2. Zeit und Bedeutung der Saburäer (יארובס) und palästinensische Halacha-Sammlungen.

[397] Wenn man dasjenige, was in den primitiven Quellen über die Saburäer referiert wird, zusammenstellt, so erhält man eine ganz andere Vorstellung von denselben, als sie die Spätern gegeben haben. Abraham Ibn Daud nimmt fünf saburäische Generationen an und dehnt ihre Epoche auf 187 Jahre aus bis zum Todesjahre R. Scheschnas, bis 4449=689. (Sefer ha-Kabalah) ןנבר ףוס אוהו ת"מת םיפלא 'ד תנשב אנשיש 'ר תמו ז"פק םהיתינשו תורוד השמח יארובס. Sein Zeitgenosse R. Tam geht noch weiter; er nennt das Seder Olam Sutta יארובס ןנברד םלוע רדס9 und entnimmt daraus die Notiz, daß das Jahr 804 ein Erlaßjahr war: ףוסב אצמ םת 'רו עבראו םיששו תואמ 'הו םיפלא 'ד תנש יארובס ןנברל םלוע רדס הטימש תנש התיה זא – םלוע תאירבל (Sefer ha-Terumah Abschn. Abodah Sara Nr. 135.) R' Tam dachte sich also die Saburäer noch im Anfange des neunten Jahrhunderts existierend. Es ist aber ein Irrtum. Man darf sich die Saburäer nicht als eine Reihe von aufeinander folgenden Lehrern [397] denken, die, gleich den Tannaiten und Amoräern vorher und den Gaonen nachher, nach einer bestimmten Richtung tätig waren, sondern als einen Kreis von Lehrern, welche das von den Amoräern unvollendet Gelassene zum Abschlusse gebracht haben10. Die eigentlichen Saburäer gehören nur einer einzigen Generation an. Diese Tatsache geht aus dem Seder Tannaïm (das wir Luzzattos Veröffentlichung verdanken (in Kerem chemed IV, S. 184-200) und aus Angaben des Scherira in seinem berühmten historischen Sendschreiben unzweideutig hervor. Das erste, welches 884 oder 87 verfaßt wurde, bezeichnet wiederholentlich R. Giza und R. Simuna als das Ende der Saburäer (S. 188): 'ר ירחא) םהירחאו העקרנו םימשה וחתמנ םתוכזבש יארובס ןנבר (אניברו ישא

יארובס ףוס ויהש (Ende): אזיג 'ר אנומיס 'רו אזיג 'ר דע ץראה אנומיס ברו .ארובס ףוס אנומיס ברו אזיג בר םהירחאו (181 S.) ארבס ףוס. Der um ein Jahrhundert später lebende Scherira, die gewichtige Autorität für die Geschichte der babylonischen Lehrhäuser, giebt dasselbe an: רתבו ווה תוה אל הארוהד בג לע ףא יאדו (אניברו ישא 'ר רתבו) יכה התאובר ינה ורקיאו הארוהל יברקמד ישוריפ ישרפמד יארובס 'רו ימוחיר 'ר ןוגכ הושרפ יאקו ילת יוהד אמ לכו הארובס ןנבר הוה ןואגד ןירמאו בורמ יאבר ברו םיתח יבמ אחא 'רו ףסוי ימנ ןוהירתב ןנברו ןוניא ארמגב יעבק ירבס המכו ינשב ךירואו אנומיס 'רו אניע 'ר ןוגכ11. Also auch hier die letzten Saburäer R. Simuna und R' אניע. (Bemerken wir gleich im Voraus daß R. אניע eine Korruptel ist für אזיג 'ר: das Seder Tannaïm aus Machsor Vitry hat einmal 'ר אזוג, einmal אדיג ר', die Asulaische Kopie dagegen hat beständig אדיג 'ר. Simson aus Chinon (in Sefer Keritot) hat die Lesart אדג. Da ד und ז ähnlich klingen, so rechtfertigt sich die Lesart אדיג oder אזיג gegen die Korruptel אניע.) Diese beiden Lehrer nebst R. Rabaï aus Rob setzt Scherira noch vor den Untergang des persischen Reiches, noch vor das Jahr 900 Seleucidarum, also vor 589. Noch mehr, er läßt sie um das Jahr 520 fungieren. Scherira berichtet nämlich über die Epigonen der Amoräer und die Nachfolger des R. José oder Joseph, der im Jahre 787 Seul, = 476, Schulhaupt wurde: ארטוז רמו אניחת 'ר ביכש ו"כתת תנשבו אניע 'ר ןיכה רתבו ינש המכ ןיתביתמב ןואג יסוי בר רייתשאו ... בורמ יאבר 'ר ןיכה רתבו אתידב םופב אנומיס ברו ארוסב (אזיג) דמש ינש ווהו הוה ןואגד ןירמאו (אתידב םופ) אנליד אתביתמ ןמ םייסרפ תוכלמ ףוסב תורצו. Also R. José von Pumbadita starb einige Jahre nach 826 Sel. 515 d.h. um 52012 und auf ihn folgte in Pumbadita R. Simuna gleichzeitig mit R. Giza in Sura. Waren nun R. Giza und R. Simuna die letzten Saburäer so kann sich die Saburäerepoche nicht bis über 689 oder gar bis 804 hinaus erstreckt haben.

