I.

[449] Der Apostat Abner-Alfonso verdiente wegen seiner Gesinnungslosigkeit und Unbedeutendheit keine Behandlung in einer besonderen Note. Da sein Name aber in der zeitgenössischen und späteren hebräischen Literatur oft wiederkehrt, er der heftigste, judenfeindlichste Schriftsteller in Kastilien war, dadurch viel Unheil veranlaßt hat und die auf ihn bezüglichen Daten auch als chronologischer Stützpunkt dienen können, so verdienen die Tatsachen, die von ihm bekannt sind, zusammengestellt zu werden, zumal das, was in neuester Zeit über ihn geschrieben ist, nicht genügt, manches auch geradezu falsch ist. – Die Identität der Namen Abner und Alfonso de Valladolid gibt er selbst in seiner Konfessionsschrift: libro de las tres gracias (Ms.). Dort heißt es: »digo yo maestro de Valladolid que ante avia nombre Rabi Amer (l. Abner) de Burgos (bei Amador de los Rios, p. 302). Der Anfang seiner polemischen Hauptschrift de bellis Dei lautet in der Übersetzung: Este es libro de los batallos de Dios, que compuso maestre Alfonso converso, que solia haver nombre Abner, quando era Judio (bei Ro driguo de Castro I, p. 195). Auch Mose de Tordesillas nennt ihn in seiner polemischen Schrift (הנומאה רזע Ms.) gegen Ende: ירטסיאמ לש ידימלתמ דחא דימלת רנבא הלחתב ארקנה וסנופלא. – Chajim Ibn-Musa nennt ihn per Antiphrasin ךשוח בא (im Eingange zu seiner polemischen Schrift חמורו ןגמ Ms.).

Die Angabe bei spanischen Schriftstellern, daß Alfonso de Valladolid 1270 geboren, 1295 übergetreten und 1346 gestorben sei (bei de Castro a.a.O.) ist nichts weniger als genau. Was nun das Jahr seiner Taufe betrifft, so ist es geradezu falsch angegeben. Alfonso de Spina, welcher die Nachricht über die Vorgänge der sogenannten Propheten von Ayllon und Avila (o. S. 438) aus Abners Schrift De bello Dei geschöpft hat, fügt in dessen Namen hinzu, Abner-Alfonso sei in jenem Jahre 1295 bereits Arzt gewesen und sei von denen, welche infolge der Enttäuschung und der Kreuzesbilder gelitten hatten, zu Rate gezogen worden. Er selbst sei lange wegen der Vorfälle in Avila in Zweifel gewesen, bis ihm die Erleuchtung geworden sei, sich zum Christentum zu bekehren: Quae omnia (de prophetis in Abulensi civitate) longe traduntur a supradicto magistro Alfonso. Qui ex praedictis se asserit multa vidisse et jam testimonium perhibet. Jam in fine (libri) narrat, quod cum ipse esset medicus, aliqui praedictorum (Judaeorum) petebant consilium medicinae, ut possent curari a praedictis cogitationibus, quod credebant ... eis acciderat ex aliqua infirmitate et debilitate cerebri. Dicit etiam, quod multo tempore ipse fuit in dubio [449] quod ad istud signum, usque, illuminante Deo, credidit ... et conversus est ad fidem Christi. Alfonso ist also erst viel später als 1295 übergetreten. Vor der Hand wollen wir die Tatsache festhalten, daß er 1295 schon Arzt war, also bereits im Mannesalter stand.

