1. Kapitel. Neue Stellung der Juden in der Christenheit. (1205-1232.)

[1] Lücke nach Maimunis Tod. Abraham Maimuni und Joseph-Ibn-Aknin. Das Papsttum im Kampfe gegen das Judentum, Innocenz III. und die Albigenserverfolgung. Auswanderung vieler Rabbinen nach Palästina. Das große Laterankonzil und der Judenflecken. Die Mainzer Rabbinersynode. Die Dominikaner und der Anfang der Inquisition. Der König Jayme von Aragonien und sein Leibarzt Bachiel. Die Gemeinde von Mallorka. Die Juden in Ungarn.


Wenn Maimuni, der gedankenreichste Rabbiner und der tiefreligiöse Philosoph, die Mittagshöhe in der mittelalterlich-jüdischen Geschichte bildet, so fingen mit seinem Tode alsbald die Schatten sich zu neigen an. Allmählich nimmt der Sonnenschein in ihr ab und macht einem unheimlichen Düster Platz. Seine Hinterlassenschaft an anregenden Gedanken erzeugte eine tiefgreifende Entzweiung, welche die Judenheit oder deren Führer in zwei feindliche Lager spaltete und eine schwächende Parteiung zu Wege brachte, die den Angriffen feindlicher Mächte nach allen Seiten Blößen darbot. Die Kirche mit ihrem immer mehr überhandnehmenden Eifer mischte sich in die Parteiung des Judentums ein und wendete gegen die ihr lästige Synagoge bald verführerische Lockmittel, bald abschreckende Brandmarkung, bald geheimes Gift, bald loderndes Feuer an. Maimunis Tod und die Allgewalt des Papstes Innocenz III. waren zwei Unglücksfälle für die Judenheit, die sie nach und nach von der Höhe in die tiefste Niedrigkeit versetzten.

Maimunis Hinscheiden ließ nicht bloß eine Lücke und einen Stillstand in dem geistigen Aufstreben der Juden eintreten, sondern machte sie auch verwaist an einem würdigen und kräftigen Führer, der die überallhin Zerstreuten unter einer geistigen Fahne hätte sammeln [1] können. Ihm hatten sich die Gemeinden in Ost und West freiwillig untergeordnet. Er hatte für alle Verlegenheit klugen Rat; nach seinem Heimgange dagegen stand die Judenheit ohne Führer und das Judentum ohne Autorität da. Wohl erbte sein Sohn Abulmeni Abraham Maimuni (geb. 1185, st. 1254)1 die tiefe Religiosität seines Vaters, dessen friedlich versöhnlichen Charakter, die hohe Würde als Oberhaupt (Nagid) der ägyptischen Judenheit und die Stellung als Hofarzt bei Saladins Nachkommen; aber sein Geist und seine Tatkraft waren nicht auf ihn übergegangen. Abraham Maimuni verstand die Arzneikunde, war Leibarzt des Sultans Alkamel, eines Bruders Saladins, und stand mit dem berühmten arabischen Literaturgeschichtsschreiber Ibn-Abi Osaibija dem Hospital von Kahira vor2. Er war ebenfalls talmudkundig, wehrte die Angriffe auf die Gelehrsamkeit seines Vaters mit talmudischen Waffen ab und erließ rabbinische Gutachten. Er war auch philosophisch gebildet und verfaßte in diesem Sinne ein Werk zur Versöhnung der Agada mit dem philosophischen Zeitbewußtsein (Kitab Alkafia). In diesem Werke zeigte Abraham Maimuni bei aller Verehrung für jeden Ausspruch im Talmud auch einen freisinnigen Geist in Beurteilung agadischer Sentenzen und Erzählungen. Er gibt zu, daß sie zum Teil als phantastischer Ausschmuck, poetische Einkleidung oder gar als Übertreibungen zu betrachten seien3. Allein Abraham Maimunis ganzes Wissen war mehr angelerntes Geisteseigentum als ursprüngliche Gedanken. Er folgte mit sklavischer Treue den Fußstapfen seines großen Vaters und eignete sich dessen Denkweise gewissermaßen mit Aufgeben des Selbstdenkens an. Nicht weil es die Wahrheit war, sondern weil der von ihm als Erzeuger und Lehrer so hoch Verehrte es so und so angeschaut hatte, machte Abraham das maimunische Lehrsystem zu seinem eigenen. Daher erscheint, was beim Vater ergreifende Originalität ist, beim Sohn als abgeblaßte Kopie und nichtssagender Gemeinplatz. Abraham Maimuni genoß zwar Hochachtung in der Nähe und Ferne, aber Einfluß gewinnende und maßgebende Autorität war er keineswegs.

Noch weniger war Maimunis Lieblingsjünger Joseph Ibn-Aknin, der seinen Meister um mehr als zwei Jahrzehnte überlebte, [2] geeignet, Mittelpunkt der Judenheit zu werden. Obwohl der große Lehrer die Hand auf dessen Haupt gelegt, ihm seinen Geisteing eflößt und ihn mit seinem Gedankenreichtum erfüllt hatte, so blieb Ibn-Aknin doch nach Maimunis Tod wie bei dessen Leben nur eine untergeordnete Erscheinung. Er nahm am Hofe des Sultans Azzahir Ghasi von Damaskus eine hohe Stellung ein. Reich geworden durch eine Reise in das Morgenland bis nach Indien, hatte er ein Gut erworben, hielt Vorlesungen über Medizin und Philosophie und war Leibarzt bei einem von Saladins Söhnen. Mit dem Wesir und Schriftsteller Alkifti war Ibn-Aknin so innig befreundet, daß beide einen Pakt schlossen, daß der von ihnen zuerst Verstorbene dem Überlebenden Nachricht von der jenseitigen Welt geben sollte. Ibn-Aknin schrieb auch viel und vielerlei über Arzneikunde, Moralphilosophie und Talmud4. Allein auch er hatte keinen schöpferischen Geist, besaß auch nur angelerntes Wissen und konnte darum keinen Führer abgeben. Ohnehin hatte ihm auch sein heftiges Temperament und sein barsches, rechthaberisches Auftreten für sei nen Lehrer viele Feinde zugezogen, und sein Wirkungskreis reichte kaum über seinen Wohnort hinaus. Die übrigen unmittelbaren Jünger Maimunis hatten noch weniger Bedeutung, und ihre Namen sind daher spurlos verklungen. – Ebensowenig wie in Asien gab es nach Maimunis Tod in Europa Männer von gewaltiger Anziehungskraft. Es traten nur örtliche, aber keine allgemein anerkannten Autoritäten auf. Wohl zählte die jüdische Provence und das jüdische Spanien viele gelehrte Männer, aber keine die Zeit beherrschenden Charaktere. Es fand sich damals, als schlimme Zeiten eintraten, kein Mann, der sich vor den Riß hätte stellen können, um ein gewichtiges Wort zur rechten Stunde zu sprechen und den schwankenden Gemütern den rechten Weg vorzuzeichnen. Wäre ein Mann von Maimunis Geist und Charakter sein Nachfolger geworden, so hätte weder die Zwiespältigkeit zwischen Denkgläubigen und Buchstabengläubigen so tiefe Zerstörungen anrichten, noch die verderbliche Mystik die Gemüter in ihren Bannkreis ziehen können.

Zu dieser Verwaistheit des Judentums im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts trat hinzu die Feindseligkeit eines Übermächtigen gegen dasselbe. Der Papst Innocenz III. (1198 bis 1216), von dem alle Übel stammen, an denen die europäischen Völker bis zur lutherischen [3] Reformation litten, die tyrannische Gewalt der römischen Kirche über Fürsten und Völker, die Knechtung und Verdummung der Geister, die Verfolgung der freien Forscher, die Einführung der Inquisition, die Scheiterhaufen für Ketzer, d.h. für solche, welche an der Unfehlbarkeit des römischen Bischofs zu zweifeln sich unterfingen; dieser Papst Innocenz III. war auch ein erbitterter Feind der Juden und des Judentums und hat ihnen tiefere Wunden geschlagen, als sämtliche vorangegangenen Widersacher. Dem allmächtigen Kirchenfürsten im Vatikan, der Könige ein- und absetzte, Kronen und Länder verteilte und durch seine Armee von päpstlichen Legaten, Spionen, Dominikaner- und Franziskaner-Mönchen mit ihrer blutdürstigen Frömmigkeit ganz Europa vom Atlantischen Meere bis Konstantinopel und vom Mittelmeere bis zur Eisregion knechtete, ihm war das Häuflein Juden ein Dorn im Auge, weil diese Handvoll Menschen mit ihrem klaren Verstande, ihrem geläuterten Glauben, ihrer sittlichen Kraft und ihrer überlegenen Bildung ein stiller Protest gegen die römische Anmaßung war. Im Anfang seiner Regierung schien Innocenz, gleich seinen Vorgängern, die Juden zwar nicht gerade begünstigen, aber doch vor Unbill beschützen zu wollen. Da Ansammlungen zu neuen Kreuzzügen gegen das seit Saladins Tod geschwächte Sultanat von Ägypten, welches im Besitz der heiligen Stadt war, an der Tagesordnung waren, und die Kreuzzügler durch erhaltenen Sündenerlaß sprechen durften: »Wir dürfen Verbrechen begehen, weil wir durch den Empfang des Kreuzes sündenfrei sind, ja noch die Seelen der Sünder aus dem Fegefeuer erlösen können,« so waren Judenhetzen wiederum an der Tagesordnung, wie auch gewaltsame Taufe, Plünderung, Meuchelmorde. Die Juden bedurften eines besondern Schutzes und wandten sich daher an Innocenz, der Gewalttätigkeit der Kreuzfahrer zu steuern. Gnädig bewilligte er ihnen (Sept. 1199), was auch der Führer einer anständig organisierten Bande nicht versagen würde. Die Juden sollten nicht mit Gewalt zur Taufe geschleppt, nicht ohne richterliche Erkenntnis beraubt, verletzt oder getötet, in ihren Festzeiten nicht durch Peitschen oder Steinwürfe aufgestört werden, und endlich sollten ihre Begräbnisplätze respektiert, ihre Leichname nicht ausgegraben und geschändet werden5. So entartet war die Christenheit geworden, daß solche Gesetze, eine solche Konstitution für die Juden (Constitutio Judaeorum), erst erlassen werden mußten, und so verblendet waren ihre Führer, daß das Oberhaupt der Kirche diese Bestimmungen nicht [4] aus dem einfachen Gefühl der Billigkeit und Menschlichkeit traf, sondern aus der verkehrten Anschauung heraus, die Juden dürften nicht ausgerottet, sondern müßten erhalten werden, damit sich an ihnen einst das Wunder ihrer allgemeinen Bekehrung zu Jesus erfüllen könnte.