Auch aus einer anderweitigen Nachricht Scheriras folgt, daß in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts die Saburäer-Diadoche bereits vorüber war. In der Responsen-Sammlung (Schaare Zedek S. 56, Nr. 15) giebt Scherira an, daß die Anordnung, daß auch die Ehefrau auf Scheidung [398] antragen dürfe, in der nachsaburäischen Zeit von R. Rabah und Mar Hunaï eingeführt worden sei und zwar ungefähr drei Jahrhunderte vor seiner Zeit: םימכח וארשכ יארובס ןנבר ירחאו ... ןהילעבמ ןיטג ןהל לוטיל םיוגב תולתנו תוכלוה לארשי תונבש ןדע םחונ יאנוה (רמ 'רו 1.) רמ רב הבר 'ר רמ ימיב וניקת תואמ שלשכ םויה ןיגהנתמ ונא תאזבו ןישורג תעבותו תדרומל רתויו הנש. Nun weiß man zwar nicht ganz genau, wie man diese drei Jahrhunderte zurückdatieren soll, da dieses Scheriraische Gutachten innerhalb der dreißigjährigen Funktionszeit Scheriras, 968-998, geschrieben sein kann. Auch sind die Funktionsjahre R. Rabbas und Hunaïs nicht nach Jahren13 bestimmt. Aber ungefähr lassen sie sich ermitteln. R. Rabah war R' Isaaks Nachfolger. Dieser wiederum war ein Zeitgenosse des Kalifen Ali Abu-Taleb, dem er in Firuz-Schabur (Anbar) zur Huldigung entgegenging.'ר רמו אציו בלאט ובא ילע השבכש תע רובאש זוריפב היהש אוהו קחצי תופי םינפ רבסב ילע ולבקו וינפ תא ליבקהו ותארקל קחצי 'ר רמ היה וימיבו רתלאל טג תתל וימיב ונקתש הבאר רמ וירחאו יאנוה בר רמ ארוסב. Ali regierte, vom Tode Othinans gerechnet, Juni 656 bis Januar 661. In Anbar war er im Mai 657 (vgl. Weil, Kalifen II, 218). Da Isaak Ali's Zeitgenosse war, so fungierten Mar Rabah und Hunaï etwas später. Der Verf. des Ittur oder seine Quelle setzt sie fälschlich um 962 Sel. = 651 (vgl. weiter). Nehmen wir das Jahr 670 an. Es folgt also daraus, daß diese zwei Personen bereits zu der nachsaburäischen Zeit gerechnet wurden: יארובס ןנבר ירחא.

