19. Eldad der Danite[515] 172.

Mit diesem Touristen haben sich in neuester Zeit Rapoport, Landauer, Carmoly und Jellinek beschäftigt, ohne zu erkennen, daß er ein Abenteurer und Charlatan war. Dieses verdammende Urteil muß jeder fällen, der sich Mühe genommen, die Notizen, die wir über ihn haben, genau anzusehen173. Schon der Umstand, daß er sich als einen Sohn des Stammes Dan ausgab, daß er diesen Stamm in seiner Integrität fortbestehen, einen unabhängigen Staat mit einem König Usiel an der Spitze bilden ließ, und daß er Traditionen aus dem Munde Moses und Josuas in direkter Linie mitteilte, hätte darauf führen müssen, daß er es auf eine Mystifikation abgesehen hatte. Und nun erst der Umstand, daß er Wörter für althebräisch ausgab, die, so weit wir jetzt den Semitismus kennen, keinem Dialekt dieses Sprachstammes angehören, verrät doch einen Betrüger auf den ersten Blick! ארתנת soll Taube, תוקיר Vogel, שומרד Pfeffer und היגש Geschäft bedeuten!174 (Sendschreiben der Kairuaner an Zemach Gaon): ןושלו ומכ םלועמ ונעמש אלש םירבד וב שי רבדמ (דדלא) אוהש שדקה הלא ןוגכ .שומרד לפלפ תוקיר ארוק רופצ ארתנת ארוק הנויל ק"הלב םשה ונל רמאו רבדה ול םיארמ ונייהש הברה ויפמ ונבתכ רבדו רבד לכ לע והונלאשו ונרזח םימי רחאו .ותוא ןיבתוכ ונאו ןושארה רובדכ ותוא ונאצמו175. [515] Ibn-G'anach im Namen des Ben-Koraisch: לגרלא עמס הנא (שירק ןב הדוהי) םעזו לגשו הגאח יל ינעמב היגש יל :לוקי ינאדלא176. Jehuda ben Koraisch gab an, er habe von dem Daniten sagen gehört: »ich habe היוגש«, wenn er sagen wollte: »ich habe ein Geschäft, ich habe etwas vor.« In Eldads הטיחש תוכלה, das uns jetzt durch Goldberg (Jehuda ben Koraisch ed. Paris) und Filipowski (Jochasin ed. London) vorliegt177, kommen ebenfalls monströse, selbsterfundene hebräische Wörter vor: םדא והומתפ הטיטעה םאו ... !הגוספ ץראב ... !הילגר השבכוהו !םירבדב אלו הברה ליכע הרצק תלכאמה םאו ... הלודגה תעבט תחתמ !וילגרו וידי וצצמה178.

Sehen wir uns Eldads Ritual über das Schlachten an, so ergibt sich unzweideutig, daß er, der sogenannte Danite, ein Karäer war. Bruchstücke daraus liegen uns vor, teils in den oben angegebenen Werken, teils in dem Sendschreiben der Kairuaner an Zemach und teils in Notizen von R' Baruch (zitiert von Mardochaï zu Chullin I, Anfang). Dieses Zitat, das am meisten karäische Spuren enthält, lautet: בותכ יתיאר ךורב 'ר כתכ יפמ רמא .םיטבש 'ימ אבה ... דדלא 'ר איבהש הטיחש תוכלהב תוכלה עדוי וניאו 'הל חבוזה לכ הרובגה יפמ השמ יפמ עשוהי םאו הליפת םוקמל שדוקה לא הנפיש דע טוחשי אלו .'וכו הטיחש חכשו ערז תבכשמ .