Zerkow zu predigen. Seine Predigten schlagen zwar nicht durch, aber sie bekunden hinlänglich, daß in dem Prediger ein eigener Fonds von Wissen und Geist sich birgt; seine sämtlichen Freunde kommen also darin überein, daß es sich für ihn empfehle, zu »studieren«, d.h. die Universität zu absolvieren und sich den Doktorhut zu holen. Sie weisen darauf hin, daß wenigstens die kleineren Gemeinden in der Provinz, wie Wreschen, Wollstein, Kosten, mit der Anstellung, »studierter Rabbiner« teilweise vorgegangen, teilweise vorzugehen entschlossen sind. Um einige Mittel für die Universitätszeit sich zu beschaffen, versteht er sich zur Übernahme eines Hofmeisterpostens in Ostrowo, den er gegen Ende 1840 antritt.

In Ostrowo, einer kleinen Stadt im Südosten der Provinz mit einer großen jüdischen Gemeinde, welche noch tief in den alten, wenig anmutenden Lebensformen des Ghetto steckte, fühlte er sich überaus unbehaglich. Seine Position innerhalb des Hauses sagte ihm nicht zu, außerhalb fand er aber niemanden, dem er sich freundschaftlich anschließen mochte. Um Ersparnisse zu machen, hatte er sich der übrigens nicht allzu anstrengenden Hofmeisterei unterzogen; hierzu fehlte es ihm an finanziellem, wie an haushälterischem Geschick. Ja, seine verwandtschaftliche Hingebung, seine Gutmütigkeit und Unbedachtheit verwickelten ihn in so arge, Geldverlegenheiten, daß die Monologe seines Tagebuches von pessimistischer Schwermut [19] überströmen und selbst das Gottvertrauen, das sonst durch diese Blätter innig und hoffnungsvoll haucht, zu erlahmen scheint. Trost suchte er in vielfachen, kleinen Ausflügen nach den Nachbarstädten, in der Abfassung einer hebräischen Biographie der Mischnahlehrer unter dem Titel תובא תודלות5 und, wie es scheint, in der Lektüre der – Kirchenväter. Bei einem derartigen Ausflug anläßlich der Verlobung eines Jugendfreundes fiel sein Auge auf die Schwester der Braut, ein blutjunges Mädchen, welches sein Wohlgefallen erregte und dazu bestimmt war, auf sein Leben einstmals einen heilsamen, entscheidenden Einfluß zu gewinnen; in seiner Verstimmung hatte ihn der Eindruck wohltuend berührt, ohne daß er dermalen an irgend welche weitere Konsequenzen dachte. Gegen 11/2 Jahre, bis zum Juli 1842, verblieb er in Ostrowo auf seinem Posten, bis ein läppischer Zwischenfall das wenig erquickliche Verhältnis in nicht ganz freundlicher Weise löste.

Nun aber gings nach Breslau zur Universität zu deren Besuch Graetz, da er keine Maturitätsprüfung abgelegt hatte, die ministerielle Erlaubnis nachsuchte und erhielt. Im Oktober 1842 erfolgte seine Immatrikulation, und mit ehrerbietiger Scheu und Spannung betrat er, der Autodidakt, die mysteriösen Hörsäle der strengen Wissenschaft, um sie kopfschüttelnd über die vernommene Weisheit meist enttäuscht und unbefriedigt zu verlassen. Es war ein so reicher und vielseitiger Wissensstoff, über den er schon damals verfügte, als er die Universität bezog, wie dies sonst naturgemäß nicht der Fall zu sein pflegt; und dieses Wissen war zwar nicht schulgemäß hergerichtet und abgerundet, trotzdem aber in sich geschlossen und kristallisierte bereits um einen festen Mittelpunkt. In der Tat hatte er seine eigentlichen Lehrjahre schon hinter sich; auch seine Gereiftheit in Anschauung und Urteil läßt sich nicht verkennen. Die verschiedenartigsten Vorlesungen, geschichtliche, philosophische, orientalische, selbst physikalische wurden von ihm während seiner Universitätszeit besucht, ohne daß tiefere Spuren wahrzunehmen sind, welche sie in seinem Geiste zurückgelassen. Selbst der Professor Bernstein, ein Orientalist von ansehnlichem Ruf, der ihn zu engerem Verkehr heranzog, verstand [20] es nicht, in seinem Schüler den ihm sonst eigenen ungestümen Eifer für ein umfassendes Studium des Syrischen und Arabischen zu entfachen; er selbst scheint nicht mehr die Absicht gehabt zu haben, es auch in diesen Fächern zu irgend welcher Meisterschaft zu bringen. Nur der seiner Zeit geschätzte Philosoph, Professor Braniß, dem er ebenfalls näher trat, mag ihm allenfalls die Bekanntschaft mit der Hegelschen Philosophie vermittelt und das Bewußtsein eingeflößt haben, daß auch in der Welt der Freiheit alle Entwicklung mit absoluter Gesetzmäßigkeit, natürlich idealer Natur, sich vollzieht, daß daher die geistigen Kräfte, welche durch Verwirklichung einer immer höheren Idee die Geschichte der Menschheit erzeugen, wohl ihren immanenten Gesetzen folgen, zugleich aber dabei dem Kausalnexus sich unbedingt fügen, und daß bei der Betrachtung geschichtlicher Erscheinungen das Prinzip von Satz und Gegensatz (Thesis – Antithesis – Synthesis) sich besonders förderlich erweist.