Halten wir an dem in Seder Tannaïm entschieden ausgesprochenem Satze fest: R. Giza und R. Simuna waren die letzten Saburäer, so muß noch ein Punkt bei R. Scherira berichtigt werden. Scherira zählt nämlich R. Rabaï aus Rob ebenfalls zu den Saburäern. Aber er setzt ihn einmal vor das Paar Giza-Simuna, und das andere Mal nach14. Der Widerspruch rührt aber von dem Zweifel her, der über R' Rabaïs Stellung herrschte. Zweimal bemerkt Scherira bei der Nennung seines Namens: man sagt R. Rabaï sei Gaon gewesen: הוה ןואגד ןירמאו. Dieser Satz will etwa nicht bedeuten, er sei nach einigen der erste Gaon gewesen; denn Scherira nennt auch R. José, der noch mit einem Fuße in der Amoräerzeit stand und ein Zeitgenosse Rabinas war, einen Gaon ןיתביתמב ןואג יסוי 'ר רייתשאו. Der Titel Gaon ist hier also nicht à la rigueur zu nehmen, sondern Scherira bezeichnet damit einfach ein Schulhaupt. Er spricht aus der Anschauungsweise seiner Zeit heraus, wo die Bezeichnungen ןואג und שיר אתביתמ identisch waren. Auch Nathan der Babylonier, der älter als Scherira ist, nennt die unmittelbar nachamoräischen Autoritäten Gaonen und will damit bloß Schulhäupter bezeichnen (bei Jochasin): יסוי 'ר ךלמו תובישיה יתש וראשנ יסוי 'ר רטפנשכו דומלתה םתחנ וימיבש ןואג אלב. Von R' Rabaï will Scherira demnach nichts weiter referieren, als: Einige meinen, er sei Schulhaupt gewesen. Aber er wußte nicht, in welcher Metibta er als solches fungiert hat, ob in Sura oder Pumbadita. War R. Rabaï Schulhaupt, so muß er nach R. Giza oder Simuna fungiert haben, da der letzte unmittelbar auf R. José gefolgt und der erstere sein Zeitgenosse war. War er nicht Schulhaupt, so kann er [399] ihnen vorangegangen sein. Daher Scheriras Schwanken in bezug auf R. Rabaï15. Für uns genügt der Satz: R. Giza und R. Simuna waren die letzten Saburäer; R' Rabaï, der ebenfalls zum Saburäerkreise gehört, kann also nicht später gelebt haben. R. Simuna, als Nachfolger R. Josés, fungierte demnach um 520-550, wenn wir seine Funktionsdauer noch so sehr ausdehnen. Woher Abraham Ibn Daud die Notiz hat, daß R. Simuna nur bis 4300 mundi = 540 fungiert hat, weiß ich nicht, vielleicht bloß annäherungsweise: בר היחו ש םיפלא 'ד תנש דע אנומיס. Sein zeitgenössischer Kollege R. Giza ist vielleicht identisch mit dem von Seder Olam Sutta erwähnten, der infolge der Katastrophe unter Mar Sutra I ausgewandert ist und sich am Flusse Zab niedergelassen hat: תיבד ןוהובאד יוחא אזיג 'ר רמו אבצ רהנב בתיו לזא יאליהנ בר רמ. Den Untergang Mar Sutras haben wir oben um 518 angesetzt. Die Verfolgung dauerte drei Jahre, so kann demnach R. Giza um 520 das Rektorat von Sura übernommen haben. Die ganze Dauer der Saburäerepoche beträgt also nicht mehr als ein halbes Jahrhundert, d.h. ein volles Menschenalter16. Der Anfang ist der Tod Rabinas (500) und der Endpunkt der Tod R. Gizas und R. Si munas (550). Die letzteren waren sicherlich noch Jünger Rabinas. Daher berichtet auch Scherira, daß die meisten Saburäer in kurzer Zeit starben. ןנברד אבורו ירפסב םינואג ושרפ יכהד תוטעומ םינשב וביכש יארובס םימיה ירבדב םהינורכז.