ץחרוה אל םאו ... לוגפ הכרב אלב טוחשי ... ןקז דימ סירס דימ השא דימ הטיחשה רוסאו ... לוגפ טחשי הנש ח"י אלמיש רע רענמו179. Alle diese Punkte sind echt karäisch180, wie aus dem הטיחש תוכלה des Jehuda Hadassi, des Aaron Nikomedi, des Israel, des Westländers, und des Elia Baschjazi in והילא תרדא hervorgeht. Der Karäismus hat nämlich zwei leitende Prinzipien für das rituale Schlachten. Erstens soll es eine gottesdienstliche Handlung sein und daher in der Richtung nach Jerusalem vorgenommen werden (Baschjazi): םלשורי דגנ וינפ םושל איה הבוט הוצמו (Abweichend Israel der Westländer). Daher Frauen, Betrunkene, Unreine den Akt untauglich machen, ebenso wenn er ohne Segensprechung ausgeführt wird. Zweitens soll das Schlachten zum Zwecke haben, das Blut vollständig ausfließen zu lassen, sonst würde das Blut in den Muskeln bleiben: 'ד תתירכ איה הטיחשהש ... יוארכ טחשנה ףוגהמ םדה אצוי םתתירכבש יפל םינמס יחה ירביא לכמ םדה תאצוה איה הטיחשב הנוכהש. Daher halten es die Karäer hier für unerläßlich, daß neben der Speise- und Luftröhre auch die Blutgefäße am Halse (םידירו) durchgeschnitten werden. Belege aus karäischen Schriften heranzubringen ist überflüssig; Fachmännern ist das [516] bekannt. Dieser Punkt wird in dem Ritual Eldads stark betont181: ein Schlachten gegen die Vorschrift bewirkt, daß das Blut, statt auszuströmen, sich innerhalb des Tieres sammelt; der Genuß desselben käme demnach dem Genießen des Blutes gleich: לכב םדה ךלהו תרחא המהב תטיחש ידכ דע ודיב ההשי הלבנ רשבה (bei Goldberg l.c. XIX.); לע רמאת יכו תעבט דננ ןהמ אצוי םדהש ןידיגהש יכ עד ?המל הפירט המרגהה םדה אצי אלו םדה ידיג לש שרש התכיתח טיחשת הלודגה (das. XXI.). Auch die Tierkrankheiten bei Eldad (תופרט 'ה) weichen zum Teil vom Talmud ab. Kurz, es ist nicht zu verkennen, daß Eldad ein Karäer war182. Wenn Eldad behauptete, daß die Daniten einen hebräischen Talmud besäßen, daß darin keine Kontroverse vorkomme, und daß darin alles traditionell auf Josua, auf Mose und Gott unmittelbar zurückgeführt werde: םכח םוש וב ריכזמ וניאו חצחוצמ שדוקה ןושלב םהלש דומלתה לכב םירמוא ךכ אלא: דומלתה ילעבמ אלו הנשמה ילעבמ אל הרובגה יפמ השמ יפמ עשוהי יפמ ונדמל ךכ הכלה so hatte er es offenbar darauf abgesehen, den rabbanitischen Talmud in den Augen der Rabbaniten zu diskreditieren. Daher ist es erklärlich, daß die Kairuaner und R' Isaak und R' Simcha, die ihn gesprochen, darüber erstaunt waren, daß manches, das er ihnen mitteilte, mit dem Talmud übereinstimme, manches wieder davon abwiche: ןב קחצי אנבר ןמ ועמשש םימכח ונל ורפס :חמצ 'ר וירבדמ םיהמת ויהו ינדה דדלא 'ר וארש החמש אנברו אנרמ ןיגלפומ ויה ןתצקמו ונלש םימכח ירבדכ ןיארנ ןתצקמב ויהש (םהירבדמ 1.) ונירבדב. Dennoch ließen sich Rabbaniten von ihm mystifizieren. Der Gaon Zemach entschuldigt Eldad, daß seine Abenteuer sein Gedächtnis geschwächt, und er darum vieles vergessen hätte: שיו ורבעש ויתורצ בורמ ףילחהו גגש דדלאש קוחר ללכ וניאש רמול םדאה ףוג הנעמה ךרדה חרוטו וילע. R' Chananael ließ sich von ihm täuschen und nahm einiges von ihm auf (vgl. Goldberg l.c. XXI. aus einem