Die Juden, welche, durch eine tausendjährige Erfahrung gewitzigt, ihre Feinde und Freunde hinter Masken zu erkennen vermochten, täuschten sich keineswegs über Innocenz' wahre Gesinnung gegen sie. Als Don Pedro II., König von Aragonien, von seiner Romfahrt heimkehrte (Dez. 1204), wo er sich vom Papste zum König salben und krönen und sein Land vom Petristuhl zu Lehen geben ließ, waren die aragonischen Gemeinden in großer Angst, was ihnen bevorstehen würde. Don Pedro hatte schwören müssen, die Ketzer in seinem Lande zu verfolgen, die Freiheiten und Rechte der Kirche zu schützen und dem Papst Gehorsam zu leisten. Wie, wenn die Freiheit der Kirche so ausgelegt würde, daß die Juden aus dem Lande gejagt oder zu Leibeignen erniedrigt werden sollten? Die aragonischen Juden befürchteten so etwas, wandten sich in inbrünstigen Gebeten zu ihrem Gotte, veranstalteten einen allgemeinen Fasttag und zogen dem heimkehrenden König mit der Thorarolle entgegen6. Ihre Angst war aber diesmal grundlos. Don Pedro, welcher es mit seinem Gehorsam gegen den Papst nicht so gar ernstlich nahm und nur die Befestigung seiner Macht im Auge hatte, dachte an keine Judenverfolgung. Auch konnte er die Juden in seiner regelmäßigen Geldverlegenheit nicht entbehren; er war ihr Schuldner geworden.

Innocenz überwachte aber mit eifersüchtigem Auge die Fürsten, daß sie den Juden ja nichts mehr als das nackte Leben gönnen sollten. Dem französischen König Philipp August, dem Erzfeind der Juden, der sie gequält, geplündert, aus seinem Lande gejagt, gehetzt, und nur aus Trotz und Geldverlegenheit sie wieder zurückgerufen hat (B. VI3, 207 bis 211), machte der Papst (Januar 1205) Judenfreundlichkeit zum Vorwurfe! Es verletze sein Auge, schrieb er an denselben, daß manche Fürsten die Söhne der Kreuziger den Miterben des gekreuzigten Christus vorzögen, als wenn der Sohn von der Sklavin Erbe des Sohnes von der Freien sein könnte. Es sei ihm zu Ohren gekommen, daß in Frankreich die Juden durch Wucher die Güter der Kirche und die Besitzungen der Christen an sich gezogen hätten, daß sie gegen den Beschluß des Laterankonzils unter Alexander III. (B. VI3, 237) christliche Diener und Ammen in ihren Häusern hielten, daß ferner Christen nicht als [5] Zeugen gegen Juden zugelassen würden, ebenfalls gegen den Beschluß desselben Konzils, daß die Gemeinde von Sens eine neue Synagoge erbaut hätte, welche höher als die Kirche der Nachbarschaft angelegt sei, und in welcher nicht, wie vor der Vertreibung, leise, sondern so laut gebetet würde, daß dadurch der kirchliche Gottesdienst gestört sei. Innocenz tadelte endlich den König von Frankreich, daß er den Juden zu viel Freiheit lasse und daß sie sich herausnehmen dürften, in der Osterwoche auf den Straßen und in den Dörfern zu erscheinen, die Gläubigen wegen ihrer Verehrung eines gekreuzigten Gottes zu verspotten und vom Glauben abtrünnig zu machen. Er wiederholte mit Entrüstung die teuflische Verleumdung, daß die Juden heimlich Meuchelmord an Christen begingen. Gegen die öffentliche, täglich sich wiederholende Judenschlächterei hatte das Oberhaupt der Kirche kein so scharfes Wort. Er ermahnte darauf Philipp August, wahren Christeneifer zur Unterdrückung der Juden zu bewähren, und vergaß dabei nicht zu erinnern, die Ketzer in seinem Lande zu vertilgen7. Juden und Ketzer ließen dem geistlichen Beherrscher Europas keine Ruhe. – In demselben Jahre (Mai 1205) schrieb Innocenz auch einen scharfen Hirtenbrief an den König von Kastilien, Alfonso den Edlen, weil dieser, ein Gönner der Juden, nicht zugeben mochte, daß die Geistlichen mohammedanische Sklaven der Juden mit Gewalt durch die Taufe ihnen entziehen, von den Feldern der Juden und Mohammedaner den Zehnten eintreiben sollten. Er drohte dem stolzen spanischen König mit der kirchlichen Zensur, wenn er fortfahren sollte, die Synagoge gedeihen und die Kirche schmälern zu lassen8. Innocenz bestand darauf, daß die Juden von den Ländereien, die sie von Christen erworben, den Zehnten an die Geistlichkeit leisten sollten, damit diese, deren Macht auf Geld beruhte, keine Einbuße erleide, und schrieb darüber an den Bischof von Auxerre (Mai 1207)9. Sein Zwangsmittel gegen die Juden, um seinen Verfügungen Nachdruck zu geben, war der indirekte Bann. Da er über sie die Exkommunikation nicht verhängen durfte, so bedrohte er diejenigen Christen mit dem Bann, welche mit solchen Juden irgendeinen Verkehr unterhielten, die sich seiner apostolischen Willkür nicht fügen mochten.

[6] Ein Drohbrief, den Innocenz an den judenfreundlichen Grafen von Nevers erließ (Januar 1208)10, offenbart noch mehr als seine bisherigen Verfügungen seinen tiefen Ingrimm gegen den jüdischen Stamm. Weil dieser Graf den Juden das Leben nicht sauer machte und sie nicht belästigte, schrieb der Papst an ihn, die Juden sollten wie der Brudermörder Kain flüchtig und unstät auf Erden wandeln, und ihre Gesichter müßten mit Schmach bedeckt sein. Sie dürften von christlichen Fürsten keineswegs beschützt, sondern müßten im Gegenteil zur Knechtschaft verurteilt werden. Es sei daher schändlich, daß christliche Fürsten Juden in ihre Städte und Dörfer aufnähmen, und sie als Wucherer benutzten, um durch sie von den Christen Geld zu erpressen. Sie (die Fürsten) nähmen die christlichen Schuldner der Juden in Haft, ließen die Juden christliche Burgen und Dörfer pfänden, und – was eben das Übel sei – die Kirche büße da durch ihren Zehnten ein. Es sei ein Skandal, daß Christen den Juden ihr Vieh zum Schlachten, ihre Trauben zum Keltern gäben, damit diese vorweg davon das nach ihren Religionsgesetzen Bereitete für sich nehmen könnten, um das übrige den Christen zu überlassen. Eine noch größere Sünde sei es, daß der von Juden auf diese Weise bereitete Wein zum Sakrament des Abendmahls für die Kirche gebraucht werde. Würden die Christen von den Geistlichen wegen ihrer Begünstigung der Juden in den Bann getan und ihr Land mit dem Interdikt belegt, so lachten sich die Juden ins Fäustchen, daß ihretwegen die kirchlichen Harfen an die Weiden gehängt würden und die Geistlichen während des Bannes um ihre Einnahmen kämen. Innocenz bedrohte in diesem Hirtenbriefe den Grafen von Nevers und seine Gesinnungsgenossen mit den schwersten Kirchenstrafen, falls er auf diesem Wege, die Juden zu begünstigen, fortfahren sollte. Er war der erste Papst, der die gallige Wut und unmenschliche Härte der verfolgungssüchtigen Kirche gegen die Juden kehrte. Alles an ihnen erregte seinen Ingrimm gegen sie; er gönnte ihnen kaum Luft und Licht, und nur eine trügerische Hoffnung hielt ihn zurück, einen Kreuzzug und Vernichtungskrieg gegen sie zu predigen.

Innocenz war sich wohl bewußt, warum er Juden und Judentum gründlich verabscheute. Er haßte in ihnen diejenigen, die indirekt gegen die Versumpfung des Christentums wühlten, auf welche das Papsttum seine Macht gegründet hatte. An der Feindseligkeit der wahrhaft gottesfürchtigen und sittlichen Christen gegen die Hierarchen, deren Anmaßung, unzüchtige Lebensweise und unersättliche Habgier, [7] hatten nämlich auch Juden ihren Teil. Die als Ketzer gebrandmarkten Albigenser in Südfrankreich, welche am entschiedensten gegen das Papsttum auftraten, hatten zum Teil ihre Opposition vom Verkehr mit gebildeten Juden oder aus jüdischen Schriften geholt. Es gab unter den Albigensern eine Sekte, welche es geradezu aussprach: »Das Gesetz der Juden ist vorzüglicher als das Gesetz der Christen«11. Innocenz' Augenmerk war daher ebenso wie auf die Albigenser, auf die Juden Südfrankreichs gerichtet, um ihren Einfluß auf die Gemüter der Christen zu hemmen. Der Graf Raymund VI. von Toulouse und St. Gilles, von den Troubadouren und Sängern der Zeit »der gute Raymund« genannt, welcher als Begünstiger der Albigenser galt und daher unbarmherzig gequält wurde, war auch beim Papste als Freund der Juden verrufen. Innocenz zählte daher in dem Sündenregister, das er ihm vorhielt, auch das Verbrechen auf, daß er in seinem Staate jüdische Beamte hielte und Juden überhaupt begünstige12. In dem bluttriefenden Kreuzzug, den der Papst gegen ihn und die Albigenser eröffnete, litten daher die südfranzösischen Gemeinden mit. Sobald Raymund gedemütigt war und sich gefallen lassen mußte, von dem päpstlichen Legaten Milo nackt an einem Stricke mit Geißelhieben in die Kirche geschleppt zu werden, mußte er unter anderem bekennen, daß er das Verbrechen begangen habe, Juden öffentliche Ämter anzuvertrauen. Darauf befahl ihm der Legat, bei Strafe des Verlustes seiner Würde, unter anderem reumütig zu beschwören, daß er sämtliche jüdische Beamten in seinem Lande entfernen, dieselben niemals wieder anstellen und auch andere Juden nimmermehr zu irgendeinem öffentlichen oder auch Privatamte zulassen werde. Der unglückliche Fürst, dem die Schwertesspitze auf die Brust gesetzt wurde, mußte diese Erklärung öfter wiederholen (Juni 1209). Dreizehn Barone, die mit Raymund in Verbindung gestanden und als Gönner der Albigenser galten, darunter auch die Herren von Posquières und Lünel und die Konsuln der Stadt Argentière, wurden ebenfalls von Milo gezwungen, durch einen Eid zu versichern, daß sie ihre jüdischen Beamten absetzen und ferner kein Amt an solche vergeben würden13.

