5. Kapitel. Das Zeitalter Ben-Adrets und Ascheris. (1270-1327.)

[135] Neue Märtyrer in Deutschland. Die letzte Judenfeindlichkeit Ludwig des Heiligen und die erste seines Sohnes. Die Juden in Ungarn und Polen. Das Ofener Konzil. Die Juden Spaniens. Alfonso der Weise und Don Zag de Malea. Don Sancho und die Judensteuer. Seelenzahl der kastilianischen Gemeinden. Die Juden Portugals. Salomo Ben-Adret, sein Charakter und sein Ansehen. David Maimuni und die ägyptischen Gemeinden. Aaron Halevi. Raymund Martin gegen das Judentum. Ben-Adret als Apologet. Neue Bewegung gegen die maimunische Richtung. Mose Taku. Meïr von Rothenburg. Salomo Petit und seine Wühlereien gegen Maimunis Schriften. Der Exilarch Jischaï ben Chiskija. Die italienischen Juden. Die jüdischen Leibärzte Faraǵ und Maestro Gajo. Die rabbinischen Autoritäten Italiens Jesaja de Trani und andere. Die gelehrte Frau Paula. Hillel aus Verona. Serachja ben Schaltiel. Neue Verketzerung der maimunischen Schriften in Akko. Heftige Reibungen in Akko durch die Exilsfürsten gedämpft. Salomo Petit gebrandmarkt.


Wollte die jüdische Geschichte den Chroniken, Memorbüchern und Martyrologien folgen, so müßte sie ihre Blätter mit Schilderungen von Blutströmen füllen und als Anklägerin gegen eine Lehre auftreten, welche Fürsten und Völker zu Henkersknechten und Blutschergen förmlich erzogen hat. Denn vom dreizehnten bis zum sechzehnten Jahrhundert nahmen die Judenverfolgungen und Judengemetzel in erschrecklicher Steigerung zu und wechselten nur mit unmenschlichen geistlichen und weltlichen Gesetzgebungen ab, die alle darauf hinausliefen, die Juden zu demütigen, zu brandmarken und sie zum Selbstmorde zu treiben. Die Schilderung des Propheten von dem Märtyrertume des Gottesknechtes, des messianischen Volkes, erfüllte oder wiederholte sich in grausiger Buchstäblichkeit: »Es ward gedrückt und gepeinigt und öffnete seinen Mund nicht. Wie ein Lamm ward's zur Schlachtbank geführt, und wie ein Schaf vor den Scherern verstummt, öffnete es den Mund nicht. Der Herrschaft und des Rechts ward es beraubt – – von den Sünden der Völker kamen ihm Plagen zu«1. Die europäischen [135] Völker stellten einen förmlichen Wetteifer an, Grausamkeiten an den Juden zu üben, und immer waren es die Geistlichen, welche im Namen einer Religion der Liebe diesen bodenlosen Haß anschürten. Straffe Regierung oder Anarchie, die Juden litten unter der einen nicht weniger als unter der anderen.

In Deutschland wurden sie durch die Wirren, welche nach dem Tode Kaiser Friedrichs II. bis zur Kaiserkrönung Rudolfs von Habsburg zwischen den Waiblingern und Welfen entstanden, zu Tausenden hingeschlachtet. Es fielen alljährlich Märtyrer bald in Weißenburg, Magdeburg, Arnstadt, bald in Koblenz, in Sinzig, Erfurt und anderen Orten. In Sinzig wurde die ganze Gemeinde am Sabbat in der Synagoge verbrannt2. Es gab christlich-deutsche Familien, die ihren Ruhm darein setzten, Juden zu verbrennen und sich mit Stolz Judenbreter (Judenbrater) nannten3. Die Vertreter der Kirche sorgten ihrerseits dafür, daß ihre Beichtkinder nicht etwa durch näheren Umgang mit den Juden in ihnen Menschen erkennen und ihr Herz dem Mitleid zugänglich machen sollten. In Wien kam während der deutschen Kaiserwirren eine große Kirchenversammlung zusammen (12. Mai 1267) unter dem Vorsitz des päpstlichen Legaten Gudeo. Die meisten deutschen Kirchenfürsten beteiligten sich daran und wendeten auch den Juden ihre Sorge zu. Sie bestätigten feierlichst jene Gesetze, welche Innocenz III. und seine Nachfolger zur Brandmarkung der Juden eingeführt hatten4. Juden dürften keine christlichen Dienstboten halten, zu keinem Amte zugelassen werden, nicht mit Christen in den Schänken und Bädern zusammenkommen, und Christen sollten keine Einladung von Juden annehmen, nicht mit ihnen disputieren. Als wollten die Deutschen beweisen, daß sie in Verachtung der Juden die übrigen Nationen noch übertreffen könnten, begnügten sich die Mitglieder des Wiener Konzils nicht mit der Bestimmung, daß die deutschen Juden einen Flecken an dem Oberkleid tragen sollten, sondern sie zwangen ihnen eine entstellende, den Spott der Gassenbuben herausfordernde Kopfbedeckung auf, spitze, gehörnte Hüte oder Kappen (Pileum cornutum), damit sie dadurch unter Christen leichter erkennbar seien. Blutige Verfolgungen waren die natürlichen Folgen solcher Ausschließung. In Weißenburg wurden von neuem sieben [136] fromme Männer ohne die geringste Schuld gefoltert und getötet (13. Tammus = 23. Juni 1270)5. Der Poetan Joez ben Malkiel setzte den Märtyrern in einem Klageliede ein Denkmal.

In Frankreich brauchte die Geistlichkeit nicht erst durch Drohungen die Fürsten zur Demütigung der Juden aufzustacheln. Der heilige Ludwig sorgte selbst dafür. Ein Jahr vor seinem abenteuerlichen Zug nach Tunis, wo er seinen Tod fand, schärfte er auf Anraten seines vielgeliebten Pablo Christiani, des jüdischen Dominikaners, das kanonische Edikt vom Tragen der Abzeichen ein und bestimmte, daß sie von rotem Filz oder safrangelbem Tuch in Form eines Rades an dem Oberkleide auf Brust und Rücken getragen werden sollten, »damit die Gebrandmarkten von allen Seiten erkannt werden sollten.« Jeder Jude, der ohne dieses Zeichen betroffen würde, sollte beim ersten Male sein Oberkleid verwirken und beim zweitmaligen Vergehen zehn Livres Silber Strafgeld an den Fiskus zahlen (März 1169)6. Die nordfranzösischen Juden, an Mißhandlung gewöhnt und gewissermaßen abgestumpft,[137] ließen es sich gefallen; aber nicht so die provenzalischen Juden, welche, gebildet und im innigen Verkehr mit gebildeten Christen, diese Schmach nicht ertragen konnten. Sie hatten sich bis dahin des Abzeichens erwehrt und glaubten es auch dieses Mal hintertreiben zu können. Die südfranzösischen Gemeinden schickten daher Deputierte zu gemeinsamer Beratung, und diese wählten zwei angesehene Männer, Mardochaï ben Joseph aus Avignon und Salomo aus Tarascon, welche sich an den Hof begeben und die Rücknahme des Gesetzes erwirken sollten. Anfangs waren die jüdischen Delegierten glücklich, sie kehrten mit der freudigen Nachricht zurück, daß das Edikt vom Tragen der Abzeichen aufgehoben sei. Aber der Nachfolger Ludwigs, der ebenso bigotte und beschränkte Philipp III., führte es ein Jahr nach der Thronbesteigung wieder ein (1271). Die Dominikaner hatten ihr Augenmerk darauf gerichtet, daß es nicht übertreten werde. Einige angesehene Juden, Mardochaï aus Avignon und andere, die sich der Schande nicht fügen mochten, wurden verhaftet. Das Judenabzeichen blieb seitdem auch in Frankreich in Kraft, bis die Juden aus diesem Lande ausgewiesen wurden.

Bis an die Grenzscheide von Europa und Asien verfolgte die Kirche die Söhne Jakobs mit ihrem Hasse. Die Ungarn und Polen, welche ihre naturwüchsige Wildheit und ihr kriegerisches Ungestüm noch nicht abgelegt hatten, brauchten die Juden noch viel mehr, als die mittel- und westeuropäischen Völker und Staaten. Mit ihrem industriellen Sinn und ihrer praktischen Geschicklichkeit haben die Juden den Produktenreichtum der Länder an der niederen Donau, an der Weichsel und an beiden Seiten der Karpathen ausgebeutet, nutzbar gemacht und ihm erst Wert verliehen. Trotz des Eifers, mit dem das Papsttum die Verwendung der Juden zu Ämtern, zur Salz-, Münz- und Steuerpacht in Ungarn zu hintertreiben suchte (o. S. 27), konnte es sie aus dieser Stellung nicht verdrängen, weil sie unersetzlich waren, sollte der Reichtum des Landes nicht brach liegen. Der ungarische König Bela IV., Andreas' II. Nachfolger, zog wieder jüdische Pächter heran, wozu ihn die Notwendigkeit trieb, da das Land durch die Verheerungen der Mongolen verarmt war. Bela führte auch für die Juden seiner Länder jenes Gesetz Friedrichs des Streitbaren von Österreich ein, [138] welches sie vor Willkür des Pöbels und der Geistlichkeit schützen und ihnen eigene Gerichtsbarkeit und eigene innere Verwaltung einräumen wollte7. Das Papsttum richtete aber sein Augenmerk auf die Karpathenländer, teils um einen Kreuzzug gegen die Mongolen zu entzünden und teils um die schismatischen Anhänger der griechischen Kirche durch List und Gewalt zum römischen Stuhle herüberzuziehen. Es sandte seine geistlichen Heerscharen dahin, die Dominikaner und Franziskaner, welche ihre fanatische Unduldsamkeit den bis dahin glaubenslauen Magyaren mitteilten. So kam denn auch eine große Kirchenversammlung in Ofen zusammen (September 1279)8, zusammengesetzt aus ungarischen und südpolnischen Kirchenfürsten, und diese verhängte unter dem Vorsitz des Legaten Philipp für Ungarn, Polen, Dalmatien, Kroatien, Slavonien, Lodomerien und Galizien über die Juden dieser Länder die Ächtung, welche die Kirche mit eisernem Willen durchzusetzen so sehr bemüht war. Juden und andere Bewohner des Landes, welche sich nicht zur römischkatholischen Kirche bekannten, sollten von jeder Steuerpacht und jedem Amte entfernt werden. Bischöfe und andere höhere oder niedere Geistiche, welche die Einkünfte von ihren Ländereien an Nichtkatholiken verpachteten, sollten von ihrer geistlichen Würde suspendiert und Weltliche, welches Standes auch immer, so lange im Kirchenbanne bleiben, bis sie die jüdischen Pächter und Angestellten entfernt und Bürgschaft geleistet hätten, däß sie fernerhin solche nicht mehr annehmen wollten, »weil es sehr gefährdend ist, daß Juden mit christlichen Familien zusammen wohnen, an den Höfen und in den Häusern mit ihnen verkehren«. Auch bestimmte die Ofener Synode, daß die Juden beiderlei Geschlechts in dem ungarischen Gebiete (Ungarn und den südpolnischen Provinzen) ein Rad von rotem Tuche auf dem Oberkleide an der linken Seite der Brust tragen und sich nie ohne dieses Abzeichen blicken lassen sollten. Denjenigen, welche nach einer bestimmten Frist ohne diesen [139] Flecken betroffen würden, sollten Christen, bei Vermeidung schwerer Kirchenstrafe, kein Feuer und Wasser reichen und überhaupt jeden Verkehr mit ihnen abbrechen. – Für den Augenblick war die Ausschließung der Juden in Ungarn und Polen aus der christlichen Gesellschaft von keiner Bedeutung, da sie diese Ausschließung nicht bloß mit den Mohammedanern, sondern auch mit den schismatischen Griechisch-Katholischen teilten. Auch diese durften zu keinem Amte zugelassen werden9. Mohammedaner sollten ebenfalls ein Abzeichen tragen, aber nicht von roter, sondern von gelber Farbe. Die Magyaren und Polen waren aber damals noch nicht verkirchlicht genug, um auf die gehässigen Spitzfindigkeiten der Welt- und Klostergeistlichkeit einzugehen, denen Feuer und Wasser zu versagen, welche keinen roten oder gelben Flecken trugen. Erst über ein halbes Jahrhundert später trug die böse Aussaat giftige Früchte. Der letzte König aus Arpads Geschlechte, Ladislaus IV., bestätigte diese absondernden Synodalstatuten für Ungarn.