bodleianischen Kodex). Spätere zitieren die י"א תוכלה לארשי ץרא תוכלה, oder vielleicht עשוהי רמא תוכלה183 des Eldad Hadani als eine wichtige Halachaquelle, und nur ihr richtiger Takt sträubte sich gegen Aufnahme der Eldadschen Fiktionen (Tossafot zu Chullin Anf. und Meïr Rothenburg Resp. 193). In Spanien scheint Eldad übrigens eine andere Traditionskette geschmiedet zu haben »im Namen Othniels«, der es von Josua usw. vernommen (Chasdaï im Sendschreiben an den Chazarenkönig): היה ךכ הכלהב (ןד טבשמ שיא) שורדל ודמעבו הרובגה יפמ השמ יפמ עשוהי יפמ לבק זנק ןב לאינתע רמוא. Die Karäer scheinen es gefühlt zu haben, daß Eldad Fleisch von ihrem Fleische war, indem er angab, daß der Rest der Stämme jenseits des Sabbationflusses den Talmud nicht kenne und [517] kein festes Kalendersystem habe (Jehuda Hadassi Eschkol Nr. 61): תקדצ תולג םרט ואצי ןויטבמס רהנל רבעמ ןורושי יטבש לכמ םישנא ארמגו הנשמ ילב לא תרותב (מה) ינדה דדלא רפסב םלשורי ךיעור ןוקתכ הנבל ןובשח. Mit einem Worte, es ist kein Zweifel daran, daß Eldad ein verkappter Karäer war, der nur deswegen Rabbanitisches mit Karäischem gemischt hat, um die Rabbaniten nicht vor den Kopf zu stoßen. Möglich, daß er selbst ein solches eklektisches Bekenntnis hatte.

Daß demnach alles, was Eldad von seinen Reisen und Abenteuern, von den noch vorhandenen Zehn stämmen und von den Bene Mosche am Flusse Sabbation erzählt, eitel Erfindung ist, versteht sich von selbst184. Es gehörte mit zu seiner Rolle, darzutun, daß das ursprüngliche Judentum anders gestaltet war, und daß es sich noch rein bei den Stämmen erhalten habe, die noch vor der Vertreibung der Zehnstämme ausgewandert sein sollen. Seine Erfindungen sind teils in dem Sendschreiben der Kairuaner an Zemach Gaon, teils im Eschkol des Hadassi und teils in den zwei Rezensionen niedergelegt, die unter dem Titel ינדה דדלא רפס zirkulieren (gedruckt zuerst in einer italienischen Ausgabe entweder von Conat oder in Pesaro und Ferrara: Orient Jahrg. 1846, Literaturbl. Nr. 31; Konstantinopel 1516, 1519 und zuletzt von Jellinek im Bet Hamidrasch II, III)185. Die Verschiedenheit der Relation rührt wahrscheinlich davon her, daß Eldad an jedem Orte, wo er sich aufgehalten, entweder geflissentlich oder von seinem Gedächtnisse verlassen, anders erzählt hat. So kommen in Eschkol (Nr. 60) Züge vor, welche in den anderen Schriften fehlen. Übrigens beruhten Eldads Angaben auf Tatsachen, die er geflissentlich erweitert hat: nämlich auf der Tatsache von der einstigen Existenz eines jüdisch-himjaritischen Reiches und unabhängiger Stämme in Arabien, ferner auf der Tatsache von dem Vorhandensein des jüdisch-chazarischen Staates, und endlich auf der Tatsache von der Existenz kriegerischer jüdischer Stämme in Ostcharasan bei Nischabur.