Inzwischen sammelte sich ein fanatisches Kreuzheer, von dem Papste und dem blutdürstigen Mönch Arnold von Citeaux aufgestachelt [8] und von dem ehrgeizigen, ländersüchtigen Grafen Simon von Montfort angeführt, gegen die Albigenser und zog gegen den Vizegrafen Raymund Roger und dessen Hauptstadt Beziers. Auch Roger war als heimlicher Begünstiger der albigensischen Ketzer und als Gönner der Juden dem Papste und seinem Legaten doppelt verhaßt. Am 22. Juli (1209) wurde das schöne Beziers erstürmt und ein Blutbad unter den Bewohnern im Namen Gottes angerichtet. »Wir schonten,« so berichtet der Blutmensch Arnold an den Papst, »wir schonten keinen Stand, kein Geschlecht, kein Alter; fast 20000 Menschen sind durch die Schärfe des Schwertes umgekommen. Nach dem großen Gemetzel wurde die Stadt geplündert und verbrannt, und die göttliche Rache wütete darin auf eine wunderbare Weise«14. Selbst rechtgläubige Katholiken wurden nicht verschont, und auf die Frage der Kreuzfahrer, wie sie die Rechtgläubigen von den Ketzern unterscheiden sollten, antwortet Arnold: »Schlagt nur zu, Gott wird die Seinigen schon herauserkennen.« Die blühende und gebildete jüdische Gemeinde von Beziers durfte unter diesen Umständen noch weniger auf Schonung hoffen. Zweihundert Juden kamen infolgedessen um, und viele von ihnen gerieten in Gefangenschaft15. Das Jahr des Albigenser-Kreuzzuges bezeichneten auch die Juden als »Trauerjahr«16.

Durch den diplomatischen Sieg über Raymund von Toulouse und den militärischen Sieg über Roger Raymund von Beziers hatte die unduldsame Kirche nicht nur in Südfrankreich, sondern überall die Oberhand gewonnen. Das Unterfangen der freien Geister, sich ein eigenes Urteil über Religion, die heilige Schrift und die Stellung der Geistlichen zu bilden, war blutig bestraft worden. Der Papst durfte jetzt, wie es in der damaligen Kirchensprache hieß, das geistliche und das weltliche Schwert schwingen. Die Träger vernünftiger Gedanken wurden totgeschlagen; das Denken wurde als Frevel gestempelt. Die Jünger des Religionsphilosophen Amalarich von Bena, welche behaupteten, Rom sei das lasterhafte Babel, und der Papst sei der Antichrist, er weile auf dem »Ölberg, d.h. in der Saftigkeit der Macht«, die Einsichtsvollen, welche erklärten, für die Heiligen Altäre zu bauen, die Gebeine der Märtyrer zu verehren, sei Götzendienst, wurden als Gotteslästerer in Paris verbrannt. Die Gebeine des Meisters Amalarich wurden aus dem Grabe geschleppt und unter Dünger zerstreut. Philosophische Schriften, welche von Spanien nach Frankreich[9] gebracht wurden und die christliche Theologie hätten befruchten können, unter andern auch die im Auftrage eines Erzbischofs übersetzte »Lebensquelle« des jüdischen Denkers Salomon Gebirol (Bd. VI3, S. 32, 44), wurden von der Pariser Synode verpönt und zu lesen verboten 120917. Das unter den Völkern Europas kaum anbrechende Licht wurde von den Vertretern der Kirche ausgelöscht. Die Juden Südfrankreichs und Spaniens waren noch die einzigen Priester der höhern Wissenschaft.

Aber die Kirche gönnte ihnen diese Gehobenheit nicht; sie arbeitete mit allen Kräften daran, sie zu demütigen. Das Konzil zu Avignon (September 1209), dem der päpstliche Gesandte Milo präsidierte, auf welchem der Graf Raymund von neuem mit dem Bann belegt und die härtesten Maßregeln gegen die Ketzer beschlossen wurden, bestimmte, daß alle Barone und freien Städte einen Eid ablegen sollten, Juden keinerlei Amt anzuvertrauen und keinen christlichen Dienstboten in jüdischen Häusern zu lassen. Ein Kanon dieses Konzils verbot den Juden nicht nur am Sonntag und christlichen Feiertagen öffentlich zu arbeiten, sondern auch an christlichen Fasten Fleisch zu genießen18. – Überall fühlten die Juden die schwere Hand des Papsttums, die sich ungehindert ausstrecken konnte, sie in den Staub zu drücken. –

In England hatten die Juden zu dieser Zeit dreifache Feinde. Einerseits den lasterhaften, gewissenlosen Köstig Johann ohne Land, welcher kein Mittel scheute, ihnen Geld abzupressen (VI3, S. 225); anderseits die ihm feindlichen Barone, welche in ihnen den Reichtum des Königs erblickten, durch deren Beraubung zugleich ihm selbst Schaden erwachsen sollte, und endlich den Kardinal Stephan Langton, vom Papst als Erzbischof von Canterbury aufgezwungen, der den verfolgungssüchtigen Geist der Kirche nach England verpflanzte.

Im Anfang seiner Regierung war der König Johann überaus freundlich gegen die Juden; denn da er die Krone seinem Neffen geraubt und Frankreich sowie einen Teil des englischen Adels gegen sich hatte, so wollte er sich die geldspendende Bevölkerung geneigt machen. Er bestellte einen Talmudkundigen, Jakob aus London, zum Oberrabbiner sämtlicher englischen Gemeinden (presbyteratus omnium Judaeorum totius Angliae), und warnte durch ein Diplom alle seine Untertanen, sich an ihm, seinem Vermögen, seiner Würde zu vergreifen19. Der König nannte diesen Oberrabbiner Jakob »seinen [10] teuren Freund«20. Jede Kränkung, die demselben widerführe, würde der König als eine an seiner Person begangene Beleidigung ansehen. Er erneuerte und bestätigte ferner die Privilegien und Freiheiten der Juden, die sie von Heinrich I. erhalten hatten, und die auch den überraschenden Punkt enthielten, daß ein Christ seine Klagen gegen einen Juden vor jüdische Schiedsrichter zu bringen habe21. Freilich mußten die Juden für so ausgedehnte Freiheiten Geld, viel Geld, 4000 Mark Silbers, zahlen22. Aber es war doch viel, daß sie für Geld Schutz und freie Bewegung erhielten. Als der Pöbel von London die Juden beunruhigte, erließ Johann ein drohendes Handschreiben an die Vertreter der Hauptstadt, machte ihnen darin Vorwürfe, daß, während alle übrigen Juden Englands unbelästigt blieben, die von London Beschädigungen ausgesetzt seien, und machte sie für den den Juden erwachsenden Schaden an Leib und Gut verantwortlich23. Als sich aber Johann immer mehr mit seinen Baronen überwarf und in drückendere Geldverlegenheit geriet, hörte seine Milde gegen die Juden, die ohnehin eine unnatürliche war, auf und schlug in ihr Gegenteil um. Eines Tages ließ er sämtliche Juden Englands einkerkern, um Geld von ihnen zu erpressen (1210), wobei er von einem Juden von Bristol allein 10000 Mark Silbers verlangte. Da dieser sie nicht zahlen konnte oder mochte, ließ er ihm einen Zahn nach dem andern ausziehen24.

Diese niederbeugende Gehässigkeit von allen Seiten, verbunden mit der Sehnsucht nach dem heiligen Lande, welche der Dichter Jehuda Halevi angeregt hatte, bewog mehr als dreihundert Rabbinen Frankreichs und Englands nach Jerusalem auszuwandern (1211)25. Die namhaftesten unter ihnen waren Jonathan Kohen aus Lünel, der mit Maimuni in Verbindung gestanden und zu seinen Verehrern gehört hatte (Bd. VI3, S. 204, 320), und Simson ben Abraham, der tiefe Tossafist, ein Gegner der maimunischen Geistesrichtung (S. 214). Sämtliche Auswanderer berührten auf ihrem Wege Kahira, um Maimunis Sohn kennen zu lernen, der sie hochachtungsvoll aufnahm und sich an ihnen erfreute. Nur Simson ben Abraham, der Vertreter des einseitigen Talmudismus, vermied es, mit dem Sohne des Mannes zusammenzukommen, den er halb und halb als Ketzer [11] betrachtete. Von dem Sultan Aladil, Saladins tüchtigem Bruder, ehrenvoll aufgenommen und mit Privilegien versehen, erbauten die französischen und englischen Auswanderer in Jerusalem Bet- und Lehrhäuser und verpflanzten die tossafistische Lehrweise nach dem Morgenlande.