Er lebte allerdings noch in den vierziger Jahren des 14. Jahrhunderts, aber, wie es scheint, noch später als 1346. Denn Mose Narboni hat ihn noch vor dessen Tode, wie er in seiner Schrift הריחבה רמאמ (Dibre Chachamim p. 37 ff.) angibt, kennen gelernt. Da nun Alfonso damals schon sehr betagt war (vgl. weiter), so kann Narboni ihn nur in Spanien, in Valladolid gesehen haben. Nun war Narboni noch 1344 in seiner Heimat, in Perpignan, wanderte überhaupt wohl erst gegen 1347-48 nach Aragonien und war 1348-49 in Cervera (vgl. Munk, Mélanges, p. 504, Note). In dieser Zeit scheint Alfonso noch am Leben gewesen zu sein. Narbonis Äußerung über Abner wirft ein so grelles Licht auf dessen Charakter, daß der ganze Passus als biographische Urkunde mitgeteilt zu werden verdient. Der Maamar ha-Bechira, eine Verteidigung der Willensfreiheit, ist nämlich gegen eine Schrift Alfonsos zur Rechtfertigung des Fatalismus gerichtet, worin der Apostat seinen Übertritt mit dem Beschluß der Sterne entschuldigt hatte. Der Eingang der Gegenschrift von Narboni lautet: םידחוימהמ םכח הנהו יתיאר יכ הב רמא הרזגה תרגא רבח וימי תירחאב ויתגשה ינאו ורודב הרזגב לכה רזגנו בייוחמ לכה ךא רשפא םש ןיא; (dann weiter das. p. 40 unten): ילע ורנ ולהב רנבא הנוכמה שיאה הזו בושחא אלו לודג רועש המכחהש (?)ונילצא אוה הנה ושאר ול עיגי אלשו תעה תוקעה האר רשאכ יכ .העטה לבא הזב העטש םרדעהלו תורכנתהל ,תודגנתה םא יכ רזע תדב ומע םיפתתשמהמ יטשו םיבהר לא הנפ ,הישנא תא םתאנשו םתרבעל ,המכחהמ לע תימודמה החלצה לא (?והולעי l.) והוקעי םילכ תומדכ בזכ יד רשא העדה ימלש םידיסחהב היה אל יכ .תיחצנל ילכ איהש קר שחומה לא תונפל ןיא יכ ,ש"על תבש ברעמ ןיבורח מקב םהל השע רשא ערה יכ האר רחאו ... דואמ קיפסמ יחרכההו יחרכהב ... הב לדג רשא חרותה דגנכ אבל םכחל ןיא יכ ,המכחה יפכ םג והופטש םא יכ .תורוהל רזגנ לכה יכ ,תללוכ הרזגב לצנתמכ רמא יבכוכ לבש ,ועבצ אל ירכנ ןיע דע תמאב דמע ובל םינודזה םימה והוחירכה הרזגהו הרומתה. Es ist also sonnenklar, daß das Christentum dem Alfonso gleichgültig war und er nur aus Ehrgeiz und zur Befriedigung irdischer Wünsche übergetreten ist.

Wenn er also um 1347 noch gelebt hat und 1295 bereits Arzt war, so kann er allerdings um 1270 geboren sein, muß also in den vierziger Jahren des 14. Jahrhunderts ein hochbetagter Greis gewesen sein. Ibn-Jachjas Angabe, daß Abner ein Jünger Nachmanis gewesen sei, ist also grundfalsch, da dieser 1266-67 Spanien verlassen, und damals Alfonso kaum noch geboren war. Alles, was in Schalschelet ha-Kabbala über das Verhältnis Abners zu Nachmani erzählt wird, ist demnach Fabel.

