15. Der Sektenstifter Abu-‛Isa Obadjah Isfahani.

[461] Über diesen Sektenstifter und seine Sekte, die Isawiten. liegen uns zwei Berichte vor. Der eine stammt von David ben Merwan Almokammez84 (blühte um 950), ausgezogen in Hadassis Werk רפכה לכשא (Nr. 97), der andere von dem Mohammedaner Scharastani, der zwar erst um 1140 schrieb, aber seine Nachrichten über die jüdischen Sekten aus älteren Quellen schöpfte (Text, ed. Cureton, p. 168; Haarbrückers Übersetzung I, S. 254). Wenn, wie es den Anschein hat, Scharastani Almokammez' Bericht exzerpiert hat, so sind seine Angaben um so zuverlässiger. Makrizis Nachrichten darüber (in de Sacys Chrestomathie arabe I, 307) sind dürftig. Wir haben hier den Namen des Stifters, die Zeit seines Auftretens und seiner Wirksamkeit, seine Messianität und seine häretische Dogmatik zu beleuchten.

1. Name. Almokammez nennt ihn Abu-‛Isa Obadjah aus Isfahan: ינפסאה הידבוע אוהו יסיעובא תד תכ. Scharastani hat den Namen voller: ןב קחצא יסיעובא בוקעי. Er fügt hinzu, er wird auch genannt: דיבוע הללא דיבוע יא םיהולא. Der Name הללא דיבוע oder דיבוע םיהלא (wie Haarbrücker richtig korrigiert) ist Obadjah arabisiert85. Der Sektenname lautet, wie wir gesehen, bei Almokammez יסיעובא תכ oder םינוסיע, bei Scharastani היוסיע (Isawiten), bei Makrizi הינאהפצאלא (Isfahaniten), nach der Geburtsstadt des Stifters.

2. Zeit. Scharastani gibt die Zeit seines Auftretens und deren Ende genau an. Er wirkte zur Zeit des Kalifen Almansur, und der Anfang seines messianischen Auftretens war in der Zeit des letzten Omejjaden Merwan: התועד אדתבאו רוצנמלא ןאמז יפ ןאכ ראמחלא דמחמ ןב ןאורמ הימא ינב ךולמ דחא ןאמז יפ. Merwans II. Kalifat86 begann 744 und das Almansurs, des zweiten Abbassiden, 754. Während der Unruhen, welche der Abfall der Provinzen des Kalifats gleich nach Merwans Regierungsantritt hervorrief, mag auch Abu-‛Isa Obadjah als kriegerischer Messias aufgetreten sein. Er lebte aber noch einige Zeit unter Almansur; denn er griff dessen Heere in der Gegend der Stadt Raï an, wurde aber daselbst mit seinen Anhängern getötet. Scharastani: בראח אמל (יסיעובא) הנא ליקו הבאחצא לתקו לתק ירלאב רוצנמלא באחצא. Raï war mit ganz Chorasan im Anfang der Regierung Almansurs besetzt von dem Magier [461] Sindbad, der erst im Jahre 138 Heǵ. = 755-56 besiegt wurde. Vgl. Weil, Kalifen, II, 34 nach Tabari. Zur selben Zeit scheinen auch Abu-‛Isa und seine Anhänger besiegt worden zu sein. Er hat demnach sein Wesen ein Jahrzehnt getrieben, um 745-5587.