Geistige Regsamkeit selbst auf talmudischem Gebiete gedieh aber trotzdem in der heiligen Stadt nicht. Als wenn der Fluch auf dieser einst so glanzvollen und dann so elenden Stadt ruhe, war sie, seitdem die römischen Legionen unter Titus und Hadrian ihre großen Söhne erschlagen hatten, vollständig unfruchtbar geworden. Nicht ein einziger Mann von Bedeutung ist seit dem Untergange des Synhedrins aus ihr hervorgegangen. Jerusalem wie ganz Palästina war nur merkwürdig durch seine Toten; die sehnsuchtsvollen Frommen suchten lediglich deren Gräber auf; Lebensquellen fanden sie da nicht. Jonathan Kohen und seine Genossen besuchten gewissenhaft die Stätte, worauf einst der Tempel prangte, die Gräber der Erzväter, Könige, Propheten und Mischnahlehrer, weinten und beteten auf den Trümmern der untergegangenen Herrlichkeit. Sie trafen nämlich mit dem Exilarchen David aus Moßul zusammen, der von dem Kalifen Alnasir Ledin Allah einen Geleitbrief in Händen hatte, vermöge dessen er Zutritt zu allen Sehenswürdigkeiten erhielt26. Im Morgenlande durften die Juden noch eine Scheinwürde behaupten; Kalif und Sultan, die Träger der geistlichen und die Träger der weltlichen Gewalt, gönnten sie ihnen – wenigstens für Geld. In Europa dagegen war selbst ihr Leben jeden Tag durch den aufgestachelten Fanatismus bedroht.

Der almohadische Fürst der Gläubigen, Mohammed Alnasir vom nordwestlichen Afrika, hatte die ganze verfügbare Mannschaft zu einem heiligen Kriege gegen die überhandnehmende Macht der Christen im mohammedanischen Spanien zu den Waffen gerufen und mindestens eine halbe Million Krieger über das Meer nach Andalusien geführt. Die feste Stadt Salvatierra fiel, trotz der tapfern Verteidigung des Ritterordens von Calatrava, in die Hand der Mohammedaner (September 1211). Die jüdische Gemeinde von Salvatierra wurde bei der langen Belagerung aufgerieben, und ein Rest derselben floh nach Toledo27. Die christlichen Könige Spaniens, von der nahen Gefahr aufgeschreckt, stellten die Feindseligkeit gegeneinander ein, um dem übermächtigen Feinde mit vereinten Kräften [12] Widerstand zu leisten. Da sich aber die christlichen Völker Spaniens doch nicht stark genug fühlten, den Kampf mit den Mohammedanern aufzunehmen, wendete sich Alfonso der Edle, König von Kastilien, an Innocenz, einen allgemeinen Kreuzzug gegen den Halbmond zu veranlassen, und der Papst willfahrte diesem Wunsche sehr gern. So zogen denn viele europäische Krieger über die Pyrenäen, darunter auch der blutdürstige Zisterziensermönch Arnold (o. S. 8) mit seiner Schar, welche sich durch Unmenschlichkeit aller Art an Albigensern und Juden in Südfrankreich die Seligkeit gesichert hatte. Die Ultramontanen, wie sie im Gegensatz zu den spanischen Kriegern genannt wurden, deren Ingrimm gegen alles, was nicht päpstlich-katholisch war, bis zur Raserei gesteigert war, nahmen Anstoß an den verhältnismäßig glücklichen Verhältnissen der Juden in der spanischen Hauptstadt, an ihrem Reichtum, ihrer Freiheit und ihrer Bedeutung bei Hofe. Diese fremden Kreuzfahrer, von Arnolds Glaubenswut erfüllt, überfielen daher die Juden Toledos plötzlich und töteten mehrere von ihnen (Juni 1212), und es wäre allen sehr schlimm ergangen, wenn der edle Alfonso sich nicht ihrer angenommen, und wenn die christlichen Ritter und Bürger von Toledo, von Ehrgefühl geleitet, die Angriffe der Fanatiker nicht abgewehrt hätten28. Das was die erste Judenverfolgung in Kastilien, allerdings nur von Fremden angezettelt und von den Einheimischen gemißbilligt. Die Kirche sorgte aber dafür, daß auch die spanischen Könige und Völker zum Judenhaß erzogen wurden.

Welch ein Umschwung in der Gesinnung gegen die Juden seit Innocenz' Pontifikat eingetreten ist, beweist ein Beschluß der Pariser Synode von demselben Jahre. Der König Ludwig VII. und selbst sein Sohn Philipp August hatten sich gegen das kanonische Institut gesträubt, daß die Juden nicht von Christen bedient werden sollten29. Jetzt durften die französischen Konzilien unter dem Präsidium der päpstlichen Legaten und mit Einwilligung des Königs diese Engherzigkeit noch ausdehnen, daß nicht nur keine christliche Amme ein jüdisches Kind nähren, sondern auch keine Hebamme einer jüdischen Frau in ihren Wehen Beistand leisten dürfe, weil – wurde als Grund hinzugefügt – die Christen in jüdischen Häusern Vorliebe für das Judentum gewinnen30.

[13] Mit Recht waren daher die Juden bei der Nachricht von dem Zustandekommen eines neuen Konzils in größter Bekümmernis, daß nicht ein neues Joch auf ihren Nacken gelegt würde. Als daher der päpstliche Legat Petrus von Benevent eine Synode nach Montpellier ausgeschrieben (anfangs 1211) und Geistliche wie Weltliche dazu eingeladen hatte, um den Grafen von Toulouse vollständig seiner Herrschaft zu entkleiden, das ihm geraubte Land Simon von Montfort zu übergeben und die härtesten Maßregeln gegen den Rest der Albigenser zu beschließen, sahen die südfranzösischen Juden darin eine große Gefahr für sich und taten Schritte, um sie womöglich abzuwenden. Auf Aufforderung des angesehenen Don Isaak (Zag) Benveniste, Leibarzt des aragonischen Königs31, kamen aus vielen jüdischen Gemeinden je zwei Deputierte nach Montpellier, um ihren Einfluß bei Weltlichen und Geistlichen geltend zu machen, damit nicht neue Beschränkungen gegen sie zu Gesetzen erhoben würden. Und es scheint ihnen gelungen zu sein, die Gefahr zu beschwören, denn das Konzil von Montpellier befaßte sich gar nicht mit Juden32.

Kaum war diese örtliche Gefahr abgewendet, so war eine andere allgemeinere im Anzuge, welche diejenigen Juden, die Kunde davon hatten, in die größte Bestürzung versetzte. Innocenz III. hatte durch enzyklische Hirtenbriefe die Vertreter der ganzen Christenheit zu einem allgemeinen (ökumenischen) Konzil nach Rom zusammenberufen, auf welchem die energische Fortsetzung der Kreuzzüge gegen die Mohammedaner im heiligen Lande und auf der pyrenäischen Halbinsel, sowie gegen die südfranzösischen Ketzer festgestellt, die Entsetzung des Grafen von Toulouse und die Übertragung seiner Länder auf Simon von Montfort gebilligt und die Reformation der Kirche, d.h. die Erweiterung ihrer Gewalt gegenüber den Staaten, durchgeführt werden sollte. Die südfranzösischen Gemeinden, welche Kunde hatten, daß auf diesem Konzil auch gegen die Juden ein harter Schlag geführt werden sollte, waren aufs Tiefste davon erschüttert. Isaak Benveniste lud daher jüdische Deputierte nach der Stadt Bourg de St. Gilles ein, um einflußreiche und gewandte Männer zu erwählen, welche sich nach Rom begeben und die bösen Ratschläge gegen die Juden vereiteln sollten33.

Die Namen der zu diesem Zwecke Delegierten sind unbekannt, denn ihr Bemühen war fruchtlos geblieben. Das große vierte Laterankonzil. [14] dessen Vorsitz Innocenz führte und von mehr als 1200 geistlichen und weltlichen Abgeordneten vieler christlicher Staaten zusammengesetzt war, auf dem das Papsttum seine Machtbefugnisse zum Höhepunkte erheben durfte und den Grund zu den beiden freiheitsfeindlichen, blutsaugenden Orden der Dominikaner und Franziskaner legte, dieses Konzil, welches das christliche Europa in die schmählichen Bande geistiger Knechtschaft geschlagen und es in die Stumpfheit der Barbarei zurückgeworfen hat, schlug auch dem Judentum tiefe Wunden. An dem Makkabäerfeste, an welchem die Söhne Jakobs die Befreiung von der syrischen Tyrannei feierten, wurde das Konzil geschlossen, welches ihren Nachkommen das Joch tiefster Erniedrigung auflegte (30. November 1315). In dem Gewimmel der riesigen Welthändel vergaßen der Papst und die Väter des Konzils die Juden nicht. Von den siebzig kanonischen Beschlüssen desselben sind vier den Juden gewidmet.

Ein Kanon bestimmte, daß die christlichen Fürsten die Juden streng überwachen sollten, daß sie nicht zu hohe Zinsen von ihren christlichen Schuldnern nähmen. Indessen kann man diese Beschränkung – obwohl christliche Geistliche wie Laien den Wucher der Juden begünstigten und ausbeuteten, und obwohl auch ganze christliche Kompagnien, wie die Lombarden und Caorsini (auch Ultramontane genannt), enormen Wucher trieben – einigermaßen gerechtfertigt finden, da die Kirche den finanziellen Bedürfnissen der Zeit keine Rechnung trug und sich streng an den Buchstaben der Bibel hielt. Auch dazu hatte das Konzil zu seiner Zeit einiges Recht, den getauften Juden zu verbieten, jüdische Riten beizubehalten (weil, wie erläutert wurde, die Schrift verbietet, ein Kleid, von Wolle und Linnen gewebt, zu tragen), da die Kirche die Gewissensfreiheit nicht anerkennen durfte, ohne sich selbst aufzugeben. Wenn die Anklage richtig war, daß einige Juden damals die christlichen Prozessionen zur Osterzeit verspotteten, so waren die Vertreter der Kirche teilweise in ihrem Rechte, ihnen zu verbieten, sich an diesem Tage öffentlich zu zeigen, obwohl ein billig denkender Gesetzgeber wegen einiger ungezogenen Individuen nicht die Freiheit einer ganzen Genossenschaft beschränken würde. Schon mehr Ungerechtigkeit lag in dem kanonischen Beschluß, daß die Juden nicht nur von ihren Häusern und liegenden Gründen den Zehnten zu leisten, sondern daß auch sämtliche jüdische Familienväter sechs Groschen (Denar) jährlich zum Osterfeste zu zahlen hätten. Der katholische Klerus betrachtete sich als Herrn, dem die Juden als Untertanen Huldigungstribut darbringen müßten. Aber ganz im Geiste des Albigenserverfolgers [15] Innocenz wurde das kanonische Gesetz erneuert, daß kein christlicher Fürst irgendeinem Juden ein Amt anvertrauen dürfe. Der Übertreter sei mit dem Bann zu belegen, und der jüdische Beamte sollte so lange von dem Verkehr mit Christen ausgeschlossen werden, bis er seine Funktion mit Schmach niedergelegt hätte. Das Konzil war aber nicht imstande, einen auch nur scheinbaren Beleg für dieses kanonische Gesetz beizubringen; weder die neutestamentlichen Schriften, noch die Kirchenväter, so gehässig sie auch gegen die Juden waren, boten ein Beispiel dafür. Die Lateransynode mußte daher auf das Provinzialkonzil von Toledo unter dem ersten katholisch-westgotischen König Reccared34 zurückgehen, um eine so schmachvolle Ausschließung einigermaßen zu begründen.