Dasselbe Verhältnis fand auch im äußersten Westen Europas, auf der pyrenäischen Halbinsel statt. Weil hier ebenfalls neben Christen und Juden auch Mohammedaner wohnten, konnte die Kirche mit ihrer Unduldsamkeit nicht durchdringen, und sie war nicht imstande, die Juden so leicht zu demütigen. Hier kam noch hinzu, daß die Juden vermöge ihrer höheren Bildung und ihrer Teilnahme an allen inneren und äußeren Vorgängen den Feindseligkeiten ihrer Gegner entgegenwirken konnten. Alfonso der Weise, König von Kastilien, hatte zwar selbst in sein Gesetzbuch den Ausschluß der Juden von Staatsämtern aufgenommen. Nichtsdestoweniger fuhr er fort, Juden wichtige Funktionen zu erteilen. Don Zag (Isaak) de Malea, Sohn Don Meïrs (o. S. 115), ernannte er zum königlichen Schatzmeister. Er wurde zwar von dem Papste Nikolaus III. hart getadelt (1279), enthob sie aber darum doch nicht ihrer Ämter. Wenn er auch einst gegen Don Zag erbittert wurde und seinen Unmut die Juden überhaupt empfinden ließ, so geschah dies nicht aus Rücksicht auf die Kirche, sondern es entsprang aus unglücklichen Familienverhältnissen. Don Zag hatte nämlich bedeutende Geldsummen des Staates in Verwahrung, welche der König zu einem Feldzug gegen die Mauren in Andalusien bestimmt hatte. Der Infant Don Sancho, welcher gegen seinen Vater feindselig gestimmt war und für seine mit ihrem Gatten zerfallene Mutter Partei genommen hatte, zwang den jüdischen Schatzmeister. [140] ihm die öffentlichen Gelder auszuhändigen; er wollte sie zugunsten seiner Mutter verwenden. Der König Alfonso, aufs äußerste erzürnt darüber, ließ, um dem Sohne einen Denkzettel zu geben, Don Zag plötzlich verhaften, in Ketten legen und gefesselt grade durch die Stadt führen, in welcher sich der Infant damals befand. Vergebens bemühte sich Don Sancho, den jüdischen Almoxarifen, der seinetwegen unschuldig litt, zu befreien; Alfonso ließ ihn gerade deswegen hinrichten (1280)10. Er ließ sogar sämtliche Juden Kastiliens seinen Unmut über diese Tat eines ihrer Stammesgenossen büßen, die kaum als ein Vergehen betrachtet werden kann. Der »weise« König Alfonso erteilte Befehl, sie sämtlich an einem Sabbat einzukerkern, und legte ihnen auf, bis zu einer bestimmten Frist 12000 Maravedis jeden Tag als Strafgelder zu zahlen11. Die Gemeinden mußten also den geleerten Staatsschatz füllen. Indessen bekam die Gewalttat an Don Zag dem König sehr übel. Sein Sohn war darüber so sehr erbittert gegen ihn und fühlte sich über Don Zags Mißhandlung und Hinrichtung persönlich so sehr verletzt, daß er sich offen gegen ihn empörte und den größten Teil des Adels, des Volkes und der Geistlichkeit auf seine Seite zog. Der unglückliche König, der bei seiner Thronbesteigung so hochfliegende Träume hegte und als erwählter deutscher Kaiser eine Weltmonarchie zu gründen hoffte, fühlte sich in seinen alten Tagen so verlassen, daß er sich weinend an einen mohammedanischen Fürsten wandte, ihm hilfreich beizustehen, »da er im eigenen Lande keinen Schutz und keinen Verteidiger finde«.

Die Lage der Juden unter Don Sancho, welcher nach seines Vaters vor Harm erfolgtem Tode den Thron bestieg, war eine leidliche, aber von Launen abhängige. Er scheint einen Sohn des hingerichteten Don Zag mit dem Amte des Almoxarifen betraut zu haben12. Dieser König ließ zuerst die Judensteuer (Juderia) für die Gemeinden Neukastiliens, Leons, Murcias und der neuerworbenen Provinzen in Andalusien (la Frontera) regulieren. Bis dahin hatte jeder Jude für sich und seine Familie eine Kopfsteuer (Encabezamiento), drei Maravedis (30 Dineros, ungefähr 1/2 Taler) – zur Erinnerung an die Verschuldung an Jesu [141] Tod durch dreißig Silberlinge – auf den Kopf zu zahlen. Don Sancho ließ Gemeindedeputierte in Huete zusammentreten, bestimmte die Durchschnittssumme, welche jeder Landstrich an die königliche Kasse zu zahlen hatte, und überließ es den Deputierten, die Verteilung auf die Gemeinden und Familien selbst zu regeln (Sept. 1290)13. Für die neuerworbenen Teile in Andalusien bestand die Kommission aus vier [142] Männern, Don Jakob Jahion (wahrscheinlich aus Sevilla), Don Zag Abenazot aus Xeres, Don Abraham Abenfar aus Cordova (der Name des vierten ist ausgefallen). Sollten diese sich über die Verteilung nicht einigen können, so seien der Gemeindevorstand (Aljama) von Toledo und namentlich der alte David Abudarham, gewiß eine damals geachtete Person, zu Rate zu ziehen. – Die Juden des Königreichs Kastilien, deren Seelenzahl sich damals auf ungefähr 850000 belief, zahlten 2780000 Maravedis (ungefähr 460000 Taler) Steuern, teils Kopfsteuer und teils Dienststeuer (Servicio?). Es bestanden damals in diesen Ländern über achtzig jüdische Gemeinden, von denen die bedeutendste in der Hauptstadt Toledo war, welche mit einigen nahe liegenden kleinen Städten 72000 Juden zählte und jährlich 216500 Maravedis (36000 Taler) aufbringen mußte. Größere Gemeinden waren noch in Burgos, ungefähr 29000 Seelen (mit 87760 Maravedis Kopfsteuer), Carrion 24000 Seelen, ferner Cuenca, Valladolid, Avila. In Madrid, das damals noch keine Bedeutung hatte, wohnten auch schon über 3000 Juden. – Besonders begünstigte Juden pflegte der König von der Steuer zu befreien, was aber zu Streitigkeiten Anlaß gab, indem der Ausfall von solchen, gewöhnlich wohlhabenden, Personen der Gesamtgemeinde und den minder Begüterten zur Last fiel.

Im Mittelalter war trotz der derben Gläubigkeit das Geld nicht minder der Nerv aller Verhältnisse; da das Finanzwesen der Staaten nicht geordnet war, so nahm der König das Geld da, wo er es vorfand. Die Cortes von Valladolid (1293) hatten sich beklagt, daß die Juden viel Landbesitz an sich brächten, und daß der Fiskus darunter litte. Darauf erließ Sancho ein Dekret, daß sie keine Grundstücke von Christen erwerben und sogar die bereits durch Schuldverfall ihnen überlassenen Güter innerhalb eines Jahres verkaufen sollten14. Auf Antrag derselben Cortes und der Prokuratoren von Leon verfügte Don Sancho auch, daß die Gemeinden dieses Königreiches nicht mehr eigene Richter (Alcaldes) haben, sondern den Landestribunalen unterworfen sein sollten15. Beide Verfügungen waren aber nicht von langer Dauer. Noch waren die spanischen Juden einflußreich genug, um solche schikanierende Gesetze rückgängig machen zu können.

Günstig gestellt waren die Juden in dieser Zeit in dem jungen Königreich Portugal unter den Königen Alfonso III. (1248-1279) und Diniz (1279-1325). Nicht nur wurden sie von den kanonischen Gesetzen.[143] den Zehnten an die Geistlichen zu zahlen und ein Abzeichen zu tragen, befreit, sondern hervorragende Personen unter ihnen wurden sogar zu höheren Ämtern befördert. Der König Diniz hatte einen jüdischen Schatzmeister, namens Juda, Großrabbiner von Portugal (Arraby moor), der so reich war, daß er eine bedeutende Summe zum Ankauf einer Stadt vorschießen konnte. An aufrührerischen Geistlichen, welche vom Papsttume aufgestachelt wurden, die Landesgesetze nach den kanonischen Beschlüssen abzuändern, fehlte es zwar auch hier nicht, was einen harten Kampf zwischen dem Königtum und dem Klerus entzündete – Juden und Mohammedaner wurden beauftragt, die Strafen zu vollstrecken16. Um indessen Frieden mit der zänkischen Kirche zu haben, fügte sich der König Diniz und führte die kanonischen Gesetze ein, aber es war ihm nicht Ernst damit.

So hatten die Juden auf der pyrenäischen Halbinsel trotz der überhandnehmenden Eingriffe der Kirche, trotz ihres bösen Willens, sie zu erniedrigen, und trotz der fanatischen Predigten und Disputationen der Bettelmönche noch immer einen bedeutenden Vorsprung vor denen der übrigen europäischen Länder. Hier pulsierte das geistige Leben noch immer am kräftigsten, die Gestaltung des Judentums ging endgültig von hier aus, Fragen von Bedeutung wurden hier aufgeworfen, verhandelt, mit Leidenschaftlichkeit erörtert und entschieden. Um den Lehrinhalt des Judentums wurde hier gekämpft, und die Errungenschaften der spanischen Juden gingen erst allmählich an die der übrigen Länder und Erdteile über. Durch einen Rabbiner von bedeutender Geisteskraft wurde Spanien wieder, wie in der vormaimunischen Zeit, für zwei Jahrhunderte zum Mittelpunkt der Judenheit erhoben. Dieser Rabbiner war Salomo ben Abraham Ben-Adret aus Barcelona (abgekürzt Raschba, geb. um 1245, st. 1310)17. Er war ein Mann von [144] scharfem und hellem Verstande, von sittlichem Ernst, inniger und unerschütterlicher Gläubigkeit, von milder Gemütsart und dabei von energischem Charakter, vermöge dessen er das für recht Befundene mit Beharrlichkeit ausführte. Er vereinigte in sich die Sanftheit Nachmanis mit der Festigkeit des R' Jona Gerundi, seiner beiden Hauptlehrer18. Der Talmud mit seinen labyrinthischen Gängen und versteckten Winkeln, mit allen Erläuterungen und Zusätzen der spanischen und französischtossafistischen Schule lag für Ben-Adret wie eine Kinderfibel offen, und er beherrschte diesen spröden Stoff mit einer Leichtigkeit, welche die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregte. Sein gerader Sinn schützte ihn aber vor jener sophistischen Klügelei, welche bereits anfing, in der Behandlung des Talmuds Mode zu werden. Ben-Adret drang bei talmudischen Erörterungen stets in den Kern der Frage ein, ohne sich auf Plänkeleien und Abschweifungen einzulassen. Als geborener Spanier war er von allgemeinem Wissen nicht ganz entblößt und versagte der Philosophie seine Achtung nicht, freilich nur, so lange sie bescheiden auftritt, den Lehrinhalt der Religion anerkennt und sich nicht zur Meisterin aufwirft. Es war auch ihm ein inneres Bedürfnis, die anstößigen Agadas ihrer plumpen Redeweise zu entkleiden und sie vernünftig zu erklären; seine Erklärungen19 haben teilweise einen philosophischen Anstrich. Wenn er aber die Philosophie nur geduldet wissen wollte, so hatte er vor der Kabbala tiefen Respekt, schon darum, weil sein Lehrer Nachmani ihr so sehr gehuldigt hatte, er gestand aber, wenig [145] davon zu verstehen, und behauptete, seine Zeitgenossen, die sich damit befaßten, seien ebensowenig darin eingeweiht, und ihre angebliche Überlieferung sei eitel Aufschneiderei. Er wollte die Kabbala nur geheim (esoterisch) gehalten und nicht öffentlich gelehrt wissen20. Ben-Adrets starke Seite war indes der Talmud; dieser war ihm, wie seinen Lehrern, der Anfang und das Ende aller Weisheit. In ihm lebte er mit seiner ganzen Seele. Jeder talmudische Ausspruch schien ihm ein unergründlicher Born tiefster Kunde; um ihn zu erforschen, müsse man sich vollständig in ihn versenken. Vom Talmud war ihm wieder der halachische Teil viel wichtiger als der agadische; er schrieb Kommentarien zu den meisten talmudischen Traktaten (Chiduschim)21, die sich durch Tiefe und Klarheit auszeichnen. Im vorgerückten Alter legte er ein umfassendes Werk an, um ein praktisches Bedürfnis zu befriedigen. In dem Jahrhundert, seitdem Maimuni seinen Religionskodex zusammengestellt hatte, war das halachische Material durch die Forschungen der Tossafistenschule und zuletzt durch Nachmani und R' Jona abermals so sehr angewachsen, erweitert, berichtigt und geläutert worden, daß Alfaßis Halachasammlung und selbst Maimunis umfassenderes Werk als ungenügend erkannt wurden. Freilich hielten sich die Rabbinen mittleren Schlages, welche kein eigenes Urteil hatten, noch immer an die gangbaren Gesetzbücher22. Die urteilsfähigen Talmudisten dagegen erkannten wohl, daß die bisherigen Hilfsmittel nicht ausreichten und daß namentlich die Ergebnisse der tossafistischen Leistungen hinzugezogen werden müßten. Das Bedürfnis nach einem neuen Gesetzeskodex war fühlbar. Diesem Mangel wollte nun Salomo Ben-Adret abhelfen. Er stellte die Halachas über Speise-, Ehe- und Sabbatgesetze übersichtlich mit gründlicher Berücksichtigung des Talmuds und der rabbinischen Vorgänger und mit kritischer Abwägung des Für und Wider zusammen23.

[146] So war der Mann beschaffen, welchem die Aufgabe zufiel, in einer tiefbewegten Zeit das Panier des Judentums emporzutragen und den Ausschreitungen nach beiden Seiten hin, nach der philosophischen und kabbalistischen, entgegenzutreten. Vierzig Jahre24 galt der Rabbiner von Barcelona als höchste Autorität in religiösen Angelegenheiten innerhalb der Judenheit25, nicht bloß in Spanien, sondern auch im übrigen Europa und bis nach Asien und Afrika hin. Aus Frankreich, Deutschland, Böhmen, Italien, selbst aus dem palästinensischen St. Jean d'Acre (Akko) und aus Nordafrika ergingen Anfragen an ihn26. Jünger aus Deutschland saßen zu seinen Füßen27, um von ihm die Auslegung des Talmuds zu hören, was um so merkwürdiger ist, als die deutschen Rabbinen stolz auf ihre Erbweisheit waren und keinem anderen Lande den Vorzug vor ihren Lehrhäusern einräumen wollten. Als Maimunis Enkel, David, in Not geriet, wendete er sich an Ben-Adret, ihm Beistand zu leisten. Der ägyptische Sultan Kilawun war nämlich von der seit der Zeit Saladins eingeführten Regel, Juden und Christen zu Ämtern zuzulassen, abgewichen. Er erließ eine Verordnung, daß dieselben nunmehr in keinerlei Verwaltungszweig angestellt und die Angestellten aus demselben entfernt werden sollten28. Seine Unduldsamkeit wurde nur von seiner Habgier übertroffen. David Maimuni (geb. 1223, st. 1300)29, welcher, wie sein Vater und Großvater, Vorsteher sämtlicher ägyptischer Gemeinden war (Nagid), wurde von boshaften Feinden beim Sultan verleumdet und eines unbekannten Vergehens angeschuldigt. Er tat zwar die Verleumder in den Bann, scheint aber damit keinen Erfolg erzielt zu haben. Jedenfalls versprach sich David [147] mehr davon, wenn der Sultan durch Geldsummen beschwichtigt werden könnte. Er wendete sich daher an Ben-Adret und klagte ihm sein Leid, und dieser war gleich bereit, ihm zu dienen. Er sendete einen Sammler, Simson ben Meïr aus Toledo, mit einem Schreiben an die spanischen Gemeinden, und diese schossen freudig bedeutende Summen für den Enkel des so hochverehrten Maimuni zusammen30. Wo irgendein Ereignis von Wichtigkeit innerhalb der Judenheit vorfiel, wendete man sich an Ben-Adret, um sich bei ihm Rates zu holen oder seine Mitwirkung zu beanspruchen.