3. Messianität. Hadassi, d.h. Almokammez, sagt ausdrücklich, Abu-‛Isa habe sich für den Messias aus gegeben: חישמה דעב םיאיבנה ונעט רשא יכ (יסיעובא) רמא ינניבה לאהו חישמה אוה. Aus Scharastanis Worten dagegen scheint hervorzugehen, daß er sich nicht für den Messias gehalten, sondern nur für einen Propheten und Gesandten, für den, der zu dem Messias beruft, den messianischen Vorläufer: יבנ הנא (יסיע ובא) םעזו רטתנמלא חישמלא לוסר הנאו. Er glaubte auch, wie Scharastani tradiert, daß dem Messias fünf Gesandte nacheinander vorausgingen. Indessen da er verkündet, daß der Berufer zum Messias selbst Messias sei: ןא םעזו חישמלא וה אציא יעאדלא, so läuft das auf eins hinaus. Da seine Anhänger gewußt haben, daß er nicht vom Stamme Davids war, so mochte er sich gescheut haben, sich für den Davidischen Messias auszugeben, und hat vielleicht behauptet, er sei der Messias vom Stamme Joseph: (ףסוי ןב חישמ). Dafür spricht auch sein kriegerisches Auftreten; denn der Volksglaube teilte dem ephraimitischen Messias eine kriegerische Rolle zu (wovon weiter unten). Abu-‛Isa sagte auch von sich aus, Gott habe zu ihm gesprochen und ihn beauftragt, die Söhne Israels von der Hand der abtrünnigen Völker und der tyrannischen Könige zu befreien: ןמ ליארסא ינב ץלכי ןא המלכ ילאעת הללא ןא םעזו ןימלאטלא ךולמלאו ןייצאעלא םמאלא ידיא. Auch Maimuni scheint von Abu-‛Isa, als von einem Messias, Kunde gehabt zu haben. In seinem Briefe über den Pseudomessias in Arabien zu seiner Zeit (Iggeret Teman)88 berichtet er: Im Anfang des Islam trat ein Mann jenseits des Euphrat auf und sagte, er sei der Messias und zog mit 10 000 Mann aus, aber sein Plan gelang nicht, und die Juden wurden durch ihn in der Stadt Isfahan sehr verfolgt: תוכלמ תליחתב יכ תעדל םכל שיו 1.) ללכב אציו חישמ אוהש רמאו רהנה רבעב שיא דמע לאעמשי םיכשהו ערוצמ ןלש תואה התיהו לארשימ םיפלא תרשע (ליחב לארשי וראשנו רזחו ותצע הדמע אלו וקסע םלשנ אלו אירב וללגב םהילע ושדחתהו] תולגה םצועב ןאהפסא ירעב וירחא [תורצה. Der Anfang des Islam und die Stadt Isfahan, beides paßt nur auf Abu-‛Isa Isfahani. Daß er zahlreiche Anhänger hatte, bezeugt auch Scharastani. העבתאפ דוהילא ןמ ריתכ.