Den Gipfelpunkt der Erniedrigung der Juden enthielt aber der Beschluß des Konzils, daß die Juden in allen christlichen Ländern zu jeder Zeit eine von den Christen unterscheidende Tracht anlegen sollten. Als Grund wurde angegeben, daß in manchen Gegenden, wo Juden (und Mohammedaner) die Landestracht trugen, frevelhafte Mischehen zwischen den Bekennern des Judentums und Christentums vorkämen. Sophistisch wurde das Gesetz noch dadurch beschönigt, daß Mose den Juden eine unterscheidende Kleidung eingeschärft habe. Darum sollten vom zwölften Lebensjahre an jüdische Männer an ihren Hüten und jüdische Frauen an ihren Schleiern ein durch eine besondere Farbe kenntliches Abzeichen tragen35. Der Judenflecken ist eine Erfindung des Papstes Innocenz und des vierten allgemeinen römischen Konzils.

Eine Erfindung kann man es eigentlich nicht nennen, denn der Papst hatte dieses brandmarkende Zeichen von den fanatischen mohammedanischen Herrschern entlehnt. Der almohadische Fürst der Gläubigen von Afrika und Südspanien, Abu-Jussuff Jakub Almanßur, hatte sogar den Juden seiner Lande, welche den Islam zwangsweise angenommen hatten, (B. VI3, S. 266) anbefohlen, eine entstellende Tracht anzulegen: schwere Kleider mit langen Ärmeln, welche beinahe bis zu den Füßen reichten, und statt der Turbane grobe Schleier von der häßlichsten Form. »Wüßte ich,« sprach dieser Fanatiker folgerichtig, »daß die bekehrten Juden den Islam mit aufrichtigem Herzen angenommen hätten, würde ich ihnen gestatten, sich mit den Muselmännern durch Ehebündnisse zu vermischen. Wäre ich überzeugt, daß sie Ungläubige geblieben sind, so würde ich die Männer über die Klinge [16] springen lassen, ihre Kinder zu Sklaven machen und ihre Güter einziehen. Aber ich schwanke in diesem Punkte; darum sollen sie durch eine häßliche Tracht abgesondert erscheinen.« Sein Nachfolger Abu-Abdallah Mohammed Alnasir ließ sich soweit erbitten, diesen häßlichen Anzug der jüdischen Schein-Mohammedaner in gelbe Kleider und Turbane zu verwandeln, und an dieser Farbe der Kleidung erkannte man in dem ersten Jahrzehnt des dreizehnten Jahrhunderts im marrokkanischen Reiche der Almohaden diejenige Volksklasse, welche äußerlich Moslemin, im Innern aber Juden geblieben war36. Diese barbarische Behandlung der Juden hat nun der Papst Innocenz nachgeahmt. Ihre tiefste Erniedrigung in Europa während eines Zeitraumes von sechs Jahrhunderten datiert vom 30. November 1215.

Fortan beschäftigten sich Provinzialkonzilien, Ständeversammlungen und fürstliche Kabinette neben der Ausschließung der Juden von allen Ehren und Ämtern mit dem Judenzeichen, um dessen Farbe, Form, Länge und Breite mit pedantischer Gründlichkeit zu bestimmen. Viereckig oder rund, von safrangelber oder anderer Farbe (signum circulare, rota), an dem Hute oder an dem Oberkleide getragen, war das Judenzeichen eine Aufforderung für die Gassenbuben, die Träger zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, war es ein Wink für den verdummten Pöbel über sie herzufallen, sie zu mißhandeln oder gar zu töten, war es selbst für die höheren Stände eine Gelegenheit, sie als Auswürflinge der Menschheit zu betrachten, sie zu brandschatzen oder des Landes zu verweisen. Noch schlimmer als diese Entehrung nach außen war die Wirkung des Abzeichens auf die Juden selbst. Sie gewöhnten sich nach und nach an ihre demütige Stellung und verloren das Selbstgefühl und die Selbstachtung. Sie vernachlässigten ihr äußeres Auftreten, da sie doch einmal eine verachtete, ehrlose Kaste sein sollten, die auch nicht im entferntesten auf Ehre Anspruch machen dürfte. Sie verwahrlosten nach und nach ihre Sprache, da sie doch zu gebildeten Kreisen keinen Zutritt erlangen und untereinander sich auch durch Kauderwelsch verständlich machen konnten. Sie büßten damit Schönheitssinn und Geschmack ein und wurden nach und nach teilweise so verächtlich, wie es ihre Feinde wünschten. Sie verloren männliche Haltung und Mut, so daß sie ein Bube in Angst setzen konnte. Die Strafandrohung des Propheten Jesaia an das Haus Jakobs: »Du wirst erniedrigt von der Erde sprechen und aus dem Staube wird dein Wort lispeln,« ist ganz buchstäblich in Erfüllung gegangen.[17] Das tiefe Weh des Mittelalters begann für die Juden recht eigentlich erst mit dem Papste Innocenz III., gegen welches alle vorangegangenen Leiden, seitdem das Christentum zur Weltmacht gelangte, nur wie unschuldige Neckereien erscheinen.

Freilich fügten sich die Juden nicht so leicht darein, den ihnen aufgezwungenen Schandflecken zu tragen; namentlich mochten die Gemeinden Spaniens und Südfrankreichs, bis dahin an eine Ehrenstellung gewöhnt, nicht ohne Kampf zur Niedrigkeit hinabsteigen. Noch hatten befähigte Juden Einfluß auf die Höfe von Toledo und Saragossa, sei es als Gesandte an fremden Höfen, sei es als Schatzmeister (Almoxarifen) für die königlichen Kassen. Sie setzten alle Mittel in Bewegung, um den Beschluß, das schändende Abzeichen zu tragen, nicht in Wirksamkeit treten zu lassen. Als Innocenz III. gestorben war (1216) und der verhältnismäßig milde Papst Honorius III. den Petri-Stuhl bestieg, gaben sich die Juden der Hoffnung hin, dieses kanonische Gesetz rückgängig machen zu können. Tätig scheint in diesem Sinne gewesen zu sein jener Isaak Benveniste, der sich auch Mühe gegeben, den Schlag gegen die Juden von vornherein abzuwenden. Es gelang ihnen auch, die Ausführung des kanonischen Beschlusses hinzuhalten. Wenigstens hatte der König Alfonso IX. von Leon die Juden seines Landes nicht dazu gezwungen. Der Papst Honorius war daher genötigt, den Bischof von Valencia und zwei andere Bischöfe zu ermahnen, die Ausführung jenes Beschlusses durchzusetzen und die Juden von Ehrenämtern auszuschließen (1217)37.

Die südfranzösischen Gemeinden sahen daher mit Freuden den siegreichen Fortschritt der Waffen des wiederholentlich gebannten Raymund VII. von Toulouse gegen das Kreuzheer und Simon von Montfort, denn an den Sieg der Albigenser war auch ihr Heil geknüpft. Der Herzog von Toulouse und seine Barone fuhren nämlich fort, trotz ihres Eides, Juden zu Ämtern zu befördern, weil sie in deren Verwaltung ihren Nutzen erblickten. Wahrscheinlich wegen heimlicher und offener Anhänglichkeit der Juden an Raymund ließ die Gattin Simons von Montfort, die Gräfin Alice von Montmorency, sämtliche Juden von Toulouse – dessen Überwachung ihr anvertraut war – samt Weibern und Kindern verhaften und ließ ihnen nur die Wahl zwischen Tod und Taufe (1217), obwohl ihr Gatte, so wie sein Bruder, den Juden vorher Sicherheit des Lebens und Freiheit des [18] Bekenntnisses zugeschworen hatte38. Alice befahl zugleich, die jüdischen Kinder unter sechs Jahren ihren Eltern zu entreißen und Geistlichen zur Taufe und christlichen Erziehung zu übergeben. Das gefühllose Weib achtete in jüdischen Frauen nicht den Mutterschmerz. Trotzdem weigerten sich doch die meisten Glieder der Toulousaner Gemeinde, das Christentum anzunehmen und sahen dem Tode standhaft ins Auge. Nur siebenundfünfzig Personen waren schwach genug, sich die Taufe gefallen zu lassen. Als aber Simon von Montfort diese ungerechte Judenverfolgung von Seiten seiner Frau erfuhr, befahl er, die Gefangenen zu befreien und sie ihre Religion frei bekennen zu lassen. Die Freude der Unglücklichen bei der Kunde von dieser Erlösung (1. Ab = 7. Juli) war groß, aber sie war mit Wehmut gemischt, denn die einmal getauften Kinder sollten ihren Eltern nicht zurückgegeben werden; so hatte es der Kardinal-Legat Bertrand bestimmt39.