Wenn Eldad vier Stämme nach Kusch und Chavila186 verlegt, so wählte er den Schauplatz des ehemaligen himjaritischen Reiches187. Wenn er die Stämme Ephraim und Halbmanasse auf den Bergen in der Nähe von Mekka oder Medina wohnen und sie kriegerisch auftreten läßt, so liegt dem die Nachricht von den kriegerischen Stämmen Nadhir, Kuraiza und Chaibar zugrunde: םירהב םה השנמ טבש יצחו םירפא טבשו םיסוס ילעב םהו הכימ ארקנש ילאעמשיה איבנ תנידמ דגנ דחא המחלמ ישנאו ליח ירובג םהו זב זובלו ללש לולשל םיאצויו שיא ףלא חצני םהמ188. Andere zwei Stämme [518] verlegte er direkt nach dem Chazarenland: טבש יצחו ןועמש טבשו םירשעמ סמ ואשי םהו רקח ןיא דע םהו םירזוכ ץראב השנמ סמ םהל ןיערופ םילאעמשיה דצמו תויכלמ השמחו. (So lautet die Stelle in der Ed. Const. 1516, in den anderen Ausgaben steht םיירדק statt םיירזוכ und in der Ed. Const. 1519 gar םידסכ, mit dem Zusatze: השש םילשורימ קוחר םישדח. Aber die Lesart םיירזוכ empfiehlt sich am besten). Die Nachricht über die Chazaren dürfte das noch am meisten historisch Begründete in Eldads Erzählung sein, freilich mit Ausnahme des Hauptpunktes, daß dort der Stamm Simeon mit noch einem anderen gewohnt habe. – Zwei Stämme Sebulon und Rëuben versetzt Eldad nach dem Gebirge ןאירפ und läßt sie türkisch sprechen: ןאירפ רהב םינוח ןולובז ינב )Var. םע תומחלמ םישועו ... ןאירפ רה לצא םדגנ ןבואר טבשו (ןראפ רדק ןושלב םירבדמו ... םהיתוביבס לכ. Das erinnert an den Bericht Benjamins von Tudela, welcher von einem eingeborenen Juden hörte, daß unabhängige kriegerische Juden auf den Gebirgen Nischabur wohnten, welche (im 12. Jahrhundert) ein Bündnis hatten mit den Ghusen oder ungläubigen Türken. Diese Juden bei Nischabur oder Ostchorasan wollten von den Stämmen Dan, Sebulon usw. abstammen (Itinerarium, ed. Asher, Text 83 f.):189 ירהל םוי םירשעו הנומש םירמואו םשמ םהש סרפ ץראב לארשימ םישנא םש שיו רובסינ ילתפנו ןלובזו ןד לארשימ םיטבש העברא רובסינ ירעב יכ ץראל המחלמל םיכלוהו ... םיוג לוע םהילע ןיאו ... (Lücke) ... ךרותלא רפוכ םע תירב םהל שיו תורבדמה ךרד (זוג 1.) תוכ םש םיבשוי םידוהיהו רובסינ ירה לא ואבש דע . Es ist ganz dieselbe Schilderung wie bei Eldad. Man muß also bei Eldad statt ןאירפ oder ןראפ korrigieren in ןסארכ190. Denn Nischabur gehörte zu Ostchorasan. Dann würde auch passen, daß diese Juden tatarisch oder türkisch sprachen, und daß sie in dieser Sprache predigten: ןושלב ארבסהו שדוקה ןושלב תושרדב ןיחתופ (רדק 1.) שדק (So in der Ed. Const. 1516. In den übrigen falsch: סרפ ןושלב)191.