So sehr Graetz in seine Studien sich vertiefte, er verfehlte nicht, den Vorgängen in der Breslauer Gemeinde seine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was zu jenen Tagen im Schoß der Breslauer Judenschaft vorging, hatte freilich kein bloß lokales Interesse, sondern warf seine Schatten oder seine Strahlen weit über Schlesien hinaus und hatte sämtliche jüdische Kreise Deutschlands mächtig ergriffen und erregt. Dort war das orthodoxe und das reformatorische Prinzip zum ersten Male in ganzer Wucht im Kampf ums Dasein zusammengestoßen; heftig und wild tobte Streit und Sturm zwischen der alten und neuen Partei, da die Orthodoxie, blind gegen die Zeitverhältnisse, jegliches Ausgleichsanerbieten starrköpfig mit einem Non possumus beantwortete. Die Vertreter beider Parteien, der altgläubige Salomo Tiktin einerseits und der fortschrittliche Abraham Geiger anderseits, suchten mit rücksichtsloser Schärfe einander niederzuringen. Geiger siegte, und selbst die hierdurch herbeigeführte Sprengung der Gemeinde tat seinem Siege keinen Abbruch.

Dr. Abraham Geiger, dessen erstes Auftreten auf dem rabbinischen Schauplatz sofort Sturm ankündigte, der den anscheinend ruhig, aber unaufhaltsam sich vollziehenden Prozeß der neuzeitlichen religiösen Entwicklung in seinen Tiefen heftig aufwühlte, gehörte zu den hervorragendsten Rabbinen seiner [21] Zeit. Rednerisch wie schriftstellerisch handhabte er das populäre Wort mit wahrer Meisterschaft; dieser Meisterschaft war es mehr eigen, das Wort in die Breite ausströmen zu lassen, als es in präzisem, schlagendem Ausdruck zusammenzuziehen. Einer der besten Kanzelredner des Judentums, verstand er es, durch schlichte Art und geistvolle Wendungen zu fesseln und anzuregen; die wenigen von ihm veröffentlichten Predigten geben nicht annähernd eine Vorstellung von der Macht, mit der sein lebendiges Wort wirkte, wiewohl dasselbe keineswegs durch die äußeren Mittel seiner Persönlichkeit besonders gehoben oder gar getragen wurde. Auch als Gelehrter hat er für die jüdische Wissenschaft Vorzügliches und Bleibendes geleistet, namentlich hat er sich um die literarhistorische Forschung, die er meisterhaft beherrschte, hochverdient gemacht; hingegen lassen die ersten Arbeiten, zumal aus der ersten Breslauer Zeit, zuweilen die volle Durchbildung des Verfassers vermissen, der es überdies liebte, auch in seinen gelehrten Arbeiten stets die reformatorische Tendenz hervorzukehren. Trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung fehlte ihm die Tiefe des geschichtlichen Blickes. Trotz seiner Verdienste um den modernen Gottesdienst war sein Empfinden für die Bedürfnisse und Regungen der Volksseele nicht fein und intensiv genug. Er war im Grunde ein doktrinärer Rationalist. Auch sein religiöses Programm und Ziel trat nicht klar und bestimmt hervor, zumal er gegen die radikalen Strömungen, deren Sturzwellen damals über das Judentum destruktiv hinwegrollten, eine mehr als wohlwollende Neutralität beobachtete; man gewinnt unwillkürlich den Eindruck, als ob er auf einen ethischen Deismus lossteuern wollte und nur aus Opportunitätsgründen sich von einem offenen Bekenntnis zurückhalten ließ.