Derselbe schärfte auch das Tragen des jüdischen Abzeichens ein. Indessen kam wieder Gegenbefehl vom Papst, nicht allzu streng darauf zu halten, ohne daß man weiß, woher der für die französischen Juden günstige Wind wehte. – In Aragonien erlangten die Juden dieselbe Freiheit von der Belästigung des Judenfleckens durch den unermüdlichen Zag (Isaak) Benveniste, Leibarzt des Königs Jayme I. (Jakob). Dieser hatte nämlich dem Könige so viel Dienste geleistet, daß er mit Zustimmung der Bischöfe des Landes ihn dem Papste eindringlich empfohlen und für ihn eine Anerkennung von Seiten des päpstlichen Stuhles bewilligt wünschte. Honorius ging merkwürdigerweise darauf ein und sandte Isaak Benveniste ein Diplom zu, daß er in Anerkennung seiner Verdienste, »weil derselbe sich vom Wucher fernhalte und den Katholiken eifrig beistehe, auf keine Weise gekränkt werden« sollte. Seinetwegen sollten auch die Juden zum Tragen der Abzeichen nicht gezwungen werden (1220)40.

Indessen so freundlich sich auch Honorius in diesem Punkte stellte, war auch er weit entfernt, eine Ehrenstellung der Juden gutzuheißen. In einem Handschreiben desselben Jahres ermahnte er den König Jayme von Aragonien, daß er den Juden ja nicht einen Gesandtschaftsposten an einem mohammedanischen Hof anvertrauen möge. Denn es sei nicht wahrscheinlich, »daß diejenigen, welche den christlichen Glauben [19] verabscheuten, sich den Bekennern desselben treu erweisen würden.« In diesem Sinne schrieb der Papst auch an den Erzbischof von Tarragona, an die Bischöfe von Barcelona und Ilerda, daß sie den König von Aragonien bearbeiten, und an die Kirchenfürsten von Toledo, Valencia, Burgos, Leon und Zamora, daß sie die Könige von Kastilien, Leon und Navarra beeinflussen möchten, die Juden durchaus nicht zu diplomatischen Sendungen zu verwenden und das so ärgerliche gefahrvolle Beispiel für die Christenheit abzustellen41. Wie wenig kannte der Papst die unerschütterliche Treue der Juden gegen ihre Landesherren und ihre Liebe zum Geburtslande! Weit entfernt, das ihnen geschenkte Vertrauen zu mißbrauchen, wandten die jüdischen Botschafter an fremden Höfen allen Eifer an, um ihren Auftrag zu einem ersprießlichen Ende zu führen. Allein es war einmal seit Innocenz III. Grundsatz der Kirche, die Juden zu entehren und zu demütigen. Obwohl Honorius das Tragen des Judenfleckens den Juden Aragoniens erlassen hatte, bestand er doch darauf, daß die von England nicht davon befreit werden sollten (1221)42.

Hier herrschte nach dem Tode des wahnsinnigen Tyrannen Johann ohne Land während der Minderjährigkeit seines Sohnes Heinrich III. der von Innocenz eingesetzte Erzbischof von Canterbury, Stephan Langton. Dieser entfaltete seine Macht, als wenn er Träger der Krone wäre. Auf dem Konzil zu Oxford, das er zusammenberief (1222), wurden auch einige Paragraphen zur Demütigung der Juden erlassen. Sie sollten keine christliche Dienerschaft halten und keine neue Synagoge bauen dürfen. Sie sollten gehalten sein, den Zehnten von ihrer Ernte und die Geistlichensteuer, wie es das Laterankonzil bestimmt hat, zu leisten. Vor allem aber sollten sie das brandmarkende Abzeichen zu tragen gezwungen werden, einen wollenen Streifen an der Brust von anderer Farbe als das Kleid, von vier Finger Länge und zwei Breite. Die Kirchen dürften sie nicht betreten und noch weniger, wie es bis dahin Brauch war, ihre Schätze in Kirchen zur Sicherheit vor räuberischen Überfällen des Adels und des Pöbels niederlegen43. Diese Beschränkungen wurden den englischen Juden als Strafe aufgelegt, weil sie sich Ungeheuerliches hätten zu Schulden kommen lassen und sich undankbar erwiesen hätten44. Worin aber ihr [20] Verbrechen bestand, wird nicht angedeutet. Ist ihnen vielleicht der Vorfall zur Last gelegt worden, daß in England in demselben Jahre ein Diakonus zum Judentume übergetreten war? Später veranlaßte ein solcher Übertritt die Vertreibung der Juden aus England. Diesmal wurde der Diakonus einfach wegen seines Abfalls auf dem Scheiterhaufen verbrannt45. Die Kirche kannte damals kein wirksameres Mittel, den Widerspruch gegen ihre Lehren zu widerlegen, als das lodernde Feuer.

Merkwürdig ist es, daß die feindlichen Maßregeln des Papsttums gegen die Juden damals in Deutschland am wenigsten durchschlugen, und daß sie unter dem Kaiser Friedrich II. eine verhältnismäßig günstige Stellung hatten. Kammerknechte des Reiches und des Kaisers waren sie zwar und wurden auch so genannt; allein dennoch vertrauten ihnen hin und wieder Fürsten wichtige Ämter an, namentlich die Erzherzöge von Österreich46. Diejenigen Juden, welche an den Höfen der Fürsten Zutritt hatten, arbeiteten dahin, sich von der kaiserlichen oder landesfürstlichen Judensteuer frei zu machen und erlangten dafür Privilegien von ihren Gönnern. Da aber in den deutschen Gemeinden der Brauch war, die Steuersumme auf sämtliche Gemeindeglieder nach Verhältnis ihres Vermögens zu verteilen, so sahen sich die Ärmeren, wenn die Reicheren und Angesehenen sich davon losmachten, benachteiligt und beklagten sich darüber bei den derzeitigen rabbinischen Autoritäten. Eine Rabbinersynode, welche sich in Mainz versammelte (Tammus = Juli 1223)47, nahm auch diesen Punkt in die Hand zur gerechten Regulierung. Es waren bei dieser mehr als zwanzig Mitglieder zählenden Synode die angesehensten Rabbiner Deutschlands vertreten: David ben Kalonymos von Münzenburg (in [21] Hessen-Darmstadt), ein deutscher Tossafist48; Baruch ben Samuel aus Mainz, Verfasser eines talmudischen Werkes49; Chiskija ben Rëuben aus Boppard, der mutige Verfechter seiner verfolgten Glaubensgenossen50; Simcha ben Samuel aus Speier, ebenfalls talmudischer Schriftsteller51; Elieser ben Joël Halevi, von seinen talmudischen Werken Abi-Esri (auch Abi Assaf) genannt52; endlich der deutsche Kabbalist Eleasar ben Jehuda aus Worms (Rokeach genannt), ein fruchtbarer Schriftsteller, der durch seine Geheimlehre das Seinige zur Verdunkelung der lichten Gedanken in der Judenheit beigetragen hat.

Diese Mainzer Rabbiner-Synode erneuerte viele Verordnungen aus der Zeit R' Tams (VI3, 181 f.) und stellte neue auf. Die Beschlüsse derselben kennzeichnen den Zustand der deutschen Juden im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Die Synode verordnete, daß sich Juden keinerlei Unehrlichkeit gegen Christen und keine Münzfälschung zu Schulden kommen lassen sollten. Ein Angeber sollte gehalten sein, den Schaden, den er durch seine Angeberei angerichtet hatte, voll zu ersetzen. Diejenigen, welche beim König (Kaiser) aus- und eingehen, sollten nichtsdestoweniger verpflichtet sein, die Gemeindelasten zur Aufbringung der Steuern zu tragen. Wer sich ein religiöses Amt von einer christlichen Behörde übertragen ließe, solle dem Banne verfallen. In den Synagogen solle Andacht und stille Sammlung herrschen. Der Schwager solle die Leviratsehe an der verwitweten Schwägerin ohne Gelderpressung und Schikane vollziehen und sie nicht hinhalten. Wer sich den Anordnungen der Synode nicht füge oder den Bann nicht achte, solle dem weltlichen Arm überliefert werden. Die Entscheidung über streitige Fälle sollten die Rabbinate und die Gemeinden von Mainz, Worms und Speier, als die ältesten der deutschen [22] Judenheit, treffen. Alle diese und viele andere Verordnungen führen den Namen Beschlüsse Schum, d.h. von Speier, Worms, Mainz, den drei Hauptgemeinden Deutschlands.

Trotz der vielfachen Anstrengung der gebildeten Juden, das Schandmal des Judenzeichens von sich abzuwenden, gewann dennoch die päpstliche Unduldsamkeit immer mehr die Oberhand und das Edikt des Laterankonzils von 1215 immer mehr Eingang. Selbst der Kaiser Friedrich II., der geistvollste und aufgeklärteste Fürst, den Deutschland je gehabt, dessen Rechtgläubigkeit mehr als verdächtig war, mußte dem Papsttum darin zu Willen sein, das Judenabzeichen in seinen Erblanden Neapel und Sizilien durch ein Gesetz einzuführen. Der König von Frankreich, Ludwig VIII., Sohn jenes tyrannischen Philipp August, hat wohl schwerlich die Juden seines Landes nach dieser Seite hin begünstigt, da er kirchlich gesinnt war und die Freundschaft des Papstes und der Geistlichkeit nicht missen konnte, um die schönen Länder des Grafen von Toulouse seinem Reiche einverleiben zu können. Er war auch ohne die päpstliche Ermahnung nicht sehr wohlwollend gegen die Juden. Seine Erlasse gegen sie tragen den Charakter der Gewalt. Im Verein mit vielen Baronen seines Landes verordnete Ludwig VIII. (November 1223), daß sämtliche Schuldforderungen der Juden, welche über fünf Jahre datierten, keine Gültigkeit mehr haben und von denen jüngeren Datums keine Zinsen gezahlt werden sollten. Künftighin mußten die Schuldscheine von den Behörden in ein Buch eingetragen werden; das Siegel der Juden habe keinen Glauben. Auch die Freizügigkeit der Juden beschränkte dieser König. Diejenigen, welche von eines Herrn Land in das eines anderen auswanderten, sollten auf Verlangen des Barons, in dessen Gebiet sie ursprünglich gewohnt, ausgeliefert werden53.