Bildeten die Saburäer lediglich einen zeitgenössischen Kreis von Epigonen der Amoräer, so ist die Richtung ihrer Tätigkeit hiermit gegeben; sie kann keine ganz neue, sondern nur eine ergänzende und abschließende gewesen sein17. Die Saburäer haben den Talmud in der Gestalt, wie er uns vorliegt, endgültig abgeschlossen und niedergeschrieben. Das geht unzweideutig aus dem Berichte in Seder Tannaïm hervor, wie Luzzatto ihn mit Recht verstanden hat: םולכ ... םתעדמ וגילפה אלו ופיסוה אלו יארובס ןנבר םהירחאו ןרדסכ ייונת לכ לש יקרפ ונקת אלא (S. 189). Übereinstimmend hiermit berichtet Scherira, die Saburäer haben alles Zweifelhafte im Talmud erklärt und ergänzt und manche Ergänzungen zum Talmud hinzugefügt: המ לכ (יארובס ןנבר) הושרפ םיאקו ילת הוהד, und weiter: המכו ןנברו יאחא 'רו יסוי 'רו ימוחנ 'רכ ןוניא ארמגב ועבק ירבס ןוהירתבד. Er tradiert auch nach alter Überlieferung, daß die Saburäer den talmudischen Eingang zum ersten Abschnitt von Kidduschin hinzugefügt hätten. אנמ ףסכב :דע תינקנ השאה שירד ארמגד םינושארה ןמ ןניטקנו ימנ הנמ דוזדו יהועבקו יהוצרת יארתב יארובס ןנבר ילימ ינה. Unter den »letzten Saburäern« versteht Scherira hier offenbar R. Giza und R. Simuna, im Gegensatz zu R. José und Konsorten, welche noch ebenbürtige Zeitgenossen Rabinas waren, während die ersteren Epigonen waren. – Rapoport und Chajes haben sich Mühe gegeben, die saburäischen Zusätze im Talmud, Schitta Mekubbezet und anderen Quellen nach herauszufinden; vgl. Kerem Chemed IV, 249 f. Indessen ist das Thema noch nicht erschöpfend genug [400] behandelt. Sicherlich stammt die abschließende, die Praxis normierende Formel im Talmud אתכלהו von den Saburäern. Auf keinen Fall dürfen wir die talmudischen Zusätze später als R' Giza und R' Simuna, d.h. über das Jahr 550 hinaus ansetzen. Irrtümlich schreiben daher die Quelle des Ittur, und nach ihm Spätere, die Zusätze zu Kidduschin den, wie sich herausgestellt hat, um 670 lebenden Schulhäuptern R' Rabbah und R' Hunaï zu: יארובס ןנבר וניקתדמ הניד הלעב לע תדרומ :תובושתבו 1.) אנבר רמ (ימויב 1.) ימויבו תורטש ןינמל ב"סקתת תנשב אתנכ רסאד ע"נ ארוסמ ןואג אנוה 'ר רמו אתידבמופמ ןואג (הבר תינקנ השאהד איה ינת והיאו אוה והיאו (Ittur ed. Venedig, p. 102 d)18. Weder gehören Rabbah und R' Hunaï zu den Saburäern, wie aus der oben zitierten Stelle bei Scherira hervorgeht, noch haben sie die Zusätze zu Kidduschin eingeführt.

Der Name Saburaï kann nach dem Auseinandergesetzten gar nicht zweifelhaft sein, und es ist unbegreiflich, wie man auf abgeschmackte und unverständige Erklärungen kommen konnte. Sagt es doch Scherira deutlich: Nach dem Untergang der Amoräer war zwar nicht mehr eine selbständige Legislation, aber ein Erklären und Abwägen des Vorhandenen dauerte noch fort: בג לע ףא יאדו (אניברו ישא 'ר רתב) ןיכה רתבו הארוהל ןיבורקד ןרבסו ישוריפ אכיא תוה אל הארוהד. Und von diesem Abwägen der Meinungen haben die Lehrer ihre Namen: הארובס ןנבר התאובר ינה ורקאו. Aus den Kontroversen im Talmud haben die Epigonen der Amoräer, nach genauem Abwägen des pro und contra (ארבס), die Praxis (הכלה) festgestellt. Die Formel dafür war ארבתסמ, »es ist als sicher anzunehmen«. Vgl. Sanhedrin 43 b, wo gerade der Saburäer R' Rabaï aus Rob (nach Scheriras Lesart) einen Zweifel durch die Formel: ארבתסמ löst, Man kann die Saburäer nach dieser Seite hin decisores nennen, weil sie in im Talmud offen gelassenen Fragen für die Praxis entschieden haben. Die Regeln, welche das Seder Tannaïm für die praktische Entscheidung aufstellt (vgl. oben S. 263 ff.), stammen sicherlich von den Saburäern, d.h. von den unmittelbaren Nachfolgern der Amoräer.

Da sich gezeigt hat, daß die Saburäer nicht eine Reihenfolge von Lehrern bildeten, sondern einer einzigen Generation, der unmittelbar nachamoräischen, angehören, welche sich nur bis in die Mitte des sechsten Jahrhunderts erstreckte, so bleibt eigentlich ein Zwischenraum von einem Jahrhundert zwischen ihnen und den Gaonen19. Denn das offizielle Gaonat entstand erst (wie weiter Note 13 nachgewiesen werden wird) unter dem Kalifen Ali 65720. Die anonymen Nachfolger von R' Giza und R' Simuna und die namhaft gemachten vom Jahre 589 an (wovon weiter) stehen zwischen den [401] Saburäern und Gaonen. Ihre Wirksamkeit war ohne höhere Bedeutung, daher hat die Sprache der Geschichte keine Bezeichnung für sie. Da sie Abraham Ibn-Daûd, nach der Autorität Samuel ha-Nagids ebenfalls Saburäer genannt hat, so habe ich diese Benennung beibehalten zu müssen geglaubt, sie aber als uneigentliche Saburäer bezeichnet und die Zeit zwischen dem Amoräern und Gaonen die Epoche der Saburäer genannt. Sie drückt den Charakter vollständiger Unselbständigkeit und Inferioriät aus. Sie hat keine bedeutendere Persönlichkeit und kein irgendwie bedeutendes Werk erzeugt.