4. Dogmatik. Daß Abu-‛Isa Häretisches lehrte, bezeugt Scharastani im allgemeinen: »Er wich in vielen Punkten von den Hauptsatzungen des Gesetzes ab, die in der Thora erwähnt sind«: ןמ ריתכ יפ דוהילא ףלאכו הירותלא יפ הרוכדמלא הריבכלא היערשלא םאכחא. Indes will das nicht etwa sagen, daß er sich über viele pentateuchische Gesetze hinweggesetzt hat, sondern daß er sie anders gedeutet hat, als das damals bestehende, talmudische Judentum. Das geht aus Almokammez' Andeutung hervor, obwohl der eigentliche Sinn durch Hadassis ungeschickte Übertragung abgeblaßt erscheint. »Er hat erfunden und gedeutet die Schrift nicht im Geiste der Propheten«: םיבותכ רדסו איצמה וניהלא תאובנ חור ילב ותעדמ םירודסו. Aus desselben Angabe. [462] daß die Isawiten einiges vom talmudischen Judentum festhielten, wie die 18 Gebetformeln und die Benediktionen vor und nach dem Schema, läßt sich folgern, daß sie anderes verworfen haben: הלא ובייח ףא לכב םיקרפ 'ג םע עמש תאירקו םינבר לש תומיתח ח"י םינוסעה האובנכ םה םיקיזחמ בר יב ירבד טעמ םוי. Besondere frappante Abweichungen werden weder von Almokammez, noch von Scharastani namhaft gemacht. Denn daß Abu-‛Isa siebenmaliges Beten täglich vorschrieb, nach einem Psalmenausdrucke, statt des talmudisch vorgeschriebenen dreimaligen, ist keine einschneidende Häresie (Almokammez): םוי לכב תוליפת 'ז בייח םגו ךיתללה םויב עבש רמאממ (Scharastani gibt unrichtig an, daß Abu-‛Isa zehn Gebetzeiten für pflichtmäßig ausgab: אהתאקוא רכדו ... תאולצ רשע בגואו, da Almokammez die Begründung aus der Schrift dafür anführt, und diese für sieben spricht). Wenn Abu-‛Isa nach Almokammez die Scheidung ganz und gar aufhob, sogar bei Ehebruch: הורע רבדב וליפא ותשא תא שיא שרגיש רסאו, so ist das allerdings ein Hinausgehen über die biblische Bestimmung. Wie es die Isawiten mit dem Festkalender hielten, läßt sich aus den Worten, wie sie Jehuda Hadassi wiedergibt, nicht entnehmen. Sie lauten: המחה תונשב םהירבדכ םידעומה םישוע םה ףא. Es bedeutet allerdings, sie machen die Feste nach dem Sonnenjahr, d.h. abweichend vom rabbanitischen Festkalender, der nach dem kombinierten Jahre angelegt ist, aber das Wort םהירבדכ ist störend; denn das will sagen, gemäß der, nämlich »der Rabbaniten« Vorschrift. Zwei Eigentümlichkeiten werden noch von Abu-‛Isa, diesem kriegerischen Messias, mitgeteilt. Er schrieb seinen Anhängern Enthaltsamkeit von Wein und Fleisch vor, sogar von Vogelfleisch, nach dem Beispiel der Rechabiten, die freilich nur dem Weingenuß entsagten. (Mokammez): רסא ןייו רשב תוללוזמ בכר ןב בדנוי ינב לע רמאנה רמאממ. Bei Scharastani wird nur Enthaltsamkeit erwähnt: חאבדלא הבאתכ יפ םרחו אריט קאלטאלא ילע חור יד לכא ןע יהנו אהלכ. Aus Scharastanis Worten geht hervor, daß Abu-‛Isa eine Schrift hinterlassen, also nicht so unwissend war, wie bei Hadassi angegeben wird: תעדמ היה רעבו ץל89. – Dann tradiert Scharastani, derselbe sei zu den Söhnen Moses, welche jenseits der Wüste wohnen, gezogen, um ihnen das Gotteswort zu verkünden: ינב ילא בהדו הללא םאלכ םהעמסיל למרלא ארו םה ידלא ןארמע ןב ישומ. Die Wüste bedeutet hier wohl die große Salzwüste, welche sich nördlich von Isfahan erstreckt. Da wir aus einem anderen Passus bei Scharastani wissen, daß er in Raï (dem alten Rhagae) war und dort die Truppen des Kalifen angegriffen hat, so wird die Reise wohl von Isfahan nach Raï gegangen sein. Man glaubte also damals in jüdischen Kreisen, daß die Söhne Mose, von denen auch Eldad der Danite gefabelt hat, in der Gegend von Raï ihren Sitz hätten. Der Gaon Zemach, Eldads Zeitgenosse, zitiert einen Midrasch, worin erzählt wird, die Söhne Moses hätten sich die Finger abgeschnitten, um nicht vor Nebukadnezar die Saiten zu schlagen: ףיקמ ןויטבס רהנו םלצא השמ ינב יכו רצנדכובנ הלגהש שרדמב וניתובר םירמוא ךכש רמא תמא םהל אובר םישש השמ ינב םייול. R' Zemach spielt hier auf Midrasch zum Psalter 137 an, wo aber von den השמ ינב keine Rede ist. – Abu-‛Isa Obadjah trat demnach mehrere Jahre vor Anan auf und modelte am Judentume. Anan war also nicht der erste Häretiker.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 461-464.
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