Das ungeteilte Ansehen, das der Rabbiner von Barcelona genoß, kann seinen Grund nicht bloß in dessen umfassendem rabbinischen Wissen gehabt haben; denn es gab zu seiner Zeit sehr viel selbständige gelehrte Rabbinen, und auch in Spanien hatte er seinesgleichen. Sein Studiengenosse und Landsmann, Aaron Halevi, war ein ebenso gründlicher Talmudist, verfaßte ebenfalls talmudische Werke und stand ihm an anderweitigem Wissen nicht nach. Aaron ben Joseph aus Barcelona, aus einer angesehenen Familie, ein Nachkomme des Serachja Halevi aus Lünel und Jünger Nachmanis (geb. um 1235, st. nach 1300)31, schrieb Kommentarien zum Talmud und zu Alfaßi und kritisierte Ben-Adrets praktisch-halachische Werke (Bedek ha-Bajit) mit [148] der Schonung des höheren Alters. Nichtsdestoweniger war dieser so empfindlich darüber, daß er in einer Rechtfertigungsschrift (Mischméret ha-Bajit) seinen literarischen Gegner nicht sehr glimpflich behandelte. Aaron Halevi war ebenfalls bemüht, in seinen Talmudkommentarien die Agadas annehmbar und vernünftig zu erklären. Den Auferstehungsglauben legte er auf eine eigentümliche, der damaligen Zeit wenig zusagende Weise zurecht. Da der Mensch nun einmal aus Leib und Seele bestehe und ohne Körper gar nicht gedacht werden könne, so müsse man annehmen, daß zur Auferstehungszeit die Verstorbenen wieder einen Leib annehmen und überhaupt menschlich, mit Sinneswerkzeugen versehen, leben würden. Der Leib werde aber nach Erreichung einer hohen Geistesstufe sich wandeln und häuten, werde eine ätherische Natur annehmen, so daß der seelisch und körperlich geläuterte Mensch imstande sein werde, wie Elia, in die Gottesnähe zu kommen und die himmlische Herrlichkeit zu schauen32. Auch Aaron Halevi genoß zu seiner Zeit hohes Ansehen, wurde zum Rabbiner der größten Gemeinde Spaniens ernannt, weilte aber nur kurze Zeit in Toledo und wurde im höheren Alter berufen, das Rabbinat von Montpellier und der Umgegend zu bekleiden. Auch er hatte einen Kreis von begabten Jüngern um sich. Und dennoch behielt Ben-Adret die ausschließliche Führerschaft über die nahen und fernen Gemeinden. Dieser Vorzug ist ihm aber wegen seines unermüdlichen Eifers eingeräumt worden, mit dem er das Judentum gegen Angriffe, mochten sie von innen oder von außen gekommen sein, zu verteidigen bestrebt war.

Die verderbenschwangere Wolke, welche sich über die Juden der pyrenäischen Halbinsel zwei Jahrhunderte später ergießen sollte, fing schon in Ben-Adrets Zeit an, sich in dunkeln Streifen zu sammeln. Die Mittel, welche der fanatische Dominikanergeneral Raymund de Penjaforte zur Bekehrung der Juden geschaffen hatte, begannen ins Leben zu treten. Die Versuche der westgotisch-spanischen Zeit, einerseits durch judenfeindliche Schriften auf die Fürsten und Gesetzgeber einzuwirken und anderseits die Juden von ihrem Glauben abtrünnig zu machen, sollten sich im großen wiederholen. Aus der Anstalt, welche Raymund de Penjaforte gegründet hatte, um die Dominikanermönche mit der [149] jüdischen und arabischen Literatur als Mittel zur Bekehrung vertraut zu machen, ging ein Mönch hervor, welcher zu allererst in Europa Waffen der Gelehrsamkeit zur Bekämpfung des Judentums geschliffen hat. Raymund Martin, der lange in einem Kloster zu Barcelona gelebt hatte, schrieb zwei Bücher voller Feindseligkeit gegen das Judentum, welche schon durch ihre Titel andeuten, daß gegen dessen Bekenner Pritsche und Schwert angewendet werden sollten: Kappzaum für die Juden und Glaubensdolch (capistrum Judaeorum und pugio fidei)33. Martin war in der biblischen und rabbinischen Literatur, die er sicherlich von einem getauften Juden, vielleicht von Pablo Christiani, erlernt hatte, gründlich unterrichtet und war überhaupt der erste Christ, der noch gründlicher als der Kirchenvater Hieronymus das Hebräische verstand. Die Schriften der Agada, Raschis, Ibn-Esras, Maimunis und Kimchis las er geläufig und benutzte daraus, was ihm zweckdienlich schien, um nachzuweisen, daß Jesus nicht nur in der Bibel, sondern auch in den rabbinischen Schriften als Messias und Gottessohn angekündigt sei. Natürlich betonte Raymund Martin die Behauptung, daß die jüdischen Gesetze, wenngleich von Gott geoffenbart, nicht für die Ewigkeit gegeben seien und zur Zeit des Messias überhaupt ihre Geltung einbüßen würden, und zog dafür Scheinbeweise aus der talmudischagadischen Literatur heran34. Er behauptete auch, die Talmudisten hätten den Text der Bibel gefälscht35, und begründete diese schon früher geltend gemachte Anschuldigung durch einen lächerlichen Beweis, weil der Talmud zu mehreren Schriftversen einfach bemerkt, ihr Sinn sei anders zu fassen, als der Text aussage, dieser sei von den Soferim, Esras Mitarbeitern, um nicht lästerliche und unanständige Ausdrücke von Gott zu gebrauchen, geflissentlich geändert worden (Tikkun Soferim).

Obwohl Raymund Martins »Glaubensdolch« nicht gar fein und spitz geschliffen war, die Schrift viel mehr so geistlos gehalten ist, daß sie gar nicht verführerisch wirken konnte, so machte sie doch durch die darin entfaltete Gelehrsamkeit einen großen Eindruck. Durch die beigefügte lateinische Übersetzung der hebräischen Texte wurden Christen zum ersten Male in das Innere der jüdischen Gedankenwelt eingeführt, die für sie bis dahin ein undurchdringliches Geheimnis war. Kampflustige Dominikaner holten sich aus dieser vollgespickten Rüstkammer die Waffen und [150] führten damit Hiebe, die dem oberflächlich Blickenden als Streiche in die Luft vorkommen mochten, von Salomo Ben-Adret aber als nicht ungefährlich betrachtet wurden. Er hatte öfter Unterredungen mit theologisch gebildeten Christen und, wie es scheint, mit Raymund Martin selbst, hörte diese und jene Behauptung, diesen und jenen Beweis für die Göttlichkeit des Christentums, daß dieses das Judentum vollständig überwunden und aufgehoben habe, und fürchtete, die Schwachmütigen und Urteilslosen könnten sich dadurch zum Austritt aus dem Judentume verleiten lassen. Um dem entgegenzuwirken, verfaßte er eine kleine Schrift36, worin in kurzen Sätzen alles dasjenige widerlegt wird, was christlicherseits damals gegen das Judentum geltend gemacht wurde37. Ben-Adret rechtfertigte zuerst den Satz, daß die Christen kein [151] Recht hätten, die Riten des Judentums – wenn sie die sinaitische Offenbarung als eine geschichtliche Wahrheit anerkennen und nicht, wie die Philosophen, verwerfen – teils als nur auf eine bestimmte Zeit gegeben (bis zu Jesu Ankunft) zu beschränken, teils sie ihres natürlichen Sinnes zu entkleiden und in Allegorien (Typen) umzudeuten. Er löste die Scheinbeweise auf, welche Raymund Martin und andere aus der talmudischen Literatur dafür geführt haben, daß die Religionsgesetze des Judentums einst außer Kraft gesetzt werden würden, und betonte wiederholentlich den Umstand, daß an vielen Stellen der Bibel ihre ewige Gültigkeit besonders hervorgehoben wird. – Die lange Dauer der Leiden Israels in der Zerstreuung seit der Zerstörung des zweiten Tempels sei durchaus nicht als Strafe wegen Jesu Verwerfung anzusehen38. Treffender als die Verteidigung sind Ben-Adrets Angriffe auf die Manier des Raymund Martin, christliche Dogmen aus der Bibel und Talmud zu beweisen. Wenn dieser behauptete, in den Worten: »Höre, Israel, Jahwe unser Gott, Jahwe ist einzig« liege die Dreieinigkeit ausgesprochen, und wenn er noch eine Agadastelle als Stütze dazu heranzog39, so war es für Ben-Adret nicht schwer, die Sinnlosigkeit solcher Beweisführung aufzudecken. In dieser Widerlegung und Rechtfertigung zeigte Ben-Adret eine bewunderungswürdige Milde und Ruhe; es entfuhr ihm keine scharfe und leidenschaftliche Äußerung.

Herber ist indes seine Polemik gegen einen mohammedanischen Schriftsteller, der mit rücksichtsloser Kritik gegen alle drei geoffenbarten Religionen zugleich, Judentum, Christentum und Islam, zu Felde zog, und dessen Kampfesart sich recht geschickt gegen schwache Punkte richtete. Dieser unbekannte Kritiker hatte unter anderem behauptet, die Thora sei während eines mehr als tausendjährigen Zeitraums gar nicht in den [152] Händen des Gesamtvolkes, sondern lediglich in denen der Hohenpriester gewesen. Die israelitischen Könige hätten nun in dieser Zeit nicht nur die Propheten verfolgt, sondern auch die Thora verstümmelt und entstellt; ja, sie sei ganz vergessen gewesen, bis sie erst durch Esra dem Volke zugänglich gemacht worden sei. Die Grundwahrheit des Judentums beruhe daher nur auf einzelnen Zeugen und sei überhaupt zweifelhafter Natur. Ferner machte er geltend, daß das gegenwärtige Judentum eine ganz andere Gestalt habe, als zur Zeit der Könige und des Tempelbestandes; das gäben sogar die Juden zu, wie ja bekanntlich das Gebet gar nicht in der Thora vorgeschrieben, sondern erst in späterer Zeit zur Pflicht gemacht worden sei. – Ben-Adret gehörte nicht zu den selbstgenügsamen Rabbinen, welche Angriffe auf ihre Religion mit verächtlichem Stillschweigen übergehen. Er trat auch dieser Herausforderung mit Mut entgegen und verfaßte eine eigene Schrift dagegen (Maamar al Ismael)40. Seine Widerlegung geht von dem Gesichtspunkte aus, welcher in der Nachmanischen Schule am schärfsten betont wurde, daß die erste Kundgebung des Judentums, die sinaitische Offenbarung, nicht auf einem einzigen Zeugen, auf der Verkündigung eines Propheten beruhe, sondern auf mehr denn 600000 Zeugen, dem ganzen Volke, welches mit sinnlichen Organen und geistigem Verständnis die Zehnworte am Sinai vernommen und sich zugleich von der Glaubwürdigkeit der Sendung Moses überzeugt hätte. Das sei aber der Grundzug des Judentums, daß es neben dem Glauben auch die Prüfung und Bewährung heische, daß es einem einzigen Zeugen, und wäre dieser auch der bewährteste Prophet, nicht unbedingten Glauben einräume, wenn sich dessen Verkündigung nicht anderweitig auf überzeugende Weise dargetan habe. Ben-Adrets Verteidigung ist aber schwach; sie beweist die Richtigkeit der Bibel aus der Bibel und bekämpft den kritischen Gegner mit talmudischen Waffen. Er bewegte sich darin stets im Kreise; er hat nach dieser Seite keinen glänzenden Sieg gefeiert.

