6. Die jüdischen Naturforscher am Hofe Alfonsos des Weisen.

[410] Der sogenannte astronomische Kongreß, den der weise Alfonso berufen und dem er selbst präsidiert haben soll, ist eine plausibel zugestutzte Fiktion, die Romanus de la Higuera durch seine Historia toletana oder einen von ihm mißverstandenen Prolog und Epilog zu astronomischen und astrologischen Werken aus der alfonsinischen Zeit in die Weltgeschichte eingeführt hat (vgl. den Nachweis o. S. 116), und die nicht sobald aus ihr verschwinden wird. Der geistvolle Autor der spanischen Literaturgeschichte Ticknor und der ziemlich vorurteilsfreie, moderne Geschichtsschreiber Spaniens, Don Modesto Lafuente, behandelten den astronomischen Kongreß noch immer als eine so ausgemachte Tatsache, daß sie es gar nicht für nötig hielten, die Quellen einer kritischen Prüfung zu unterwerfen. Das ist aber nicht die einzige Fiktion in der Literaturgeschichte der Alfonsinischen Zeit. Ein Literaturhistoriker, in dessen Adern jüdisches Blut floß, und dessen unvertilgbarer jüdischer Patriotismus ihn bewog, die Leistungen jüdisch-spanischer Schriftsteller gegenüber deren Verkennung und Verachtung besonders hervorzuheben, Joseph Rodriguez de Castro hat in seiner bibliotheca española de los escritores Rabinos españoles (Madrid 1781) unter vielen anderen Mißgriffen einen jüdischen Astronomen und Astrologen an Alfonsos Hof eingeführt, der seitdem in der jüdischen Literaturgeschichte figuriert, aber sein Dasein einem Mißverständnisse verdankt. Jehuda Mosca, der Kleine, hat nie existiert und hat lediglich eine Korruptel zu seiner Mutter.

Zacuto, der, selbst Astronom, sich nach jüdischen Astronomen aus der älteren Zeit umgesehen hat, kennt bloß zwei aus dem alfonsinischen Zeitalter, Isaak Ibn-Sid, Vorbeter in Toledo, welcher die alfonsinischen Tafeln angelegt hat: (וסנופלא ןוד ךלמה ימיב) זאו םימשה אבצ תוחול ןקת הלוטילוט ןזח דיס ןב קחצי 'ר םכחה ושנופלא גוז םיארקנה םהו ךלמה תדקפ יפ לע לודג קודקדב[410] , und einen zweiten, Jehuda ben Mose Kohen, ebenfalls aus Toledo, welcher das arabische Werk eines Astronomen Abd al-Ra`heman al-Sufi-Abul-Husein (vgl. Steinschneider, Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters, S. 616, 979-980) über 1022 große Fixsterne aus dem Arabischen ins Kastilianische übertragen hat: ךלמה) הוצ טרפל ו"י תנש וכלמל 'דה הנשבו קיתעהל הלוטילוטב ןהכה השמ ןב הדוהי 'ר םכחהל (וסנופלא ןינעב םילעמשיה ןמ ןסה לא ןבא השעש דבכנה רפסה זעל ןושלל םילודג םיבככ ב"כו ףלאה. Diese zwei Namen muß man festhalten, um sich aus dem Gewirr von Korruptelen bei de Castro zurecht zu finden. Isaak, nach spanischer Aussprache Zag oder Çag, kommt in den spanischen Kodizes astronomischer Schriften bei de Castro auch unter der Form Rabisag, d.h. Rabbi Zag vor. So das. I. p. 148 b. Der König Don Alfonso spricht in der Einleitung: mandamos a nuestro sabio Rabizag el de Toledo que lo (un instrumento Armillas) fisiesse bien complido. Er wird als Autor von Schriften über Anfertigung von Wasseruhren, Quecksilberuhren, von Stundenzeigern und anderen Schriften angeführt (das. p. 144a, 156a, 157b, 138a, 134a). Im Prolog einer Übersetzung eines astronomischen Werkes von Sarkel heißt es, der König habe es zum zweiten Male übersetzen lassen: Despues mandalo trasladar otra ves en Burgos mejor e mas complida mientre e maestro Bernaldo el Arabigo e a don Abrahem su alfasan en el anno XXVI del su regno ... era de Cesar 1315. Das Wort alfasan bedeutet im Spanischen ebensoviel wie alhassan, d.h. ןזחה. Da nun Isaak Ibn-Sid Chasan war, so muß man in diesem Passus eine Lücke annehmen, was ohnehin nötig ist, da doch schwerlich der Astronom oder Übersetzer der Chasan oder Vorbeter des Königs Alfonso gewesen ist. Es muß also ergänzt werden: mando trasladar ... a don Çag figo de Abraham su sabio, alfasan, wie Çag oder Isaak oft genannt wird: Weiser des Königs, oder sein Weiser. Es gab also keinen Astronomen Abraham an Alfonsos Hof, wie de Castro (das. p. 117a und II. 647 a) behauptet, sondern Abraham war lediglich der Name von Çags Vater. Ob dieser Çag den Beinamen Surjurmenza führte, wie derselbe unzuverlässige Autor angibt, ist mehr als zweifelhaft (vgl. Steinschneider a.a.O. S. 617).