Daran vor allem nahm Graetz schweren Anstoß, allmählich bildete sich bei ihm eine völlige Abneigung gegen Geiger aus! Mancherlei Scheinwerk und Flitter war bei den vielfachen Organisationen, welche Geiger in tastenden Versuchen hervorzurufen sich bemühte, wohl mitunterlaufen, vielleicht gar nicht zu vermeiden; möglich auch, daß der üble Eindruck noch durch eine Art von Selbstgefälligkeit, durch den Trieb, überall zu kleinmeistern, eine menschlich verzeihliche Schwäche, wovon Geiger nicht ganz frei war, verschärft worden. Gegen Scheinwesen und Schaumschlägerei empfand jedoch Graetz' Naturell[22] einen so tiefen Widerwillen, daß er hierfür keine Schonung und Rücksicht kannte. Geiger ist von ihm nur ein einziges oder noch ein anderes Mal besucht worden.

Gleich nachdem sich Graetz in den Hörsälen seiner Fakultät orientiert hatte, sprach er bei den beiden rabbinischen Parteihäuptern vor, worüber sein Tagebuch folgendes berichtet: »Die Bekanntschaft des Rabbiners Tiktin habe ich gemacht. O, wie habe ich immer in Ehrfurcht dagestanden, als ich auf den ersten Blättern der ם"יפיר6 den geharnischten Namen Tiktin ansah. Wie Karl der Große in seiner eisernen Rüstung den Nahenden in gebührender Entfernung hielt, so schien mir das Ansehen jener theologischen Ritter, gehoben durch die langen Bärte und die eminenten spanischen Rohrstöcke7 und den talmudischen Staub. Da saß ich neben einem Abkömmling jener rabbinischen םיליפנ.8 Ach, wie gesunken sind sie. Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Wohl ist noch die imposante Körperhöhe, noch der spanische Rohrstock vorhanden. Aber das Ensemble, das nicht mit Worten zu fassende Etwas fehlt. Neben den Rabbiner stelle ich nolens volens den Dr. Geiger, ein kleines, hageres Männchen. Weshalb er so ganz besonders freundlich gegen mich war, weiß ich nicht. Von Hirsch haben wir noch nicht gesprochen und werden wir höchst wahrscheinlich nicht sprechen. Aber, o Gott! wie weit ist es gekommen! Dr. Freund9 wagt es, in Gegenwart von 50 Juden, an deren Spitze ein בר sitzt, Worte, wie rabbinisch verkehrte Schlußfolgerungen auszusprechen. Der Cicero und Plato sollen also gegen rabbinische Verkehrtheiten gelesen werden. Ei, der Tausend!«

Als im März 1843 der starre und zähe Kämpe des alten Judentums, Salomo Tiktin, ein todwunder Löwe, der letzte eines talmudischen Löwengeschlechts, von seiner Niederlage ins Innerste getroffen, durch sein Ableben den Schauplatz räumte, stand Geiger auf der Höhe seines Ruhmes. Schon lange war keines Rabbiners Name in der ganzen deutschen Judenheit so sehr bekannt und genannt, so in aller Munde wie derjenige[23] Geigers. In Schlesien gab es keinen populäreren Rabbiner, in Breslau war sein Wort machtvoll, einflußreich und von den Gegnern gefürchtet. Sein wissenschaftliches Ansehen war allgemein anerkannt, seine Rede beherrschte die Kanzel und die Gemüter; wer es wagte, ihn anzugreifen, wurde übel zugerichtet und trug zum Schaden den Spott davon.

Da machten sich im Laufe des Jahres 1844 die ersten Anzeichen einer sich langsam vollziehenden Wendung bemerkbar. In demselben Jahre waren nicht nur die Keime zur Bildung einer neuen theologischen Richtung auf konservativer Grundlage zusammengeschossen und hatten sich unter der Führung von Zacharias Frankel zu konsolidieren begonnen; es schwirrten auch gegen Geiger und seinen Anhang einzelne, von Ironie beschwingte, spitze Pfeile heran, und ihnen folgten immer spitzere und schärfere, welche schwer zu parieren waren und an den wundesten Stellen trafen. Eine renommierte jüdische Zeitschrift »Der Orient«, der von Dr. Fürst in wöchentlichen Nummern redigiert wurde, berichtete nämlich über wichtigere Vorkommnisse innerhalb der Breslauer Gemeinde, und der anonyme Korrespondent verstand es, lebhaft, prickelnd und kritisch zu schildern. Die Artikel erregten begreifliches Aufsehen, verursachten in Breslau bei ihrem fortgesetzten Erscheinen gerade zu Sensation, und beide Parteien sahen zeitweise, mit entgegengesetzten Gefühlen zwar, aber mit gleicher Spannung der neuen Wochennummer des »Orient« erwartungsvoll entgegen. Die Orthodoxen jubelten, hatte sich doch endlich eine gewandte Feder gefunden, welche unerschrocken und rücksichtslos allerlei Schäden bloßlegte und durch das kühne Auftreten gegen Geiger ihrer Sache zu dienen schien. Doch wer war denn der Schütze, der sein Geschoß so sicher und elegant zu lancieren wußte? Man riet, man spähte nach ihm aus, hielt auch unter den Beflissenen der jüdischen Theologie, welche sich damals in Breslau zumeist um Geiger gesammelt halten, gründliche Umschau, bis endlich jeder Zweifel schwand, es war ein homo novus, ein Student aus dem Posenschen – Graetz, der in stolzer Unabhängigkeit von jeder Gönnerschaft durch Erteilen von Unterricht sich kärglich durchfristete.

Das Staunen wuchs, als Graetz fast gleichzeitig mit jenen Korrespondenzen sich durch eine noch heute wertvolle Rezension des Geigerschen »Lehrbuch zur Sprache der Mischnah« auf das [24] vorteilhafteste in die wissenschaftliche Welt einführte.10 Die Besprechung des Lehrbuches, mit deren Veröffentlichung im Literaturblatt des »Orient« Ende 1844 begonnen ward, und die im folgenden Jahre in einer ganzen Serie von Artikeln fortgeführt wurde, bot ihm die Handhabe, um seine eigenen Ansichten über den Gegenstand darzulegen, und es ist dabei reiches Wissen, Beherrschung des Stoffes, Sprachgefühl, wissenschaftlicher Instinkt und noch dazu ein erhebliches Stiltalent gar nicht zu verkennen. Die Kritik des Buches selbst ist oft treffend, jedoch scharf gehalten, vielleicht nicht frei von Animosität. Es lag eben stets im Charakter von Graetz, seine Meinung klar und unverhohlen auszusprechen. Geiger, der allerdings provoziert war, hat darauf auch nicht ganz objektiv im »Israelit des 19. Jahrhunderts« in noch schärferen Artikeln repliziert, welche auf das Persönliche hinübergreifen, an Versehen und Nebendinge sich anklammern und hierdurch dartun, welches Gewicht dem Auftreten seines jungen Antagonisten beigemessen wurde.

Jedenfalls hatte Graetz die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich gezogen, und gar zu Breslau auf der Karlsstraße war er mit einem Schlage in den Mittelpunkt des Tagesinteresses getreten. Die Orthodoxen knüpften mit ihm an, wiewohl er sie keinen Augenblick darüber im Ungewissen ließ, daß ihr Parteiprogramm von ihm nicht gebilligt und ihre religiösen Anschauungen nicht geteilt würden, daß er vielmehr seinem eigenen Kopfe folge und sich nur von der unverwüstlichen Anhänglichkeit an das positive Judentum leiten lasse; indes hielt er sie von manchen törichten und fanatischen Schritten zurück und gab ihnen den Rat, da Geiger trotz aller orthodoxen Opposition mit starker Hand eine Religionsschule ins Leben gerufen, welche auch prosperierte, die Fühlung mit dem nachwachsenden Geschlecht sich nicht entwinden zu lassen und eine ähnliche Religionsschule in konservativem Geiste zu schaffen. Der Rat schien auf fruchtbaren Boden zu fallen, und man bedeutete den Berater, daß man die Absicht habe, ihn mit [25] der Organisation und Leitung einer solchen Schule zu betrauen, vorausgesetzt, daß er bis dahin einen akademischen Grad erlangt haben würde. Da auch bei den Rabbinatsvakanzen bereits an ihn gedacht und von ihm gesprochen wurde, mußte die Promotion beschleunigt werden, und in einigen Wochen angestrengter Arbeit stellte er seine Dissertationsschrift fertig: »De autoritate et vi, quam gnosis in Judaïsmum habuerit«, auf welche er April 1845 von der Universität Jena zum Doktor promoviert wurde. Die Abhandlung wurde noch im selben Jahr unter dem Titel: »Gnostizismus und Judentum« als seine erste selbständige Arbeit veröffentlicht Die eingehende Kenntnis der patristischen Literatur, die geschichtlich individualisierende Auffassung verschiedener Talmudstellen, eine glückliche Kombinationsgabe, welche dem dunkelsten Buch der rabbinischen Literatur, dem הריצי רפס,11 zum ersten Male einige helle Seiten abgewinnt, dazu eine durchsichtige Klarheit in Anordnung und Vortrag, zeichnen die Schrift aus und zeigen schon völlig das eigenartige Gepräge seines wissenschaftlichen Geistes; dieselbe wurde von den verschiedensten Seiten beifällig aufgenommen, sie hat ihm in der jüdischen Gelehrtenwelt Stellung gegeben.