In Südfrankreich, wo infolge der Albigenserkriege die Geistlichkeit fast noch verfolgungssüchtiger gegen Andersgläubige geworden war als in der übrigen Christenheit, fanden die Edikte Innocenz' III. zur Entehrung und Demütigung der Juden nur allzu eifervolle Verteidiger. Auf einem Konzil zu Narbonne (1227) wurden nicht nur die kanonischen Maßregeln gegen sie eingeschärft, das Verbot der Zinsnahme und der Zulassung zu Ämtern, das Tragen der Judenzeichen (auf der Brust in Radform), die Leistung einer Steuer für die Geistlichen, sondern es wurden auch die längst vergessenen Schikanen aus der trüben Zeit der Merovinger-Könige gegen sie wieder aufgefrischt. [23] die Juden sollten sich zur Osterzeit nicht auf den Straßen blicken lassen und überhaupt in diesen Tagen ihre Häuser gar nicht verlassen54.

Im nächsten Jahre waren die Albigenserkriege zu Ende, und es begannen die Gräuel einer blinden, rachsüchtigen, blutdürstigen Reaktion. Der freisinnige Raymund VII. war besiegt und mußte, um in Gnaden aufgenommen zu werden, feierlich erklären und beschwören, daß er in allem dem päpstlichen Stuhle gehorsam sein und seine abscheulichen Verbrechen fahren lassen werde. Dazu gehörte auch seine Begünstigung der Juden. Raymund mußte besonders geloben, jüdische Vögte (Baillis) nicht im Amte zu lassen und künftighin auch keine solchen anzustellen (April 1228)55. Bald begann die blutige Arbeit der fluchwürdigen Inquisition des Dominikaner-Ordens, beides eine Schöpfung des Papstes Innocenz III., gegen die als Ketzer Erkannten, Verdächtigen, oder auch nur ohne Grund Angeklagten. Die Predigermönche, die Jünger Domingos, verherrlichten das Christentum durch Folterqualen und Scheiterhaufen. Wer auch nur im Besitze einer Bibel in romanischer (provenzalischer) Sprache war, verfiel dem Ketzergerichte der Dominikaner, welches das ausschließliche Privilegium zu blutigen Verfolgungen hatte. Ihre Genossen, die Franziskaner oder Minoriten-Mönche, ebenfalls von Innocenz ins Leben gerufen, arbeiteten ihnen in die Hand. Es dauerte nicht lange, so streckten diese Würgengel in Mönchskutten ihre Griffe auch nach den Söhnen Jakobs aus.

Vier Männer traten zu gleicher Zeit auf den Schauplatz der Geschichte, welche mit dem Christentume, und zwar mit dem verfolgungssüchtigen, lieblosen, unmenschlichen Christentume, bittern Ernst machten, und das Leben der Juden in verschiedenen Ländern zu einer unerträglichen Höllenqual gestalteten. Da war zuerst der Papst Gregor IX., jener leidenschaftliche Greis, der Todfeind des Kaisers Friedrich II., welcher kein anderes Interesse achtete, als die Erweiterung der päpstlichen Gewalt und die Niederschmetterung seiner Gegner, der die Fackel der Zwietracht in das deutsche Reich schleuderte und dessen Einheit und Größe vernichtete. Der zweite war der König Ludwig IX. von Frankreich, der sich den Namen »der Heilige« erworben hat, von Einfalt des Herzens und Beschränktheit des Kopfes, das gefügigste Werkzeug für schlaue Pfaffen, ein Verehrer von Reliquien, welcher für einen Nagel von Christi angeblichem Kreuze die beste Stadt seines Reiches geboten hat, ein blinder Verehrer der Barfüßer-Mönche, der sich mit dem Gedanken beschäftigte, selbst die Mönchskutte anzulegen. [24] der zu den Ketzerverfolgungen bereitwilligst die Hand bot und die Juden so gründlich haßte, daß er sie nicht ansehen mochte56.

Ihm ebenbürtig war sein Zeitgenosse Ferdinand III. von Kastilien, welcher auch die Krone von Leon erbte, ebenfalls von der Kirche als Heiliger anerkannt, weil er die Ketzer mit eigner Hand verbrannte. Endlich der Dominikaner-General Raymund de Penjaforte (Peñaforte), der wütendste Ketzerverfolger, der alle Mühe anwandte, Juden und Mohammedaner zum Christentum zu bekehren, in diesem Sinne auf die Könige von Aragonien und Kastilien einwirkte und Seminarien anlegen ließ, worin das Hebräische und Arabische unterrichtet wurde, um gelehrte Mittel zur Bekehrung der Juden und Sarazenen zu gewinnen57. Solchen verfolgungssüchtigen, unbarmherzigen, mit allen Machtmitteln versehenen Feinden waren die Juden preisgegeben.

Gregor IX. eiferte in einem Sendschreiben (1229) an den Bischof von Valencia, den Übermut der Juden gegen die Christen zu dämpfen, als wenn die Kirche dadurch in größter Gefahr schwebe58. Unter Jayme I., König von Aragonien, trat daher eine Wendung in der Stellung der Juden Aragoniens und der dazu gehörigen Gebietsteile ein. Von kirchlichem Fanatismus und von Geldgier gestachelt, erklärte dieser König die Juden als seine Klienten, d.h. gewissermaßen als Kammerknechte. Als er nun die Insel Mallorka ihren mohammedanischen Bewohnern entriß, behandelte er auch die dortigen Juden als besiegte Feinde, obwohl sie schwerlich Widerstand geleistet hatten. In Begleitung des Königs war ein angesehener Jude von Saragossa Bachiel (Bachja)59 ben Mose Alkonstantini, sein Leibarzt. [25] welcher auch als Dolmetscher für die arabische Bevölkerung der Insel diente. Nichtsdestoweniger verfuhr Jayme feindselig gegen dessen Glaubensgenossen in der Stadt Palma auf der Insel Mallorka. Die zahlreiche jüdische Gemeinde dieser Stadt besaß viele Ländereien, welche der Gesamtgemeinde gehörten. Eine Straße der Stadt führte einen jüdischen Namen Berg Zion (Monte Zion), worin eine große Synagoge erbaut war; außerdem besaß sie noch ein kleineres Bethaus. Einzelne Juden und jüdische Gesellschaften hatten Landgüter bei Palma. Bei der Einnahme derselben nahm Jayme der Gemeinde und einzelnen manche Besitztümer und schenkte sie dem Dominikanerorden. Auch die große Synagoge wurde ihnen entrissen und in eine Kirche verwandelt, das erstemal auf spanischem Boden, daß der Staat Eingriffe in die heiligste Angelegenheit der Juden gemacht hat.

Und überall gestaltete sich der von Innocenz ausgegangene feindselige Geist, von den Dominikanern angefacht, zu harten Gesetzen gegen sie. Auf zwei Kirchenversammlungen von Frankreich, in Rouen und bei Tours (1231)60, wurden die judenfeindlichen Bestimmungen des Laterankonzils wiederholt, und auf der letzteren noch eine Beschränkung hinzugefügt, Juden nicht als Zeugen gegen Christen zuzulassen, »weil von den Zeugnissen der Juden viel Übel entstehe«; solches wurde als Grund angegeben. Es war ein Rückfall in die barbarische Zeit der spanischen Westgoten (Bd. V3, S. 62); allein was dort zunächst für getaufte Juden galt, wurde nun auf Juden überhaupt ausgedehnt. In dieser Zeit empfanden die Juden die über sie verhängte Entwürdigung umsomehr, als sie auf einer höheren Kulturstufe standen und mehr Selbstgefühl hatten als früher.

Die engherzige Gesinnung der Kirche gegen die Juden wirkte wegen der ausgedehnten Macht des Papsttums seit Innocenz sogar auf die an den Ufern der unteren Donau und der Theiß wohnenden Juden. In Ungarn waren sie sehr früh angesiedelt (Bd. V3, S. 303) und aus dem byzantinischen und chazarischen Reiche dahin eingewandert. Da es unter den herrschenden Magyaren auch viele Heiden und Mohammedaner gab, so mußten die Könige gegen dieselben duldsam sein; ohnehin war ihr christliches Bekenntnis nur oberflächlich, noch nicht in [26] Gesinnung und Denkweise eingedrungen. In Ungarn hatten die Juden daher von jeher die Münzpacht des Landes und standen mit ihren deutschen Brüdern in Verbindung61. Bis ins dreizehnte Jahrhundert waren die Juden, so wie die Mohammedaner auch Salz- und Steuerpächter des Staates und verwalteten überhaupt königliche Ämter62. Auch Mischehen zwischen Christen und Juden kamen häufig vor, da die Kirche noch nicht festen Fuß in diesem Lande gefaßt hatte. Diese Ehrenstellung der Juden in einem, wenn auch nur halbchristlichen Lande konnte das Papsttum nicht dulden; sie war ihm ein Dorn im Auge. Als daher der König Andreas, welcher mit den Magnaten des Landes im Streit und ein Freiheitsdiplom (Charta) zu erlassen gezwungen war, sich an den Papst Gregor IX. wandte, drang dieser darauf, in einem Schreiben an Robert, Erzbischof von Gran, den König zu nötigen, Juden und Mohammedanern die öffentlichen Ämter zu entziehen63. Andreas hatte sich anfangs dem päpstlichen Willen gefügt, aber nicht Ernst damit gemacht, wohl weil er die jüdischen Beamten und Pächter nicht entbehren konnte. Dafür, sowie wegen anderer kirchlicher Beschwerden verhängte auf Befehl des Papstes der Erzbischof von Granden Bann über den König und seine Anhänger (anfangs 1232)64. Durch Quälereien aller Art gezwungen, mußte endlich Andreas nachgeben, und ebenso wie Raymund von Toulouse feierlich versprechen (1233), daß er die Juden und Sarazenen nicht mehr zu Ämtern zulassen, nicht christliche Leibeigene in deren Besitz dulden, die Mischehen nicht gestatten und endlich sie zwingen würde, ein Abzeichen zu tragen. Denselben Eid, Andersgläubige zu demütigen, mußten auf Geheiß des päpstlichen Legaten der Kronprinz Bela, der König von Slavonien, sämtliche Magnaten und Würdenträger des Reiches leisten65.