Bedeutender als nach außen war Ben-Adrets Wirksamkeit innerhalb der Judenheit. Denn seine Zeit war eine tiefbewegte, in welcher der Scheidungsprozeß zwischen Wissenschaft und Glauben merklicher vor sich ging, die Frömmigkeit sich immer mehr von dem Denken, das Denken immer mehr von der Religion trennte. In den heißen Kampf der Meinungen und Glaubensansichten mischte sich auch die immer kühner auftretende Kabbala und warf ihre Schlagschatten auf den nur noch halberhellten Grund des Judentums. Die Streitfrage, ob Maimuni [153] Ketzereien geschrieben oder nicht, ob seine philosophischen Schriften zu meiden oder gar zum Scheiterhaufen zu verdammen seien, oder ob sie als eine ganz vorzügliche Norm des jüdisch-religiösen Bewußtseins Beherzigung verdienten, diese Frage entbrannte von neuem und entzweite die Gemüter. In Spanien und Südfrankreich war zwar mit der feierlichen Reue des ehemaligen Gegners R' Jona I. der Streit erloschen. Die Rabbinen dieser Gemeinden waren seit der Zeit voll Verehrung für Maimuni und gebrauchten mit mehr oder weniger Geschicklichkeit und Gedankenklarheit seine Ideen als unbestreitbar zur Kräftigung der Religion. Selbst die strenggläubigsten Talmudisten in Spanien und der Provence redeten Maimunis Sprache, so oft sie die Glaubensansichten auseinanderzusetzen hatten. Aber auf einem anderen Schauplatze tauchte der Streit für und gegen Maimuni wieder auf. In den deutschen und italienischen Gemeinden erhitzte er von neuem die Gemüter, wälzte sich wieder bis nach Palästina und zog gewissermaßen die Gesamtjudenheit in seinen Kreis. Die deutschen Juden, welche bisher gar keinen Sinn für Wissenschaft zeigten41, ihr Denken in den engen Kreis des Talmuds einsponnen und von der Bewegung der Geister in Montpellier, Saragossa und Toledo keine Kunde hatten, auch nicht einmal ahnten, daß Maimuni neben seinem Religionskodex (den sie anerkannten) auch Schriften zweideutigen Inhaltes hinterlassen habe, die deutschen Juden wurden aus ihrem glaubensseligen Schlummer geweckt und über die Tragweite der maimunischen Religionsphilosophie bedenklich gemacht.

Der Urheber neuer Erbitterung war ein gelehrter Talmudist, Mose ben Chasdaï Taku42, (blühte 1250-90); er lebte in Regensburg und Wiener Neustadt, wo er starb. Ein Buchstabengläubiger [154] der wunderlichsten Art, war ihm die philosophische und gedankenmäßige Auffassung der Judentums gleichbedeutend mit Leugnung der Thora und des Talmuds. Taku bemerkte, das Bibelwort und die Agada sprächen von der Gottheit wie von einem Wesen mit bestimmter Gestalt. Darum dürfe man daran nicht mäkeln, sondern müsse annehmen, daß von ihr wohl ausgesagt werden dürfe, sie habe Bewegung, Gehen, Stehen, Zorn und Wohlwollen. Wer solches leugne, sei ein Ketzer43. Taku war sehr folgerichtig in seiner Gegnerschaft. Er verketzerte nicht bloß Maimuni (dessen philosophische Ansichten er nicht einmal aus dem »Führer« kannte, sondern lediglich aus Partien im Religionskodex) und nicht bloß Ibn-Esra, sondern auch den Gaon Saadia, weil dieser durch seine philosophischen Schriften zuerst dieser Richtung Bahn gebrochen habe. Von ihm sei diese neue Lehre ausgegangen, welche in jüdischen Kreisen bis zu seiner Zeit unerhört gewesen44. Aus Saadias philosophischen Schriften hätten erst die Späteren den Unglauben eingesogen45. Er nennt Saadia unehrerbietig, einen Armen an Geist, der die Worte der Schrift und des Talmuds geleugnet46. Taku stellte daher Saadia und Maimuni mit Ibn-Esra auf eine Linie und sagte von ihnen, daß sie die Leute irregeführt und selbst fromme Männer verleitet hätten47. Ja, von einem richtigen Instinkt geleitet, behauptete er, daß diese Männer den Weg der Karäer eingeschlagen hätten48. Jeder fromme Jude, der an die schriftliche und mündliche Lehre glaube, müsse [155] sich daher von deren Torheit fernhalten49. Dagegen verwarf Taku die mystischen Schriften und das die Gottheit plump verkörpernde Buch von dem Maße Gottes (Schiur-Koma), betrachtete es als untergeschoben, da im Talmud keine Rücksicht darauf genommen werde, und meinte, die Karäer hätten es aus Bosheit eingeschwärzt50. Mose Taku stand gewiß mit seiner wunderlichen Ansicht nicht vereinzelt unter den deutschen Rabbinen.

Sie, die an derselben Brust genährt waren, stimmten ohne Zweifel mit ihm vollständig überein; nur hatten nicht alle den Mut oder die Gewandtheit, den Kampf mit den geharnischten Vertretern der philosophischen Richtung aufzunehmen. Der angesehenste unter ihnen war R' Meïr ben Baruch aus Rothenburg an der Tauber51, der noch die letzten Strahlen der untergehenden Tossafistenschule aufgefangen hat. Er war Jünger des Samuel Sir Morel aus Falaise (o. S. 109) und des Isaak Or-Sarua aus Wien und stand mit den Jüngern des Sir Leon von Paris in Verbindung. Er war wohl der erste offizielle Großrabbiner des deutschen Reiches, vielleicht gar vom Kaiser Rudolf, dem ersten Habsburger, dazu ernannt52. R. Meïr (geb. um 1230, st. 1293) hatte seinen Rabbinatssitz in Rothenburg, Kostnitz, Worms und zuletzt in Mainz53. Er verfaßte mehrere talmudische [156] Schriften und beschäftigte sich ausnahmsweise auch mit Massora54. Obwohl er halb und halb noch zu den Tossafisten gezählt wird, so zeugen seine Arbeiten doch mehr von umfassender Gelehrsamkeit, als von durchdringendem Scharfsinn. Mit Ben-Adret hält er keinen Vergleich aus. Dennoch galt er in Deutschland und Nordfrankreich als Autorität. Von vielen Seiten ergingen daher Anfragen an Meïr von Rothenburg. Seine Frömmigkeit war übertriebener Art. Die französischen Rabbinen hatten gestattet, im Winter am Sabbat die Zimmer durch Christen erwärmen zu lassen. Meïr von Rothenburg mochte den Sabbat auch auf indirekte Weise nicht entweihen lassen. Er verrammelte sogar die Ofentüre in seinem Hause, um der zuvorkommenden Dienerin, welche ihm mehrere Male ungeheißen den Ofen geheizt hatte, zu wehren55. Überhaupt waren die deutschen Juden viel skrupulöser als die anderer Länder und fasteten noch immer den Versöhnungstag zwei Tage hintereinander56. Eine rabbinische Berühmtheit war zu seiner Zeit für Ostdeutschland Abigedor ben Elia Kohen in Wien, Schwager des Mose von Coucy (o. S. 57), der, ebenfalls ein Jünger französischer Rabbinen, Tossafot verfaßte oder sammelte und, eine geachtete Autorität, gutachtliche Bescheide erteilte. Ehrend äußerte sich Meïr von Rothenburg über ihn in einer Erwiderung auf eine Anfrage der Wiener Gemeinde an ihn: »Ihr habt in dem Kohen die Bundeslade und den Brustschild in eurer Mitte, wozu fragt ihr bei mir an?«57.

Wie sich die deutschen Rabbinen zu der von Mose Taku neu angeregten Verketzerung der Wissenschaft und Maimunis verhielten, ist zwar nicht beurkundet, läßt sich aber ohne weiteres aus einem Vorgange folgern, der auf einem andern Schauplatze viel Ärgernis hervorrief. – Ein französischer oder rheinländischer Kabbalist, der nach Jean d'Acre (Akko) ausgewandert war, namens Salomo Petit58, war von fast noch größerem Eifer als Mose Taku beseelt. Er machte sich zur Lebensaufgabe, den Brand zu einem neuen Scheiterhaufen für die maimunischen Schriften anzuschüren und auf dem Grabe der Philosophie die Fahne der[157] Kabbala aufzupflanzen. In Akko hatte er einen Kreis von Jüngern um sich, die er in die Geheimlehre einweihte und denen er wunderliche Geschichtchen erzählte, um die Philosophie zu verdächtigen. Als einst jemand die Geistestiefe des Begründers der Philosophie (Aristoteles) bewunderte und meinte, daß er fast ein Gottesmann gewesen sei, teilte Salomo Petit eine Fabel, die er als wahr bezeugte, von ihm mit. Derselbe sei so wenig einem Gottesmanne ähnlich gewesen, daß er sich vielmehr durch seine Unsittlichkeit fast zum Tier erniedrigt habe. Aristoteles sei nämlich in die Frau seines Zöglings, des Königs Alexander von Mazedonien, verliebt gewesen und habe ihr unziemliche Anträge gemacht. Um ihn zu beschämen, habe sie ihm Befriedigung seiner Brunst unter der Bedingung versprochen, daß er auf allen Vieren auf der Erde herumkröche. Aristoteles sei darauf eingegangen und sei nun plötzlich in dieser beschämenden Haltung von Alexander überrascht worden, der von seiner Frau zu diesem Schauspiele bestellt worden sei. Ob Salomo Petit dieses Märchen erfunden oder nacherzählt hat, ist gleichgültig; es war darauf angelegt, seinen Zuhörern einen Abscheu vor der Philosophie beizubringen, deren Hauptvertreter unkeusche Gefühle, unwürdig eines Weisen, gehegt hätte. Akko war damals ein Nest von Kabbalisten und Finsterlingen, unter denen die Jünger Nachmanis die Oberhand hatten. Obwohl die Tage dieser Stadt – der letzte Rest des zusammengeschmolzenen christlichen Königreichs von Jerusalem – gezählt waren, geberdeten sich doch dort die Mystiker, als wenn ihnen die Ewigkeit zugeteilt gewesen wäre. Salomo Petit glaubte, so festen Boden gefunden zu haben, daß er sich mit dem Plane hervorwagen durfte, neuerdings das Verdammungsurteil über die maimunischen Schriften zu verkünden, das wissenschaftliche Studium zu verpönen und die Männer der freien Forschung in den Bann zu tun. Besonders gegen Maimunis »Führer« (Moré) war sein Fanatismus gerichtet; er verdiente nach seiner Meinung, wie ketzerische Schriften dem Gebrauche entzogen zu werden. Für diese Verketzerung warb er in Palästina Anhänger. Wer würde sich nicht fügen, wenn die Stimme des heiligen Landes sich hätte vernehmen lassen? Wer wollte rechtfertigen, was dieses verdammt habe? Allein der Eiferer Salomo Petit fand unerwarteten Widerstand.

Es stand damals an der Spitze der morgenländischen Gemeinden ein tatkräftiger Mann, Jischaï ben Chiskija, der sich von den Machthabern den Titel Fürst und Exilarch (Resch-Galuta) zu verschaffen gewußt hatte. Die Gemeinden Palästinas, soweit dieses im Besitze der Mohammedaner und des ägyptischen Sultans Kilavun war, gehörten natürlich zu seinem Sprengel und er beanspruchte auch [158] Gehorsam von der Gemeinde Akkos, obwohl dieses den Kreuzfahrern gehörte. Der Exilfürst Jischaï war voll Verehrung für Maimuni und befreundet mit dessen Enkel, dem ägyptischen Nagid David (o. S. 147). Sobald er Kunde von dem Treiben des Salomo Petit, des Mystikers von Akko, erhielt, richtete er ein drohendes Sendschreiben an ihn und bedeutete ihn, er würde ihn in den Bann tun, falls er ferner nur ein Wort des Tadels gegen Maimuni und seine Schriften laut werden lassen sollte. Mehrere Rabbinen, welche Jischaï zum Beitritt aufgefordert hatte, sprachen sich in demselben Sinne aus. Allein Salomo Petit war nicht der Mann, sich von Hindernissen bewältigen zu lassen. Er unternahm eine weite Reise nach Europa, hielt sich in den größeren Gemeinden auf, entwickelte vor den Rabbinen und angesehenen Männern die Gefährlichkeit der maimunischen Schriften, imponierte ihnen durch seine kabbalistische Geheimlehre und wußte manche zu überreden, sich ihm anzuschließen und in eigenhändig beglaubigten Urkunden auszusprechen, daß die philosophischen Schriften Maimunis Ketzereien enthielten, beseitigt oder gar verbrannt zu werden verdienten und von keinem Juden gelesen werden dürften. Nirgends fand Salomo Petit mehr Anklang, als unter den deutschen Rabbinen, welche durch Mose Takus wissensfeindliche Schrift gegen Maimuni und die freie Forschung eingenommen waren. Sie unterstützten ihn mit Handschreiben, selbst solche, welche früher dem Exilarchen Jischaï zugestimmt hatten59.

Des Beistandes der deutschen und einiger französischen Rabbinen versichert, trat Salomo Petit seine Rückreise über Italien an und suchte auch da Parteigänger zu werben: allein hier fand er am wenigsten Anklang, denn wie Maimuni neue Gegner in Deutschland fand, so fand er neue und warme Verehrer in Italien. Die italienischen Gemeinden, welche bis dahin mit den deutschen an Unkunde jeder Art gewetteifert hatten, erwachten gerade damals aus ihrer Unwissenheit, und ihr eben geöffneter Blick wendete sich dem Lichte zu, das von Maimuni ausgegangen war. Ihre politische Lage war nicht ungünstig, ja sie waren im Weichbilde des Petristuhles damals günstiger gestellt, als die Juden in Mitteleuropa. Wie die deutschen Kaiser aus dem Hause der Hohenstaufen durch ihren steten Blick auf Italien in Deutschland wenig heimisch waren und wenig galten, so hatten auch die Päpste durch ihre ewige Einmischung in die Welthändel Einbuße an Ansehen auf ihrem eigenen Gebiete erlitten. Die kanonischen Gesetze gegen die Juden sind nirgends so ohne weiteres unbeachtet geblieben, wie in Italien. Die kleinen [159] Staaten und Staatengebiete, in welche damals das Land zerfiel, waren zu eifersüchtig auf ihre Freiheiten, als daß sie der Geistlichkeit Ein flußauf die inneren Angelegenheiten gestattet hätten. So hat die Stadt Ferrara ein Statut für die Juden erlassen, das ihnen viele Freiheiten einräumte und einen Zusatz enthielt, daß der Magistrat (podestà) weder durch den Papst noch sonst jemanden losgesprochen werden dürfe, diese Freiheiten aufzuheben60. Die kanonischen Gesetze gegen die Juden wurden wenig beachtet, niemand zwang sie, ein Abzeichen zu tragen. Nicht nur der König von Sizilien, Karl von Anjou, hielt sich einen jüdischen Leibarzt, Faraǵ Ibn-Salomo, dessen Name als Gelehrter (unter dem Namen Farragut) auch in christlichen Kreisen einen guten Klang hatte61, sondern selbst der Papst übertrat die kanonische Satzung, sich von Juden keine Medikamente reichen zu lassen. Einer der vier Päpste, welche in dem kurzen Zeitraum von dreizehn Jahren (1279 bis 1291) regierten, vertraute seinen heiligen Leib der Behandlung eines jüdischen Leibarztes Isaak ben Mardochaï an, der Maestro Gajo betitelt wurde62.