Noch ein Punkt, der mit dem Obigen zum Teil zusammenhängt, soll hier erledigt werden. Das Seder Tannaïm hat zweimal nach der Notiz: אנומיס 'רו אזיג 'ר ארבס ףוס, den Zusatz: השעמ ףוס ןתנוי 'ר. Auch Simson von Chinon hat diese Notiz. Sonst kommt meines Wissens diese Bezeichnung nicht vor. Diese rätselhafte Notiz läßt sich einigermaßen auf folgende Weise erklären. R' Haï erwähnt halachische Zusammenstellungen für die Praxis von seiten palästinensischer Lehrer unter dem Titel: לארשי ץרא ינב לש םישעמ (bei Rapoport, Biographie des R' Nissim, Note 16). Die Tätigkeit, die sich mit der Kasuistik für die Praxis beschäftigt hat, kann also השעמ genannt worden sein. Wir würden demnach eine Reihe oder einen Kreis von Männern, die nach dieser Seite hin tätig waren, darunter zu verstehen haben, und R' Jonathan wäre der letzte derselben. Der Name Jonathan und die Bezeichnung השעמ, beide weisen auf Palästina hin. In Palästina muß auch das Bedürfnis fühlbar gewesen sein, eine bestimmte Norm für die religiöse Praxis zu haben21. Denn der Talmud Jeruschalmi, der um 400 gesammelt war, bot wegen seiner Kürze und seines ganzen Charakters keinen hinlänglichen Stoff dafür. Denn, während der babylonische Talmud neben der Mischnaherklärung neue Fälle und neue Gesichtspunkte behandelt, hat der Jeruschalmi größtenteils den Charakter eines Mischnahkommentars beibehalten. Aus einem Kommentar lassen sich aber keine Dezisionen für die tägliche Praxis ausziehen. Sollten wir von diesen י"א ינב לש םישעמ gar nichts besitzen? Ist keine Spur davon geblieben? Ich vermute, daß die sogenannten kleinen Traktate (תונטק תותכסמ) mit den palästinensischen םישעמ identisch sind22. Daß diese Traktate jerusalemisch genannt wurden, d.h. palästinensischen Ursprungs sind, bezeugt Nachmani (in. Orient Jahrgang 1851, S. 217, Note, und Kirchheim: septem libri talmudici parvi, Einleitung, S III).

Diese kleinen Traktate, welche bald תותכסמ, bald תותירב genannt werden, nennt meines Wissens zuerst der Karäer Nissi ben Noach oder Achaï, der (wie weiter unten erwiesen werden wird, Note 17) im neunten Jahrhundert in Palästina geschrieben hat23. Er schärft den Karäern ein, daß sie auch Kenntnis nehmen müssen »von Mischnah, Talmud, Halachot, großen und kleinen Toseftot«, d.h. Borajtot: דומלתו הנשמב ןיבהלו תונטקו תולודג תותפסותו תוכלהב (bei Pinsker, Likkute Kadmoniot, Beilage S. 1, mitgeteilt) – תיב לש תופסות ןתנ 'ר לש תופסותו יבר (Jalkut und Kohelet rabba zu 5, 8) [402] תוזוזמו ןילפת תיציצ תוכלה .... םידבעו םירג תוכלה. Dann erwähnt ihrer Simon Kajjâra (in Halachot Gedolot Ende): םיבותכ רשע דחא םיאיבנ הנומש הרות ישמוח השמח (לש) םירובד העשתו .תופסות ירדס הששו הנשמ ירדס השש העברא ןהש ירפסו ארפס םירפוס שרדמ העבראו .םינהכ הרות רבדיו רפסו תומש הלאד אתליכמו אבר תישארב ןה ולאו ירפס תרותכ םישורפ) םינהכ הרותב םשורפ והלוכו םירבדה הלאו רפסמ ןיא תונטקו תונוצחו ?) םינהכ24. Vielleicht muß man lesen: תונטק תונוצחו d.h. so viel als תונטק תותירב; denn תונוציח ist nur die hebräische Bezeichnung für תותירב. Endlich nennt sie Scherira in seinem Sendschreiben: אלא ןוהנמ ייורואל ואלד תונטק ןנבר ןוהל ןיירקד ימנ אתאירבו תודגהו ץרא ךרד תוכלה ןוגכ (ed. Goldberg, p. 27; in Schulams Edition lautet der Satz: תועיטק ןוהל ורקד תודגהו ץרא ךרד תוכלה ןוגכ....). Scherira will keineswegs die kleinen Borajtot mit Derech Erez und den Agadas identifizieren; denn sonst braucht er nicht hervorzuheben, daß man sie nicht als Norm für die Praxis nehmen dürfe: die Agadas haben ohnehin keine halachische Autorität. Es scheint in dem vielfach korrumpierten Texte ein Wort zu fehlen, etwa im Sinne von: ואלד 'וכו ץרא ךרד תוכלה ןוגכ ןוהנא אלא ןוהנמ ייורואל, d.h. die kleinen Traktate oder Borajtot haben nur so viel Autorität wie die Agadas. Es läßt sich demnach daraus folgern, daß dieselben einen halachischen Charakter hatten.