Solche überraschende Erfolge schwellten die Brust des literarischen Novizen, der sich aus sich selbst mühsam und schwer durchgerungen, mit berechtigter Freude und glücklichen Hoffnungen. Sein Stern schien im Aufgehen. Die Flitterwochen seines ersten Ruhmes, bei deren Erinnerung es noch im späten Alter wie ein Sonnenstrahl über sein Gesicht zog, gedachte er in der Nähe seiner Eltern zu verleben, und er nahm hierzu den Weg über Krotoschin. Hier im Hause seines Freundes trat ihm das halbwüchsige Mädchen von ehedem, dessen Bild in seinem Gedächtnis wohl zurückgetreten, mit seinem verblassenden Schimmer aber doch nicht ganz erloschen war, als aufblühende Jungfrau entgegen; es war die Tochter des Besitzers der bekannten hebräischen Buchdruckerei, Monasch. Beide machten einen tiefen Eindruck aufeinander. Graetz, der seine Erwartungen von der Zukunft nunmehr als gesichert betrachten zu dürfen meinte, machte aus seinen Gefühlen kein Hehl, und da dieselben erwidert wurden, tauschten sie als Brautpaar das [26] Gelöbnis gegenseitiger Liebe aus. Er ahnte damals nicht, daß er ein Frauenherz gewonnen hatte, stark und befähigt, ihm in die dunkeln Tage, die gar bald schwer über ihn hereinbrechen sollten, wie ein freundlich helles Gestirn hineinzuleuchten und ihm den Stützpunkt zu bieten, an dem er sich aufrecht hielt.

Vorläufig tauchten allerlei Hoffnungen in schwankenden Umrissen vor seinem Blicke auf und nahmen allmählich doch festere Gestalt an; es winkte ihm endlich die Aussicht auf eine ehrenvolle Lebensstellung, die er so heiß ersehnt und erstrebt hatte. Eine größere Gemeinde Oberschlesiens, dermalen nach Breslau wohl die zweitgrößte und wohlhabendste in Schlesien, Gleiwitz, suchte für das erledigte Rabbinat einen Mann, der mit rabbinischem Wissen ausgerüstet, auf der Höhe moderner Bildung stehen und einem besonnenen, maßvollen Fortschritt sich zuneigen sollte. Auf Graetz, dessen schriftstellerischer Ruf bereits in jene Gegend gedrungen war, richtete sich das Augenmerk aller Spruchbefugten in jener Gemeinde, er erschien als der für diesen Posten geeignetste Kandidat, der durch Geist und Wissen den verschiedenartigen, wenig geklärten Anschauungen und Ansprüchen ebenso zu imponieren, wie zu entsprechen verstehen würde. Sämtliche Stimmführer erklärten sich für ihn, und es erübrigte nur noch, daß er, wobei man nicht im mindesten am Gelingen zweifelte, durch die eine oder andere Predigt eine Probe seiner homiletischen Befähigung ablege und die anderen Kreise der Gemeinde an sich ziehe.

Vor den hohen Feiertagen traf bei Graetz eine hebräische Zuschrift des Vorstandes aus Gleiwitz ein, welche in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßt und die Anwartschaft auf das Rabbinat in sichere Aussicht stellend, ihn einlud, am Versöhnungsfest 1845 (5606) in der Synagoge daselbst die Predigten abzuhalten. Zur festgesetzten Frist, am Eingangsabend des heiligen Tages bestieg er die Kanzel, und das Resultat war – ein ganz unerwartetes Fiasko, das um so schlimmer wirkte, weil es das Zutrauen zu seiner rhetorischen Begabung in seinem eigenen Innern vollends erschütterte. Er hatte sein Memorandum total vergessen, verlor die Geistesgegenwart, stand ratos da und mußte nach wenigen Worten die Kanzel verlassen. Seine Freunde und Anhänger, die unerschütterlich zu ihm standen, boten alles auf, um ihm Gelegenheit zu geben, [27] die böse Scharte wieder auszuwetzen; doch glückte es ihm nur zum Teil, sich zu rehabilitieren, das verlorene Terrain war nicht mehr zurückzuerobern.