Noch mehr Korruptelen als bei diesem Astronomen Isaak kommen bei Jehuda ben Mose Kohen in den Kodizes vor, aus welchen de Castro Auszüge gemacht hat, und daher noch mehr Mißverständnisse bei dem letzteren. Zunächst soll konstatiert werden, daß dieser Jehuda, der Übersetzer des Werkes über die Fixsterne, zugleich Leibarzt des Königs Alfonso war. In einem Buche über die Sphäre (la Espera) von Costa ben Luke heißt es im Vorworte (das. I, p. 119a): Et fiso este Libro en Arabigo et despues mandolo trasladar de Arabigo en lenguaje castellano el Rey don Alfonso ... a mestre Juan daspaso clerigo (l. Daspa so clerigo) ea hyuda El Coem Sohalaquin, d.h. e a Yuda el Coen so alaquin, »sein Arzt«. Aus dem arabischen Worte םיכח, םיכחלא entstand bekanntlich das spanische Wort haquin, faquin, alhaquin. Wenn nun der König zum Schlusse des Werkes sagt (das. p. 122 b): mandamos (nos Rey don Alfonso) a don Mosse nuestro Alfaquin que lo fisiesse, so muß man hier eine Lücke annehmen: a don Yehuda fijo Mosse, d.h. Jehuda ben Mose. Zum Schluß eines Kodex heißt es (das. 117): Este libro fue sacada de uno, quel (que el) Rey don Alfonso deseno [411] (deceno) mandó traduçir de Caldeo y Arabigo en lengua castellana Ayuda el cohem so Alhaquin et Guilen Arremon Daspa so clerigo en la hera (era) de 1294 y emendado por el dicho Rey en el lenguaje ... En lo qual ayudaron Maestro Johan de Mesina y Johan de Cramona y el sobredicho ea (l. e.) Yehuda ea Samuel en ... 1278 Chr. Es ist also wiederum derselbe Juda, welcher ein Werk, das ursprünglich chaldäisch gewesen, aus dem Arabischen übersetzt hat. Man kann daraus beurteilen, welche Gedankenlosigkeit dazu gehört, daß de Castro aus Juda filius Mosse eine ganz andere Persönlichkeit, einen Jehuda Mosca gemacht hat. Von einer Übersetzung der Astrologie des Ali Ibn-Ragel heißt es in einem Kodex (das. 114 b): Hic est liber magnus ... quem Juda filius Mosse de praecepto Domini Alfonsi ... transtulit de arabico in idioma maternum et Alvarus ... transtulit de idiomate materno in latinum. Freilich lautet die Überschrift eines anderen Buches: Hic est liber magnus ... quem Yehuda filius Musce praecepto Domini Alfonsi ... transtulit de arabico in maternum vel hispanicum idioma (das. 115 a). Allein jedes Kind erkennt, daß Juda der Sohn des Mosse und des Musce einerlei ist und die Verschiedenheit nur auf verschiedener Schreibweise beruht. Dennoch sprechen nicht nur de Castro, sondern auch neuere Literaturhistoriker von einem Jehuda Mosca, als verschieden von Jehuda ben Mose Kohen. Denn auch der Prolog zu einer Schrift über die (astrologische) Eigenschaft der Steine, angeblich aus dem Chaldäischen ins Arabische übertragen, die von Juda Mosca ins Kastilianische übersetzt worden, hat keinen anderen Übersetzer im Sinn, als eben Jehuda ben Mose Kohen, Leibarzt, Astronom und Astrolog des Königs Alfonso. Die Stelle lautet im Original (das. p. 106a): El desque este libro tuvo en su poder (el Rey) fisolo leer a otro su Judio que era su fisico e disienle Yhuda Mosca elmenor que era mucho entendudo en la arte de Astronomia e sabio e entendio bien el arabigo e el latin. Et desque por este Judio su fisico ovo entendido el bien e la grand proque en el yazie, mandogelo trasladar ae arabigo en leguaje castellano etc. Dieser Prolog scheint mir aus späterer Zeit zu stammen. Denn die Angabe, daß Jehuda Mosca, d.h. wie wir ohne weiteres annehmen können, Jehuda ben Mose Kohen, auch Lateinisch verstanden habe, ist sehr verdächtig. In den oben zitierten Quellen aus der alfonsinischen Zeit wird ausdrücklich bemerkt, derselbe habe Schriften lediglich ins Kastilianische übersetzt und andere (Christen) daraus ins Lateinische, was eben voraussetzt, daß er nicht Latein verstanden hat. Auch der Beiname »der Kleine« (el menor) scheint auf einem Mißverständnis zu beruhen, begangen von einem, der so viel Hebräisch verstand, um Schnitzer machen zu können. Derselbe mag nun den Beinamen ןהכה falsch gelesen, ןטקה daraus gemacht und diesen Beinamen dem Jehuda Mosca oder Jehuda ben Mose aus Toledo beigelegt haben. – Der Kodex bei de Castro spricht noch von einem dritten jüdischen Astronomen an Alfonsos Hofe: Samuel Levi. Derselbe war mit Jehuda an einer Übersetzung beteiligt (s. oben) und hat eine Schrift über Anfertigung einer Kerzenuhr (relogio de la candela) verfaßt (das. p. 156b). Der König spricht in der Einleitung dazu: a Samuel el Levi de Toledo, maestro Judio que fisiesse este libro etc.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 410-413.
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