Der Wohlstand, welcher in Italien infolge der weitausgedehnten Handelsbeziehungen herrschte, und der Sinn für Kunst und Poesie, der sich damals in der Jugendzeit des Dichters Dante zu regen begann, wirkten auch auf die italienischen Juden ein und weckten sie aus dem bisherigen schlafähnlichen Zustande.

Auch in Italien entwickelten sich die Anfänge einer höheren jüdischen Kultur aus der Vertiefung in den Talmud. Erst in diesem Jahrhundert begannen die italienischen Juden, sich eifrig auf den Talmud zu verlegen, und es trat infolgedessen eine Reihe bedeutender Talmudisten auf. Der Hauptanreger des tiefern Talmudstudiums in Italien war [160] Jesaja da Trani der Ältere (blühte um 1232 bis 1270)63, der tossafistische Kommentarien zum Talmud schrieb und sich auch mit Bibelauslegung befaßte. Er galt bei den Späteren als eine hochverehrte Autorität für rabbinische Entscheidungen. Sein gelehrter Sohn David und sein Tochtersohn Jesaja der Jüngere, von dem er prophetisch verkündigt haben soll, er werde sein Erbe in der Talmudkunde sein64, setzten seine Wirksamkeit als bedeutende Talmudlehrer fort, und seine Nachkommen blieben bis ins siebzehnte Jahrhundert diesem Studium treu. Meïr ben Mose in Rom und Abraham ben Joseph in Pesaro hatten zahlreiche Talmudjünger in ihren Lehrhäusern65. In Rom lehrten den Talmud Nachkommen des berühmten Nathan Romi, Verfassers des talmudischen Lexikons Aruch (B. VI3, S. 70), Abraham und Jechiel dei Mansi, beide zugleich Ärzte. Ein Sohn des ersteren, namens Zidkija ben Abraham verfaßte ein Sammelwerk für Ritualien (Schibole ha-Leket)66, das in den Kreis der Studien aufgenommen wurde und als geachtete Quelle gilt. Zidkija ben Abraham stand mit den deutschen Rabbinen, mit Meïr von Rothenburg und Abigedor Kohen in Wien in lebhaftem Verkehr67. Selbst eine Frau aus dieser gelehrten Familie dei Mansi, Paula, Tochter Abrahams und Gattin eines Jechiel, hatte biblische und talmudische Kenntnisse und kopierte Kommentarien zur heiligen Schrift (1288) in sauberen und feinen Zügen, die noch heute bewundert werden68.

Für die Förderung des höheren Wissens wirkten Maimunis philosophische Schriften auf den Sinn der italienischen Juden ein. Sie fingen in dieser Zeit an, sich ernstlich mit dem »Führer« zu beschäftigen; kundige [161] Männer hielten Vorträge über dieses tiefe Buch69. Wenn auch die Anregung dazu schon von Anatoli ausgegangen sein mag (o. S. 86), so war Hillel aus Verona doch jedenfalls der Begründer und Verbreiter einer wissenschaftlichen Denkweise unter den italienischen Juden. Maimuni hatte keinen wärmeren Verehrer als diesen treuherzigen, tatkräftigen, etwas beschränkten, aber um so liebenswürdigeren Mann. – Hillel ben Samuel aus Verona (geb. um 1220, starb um 1295)70, eifriger Talmud jünger des R' Jona Gerundi (o. S.36) war weit entfernt, die Unduldsamkeit und Verketzerungssucht seines Lehrers zu teilen. Er war Zeuge von dessen aufrichtiger Zerknirschung wegen der fanatischen Schritte bei den Dominikanern gegen die maimunischen Schriften und faßte seitdem für Maimuni eine fast vergötternde Verehrung. Hillel überwand die talmudische Einseitigkeit und verlegte sich auch auf allgemeine Wissenschaften. Die lateinische Sprache eignete er sich – eine seltene Ausnahme in damaliger Zeit unter den Juden – so vollkommen an, daß er sie zu schriftstellerischen Zwecken zu gebrauchen verstand: er [162] übertrug eine chirurgische Schrift aus dieser Sprache ins Hebräische. Selbst Hillels hebräischer Stil wurde von dem lateinischen Satzbau beherrscht und gefärbt. Er schrieb eine schöne, durchsichtige, gedrungene hebräische Prosa, die er von der nichtssagenden Phrasenhaftigkeit und den überladenen Floskeln der damaligen Schreibweise frei machte. Seine Briefe und Abhandlungen sind Muster eines klaren, fließenden, die Gedanken rein widerspiegelnden Stiles. Er betrieb die praktische Arzneikunde zuerst in Rom, dann in Capua, Ferrara und im Alter in Forli.

Mit seinem ganzen Geiste vertiefte sich Hillel in Maimunis religionsphilosophische Schriften, ohne jedoch den Standpunkt der Gläubigkeit zu verlassen, den er vielmehr mit Zähigkeit festhielt. Ihm lösten sich die Wundererzählungen in Bibel und Talmud nicht in luftige Allegorien auf, sie sollten im Gegenteil ihren Charakter als Tatsachen behalten. Hillel betrachtete sogar diejenigen, welche die im Talmud erzählten Wunder leugneten, als Ketzer. Die agadischen Wunderlichkeiten bemühte er sich denkgläubig zu vermitteln71, und traf darin mit Abraham Maimuni in vielen Punkten zusammen. Freilich entging Hillels vermittelnder Standpunkt, hier das freie Denken und dort den Wunderglauben walten zu lassen, der Rüge nicht von denjenigen, welche, gleich ihm an Maimunis Philosophie geschult, nach Folgerichtigkeit strebten und an jedem Wunder, selbst in der Bibel, Anstoß nahmen. Solche konsequente Denker gab es damals in Italien zwei, einen geborenen Italiener Sabbataï ben Salomo aus Rom72 – ein zu seiner Zeit sehr angesehener Mann – und einen nach Rom eingewanderten Spanier Serachja ben Isaak aus der in Barcelona angesessenen berühmten Familie Ben-Schaltiel-Chen73 (Gracian?). Namentlich war der letztere, als Arzt und Kenner der aristotelischen Philosophie, ein leidenschaftlicher Gegner des Wunderglaubens. Serachja-Chen scheute sich nicht, es auszusprechen, was selbst Maimuni sich nicht ganz klar gemacht hatte, daß man das religionsphilosophische Denken und die Gottheit der Offenbarung (und der talmudischen Agada) streng scheiden müsse, weil sie sich miteinander nicht vertrügen. Die Vermischung dieser zwei grundverschiedenen Auffassungsweisen führe zu groben Irrtümern74. Ein nüchterner, wenn auch nicht origineller Denker, wollte [163] Serachja die als Tatsachen in der Bibel auftretenden Wunder rationalistisch auf natürliche Vorgänge zurückgeführt wissen. Darüber geriet er in eine heftige Fehde mit Hillel von Verona, welcher im Gegenteil an der Tatsächlichkeit der Wundererzählung festhielt. »Wenn du,« bemerkt er spöttisch gegen Hillel, »wenn du der freien Forschung den Buchstaben entgegensetzen willst, so wende dich von den Schriften über die Natur und Philosophie ab, hülle dich in den Gebetmantel, studiere mystische Schriften, vertiefe dich in die Geheimnisse des Buches der Schöpfung und in die Ungeheuerlichkeiten des Buches über Gottes körperliche Maße« (Schiur-Koma)75. In diesem Geiste erläuterte Serachja ben Schaltiel die heilige Schrift76; er ließ sie durchweg die Sprache der Zeitphilosophie reden. So verkehrt auch seine Schriftauslegung ist, so fand sie doch zu seiner Zeit in Italien vielen Beifall. Angesehene Männer der römischen Gemeinde ließen es sich angelegen sein, sich Abschriften davon zu machen77. Wie eifrig die italienischen Juden waren, sich in den Wissenschaften zu belehren, veranschaulicht eine Anekdote, welche ein italienisch-jüdischer Dichter mit vielem Witz erzählt. Ein jüdischer Gelehrter aus Toledo war mit achtzig Büchern wissenschaftlichen Inhalts, eine ansehnliche Bibliothek für jene Zeit, nach Perugia gekommen und übergab sie, um leichter seine Reise fortsetzen zu können, versiegelt zum Aufbewahren. Kaum war er fort, so konnte sich die Wißbegierde nicht enthalten, den Ballen zu erbrechen und sich an den Geistesschätzen zu vergreifen78. Der junge Dichter Immanuel Romi, der vielleicht dabei beteiligt war, sog mit aller Glut seines frischen Geistes die Säfte ein, welche Hillel von Verona und Serachja-Chen aus den maimunischen Schriften für die italienischen Juden flüssig machten.

Bei dieser Richtung des Geistes in den italienischen Gemeinden ist es erklärlich, daß der Kabbalist Salomo Petit auf seiner Missionsreise, um Anhänger zur Verketzerung Maimunis zu werben, in Italien keine Zustimmung fand. Der Fanatiker war auch klug genug, dort von seinem [164] Vorhaben nichts verlauten zu lassen79, hielt sich überhaupt nicht lange daselbst auf. – Als Salomo Petit mit dem maimunifeindlichen Schreiben deutscher Rabbinen in Jean d'Acre (Akko) angekommen war, beeilte er sich, seine Gesinnungsgenossen, welche durch die Drohung des fürstlichen Rabbiners von Damaskus eingeschüchtert waren, wieder zu ermutigen, zu neuem Kampfe aufzufordern und sie zu bestimmen, den Bann über die maimunisch-philosophischen Schriften auszusprechen. Die Kabbalisten dieser Gemeinde gingen bereitwillig darauf ein, verurteilten Maimunis »Führer« zum Scheiterhaufen und verhängten den Bann über alle diejenigen, welche sich fortan damit beschäftigen sollten. Die junge Kabbala fühlte sich bereits so kräftig, daß sie wähnte, sie werde den so fest wurzelnden Forschergeist innerhalb des Judentums bannen können. Von diesen Kabbalisten scheint die Schändung des maimunischen Grabmals in Tiberias ausgegangen zu sein. Statt der verherrlichenden Inschrift wurde eine andere gesetzt: »Mose Maimuni, ein Ketzer und Gebannter«80. Indessen war nicht die ganze Gemeinde von Akko mit dieser ruchlosen Verketzerung einverstanden; es gab auch dort warme Verehrer Maimunis und entschiedene Gegner unberufener Verdammungssucht. Es brach infolgedessen ein heftiger Streit im Schoße der Gemeinde aus, der zu Tätlichkeiten führte81. Die Nachricht davon verbreitete sich schnell über die Länder, welche mit Palästina in Verbindung standen, und rief allgemeine Entrüstung hervor. Hillel von Verona, welcher Zeuge der verderblichen Folgen war, die der Streit für und gegen Maimuni in Frankreich herbeigeführt hatte, entwickelte eine geschäftige Tätigkeit, einer Wiederholung derselben zu begegnen. Zunächst richtete er ein Sendschreiben an den Leibarzt des Papstes, Maestro Isaak Gajo, von dem er voraussetzte, daß er selbst ein Gegner der maimunischen Richtung wäre und daß er auf die römische Gemeinde Einfluß üben könnte, sich den verketzernden Kabbalisten in Akko anzuschließen. Er führte ihm in lebhafter Schilderung die bösen Folgen [165] vor die Seele, welche die Verdammung der maimunischen Schriften sechs Jahrzehnte vorher in der Provence gehabt hatte. Hillel setzte ihm auseinander, welche tiefe Reue der eifrigste Parteigänger gegen Maimuni, R' Jona Gerundi, empfunden habe. Er beschwor ihn, für die Ehrenrettung Maimunis einzutreten, und machte sich anheischig, diejenigen Stellen im »Führer«, welche Anstoß erregten und scheinbar Bibel und Talmud widersprächen, auf eine befriedigende Weise zu erklären. Hillel richtete auch an David Maimuni und an die Gemeinden von Ägypten und Babylonien (Irak) Sendschreiben und machte ihnen einen Vorschlag, um die Flamme der Zwietracht, welche sich an Maimunis Schriften entzündete und so oft wieder aufloderte, ein für allemal zu ersticken. Sein Plan ging dahin, die angesehensten Rabbinen der morgenländischen Juden sollten sich zu einer Synode in Alexandrien versammeln und die deutschen Rabbinen, welche Salomo Petit unterstützt hatten, zu einer Rechtfertigung vorladen. Sollten ihre Gründe stichhaltig befunden werden, daß Maimunis philosophische Schriften wirklich Ketzereien und Widersprüche gegen Bibel und Talmud enthielten (was ihm unbeweisbar schien), nun gut, dann sollen diese Schriften verurteilt und dem Gebrauche entzogen werden. Könnten die deutschen Rabbinen ihre Verketzerung nicht beweisen, dann sollten sie gezwungen werden, bei Strafe des Bannes sich dem allgemeinen Urteil von der Vortrefflichkeit des maimunischen »Führers« zu unterwerfen und nicht mehr mit ihrer Verdammung Streit und Spaltung erwecken. Die babylonischen Rabbinen, welche seit uralten Zeiten Autorität hatten, sollten das Urteil fällen. Hillel gedachte, sich selbst an dieser von ihm angeregten Synode aufs lebhafteste zu beteiligen82. An einen seiner Verwandten in Akko, welcher ein Parteigänger des Salomo Petit geworden war, richtete er eindringliche Ermahnungsschreiben, die schlechte Sache nicht zu unterstützen83.