Das Wichtigste an dem ganzen Eldad ist die Bestimmung seines Zeitalters. Es sind drei Data dafür vorhanden: 1. In der Edition von Const. 1516 kommt zum Schlusse vor: Eldad habe den Bericht nach Spanien gesendet im Jahre 43: דדלא רמ וללה תורגא רגש שלשו םיעברא תנש דרפסל. Damit läßt sich allerdings nichts anfangen192. 2. Ibn-Jachja (im הלבקה תלשלש) hat in seinem Exemplare eine vollständige Zahl gefunden. Auf die Anfrage der Kairuaner an Zemach Gaon, antwortet dieser, er habe durch Tradition von Isaak Gaon vernommen, daß einige Eldad um 640 = 880 christl. Zeit gesehen haben: שי יכ ועד חמצ רמ בישהו ינדה דדלא ואר ם"רת ומכ תנשבש ןואג קחצי וניברמ הלבקב ונל 'וכו והמתו. Dadurch wäre allerdings das [519] Zeitalter genau bestimmt; allein diese Zahl findet sich in keiner einzigen Ausgabe, und, selbst wenn ihre Echtheit zugegeben ist, hat man keine Gewißheit, ob sie nicht korrumpiert ist. Man hat auch die Zahl bezweifelt; Rapoport liest dafür ס"קת = 800. Landauer, und nach ihm Fürst und Jellinek, lesen dafür ם"רח und verstehen darunter die seleuzidische Ära mit Hinzufügung der Tausend, also םרח 'א = 1248 Sel. = 937. Also wieder Ungewißheit. 3. Wollte man sich an den Gaon R' Zemach halten, so treten andere Schwierigkeiten entgegen. Es hat drei Gaonen mit Namen Zemach gegeben: Zemach ben Paltoj von Pumbadita (872-890), Zemach ben Chajjim von Sura (889-896) und Zemach ben Kafnaï von Pumbadita (936-38). Diejenigen, die Eldad ins zehnte Jahrhundert setzen, halten sich an den letzten Zemach. Zwar gibt Ibn-Jachja genau an, die Anfrage der Kairuaner sei an Zemach von Sura ergangen: האירברבמ ןאוריקלא ינב ושע הלאש םירבדה ולא איסחמ אתמבש ןואג חמצ רמ לא. Allein mit diesem Punkte steht Ibn-Jachja, dem die Kritik nicht viel traut, allein und wird von den Editionen nicht unterstützt, welche einfach die Lesart haben: an Zemach Gaon, ohne weiteren Zusatz. Aber, selbst wenn man daran festhakten wollte, so zerbricht Ibn-Jachja selbst die von ihm gereichte Stütze, indem er erzählt: dieser R' Zemach habe von einem Gaon R' Isaak gehört, daß einige Eldad im Jahre so und so viel gesehen. Eldad muß also, so folgert Herr Rapoport, viel älter sein als Zemach, der ihn nur per traditionem kannte. Man müßte dann das Zeitalter dieses Isaak Gaon untersuchen, aber dann käme man in neue Wirrnisse ohne Ausweg.

Um Gewißheit über diese Datumfrage zu erlangen, müssen wir von sicheren Punkten ausgehen. Sicher ist es, daß die Kairuaner, welche eine Anfrage an R' Zemach richteten, von Eldad, als einem in ihrer Zeit aufgetretenen Manne sprechen: חראתנש וננודאל עידונ ינדה דדלא ומשו דחא םדא וניניב und weiter והונלאשו ונרזח ויפמ ונבתכ ... (vgl. o. S. 274). Die anfragenden Kairuaner, Eldad und Zemach Gaon sind demnach als Zeitgenossen anzusehen. Ibn-Jachja hat aber die Antwort Zemachs entweder mißverstanden, oder eine falsche Lesart vor sich gehabt. Die Richtige lautet nach der editio princeps, wie oben angegeben: םימכח ונל ורפס הז דדלא 'ר וארש החמש אנברו אנרמ ןב קחצי אנבר ןמ ועמשש, d.h. Zemach antwortet den Kairuanern, Eldad sei ihm bekannt durch das, was er von einigen Gelehrten über ihn gehört, die sich's von Augenzeugen, R' Isaak und R' Simcha, erzählen ließen. Diese weitläufige Zeugenangabe faßt Ibn-Jachja kurz zusammen in den Satz: ם"רת תנשבש ןואג קחצי 'רמ הלבקב ונל שי יכ ועד דדלא ואר. Hier ist überhaupt das Wort ןואג zugesetzt, und