Das unverhoffte Mißgeschick war wohl, wie wir heute nachträglich gestehen müssen, dem aufstrebenden Gelehrten und seinem Lebenswerk zum Heil gewesen, so unsanft er auch hierdurch auf diejenige Bahn gedrängt wurde, für welche er mit Gaben und Kräften ausgestattet war wie kein anderer mehr. In jenen Tagen allgemeiner Gärung wurde das religiöse Leben der jüdischen Gemeinden von so entgegengesetzten, verworrenen und stürmischen Strömungen durchsetzt und aufgewühlt, daß ein Mann von dem unbezwingbaren Trieb zu wirken und zu schaffen, und wo es erforderlich schien, selbständig und selbsttätig einzugreifen, von dem angeborenen Hang, mit seiner Überzeugung nicht zurückzuhalten, und noch dazu mit der verfänglichen Gabe, seiner Meinung einen treuen, schlagenden und kaustischen Ausdruck zu geben, es wohl schwerlich fertig gebracht hätte, in dem Nachen eines rabbinischen Amtes zwischen den mannigfachen Klippen eines zumeist fanatischen Parteigetriebes glücklich hindurchzulavieren. Er hätte entweder seiner Natur und seinem Genius untreu werden, oder wenn dies nicht anging, schließlich einmal scheitern müssen; allenfalls hätte er, falls ihm ein genügendes Maß von Weltklugheit und Gewandtheit zu Gebote gestanden, in mehr oder minder heilsamen Schöpfungen oder Einrichtungen auf einem eng beschränkten Arbeitsfeld seine besten Kräfte aufgezehrt. Graetz selbst, der sich gut kannte, hatte immer davor gebangt, daß er im rabbinischen Amt nicht an seinem Platz sein würde, der Gedanke an die Pflichten und Verantwortlichkeiten eines Rabbiners machte ihm jederzeit Pein. Wenige Tage bevor er nach Gleiwitz ab ging, bemerkte er in seinem Tagebuch: »Unter allen Ämtern ist das Rabbinat am wenigsten für mich geschaffen, mir fehlt auf allen Seiten jene Macht der Erscheinung, des imponierenden Auftretens. Auch ist mein Wissen höchst mangelhaft, aber mein Wille ist stark, energisch. Wenn Gott mit einem solchen Werkzeug gedient ist, dann stehe ich da mit Leib und Seele; aber das Predigen!« In der Tat, das Flügelroß der Predigt, das nicht bloß der edlen Begeisterung der wenigen Auserwählten mit Lust und Feuer dient, sondern auch zahllosen Dutzendmenschen zu mehr oder minder zweifelhaften [28] Kunststücken vor den bewundernden Augen und Ohren der vielköpfigen Menge den Rücken hergibt, es hat einen Graetz im kritischen Augenblick aus dem Sattel geschleudert. Es war ein Sturz, den er schwer und schmerzlich empfunden hat. Er, der noch kurz vorher schriftstellerische Triumphe fast spielend erlangt hatte, der vor keiner Schwierigkeit zurückzuschrecken gewohnt war, verzweifelte nun daran, daß er das lebendige Wort in gleichem Maße wie die Spitze der Feder je werde zwingen können. Hierzu waren ihm in der Tat auch die äußeren Mittel versagt. Es war nicht gerade die äußere Erscheinung, die ihm im Wege stand, denn er war von kräftiger, untersetzter, guter Mittelgestalt, aber es fehlte seiner Stimme bei lautem Ansatz die Modulation und die Vortragsweise, vor allem gebrach es ihm an Fähigkeit zu irgend welcher Posierung, in seinem Wesen lag auch nicht die leiseste Spur von dem Komödianten, der, wie Goethe sagt, »einen Pfarrer könnt' lehren«. Dieser seiner Mängel war er sich wohl bewußt, und so gab er es vorläufig auf, noch einmal die Probe auf seine homiletische Beredsamkeit zu machen und von der Kanzel aus sich eine Gemeinde zu erobern.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 19-29.
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