Indessen bedurfte es nicht der Anregung von Europa aus und überhaupt nicht einer so krampfhaften Anstrengung, um das Werk der Finsterlinge in Akko zu stören. Salomo Petit und sein kabbalistischer Anhang standen gerade im Morgenlande vereinzelt. Sobald David Maimuni von der Brandmarkung seines Großvaters Kunde erhalten hatte, reiste er nach Akko84 und fand Unterstützung in dem Teil seiner Gemeinde, der der fanatischen Verketzerungssucht abhold war. Er richtete auch Sendschreiben überall hin, sich der Ehre seines Großvaters [166] gegen die jüdischen Dominikaner, die verketzernden, lichtfeindlichen Kabbalisten, namentlich gegen Salomo Petit anzunehmen. Und er fand überall Anklang. Der Exilsfürst von Mosul, namens David ben Daniel, der seinen Ursprung bis auf den König David zurückführte, das Oberhaupt jenseits des Tigris, bedrohte Petit mit dem schwersten Banne, falls er seine Wühlereien nicht einstellen sollte (Ijar 1289). Er warf ihm Ehrgeiz und Herrschsucht vor. Elf Mitglieder des Kollegiums unterzeichneten diese Bannandrohung gegen die Ketzerriecher von Akko. Auch der Exilsfürst von Damaskus, Jischaï ben Hiskija (o. S. 158), welcher schon früher die Wühler gegen Maimuni verwarnt hatte, trat tatkräftig gegen Salomo Petit auf. Mit seinem Kollegium von zwölf Mitgliedern sprach er den Bann aus (Tammus = Juni 1289)85, nicht gerade direkt über Salomo Petit und seine Parteigänger, sondern über alle diejenigen, welche unglimpflich von Maimuni sprechen oder seine Schriften verketzern sollten. Wer im Besitze von Maimuni feindlichen Schriftstücken wäre, sei gehalten, dieselben David Maimuni oder dessen Söhnen in der kürzesten Zeit auszuliefern, damit kein Mißbrauch damit getrieben werde. Wenn die zurzeit in Akko sich befindenden oder spätere Einwanderer sich dem Beschlusse des Exilsfürsten und seines Kollegiums nicht fügen sollten, so sei es jedem Juden gestattet, alle Mittel anzuwenden, um dieselben unschädlich zu machen und sogar sich des Armes der weltlichen Behörden dazu zu bedienen.

Diesem Banne zugunsten Maimunis schloß sich die schon damals bedeutende Gemeinde von Safet an. Ihr Rabbiner, Mose ben Jehuda Kohen, mit seinem Kollegium und einem Teile der Gemeinde von Akko wiederholten an Maimunis Grabe in Tiberias die Bannformel über diejenigen, welche in ihrer halsstarrigen Feindseligkeit gegen Maimuni verharren, die verketzernden Schriften nicht ausliefern und sich überhaupt dem Beschlusse des Exilsfürsten nicht fügen sollten. »Denn diejenigen, welche Zwiespalt in den Gemeinden erregen, leugnen die Thora, welche Frieden predigt, und höhnen Gott, welcher der Friede ist«86. Sämtliche Gemeinden und Rabbinen Palästinas nahmen für Maimuni Partei87. Auch die Vertreter der Gemeinde von Bagdad, welche sich damals in dem Glanze eines hochgestellten jüdischen Staatsmannes sonnte, und an ihrer Spitze das Oberhaupt des Lehrhauses, Samuel Kohen ben Daniel, sprachen sich in demselben Sinne aus (Tischri = Sept. 1289). Die Kabbalisten von Akko [167] waren in der öffentlichen Meinung verurteilt. Der Exilsfürst von Damaskus sorgte nämlich dafür, daß auch die europäischen Gemeinden Kunde davon erhielten. Die Urkunden zugunsten Maimunis wurden nach Barcelona, wahrscheinlich an Salomo Ben-Adret, befördert88. Der schreibselige Philosoph und Dichter Schem-Tob Falaquera nahm die günstige Gelegenheit wahr, um eine Schutzschrift89 für Maimunis »Führer« vom Stapel zu lassen, und gab anzuhören, daß nur wenige, sehr wenige, vielleicht nur ein einziger – der das religionsphilosophische Werk im Original zu lesen verstand – es zu würdigen wüßte. Aber in Spanien brauchte Maimuni keinen Anwalt mehr; dort wagte es damals selten einer, seine Bedeutung zu schmälern. Wenn die Frommen auch hin und wieder etwas an seinen Ansichten auszusetzen hatten, so zollten sie doch seinem Namen hohe Verehrung90.


Fußnoten

1 Jesaias 53, 7-8.


2 Mainzer Memorbuch, in Arnstadt 1264, in Koblenz 1265, in Sinzig 1266, s. Stobbe a.a.O. S. 282.


3 Herzog, Elsässische Chronik VI, S. 180.


4 Mansi, concilia XXIII, p. 1174 ff. (Joseph Wertheimer) Juden in Österreich l. S. 84.


5 Über dieses Martyrium berichtet das Mainzer Memorbuch 'ו םוי זומתב ג"י יששה ףלאל 'לב קרובנשיו יגורה 'ר הרמ התימבו ןישק ןירוסיב וכו יתנ םיקידצ העבש ולא (?ג) וכו המלש רב ןושמש 'רה ןושמש רב השמ. Mit diesem korrespondiert die Kinah des Joez ben Malkiel, welche Landshut in Amude Aboda p. 100 aus einem Kodex der Maria-Magdalenen-Bibliothek zu Breslau mitgeteilt hat: םימיענ הגירה ובייחתנ (םיפלא) 'א 'ה בייח תנשב דיב ונודנו וגרהנ םיעור העבש יעיברה שדוחב – – םיפולאו םהילע העשר ידז – – וב םוי רשע השלשב – (םיער) םיעור ריעמ ךמע תמקנ ןורא םוקנ – – ורבע םינפואב םהירביאו .ורבח ךימעל ופדג רשא קריובשיוו – –. Zunz, Synagogale Poesie, S. 32 referiert unbestimmt darüber: »Im Sommer 1270 wurden in Augsburg oder Weißenburg Juden verfolgt.« Auch was Zunz unmittelbar darauf berichtet, ist weit entfernt, genau zu sein. »Ein Jahr darauf waren in Pforzheim Blutszenen«, d.h. also 1271. Nun hat auch das Mainzer Memorbuch das Martyrium von Pforzheim aufbewahrt – wie es denn überhaupt ziemlich vollständig in betreff der deutschen Märtyrer ist – aber es setzt es weit früher. Das Datum ist zwar ausgefallen, fällt aber zwischen טרפל 'ד 'ה קרובנטרוא יגורה und יששה ףלאל 'וט ץנילפוק יגורה. Der Passus lautet: קחצי 'רו יולה רקי 'רה ןב לאמש 'רה זומתב 'ב םיהצרופ יגורה ןתחיבט רחאו ןמצע וחבטש םושרג רב םהרבא 'רו רזעילא רב םינפואב ותתכנ. Nach diesem Bericht wäre also das Martyrium von Pforzheim zwischen 1244-1255 anzusetzen. Davon hängt auch das Zeitalter des Poetan, des יולה לאומש רב רקי 'ר ab (bei Landshut a.a.O., p. 132). Dieser Jakar ist offenbar ein Sohn des Märtyrers Samuel ben Jakar (nicht ben Abraham), und dieser hat einen Piut auf die Verfolgung in Pforzheim gedichtet (das.).


6 de Laurière, Ordonnances des rois I, 294. Daselbst ist genau angegeben, daß Paulus Christiani das Gesetz angeregt hat: ad requisitionem dilecti nobis in Christo fratris Pauli Christini (l. Christiani). Die Beschreibung des Abzeichens das. rota de feutro (feltro) seu de panno croceo stimmt mit der Angabe in der hebräischen Chronik in Schebet Jehuda (Bd. VI3, p. 342, Nr. 27) überein: ירטלפ ןמ תרז ובחר היה ןויצה ראתו ימיכרכ. Es ist also kein Zweifel, daß dieser Passus in das letzte Jahr Ludwigs XI. und in das erste Philipps III. gehört. Von dem Edikt des letzteren berichtet Laurière a.a.O., p. 312, Observation.


7 S. o. S. 88 f. Die Einführung der jura Frederici in Ungarn datiert vom 5. Dezember 1251.


8 In Baronius (Raynaldus) annales eccles. zu Ende des T. XXII sind die Beschlüsse des Ofener Konzils zum Schlusse defekt. Ein junger Historiker Dr Caro (jetzt Professor in Breslau), hatte die Freundlichkeit, für mich jene die Juden betreffenden Artikel 113 und 114 dieses Konzils aus einem Petersburger Kodex vollständig zu kopieren. Mit Recht bemerkt Professor Caro, daß die Worte der Einleitung zu Artikel 113: praesente constitutione statuimus, quod omnes Judaei – in terris nostrae legationis portent unum circulum de panno rubeo, darauf deuten, daß die Brandmarkung der Juden hier zum ersten Mal legalisiert wurde und daß sie nicht bloß für Ungarn, sondern auch für Polen und die Nebenländer Geltung haben sollte, so weit die Legation des Legaten Philipp reichte.


9 Baronius, annales No. 114: Praeterea statuimus, quod tributa, vectigalia, telonea seu pedagia vel quaevis alia officia Judaeis, Saracenis, Ismaelitis, Schismaticis seu quibuscunque aliis ab unione fidei catholicae alienis nullatenus committantur.


10 de Mondejar, memorias del rey Don Alfonso el sabio, p. 366. Zuñiga, annales de Sevilla I, p. 297.


11 de Mondejar a.a.O., p. 367. In der dort zitierten Chronik heißt es, die Juden hätten die Summe bezahlen müssen »cadia dia« »jeden Tag« ohne daß eine Frist angegeben ist.


12 Respp. Ben-Adret I, No. 1159 scheint sich auf die Hinrichtung des Don Zag zu beziehen: רבזג היה ןבואר רחאלו ול רשא לכ ספתו וגרהו ךלמה וספת ףוסבלו ךלמה ךלמה תדובעב סנכנ ןבואר ןב ןועמשו שדח ךלמ םק ותוא תימהש ךכו.


13 Die Urkunde des repartimiento de Huete, die höchst interessante Aufschlüsse über die Steuerfähigkeit und Seelenzahl der Juden im Jahre 1290 gibt, haben zuerst mitgeteilt Dr. Ignacio Jordan de Asso y del Rio und Don Miguel de Manuel y Rodriguez in einer Abhandlung: discurso sobre el estado y condicion de los Judios en España, gedruckt zu Ende des Werkes: El fuero viejo de Castilla und el ordenamiento de leyes que Don Alonso XI. hizo (Madrid 1771). Das Aktenstück auf S. 150, Note 153 ist aber sehr verstümmelt in Namen und Zahlen. Daraus haben nun geschöpft Jost in seiner Geschichte (T. VI, Ende), der Verfasser des Artikels Juden (Geschichte) in Ersch und Grubers Enzyklopädie (II. Bd. 27, S. 214, Note) und Lindo. the history of the Jews of Spain and Portugal (London 1848, S. 109). Sie haben sämtlich falsche Posten, weil ihre Quelle korrumpiert ist. Eine bessere Kopie davon gibt Dr. José Amador de los Rios in Estudios sobre los Judios de España p. 40 ff. (Vgl. Fidel Fita, Revue des Etudes IX, 136). Nach dieser Quelle, die weit beträchtlichere Zahlen hat, zahlten an encabezamiento die Gemeinden von:


1. Arzobispado do Toledo tra-Sierra (korrumpiert terra rasa)

1062902 Maravedis.

2. Obispado de Cuenca . . . . . . 146069 "

3. Obispado de Palencia . . . . . 245938 "

4. Obispado de Burgos . . . . . . 168580 "

5. Obispado de Calahorra . . . . 99609 "

6. Obispado de Osma . . . . . . . 74486 "

7. Obispado de Plasencia . . . . . 26791 "

8. Obispado de Siguenza . . . . . 107303 "

9. Obispado de Segovia . . . . . 40747 "

10. Obïspado de Avila . . . . . . . 158718 "

11. Reino de Murcia . . . . . . . . . 22414 "

12. Reino de Leon . . . . . . . . . . . 218400 "

13. Fronteras de Andalucia . . . . 191898 "


Die ganze Summe beträgt, wie de los Rios angibt, 2564855 Maravedis (427476 Taler). Ein Maravedi betrug damals 10 Dineros. Da nun jeder Kopf 30 Di neros = 3 Maravedis zu zahlen hatte, so betrug die jüdische Bevölkerung von Alt- und Neu-Kastilien, Leon, Murcia und dem Grenzgebiete (mit der Hauptstadt Sevilla) 854851 Seelen. De los Rios irrte nur in dem Punkte, daß er annimmt, diese Summen seien an das Kapitel und die Prälaten gezahlt worden (daselbst S. 42, Note). Außerdem zahlten noch die Gemeinden der Bistümer Cuenca, Burgos, Calahorra, Osma, Siguenza, Segovia und Avila eine besondere Abgabe unter dem Titel servicio, von der die neuen Provinzen und auch Leon frei waren.


14 de Asso y del Rio a.a.O. discurso p. 154, Lindo a.a.O. S. 114.


15 de Asso das.


16 Baronius (Raynaldus) ad annum 1289, No. 17, 23 und 29. Unter den Vergehen, welche der Papst dem König Diniz zum Vorwurf machte, war auch das: quintus decimus, quod praeficit Judaeos (rex Dionysius) indifferenter contra generalia statuta concilii legemque paternam in officia publica, quos ad deferendum signum. ... compellere deberet, nec ipsos Judaeos debitas decimas persolvendas compelli permittit. Vgl. Gordo, memorias sobre as Judeos em Portugal in den memorias da Academia real das seciencias de Lisboa, T. 8, parte 2. Cap. 4, 5 und Schäfer, Geschichte von Portugal I, S. 322, 388, II, S. 63 ff. Vgl. Kayserling, Geschichte der Juden in Portugal I, S. 322, II, S. 63 ff. und Geschichte der Juden in Portugal S. 19 f.


17 Seine Geburtszeit folgt daraus, daß er reifer Jünger des 1263 gestorbenen R'Jona Gerundi und des 1267 ausgewanderten Nachmani war. Sein Todesjahr gibt Zacuto. Über die Aussprache des Namens vgl. Revue des Etudes Juives IV, 67.


18 Ben-Adret spricht öfter in seinen Werken und gutachtlichen Bescheiden von diesen als seinen Lehrern. – Es existieren gedruckt sechs Sammlungen Ben-Adretscher Responsen. I. Die umfangreichste Sammlung, oft ediert, aber darunter viele von R. Meïr von Rothenburg; II. unter dem Titel םדא תודלות öfter ediert; III. zuerst Livorno 1778, alle drei zusammen Lemberg 1831; IV. Salonichi 1803; V. Livorno 1825; VI. die pseudonachmanischen Responsen, die größtenteils Ben-Adret angehören, sind öfter ediert. Eine Sammlung sine anno et loco in einer Inkunabel-Edition enthält ein einziges, sonst unbekanntes Responsum und ist nur ein Auszug aus längeren Bescheiden. Die Zahl der gedruckten Responsen übersteigt 3000, viele sind noch handschriftlich vorhanden.


19 תודגא ישורפ, die Jakob Ben-Chabib in sein Werk בקעי ןיע fragmentarisch aufgenommen hat, vgl. Einleitung zu diesem Werke. In einem Responsum über die sinaitische Offenbarung bemerkt Ben-Adret, daß sie nur teilweise eine sinnlich wahrgenommene und zum Teil prophetischer, d.h. psychologischer Natur gewesen sei. Es ist an Samuel Sulami gerichtet, abgedruckt als Seltenheit in Edelmanns Dibre Chefez p. 8 ff., ist aber schon früher ediert in der Sammlung IV, No. 234, was den Bibliographen entgangen ist. Beide Texte sind korrumpiert und können durch Vergleichung einander korrigieren.


20 Vgl. Respp. I, 94, 220, 423; III, 12, 40; das letztere an den damals noch jungen Kabbalisten Schem-Tob Ibn-Gaon gerichtet, spricht sich über die kabbalistische Metempsychose aus: וערז תתחשהב ןנוא תנוכ התוא ונלבקש םשכו .ןזואל הפה ןמ אלא ןירמאנ ןניא ולא םירבד בותכהו רובעה תודוסמ דוס הזו השיחלב אלא רמאנ אל השיחלב ימענל ןב דלוי רמוא. Schem-Tob J. G. und Isaak von Akko tradieren manche kabbalistische Aussprüche von Ben-Adret, vgl. Note 3.


21 Vgl. darüber die Bibliographen und die eingehende Biographie des S. Ben-Adret von Dr. Perles, Breslau 1863.


22 Vgl. Ascheri, Respp. Abschnitt XXI, No. 9, XLIII, No. 8, Falaquera שקבמ zweite Hälfte p. 72.


23 תיבה תרות in ausführlicher und kürzerer Form und dazu םישנה תיב und שדקה תדובע (vielfach ediert). In der Einleitung zu dem letzten Werke gibt der Verfasser an, er beabsichtige seine Arbeiten auch über die übrigen praktisch-halachischen Partien auszudehnen.


24 Folgt daraus, daß eine Verordnung von ihm existiert, ausgestellt vom Jahre 1272, Respp. V, No. 150, daß er mithin mindestens bereits 1270 Rabbiner war.


25 In einem Sendschreiben an Jakob ben Machir erzählt er von sich ohne Ruhmredigkeit: תמאב יתיארו םימו ןופצמו תפירו זנכשא תפרצ דע םינענכ רשא םידבכנו םיבר .םיניע יל ומיקה המכו .םיפכ לע ינאשנ םהינויערו םהיניעו םבבל ילודגו הלוגה תבישי שאר ילע ובתכ הלודגה ריעה לכ דועו םיקושב םהב יתראפתה אל – הנובתבו דובכב הנידמה (Minchat Kenaot, Sammelwerk der Streitschriften gegen und für das Studium der Wissenschaften, ediert von Biselches, Preßburg 1838) No. 40, S. 88.


26 Vgl. darüber die Zusammenstellung bei Perles a.a.O., S. 9 ff.


27 Respp. I, No. 395.


28 Quellen bei Weil, Kalifengeschichte XI, S. 173.


29 Aus einer Nachschrift bei Deï Rossi, Meor Enajim C. 25; Asulaï s.v.; Carmoly in Josts Annalen I, 55. Daß David Maimuni nicht der Verfasser der in Ägypten populären Deraschot ist, hat Munk nachgewiesen in Josts Annalen III, S. 94.


30 Die Nachricht in Minchat Kenaot No. 67: יתייה לע תולהקה רתילו הראבנלו אליטשקל יתכלהשכ הוצמ חילש בתכ םע ול יתצבקו השמ 'ר לודגה רשהמ ונב ןב דיגנה רשה ןינע ףסכ (יסניבונ 1.) יסנירונ םיפלא 'הכ (א"בשר) וניבר hängt wohl mit der Nachricht bei Zakuto von der Verleumdung David Maimunis zusammen (Jochasin ed. Filipowski, p. 219, ed. Amsterdam, p. 99 b).


31 Sein Todesjahr wird gewöhnlich 1293 angesetzt. Das beruht aber auf einem Mißverständnis; denn Zakuto, dem dieses Datum entnommen ist, referiert an einer Stelle nur dasselbe, was Isaak Israeli in Jesod Olam (IV, 18, Ende) berichtet und dort heißt es: 'ר הלוטילוטל אב (ןהכה ריאמ 'רו אנוריגמ הנוי 'ר רחא) םהירחא תנשב הלוטילטל הנולצרב ריעמ אבש םיאישנ ערזמ יולה ןורהא וצראל בשו םיטעומ םימי הב דמעו 'ומו םיפלא 'ה. Wenn Z. nun an einer anderen Stelle angibt: יולה ןורהא 'ר בשי א"כ תנש הלוטילוטב (ed Filipp. p. 222 b), so hat er eben nur dasselbe wiedergeben wollen; nur ist diese Zahl entschieden korrumpiert. Die älteren Ausgaben des Jochasin haben aus בשי gemacht: רטפנ יולה ןורהא 'ר ג"נ תנש הלוטילוטב. Mag nun die Zahl 5046 = 1286, oder 5053 = 1293 die unverdorbene sein, so bezieht sie sich jedenfalls nicht auf sein Todesjahr. Aus Meïrs Angabe in der Einleitung zu Abot folgt, daß Aaron im Abfassungsjahre 1300 noch am Leben war: – – ינולצרב המלש 'רה (ןב"מרו הנוי 'ר ידימלתמ) םהידימלתמו םויה אוהו ןהמע םירחאו ןכ םג יולה ןורהא 'ר ברהו – – תרדא היתוביבס רתיו ריילפשטנומב הרות ץיברמ וניתולובגב. Der letzte Passus gilt von Aaron Halevi, der also damals ebenso wie Ben-Adret noch am Leben war und in Montpellier fungierte. – Daß A. von Serachja Halevi aus Lünel abstammte. hat Asulaï s.v. bewiesen. Über seine Schriften vgl. Asulaï und andere Bibliographen. Ediert sind von ihm die Novellen zu Jom Tob und Ketubot. Das ךוניחה רפס stammt keineswegs von ihm, sondern von einem untergeordneten Zeitgenossen: es ist eine Art Religionsbuch. Vgl. darüber Dr. Rosin, ein Kompendium der jüdischen Gesetzeskunde im Jahresbericht des jüd. theol. Seminars 1871.


32 Zitat aus seiner Agadaerklärung in Albos Ikkarim IV, 30.


33 Pugio fidei verf. im Jahre 1278 vgl. pars II, cap. 10, No. 2; über die Edition oben S. 124. Die Biographie des Raymund Martin in Carpzovs Einleitung und in Quetifs historia ordinis Praedicatorum T. I.


34 Pugio III, 3, 11.


35 Das. III, 3, 9.


36 Respp. IV, No. 187: רשא תא רפסב בותכל יתיאר ןכ לע םירבדה ןתואב הימכחמ דחא ימע חכותנ. Merkwürdig ist in dieser Kontroverse Ben-Adrets mit einem christlichen Theologen, daß er in dem Verse: – הדוהימ טבש רוסי אל הליש אבי יכ דע das Wörtchen דע, entschieden gegen die massoretische Akzentuation, zum vorhergehenden Satz zieht: – דעל הדוהימ טבש רוסי אל אוה ךכ בותכה שוריפ םגרתמה םגרת ןכו – – דעל ומכ דע וניצמו. In einem älteren Texte bei Pinsker, Likute Kadmonijot hat das Wörtchen דע in der Tat einen Disjunctivus. Über Ben-Adrets Kontroversen vgl. die folgende Anmerkung.


37 Es existiert eine apologetische Schrift, die Ben-Adret beigelegt wird und sämtlichen Bibliographen, selbst de Rossi unbekannt blieb. Sie befindet sich, vielleicht als Unikum, in der Breslauer Seminarbibliothek (aus dem Saravalschen Nachlaß) und ist jetzt ediert von Dr. Perles a.a.O. Dieser Gelehrte hat auch aus Parallelstellen die Echtheit bewiesen. Die Schrift besteht aus drei Partieen, die erste gegen einen mohammedanischen Polemiker und die zweite und dritte gegen christliche Angriffe. Die letzteren (das. Beilage von p. 24 an) bilden ein eigenes Opus und sind nicht, wie Dr. Perles annimmt, den תודגא ישודח des B. A. entlehnt. Denn sie haben eine Einleitung und diese gibt an, der Verfasser wolle ein Werkchen zur Widerlegung der christlichen Polemiker zusammenstellen: 'וכו םירבד תצק רפס לא ףוסאל יבל לא יתתנ (bei Perles, Beilage, p. 25). In einem Resp. IV, No. 31 bemerkt B. A. ausdrücklich, er habe eine apologetische Schrift verfaßt: יתרבח םירבד תצקב הפי הפי הז יא יתראב רבכ הז דצמ וניתרות לע םינעוטה םיוגה תבושתל. Meistens ist diese Apologetik gegen Punkte gerichtet, welche Raymund Martin geltend gemacht hat. Da nun die Hauptpartie der apologetischen Schrift in der Form eines Dialogs mit einem Christen gehalten ist, bald in der zweiten, bald in der dritten Person referierend: ימו תוצמהש תודגהה דצמ – – תונעט יתשב ונילע אבו ןעוט ודגנכש תוצמ ורמאש הממ ןעוט התאש הנעטהו – לטבתהל תודיתע התיה תאזו – ןעטו ןידה לעב רזח – – אבל דיתעל תולטב ול יתרמא דוע – יתרמא – בישהו – יל רומא :יתבושת, so folgt aus dieser Form, daß Ben-Adret mit Raymund Martin kontroversiert hat. Die Apologetik gegen christliche Polemiker ist defekt und scheint viel ausgedehnter gewesen zu sein.


38 Dieser Einwurf ist besonders gegen Raymund Martin gerichtet, pugio III, 3, 21 und andere Stellen.


39 Pugio II, 1, 3. Attende quoniam in ... ter dicendo Deus (audi Israel Dominus Deus noster Deus unus) docet te mysterium Trinitatis etc. weiterhin zitiert Martin (gegen Ende des Kapitels) eine Agadastelle als Beweis für die Trinität: hoc est quod in Midrasch Tillim taliter scriptum est: ץרא ארקיו רבד 'ה םיהלא לא. Den Beweis von den םירפוס ןוקת, den Raymund Martin aufgestellt, widerlegte Ben-Adret schlagend; durch die Parallelisierung ergibt sich, daß diesem die Pugio vorgelegen hat. Dort heißt es: (I, 3, 11): Per ista – םירפוס ןוקת – quidem satis patet, Judaeos esse falsigraphos, fures atque mendaces. In Ben-Adrets Schrift heißt es: םהש – תולמ ח"י ןתואב ונילע שפות ןידה לעבש ינפמ םופילחה לארשי ימכח יכ (1. בשוחו) םיבשוחו םירפוס ןוקת בותכל ךירצ ינא ןכ לע תדה דגנ תונוכ קילחהל תימרתב םמצעמ רשא דצה לע ןינעה ןיא יכ םהילא יתבשה רבכש המ ןאכב והוחקל.


40 Auch diese apologetische Schrift ist von Perles ediert, p. 1-24, aus derselben Handschrift.


41 Charakteristisch für die deutschen Juden ist, was Serachja ben Schaltiel (vgl. weiter) über sie bemerkt: שוריפ) םינינעה ולא לבוס היה אל שיאה הז עבט יכ יתוארבו אוה יכ יתננובתה ול יתשרפש (איפוסוליפ ךרד לע ארקמה םיזנכשאה ידימלתמ. (Philosophischer Kommentar zu den Sprüchen zu 6, 1.) Vgl. damit Ascheris Stabbrechen über die Wissenschaft in Minchat Kenaot, No. 99.


42 Diese bis in die neueste Zeit unbekannt gebliebene Persönlichkeit ist durch Carmoly und Kirchheim aus dem Dunkel gezogen worden; C., Itinéraires, p. 288, Note 65, 315, Note 269 und K. Einleitung zu Takus םימת בתכ in Ozar Nechmad III, p. 54 ff. aus dem Zitat bei Israel Bruna (Respp. No. 24): ברה תבושתב יתיארו ךומס טטשואינ ריעב ותרובקו םימת בתכ דסיש ל"ז וקת השמ 'ר אניוול, folgt, wo er gelebt, oder wenigstens, wo er gestorben. Er wird ferner zitiert in Respp. Or-Sarua und seines Sohnes Chajim Or-Sarua, No. 8, 54, 193, 199, 204, als einer, der noch am Leben war (die Responsen umfassen die Zeit zwischen der Judenverfolgung in Frankfurt a.M. 1240, und der Vertreibung der Juden aus Frankreich 1306, das. No. 111), ferner in Respp. Meïr von Rothenburg (große Sammlung, Folio) Nr. 613 und der jüngsten Sammlung (1860 ed. Lemberg) Nr. 111, 114. Vgl. Groß in Frankel-Graetz Monatsschrift, Jahrgang 1871, S. 253. Dagegen ist der השמ וקת ירקתמד aus Goslar, das. Nr. 476, p. 50 a nicht derselbe. Aus dem Umstande, daß Taku in seiner Hauptschrift Nachmanis Hiobkommentar kannte, und diesen sogar mit Maimuni verwechselte (םימת בתכ, Ozar Nechmad p. 66) ergibt sich, daß er viel jünger als dieser war. Dann kann aber der von Nachmani zitierte: םימי ךיראיו היחיש אינולופמ יאדסח רב השמ 'ר םכחהו (Novellen zu Gittin I) nicht mit Taku identisch sein, wie es denn überhaupt höchst unwahrscheinlich ist, daß Nachmani mit deutschen Gelehrten in einem vertrauten Verhältnisse gestanden haben sollte. Für אינולופ muß man vielleicht lesen איסנלפמ = Palencia oder gar איסנלבמ.


43 Ketab Tamim in Ozar Nechmad III, p. 59, 63, 68, 73, 79.


44 Das. p. 75, 77, 83.


45 Das. p. 65, 68.


46 Das. p. 68, 69, 70.


47 Das. p. 82.


48 Das. p. 80-81. Der karäische Pentateuchkommentar, von dem Taku an dieser Stelle mitteilt, er sei von Babel (Bagdad) nach Reußen und von da nach Regensburg gebracht worden, scheint von dem Touristen Petachja eingeführt worden zu sein, dessen Reisebericht ebenfalls nach Regensburg gelangte und von dem frommen Jehuda aus Regensburg gekürzt wurde, wie der Eingang angibt.


49 Ketab Tamim in Ozar Nechmad III, p. 75.


50 Das. p. 61 f.


51 Aus Respp. Israel Isserlein No. 142: דחא םפוט לע בותכו קרובנטור םש לע בתכנש ןשי טג םפוטמ קתעומ ארתאד ירמ ריאמ 'ר 'ומ יפמ רדוסמ אוהש אוהה םפוטה :אבור יפב ארקנ קרובנטור תאזה ריעד ןויכ ותו – – – ןידה ןמ קרובנטור ריעמ דירפהל ידכ רבוט רהנמ קרובנטור – אמלעד רקענ; aus diesem Passus geht unzweifelhaft hervor, daß R'Meïr aus Rothenburg an der Tauber war.


52 Chajim Or-Sarua Respp. No. 191: ריאמ 'ר) אוהו וגיהנמו תוכלמה שאר היה (קרובנטורמ. Meïr, Einleitung zu Abot Ende: 1.) קרובניטורמ ריאמ 'רל ןמזה עיגה רשא דע דע לידגהו הרות ץיברהו תפרצ ץרא לכ תבישי שאר (קרובנטורמ הלעמל Annales Colmarienses ed. Böhmer, fontes p. 25: Rudolfus (rex) cepit de Rotwilre Judaeum, qui a Judaeis magnus in scientiis dicebatur et apud eos magnus habebatur in scientia et honore. Das geht lediglich auf R'Meïr von Rothenburg, den Kaiser Rudolf in Haft brachte (wovon weiter unten). Rotwilre steht hier für Rothenburg. Aus einem seiner Gutachten geht hervor, daß er bereits 1271 in hohem Ansehen stand. Respp. in der Jesnitzer Edition zu Maimunis Jad, zu Hilchad Ischot No. 25. Respp. ed. Lemberg No. 310. Daß er bereits 1244 mindestens ein reifer Jüngling war, folgt daraus, daß er auf das erste Verbrennen des Talmuds eine Elegie gedichtet hat (o. S. 98).


53 Vgl. Respp. Meïr von Rothenburg ed. Lemberg Nr. 368. Respp. Ascheri XCVIII. Respp. Chajim Or-Sarua No. 163.


54 Über seine Schriften vgl. die Bibliographen und L. Levysohn, Epitaphien des Wormser Friedhofes S. 28 f. Über ihn als Massoreten und sein Verhältnis zur Ochlah w'Ochlah vgl. Frankel-Graetz Monatsschrift 1887, S. 1-38.


55 Respp. Meïr von Rothenburg (Folio) No. 94. Respp. Chajim Or-Sarua No. 199. Hagahot Maimuni zu Sabbat c. VI.


56 Respp. M. v. Rothenburg No. 76.


57 Das. No. 102. Vgl. darüber Zunz zur Geschichte S. 38. Schorr in Zion II, p. 112 f. Ben-Jakob Additamenta zu Asulaï Bibliographie p. 170, No. 72.


58 Vgl. über ihn und das Folgende Note 8.


59 Bannschreiben des Exilarchen Jischaï und der Gemeinde von Safet in Kerem Chemed III, p. 170 ff.


60 Muratori, Antiquitates italianae, dissertatio 16 p. 827.


61 Amari, La guerra del vespero Siciliano (Florenz 1851) I, 65. Karl von Anjou ließ vom König von Tunis durch eine feierliche Gesandtschaft ein medizinisches Buch des Alrazi kommen und von dem jüdischen Gelehrten Faraǵ aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzen im Jahre 1279. Er hat auch ein anderes arabisch-medizinisches Werk ins Lateinische übersetzt und es Carlo regi ejus nominis primo, d.h. Karl von Anjou gewidmet, ediert 1543 vgl. Carmoly, histoire des médecins juifs p. 82. Steinschneider, die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters (Berlin 1893) S. 974.


62 In dem zweiten Sendschreiben des Hillel von Verona lautet die Überschrift: ורטשיאמל ללה 'ר חלשש בתכ ויאג und dieser heißt im Text יכדרמ רב קחצי. Ein Pariser Kodex hat die Lesart: רויפיפאה אפור – קחצי 'ר (Carmoly in Ozar Nechmad III, p. 110). Dieser Isaak (Gajo) ist nicht identisch mit dem Poeten Isaak ben Mardochaï aus der Familie Kimchi (vgl. Ozar Nechmad II, p. 236).


63 Vgl. über ihn und seine edierten und handschriftlichen Werke die Bibliographen und Güdemanns Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden II, S. 185 ff., das. Note XI. Er korrespondierte mit Abigedor Kohen, der in Wien war. Aus dem Zitat bei Asulaï p. 56 ergibt sich, daß er bereits 1271 gestorben war.


64 Gedalja Ibn-Jachja in Scha'schelet.


65 Vgl. Schorr in Zion II, p. 112, Note 26, 30.


66 Vgl. darüber die eingehende Monographie von Schorr in Zion a.a.O., p. 44 ff. Schorr hat auch gründlich nachgewiesen, daß das אינת רפס nur ein Auszug aus dem טקלה ילבש ist. Es ist beendet worden 1314, wie der Epilog in der editio princeps (Mantua 1524) lautet.


67 םינואגה השעמ Ms. der Bodlejana hat eine Stelle: ינא תולאש םע תולאש ןילא יתחלש קדצ ןהכ םהרבא ןב היקדצ קדצ ןהכ רודגיבא ברהל ןיניד ןינעמ תורחא.


68 Ms. der Breslauer Seminarbibliothek No. 27. Der Epilog lautet: 'ר תב הלופ ינא ידי לע שוריפה הז תדובע לכתו ותשאו ךורעה לעב ןתנ בר לש וינב ינבמ באוי רב רפוסה םהרבא לאיחי 'ר לש.

69 Vgl. Abraham Abulafias Mitteilung in זונג ןדע רצוא bei Jellinek, Bet ha-Midrasch III, Einleitung XLI.


70 Hillel aus Verona ist erst in neuester Zeit bekannt geworden durch die Veröffentlichung seiner zwei Sendschreiben an Isaak Maestro Gajo (in Taam Sekenim p. 70 ff. und in Chemda Genusa p. 17 ff. in den Jahren 1854-1856), ferner durch die Mitteilung der Sendschreiben Serachjas ben Schaltiel (von Kirchheim in Ozer Nechmad II, p. 124 ff.) im Jahre 1857 und durch die Veröffentlichung der philosophischen Schrift שפנה ילומגת durch Halberstamm, Lyck 1874. Seine Lebenszeit ergibt sich aus folgenden Daten. Er war drei Jahre Jünger des R'Jona Gerundi, als dieser nach der Verbrennung des Talmuds in Barcelona lehrte, d.h. nach 1242, also um 1250. Er mag also damals schon ein reifer Jüngling gewesen sein. Sein Tagmule ha-Nefesch schrieb Hillel 1291 (Note 8), und später noch seine Erklärung zu Maimunis philosophischen Schriften. Im Jahre 1290, als er das erste Sendschreiben gegen Salomo Petit erließ, fühlte er sich bereits alt, und sein ילומגת nannte er ein Kind des Alters. Zwischen 1260 und 1271 wohnte er in Capua, wo der Mystiker Abraham Abulafia bei ihm philosophische Vorlesungen hörte: ךלהמ ימורל בורק האופק ריעב ינאו אפורו ףוסוליפ ןובנו םכח דבכנ שיא םש יתאצמ םימי השמה תמכחמ טעמ וינפל דומלאו ותא הרבחתאו ללה 'ר ומשו החמומ איפוסוליפה (Quelle bei Jellinek, Bet ha-Midrasch III, Einl., p. XLI). Seine Korrespondenz mit Serachja fällt ohne Zweifel noch vor seine Bearbeitung einiger Punkte aus dem Moré und noch vor die Bewegung gegen die maimunischen Schriften durch Salomo Petit, wohl noch in sein angehendes Mannesalter; damals lebte er in Ferrara. Außer den genannten Schristen verfaßte Hillel: Chirurgia B uni ex Latina lingua in Hebraeam trans'ata (de Rossi, Codex 1281); eine philosophische Auslegung des Hohen Liedes und רפס ןברדה über Agada (beide zitiert in seinem ילומגת שפנה).


71 In seinem Werke ילומגת, auch mitgeteilt in Chemda Genusa, p. 41 f.


72 Zitiert von Serachja Ben-Schaltiel in einem Sendschreiben an Hillel, Ozar Nechmad II, p. 141 f. Zunz zu Aschers Benjamin von Tudela II, p. 20.


73 Vgl. über ihn Ozar Nechmad das. p. 120 f., p. 229 ff. und III, 110.


74 Ozar Nechmad II, p. 125, 129.


75 Ozar Nechmad. p. 142. Im Original lautet die Ironie höchst drastisch: ךילמשח ארקו ךיתובא ץרא לא בוש ןב 'סו הריצי רפס ארקו ןילפתו תילט ףוטעו הליבט םיכירצה םיעבטח ירפס בוזעו םיזרה רפסו המוק רועישב ןייעו אריס 'וכו םירומלה תמכחו.


76 Er kommentierte den Pentateuch (oder einen Teil desselben), die Salomonischen Sprüche (beendet 1289) und Hiob (1290). Der Kommentar zu den Sprüchen und der zu Hiob sind von J. Schwarz veröffentlicht worden.


77 Ende des Mischle-Kommentars: םע דיבכל והיתמיס ינממ והולבק רשא םירידאהו םימסחה אמור להק שדוקה וקיתעהו.


78 Imanucl Romi in seinem Machberet No. 8


79 Folgt aus Hillels erstem Sendschreiben an Maestro Gajo.


80 Gedalja Ibn-Jachja in Schalschelet: םהה םיתיסמה השמ 'ר :ובתכו ,ישונאה רחבמ :וילע בותכ היהש הבצמה ונקת ןימו םרחומ ןומימ. Gedalja irrt aber wohl darin, wenn er diese Umänderung in die Zeit des ersten Streites bei Kimchis und Nachmanis Lebenszeit verlegt. Wäre es damals, d.h. zur Lebenszeit Abraham Maimunis geschehen, so hätte dieser es erwähnen müssen. Es scheint vielmehr während der Wirren in Akko geschehen zu sein.


81 Hillels Sendschreiben das. (טיטפ המלש) ןודמ הרגו ויחאב שיא ברח םשו וכע להקב Bannformular der Rabbinen von Safet (Kerem Chemed III, p. 172): רזחש ןויכ תקולחמ תוברהל ליחתה (טיטפ המלש) יבצה ץראל.


82 Sein erstes Sendschreiben an Maestro Gajo.


83 Sein zweites Sendschreiben, Anfang.


84 Folgt aus desselben zweitem Sendschreiben, Chemda Genusa p. 21.


85 Das Datum ist bewiesen Note 8.


86 Kerem Chemed III, p. 172.


87 Schem-Tob Falaquera, Apologie, Note 8.


88 Note 8.


89 Falaqueras Apologie.


90 A. a.O.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 169.
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