der zweite Augenzeuge החמש אנבר unterdrückt. Dadurch ist Rapoports Annahme widerlegt. Wir brauchen nicht auf einen Gaon R' Isaak (oder R' Zadok) zurückzugreifen, sondern Zemach Gaon hörte Nachrichten von Zeitgenossen über Eldad, die sie von Augenzeugen vernommen hatten. Es fragt sich also nur noch, ob Eldad Zeitgenosse eines der beiden Gaonen Zemach am Ende des neunten, oder des Zemach in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts war. Eine Notiz in dem Sendschreiben des jüdischen Ministers Chasdaï ben Schaprut an den Chazarenkönig löst diesen Zweifel. Dieser berichtet »zur Zeit unserer Väter kam zu uns nach Spanien ein Mann vom Stamme Dan, der hebräisch sprach usw.: לפנ וניתובא ימיבו עיגמש דע ןד טבשמ סחיתמ היה רבד ןובנ לארשימ שיא ונלצא שדוקה ןושלב רבד לכל ארוקו תוחצב רבדמ היהו בקעי ןב ןדל.[520] Obwohl Eldad hier nicht genannt wird, so ist es doch klar, daß von ihm die Rede ist. Eldad war also in Spanien zur Zeit von Chasdaïs Vätern: וניתובא ימיב, was zur Zeit seines Vaters oder Großvaters bedeuten kann, aber keineswegs zu Chasdaïs Zeit. Chasdaï war aber bereits im Jahre 940 im Dienste des Abdulrahman (wie weiter nachgewiesen werden wird). Folglich kann Eldad nicht Zeitgenosse des Zemach ben Kafnaï gewesen sein (936-38), denn dann wäre er auch Zeitgenosse Chasdaïs gewesen, und derselbe hätte nicht schreiben können, Eldad sei zur Zeit der Väter nach Spanien gekommen. Damit ist auch widerlegt, was Landauer und Munk (Notice sur Aboulwalid p. 57, 60) behauptet haben, daß Eldad Zeitgenosse des Kommentators des הריצי רפס, d.h. (wie kritisch sicher ist) des Dunasch ben Tamim gewesen sei, weil nämlich der letztere im genannten Kommentar aussagt, er habe durch Abudani und David aus Fez das Buch Jezirah nebst Saadias Kommentar empfangen, und daß er von den Bene ha-Dani Prinzipien der Sprachvergleichung gelernt: ינדובא לארשי ץראמ ונילא עיגהש דע 'ר יפמ רותפ הז רפס םדיב ואיביו סאפ תנידממ ויהש שרחה דודו ונילא םיאבה ינדה ינב ןמ והונלבק הז רקעו ... ימותיפה הידעס לארשי ץראמ. Es ist aber entschieden falsch, daß Dunasch ben T. mit Eldad in Rapport gestanden hat. Dunasch war ein Zeitgenosse Chasdaïs, wie Munk selbst angibt (l.c.p. 52). Aber Chasdaï war nicht Zeitgenosse Eldads, sondern lebte mindestens eine Generation später, also ebenfalls Dunasch ben T. Es ist mir auch ganz unbegreiflich, wie Kritiker darauf kommen konnten, Eldad den Daniten mit dem Abudani im Jezirah-Kommentar zu identifizieren193. Der Verfasser des Kommentars, der in Kairuan lebte, wußte recht gut, daß Abudani und sein Genosse aus Fez stammten: סאפ תנידממ ויהש, und doch soll Eldad den Kairuanern haben aufbinden können, er sei weit her, vom Stamme Dan? Es liegt nicht viel daran, zu untersuchen, wer Abudani war, aber mit Eldad ist er gewiß nicht identisch. Einen überzeugenden Beweis dafür, daß Eldad dem neunten Jahrhundert und nicht dem folgenden angehört, liefert eine Notiz bei dem Karäer Ali ben Jephet. Dieser tradiert, sein Großvater Ali (Jephets Vater) habe eine Erklärung von Jehuda ben Koraisch adoptiert: שירוק ןב הדוהי 'רו 'רמ רמא יערדאב קיזחה ת"יר דמלמה ילע 'רמ וננקז וניבאו ... וקודקדב ת"יר וירחא (bei Pinsker S. 65): Nun war Jephet ein jüngerer Zeitgenosse Saadias (920-80).194 Folglich lebte sein Vater um 900 und Jehuda ben Koraisch noch früher. Ben Koraisch verkehrte aber mit Eldad (wie oben angegeben).

