I.

[523] Saadia ist einer der fruchtbarsten Schriftsteller in der jüdischen Literatur. Seine Produktionen umfassen Exegetisches (im weiteren Sinne), Polemisches, Talmudisches, Philosophisches, Grammatisches (im weiteren Sinne), Poetisches und Kalendarisches. Obwohl in jüngster Zeit viel über Saadia geschrieben worden, wie von Rapoport, Munk, Dukes, Geiger, Ewald, Fürst, so vermißt man noch immer einen vollständigen Überblick über den ganzen Umfang seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Die chronologische Reihenfolge seiner Schriften ist noch nicht einmal in Angriff genommen worden. Hier soll der Versuch gemacht werden.

Wenn Abraham Ibn-Daûd in seiner Chronographie angibt, Saadia habe seine sämtlichen Schriften während seiner Amtsentsetzung in Sura und zwar in der Verborgenheit verfaßt: לכ (הידעס 'ר) ורבח ואובחמבו וירפס, so kann nichts falscher sein. Denn aus dem Kommentar des Dunasch ben [523] Tamim zu Jezirah erfahren wir, daß Saadia schon manches geschrieben hatte ehe er nach Sura berufen war: 'ר יבתכ) ויבתכש יפל 'ר וננקזל ןאוריק העודיה ונתנידמל ואב תובר םימעפ (הידעס ןיידע אוהו תונוציח תומכחמ תולאשב ל"ז המלש ןב קחצי יל םתוא הארמ קחצי 'ר היהו לבבל ותכל םרט (םויפב) םותיפב הנש םירשע ןב זא יכנאו. Es muß also untersucht werden, welche Schriften Saadia in Fajûm, und welche er in Babylonien verfaßt hat.

1. Die Erstlingsschrift200 Saadias scheint die Widerlegung Anans gewesen zu sein: ןנע ילע דרלא באתכ. Denn Abraham Ibn-Esra zitiert in seiner Schrift דוסי רפסמ (Ms. der Seminarbibliothek) einen Vers aus einem Lobgedichte auf Saadia, daß derselbe mit 23 Jahren gegen Anan geschrieben: םירשע השלש ןב ובתכ דרמו רשק רשא ןנע תצע רפהל201. Von dieser Widerlegungsschrift gegen Anan spricht, außer Jephet, auch Salmon ben Jerucham in seiner Polemik gegen Saadia: לוכי אל יכ אריו ומישרי ארקמ ילעבב ומלג ףונטו ומומ בור קירה ןנע וניבר 'ה תלוגס תראפת רואמה םכחה רפס לע ומל ןנש ויתוברב ויצח יכ ןנע וניבר לע קורחי וינש ... ומרח. Saadia verfaßte demnach diese Schrift um 915. Einen Passus aus Saadias Schrift gegen Anan hat der Verfasser des םיארקה קולח erhalten (bei Pinsker S. 103 vgl. das. 98)202. – Ob er noch vor dieser Zeit gegen den Karäismus polemisiert hat, hängt von der Richtigkeit des Datums ab, in welchem Joseph Roëh sein Werk רואמ verfaßte. Denn darin hat dieser Saadia angegriffen. Nun zirkulieren über das Datum der Abfassung zwei Lesarten ע"רת und צ"רת. Wenn die erste richtig wäre, hätte Joseph bereits 910 Saadia angegriffen203, und dieser hätte schon im achtzehnten Jahre Antikaräisches verfaßt.

2. Ewald behauptet, Saadia habe unter allen biblischen Büchern zuerst die Psalmen ins Arabische übersetzt und mit einem kurzen Kommentar begleitet. Dies soll aus der Nachschrift zur Psalmenübersetzung hervorgehen. (Beiträge zur ältesten Auslegung I, 5). Sieht man sich aber die Stelle näher an, so sagt sie dieses nicht so unzweideutig aus. Saadia spricht aus, er hoffe mit seiner Arbeit ein gottgefälliges Werk getan und sich bei Gott Lohn und Sündenvergebung erworben zu haben: ץעב ינאעמ ןאיב ןמ אנמדק אמ ילע ךלא המאמתא יפ הוגרנ אמ ילעו הבתכ, d.h. »dafür, daß wir vorher den Sinn einiger von seinen (Gottes) Schriften erläutert oder ausgelegt haben und daß wir, mit der Hoffnung auf ihn, es vollenden werden.« (Ich verdanke die Kopie dieser Stelle der Gefälligkeit des Herrn Prof. Rödiger, der im Besitze des saadianischen Psalmenkommentars ist.) Ewald bezieht die Stelle nur auf die Psalmen, während sie in Wirklichkeit sich auf die ganze heilige Schrift geht. Saadia hatte schon einige Bücher übersetzt und kommentiert und hoffte, die übrigen ebenso zu behandeln. Kaum läßt es sich denken, daß Saadia mit dem Psalter begonnen haben sollte. Es scheint vielmehr, daß er mit dem Pentateuch den Anfang gemacht hat. Wie dem auch sei, so ist es gewiß, daß Saadia die exegetischen Werke noch in Ägypten verfaßt hat. Ehe wir zu [524] dieser Beweisführung schreiten, muß bemerkt werden, daß er zu den Übersetzungen auch kurze oder längere Erklärungen beigegeben hat, wie aus den Psalmen- und Hiobkodizes hervorgeht204 (vgl. Munk Notice sur Saadia p. 7, Note 2 und Ewald a.a.O.). Zum Pentateuch war gewiß ein Kommentar beigegeben, wie Ibn-Esra (Einleitung zum Pentateuch) bezeugt, indem er dessen Digressionen in der Schrifterklärung tadelt: 'ר הלע תאזה הליסמבו תורחא תועד סינכה תורואמ יהי שוריפבו הלוגה ןואג הידעס. Saadia selbst beruft sich in seinem תונומא auf seinen Kommentar zur Genesis (I, 1 Ende): תורחא תויאר יל שי הריצי רפס שוריפב םהמו תישארב תשרפב יתבתכש המ םהמ ראשב םאצמת םירחא םיכרדמ ץוח יבלכה יויח לע יתבושתבו ירובח (auch II, 3). Er hat also im Kommentar zur Genesis sieben Beweise für die zeitliche Entstehung der Welt (םלועה שודח) beigebracht und die Ansicht von der Ewigkeit der Welt a parte ante widerlegt. Salmon ben Jerucham bezeugt, daß Saadia in der Erklärung zum ersten Kapitel der Genesis sieben Beweise für die Notwendigkeit der Tradition neben der schriftlichen Lehre aufgestellt hat (III, 9): תויאר העבש ספוט םרכזת תע לכב םגו תובתכנ ול תישארב ןורתפב רשא תובותכה םיחמרל םה ךבלו ךשאר לע התע תובבל תותפל םיברב תוברחלו. Gegen diese zwei Schriften, das דרלא באתכ ןנע ילע und das תישארב ןורתפ ist eigentlich Salmons Polemik gerichtet. Nun war Salmon ben Jerucham, als er diese polemischen Verse schrieb, noch jung, wie er selbst angibt (II, 5): םימודק ינממ םתאו םימיל ינא ריעצ תאז יתבתכ אל םימכחה ןיב ומצע הידעס הזה דזה סינכה ילול םימלועל תרגאה. Salmons Geburtsjahr ist uns jetzt ungefähr bekannt aus der Mitteilung einer Mukadamah bei Pinsker (Likute S. 61)205. Er feierte im Jahre 1209 Seleucidarum sein dreizehnjähriges Bundesfest = 898, ist also geboren 885 und war sieben Jahr älter als Saadia. Nehmen wir an, daß ben Jerucham, als er sich ריעצ nannte, zwischen 30 und 35 Jahren stand, so schrieb er die Polemik 915-920. Innerhalb dieser Zeit hatte also Saadia die Übersetzung und den Kommentar zum Pentateuch angefertigt, aber nicht später, da er (wie weiter entwickelt werden wird) im Jahre 925 bereits eine Replik gegen seine karäischen Gegner und zwar gegen ben Jerucham geschrieben hat206. Jedenfalls gehören seine exegetischen Werke noch dem ägyptischen Lebensabschnitte an207, da er außer dem Pentateuchkommentar auch den zu Jesaia im Kommentar zu Jezirah und den zu Hiob in der Einleitung zu Emunot erwähnt208.

3. Saadia schrieb seine grammatischen und lexikalischen Werke (die vollständig [525] aufgezählt sind im Literaturblatt des Orient, Jahrg. 1849, S. 684 f.), wohl nicht lange nach seinen exegetischen Schriften, weil sie den Schlüssel zu seiner Übersetzungsweise liefern sollten209. Einige derselben erwähnt Saadia selbst in seinem Kommentar zu Jezirah, und da er diesen Kommentar schon in den Emunot erwähnt, dieses Werk aber im Jahre 934 verfaßte (wovon weiter unten), so sind die grammatischen Schriften jedenfalls vor seiner Gaonatszeit abgefaßt.

4. Ebenso hat Saadia seine Asharot, verteilt auf den Dekalog: ןואג הידעס וניברל תורהזא, noch in Ägypten gedichtet; denn er beruft sich darauf ebenfalls im Kommentar zu Jezirah210. Diese Asharot nach dem Dekalog sind jetzt gedruckt in dem Sammelwerke םינואג ידי השעמ ץבוק ed. J. Rosenberg, Berlin 1856211. Ihre Identität mit den von Saadia selbst zitierten hat Dr. M. Sachs nachgewiesen (das. S. 85). Hingegen ist es falsch, diese Asharot mit der von Mohammed Ibn-Ischak ihm vindizierten Schrift באתכ עיארשלא, wie Wunderbar behauptet (Literaturblatt des Orient, Jahrg. 1847, S. 487 f.), zu identifizieren. Denn da die Asharot hebräisch sind, so konnte sie der Mohammedaner nicht kennen. Er führt nur die von Saadia arabisch geschriebenen Werke auf. Ebensowenig sind die Asharot mit der saadianischen Schrift zu identifizieren, deren Titel Munk gefunden hat: באתכ ןב הידעס ונברו ונרמ ףילאת היעמסלא עיארשלא ילע סאיקלא (ןואג) ייג ףסוי (Notice p. 15). Hebräische Verse können nicht eine arabische Überschrift gehabt haben. Der Inhalt dieser Schrift bleibt noch problematisch. סאיקלא bedeutet Folgerung212.

[526] 5. Die talmudische Abhandlung über הדנ תוכלה führt Saadia ebenfalls in seinem Jezirahkommentar an הדנ תוצמ ןינעב ונשרפ רבכו; sie gehört mithin ebenfalls dem ägyptischen Lebensabschnitte an. Da nun diese Abhandlung, wie Rapoport vermutet, nur einen Teil eines großen Werkes über הרהטו האמוט gebildet hat (Biographie Note 19)213, so gehört dieses ganze Werk derselben Zeit an. Saadia muß auch noch andere talmudische Schriften in Fajûm verfaßt haben, die seinen Ruf als Talmudisten begründet haben, sonst wäre man in Babylonien nicht darauf gekommen, ihm die Gaonwürdezu übertragen, die vor allem eine tüchtige talmudische Gelehrsamkeit erforderte214.

6. Zwei antikaräische polemische Schriften, die eine unter dem Titel זיימתלא באתכ (hebr. רפס ,הרכהה ןחבמה) und die andere היוקס ןב ילע דרלא באתכ. Gegen wen das erste gerichtet war und wer der sonst ganz unbekannte Ibn-Sakaweîhi war, läßt sich nach den bis jetzt zugänglichen Quellen nicht entscheiden215. Daß die saadianischen Schriften Repliken waren, geht aus deren Inhalt teilweise hervor. Saadia hatte darin die anthropomorphistischen Agadas gegen die Angriffe der Karäer gerechtfertigt. Das sagt uns Mose Ibn-Esra (in םשבה תגורע, Zion II, p. 137): וביחרהש המ לבא םה םתוא לבקמ לכשה ןיא רשא תודגאו תושרדב םירבדב ל"זר לע ויתובושתבו ןחבמה רפסב בתכ ל"ז הידעס ונברו ... תורבעה לע ןושל םיכיראמו םיקלוחה ותלוז לעו סורוקיפאה היוקס ןב םינימאמה ןמ ויעמוש לכל קיפסיש המ הלבקה לעו הרותה. Näheres erfahren wir darüber, daß die Einwürfe Saadias gegen die Angriffe eines Karäers auf die Agadas und das Schiur-Komah gerichtet waren. Er behauptet, die Agadas wollen nicht Gott anthropomorphisieren, sondern haben »das geschaffene Licht«, in welchem sich die Gottheit zeitweise manifestiert, im Auge. Die Echtheit des Schiur-Komah sei nicht bewiesen, aber, selbst wenn es echt wäre. könnten dessen Angaben sich auf dieses geschaffene Licht beziehen (Einleitung des Jehuda ben Barsilaï zu seinem Jezirahkommentar, mitgeteilt von Luzzatto in G. Pollaks םדק תוכילה p. 696)216: [527] תונעט לע רבחש ל"ז הידעס 'ר לש דחא רפס וניצמו [ל"ז וניתובר לע עשרה ותוא] רמאש [בקרי עשר םש] דחא ןימ הנומתו תומד ןיתונ ויה םהש [הלילחו הלילח] דומלתה ימכה עשר ותוא רמאו הז לכמ קחרתיו ומש הלעתי] םימלועה ארובל הידעס ונבר רבחו [ל"ז וניתובר ירבדמ ול הארנו רובס היה ךכש העוט עשר ותוא היה דיאה תויאר המכו] תונוכנ תובושתב רפס אה לעו לאירתכאד אה לע ותנעט לע רמא רעשה ףוסבו [העטמו ןיבה אל [ןניינע ףוסו םשוריפ] םהב אצויכ ינא ירה הב רמאד הארתו ןיבת ןאכמו ... ריהבה אורבה רוא אוה ... ליואה הז ותוא ... אוה אורב רוא [ונממ רבדה ועמשו] םיאיבנה וארש רוא לכ יכ המוק רועיש לע רבדה םילשמ ינאו. Gerade diese Angriffe richtete Salmon ben Jerucham gegen ihn in seinem polemischen Pamphlet (Nr. XV bis Ende). Es beginnt mit den Worten התע בותכאו םתוא הלגא ךיתובר תבעת םתורחל לכוי ימ םלוכ יכ םתצקמ. Unter andern führt er auch die Agada von R' Ismael über לאירתכא an und polemisiert weitläufig gegen das Schiur-Komah (vgl. Frankels Monatsschrift Jahrg. 1859, S. 69 ff. und das. 109, Saadias Ansicht über Schiur-Komah). Wenn, wie Munk aufstellt, das זיימת Saadias auch das Kalenderwesen behandelt und die rabbanitische Ansicht verteidigt hat, was durch eine lange Stelle daraus, von Jephet zitiert, bestätigt wird (bei Pinsker S. 38, Note 1 ff.), so kann auch dieses gegen Salmon ben Jeruchams Angriffe gerichtet gewesen sein, der diesem Punkte mehrere Abschnitte widmete (V.–X.). Es ist also kein Zweifel, daß das זיימתלא באתכ gegen Salmon ben Jerucham gerichtet war217. Wie dem auch sei, so ist es gewiß, daß Saadia das זיימת noch vor seiner Übersiedelung nach Babylonien geschrieben hat. Denn es ist, wie aus einem Zitat bei Abraham ben Chijja (רובעה רפס ed. London 1851, p. 96 f.) erhellt, im Jahre 927 geschrieben: רכז ל"ז הידעס 'ר ןואגה ונאצמו – יברע ןושלב רמאו הרכהה רפס ארקנה רפסב הזה תקולחמה ה"לר ףלא תנש איה הנה הב םידמוע ונא רשא תאזה הנשה םלוע תאירבל ו"פרת 'ד תנש איהו סורדנסכלא תוכלמל ז"פרת םלוע תאירבל םויה םיבשוחש םירחא שיו ונינובשחל. Es ist also ein Jahr vor dem Antritt seines Gaonats geschrieben. Wahrscheinlich ist auch die Schrift gegen Ibn-Sakaweîhi in Ägypten verfaßt; denn nach der Übernahme des Gaonats hatte er mit inneren Feinden genug zu tun, um Muße für auswärtige zu haben218.

7. Auch die Schrift gegen den Ketzer und ersten Bibelkritiker Chiwwi219 Albalchi hat er noch in Ägypten verfaßt220. Wir haben oben gefunden, daß das Zitat bei Jehuda ben Barsilaï aus Saadias Schrift gegen einen Ketzer dem זיימת entnommen ist. Zum Schlusse dieses Zitats heißt es: יכלבלא יויח רמא תאזו םיכאלמה ה"בקה בזע המל תונעט םיתאמ וב בתכש רפסב[528] םיאמטה םדא ינב ןיב ודובכ ןכשל רחבו םירוהטה. Saadia beruft sich demnach im זיימת auf seine Schrift gegen Chiwwi. Folglich ist diese vor 927 geschrieben221; auch zitiert er sie in den Emunot (o. S. 523). Über Chiwwi weiter unten. Wer der Karäer אטיז ןב oder ןב אטוז war, mit dem Saadia einen Disput über traditionelle Auslegung hatte (Ibn-Esra Pent.-Komment. zu Exod. 21, 24), und von dem Ibn-Esra zwei abgeschmackte, grammatische Bemerkungen zitiert (das. zu Exod. 20, 23 und 22, 27), ist noch nicht ermittelt worden Ob er identisch ist mit אטיז ןב ירעלא am Rande eines Manuskriptes von Ibn G'anach?222.

8. Wir sehen demnach, daß Saadia viele Schriften noch in Ägypten verfaßt hat223, wie eben Dunasch ben Tamim (o. S. 523) aussagt. Aus desselben Worten geht aber auch hervor, daß Saadia seinen Kommentar zu Sefer Jezirah oder das ידאבמלא באתכ nicht in Ägypten, sondern in Babylonien verfaßt hat, wie der Zusammenhang lehrt. Abudani und David aus Fez haben Dunasch ben Tamim das Sefer Jezirah erklärt und erläutert (שרופמו רותפ) von Saadia gebracht, und er (Dunasch) habe sofort Einsicht davon genommen, um zu sehen, welchen Fortschritt Saadia inzwischen gemacht hat. Denn an dessen früheren philosophischen Arbeiten, die jener noch in Fajûm geschrieben, habe er (Dunasch) manches auszusetzen gehabt, obwohl er damals erst 20 Jahre alt war (vgl. die Stelle im Orient, Literaturblatt, 1845, S. 563). Der Jezirahkommentar gehört demnach Saadias zweitem Lebensabschnitte an224. Saadia traf in Sura im Monat Ijar 1239 Sel. = 928 ein (nach Scherira), und, da er diesen Kommentar bereits in den Emunot zitiert (verf. 934), so ist er geschrieben 928-34. Man kann die Zeit vielleicht noch näher einschränken.

9. Es hängt mit dem Streit zusammen, den Saadia wider seinen Willen mit dem Exilarchen David ben Sakkaï hatte. Der Verlauf dieses Streites hatte mehrere Wendungen. Wenn Abraham ben Daûd aufstellt, Saadia habe wegen der Streitigkeiten sich sieben Jahre im Verborgenen gehalten: 'ז ומכ הידעס 'ר אבחנ םינש, so ist das falsch. Scherira läßt die Zeit unbestimmt: םינש המכ הידעס 'ר רמ אבחנ; die sieben Jahre beziehen sich auf die Dauer des ganzen Streites, wie Nathan Babli genauer angibt: 'ז דע םהיניב תקולחמה הקזחתנו םינש. Innerhalb dieser sieben Jahre hat sich aber Saadia noch immer einige Jahre behauptet, wie aus folgenden Daten hervorgeht. Zwei Jahre nach Saadias Berufung brach der Streit aus (nach Scherira): ביתואו ןינש 'ב אתביתמ (הידעס), also im Laufe des Jahres 930. Obwohl der Exilarch ihn seines Amtes entsetzte, so unterlag er doch nicht; [529] denn er wurde von angesehenen und einflußreichen Juden Bagdads unterstützt (Nathan): (הבישיה 1.) תובישיה ידימלתו לבב ירישע לכו םנוממ חכב ותוא רוזעל הידעס 'ר םע ויה םוקמה יבושחו ויצעויו וירשו ךלמה לצא םינפ תרבסהו. Dasselbe berichtet Maßudi (bei de Sacy, Chrestomathie arabe, I, 350): »Über einen großen Teil der angesehenen und gelehrten Männer der Juden war Saadia Oberhaupt, und sie gehorchten ihm«: ןמ) םהניב אמ םלעלאו לצפלא להאו הילא אודאקנאו םהנמ ריתכ ילע ימויפלא סארתו (דוהילא. Er war daher imstande, als Gegen-Exilarchen den Hassan-Josia, den Bruder Davids, aufzustellen, der von Saadias Partei gehalten wurde. Maßudi, als Zeitgenosse, kennt den Streit genau. Er berichtet, daß der Zwist zwischen Saadia und David ben Sakkaï zur Zeit des Kalifen Almuktadir ausgebrochen ist, und daß Saadia seinem Gegner Widerstand geleistet: הל תנאכו ץרתעאו יכז ןב דואד תולאגלא סאר עמ קארעלאב ץצק (דיעסל) רדתקמלא הפאלכ יפ ךלדו הילע. Ferner berichtet er, daß die Juden deswegen in Parteien auseinandergingen. אהלגאל דוהילא ןמ (םוק) בזחתו; und endlich, daß die Parteien ihre Streitsache vor den Wesir Ali ben Isa und in einer Sitzung mit anderen Wesiren und Richtern brachten: ןמ הריגו יסיע ןב ילע ריזולא סלגמ יפ אורצחו האצקלאו ארזולא. Diese Gerichtssitzung kann aber nur zwischen 930 und 932 stattgefunden haben. Denn im Jahre 928 wurde Ali ben Isa abgesetzt und verhaftet (Weil, Kalifen, II, S. 558 f.) und gelangte erst wieder zu Ansehen im Jahre 930 (das. 586). Im Oktober des Jahres 932 wurde der Kalife Almuktadir ermordet. Bis zu Almuktadirs Tod hat sich also Saadia behauptet; denn Nathan Babli referiert sehr genau: Der Gegen-Exilarch Hassan-Josia hat sich drei Jahre gehalten: תמו םינש 'ג (והישאי אוהד דוד יחא ןסח) גהנו225. Folglich hat sich Saadia ebenso lange behauptet. Die Verbannung Hassans nach Chorasan, d.h. das Unterliegen der saadianischen Partei, erfolgte also erst drei Jahre nach dem Beginne des Streites. Es ging demnach von Muktadirs Nachfolger aus, dem schäbigen, habgierigen und verworfenen Kalifen Alkahir. Während dessen ganzer Regierungszeit unterlag Saadia. Denn Alkahir regierte vom November 932 bis April 934, und wenn man von den sieben Jahren, der Dauer des Streites, die drei abzieht, in welchen sich Saadia behaupten konnte, so fallen von den vier Jahren der Amtsentsetzung, zwei unter Alkahirs und zwei unter Alradhis Kalifat. Die Versöhnung fand nämlich statt 936 (nach Nathan). Es ergeben sich daraus folgende chronologische Data: 928-30 Saadia in unbestrittener Funktion des Gaonats, 930-32 oder 33 mit dem Gegen-Gaon Joseph Bar-Satia und 932 (3) – außeramtlicher Tätigkeit.

10. Die religionsphilosophische Schrift Emunot verfaßte Saadia im Weltjahr 4693: לבקי ךיא רמאי ילואו הנש ג"צרתו םיפלא 'ד םא יכ םלועל ןיא יכ לכשה (I, 5 nach der richtigen Lesart des de Rossischen Kodex Nr. 83; in unseren Editionen falsch ג"לרת). Da nun Saadia die Aera mundi ein Jahr später ansetzt (o. S. 527), so fällt die Abfassung ins Jahr 934, d.h. während seiner Amtsentsetzung226. Dieses Werk verfaßte er sicherlich in Bagdad. [530] Diese Stadt hatte er im Sinne, wenn er aufstellt (in der Einleitung): ץראה ימע םירבוס רשאכ רישעיש ודוה ץרא לא ךלוהש ימ לכ יכ תאזה ריעבש. Daß Saadia in Bagdad war und dort eine Sonnenfinsternis beobachtet hat, sagt uns Ibn-Esra in seinem תרגא תבשה (C. III.): תורדק עגרב האר יכ רמאש ןואגה העט ןכ לע דלומה תעב היה אל דאדגבב שמשה. Es ist vielleicht die allgemeine Sonnenfinsternis vom Jahre 934 am 16. April, Mittwoch 4 Uhr 30 Minuten (im Verzeichnis der in den Geschichtsbüchern angemerkten Sonn- und Mondfinsternisse). Man sieht daraus, daß von einem Leben im Verstecke keine Rede sein kann. Saadia hält sich während seiner Absetzung in Bagdad auf, von seinen Freunden geschützt. Sonst wäre auch Nathans Relation unverständlich, daß die Versöhnung dadurch erfolgte, daß ein Mann, der einen Prozeß hatte, Saadia zum Schiedsrichter gewählt hat. Wie konnte Saadia gewählt werden, wenn er sich in einem Versteck aufgehalten haben sollte? Was Abraham ben Daûd erzählt, Saadia habe seine sämtlichen Schriften im Verstecke verfaßt, beschränkt sich darauf, daß er die Emunot in Bagdad geschrieben hat, vielleicht auch etwas früher, im Jahre 933, seinen Kommentar zu Jezirah. – Nach Munk (Notice sur Saadia p. 16) lautete der arabische Titel der Emunot: תאנאמאלא באתכ תאדאקתעאלאו. Der Titel scheint aber nach Mohammed Ibn-Ischak anders gelautet zu haben. Derselbe zählt nämlich unter Saadias Schriften auch eine unter dem Titel auf (bei de Sacy ibid. 357): והו לאתמאלא באתכ תאלאקמ רשע, d.h. Schrift der Beweise und das sind zehn Abschnitte. Gerade so viel Abschnitte haben aber die Emunot. Folglich lautete der Titel לאתמאלא »argumenta«227.

11. Das יולגה רפס, das Abraham ben Daûd zitiert und von dem Abraham ben Chijja (in הלגמה תלגמ) aussagt, Saadia habe darin die messianische Zeit berechnet (Einleitung zu dessen רובעה 'ס p. X.), hat Saadia später als die Emunot verfaßt. Denn bei Gelegenheit, wo er die Messiaszeit berührt (Abschn. VIII.) beruft er sich nicht darauf228.

12. Die Schriften, für welche sich kein chronologischer Anhaltspunkt geben läßt, sind folgende:

a) Eine Übersetzung der Mischnah ins Arabische mit einem Kommentar. Daß Saadia die Mischnah übersetzt hat, erfahren wir aus einer Notiz des Touristen R' Petachja aus Regensburg (um 1180). Er berichtet in seinem בובס: In Irak bedienten sich zu seiner Zeit die Kundigen der Erklärung Saadias zur ganzen heiligen Schrift und zur Mischnah: םידמול לבב ץראבו םירדס הששמו הירקה לכמ השעש הידעס 'ר שוריפ229. Da wir nun wissen, daß Saadias Erklärung und Übersetzung der Bibel in arabischer Sprache vorhanden war, so war wohl die zu Mischnah ebenfalls eine Version. Mohammed Ibn-Ischak scheint ebenfalls von dieser Mischnahübersetzung zu sprechen, indem [531] er unter Saadias Schriften eine mit folgenden Worten aufzählt: חרשמ הארותלא ןמ תלאתלא רפסלא ריספת באתכ. Wörtlich: »Die Übersetzung des dritten Teiles des jüdischen Gesetzbuches von der anderen Hälfte der Thora mit Erklärung.« In dieser Fassung hat der Satz allerdings keinen Sinn. Man muß vielleicht ןאתלא statt תלאתלא emendieren, und der Satz würde dann heißen: »Die Übersetzung des zweiten Gesetzbuches, nämlich von der anderen Hälfte der Thora oder des Judentums.« Der Pentateuch – dessen Übersetzung von Saadia Mohammed ben Ischak erwähnt hat: הארותלא ריספת חרש אלב אקסנ – bildet den einen Teil der Thora im weiteren Sinne oder das Judentum, und die Mischnah oder das traditionelle Gesetz des ןאת רפס bildet den anderen Teil desselben. Das Wort חרשמ sagt aus, daß die Übersetzung von einer Erklärung begleitet war230.

b) Eine Hodegetik zum Talmud: דומלתה יכרד, zitiert von dem Sammler Bezalel Aschkenasi (vgl. Ausulaï Schem ha-Gedolim ed. Ben-Jacob, T. II. b. 16, Nr. 59)231.

c) Mehrere talmudische Abhandlungen über zivil-und eherechtliche Themata. Bekannt sind: α) 'ס תורטשה, das schon Scherira erwähnt (Resp. Gaonim קדצ ירעש 17 b, Nr. 11 und wohl auch 15 b, Nr 30: הידעס 'ר ונינודא ירפסב ונאצמו über Scheidebrief)232. β) ןודקפה 'ס,233 zitiert von Meïr: Einleitung zu Abot ed. Stern p. 17: ורבחש ןודקפה רפסב ל"ז הידעס 'רמ ינלבק ןכו םירחוס םלכ ויה איהה ריעה היהו וריעב ןייד הנמתנש דחאל םהיתונודקפ ינינעב דימת םיקולח ויהו םנוממ הזל הז םידיקפמו ול ראבל ומע לדתשהו םימעפב ךובנ ןיידה ותוא היהו םיטטוקתמו ןודקפה יניד. γ) Handschriftlich in der Bodleiana liegt ein Werk Saadias über Erbschaft: באתכ תראומלא234. – δ) Eine Schrift über verbotene Ehegrade zitieren Karäer von ihm (bei Pinsker S. 174, Note 1)235. Ob Saadia auch ein besonderes Werk über Eide (תועובש יניד) verfaßt hat, wie Rapoport behauptet (Biographie Note 20), ist nicht sicher. Das Zitat von Isaak Albarǵaloni spricht nicht von einer Schrift Saadias. Ob die םינוקת und תועובש ירעש in Versen, in einem Parmensischen Kodex (Dukes, Nachal Kedumim, S. 2) Saadia angehören, ist zweifelhaft236. Die talmudisch-juridischen Schriften hat er wohl in Irak oder Bagdad verfaßt, nachdem er sich praktisch mit der talmudischen Jurisprudenz beschäftigt hat.

[532] d) Eine liturgische Agende in arabischer Sprache הידעס 'ר רודס, handschriftlich in der Bodleiana. Er gibt darin Gebete und Pijutstücke an. Seine eigenen liturgischen Kompositionen sind ebenfalls darin enthalten (vgl. darüber Frankels Monatsschr. Jahrg. 1859, S. 407). Mohammed Ibn-Ischak nennt diese arabisch geschriebene Agende Saadias: תאולצלא המאקא באתכ עיארשלאו (l.c.) »Einleitung237 zu den Gebeten und Gesetze« (darüber). Diese Agende scheint er in Babylonien zusammengestellt zu haben, da sie vom babylonischen Ritus genaue Kunde gibt238.

e) רובעה רפס über Kalenderberechnung. Auch dieses Werk kennt Mohammed ben Ischak unter dem Titel: ךיראתלא והו רובעלא באתכ239; es scheint also ebenfalls in arabischer Sprache verfaßt gewesen zu sein, wie denn überhaupt der größte Teil seiner literarischen Produktionen arabisch war. Nach Luzzattos Untersuchung (Orient. Jahrg. 1851, p. 101 f.) ist Saadia der Erfinder des Verfahrens, die jüdische Kalenderberechnung durch Annahme von sieben verschiedenen Jahresformen zu erleichtern. הידעס ברד םירעש 'ז ןואג240. Wahrscheinlich war dieses Verfahren in dem רובעלא באתכ auseinandergesetzt.

f) רשא ןב לע תובושת. Daß er gegen einen der Begründer der Massora polemisiert hat, erfahren wir aus einem Zitat bei Dunasch ben Labrat in seinen Angriffen auf Saadias Exegese bei der Etymologie des Wortes תויפלת. Saadia behauptet das ת gehöre zum Stamme; Dunaschs Worte lauten: רשא ותה (הידעס) השעו ףלת :רמאו רשא ןב לע בישהש יפל הרקיעמ אוה יכ תויפלתב תותואה ףלת. Über Ben-Ascher (s. weiter Note 23, II. – f.).

g) אטוז ןב לע תובושת, von Ibn-Esra zitiert (s.o. S. 528).


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Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 523-533.
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Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

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Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

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