Fußnoten

1 Sein Geburts- und Todesjahr gibt sein Enkel an (bei Deï Rossi, Meor Enajim c. 25 und in Goldbergs Einleitung zu Abrah. Maim. Responsen, Birchat Abraham); sein Todesjahr setzt Ibn-Abi Osaibija (bei de Sacy, Abdellatif p. 490 ins Jahr 640 Heǵira, d.h. 1254.


2 Bei de Sacy a.a.O.


3 Ein Fragment aus Alkafia in Kerem Chemed II, p. 8 ff.


4 Vgl. über Ibn-Aknin Munk, Notice sur Joseph ben Jehouda und Ersch und Gruber, Sektion II, T. 31, p. 50 ff. und über seine Verwechselung mit einem namensverwandten Zeitgenossen, Neubauer in Frankel-Graetz Monatsschr., Jahrg. 1870, S. 348 ff.


5 Epistolae Innocentii III. ed. Baluz, T. I, 540, No. 302.


6 Hebräische Chronik in Band VI3, S. 337, Nr. 15.


7 Epistolae Innoc. VIII., No. 186 ed. Bréquigny in dessen Diplomata, T. II. p. 610 ff.


8 Das. L. VIII, No. 5 in Baluz Edition T. II, p. 696 ff.


9 Das. L. X., No. 61 ed. Baluz, T. II, p. 33. Es geht aus dieser Epistel hervor, daß die Juden damals noch in Frankreich Bodenbesitz haben durften: Judaei – cum villas, praedia et vineas emerint.


10 Epistolae Innoc. Liber X, No. 190 bei Baluz, T. II, p. 123.


11 Vaisette, histoire de Languedoc. T. III, preuves p. 378: articuli in quibus errant moderni Haeretici; 10, dicunt quod lex Judaeorum melior est quam lex Christianorum.


12 Epistolae Innocentii III., L. XII, No. 108 ed. Baluz.


13 Mansi Concilia T, XXII, p. 770 ff., 775, 782.


14 Vgl. die Notiz Bd. VI3, S. 338, Nr. 17.


15 Das.


16 Das. # ןוגי תנש, d.h. die Zahl 69 = 4969 = 1209 Ch.


17 Mansi concilia a.a.O. p. 801. Jourdain, recherches p. 200 ff.


18 Masi das. p. 785 f. Canon II et III.


19 Rymer, foedera I, p. 95. Tovey, Anglia judaica p. 55, 61.

20 Tovey a.a.O. dilectus et familiaris noster.


21 Das. a.a.O. p. 63 vom Jahre 1200.


22 Das. p. 65.


23 Das. p. 67.


24 Matthaeus Paris, historia major ad annum 1210, Tovey a.a.O. p. 69.


25 Itinerarium sive epistola Samuelis ben Simson, Carmoly, Itinéraires p. 127 ff. Vgl. Bd. VI3, S. 338, Nr. 19.


26 Itinerarium a.a.O.


27 Hebräische Chronik, vgl. Bd. VI3, S. 339, Nr. 20.


28 Annales Toledanos bei Florez, España sagrada T. XXII, p. 395 und sämtliche spanische Historiker.


29 Vgl. Bd. VI2, S. 227.


30 Mansi Concilia, T. XXI, p. 850, Canon II.


31 Vgl. Bd. VI3, S. 339 f., Nr. 21.


32 Die 46 Kanones dieses Konzils bei Mansi, a.a.O., enthalten kein Statut gegen die Juden.


33 Vgl. Bd. VI3, S. 340 f., Nr. 23.


34 S. Bd. V3, S. 59.

35 Die Paragraphen oder Kanones des Laterankonzils die Juden betreffend bei Mansi a.a.O., T. XXII, p. 1055 ff. S. Bd. VI3, S. 341.


36 Abulwahid bei Munk, Notice sur Joseph ben Jehuda p. 40 ff.


37 Honorius' Sendschreiben in Baronius (Raynaldus) annales ecclesiastici ad annum 1217, No. 86.


38 Vgl. Bd. VI3, S. 341, Nr. 25.


39 Das.


40 Honorius' Sendschreiben in Baronius (Raynaldus) annales ecclesiastici ad annum 1220, No. 49. S. B. VI3, S. 339, Nr. 21. Über die Befreiung der Juden in Kastilien vom Tragen des Judenzeichens (im Jahre 1219) vgl. De los Rios I, S. 554.


41 Honorius' Sendschreiben No. 49.


42 Das. zum Jahre 1221, No. 48.


43 Concilium Oxoniense bei Mansi Concilia T. XXII, p. 1172 f.


44 Das. Canon 29: et quoniam supra statuta juris non habeant a nobis foveri (Judaei), utpote qui per multa enormia his diebus commissa probantur nobis ingrati.


45 Mansi concilia p. 1168.

46 Vgl. Kurz, Österreich unter Ottokar und Albrecht I., T. II, p. 21 ff.


47 Die Beschlüsse dieser Synode (ם"וש תונקת דעו) sind enthalten in Respp. Meïr von Rothenburg gegen Ende p. 112 a ff., ferner in Respp. Mose Menz No. 202, zum Teil auch No. 10, p. 18, und in Salomo Lurias Kommentar: המלש לש םי zu Jebamot IV, No. 18. An den ersten zwei Stellen lautet das Datum: סקתת = 1220, Mose Menz Nr. 10 und Luria, welche das Responsum von Meïr Rothenburg ursprünglicher zitieren, haben dagegen das Datum genauer und richtiger: וניתובר ודעונ טרפל ג"פקתתב זומתב; demnach drei Jahre später. Die Namen sind dieselben; nur fehlen in der letzten Stelle einige. An der ersten muß es heißen, wie in den zwei übrigen: ירזעה יבא הדוהי 'ר ןב ןטקה רזעילא, d.h. ירזע יבא יולה לאוי ןב רזעילא.


48 David ben Kalonymos wird zitiert in Tossafot Kétubot 4 b, kommt öfter vor in Respp. Meïr von Rothenburg No. 572, 752, 872, auch im Verzeichnis bei Salomo Luria, s. Bd. VI3, S. 332; vgl. Asulaï Schem-ha-Gedolim, p. 46, No. 47. Auch eine Korrespondenz zwischen ihm und Samuel ben Baruch in den Respp. gedruckt in der Jesnitzer Edition von Maimunis Jad II., Nr. 35.


49 Sefer ha-Chochma vgl. Asulaï S. 38, Nr. 45, 46.


50 Vgl. Bd. VI3, S. 230, Respp. Chajim Elieser Or-Sarua Nr. 39.


51 Verf. des talmudischen Werkes Seder Olam, Asulaï, S. 95, Nr. 14. Dieser Simcha ist zu unterscheiden von Simcha de Vitry, dem Verf. des Machsor Vitry, einem Jünger Raschis. Über den ersteren vgl. Respp. Meïr von Rothenburg Nr. 927-932 und Respp. Chajim Or-Sarua Nr. 26, 56.


52 Asulaï s.v. Er war von mütterlicher Seite Enkel des Elieser ben Nathan (ן"באר).


53 de Laurière, Ordonnances des rois de France de la troisième race T. 1, p. 47 ff.


54 Concilium Narbonense bei Mansi concilia XXIII, p. 21 f.


55 Das. p. 165.


56 Schmidt, Geschichte Frankreichs I. S. 507.


57 Acta Sanctorum (Bollandisten) ad 27, Januar, T. 1, p. 212 b, 419 a.


58 Baronius annales ad annum 1229, No. 60.


59 Dieser Bachiel kommt in allen Chroniken vor, welche über Jayme I. oder die Belagerung Mallorkas berichten. In Bernard Gomez Miedes' vita et res gestae Jacobi I. heißt es: Protinus nuntium cum equitibus decem et Hebraeo quodam Caesaraugustano, nomine Bachiel, linguae Arabicae perito, ad illum (Retaboigum regem insulae) misit Jacobus (in Schotts Hispania illustrata III, p. 439 b). Eine alte Chronik aus dem Archiv von Valencia: Chronica del rey Jaime (gedruckt Valencia 1557) nennt diesen Bachiel bei derselben Gelegenheit: un jueu de Çaragoça havia nom Don Bachiel (p. 82); ein andermal Alfaqui per nom Don Bachiel (p. 87). Dieselbe kennt auch aus einer Urkunde seinen Bruder Salomo (p. 40): al alfaqui noster de Çaragoça per nom Don Salomo germa (d.h. hermaño) de Bachiel. Es ist nun kein Zweifel, daß diese Brüder Bachiel und Samuel identisch sind, mit ייחב und seinem Bruder Salomo, welche in dem maimunistischen Streit in Saragossa Partei für Maimuni genommen haben: 'רו ייחב 'ר םיאישנה םימכחה ןב השמ 'ר אפורה ברה אישנה תחפשממ ... םיאפורה המלש (ינטנטשנקלא) וניטנוקלא. Ihr Familienname war demnach Alkonstantini. Über die Einnahme von Mallorka Mut, historia del Regno de Mallorca p. 301. Vgl. Kayserling: Juden in Navarra usw., p. 159 ff.


60 Mansi concilia T. XXIII, p. 229, No. 49 und p. 239, No. 31-33.


61 Respp. R. Meïr von Rothenburg Nr. 903, 904, vgl. Zunz, zur Geschichte und Literatur S. 537.


62 Sendschreiben des Königs Andreas in Baronius annales ad an. 1233. No. 52: Judaeos, Saracenos – – non proficiemus nostrae camerae monetae, salibus collectis vel publicis officiis, nec associabimus praefectis etc.


63 Baronius ad ann. 1231, No. 34, 41.


64 Das. ad. ann. 1232, No. 18 f.


65 Das. ad. ann. 1233, No. 52, 54.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 28.
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