Haben wir gefunden, daß Eldad dem neunten und nicht dem zehnten Jahrhundert angehört, so ist es eigentlich gleichgültig, an welchen der beiden Gaonen Zemach die Kairuaner sich in betreff desselben gewendet haben, da beide Zeitgenossen waren und fast zu gleicher Zeit fungiert haben. Indessen scheint es, daß Ibn-Jachja recht hat, wenn er angibt, die Anfrage war an den Suraner gerichtet195. Wir finden nämlich, daß der Gaon Zemach von Sura [521] mit den Kairu anern in Verbindung stand (Pardes 21 b): לוטיב ןיד לכו שריפ איסחמ אתמ לש הבישי שאר חמצ 'ר רמ לש העדומ הרות ילולב ןאוריק תנידמ לש םינקזהו םימכחה (לכל 1.) המכחו. Dieser Zemach fungierte, wie angegeben, 889-896196, er konnte also den Kairuanern antworten (wie der Text des Ibn-Jachja lautete), daß ein R' Isaak (und R' Simcha) Eldad im Jahre 880 gesehen haben, nämlich noch vor seinem Gaonate. Die Anfrage der Kairuaner geschah aber während seines Gaonats. Mithin kann die Zahl ם"רת bei Ibn-Jachja richtig sein. Ja, man könnte auch die Zahl [522] ג"מ in der Ed. Const. von 1516 festhalten und dazu ergänzen (רת ג"מ). Indessen ist dieses nur Konjektur.

Man hat irrtümlich angenommen, daß Eldad in Babylonien war, weil ihn ein Rabbana Isaak und Rabbana Simcha gesehen haben. Diese brauchen aber nicht gerade Babylonier oder Irakenser gewesen zu sein. Den Titel אנבר führten auch außerbabylonische Talmudkundige197, wie z.B. Isaak ben Joseph, für den der Bibelkodex mit dem oberen Vokalsystem geschrieben wurde im Jahre 917 (Pinner prospectus S. 26 f.): ףסוי ועזג ילעו ףסוי אנבר ןב קחצו אנברל ףחצמ הז היהי קחצי אנבר ינב דודו. Der Gaon Mar-Amram schickte seine Gebetsordnung nach Spanien an הירב קחצי אנבר ןועמש אנברד (Orient. Litbl. 1847, S. 291). Wäre Eldad in Babylonien gewesen, so hätten ihn die Schulhäupter gesehen, Zemach Gaon hörte aber nur aus der zweiten Hand Nachrichten über ihn. – Als es mir zur Gewißheit wurde, daß Eldad ein verkappter Karäer war, hatte ich Jehuda ben Koraisch ebenfalls im Verdacht des Karäismus, zumal ihm die Karäer in Zitaten und Verzeichnissen zu ihren Autoritäten zählen. Den Verdacht begründete ein Ausdruck in der von Goldberg und Bargès herausgegebenen Abhandlung von Ben-Koraisch, indem er von דומלתלא להא (S. 43 unten) spricht, eine Phrase, die nur ein Karäer gebrauchen konnte198. Nun hat Pinsker ein langes Fragment von ben Koraisch veröffentlicht (S. 67 ff.), wo dieser gegen den Talmud polemisiert (vgl. das. S. 179 ff.). War nun Ben-Koraisch unstreitig ein Karäer, so ist das Talmudgünstige in seinen Schriften offenbar spätere Interpolation, wie denn ohnehin manches Stück in der edierten Risalet verdächtig erscheint.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 515-523.
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