Aus dem Zitat aus Halachot Gedolot ergibt sich, daß es viele oder unzählige kleine Traktate gegeben hat. Wenn die Spätern, darunter zuerst Nachmani, von sieben solchen sprechen, so war ihnen nicht mehr bekannt. Wir besitzen jetzt durch die Veröffentlichung der sieben bisher wenig bekannten von R. Kirchheim (Frankfurt a.M. 1851), zehn kleine Traktate. Sie haben fast durchweg einen mischnaitischen oder Boraita Charakter. Der Grund dieser Erscheinung ist, daß den Palästinensern nach Abschluß des jerusalemischen Talmuds die Selbständigkeit und die Kraft abhanden gekommen war, Halachas zu erzeugen. Nun hatten die Palästinenser im Verhältnis weniges Talmudisches, d.h. amoräische Halachas zu sammeln, dafür aber mehr Boraitas, Solche sachlich geordnete Boraitas bilden die kleinen Traktate.

1. הרות רפס תכסמ lauter Boraitas.

2. םירפוס תכסמ. Die ersten fünf Abschnitte sind dieselben wie Nr. 1, nur, daß bald in dem einen, bald in dem andern einige Teile fehlen. Von da ab bis zu Ende ist dieser Traktat selbständig, enthält meistens alte Boraitas, aber auch Talmudisches, und zwar nur aus Jeruschalmi, und gar nichts aus Babli. Daher ist es durchaus falsch, dessen Abfassung den Gaonim zu vindizieren. Er ist in Palästina verfaßt, enthält auch eigentümliche Synagogenriten, die in Babylonien ganz unbekannt waren25.

3. הלוזמ תכסמ, lauter Boraitas.

4. ןיליפת תכסמ, ebenso.

5. תיציצ תכסמ, ebenso.

6. םידבע תכסמ, ebenso.

[403] 7. םיתוכ תכסמ, enthält lauter alte Boraitas aus dem zweiten Jahrhundert und weiß noch nichts von dem gegen Ende des vierten Jahrhunderts gefaßten Beschluß, welcher die Samaritaner den Heiden gleichstellt.

8. םירג תכסמ, Boraitas.

9. יתבר לבא תכסמ, verschieden von dem im Talmud erwähnten תוחמש תכסמ, eine kleine Sammlung (Aruch sub voce לבא). Ebenfalls Boraitas26.

10. הלכ תכסמ. Dazu gehört auch ein Teil von ךרד ץרא, wie aus einem handschriftlichen Jalkut hervorgeht (mitgeteilt von Luzzatto, Kerem chemed, VII, S. 315 f.). Er enthält alte Boraitas, aber auch Sentenzen aus der aramäischen Zeit27.

Diese und andere, unbekannt gebliebene Traktate konstituierten, wie ich vermute, den Inhalt der »palästinensischen Praxis« לארשי ינב לש םישעמ, und unter den Autoritäten, welche die Sammlungen ordneten, wird R' Jonathan, als der letzte, namhaft gemacht. Da das Seder Tannaïm R' Jonathan nach den letzten Saburäern setzt, so würde diese Ordnung einen allerdings schwachen Haltepunkt bieten, daß derselbe nach 550 gewirkt hat. Als Endzeit kann man wohl die Ausbreitung des Islams annehmen 650.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 397-404.
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