Der Apostat Paulus de Santa Maria gibt an, Alfonso sei gegen sein 60. Lebensjahr zum Christentum übergetreten, d.h. um 1330 (auf dem letzten Blatt seines Scrutinium Scripturarum): Fuit etiam in hac regione tempore regis Alfonsi XI. quidam magister Alfonsus Burgensis, magnus biblicus, philosophus et almetaphysicus, qui in LX anno aetatis suae fere fidem christianam ... suscepit. Das wäre um 1330. Damit würde die Angabe stimmen, daß er lange nach der Begebenheit von 1295 in Avila Christ geworden ist. – Vor dem Jahre 1236 war er bereits getauft und als [450] Ankläger gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen vor dem König Alfonso XI. aufgetreten. Das erfahren wir aus einer Urkunde des genannten Königs, welche Alfonso de Spina aufbewahrt hat (Liber III, consideratio VII). Wegen der darin enthaltenen Tatsachen teile ich sie zum großen Teile hier mit. Dominus Alfonsus Castellae ... rex ... consiliis Judaeorum regnorum nostrorum ... gratiam cum salute. Volo vos scire, nobis fuisse relatum per Magistrum Alfonsum, conversum sacristam majoris ecclesiae Vallisoletanae, vos uti a magnis temporibus inter vos ... oratione quadam, in qua maledictiones omnipotentis Dei Christianis et omnibus ad fidem Christi conversis imprecami ni, eos censendo haereticos, etiam inimicos capitales, et quod publice Deum exoratis, ut eos destruat atque perdat. Et licet aliqui Judaeorum dicendo negabant: hoc non dicere Christianis, disputavit tamen hoc dictus magister Alfonsus cum sapientioribus Vallesole (Vallesoleti), qui de vobis fuerint adinventi, coram judicibus vestris ac scribis publicis et meritis atque probïs viris de praedicatoribus fratribus et multis aliis circumstantibus, ubi juramento legis Judaeorum illi summe literati inter se concesserunt, dictis librorum suorum injunctum ab antecessoribus hoc fuisse, veluti, dictus magister Alfonsus demonstrabat ... vidente nobis hoc vituperare et erogare (derogare) fidei Christianae, in bonum duximus per mandatum ne in aliquo regnorum nostrorum amplius hoc fiat. Quod si Judaeus vel Judaea hoc praesumserit attentare ... sub poena nostri dominii centum marabaetinorum numismae novae ... Datum Vallesoleti 25 die mensis Februarii aera 1374. Dieses Jahr der spanischen Ära entspricht dem christlichen Jahre 1336. Merkwürdig ist's, daß Wolf in seiner Bibliotheca III, p. 123, wo er diese Urkunde mitteilt, das bezeichnete Jahr für ein christliches Jahr hielt und damit beweisen wollte, daß Alfonso noch so spät gelebt habe.

Abner-Alfonso hat sehr viel geschrieben, Hebräisch und Spanisch; Lateinisch dagegen hat er nicht verstanden. Seine Schriften sind noch nirgends übersichtlich zusammengestellt.

1. Ein Superkommentar zu Ibn-Esras Kommentar zum Dekalog, wahrscheinlich noch im Judentum verfaßt, bei de Castro I, p. 195 nach Morales und Antonio.

2. Eine polemische Schrift gegen die Agada unter dem Titel קדצ הרומ wird zitiert von Mose de Tordesillas (im Eingange zur obengenannten Schrift). In Schem-Tob Ibn-Schapruts ןחוב ןבא (Ms. XV, 13, p. 169 r.) kommt ein Zitat von Alfonso vor, daß er dieses Buch vor dem folgenden geschrieben: תרמאו קדצ הרומ ךרפסב ותוא תראיבש.

3. Eine Widerlegung gegen die polemisch-apologetische Schrift 'ה תומחלמ, angeblich von David Kimchi, in Wahrheit aber von Jakob ben Rëuben31 [451] Der Titel von Alfonsos Schrift scheint gelautet zu haben: יחמקל 'ה .תומחלמ 'ס לע תובושת. Alfonso de Spina zitiert es öfter in dem dritten Buche seines Fortalitium unter dem Titel De bellis Dei oder De proeliis Dei und teilt Auszüge daraus mit. Auch Schem-Tob Ibn-Schaprut hat ganze Stellen daraus in dem genannten Werke, Abschnitt XII, und widerlegt die christlichen Behauptungen darin. Merkwürdig ist, daß Alfonso darin eine Geschichte von Jesu in chaldäischer Sprache erwähnt und einen langen Passus zitiert: ןושלב ורבחש רפסב הרידנפ רב ושיד אדביעב ימלשורי (das. XV, 8, Bl. 180 verso f.). Wahrscheinlich waren in dieser Schrift die Angriffe auf einige talmudische Halachas enthalten, welche Juda da Modena ausgezogen hat (Reggio, Bechinat ha-Dat, p. 51 f.). Alfonso schrieb diese apologetischpolemische Hauptschrift in hebräischer Sprache. Auf Ansuchen der Infantin Blanka übersetzte er sie selbst ins Spanische (bei de Castro l.c.). Der spanische Titel lautete: Los batallos de Dios.

