10. Der jüdische Staatsmann Saad-Addaula.

[424] Stellung, Charakter und Einfluß dieses Ministers am Hofe des mongolischen Großkhans Argun haben d'Ohsson in seiner histoire des Mongols T. III, p. 31 ff. und in neuester Zeit Weil in seiner Kalifengeschichte IV, S. 146 ff. aus authentischen Quellen geschildert, denen ich gefolgt bin. Nur auf zwei Punkte will ich aufmerksam machen, die ich anderweitig nur angedeutet habe. Aus einer Notiz des zeitgenössischen Fortsetzers von Bar-Hebräus' (Abulfaraǵ) Chronicon Syriacum (Text p. 592 unten) geht hervor, daß Saad-Addaulas hohe Stellung den auswärtigen Juden nicht unbekannt geblieben ist, daß sie sich vielmehr in seinem Glanz gesonnt, und zu ihm, wie zu einem mächtigen Beschützer und Mittelpunkt, hingezogen gefühlt haben. Der kurze aber wichtige Satz des Continuator lautet: ירפסבד אידוהי ןמ אאגוס ןיכה דיב אמופ דח ןמ ןוהלכו ולהקתא (הלודלא דעס תול) התול אתרמע אירמ םיקא אתחבשותד ארבסו אנקרפד אנרוקד אררשבד :ורמא אנרחא ןוהתמויב אנה ארבגל אירבע ינבל. »Und deswegen haben sich viele von den Juden von den Grenzen der bewohnten Erde zu Saad-Addaula gesammelt und haben aus einem Munde gesprochen: ›In Wahrheit als Horn des Heils und als Hoffnung des Ruhmes hat der Herr diesen Mann in den jüngsten [424] Tagen aufge stellt.‹« Es ist also denkbar, daß auch die deutschen Juden Kunde von seiner Stellung hatten, zumal gerade in seiner Zeit der Kabbalist Salomo Petit (Note 8), der in Palästina von ihm gehört haben muß, eine Rundreise in Deutschland gemacht hat, um gegen die maimunischen Schriften Unterschriften zu sammeln.

Daß Saad-Addaula nicht bloß den Mechanismus des mongolischen Staates in Gang brachte und das materielle Wohl der verschiedenen Bewohner zu fördern strebte, sondern auch auf geistige Hebung bedacht war, teilt d'Ohsson a.a.O. 38 mit: Sad-ad-Dévlet (le ministre israélite) réunit autour de lui des savants et des litérateurs qu'il encourageait dans leurs travaux. Aussi composa-t-on à sa louange un grand nombre de pièces en vers et en prose. Une partie de ces panégyriques fut recueillie dans un volume, auquel on a attaché son nom. Ich habe daher aus dem Umstande, daß Saad-Addaula seinen Stamm- und Religionsgenossen nicht unbekannt war, daß er sich vielmehr ihrer annahm, und daß er sogar von nichtjüdischen Dichtern besungen wurde, die Vermutung aufgestellt, daß ein Gedicht von einem morgenländischen Dichter auf einen hochgestellten jüdischen Staatsmann (das in Chaluz III, p. 153 aus einem Kodex der Bodlejana mitgeteilt ist) Saad-Addaula besungen haben könnte. Die Form des Gedichtes und auch der übrigen dort mitgeteilten Piecen mit Versmaß und gelungener Versifikation weist auf die nachsaadianische und nachhaïsche Zeit hin, weil in der Zeit dieser Gaonen die morgenländisch-jüdischen Dichter entweder das Versmaß gar nicht kannten oder holperige Verse machten. Außerdem ist seit Manasse Ibn Kazra (990) kein hochgestellter Jude im Morgenlande bekannt. Überschrift und Inhalt dieses Gedichtes weisen aber auf eine bedeutende politische Persönlichkeit jüdischen Stammes hin. Die Überschrift lautet arabisch: ראד רטנ ילא העוגר תקו היברחלא ןב יפ הלו ברצלא, d.h. von demselben Dichter (wie die vorangegangenen Piecen) auf Ibn-Alcharbija zur Zeit seiner Rückkehr zur Inspektion des Münzpalastes.10. Der jüdische Staatsmann Saad-Addaula bedeutet Officina monetaria, Münzungsstätte. Das paßt um so eher auf Saad-Addaula, als das Finanzwesen zu seinem besonderen Ressort gehörte. Der Inhalt des Gedichtes auf Mardochaï Ibn-Alcharbija (wie der Besungene genannt wird) paßt noch mehr auf ihn.


וינרס לכמ רשא לע םע דיגנ

וינמש תישאר ורצוי וחשמ

וינפל ךרבא וארק םיצרו אצי אלכה תיבמו

. : . . . . " . . . . . .

וינזורו ךלמ יוצר הרשמ זועו הכולמ ןמאנ יכדרמ דוה ריבג

וינגונו וירש ומדק םרישב יתואו תוכלמ דוהב אצי רשא

.וינוראוצ לע דוהו רדה דיבר ןתנו הרשמ ליעמ לע וטעו

. . . . . . . . . . . . . . .

ויננע וילע תמאב שרפו לא םעל ותרבאב ךסה םגו

. . . . . . . . . . . . . .

הגרהה ןאצ זועב הער ריבג . . . . .

לודגו ןטק ףאב אצמנ ומש . . . . .

ויננר יריש וטרפ ףות ילע תולילו םימי ואחמ ףכ ובו

וינרק ומר ובו שדוק םעל הכולמה וימיב לא בישהו

וינפל ויה לכו ץרא יצעוי ילע ויתצעומב רבג רובג


[425] Hier bricht das Gedicht ab; es ist defekt. Jeder Zug paßt auf Saad-Addaula, bis auf den, daß er aus dem Kerker zur Standeserhöhung gelangte, der aus den Urkunden jener Zeit nicht bekannt ist. Professor Weil in Heidelberg, den ich in solchen zweifelhaften Fällen gern als meinen historischen Gewissensrat befrage, und der mir stets freundlich und zuvorkommend belehrenden Bescheid erteilt, hält ebenfalls die Identität von Saad-Addaula mit dem in diesem Gedichte gepriesenen morgenländischen Mardochaï Ibn-Alcharbija für wahrscheinlich. Daß dieses Gedicht und die vorhergehenden Piecen von einem morgenländischen Dichter stammen, kann keinem Zweifel unterliegen. In dem unmittelbar vorangehenden (p. 155 f.) von demselben Dichter werden ein Gaon Ali, Schulhaupt (wahrscheinlich von Bagdad), und seine Söhne besungen:


תד ריפכ ילע בקעי תיב (ןואג) ןואו . . .

םינואגה דליו בקעי ןואג . . . .

. . . . . . . . .

תובישי ישאר ןינו הרשמ ראפ . . . .


Der Name Ali und die Würde Gaon waren nur im Morgenlande, in Bagdad und Umgegend, heimisch. Würde unter Alis dort gefeierten Söhnen ein Samuel vorkommen, so könnte man an den Vater jenes Samuel ben Ali, des so heimtückischen Gegners von Maimuni, denken. So aber kann man diese Gedichte aus dem Divan eines morgenländischen Dichters getrost gegen das Ende des dreizehnten Jahrhunderts setzen.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 424-426.
Lizenz:
Faksimiles:
424 | 425 | 426
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon