8. Die Beteiligung der Juden an Chosraus II. Kriegszug gegen Palästina.

[413] Mehrere voneinander unabhängige Chronographen erzählen, daß die Juden sich dem persischen Heere Chosraus II. angeschlossen und zur Niedermetzelung der palästinensischen Christen beigetragen haben, nur weichen sie bei Angabe der Umstände voneinander ab. Eutychius (Ibn-Batrik) erzählt: Als der persische Feldherr Chawarsijah (היזרוח) Damaskus eingenommen hatte und auf Jerusalem losging, sammelten sich zu ihm die Juden von Tiberias, den Bergen Galiläas, von Nazareth und der Umgegend und waren den Persern behilflich bei der Zerstörung der Kirchen und dem Gemetzel an den Christen: ןוניעי (דוהילא) ונאכפ יראצנלא להקו סאנכלא בארח ילע סרפלא (annales II, 213). Weiterhin hebt derselbe noch einmal hervor, daß die Juden samt den Persern (סרפלא עמ) eine unzählige Menge Christen in Jerusalem getötet haben. An einer anderen Stelle (243) teilt Eutychius den racheschnaubenden Bericht der Mönche an den Kaiser Heraklius mit. Dieser lautete: die Juden hätten noch mehr Christen erschlagen als die Perser: ןידלא םה (דוהילא) םהנאו םרפלא ןמ רתכא יראצנלא לתק. Ziehen wir die Übertreibung der Mönche ab, so bleibt doch übrig, daß die Juden mit den Persern gemeinschaftlich die Christen in Judäa bekämpften. Dagegen hat Theophanes zwei Berichte zusammengeschweißt, um die Juden in ein gehässiges Licht zu stellen. Einmal erzählt er: die Perser hätten, wie einige meinen, 90 000 Christen durch die Hand der Juden erschlagen, und gleich darauf: »Denn sie (die Juden) haben die Christen gekauft und getötet (Chronographia I, 463 καὶ πολλοὺς ἀπέκτειναν (οἱ Πέρσαι) διὰ χειρὸς τῶν [413] Ἰουδαίων, ὡς φασί τινες, μυριάδας ἐννέα, αὐτοὶ γὰρ ὠνούμενοι τοὺς Χριστιανοὺς καϑὰ ἠμπόρει ἕκαστος ἀπέκτεινεν αὐτούς. Die beiden Sätze widersprechen einander. Der erste gehört aber einer syrischen oder syraistischen Quelle an, wahrscheinlich Malalas, der öfter die syrische Redensart hat: διὰ χειρὸς.

Barhebräus Abulfaraǵ hat ebenfalls die Zahl der 90 000 getöteten Christen in Jerusalem, aber er läßt sie nicht von den Juden, und auch nicht durch dieselben, sondern von dem persischen Feldherrn Schaharabara umbringen. Er hat auch einen glaubwürdigen Zug von dem freundschaftlichen Verhältnisse zwischen den Juden Palästinas und den erobernden Persern. Er referiert: »Zuerst haben die Perser einen Friedens- (oder Freundschafts-) Vertrag mit den Juden gemacht, zuletzt haben sie auch diese nach Persien exiliert« (Chronicon Syriacum. syrischer Text, p. 96): אתש רתב אשנינב איפלא ןיעשת הב לטקו םלשרואל (ארברהש) השבכ וולג ןוהל ףא אטיא (אייסרפ) ודבע אמלש אידויל אמדקבו סרפל תאינלכ. Ist schon die Zahl der in Jerusalem allein Umgekommenen übertrieben, so ist es noch ungerechter, sie sämtlich auf Rechnung der Juden zu setzen. Wir wollen daraus nur das Faktum herausheben, daß die Juden sich den Persern bei der Eroberung Palästinas angeschlossen haben, ihrem Heere gefolgt sind und bei der Belagerung Jerusalems tätig waren.

Der Herd der kriegerischen Bewegung der Juden gegen die Christen scheint Tiberias gewesen zu sein, und die Seele derselben ein reicher Jude Benjamin. Dieser wird als der größte Feind der Christen Palästinas dargestellt (Theophanes, Chronographia I. 504): ἐλϑόντι δὲ αυτῷ Ἡρακλείῳ ἐν Τιβεριάδι κατƞγόρƞσαν οἱ Χριστιανοῖ Βενιαμίν τινα ὀνόματι, ὡς κακοποιοῠντα αὐτούς. ἦν γὰρ ἐνούσιος σφόδρα καὶ ὑπεδέξατο τὸν βασιλέα καὶ τὸν στρατὸν αὐτοῠ. Heraklius fragte Benjamin, warum er feindselig gegen die Christen gehandelt: διὰ ποίαν αἰτίαν κακοποιεῖς τοὺς Χριστιανούς; er antwortete: ὡς ἐχϑροὺς τῆς πίστεώς μου. War Tiberias Mittelpunkt, so erklärt es sich, warum Eutychius die Juden von Tiberias zuerst nennt unter denen welche sich dem persischen Feldherrn angeschlossen haben.

Indessen ist noch ein Punkt zu erledigen. Wenn die Juden gemeinschaftliche Sache mit den Persern gemacht haben, wie kommt es, daß der Hauptagitator Benjamin den Kaiser und sein Heer so freigebig bewirtet hat, wie Theophanes erzählt? Wie kommt es ferner, daß, wie Barhebräus tradiert, die Perser die Juden Palästinas nach Persien exiliert haben, da sie doch deren Bundesgenossen waren? Endlich wird die Schwierigkeit noch größer, wenn wir Eutychius' Bericht hinzuziehen, daß Heraklius mit den Juden ein vollständiges Bündnis, einen schriftlichen Vertrag, geschlossen hat. Die Worte desselben lauten, nach Pocockes lateinischer Übersetzung (Annales II, 340): Cumque Tiberiadem pervenisset (Heraclius), egressi ad ipsum Judaei Tiberiadis incolae, nec non regionis Galilaeae ... et Nazarethi ... cum muneribus, fausta comprecantes, rogantes ut securitatem ipsis concederet, quam concessit, foedusque cum ipsis literis obsignavit (אדהע ךלדכ םהל בתכו). Zwar stellt Eutychius das Sachverhältnis so dar, daß Heraklius erst bei seinem Eintreffen in Tiberias auf seinem Triumphzuge nach Jerusalem, nach seinem Siege über die Perser, mit den Juden ein Bündnis schloß, und man könnte es so fassen, [414] daß er ihnen Amnestie für ihre Empörung bewilligt hat. Allein dem widerspricht Eutychius selbst. Er erzählt nämlich: Als Heraklius in Jerusalem eintraf, traten die Mönche als Ankläger der Juden auf wegen deren Gemetzel an den Christen und Zerstörung der Kirchen und verlangten die Vertilgung der Juden. Als sich aber Heraklius auf sein Bündnis mit den Juden berief und den Wortbruch von sich wies, entgegneten die Mönche: Christus werde ihm die Ausrottung der Juden als Verdienst anrechnen, und, was die Menschen betrifft, so werden sie ihn damit entschuldigen, daß er zur Zeit, als er das Bündnis mit den Juden geschlossen, von ihren Untaten an den Christen noch nichts gewußt habe: excusatum etiam te habebunt homines, quod cum tibi obviam egressi muneribus te exceperint (Judaei), quod dolo ab ipsis factum, et ad culpam, quam commiserant, amoliendam. Hat also Heraklius von der Beteiligung der Juden an der Demütigung der Christen nichts gewußt, so war der Vertrag nicht ein Amnestiebrief, sondern ein freies Bündnis inter pares. Indessen ist es unglaublich, daß das, was alle Welt wußte, Heraklius unbekannt geblieben sein soll. Heraklius zieht nach Jerusalem mit dem Kreuzesholze, das die Perser früher in Jerusalem bei der Belagerung geraubt hatten, woran sich die Juden beteiligt hatten, und er soll mit ihnen ein Bündnis geschlossen haben, im Wahne, die Juden hätten sich während der vierzehnjährigen Okkupation neutral verhalten? Das ist ganz unmöglich.

Man müßte also annehmen, daß Eutychius' Bericht von dem Bündnisse des Kaisers Heraklius mit den Juden erfunden ist. Aber dagegen sprechen wieder zwei Umstände. Einmal, daß Theophanes selbst darauf hinweist in der Erzählung, daß Benjamin von Tiberias den Kaiser und sein Heer verpflegt hat. Dann beruht Eutychius' Referat auf einer faktischen Tradition. Denn infolge des Treubruches des Kaisers gegen die Juden haben die Christen von Jerusalem eine neue Fastenwoche zur Büßung der scheinbaren Sünde (nach ihrem Sinne) eingeführt. Dtese Fasten, welche Herakliusfasten hieß (לקרח םוצ), wurde, wie Eutychius erzählt, bis in seine Zeit von den koptischen Christen beobachtet. Primam ergo jejunii septimanam ... jejunium absolutum statuerunt, in qua Heraclii gratia jejunarent ... quo remitteretur ipsi foederis sui violatio et Judaeorum caedes ... ab ovorum, casei et piscium esu in eadem abstinentes, eaque de re in omnes regiones literas scripserunt. Ac Aegypti Cophitae in hunc usque diem jejunium illud observant (das. 247). Eine solche Tradition, welche auf einem alljährlich sich wiederholenden Ritus beruht, ist ihrer Natur nach echt historisch. Ist es demnach unzweifelhaft, daß Heraklius mit den Juden Palästinas ein Bündnis geschlossen hat, so kann es nicht aus Unkenntnis ihrer Beteiligung an dem Kriege gegen die Christen geschehen sein. Die Schwierigkeiten löst aber Barhebräus' Bericht: Die Perser haben zuerst mit den Juden Frieden gemacht und später auch sie exiliert. Es muß also innerhalb der 14 jährigen Okkupation Palästinas von seiten der Perser eine Sinnesänderung vorgegangen sein. Die Perser verfuhren feindlich gegen die Juden, das war Grund genug, um die Juden zu veranlassen, sich von ihnen, von denen sie so viel erwartet haben mochten, loszusagen und sich wieder dem Kaiser Heraklius zuzuwenden. Heraklius, der an vielen Punkten mit den Persern zu kämpfen hatte und sich überall nach Bundesgenossen [415] umsah, mochte froh sein, daß er die Juden von seinen Feinden abzog und sie in deren Feinde verwandelte. Das scheint mir die einzig mögliche Lösung zu sein, welche sämtlichen Berichten über dieses Faktum gerecht wird.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 413-416.
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