4. La concordia de las Leyes, wahrscheinlich eine Nachweisung, daß die christlichen Dogmen auch im Alten Testamente angedeutet seien (bei de Castro).

5. Libro de las tres gracias, von dem bei de Los Rios (l.c.) einige Auszüge gegeben sind.

6. תואנק תחנמ zur Rechtfertigung der Astrologie gegen Pulgar (bei Bartolocci No. 1001; de Rossi, Codex 533, p. 75 b. Orient, Jahrg. 1840, Liter.-Bl. col. 249). Das Werk scheint nicht mehr zu existieren. Alfonso hatte dieses Werk Isaak Pulgar zugeschickt, worauf dieser eine Entgegnung schrieb unter dem Titel: תופרחה תרגא in fünf Abschnitten (bei de Rossi a.a.O. p. 73 a, 74 b und Bibliotheca antichristiana p. 93). Das Einleitungsgedicht dazu von Pulgar hat Carmoly mitgeteilt (Orient, a.a.O.):


לעמ הלעמו התטש ךתחנמ

לעבה ודי תחת האמטנ יכ

לעב תלועבו היתבשח ירכנ תבכ םא ,ךשפנב הב אנקת ןכל

לער הסוכו היתקדב םירמ ימב ,יל התחלש יתוסנל םלוא

.לעג יבבל אוש תבשחמ יכ הלפנ הכרי ,התבצ האר הנטב


7. ףרחמה לע תובושת, eine Entgegnung auf Pulgars Schrift (bei de Rossi a.a.O.). Darin scheint im Eingange jenes Gedicht gestanden zu haben, das ebenfalls im Orient a.a.O. mitgeteilt ist:


הדער והתזחא קוהרמל בל שולח ותגאשו לחש לוקל

.הדוקפה םוי אבב שעי המו ,ועמשב הנלצת וינזא יתש


8. תורגא שלש, drei Briefe gegen die Juden (bei de Rossi a.a.O.). Ein sonst unbekannter Joseph Schalom hat darauf entgegnet in einer Schrift unter dem Titel: וסנופלא תורגא לע תובושת.

9. Darauf entgegnete wiederum Alfonso in einer Schrift: תובושתה תובושת (bei de Rossi a.a.O.).

[452] 10. הרזגה תרגא zur Rechtfertigung des Fatalismus (oben).

11. לומגה דוס, eine so betitelte Schrift gleicherweise zugunsten des Fatalismus zitiert Joseph Ibn-Schem-Tob, der eine Widerlegung dagegen geschrieben hat (vgl. Munk, Mélanges, p. 509, Note). Es ist fraglich, ob es nicht mit Nr. 6 identisch ist.

Von diesen zahlreichen Schriften Abner-Alfonsos sind nur zwei mit Gewißheit spanisch geschrieben, die meisten also hebräisch.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 449-453.
Lizenz:
Faksimiles:
449 | 450 | 451 | 452 | 453
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Cleopatra. Trauerspiel

Cleopatra. Trauerspiel

Nach Caesars Ermordung macht Cleopatra Marcus Antonius zur ihrem Geliebten um ihre Macht im Ptolemäerreichs zu erhalten. Als der jedoch die Seeschlacht bei Actium verliert und die römischen Truppen des Octavius unaufhaltsam vordrängen verleitet sie Antonius zum Selbstmord.

212 Seiten, 10.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon